Aufmunterung

„Denn wenn das Glück es so fügt: daß ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muß) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemäß der Idee des Völkerrecht zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.“

(Immanuel Kant. Zum ewigen Frieden. 1795)

Ganz kann ich es doch nicht lassen, mit Rechten zu reden. Einen Blumentopf kann man da nicht gewinnen, aber hin und wieder gelingt es in diesen „Gesprächen“ doch freizulegen, wessen Geistes Kind sie sind. Oder genauer: wessen Geistes Kind sie nicht sind. Wer kommt bei ihnen nicht vor, um wen machen sie einen Bogen bei ihren meist wortreichen Begründungen für einen neuen Faschismus? Kant gehört jedenfalls definitiv nicht zu ihren Heroen. Verständlich: hat er doch dem Faschismus alle Argumente entzogen, bevor der überhaupt in die Welt kam.

Ich muss gestehen, von seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ hatte ich schon gehört, wahrscheinlich zuletzt im Schulunterricht? Dass aber das Leitmotiv für die EU aus seiner Feder stammt, war mir so nicht mehr bewusst. Was für eine schöne Aufmunterung für den heutigen Tag! Und glasklare Orientierung, um was es auch künftig gehen muss.

Blöde Blauäugigkeit

Es sei die Lebenslüge des Bürgertums, dass die Weimarer Republik durch den „Zangengriff“ der Radikalen zugrunde gegangen sei, in Wirklichkeit habe der „Extremismus der ‚demokratischen Mitte‘ und der Verrat des Bürgertums die Nazis stark gemacht„, sagt Claus Leggewie heute in der Süddeutschen (SZ Nr. 36/2020, S. 15). Er warnt zwar davor, allzusehr auf Parallelen zu den frühen 1930er Jahren herumzureiten, aber die blöde Blauäugigkeit [sic!] mit der in Thüringen agiert wurde, lässt einfach jeden erschauern, der einigermaßen in Geschichte zugehört hat. Weiter sagt er:

Die AfD hat in Thüringen gezeigt, was sie im Schilde führt: die parlamentarische Demokratie entgleisen zu lassen und sie gewissermaßen sturmreif zu schießen für eine neue Art von Volksdemokratie. Die AfD-Kader planen den Anschlag auf die Demokratie […], sie pflegen einen paranoiden Politikstil, und die Grenzen zum Terror sind dabei fließend.

Gauland hat heute, bei der aktuellen Stunde zum Thema im Bundestag, wieder Zeugnis davon abgelegt, dass ihn Geschichte nicht interessiert, sonst hätte er die Gelegenheit genutzt, sich öffentlich von seinem Sprecher-Kollegen im Europaparlament zu distanzieren, nachdem Paul Ziemiak ihm dafür eine Steilvorlage gegeben hatte. Legt die AfD nicht ständig Wert darauf, als Bewahrer des Judentums in Deutschland gesehen zu werden? Gauland plappert von (s)einer angeblich demokratischen Partei, agiert aber, in Anlehnung an Höcke, als Faschist. Mit grobem Vorsatz – s. dazu auch Chaos, abgesagt?

Trennungsschmerz

nach Personalentscheidungen ist nichts, was man der CDU nachsagen könnte. Umso ausgeprägter ist der Trennungsschmerz, wenn es um ein überkommenes Weltbild der Nachkriegszeit geht. So groß, dass weite Teile der Partei sich weigern, in der Gegenwart anzukommen. Fast mutet es nun an, als habe das Intermezzo AKK nie stattgefunden und mein Beitrag von vor über einem Jahr zum Thema Friedrich Merz ist sozusagen immer noch taufrisch. Weiterlesen „Trennungsschmerz“

Chaos, abgesagt?

Herr Lindner, hinter welchem Mond haben Sie in letzter Zeit abgehangen? Sie haben sich „in der AfD getäuscht, die nur zum Schein einen Kandidaten aufgestellt“ habe. – Ist das nicht putzig? Willkommen in der Wirklichkeit! Hatten Sie angenommen, die AfD sei an einer konstruktiven Politik interessiert, wolle einen Beitrag leisten zur Stärkung unserer Demokratie, zur Stabilisierung oder Befriedung der Gesellschaft? Darf man vom Bundesvorsitzenden einer Partei mit derart hohen Ansprüchen nicht etwas mehr Vorbildung erwarten?

Lynx ist nicht halb so gebildet, aber liest immer neugierig. Gestern habe ich darauf hingewiesen, wie Hannah Arendt die Rolle des Mobs bei der Installierung totalitärer Systeme analysiert hat. Der Mob ist das willige Personal, das Chaos jedoch ist das Mittel, dessen man sich bedient, um eine herrschende Ordnung zu untergraben und ins Wanken zu bringen. Weiterlesen „Chaos, abgesagt?“

Der Mob

Ist noch jemand aufgefallen, wie sehr Höcke versucht, sich Hitlers Physiognomie anzueignen? Nicht nur die schmierige Schmalzlocke in der Stirn, auch der hündisch-unterwürfige Blick und die Oberkörperhaltung, als er Kemmerich die Hand reicht, hat konkrete Vorbilder. Ramelow hat schon recht, wenn er hier Parallelen zieht. Doch wir hatten die A-Seite von Hitler schon, wir brauchen definitiv keine B-Seite mehr.

Es fällt mir schwer, eigene Worte für die Bodenlosigkeit dessen, was in Erfurt passiert ist, zu finden. Einmal mehr Respekt für die Kanzlerin, die mit dem Wort „unverzeihlich“ direkt in die tiefe Wunde getroffen hat. Und damit möglicherweise, ob willentlich oder nicht, der FDP den Garaus macht. Sind das dort eigentlich nur noch Leichtmatrosen? Doch auch aus der CDU scheint jedes Mark gewichen zu sein.

In Ermangelung eigener Worte greife ich zurück auf Hannah Arendt bzw. die so kurze wie instruierende Einführung zu ihrem Werk von Annette Vowinckel (1). Arendt hat lucide und ihrer Zeit weit voraus gesehen, was uns noch zu schaffen machen wird. Und wie immer existieren die Muster in der Geschichte. In ihrem grundlegenden Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955) spielt der Begriff des Mobs eine zentrale Rolle. Vowinckel fasst Arendts Terminologie wie folgt zusammen: Der europäische Mob des 19.und frühen 20.Jahrhunderts setzte sich aus den »Deklassierten aller Klassen« zusammen, aus Abenteurern, Kriminellen, gelangweilten Adligen et cetera. Von der unstrukturierten Masse unterschied er sich durch sein politisches Engagement (zum Beispiel in den Antisemitenparteien des 19.Jahrhunderts), das von rassistischen Ideen geprägt war, die Überlegenheit der Europäer gegenüber Schwarzen und Juden propagierte und sich vor allem im Zuge der imperialistischen Expansion entfaltete. (1)

Die „Deklassierten aller Klassen“, gelangweilte Adelige eingeschlossen. Da hat es bei mir geklingelt: wie zutreffend beschreibt dies die Zusammenrottung, die in der AfD passiert. Der Mob war, nach Arendt, die gesellschaftliche Basis für die Umwandlung einer strukturierten Klassengesellschaft in eine durchmanipulierte Massengesellschaft, in der Hitler und Stalin ihre totalitären Systeme installiert haben. Bis vor Kurzem kannten wir das nicht, waren das Botschaften aus einer zurückliegenden Zeit. Fast über Nacht ist das alles sehr aktuell geworden. Es hat in Übersee begonnen und suppt nun allmählich herein. Seien wir auf der Hut.


Literatur: (1) Vowinckel, Annette. 2015. Hannah Arendt. Reclam.
Bildrechte: Deutschlandfunk, verändert

2020.035 | Winterreise

Das Setting war perfekt: den ganzen Tag hat es schon reichlich geregnet, ein nasskalt triefender Tag, wie ich ihn für meine Freunde, die Bäume, schon lange herbeigesehnt hatte. In der Nacht zog dann noch kräftiger Sturm auf und pfiff in scharfen Böen ums Haus. Zwischendrin begaben wir uns in die „Winterreise“, Franz Schuberts Liederzyklus nach den Gedichten von Wilhelm Müller, vor fast 200 Jahren entstanden und eines von Schuberts letzten Werken, bevor er 31-jährig verstarb. „Schauerliche“ Lieder seien das, soll Schubert selber gesagt haben: Müllers Gedichte handeln von Wind und Wetter, der Einsamkeit des verstoßenen Wanderers, von Schmerz, Verlassenheit, Verzweiflung und Tod. Durch und durch also ein romantischer Stoff, schon die beiden ersten Verse setzen die Grundstimmung: Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh’ ich wieder aus.

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Das Konzert im Prinzregententheater gestalteten Andrè Schuen (Bariton) und Daniel Heide (Klavier) und der stürmische Beifall am Ende belegte, dass sie wohl einiges richtig gemacht hatten. Heides Klavierbegleitung erscheint mir wirklich über alle Zweifel erhaben. Jedem einzelnen Lied hat Schubert ein unverwechselbares musikalisches Thema, eine Färbung mitgegeben, so dass ich mir manchmal dachte, ich würde das gerne ohne Gesang hören, so eindringlich erzählerisch ist diese Musik. Fast zu leichtfüßig wandelte Heide durch das schwermütige Terrain, schuf ein lebendiges Fundament für Schuens Singen. Sein Bariton ist wunderbar warm und weich, rund und sanft, je leiser er wird, desto mehr trägt diese Stimme. Dennoch werde ich nicht ganz „warm“ mit seiner Interpretation, weil ich das Gefühl habe, dass diese „schauerlichen“ Lieder etwas mehr Schärfe vertragen könnten. Wenn es heißt „Der Rasen sieht so blaß.“, dann wünsche ich mir ein schneidendes „ssss“ am Ende, dass das Ausbleichen spürbar wird, das Entweichen der Farbe – das Deutsche ist eine lautmalerische Sprache (mit grauenhafter Grammatik). Bei Schuen verblasst das „blaß“ in ein gehauchtes „s“, rund und wohlgeformt. Wie man das als Sänger wohl lernt: die Sprache soll im Gesang nicht so herumzischen und nicht den Wohlklang des Tones stören. Doch muss das hier und immer so sein? Wahrscheinlich habe ich eine zu naturalistische Vorstellung – und zu wenig Ahnung von Musik.

Es war also sehr viel Wohlklang an diesem Abend, große musikalische Präzision mit etwas Hang zur Behaglichkeit. Weniger Winterreise, mehr Gartensaal. Dieser im Jugendstil 1901 entstandene Foyerbereich des Prinzregententheaters mit seiner ausgemalten gewölbten Decke ist einzigartig. Über den Köpfen der Gäste wuchert ein exotischer Wald, viel Eukalyptus dabei, bevölkert von tropischen Vögeln. Ewiger Sommer. Das passt irgendwie besser nach München, weshalb eine „Winterreise“ vielleicht auch nicht zu sperrig sein darf. Es war jedenfalls auch jüngeres Publikum im Konzert und die gaben ihrem Entzücken lautstark und anhaltend Ausdruck, was manch Älteren, der sich für den Besuch solcher Konzerte privilegiert fühlt, störte. Dabei ist es doch vor allem erfreulich, dass das Haus gerappelt voll war, für Liederabende nicht eben der Normalfall. Wie gesagt: Andrè Schuen und Daniel Heide haben das wohl richtig gemacht. Und wir zogen anschließend hinaus in die stürmische Nacht – „Es ist nichts als der Winter,/ Der Winter kalt und wild!“ – Mild und wild wäre heute treffender, aber das ist eine andere Geschichte.

Slowly but surely

Allen Ernstes dachte ich immer, die Formulierung „slowly but surely“ sei so richtig schlechtes Denglisch. Wenn man das mit schwäbischem Akzent ausspricht, dann kann man echt nicht glauben, dass diese allzu direkte Übersetzung von „langsam aber sicher“ als ordentliches Englisch durchgeht. Taylor Swift hat mich eines besseren belehrt: ob es heutzutage noch guter Stil ist, YouTube-Videos zu teilen, sei einmal dahingestellt. Aber ihr Auftritt beim NPR-Tiny-Desk ist aller Ehren wert.

Das aktuelle All-American-Girl naked: nur mit Gitarre und Klavier und ihren Liedern. Ob ihre Popmusik große Kunst ist, mögen andere entscheiden. Hier gibt es einen kleinen Einblick in die Werkstatt und der ist allemal spannender als die große Bühnenshow. Und der Tiny-Desk hat wieder einmal eine Sternstunde erlebt. This is one of my favourite corners of the internet. Sagt sie auch noch, aber diesen Satz hat sie definitiv von mir geklaut, das ist mein Mantra seit Jahren. Was für ein schönes Gegenprogramm zum heutigen Donald in Davos. (Und dass sie angeblich wegen ihrer astreinen Arierhaftigkeit von den Rechten hofiert wird, geht ihr einfach am Arsch vorbei). Not „All too Well“ but slowly but surely…

Dünne Wände

Dort , wo die Vierzehnte Straße die Third Avenue kreuzt, erkennt man sehr deutlich, worin sich diese Straße von der unterscheidet, die zu den französischen Restaurants in Midtown führt. […] die Unterschiede entlang der Third Avenue sind linear angesiedelt, sie betreffen das Nacheinander der verschiedenen Abschnitte dieser Straße; hier hingegen überlagern sich die Unterschiede an einem Ort. Zwar holen sich die alten Russen kaum Rat bei den spanischen Rechtsanwälten in den schmuddeligen Obergeschoßen der Gebäude an der Vierzehnten Straße, aber auf den gleichen staubigen Korridoren haben auch ihre eigenen Anwälte und Ärzte ihre Praxen. Die Spanier und die Russen, die sich hier mischen, sind nur durch dünne Trennwände voneinander geschieden. Hier entfaltet die Wahrnehmung des Gleichzeitigen ihre volle Kraft […] Diese Straße ist durch Überlagerungen geprägt. Diese Überlagerung von Unterschieden schafft das eigentliche humane Zentrum der Vierzehnten Straße…“ (Sennett 2009)

Seit bereits ewig erscheinenden Zeiten wohnen wir in einem Billigbau von 1960, aus einer Zeit, in der schnell viel Wohnraum erstellt wurde: für Facharbeiter in festen Anstellungen, für kleine Angestellte, für Flüchtlinge… Die Wände sind dünn, alltägliche Lebensäußerungen der Nachbarn gehören zur täglichen Geräuschkulisse. Es ist wie Dauerwohnen auf dem Campingplatz – Dauercamping. Es gab Zeiten, da war das aufreibend. Seit vielen Jahren hat es sich aber erfreulicherweise eingependelt, weil sich das Camping-Bewusstsein allgemein verbreitet hat. Grundgutmütigkeit und Rücksichtnahme, ein wenig Laissez-faire und ein wenig Selbstbeschränkung prägen das gut nachbarschaftliche Zusammenleben in der „Wahrnehmung der Gleichzeitigkeit“. Wenn der pubertierende Sohn drei Häuser weiter im Keller Schlagzeug übt, haben wir alle etwas davon, wie auch vom sonntagnachmittäglichen Kammermusikensemble ähnlich weit entfernt, ganz zu schweigen von den weinerlichen Popstar-Allüren des jungen Fußballgotts nebenan. Gewisse favelamäßige Tendenzen ein paar Häuser weiter sind immer wieder Grund zur Sorge, aber bislang hat sich auch das immer wieder ausgependelt. Die nächste Herausforderung wartet in Form eines wohl rumänischen Roma-Clans. Die Roma haben allerdings unterschätzt, dass sie die Bruchbude mitsamt dem Russen gekauft haben, der sich nun auch schon seit längerem unterm Dach eingenistet hat…

Richard Sennett, der US-amerikanische Soziologe und Großstadtergründer hat sich über lange Zeit Manhattan zu Fuß erschlossen. In seinem Buch „Civitas – die Großstadt und die Kultur des Unterschieds“ von 1990 hat er seine Eindrücke und Überlegungen zusammengefasst und versucht, ein Fundament zu finden, wie wir in einer immer heterogeneren Welt friedlich zusammenleben können. Den alltagsgeprägten, weitgehend ungeplanten Mikrokosmos der Vierzehnten Straße nimmt er dabei als eine Art Versuchslabor wahr. Wir leben ebenfalls in einem ähnlichen Versuchslabor, zwar nicht in Manhattan aber auf vermutlich weitgehend gleichem Kostenniveau (was damals, als wir herzogen, so nicht absehbar war). Seine entscheidende Wahrnehmung ist die der dünnen Wände: sie sind womöglich die Voraussetzung dafür, dass Zusammenleben gelingen, dass ein „humanes Zentrum“ entstehen kann. Die weitgehend schallisolierten Betonburgen der Gegenwart oder die in die Landschaft geschissenen Einzelhäuser auf Abstand dagegen befördern nur das, was sie bereits baulich vorwegnehmen: die Vereinzelung. Und damit den Verlust von Gemeinsinn.


Literatur: Sennett, Richard. 2009. Civitas. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag.
Bildnachweis: 14th Street Manhattan/NYC, GoogleMaps, verändert

Countless Blues

Beim Herumräumen heute eine CD-Edition mit Aufnahmen von Lester Young gefunden, die ich mir vor Jahren einmal gekauft und danach kaum beachtet hatte. Irgend so eine Kompilation aus alten Aufnahmen, die x-te Verwertung. Allerdings immerhin ein vergleichsweise aufwändiges Booklet dabei und präzise Angaben zu den einzelnen Aufnahmen, wer wann wo. Und siehe da, Altbekanntes dabei, gleich zu Anfang die großartigen Aufnahmen mit Count Basie von 1936: Shoe Shine Boy, Evenin’, Boogie Woogie, Lady Be Good, immerwährende Freude. Seit den lange zurückliegenden Abenden in Gesellschaft von Joachim Ernst Berendt in SWF 2. Einsame Abende, wie heute wieder. Gelegenheit für solche Musik.

Der Rest der Familie ist ausgeflogen und ich hocke hier, gar nicht mal unzufrieden, im vertrauten Biotop. Und habe festgestellt, dass in all den Jahren Count Basie keinen Eingang gefunden hat in mein Tagebuch. Dabei war er doch so wichtig, früher mehr als heute. Aber er wird immer dazugehören. Als das Suchen, Finden, Sammeln von CDs noch ein ernstzunehmender Zeitvertreib war, habe ich immer wieder einmal für eine Weile in der Jazzplatten-Abteilung vom Kaufhaus Beck vorbeigeschaut und mich durchgearbeitet. Das war einer der Orte, wo man so richtig glücklich sein konnte, in München zu leben. Vorbei. Obsolet. Jetzt war ich schon Jahre nicht mehr dort. Das Musikinteresse hat sich mehr und mehr vom klassischen Jazz fortbewegt und die Wunschmusik kommt mittlerweile jederzeit frei Haus. Mit dem guten alten Beck geht es sichtlich bergab, die Veränderung der Alltagswelt geht rasant vonstatten.

Da wirken diese Klänge und die Tatsache, in der Abendstille alleine am Schreibtisch zu sitzen, wie eine Zeit-Insel. Allerdings, im Gegensatz zu früher schreibe ich jetzt flott an meinem kleinen Hochleistungsnotebook, keine Papierkritzeleien mehr. Doch auch die Zeiten, in denen diese Musik entstand, waren rasant und turbulent, voll schmerzhafterer biographischer Spuren: I’ll never be the same, New York Juni 1937, mit Billie Holiday, läuft aktuell…

Der Abend ist fortgeschritten, die CD ist durch, ich habe auf meine Spotify-Favoriten umgestellt (John Prine & Co) und mache mich, seit längerem wieder einmal, daran, ein paar alte Tagebucheinträge ins digitale Zeitalter zu retten, die Stimmung ist danach. Alte Aufzeichnungen, schwankend zwischen Aufbruch und Agonie, Scheitern auf allerlei Ebenen. Die Hintergrundmusik bildet die Grundkonstante. Und in den Aufzeichnungen Grundtöne, die sich bis heute gehalten haben. Manchem bin ich über die Jahre näher gekommen, viel ist vernachlässigt. Der Kitsch in alten Tagebucheinträgen ist gelegentlich kaum auszuhalten und dann frage ich mich, wozu es gut sein soll, das auch noch abschreibenderweise zu konservieren. Dann werde ich wieder sentimental und bin dankbar, dass da noch Spuren zu finden sind. Die Dinge sind immer noch im Fluss. Wohin? – John Prine singt jetzt: Taking a Walk:

I’m taking a walk
I’m going outside
I’m watching the birds
I’m just getting by

Pappeln, fast ausgekämmt

Die Stadt wiedersehen, wo das Siegestor im Nebel näherrückte, das Siegestor, dessen Erzmedaillons die Marmorflanken schwärzten, weil über sie der Regen hundert Jahre lang herabgeflossen war. Dahinter regten sich die gelben Pappeln, schon fast ausgekämmt.

So beginnt der Roman Neue Zeit von Hermann Lenz, in dem er schildert, wie sein alter ego Eugen Rapp Nationalsozialismus und Weltkrieg erlebt, als Student in München, daheim in Stuttgart, als Frontsoldat in Frankreich und Russland, schließlich an der Mosel und als US-Kriegsgefangener im pazifischen Westen der USA. Wer sich interessiert dafür, wie man im größten Schlamassel ganz unheroisch „bei sich“ bleiben und es unter Wahrung der Menschenwürde durchstehen kann, der ist hier gut aufgehoben. Doch dies nur nebenbei. Denn eigentlich geht es aktuell um die Pappeln in der Leopoldstraße in München. Weiterlesen „Pappeln, fast ausgekämmt“