Schnee

Vermutlich waren wir heute alle draußen im Schnee. Über Nacht hat er das ganze Land zauberhaft gepudert und tagsüber hat es unverdrossen weitergeschneit, wenigstens im Süden. Beim Gang durch den Schnee haben wir Erinnerungen an vergangene Wintertage ausgetauscht, daraus entwickelten sich Gedanken zum Schnee und warum er uns so fasziniert oder gefangen nimmt.

Kommt er mit einigermaßen Masse, dann deckt er alles zu, es gibt fast nichts anderes mehr. Nur noch ein Thema: Schnee. Räumen, wegschaffen, rodeln, skifahren, Schneemann bauen, irgendwas machen mit Schnee. Die langweiligste Gegend wirkt veredelt vom glitzernd weißen Tuch, wir tauchen ein in eine völlig homogenisierte Umgebung, in der es nichts gibt als Schnee und die einzige Herausforderung darin besteht, mit dem Schnee klarzukommen. Alles andere ist zugedeckt, weggepackt, unwichtig. Was zählt, ist der Schnee. Die Freude am Schnee, die Arbeit mit dem Schnee. Endlich kann man sich konzentrieren auf ein Thema, keine Ablenkung mehr. Homogenisierung ist anziehend, weil entlastend. Sehr beliebt sind die „weißen Dinner“, nur weiß gekleidete Menschen, nicht dieses ewige Durcheinander an Farben, Stilen, persönlichen Ausdrücken, diese irre Vielfalt. Vielleicht empfinden viele deshalb Wintersport so anziehend und entlastend, eine ganz und gar monothematische Beschäftigung in ästhetisch stark reduzierter Umgebung – Vieles ist so viel einfacher, trotz der damit verbundenen körperlichen Anstrengungen. Die empfindet man als Herausforderung, darauf kann man sich ganz konzentrieren, weil sonst ist ja nur: Schnee.

Ob es Menschen gibt, denen es mit der Politik ähnlich geht wie mit dem Schnee? Dass sie den Wunsch verspüren, nach einer dominanten, klaren Ansage, die die Dinge vereinfacht und das ganze sonstige nervige Durcheinandergerede zudeckt, abwürgt? Es kann dann zwar anstrengend sein, das Alltagsleben zu bestreiten, aber man kann sich wenigstens ganz darauf konzentrieren und muss sich nicht ständig mit anderen Wirklichkeiten auseinandersetzen. Alle sitzen im Schnee, die Autorität gilt für alle, Schluss mit dem Geplappere. Sollen alle Schnee schippen und gut ist. So oder so ähnlich mag der Gedankengang aussehen.

In Vergessenheit gerät darüber, dass für uns der Reiz von Schnee darin liegt, dass er so episodisch ist, so vergänglich. Dass er rasch dahinschmilzt unter der erstarkenden Sonne – die nächsten Tage wird es schon wieder so weit sein. Dann wird es wieder matschig und fleckig und dreckig und durcheinander draußen. In den Pfützen keimt dann schon neues Leben. Wo immer nur Schnee ist, da ist kein Frühling, kein Sommer, kein Herbst – nur Winter. Homogenisierung ist keine Lösung und wider jede lebendige Natur.

Sponsored Post Learn from the experts: Create a successful blog with our brand new courseThe WordPress.com Blog

Are you new to blogging, and do you want step-by-step guidance on how to publish and grow your blog? Learn more about our new Blogging for Beginners course and get 50% off through December 10th.

WordPress.com is excited to announce our newest offering: a course just for beginning bloggers where you’ll learn everything you need to know about blogging from the most trusted experts in the industry. We have helped millions of blogs get up and running, we know what works, and we want you to to know everything we know. This course provides all the fundamental skills and inspiration you need to get your blog started, an interactive community forum, and content updated annually.

25th

Seitdem und bis zum heutigen Tage wurden mir die Schlangen lieb, denn eine schlang sich ihm um den Hals, als sage sie: ›Ich will nicht, daß du weitersprichst‹, und eine andere umwand die Arme und fesselte ihn, indem sie sich vorne verknotete, so daß er mit ihnen keinen Ruck mehr tun konnte.
(Dante Alighieri)

Der 25. Zusatz zur US-Verfassung regelt, dass der Vizepräsident zusammen mit dem Kabinett die Amtsunfähigkeit des Präsidenten feststellen kann und er ihn dann ablöst, auch gegen seinen Willen. Mike Pence möchte so weit nicht gehen, aus Angst um sein Leben und/oder weil er selbst vielleicht noch regulär Präsident werden möchte.

Im 25. Canto des Infernos ist Dante Alighieri bei seiner Bereisung der Hölle im Frühjahr 1300 fast schon am tiefsten Höllengrund angekommen, aber noch nicht ganz. Im siebten Graben des achten Höllenkreises treffen er und sein Scout Vergil auf die Räuber, die dort von Schlangen gequält und ausgelöscht werden. Im konkreten Fall zu Beginn des 25. Cantos verflucht ein Kirchenräuber aus Pistoia Gott auf unflätige Art und Weise, die Schlangen sind sogleich zur Stelle. (Pistoia war eine Konkurrentin von Dantes Heimatstadt Florenz und hatte sich dort politisch viele Feinde gemacht.)

Das scheint jetzt derzeit in den USA zu passieren. Die Schlange der Medienkonzerne verpasst dem noch amtierenden Präsidenten den (überfälligen) Maulkorb, zuletzt sogar Googles YouTube. Die andere Schlange ist das System der Gewaltenteilung: der Kongress (die Legislative) setzt vermutlich heute das zweite Impeachment in Gang, irgendwann, wahrscheinlich nach dem 20. Januar, werden hoffentlich die Gerichte übernehmen und am Schluss die Polizei bzw. die Gefängnisverwaltung als zuständige Vertreter der Exekutive – bis er so verknotet ist, dass er keinen Ruck mehr tun kann und in orangener Sträflingskleidung in Ketten geht (wie sich viele US-Bürger wünschen).

Die Botschaft von Canto 25 erscheint mir allerdings nicht so geradlinig, wie es scheint, sondern eben ganz schlangenmäßig verschlungen: im weiteren Verlauf schildert Dante verschiedene Metamorphosen, Verwandlungen, wo Schlange und Sünder auf vielfältige Weise ineinander verschmelzen, sich durchdringen, mit widerwärtigen Ergebnissen:

„Wenn du, Leser, dich jetzt weigerst zu glauben, was ich sage, dann ist das kein Wunder. Denn ich, der ich es gesehen habe, kann es mir selbst kaum zugeben. […] Zwei Wesen waren zu einem einzigen Gesicht vermischt; zwei Wesen, Mensch und Schlange, waren darin verloren. Aus vier Gliedern wurden zwei Arme; Schenkel und Beine, Bauch und Brustkorb wurden Glieder, wie man sie nie gesehen hat. Jedes ursprüngliche Aussehen war da vernichtet. Das verkehrte Bild war offenbar zwei und keines zugleich, und so schlich es davon, langsamen Schritts.“

Ist das eine Metapher für den gesamten politischen Betrieb, diese sprichwörtliche „Schlangengrube“? „Weiße Ritter“ gibt es dort nicht. Aber das ist Politik und sie geht vermutlich nicht anders. Das andere sind die offenkundigen Verbrechen, Diebstahl, Raub, Staatsverrat. Die bestrafen die Schlangen, unerbittlich. Hoffentlich.

Die abgebildete Grafik von William Blake hängt übrigens in der Nationalgalerie in Washington, nur wenige Schritte von Kapitol, Weißem Haus und Oberstem Gerichtshof entfernt.


Quellen:
Inferno, Canto 25 in: Alighieri, Dante (2011): Commedia. In deutscher Prosa von Kurt Flasch. 1. Aufl. Frankfurt am Main
William Blake (1827): The Circle of the Thieves; Agnolo Brunelleschi Attacked by a Six-Footed Serpent. National Gallery of Art, Washington DC. Wikisource

Mantra #7

Der Mensch soll immer vor der Wahrheit, wenn sie das Gesicht der Lüge hat, die Lippen verschließen, solang er nur kann, sonst bringt das ohne Schuld Schande.

(Sempre a quel ver c’ha faccia di menzogna de‘ l’uom chiuder le labbra fin ch’el puote, però che sanza colpa fa vergogna;)

Dante Alighieri, Commedia: Inferno, Canto XVI

Etwas zum Grübeln für das Neue Jahr…

Rhetorische Fragen (1)

Eigentlich dachte ich mir, was für ein blöder Gedanke. Aber ich werde ihn nicht mehr los. Vielleicht weiß jemand eine kluge Antwort?

Was wäre, wenn wir in der aktuellen Situation die Zuständigkeit für die Krankenhäuser in die Hände der AfD legen würden? Und die Leitung der Intensivstationen an die Mediziner, die bei den sog. „Querdenkern“ mitmarschieren?

Wir leben leider in einer physikalischen und nicht in einer mythischen Welt, das Ergebnis des Experiments wäre wahrscheinlich verheerend. Verheerend, sofern man in humanistischen Kategorien denkt und dem ewigen Gang der Naturgesetze vertraut, Gesetzmäßigkeiten, auf die die Kanzlerin heute dankenswerterweise ausdrücklich hingewiesen hat. Seit der Aufklärung hängen wir dem Ideal an, Naturgesetze und Humanität zusammenzudenken, zusammenzubringen. Immer mehr Leute tendieren offenbar dazu, das eine wie das andere zu leugnen, zu negieren, aufzugeben. Mit welchem Ziel? Mit welchem Ergebnis? Aber hat jemand Anspruch auf ein großangelegtes Experiment, der experimentelle Physik nicht Ernst nimmt?

Wir könnten anfangen zu überlegen, ob wir Leugner von den Früchten der Einsichten in die Naturgesetze ausschließen. Aber so viel Inhumanität wollen wir uns nicht leisten. Sie schon, wie es scheint (auch das wäre eine Definition von Faschismus @Sezession.de) Wir nähern uns einer Passage im Wald, die sehr dicht und unübersichtlich wird. Welche Werkzeuge nutzen?

Wes Geistes Kind…

Aus aktuellem Anlass, da jenseits des Atlantiks ungeheuerliche Dinge passieren können, sei aus dem Buch der Ungeheuerlichkeiten zitiert, das normalerweise unter Verschluss ist – aber manchmal kann es nicht schaden, dort nachzusehen, um zu erkennen, wes Geistes Kind so Mancher ist:

Die beste Staatsverfassung und Staatsform ist diejenige, die mit natürlichster Sicherheit die besten Köpfe der Volksgemeinschaft zu führender Bedeutung und zu leitendem Einfluß bringt. Wie aber im Wirtschaftsleben die fähigen Menschen nicht von oben zu bestimmen sind, sondern sich selbst durchzuringen haben und so wie hier die unendliche Schulung vom kleinsten Geschäft bis zum größten Unternehmen selbst gegeben ist und nur das Leben dann die jeweiligen Prüfungen vornimmt, so können natürlich auch die politischen Köpfe nicht plötzlich „entdeckt“ werden. Genies außerordentlicher Art lassen keine Rücksicht auf die normale Menschheit zu.
Der Staat muß in seiner Organisation, bei der kleinsten Zelle, der Gemeinde, angefangen bis zur obersten Leitung des gesamten Reiches, das Persönlichkeitsprinzip verankert haben.
Es gibt keine Majoritätsentscheidungen, sondern nur verantwortliche Personen, und das Wort „Rat“ wird wieder zurückgeführt auf seine ursprüngliche Bedeutung. Jedem Manne stehen wohl Berater zur Seite, allein die Entscheidung trifft ein Mann.

(Adolf Hitler: Mein Kampf)

Wie sagte ein noch amtierender Präsident (dessen Name man nicht mehr in den Mund nimmt): das Wählen muss jetzt ein Ende haben.

Ein amerikanischer Freund schrieb mir vor der Wahl: Let’s push him over the edge! – Yeah. Schluss mit Geniekult. Kleinvieh macht auch Mist.

Subversiver Sound

Hat sie ein besonders ausgeprägtes Gefühl für die Schwingungen in einer Gesellschaft – oder nur guten Geschäftssinn – oder beides? Wenn man einen Gedanken weitertragen will, braucht man beides. Molly Tuttle scheint jedenfalls nicht locker zu lassen, wirft einen Stein nach dem anderen ins Wasser und hofft, dass er große Kreise ziehen mag, so kommt es mir vor. In der ihr eigenen Art kommt das alles zart und fast verhalten daher und ist doch geeignet, Wucht zu entfalten. Neulich schon ging es mir so mit ihrem Remake von ‘Helpless’. Und aktuell verbreitet sie Appetithappen auf ihr neues Album, das Ende des Monats erscheinen soll, „but i’d rather be with you“. Vorschusslorbeeren dazu gibt es schon zuhauf.

Fake Empire“ wird der erste Song sein, im Orginal von The National 2007, das vergleichende Hören lohnt sich. Bei The National drängt die komplexe rhythmische Struktur demonstrativ in den Vordergrund, harter Pianoklang, noch überbetont durch ein merkwürdiges synthetisches Bläsermotiv am Ende. Die Reibung mit dem lakonischen Gesang wirkt kühl, der Gesamteindruck ist (gewollt) artifiziell. Molly Tuttle kommt aus der Bluegrass-Tradition der Saiteninstrumente und „baut“ nun eine interessante, einerseits reichere, andererseits reduziertere Variante. In ihrem athmosphärischen Soundgebilde ist der Rhythmus nicht mehr so drängend, der Gesang zurückhaltend, fast zart. Einerseits umgibt uns eine regelrechte Soundwolke, andererseits ist da eine Art Verebben, ein Absterben – das gar nicht zu den Bildern des Videos passen will.
We’re half awake in a fake empire“ – im Refrain von 2007 könnte heute das „half“ auch entfallen? Umso mehr rufen die Bilder dazu auf, das nicht hinzunehmen. Wenn der Song schon ganz verebbt ist, taucht im Film noch eine Wahlurne auf…

Der Text des Songs sei ein Kommentar zu einer Generation, die sich in Desillusionierung und Apathie verloren hat, „it is about ‚where you can’t deal with the reality of what’s really going on, so let’s just pretend that the world’s full of bluebirds and ice skating.‚“ hieß von The National dazu.
Dennoch, oder gerade deshalb(?), verwendete Barack Obama den Song 2008 in seiner Wahlkampagne zur Präsidentschaft. Und hier schließt sich der Kreis? Wie geht es einer jungen Generation, deren Zukunft durch eine unkalkulierbare Pandemie und einen wirren, faschistoiden Präsidenten gefährdet ist? Molly Tuttle schreit nichts heraus. Sie lässt die Bilder sprechen. Die Känge dazu schleichen, bohren sich sanft und umso zwingender ins Gedächtnis, quasi subkutan. Subversiv. Ebenfalls scheinbar ganz lakonisch füttert sie eine subversive Lust am Umbruch.

Die Dinge entwickeln sich. Mit Kamala Harris hat Joe Biden vermutlich das Trumpf-Ass aus dem Ärmel gezogen und womöglich eine neue Ära für die Demokraten und die USA begründet. Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Schwingungen sind zurück. Die NYT meinte, Bidens Entscheidung für Harris als Vizepräsidentin sei gleichermaßen ungefährlich wie energetisierend. Letzteres dürfte in jedem Fall zutreffen. – Und wenn die Indie-Rocker-Macker von The National 2008 einem schwarzen Mann ins Präsidentenamt verholfen haben, dann wünscht man sich, dass sich diese eine Geschichte doch noch einmal, unter anderen Vorzeichen, ereignet: dass eine leise weiße Musikerin aus Nashville einer farbigen Powerfrau aus Kalifornien ins Präsidentenamt verhilft.

Lange Linien

Die „Süddeutsche“ versammelt heute ein paar Artikel, in denen die „langen Linien“ der Geschichte durchscheinen, im Moment der aufsteigenden Hitze dieses Sommertages etwas Wärmeregulierung für den Verstand. Im deutschen Sprachgebrauch üblich ist eigentlich „große Linien“, doch damit verbinde ich eine feldherrlich-preußische Attitüde, die mir nicht behagt. Viel näher ist mir der Gedanke der „longue durée“, der „langen Dauer“, den der französische Historiker Fernand Braudel formte und ins Zentrum seiner Studien stellte. Ein strukturalistischer Ansatz, der den Kontext natürlicher, geographischer, klimatischer Gegebenheiten für das menschliche Handeln deutlich betont und die übliche Geschichtserzählung überwindet, die allzu oft von Heroen handelt.

Der deutsch-französische Krieg 1870/71 jährt sich zum 150. Mal, entsprechend findet er wieder für ein paar Tage Erwähnung in den Medien. Im deutschen kollektiven Bewusstsein dürfte allenfalls die Reichs-Neugründung in Versailles 1871 eine gewisse Verankerung haben. In Frankreich trifft man allerorten auf die schwerfälligen Kriegerdenkmäler, doch auch dort hat sich die Erinnerung zu diesem für Frankreich traumatischen Erlebnis längst ausgedünnt. Welche Zerstörung in der Fläche dieser Krieg über Frankreich brachte, ist mir erst jüngst bewusst geworden, als das Bayerische Fernsehen Einblicke in die Fotografiesammlung von König Ludwig II. ermöglichte. Akribisch sammelte er Bilder von zerstörten Häusern, Straßenzügen und Städten, er der Kriegsgegner, als wolle er sich immer wieder klar machen oder Buße tun, wofür er sich von Bismarck hatte kaufen lassen. (Dass er Herrenchiemsee als Kopie von Versailles ausgerechnet wenige Jahre nach dem Krieg erbauen ließ, setzt einen besonderen Akzent). Gustav Seibt bespricht neu erschienene Literatur zum „70er Krieg“, wie er bei den Altvorderen umgangssprachlich hieß. Er zitiert einen Tagebucheintrag des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm vom 31.12.1870: „Man hält uns für jeder Schlechtigkeit fähig (…). Bismarck hat uns groß und mächtig gemacht, aber er raubte uns unsere Freunde, die Sympathien der Welt und – unser gutes Gewissen.“ Der spätere Kurzzeitkaiser Friedrich III. war selbst als Kommandeur an entscheidenden Schlachten beteiligt, dennoch sensibel wie wenige Andere seiner Klasse für die heraufziehenden Umbrüche in der Gesellschaft. Bismarck war kühler Stratege und mit seiner damals sehr fortschrittlichen Reform des Wahlrechts hoffte er, die konservative Landbevölkerung hinter sich zu bringen – ein Gedanke, der bis heute fröhliche Urstände feiert, angefangen von der Klientelpflege der CSU im Hinterland bis zum vermeintlich unerschöpflichen Wählerreservoir, das Trump für sich sieht in den Ackerwüsten des Mittleren Westens. Bei Bismarck ging das Kalkül nicht auf, die „Sozialdemokratisierung“ der modernen Gesellschaft ließ sich nicht aufhalten.

In Frankreich wird mit Clément Beaune ein junger überzeugter Europäer nach längerem Anlauf „Europastaatssekretär“. Die SZ verteilt Vorschusslorbeeren und rechnet ihm hoch an, dass er das „alte Übel französischer EU-Politik – die Herablassung besonders kleinen Mitgliedsstaaten gegenüber – glaubhaft abzustreifen versucht.“ (Dass Herablassung auf französischer Seite als ein wesentlicher Auslöser des Krieges von 1870 gilt, darüber sind sich Historiker einig.) Ein arroganter Habitus gehe im völlig ab und er beschäftige sich akribisch mit der Innenpolitik jedes einzelnen, noch so kleinen europäischen Landes. Das könne auch daran liegen, dass er als Kind auf Sommerreisen mit den Eltern die Welt östlich des „Eisernen Vorhangs“ nach 1990 intensiv bereist hat. Reisen kann bilden (muss aber nicht, wie wir inzwischen wissen). Nehmen wir das als eine gute Nachricht und Weichenstellung für die viele Arbeit, die uns in Europa bevorsteht.

Soll das europäische Projekt von Dauer sein, wird die Lösung der Energiefrage eine zentrale Aufgabe sein. Der Streit mit den USA um die Ostseepipelines scheint weiter zu eskalieren, ausgerechnet zu einer Technologie, die ohnehin nur Aspekte der „moyen durée“ lösen kann. Auf lange Sicht kann unter den gegebenen Machtverhältnissen nur eine weitgehende Eigenversorgung mit Energie Europas Bestand sichern. Michael Bauchmüller beleuchtet diesen Aspekt des „European Green Deal“: die schrittweise Dekarbonisierung als „gelebte Sicherheits- und Friedenspolitik“. Immer deutlicher wird, dass Wasserstoff die bedeutsamste Energiequelle werden wird. Eine Entwicklung, die jede Menge Energie freisetzen und damit auch brandgefährlich werden kann. Eine „Wasserstoffgesellschaft“ ist dringend angewiesen auf stabile, sichere Verhältnisse im Inneren wie nach außen. Außenpolitik, Gesellschaftspolitik, Energie- und Wirtschaftspolitik, nicht zuletzt Umweltpolitik sind bei einer wasserstoff-getriebenen Gesellschaft weit enger zusammenzudenken, als in den bisherigen Gesellschaften einfacher Energieträger (die Atomenergie ausgenommen, aber gerade sie hat ja die Schwierigkeiten dieser erforderlichen engen Verzahnung aufgezeigt). Max Hägler berichtet jedenfalls, dass BMW sich jetzt daran macht, seine gesamten Lieferketten auf Umweltverträglichkeit und CO2-Reduzierung abzuklopfen und auszurichten. In den Tag hineinwirtschaften war gestern, strikte Planung und Kontrolle bis in jede Verästelung ist morgen. Was das für eine freiheitliche, pluralistische Gesellschaft bedeutet, ist noch eine Weile zu verhandeln.

Der türkische Präsident Erdogan kann mit solchen „langen Linien“ einer Gesellschaft, die sich ihrer Vergangenheit stellt und versucht, konstruktive Lehren für die Zukunft zu finden, nichts anfangen. Er kapert die Hagia Sophia in Istanbul ein zweites Mal für den Islam. Dabei knüpft er nahtlos an die erste Übernahme 1453 an und lässt den Freitagsprediger mit Säbel in der Hand auftreten. Dieser vertritt unverhohlen die islamistische Lehre, nach der die Zivilisation erst mit Mohammed und die zivilisierte Welt erst mit der Eroberung durch den Islam begonnen habe. Solch primitiver Geschichtsklitterung sollten wir uns weiter hartnäckig verweigern. Wir sollten aber auch eine aufgeklärte Haltung dazu finden, dass der israelische Staat versucht, die Leidensgeschichte von Angehörigen der jüdischen Religion als Totschlagargument für Kritik an seinem Apartheidregime zu missbrauchen. Deutsche Akademiker haben einen offenen Brief an die Kanzlerin geschickt, „in dem sie gegen die Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik protestieren“. Wie können wir religiöse muslimische Regime ablehnen und ein (zunehmend) religiöses jüdisches Regime unkritisiert lassen? Dünnes Eis, ich weiß. Aber Maulkörbe waren noch nie gut und immer dafür da, unliebsame Konkurrenz kategorisch zu verdammen. Man muss sich dann nicht mehr mit den Niederungen der Argumentation befassen.

Lange Linien, überall, von Moses bis … – hier will ich keine Namen mehr nennen, weil die Zeit der Heroen vorbei sein sollte und wir gemeinsam an einer gedeihlichen Fortschreibung der Geschichte werkeln könnten.


Literatur

Süddeutsche Zeitung Nr. 172/2020:
Leo Klimm. Profil: Clément Beaune, S.4
Thomas Avenarius. Im Geist des Eroberers, S. 9
Redaktion. Kritik und Antisemitismus, S. 9
Gustav Seibt. Das ist eine blöde Geschichte, S. 11
Michael Bauchmüller. Mehr Souveränität: Energie für Europa, S. 15
Max Hägler. Weniger Schrott, weniger Kohlendioxid, S. 15

Bildnachweis: Bayerischer Rundfunk