2019.157 | D-Day

Wahrscheinlich war er einer der ersten deutschen Soldaten, die ihr Leben lassen mussten am Tag der großen Invasion. Am Tag der Befreiung. Er war stationiert auf der Halbinsel Cotentin, im Hinterland von „Utah-Beach“. Dort fielen schon in der Nacht, vor der Landung der Schiffe, die amerikanischen Fallschirmjäger vom Himmel, still und leise. Er war als Melder unterwegs, vermutlich alleine, irgendwo zwischen den Hecken der verwinkelten Bocage. Wochen zuvor hatte man ihn für die SS mustern wollen, weil er ein so stattlich gewachsener junger Mann war. Er ist durch’s Clofenster getürmt, vor einer direkten harten Bestrafung konnte ihn der Vater eines Freundes bewahren, der in der Partei war. So musste er „nur“ an die Front, ganz schnell, ganz unvorbereitet. Er wurde 18 Jahre alt. Immerhin haben seine sterblichen Überreste ein Grab gefunden auf einem Soldatenfriedhof in der Bocage. Das ist heute ein ungemein friedlicher und großzügiger Ort, völlig entrückt. Gelegentlich besuche ich sein Grab, obwohl ich ihm im Leben nie begegnet bin. Nur ein paar zufällig zugeteilte Gene verbinden uns. Ich lege dann einen kleinen Strauß wilder weißer Margeriten vor den Grabstein. Sie blühen immer um diese Zeit im Saum der schmalen Landstraße unweit des Friedhofs, wo ich sie gepflückt habe. Er soll ein Mensch voller Möglichkeiten gewesen sein. Vor genau 75 Jahren ist er gestorben, 6.6.44.

The Monty Python Sundowner

Monty Python galten einmal als Inbegriff absurden britischen Humors. Jetzt weiß man nicht mehr recht, ob sie sich dort nicht in den Fallstricken der eigenen absurden Geschichte(n) verheddert haben. Der alte John Cleese leistet sich jedenfalls „first class“-Realsatire und sorgt damit in England und bei den Rechten für Furore.

Schon vor ein paar Jahren stellte er fest, dass London offenbar keine „englische Stadt“ mehr sei. Nach der Europawahl erinnerte er auf seinem Twitter-Account an seinen Befund und führt als Beleg ins Feld, dass die Stadt ja auch mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt habe. Cleese ist Brexiteer einerseits, (angeblich) Liberaldemokrat andererseits. Geht eigentlich nicht zusammen. Jedenfalls ist ihm das seit einiger Zeit alles nicht mehr englisch genug daheim, weshalb er sich in die Karibik verfügt hat, auf ein beschauliches Eiland namens Nevis, wo die Welt noch übersichtlich ist (Einwohner: 11.500) und das Leben angenehm, „a relaxed and humorous life style, a deep love of cricket, and a complete lack of knife crime“, bei bestem Wetter versteht sich. Nevis war eine britische Kolonie und ist erst seit 1983 ein (leidlich) unabhängiger Zwergstaat.

Ein wenig arrogant, isn’t it? Der weiße Brite hat das natürliche Recht, es sich überall auf der Welt nett und bequem zu machen. Er hat ja die Kohle. Seine Ahnen haben die schönsten Weltregionen seinerzeit erobert, besetzt, ausgebeutet. Nein, „kultiviert“ nennt er das, der Brite. Drum darf er dort auch ein Herrenleben führen. Wem es nicht passt, ihm seinen Drink zu servieren, kann ja nach London auswandern.

Interessant ist dazu die Einschätzung des Kommentators von der rechten Sezession: Nevis sei ein Ort, „der vermutlich der Anywhere-lichkeit gänzlich unverdächtig ist.“ – Hä? – Hier tropft er heraus zwischen den Zeilen, der weiße Suprematismus, ganz unbedacht offenbar. Für einen britischen oder deutschen Nationalisten ist Somewhere Anywhere, denn ihm gehört ja die Welt. Was für eine Verwirrung. A Sundowner for Mr. Cleese, please!

Ferne Gestade sind Ruhestatt für unsere Träume, und ferne Länder existieren nicht für sich, sondern für uns,“ notiert Teju Cole (1). Cole ist mein Arzt, wenn es darum geht, am Puls der Zeit zu fühlen. Cleese? Puls: unruhig. Drink: noch einen.

(1) Cole, Teju. Brasilianische Erde, in: Vertraute Dinge, fremde Dinge. Essays, 2016.

Kleine Meditation über das Kärchern

Macht kärchern dement oder ist es eine Form der Meditation? Ein Nachbar einige Häuser weiter kärchert seit Tagen seine geschätzt 12 m2 Terrasse und 20 m2 Garagenvorplatz, lässt es lautstark durch die Siedlung dröhnen. Bislang ertragen es alle mit Engelsgeduld – so lange er keinen anderen Unfug anstellt.

Er steht da und bewegt sich in minimaler Geschwindigkeit weiter, eine Schnecke ist ein Rennpferd dagegen. Schaut vor sich auf den Boden – ob er etwas sieht oder nur gedankenversunken vor sich hinstarrt? Der Strahl aus seiner Lanze trifft unbarmherzig noch die kleinsten Poren auf dem Pflaster und in den Fugen. In regelmäßigen Abständen betätigt er das Ventil, stoppt kurz die Pumpe, dröhnt dann wieder los. Wie ein Taktgeber. Wie bei einer Perle am Rosenkranz. So ist das vielleicht, wenn man im Maschinenzeitalter sozialisiert wurde: man kann die Stille nicht ertragen, nicht einmal beim Nachdenken, Beten, Meditieren. Oder bei der Gartenarbeit, die doch auch vielen als Entspannung gilt. Immer muss eine Maschine dabei sein und das Bewusstsein zudröhnen. Dabei könnte er es so schön haben in seinem Gärtchen mit genug Platz für Blumen, Insekten, Vögel, städtisches Wildlife eben. Nein, er kärchert das lieber weg, bevor es ihm über den Kopf wächst. Das ist wahrscheinlich seine tiefsitzende Angst: die Wildnis übernimmt (und Kärcher muss ja auch von was leben).

Vielleicht ist er aber auch ein Pionier der Wildnis? Mit dem Gekärchere verhindert er zuverlässig, dass sich irgendwelche stabilen Verhältnisse auf seinen Pflasterflächen und in den Fugen einstellen. Dass dort eine gewisse Ruhe einkehrt und ein Ökosystem sich festsetzt. Nein, er fährt dazwischen, deus ex machina, und setzt die Verhältnisse auf Null zurück. Vertreibt die Alteingesessenen und schafft Platz für Neues: Lebensraum für Pionieralgen oder woanders vertriebene Insekten, die hier vielleicht eine Zuflucht finden können, weil sonst niemand da ist. Ein Heim für Flüchtlinge! (Das ist vermutlich das letzte, was er will, aber das kommt dabei heraus.) – Auf was für Gedanken man kommt, wenn man beim Kärchern zuhören muss. – Jetzt ist wohl die Pumpe verstopft, es ist Ruhe eingekehrt. Vorübergehend. Am wahrscheinlichsten ist, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, das lässt sich auch nicht mehr wegkärchern. Alles fließt (nicht immer).

(Don’t) Paint it!

Es ist mal wieder Freitag und die Freitagsbewegung der Jugend wächst und wird dringlicher. Mein Nachbar hat seinen Buchs, dem der Zünsler den Garaus gemacht hat, mit grüner Farbe angesprüht und ist auf seiner Harley davongebraust, sehr laut knatternd, wie sich das gehört. Diese Deko hält eine ganze Weile, die Fernwirkung ist verblüffend und beruhigt das Gemüt. Photosynthese findet natürlich keine statt. – So ist unsere Generation.

Ich hoffe und wünsche, dass die Jugend es besser macht. Und am Sonntag wählen geht, massenweise: haut den Zukunftsverweigerern ihre kratzigen Stimmchen um die Ohren. Geht zu Fuß ins Wahllokal, trinkt nachher zusammen einen Tee. Lasst das Grillfeuer aus und gönnt euch ein kleines Netflix-Fasten, denn ihr wisst ja: Streamen ist Energiekonsum von unglaublichem Ausmaß. Pflanzt lieber einen Apfelbaum. Dafür ist es allerdings schon etwas spät, vielleicht solltet ihr dafür doch bis Herbst warten. Der Herbst wird kommen, für uns alle, wie auch immer. Für manche von uns ist er schon Dauerzustand. Einstweilen tun es auch Tomaten am Balkon, den Sommer über. Lasst es wachsen und blühen, an allen Ecken und Enden, widmet euch der Photosynthese und haltet ein wenig die Luft an.

Pimp your Pavement“ war ein Motto des Guerilla-Gardenings (was ist daraus geworden?). Aufhübschen allein wird es nicht mehr tun, ob mit Sprühfarbe oder echten Pflanzen. Ihr müsst etwas tiefer in die Substanz gehen. Und leider auch viel mehr verzichten, wenn die Bilanz ins Lot kommen soll. Also: guten Mut und lasst euch nicht unterkriegen!

Stop. Bis hierher hat es noch nicht wehgetan. Eben lese ich, dass für den 20. September der große internationale Klimastreiktag geplant ist. Da sind dann alle aus dem Sommerurlaub zurück, auch die Bayern. Die Aktivisten fordern dazu auf, man solle sich mit Aktionen beteiligen, die auf die Klimakrise aufmerksam machen. Mein Projektvorschlag: bei den Demos die Leute befragen, wie viele Flugmeilen sie im zurückliegenden Urlaub absolviert haben. Ob sie mit dem Billigflieger geflogen sind, ob sie einen Ökozuschlag bezahlt haben, all so Zeug. So viel statistisch relevantes Material in einer so kurzen Zeit kann man sonst kaum generieren. Zigtausende Auskünfte erhält man da auf einen Schlag. Und auch noch aus genau dem Milieu, das die weitere Entwicklung auf diesem Planeten ganz wesentlich mitbestimmen wird. Aber ob das jemanden interessiert?


Bildquelle: Green Lawn Paint for quick touch up of brown dead dormant grass or brown pet pee spots

Ins Blaue getroffen

Schockstarre in den rechten Blogs. Eine Schutzmacht ist implodiert. Das „Strachnin“-Gift wirkt. Dabei hatte man doch ganz andere Drehbücher im Kopf, gerade vor der Europa-Wahl, und keine Sekunde daran gedacht, dass die Protagonisten der gerne gehegten Verschwörungs-Plots die eigenen Leute sein könnten.

Ist es nicht kurios? Genau gestern erschien bei Vera Lengsfeld die Besprechung eines Thrillers: „Das Attentat“: Die Privatmaschine eines russischen Oligarchen und seiner Frau, einer Politikerin, sowie einer halben Milliarde Euro in bar stürzt in den Schweizer Bergen ab (leider nicht auf Ibiza). Bei den Ermittlungen stößt man auf eine Verbindung zwischen Moskau, Brüssel und dem Ausbruch einer rätselhaften hochansteckenden Infektion in der Ukraine, der viele Menschen zum Opfer fallen. Aber niemand in den Machtzentralen ist an einer Aufklärung interessiert…

Die Autorin ist eine Kollegin von Lengsfeld in der rechten Szene und veröffentlicht unter dem Pseudonym Frank Jordan seit einer Weile Geschichten, in denen es wohl um die ganz großen Verschwörungen geht. Den Inhalt ihres neuen Buchs umreißt sie, während der Entstehungsphase, so: „Stichworte: EU, Schweiz, Ukraine, Russland, Geld, Bargeld, inszenierte Krisen und immer wieder Menschen – ihre Leidenschaften, Wünsche, Seilschaften, Ränkespiele und Sehnsüchte. Selbstschutz, der Wille zur Macht und zum Machterhalt.“ Den Fall Strache hat sie durchaus treffend antizipiert. Die Reihenfolge der Attribute ist wohl nicht zufällig gewählt, denn ganz schlimm: die EU. Die Schweizer Autorin muss es ja wissen.

Lengsfeld schreibt dazu: „Hinter der wohlanständigen Fassade von Politik und Finanzwesen tun sich Abgründe auf, die derart realistisch geschildert werden, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob vielleicht etwas dran sein könnte, ob hinter dem, was der durchschnittliche Zeitungsleser als Politik präsentiert bekommt, vielleicht ganz andere Interessen im Spiel sind, von denen er nicht einmal ahnt.“
Und sie zitiert einen Kollegen, Robert Nef: „Dieser Thriller ist anders. Er spielt sich im Netzwerk von zentralen Regierungen ab, deren Interesse an der Machterhaltung gegenüber der allgemeinen Gefahrenprävention Vorrang hat. Politik fordert von den Reichen und von den Armen Geld mit dem Vorwand, beide voreinander zu schützen. Aber Tatsache ist: Letztlich schützen Politiker nur ihre eigenen Interessen.“

Heute mittag stellt sich Strache in Wien vor die Presse und sagt, es habe ein „gezieltes politisches Attentat“ auf ihn stattgefunden, faselt von „dirty campaigning“, „Schmutzkübelkampagne“, „Wahlkampfbeeinflussung durch ausländische Geheimdienste“ usw.

Entschuldigen S‘ bittschön: wer saß in der Villa auf Ibiza und hat sich bewirten lassen? Wer war so geldgeil, machtlüstern, dass er das eigene, gelegentliche Unwohlsein vergaß, und sich hinreißen ließ, das eigene Volk zu verraten? Die Presse verscherbeln, Staatsaufträge verticken, die Wasserversorgung gewinnträchtig privatisieren? Die Süddeutsche sagt das ganz richtig: er hätte jederzeit aufstehen können und gehen. Ein Mann von Charakter hätte das getan, schon nach einem kleinen Weilchen. Strache blieb sitzen. Und will jetzt auch noch austeilen?

Selten jedenfalls hat die rechte Szene mit ihren Verschwörungstheorien so ins Schwarze getroffen. Eigentlich ins Blaue, denn sie hatten keine Ahnung, dass die Verschwörer aus den eigenen Reihen kommen, im eigenen Haus sitzen. Porca miseria! In Wien liegt heute abend jedenfalls Revolution in der Luft. Aber von ganz anderer Art, als die rechten Einheizer das gerne hätten. Weggehuscht sind sie, mäuschenstill, gelähmt?

Die Autorin Frank Jordan zitiert zu ihrem Roman Alexander Solschenizyn: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Ein ORF-Kommentator meinte heute zur Causa Strache: „Was in einem Menschen nicht drin ist, das kann auch nicht raus.“

Ein Landjunker reist

Gibt es das noch, dass einer aus der Provinz in die Hauptstadt fährt und Bauklötze staunt? Gibt es das noch (oder wieder), dass einer herabschaut auf das Städtische in einer Haltung, die eine merkwürdige Mischung ist aus Snobismus und (unverschuldeter?) Dämlichkeit? Lynx wundert sich und liest, dass Landjunker Kubitschle sein sächsisches Gütlein verlassen hat und, nebst Gattin, nach Berlin gereist ist. Konnte er sich nicht entgehen lassen, diese krude Konferenz der sog. „freien Medien“, die die AfD im Lüders-Haus des Bundestages veranstaltet hat – oder doch auch nicht. Denn die AfD wusste bis zum Schluss nicht, ob sie das jetzt wollen soll oder nicht. Darum gab es auch einen inoffiziellen Teil, wo es richtig schmuddlig wurde. Aber da war Kubitschle schon wieder auf dem Heimweg, dieser Nachschlag war unter seiner Würde, immerhin. Die Rückfahrt in der Bahn nutzte er zur Reflektion, oder sagen wir besser: Einordnung. Der Text ist tatsächlich aufschlussreich. Es geht da eigentlich weniger um die kuriose Veranstaltung, mit der er letztlich nicht warm wurde, sondern mehr um: Architektur. Und was er sich dazu so denkt.

Er informiert uns, dass das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Sicherheitsschleusen hat und riesige kreisrunde Fenster mit Blick auf das Regierungsviertel: dazu fällt ihm „Blase“ ein. Diese gebaute „Blase“ hat außerdem viele Meter hohe Räume aus „dickem Glas“ und „nacktem Beton“ – und dies alles sei „gar nicht volksnah oder demokratisch.“ – Warum denn nicht? Weil es aus Beton ist und nicht zierlich gemauert? Weil es keine zugigen Butzenscheiben hat? Ist Beton ein neuer, unbekannter Werkstoff für ihn? Und was ist verkehrt an „nacktem Beton“ – verwechselt er groben Bunkerbeton mit 1a-Sichtbeton? Hat er eine leise Ahnung davon, welche Kunst es ist, Sichtbeton in vorzüglicher Qualität herzustellen, sichtbar bleibende Oberflächen zu schaffen, die nicht unter egalisierendem Putz versteckt werden müssten? Ingenieurskunst – kennste? Oder leben wir noch in den Zeiten des Maurerhandwerks vor 1850? (Doch selbst das Pantheon ist ja schon betoniert…) Eine Antwort bleibt K. uns schuldig. Es fehlt ihm die „Demut“ und es sieht zu wenig selbst gebaut aus: sprich, es fehlt ihm die Heimwerkeranmutung (wie sie ja in Schnellroda authentisch anzutreffen ist). Ein wahres Parlamentsgebäude sieht nach Praktiker aus (gibt’s nicht mehr…) – denkt er sich das? War es nicht schon immer so, dass eine Gesellschaft in ihrer Architektur gezeigt hat, dass sie aktuelle Technologien beherrscht, somit auf der Höhe der Zeit ist? Auf welcher Zeit-Höhe bewegt sich Kubitschek? Sollen wir uns rückwärts entwickeln, nur weil er keine Ahnung von Bautechnologie hat? Ängstigen ihn große Fenster, weil sie einen weiten Horizont eröffnen? Sollen wir lieber Fenster mit Scheuklappen bauen?

K. schreibt dann noch einiges Inhaltliche zur Veranstaltung, aber irgendwie zog das eher nebulös an ihm vorbei und hat ihn (und die „Bewegung“) nicht viel weiter gebracht, weil er dauernd durch die kreisrunden Fenster schauen musste. Schießscharten hätten seiner Konzentration besser geholfen? Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass Schnellroda „samt Schrebergärten“ locker reinpassen würde ins Lüders-Haus. Dazu denkt Lynx sich:
a) Grobe Täuschung: mit Google-Maps überschlägig abgemessen hat das Lüders-Haus eine Grundfläche von ca. 250 x 100 m, Schnellroda mindestens von 600 x 600 m. Also selbst mit stapeln wird es da schwierig. Klingt halt so volksnah.
b) Hybris: wie kommt so ein selbsternannter Landjunker auf die Idee, dass er und noch ein paar Hanseln auf mehr Fläche residieren sollten als ein Parlamentsgebäude eines 80-Millionen-Volkes braucht, wo deutlich mehr Leute arbeiten als in Schnellroda je wohnen werden?

Könnte es sein, dass da einer „unheimlich“ volkstümlich tut und dabei so was von abgehoben ist, dass er schon das Gefühl für Maßstäbe verliert? Dass er nur vorgaukelt, sich mit der volkstümlichen Kleinmaßstäblichkeit von Katen abzugeben und mit ehrlichem gemauerten Handwerk (von dem er offensichtlich nichts versteht). Könnte es sein, dass das nur Attitüde ist, Bauernfängerei? (Komisch oder nicht: in Schnellroda gibt es eine Pension, die heißt „Zum Schäfchen“?)

Antiurbane Ressentiments sind in Deutschland seit langer Zeit, fast schon immer, ein Selbstläufer. Lange Zeit haben CDU/CSU dieses Feld beackert, bis sie erkennen mussten, dass sie auf diesem Weg allmählich in die Minderheit geraten. Also fischen an diesem ruralen Rand jetzt andere. Und träumen von gemauerten und adrett verputzten Palästen aus dem Baumarkt, die ihnen imaginierte Untertanen von reinstem germanischen Blut zusammenschustern würden (diese Maurer gibt’s auch nicht mehr). K.s Fahrt in die ewig sächsische Nacht.

Fasten: Klenzesteg

Vor über fünf Jahren hat die Stadt München einen Architektenwettbewerb zur Gestaltung einer Fußgängerbrücke über die Isar, den sog. Klenzesteg,  durchgeführt. Was ist daraus geworden? Heute berichtet die SZ über den Stand der Dinge, eine gute Gelegenheit, noch einmal über die Sache nachzudenken.

Der Standort des vorgeschlagenen zusätzlichen Brückenschlags liegt zwischen der Wittelsbacherbrücke und der Reichenbachbrücke, in Verlängerung der Klenzestraße und bei der Weideninsel. Den Abstand der beiden vorhandenen Brücken gibt das Baureferat mit 850 m an, er läge dabei etwas näher an der Wittelsbacher Brücke, gerade einmal etwa 350 m entfernt – oder 3 (langsame) Gehminuten, wie Google meint. Und da sind wir vielleicht schon beim Kern des Problems, warum nichts weitergeht in der Planung seitdem.

Planungsbereich Klenzesteg
Planungsbereich Klenzesteg, Quelle: Baureferat München

In dieser Zeit wurde auch sonst öffentlich viel über die Isar und die Isarauen nachgedacht und man hat erste Erfahrungen gemacht mit den Renaturierungsmaßnahmen der letzten Jahre. Und dem Partybetrieb, der Eventisierung des Öffentlichen Raums. Stetig nimmt die Nutzungsdichte zu, damit mehren sich Konflikte, zwischen Nutzern und Anwohnern, vor allem aber mit den Naturschutzzielen. Zu viele Ansprüche von allen Seiten an einen sehr begrenzten, übersichtlichen Erholungsraum.

Die Frage sei also erlaubt: warum braucht es noch einen Übergang, noch einen Zugang, gerade in einem Bereich, der doch bestens erschlossen ist? Weil im Glockenbachviertel so viele Architekten wohnen, die gerne einen kürzeren Weg in ihren Vorgarten hätten?

Wäre es nicht besser, auch aus Gründen der Gesundheitsfürsorge, die Wege lieber etwas länger zu halten. Umwege vorzusehen? Das schafft auch Ruhezonen für die „Stadtwildnis“. Die Hipster würden so gerne auf die Weideninsel runterschauen, möglichst mit niedlichen brütenden Enten garniert. Sollte man ihnen das nicht verwehren und die Vögel in Ruhe brüten lassen?

Auch die damaligen Entwürfe können nicht wirklich begeistern. Zu sehr steht meist das Brückenbauwerk im Vordergrund und verriegelt den Blick auf die großartige Stadtansicht und den Landschaftsraum, um die es doch eigentlich geht und die den Ort erst in Wert setzen.

Außerdem: es ist doch daran gedacht, den Autoverkehr auszudünnen in der Innenstadt. Die heraufdämmernde E-Mobilität macht den verbleibenden Verkehr hoffentlich auch verträglicher für andere Nutzer im Straßenraum. So besteht doch die Aussicht, dass die vorhandenen Brücken künftig umfassender von Fußgängern und Radlern genutzt werden können, sie dort mehr Raum haben?

Fazit: vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Arten- und Klimaschutz, Reduzierung menschlicher Eingriffe generell – ist es da nicht eine schöne Möglichkeit sich etwas in Fasten zu üben und den Steg einfach wegzulassen? Der Ausblick von der Wittelsbacher Brücke ist auch ohne (oder gerade ohne) Klenzesteg schön genug. Es einfach einmal gut sein lassen. Und lieber ein paar Schritte mehr gehen.

Übrigens: im Münchner Westen, wo auch viele Menschen wohnen, gibt es auf drei Kilometern Länge keine Möglichkeit, die Bahn zu queren und als Spaziergänger auf kurzem Weg wichtige Grünanlagen zu erreichen. Die dortigen Anwohner werden seit über 50 Jahren von der Stadtverwaltung vertröstet. Dort wäre eine Querung stadtstrukturell ein Gewinn. An der Isar ist es nur ein Zuckerl für die Adabeis.

Notiz aus dem Siebenjährigen Krieg

Die Unfähigkeit seiner Heerführer in der Fremde und der verhängnisvolle Mangel an Energie in den Räten im Lande selbst hatten Großbritannien aus der stolzen Höhe herabgeholt, in die es durch die Talente und den Unternehmungsgeist seiner früheren Krieger und Staatsmänner gehoben worden war. Von seinen Feinden nicht mehr gefürchtet, verloren seine Diener bald jene Zuversicht, die aus der Selbstachtung erwächst.

1826 erschien dieser Text, vor knapp 200 Jahren. 70 Jahre nach den geschilderten Ereignissen des Jahres 1757 im Kolonialkrieg, den England und Frankreich als „Nebenkriegsschauplatz“ des Siebenjährigen Krieges in den nordamerikanischen Territorien führten. Hat das irgendetwas zu tun mit den Ereignissen im Großbritannien der Gegenwart? Bullshit – hat schließlich ein Amerikaner geschrieben, ein Yankee aus den abtrünnigen Kolonien obendrein. 

Übrigens setzen sich in der Geschichte die Briten am Ende doch irgendwie durch, gegen die Franzosen und ihre heimtückischen Verbündeten.

Fenimore Cooper, James. Der letzte Mohikaner – Ein Bericht aus dem Jahre 1757, München: Carl Hanser, 2013 – die erste vollständige und ernstzunehmende deutsche Übersetzung von Karen Lauer. Eine Fundgrube. Zitat aus dem 1. Kapitel.

Bildnachweis: Lake George, New York (der Ort des Geschehens), Georgian Lakeside Resort, verändert

Good Move

Facebook kann gute Schlagzeilen vertragen. Meint man, weil es doch so in Verruf geraten ist. Der Aktienkurs zeigt aber, dass der „Turnaround“ längst erfolgt ist. Technologisch haben sie dort nun (fast) alles beieinander, um in die nächste Runde zu gehen (an der eigenen Kryptowährung basteln sie wohl noch), also räumen sie alten Ballast ab. Das bringt, zusätzlich zum ohnehin brummenden Geschäft – gute Schlagzeilen.

Dennoch: der gestern ausgesprochene umfassende Bann gegen einige „namhafte“ rechtsextreme Pöbler, Einheizer und Volksverhetzer ist erfreulich. Und überfällig. Hoffen wir, dass FB auch hierzulande noch fündig wird, das sollte nicht allzu schwer sein.

Die Betroffenen heulen jetzt erwartungsgemäß ihre alte Leier, dass das Zensur sei und gegen „free speech“, das Recht auf freie Meinungsäußerung, gerichtet. Und genauso notorisch lässt sich darauf antworten: nein, ist es nicht. Schon in der Vergangenheit konnte kein Verlag gezwungen werden, Dinge zu veröffentlichen, die ihm nicht gefielen. Und auch heute noch ist es jedem/r unbenommen, die eigene Plattform zu gründen, Fans zu finden und vor allem: Geldgeber. Das macht Mühe. Deshalb kam man in der rechten Szene vor einiger Zeit auf die Idee, zu russischen Social-Media-Plattformen zu wechseln. Super Idee. Ist was daraus geworden? Natürlich nicht, sitzen ja nur die immer gleichen Leute am Stammtisch.

Selbst harmlose Hobbyblogger (willkürlich herausgegriffenes Beispiel) berichten in naiver Offenheit, dass Facebook vor allem anziehend ist wegen seiner Reichweite. Reichweite ist das Stichwort, nichts anderes. Reichweite auch noch für die absurdesten Gedanken, die schlimmsten Verleumdungen. Reichweite für umsonst (vermeintlich). Das war aber nur der Köder. Inzwischen kostet echte Reichweite, auch bei WordPress. Ein legitimes Mittel, den Strom einzudämmen. Und ein Schritt in die weitere Professionalisierung der Datenerhebung und -verwertung.

FB braucht die Agitatoren nicht mehr, die es als Brandbeschleuniger nutzten und damit zugleich massenhaft Leute auf die Plattform holten. Die freiwillig nützlichen Idoten haben ausgedient, der „Narrensaum“ wird abgeschnitten (mit dem Begriff des Narrensaums hat die FPÖ ausnahmsweise einmal ins Schwarze getroffen). Die, die meinen, Relevantes zu sagen zu haben, zahlen dafür. Die, die nicht zahlen wollen, werden zurückgeschickt in private Chats und geschlossene Gruppen, wo sie unter sich bleiben – und FB will dort sogar künftig verschlüsseln und schützen usw. Denn umfassenden Zugang zu den Nutzerdaten und Überblick über das Nutzerverhalten hat FB inzwischen ohnehin. Was da geredet wird, interessiert nur noch nachrangig. Wichtig ist die Auswertung der Interaktionen an sich, daraus lassen sich viel weiter reichende und vermarktbare Schlüsse ziehen. Alles, was dieses Geschäft stört, muss weg. Im aktuellen Fall ist dies wirklich kein Verlust, eher ein Dienst an der Gesellschaft, das will ich FB unumwunden zugestehen. Beim Rest muss jeder selber wissen, wie er es damit hält. Wie sagte gestern ein Ökonomieprofessor: „In dem Augenblick, in dem Geld dafür fließt, dass man die großen Onlinedienste nutzt und somit mit Daten füttert, werden meine Studenten den ganzen Tag nichts anderes mehr tun als Onlinedienste zu nutzen und Daten zu erzeugen.“ Doch solche gekauften Daten seien wertlos, deshalb werden wir weiterhin umsonst liefern müssen. Und hoffen, dass der Gegenwert, also der Nutzen der Dienste und Netzwerke, stimmt. So betrachtet ist FB gestern für mich ein gutes Stück wertvoller geworden (auch wenn ich es nicht nutze…)

Bei FB wird Gold geschürft, echtes Gold. Die Narzissten, die sich allein berauschen am Katzengold aus Likes und Followern und Shitstorms, stören dieses Geschäft. Werden sie es je kapieren?

Wald. Lichtung. Hain. Quelle

Die Welt ist ein Wald: nachdem ich an der Süddeutschen in letzter Zeit hin und wieder herumgekrittelt habe, widmet sie heute dem Motto dieses Blogs einen Artikel. Nette Geste. Christoph Quarch beleuchtet das Verhältnis von Wald und Lichtung im Fortschreiten der Gesellschaften. Angefangen, natürlich, bei wilden Waldmenschen, Giganten, über die Gründung Roms als Rodungsinsel, über die Aufklärung als große Lichtung, die Waldverehrung der Romantiker und den heutigen Dschungel. (Blitz aus dem Virtuellen, SZ Nr. 81/2019, S. 10)

Überraschenderweise erklärt er nicht das Netz, die digitale Welt zum undurchdringlichen Wald, in dem man leicht verloren gehen kann, sondern zur Lichtung, die sich „schleichend in den alten Raum der Stadt gebrannt [hat], eine Lichtung, deren Licht so grell ist, dass sich niemand ihr entziehen kann.“ Was folgt daraus? „Der urbane Raum der analogen Stadt wird bald den Wald beerben“. Quarch beschwört den Großstadtdschungel als Sehnsuchtsort für neue „wilde“ Männer und Frauen und sieht die große Verwilderung des Stadtraums heraufziehen, weil Gestaltung, Zuwendung, Sichkümmern nur noch den digitalen Formaten gelten könnte. – Bedenklich. Aber er dreht noch weiter, weil er meint, diese neue digitale Lichtung sei so groß und grell beleuchtet, dass es keinen Schatten mehr gäbe, also eher eine Wüste als eine Lichtung, diese neue Welt, wo „zu viel Licht tödlich“ ist. (So betrachtet könnte es also sein, dass es manchen Leuten in den unendlichen Weiten und unter der grellen Sonne des Web schon die Großhirnrinde weggebrannt hat, bei dem Stuss, den sie oft absetzen.)

Letztlich ist der Wald der Ursprung von allem. Nur weil es Wald gibt, kann es Lichtung geben. Der Wald ist der Wurzelraum, die Quelle, die „Brutstätte„, das sich ständig erneuernde Füllhorn, das die Natur ausschüttet, wenn man sie lässt. So ist der Wald in den Mythen der Menschheit häufig der „Ort der Transformation, Initiation und Verwandlung“ der Helden. Der ackerbauende und viehzüchtende Mensch drängte ihn immer weiter zurück, schaffte sich erschöpfenden Produktionsraum, den er dann künstlich düngen muss. Bis nur noch eine große Agrarsteppe zurückblieb, auch eine Art von Wüste, wie Leute wissen, die etwas von Biodiversität verstehen.

In der großen Agrarsteppe der USA, zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains, in großen Teilen natürliches Grasland, das unter den Pflug genommen wurde, erkennt man die Farmen schon von weit her. Auch an den Getreidesilos, aber vor allem an den Bäumen. Kleine Waldinseln. Inverse Lichtungen sozusagen. Sie dienen hier oft zunächst dem Windschutz, weil die Great Plains von unaufhörlichen Winden geplagt sind, auch wenn kein Tornado droht. Und für deren Schutz vor Wind und Sonne in der Ackerwüste der einsame Wanderer sehr dankbar ist, wie Wolfgang Büscher in „Hartland“ berichtet – wenn die Hofhunde ihn ruhen lassen. Dort, wo Menschen sich verorten, bedürfen sie offenbar des Waldes, seinem kühlenden Schatten, seinen Geheimnissen der Quellnymphen, dem Gesang seiner Vögel. Wobei diese Art von Wald eher ein Hain und der Hain der Topos schlechthin ist für den „locus amoenus“ einer arkadischen Weltsicht. Der Hain steht zwischen Wald und Lichtung, ist geprägt von beiden Sphären, ist nicht zu groß, ein wenig licht, überschaubar. Man könnte auch sagen: nett. Bieder. Die goldene Mitte. Gegenstand unzähliger Bilder der frühen Neuzeit, als der Mensch begann, das Licht der Welt für sich zu entdecken und das „himmlische Licht“ in den altgewordenen gotischen Kathedralen zurückließ. Der Hain gewinnt aktuell wieder an Bedeutung: Agroforst, Waldackerbau sozusagen ist das neueste Ding in der (ökologischen) Landwirtschaft. Ackern unter Bäumen, Landwirtschaft in Etagen, nicht zu viel Sonne und die Feuchte beieinander halten. Die Umstände verlangen danach.

Lynx streift herum, mal hier, mal dort. Sein Lieblingsort wird nicht verraten. Einmal war er allein unterwegs am Westabhang der Appalachen, in den Wäldern von Kentucky, bei Wildcat Mountain. Er hatte Witterung aufgenommen und folgte der Fährte von Daniel Boone, dem „Trailblazer“, der Ende des 18. Jh., also zu Zeiten der Aufklärung, den Siedlern den Weg durch das östliche Küstengebirge in die unendlich fruchtbaren, paradiesisch beschaffenen Weiten des Mittleren Westens gewiesen hatte. Dieser Weg, die Wilderness Road durch die Cumberland Gap führte durch das Stammesgebiet der Shawnee. Deren bedeutendster Anführer war Tecumseh, ein weitsichtiger Politiker, dem es gelungen war, zeitweise eine große Koalition der Stämme in „Appalachia“ zu schmieden, um sich der Siedlerflut zu erwehren. Das Ergebnis ist bekannt, Tecumseh aber in Erinnerung geblieben und zur mythischen Figur geworden. Lynx folgte einem schmalen Waldpfad in eine Senke hinunter, ein kleines hölzernes Schild hatte zu einer „Indian Spring“ gewiesen, einer Quelle, die offenbar die Shawnee gekannt hatten. Es war sehr still, kein Mensch weit und breit. Aus einem Felsen rann ein sehr dünnes Wässerchen, kleine Pfützen am Grund. Er streckte die Hand aus, um vom Wasser zu kosten, benetzte seine Lippen. Da erhob sich ein Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Seitdem…