2020.096 | Fritillaria meleagris

Mein Garten misst 40 m², davon sind vielleicht 25 m² begehbar. Er hat x Ecken und Winkel und beheimatet zahllose Pflanzenarten. Jetzt habe ich Frühjahrsputz und dabei locker 10.000 Schritte gemacht. Netter Spaziergang in die Botanik, auch wenn mancher da aktuell vielleicht eher an Rundlauf im Gefängnishof denkt.

In einem Winkel traf ich die Schachbrettblume wieder, zu meiner Überraschung. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie die letzten beiden Jahre geblüht hätte und hatte sie fast vergessen. Jetzt stand sie da und blühte prächtiger denn je. Ob das an dem etwas verregneten Spätwinter liegt? In einem verbeulten, undichten Blecheimer habe ich ihr ein Kleinstbiotop eingerichtet, einen Mikrosumpf, der weitgehend sich selbst überlassen bleibt. Dort fristet sie ihr Exotendasein. Mein Exemplar stammt aus einem Blumengeschenk vor Jahren. Aber eigentlich ist sie eine selten gewordene Wildpflanze aus unseren Sümpfen und Mooren, von denen es ja auch immer weniger gibt. Sie ist giftig und deshalb sogar im Viehfutter unerwünscht. Hat also mit Zivilisation rein gar nichts am Hut und ist ein echter Wildfang. Insofern ist sie bei mir ganz gut aufgehoben. Und netterweise dankt sie es mir, dass ich sie in Ruhe lasse.

Berg- und Talfahrt

Unterwegs durch eine Unwetterfront

Wir wollten eine Bergtour machen, es sollte hoch hinausgehen, weit über 3000 m, deshalb wählten wir ausnahmsweise die Bergbahn als Aufstiegshilfe. Doch bereits während der Fahrt nach oben, setzte ein bedenklicher Wetterwechsel ein. Um uns herum begannen die Wolken zu brodeln, düstergrau und schwefelgelb. Die Ausblicke in die eigentlich großartige Bergwelt um uns herum wurden immer weniger. Einmal zeigte sich für einen kurzen Moment noch ein anderer Gipfel, auch er ausgestattet mit der Bergstation einer Seilbahn, dort wuselten noch jede Menge Ausflügler in der Sonne herum. Dann ging der Vorhang wieder zu. Wir begannen uns Sorgen zu machen, dass unsere Kabine in heftige Windböen geraten könnte, das hatten wir erst vor einer Weile schon einmal erlebt, sehr sehr ungemütlich. Das Wetter verfinsterte sich immer mehr, es war genau die Sorte von Wetter, die man als Bergwanderer nicht erleben möchte und vor der wir bei unseren vielen zurückliegenden Touren zum Glück immer verschont geblieben waren. Wir entschieden, die Tour sein zu lassen und möglichst sogleich ins Tal zurückzufahren.

Dann kam auch schon die Lautsprecherdurchsage, dass unsere Kabine oben nicht anhalten würde, sondern aus Sicherheitsgründen unverzüglich die Talfahrt aufnehmen würde. Wir waren für diese Entscheidung durchaus dankbar. Dann allerdings auch überrascht, dass die Kabine nicht wendete, sondern über den Berg hinweg in ein anderes Tal hinunterfuhr. Damit hatten wir nicht gerechnet. Doch bevor wir uns klar gemacht hatten, was das für uns für Folgen haben könnte (wie kommen wir zurück usw.), hellte das Wetter auf. Wir waren durch die Front gefahren und vor uns, unter uns breitete sich eine sattgrüne Tallandschaft in goldenem Nachmittagslicht aus, wir waren buchstäblich gefesselt von diesem friedlichen und verheißungsvollen Bild. Je mehr wir uns dem Talboden näherten, desto mehr verlangsamte sich unsere Fahrt, denn vor uns staute sich eine ganze Reihe weiterer Gondeln vor der Einfahrt in die Talstation. Es waren kleine und große Gondeln, moderne Kabinen und folkloristisch-bunte Sänften, mit Troddeln behängt und mit verschnörkelten Dachaufsätzen, irgendwie asiatisch anmutend, ein kunterbuntes Gemisch. Es sprach sich herum, dass die Verzögerung daher rührte, dass unten alle aussteigenden Fahrgäste registriert und einem eingehenden medizinischen Test unterzogen wurden. Das dauerte. Aber es war uns gleichgültig. Wir waren heraus aus dem drohenden Sturm. Wir hatten Zeit. Wir waren im Licht.

Ablenkungsmanöver

Bekanntlich verdanken wir einen sehr wesentlichen Teil des Corona-Schlamassels in Europa dem besoffen-brünftigen Après-Ski-Zirkus in Ischgl/Tirol. Eine Sammelklage ist anhängig und der touristische Schaden womöglich enorm – wobei ich mich einer ausnahmsweise intoleranten Häme nicht enthalten kann, denn Ischgl ist der Inbegriff der Ignoranz (nicht nur in Sachen Covid-19).

Etwas verstörend aber gleichzeitig entlarvend ist der Wettstreit der deutschsprachigen Regenbogenpresse, wer denn die Seuche nach Ischgl gebracht hat, also sozusagen haftbar gemacht werden kann. Heute abend lese ich in der Welt, Patient 0 sei eine Schweizerin, die klammheimlich infiziert, quasi undercover, aktiv war. Diese Nachricht ist aber angeblich veraltet, weil die Österreicher einen Datumsfehler gemacht hätten. Darauf hacken vor allem die Schweizer Medien herum, allen voran die (leider inzwischen) neurechte NZZ (und es freut mich tierisch, die NZZ als Regenbogenpresse zu diffamieren). Also bleibt es doch bei der bisherigen Version, dass ein deutscher Barkeeper („Piefke“) die hauptsächliche Virenschleuder war? Gegen das Anti-Piefke-Alpenkartell kommt auch die Axel Springer AG nicht an.

Bleibt immer noch die Frage: Warum wurde der Betrieb von Bars und Skibetrieb nach Bekanntwerden von Infektionen nicht eingestellt? Wer will hier wem Sand in die Augen streuen?

2020.092 | † J.B. 12:38

„Ich denke an einen Ausblick, der sich vor einer Höhe weitet, wo ich neben Silberdisteln auf warmem Gras gehe und hinausschaue. In der Ferne scheint sich das Land in Licht zu verflüchtigen, Erde, Gras, Blätter und Steine verwandeln sich draußen in Helles, als sauge die Helligkeit alles auf und ziehe es zu sich empor.“ (Hermann Lenz)

2020.091 | Runnin‘ outta time

Es hat sich neulich noch, trotz aller Unsicherheiten, so vergleichsweise leicht erzählt von den Widrigkeiten vor oder in einer Covid-19-Infektion. Nun kommen die Dinge massiv ins Rutschen und es sind da nur noch Schockstarre und Stoßgebete. Mein Fall 2 ist mein kleiner Bruder und wenn die Stoßgebete, unser aller Gedanken und das letzte Aufgebot der Apparatemedizin nicht mehr helfen, dann ist ihm seine Zeit ausgegangen. – Ich musste mir meine Verzweiflung herauslaufen und Keb’ Mo’ hat es mich wissen lassen: Ain’t gettin‘ no younger/And I’m runnin‘ outta time… – womöglich „vor der Zeit“?

Gewissheiten gibt es keine mehr. Die Studenten von Fall 1 wurde zuguterletzt in einem Drive-In doch noch getestet, das Ergebnis haben sie bis heute nicht erfahren, was bedeuten könnte: negativ. Und das Paar aus Fall 3? Gut, dass die Ärztin hier übervorsichtig (oder bevorzugend) war, sie sind tatsächlich positiv getestet, haben einige Tage sehr gelitten und sind nun hoffentlich aus dem Ärgsten heraus. Und mein kleiner Bruder? Er war zu gutmütig, wollte sich nicht in den Vordergrund spielen. Die Ärzte haben ihn nicht ernst genommen – bis es womöglich zu spät war. Ein größeres Fass will ich jetzt nicht aufmachen, denn das stört nur die Stoßgebete. Jede Anrufung zählt und wird gewertet. Er hat es verdient.

2020.088 | Recovery?

Vor Jahren gelang dem Feuilleton der Süddeutschen schon einmal solch ein visueller Geniestreich, heute wieder (SZ Nr. 74/2020, S. 15/16). Auf der Vorderseite geht es um Bill Gates, den Guru und Geldgeber der Epidemieerforschung und -bekämpfung. Auf der Rückseite wird unter dem Titel „Der Derwisch von Absurdistan das neue Album „Recovery“ des Chicagoer Glamrockers Bobby Conn besprochen, den ich nicht kenne und dessen Musik mich wahrscheinlich nicht die Bohne interessiert. Doch dank der glücklichen Hand des SZ-Layouts entsteht auf semitransparentem Zeitungspapier ein Bildkommentar, der alle die langen Artikel und Endlosdiskussionen zur gegenwärtigen Lage auf den Punkt bringt: Wir sind am Boden, erledigt, alle Bremslichter leuchten. Wir hoffen auf Erholung und womöglich bald auf einen Erlöser. Dem Thinktank um Gates ist immerhin zuzutrauen, dass er mehr zustande bringt als der Denkpanzer von Trump.

In der Spalte daneben (nicht mehr abgebildet) bespricht Willi Winkler Bob Dylans aktuelle und überraschende Wortmeldung, Murder Most Foul. Mancher Kritiker spricht schon von Epilog. Recovery ist bei Dylan nicht in Sicht, nur noch tödlich getroffene, verdämmernde Erinnerung. Er berichtet vom Ende einer Epoche, das mit dem Attentat auf John F. Kennedy eingeläutet wird, ein Abgesang. Play „Moonlight Sonata“ in F-sharp / And „A Key to the Highway“ for the king on the harp…

K(l)assenmedizin

Drei Erfahrungen aus dem Minenfeld der Covid-19-Tests.

Immer wieder kann man in diesen Tagen lesen, dass die Corona-Testerei nicht so funktioniert, wie sie sollte. Es werden Leute nicht getestet, bei denen es eigentlich geboten scheint. Andere erfahren eine Art Vorzugsbehandlung, weil sie offenbar zur „zahlenden“ Kundschaft aus dem Kreis der Privatpatienten zählen. Drei Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld, von Menschen, die mir alle nahestehen.

Fall 1: Die Studentin kommt zurück von der Skiwoche in Tirol und besucht ihren Freund. Sie fühlt sich angekränkelt, Husten, Halskratzen, kriegt dann leichtes Fieber. Einen Tag nach ihrer Rückkehr wird Tirol vom RKI zum Risikogebiet erklärt. Die beiden begeben sich in Selbstquarantäne und telefonieren mit Ärzten und Gesundheitsamt wegen eines Tests. Überall werden sie abgewimmelt, einhellige Meinung: ihr seid Studenten, bleibt zwei Wochen daheim. Immer wieder empfindet sie Druck auf der Lunge, immer wieder starten sie einen Versuch, immer Fehlanzeige. Das geht seit zwei Wochen, man kann nur hoffen, dass es bald vorbei ist.

Fall 2: Der Mann über fünfzig erkrankt mit typischen Grippesymptomen: Kopfweh, Gliederschmerzen, Erschöpfung, auch trockenem Husten, bald leichtes Fieber. Hausarzt: bleiben Sie daheim, trinken Sie Tee. Spricht ja im Grunde nichts dagegen. Doch der Mann arbeitet in der Nachtschwärmer-Großstadt-Gastronomie, in allervorderster Front, klare Risikogruppe. Dann steigt das Fieber sprunghaft, der Patient wird unruhig, erkundigt sich nach der Möglichkeit, ein Antibiotikum zu bekommen. Hausarzt: das sei nicht angezeigt. Ruhe bewahren. Der Zustand des Patienten verschlimmert sich weiter, hohes Fieber, er deliriert, ist kaum noch ansprechbar. Die Freundin telefoniert mit dem Notdienst. Geben Sie Ibuprofen. Die kann er nicht mehr schlucken. Sie ruft den Notarzt, der kommt nach über einer Stunde und wird leicht blass. Kaum noch Lungenfunktion, er denkt schon, sein Gerät sei kaputt. Sofort auf die Intensivstation. Da liegt er jetzt, Covid-19-positiv, mit schwerer Lungenentzündung und Nierenversagen, kriegt Antibiotika, Dialyse, ist ins künstliche Koma versetzt, ringt um sein Leben. – Die Hausarztpraxis hat inzwischen geschlossen: Corona-Verdacht.

Falls 3: Das Paar um die 60, Privatpatienten. Sie kriegen leichtes Fieber. Es besteht kein Kontakt zu Risikopersonen und man war in keinem Risikogebiet. Aber es gibt einen sehr guten Kontakt zum Hausarzt, denn dort lässt man sich für teuer Geld in der Fastenzeit den Bauch massieren. Wird schon helfen. Umgehend werden Corona-Tests vorgenommen. Es geht ihnen schon wieder besser, Testergebnis noch unbekannt.

Trackline #5 | How ‘bout you?

Nie war er so wertvoll wie heute: der bekannte Werbespruch für sehr hochprozentigen Schnaps, der gerne für Medizin gehalten wird, ist mir eingefallen. Le Corbusier, der Großarchitekt der Moderne, soll sich, als die Spanische Grippe 1919 in Paris grassierte, mit Cognac und Zigaretten in seine Wohnung eingesperrt haben, bis das Desaster vorbeigezogen war. Schnaps ist zumindest eine Exit-Strategie.

Derzeit erweist sich aber so wertvoll wie nie der Crosstrainer, der seit einigen Jahren im Keller steht und mal mehr, mal weniger Interesse findet. Klar kann man immer noch rausgehen zum Laufen. Dennoch halte ich es jetzt umso mehr für ein Geschenk, zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jedem Wetter die Lungen ein wenig durchlüften und mir ein paar Endorphine abholen zu können. Und dabei zu verreisen. Meist in die amerikanische Provinz, auf die Nebenstraßen aktueller und vergangener populärer Musik. So auch heute wieder, den Mississippi rauf und runter, wie üblich mit (gewagten) Exkursen – Leben im Shuffle-Mode. Schließlich kehre ich in einem Straßencafé in Colorado ein. „How ‘bout you“ – Wie steht’s bei euch? Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Gilian Welch: Look at Miss OhioShe’s a-running around with her rag-top down / She says, I want to do right but not right now
Professor Longhair: JambalayaSaid, Jambalaya, crawfish pie, fillet gumbo / ‚Cause tonight I’m gonna see ma chère amie-o… – Jambalaya ist Soulfood, erst recht in Krisenzeiten, der Rest: vertagt
The Savoy Family Band: ‘Tits Yeux NoirA ce matin je m’ai trouvé assis dessus mon lit, après pleurer avec un coeur aussi cassé… – inzwischen gibt es wieder Hoffnung
Atrium Ensemble: Im Sommer (Hugo Wolf) – Wo blieb die Erde weit und breit / Mit aller ihrer Herrlichkeit? – vertagt
Count Basie: Honeysuckle Rose – Instrumentalversion für die Ewigkeit, angemessen
Peter Tosh: Mama AfricaIn you there’s so much beauty / In you there’s so much life – die Süddeutsche schreibt, dass über 70 % der jungen Afrikaner hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Und 70 % der Afrikaner sind unter 30.
Punch Brothers: Three Dots and a Dash – Instrumental, Flashback
Van Morrison: The Ballad of Jesse JamesBut that dirty little coward / That shot Mr. Howard…
Yonder String Mountain Band: How ‘Bout YouI wonder where you’re going to / Flyin‘ by and out of view / I’ll keep looking, how ‚bout you?

Kammer 4 frei Haus oder ErSchrecken ohne Ende

Anfang Januar verbrachten wir einen halben Tag in den Kammerspielen, von mittags um eins bis abends halb elf. „Dionysos Stadt„, das Antiken-Projekt in vier Teilen als Theater-Überwältigung. Von Prometheus über den Trojanischen Krieg zur Orestie, im Nachgang die Erinnerung an das Endspiel der Fußball-WM 2006 und an Zidanes verzweifelten Kopfstoß gegen Materazzi. Prometheus hat den Menschen das Wissen und die Technologie geschenkt, damit sie ihr Schicksal selber in die Hand nehmen können – vermeintlich. Selbst wenn sie zu Meistern ihres Fachs werden, technische Perfektion erreichen, können sie dennoch dem Schicksal nicht entrinnen – und nicht mit den wahren Göttern gleichziehen. Das verbindet uns, über alle Zeiten hinweg, über alle Orte, so wie auch die Sonne, die jeden Tag aufgeht und über uns leuchtet. Das Schlussbild. Dazwischen viel Bühnenspaß, ein paar harte Brocken aus der Ilias, heiter-spontane (Agamemnons Rückkehr) und eindringliche Momente (Kassandras Traum). Großes Theater alles in allem. Selten in den letzten Jahren hat das Schauspielhaus so gebrummt und gelacht, noch bis hinaus in die nächtliche Maximilianstraße.

In einem launigen Prolog bereitete Nils Kahnwald uns auf die Entbehrungen und Qualen eines solch langen Theatertages vor. Irgendwann wisse man nicht mehr, wie man sitzen solle. Man verrenke sich, rempele die Nachbarn an und schon sei man im Gespräch, nach geschätzt sechs Stunden. So kam es dann auch. Wir fühlten uns ziemlich gefordert, doch bevor wir erschöpfen, werden wir zum Ouzo-Gelage auf die Bühne gebeten. Ein Wechselbad der Gefühle. Enjoy your eternal suffering: damals habe ich den Flyer mit einem Schmunzeln eingesteckt, diese leicht zynische, dionysisch-grinsende Ironie. Dass dieser Satz als Menetekel in unserer Hand aufflammen würde, als ganz konkrete Prophetie für das, was uns womöglich schon bald bevorsteht, war nicht vorstellbar. Und dieses Menetekel ist zweigesichtig, janusköpfig: es fällt auf das Theater zurück.

Wie alle Theater haben auch die geliebten Kammerspiele geschlossen, wer weiß für wie lange? Nun senden sie frei Haus, Theater on Demand, jeden Tag eine andere Aufführung aus der virtuellen „Kammer 4“. Da kann man womöglich Dionysos Stadt auf dem Sofa genießen, daheim eingesperrt und ganz ohne Qualen. Ein Albtraum. Seit heute nacht haben wir nun die erwartbare Ausgangssperre. Und die Kammerspiele legen sofort nach, künftig gibt es dort auch Live-Aufführungen. Am 24.03 geht es los mit „Yung Faust“ von Leonie Böhm. „Die Schauspieler*innen Annette Paulmann, Benjamin Radjaipour und Julia Riedler sowie der Musiker Johannes Rieder spielen das Stück gemeinsam, aber räumlich getrennt, aus ihrem jeweiligen Zuhause und versuchen so mit der Unmöglichkeit, sich zu begegnen, umzugehen.

Im Studiolo

Ich sitze am langgestreckten Tisch vor dem breiten und hohen Fenster. Balkon davor, also die Möglichkeit hinauszutreten ins Freie und doch für mich in der Wohnung zu bleiben. Das Zimmer ist klein, der Balkon aber so breit wie das Zimmer. Ich habe von dort Aussicht auf eine weite, offene Landschaft. Schwung eines Hügels, gestaffelte Hecken und Haine in der Ebene. Leuchtband der S-Bahn bei Nacht. Manchmal glänzen weiße Alpengipfel, weit abgerückt. Es ist ein Dachzimmer mit hoher Decke im First. Die Dachschräge bringt Bewegung in den Raum, eine optimistische, weil von links nach rechts ansteigend, wenn ich am Tisch sitzend aus dem Fenster schaue.

Hier verbringe ich meine Tage und dort vor mir weitet sich der Horizont.
Geländebewegung, Hügelschwung dahinter, halb in der Senke ein einzelner breiter Baum vor dem aufsteigenden Wald in der Gegenbewegung zum flachen Wiesenrücken, der den Beginn der ebenen Weite markiert – die Gedanken schweifen. Und des nachts krieche ich unter die herunterlaufende Schräge, in die entlegene, niedrige Ecke, gleich neben dem Tisch. Aus einem Spalt im First stürzen sich die Fledermäuse in die Nacht…

Notiz aus einer Zeit der selbstgewählten Zurückgezogenheit und Selbstbeschränkung, weit draußen und doch immer seltsam mittendrin, sehr lange her. Habe ich heute zufällig wiedergefunden. Das tat gut. – Das einzigartige Studiolo des Grafen Federico da Montefeltro in Urbino hat ungefähr die gleiche Größe wie mein damaliges Zimmer, 12 m². Aber ohne Fenster mit Aussicht (nur als Oberlicht), ohne Balkon, ganz in sich gekehrt, ganz der Konzentration gewidmet, der Ausblick nur als Illusion. Das Universum auf kleinstem Raum. Kein Dauerzustand, aber eine Übung.