2019.251

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Stockduster

Hin und wieder versuche ich, bei der Betrachtung von Dingen einen Schritt zur Seite zu treten. Die Perspektive zu verändern. Oder auch, mir den Spiegel vorzuhalten (Erschrecken!).

Aktuell beispielsweise in der Debatte um Herrn Tönnies und sein Afrikabild. Nichts von seinen Äußerungen muss wiederholt werden. Ich frage mich allerdings, warum sich kein cooler Afrikaner findet, der kontert, dass es im weißen Europa offenbar nie mehr richtig dunkel wird, denn sonst hätte dieses weiße Europa doch kein Demographieproblem? – Vielleicht würde dann der Einstieg in die Debatte gelingen, um was es eigentlich geht?

Senhor Bolsonaro aus Brasilien hält sich für cool und ist gerne behilflich bei einem solchen „Move“: Er gibt der (gelegentlich naiven) Frau Schulze Bescheid, Deutschland solle die nun zurückbehaltenen Fördergelder für brasilianische Regenwaldprojekte doch besser für die Wiederaufforstung Deutschlands verwenden, das sei sinnvoller. Dummerweise hat er recht, ein Stück weit. – Mich beschleicht stets ein komisches Gefühl, wenn wir den Regenwaldnationen vorschreiben wollen, dass sie gefälligst ihr Territorium weitgehend im Naturzustand belassen sollen – damit es bei uns weiterhin gemütlich bleibt. Pech für euch im Süden, dass wir schneller waren mit der Abholzung, jetzt ist das Budget leider aufgebraucht! Auch eine Form von Rassismus.

Das Dumme ist nur: während in gemäßigten Breiten die Abholzung auf einfache Weise stabile und produktive Ersatzökosysteme ermöglicht, sieht es in den Tropen ganz anders aus. Wenn man nicht aufpasst, geht der Regenwald ganz schnell in eine zwar stabile aber unproduktive Wüste über. Nachteil Brasilien. Dennoch gibt es in der voreuropäischen Geschichte Amerikas Anschauungsmaterial, wie einerseits Rücksichtslosigkeit gegenüber den natürlichen Grundlagen ins Verderben führte und ganze Kulturen auslöschte. Andererseits gab es schon einmal Technologien, den Regenwald produktiv nutzbar zu machen. Das verlangt aber technologische Intelligenz und Geduld. Warum investiert Brasilien nicht in seine Zukunft und macht uns vor, wie man sein Potential produktiv entwickelt, so dass es nicht binnen einer oder zwei Generationen ins Meer gespült wird? Dann könnte Bolsonaro ganz zu recht mit dem Finger auf uns und unsere heraufziehenden Nitratwüsten zeigen. Derzeit benimmt er sich aber doch eher wie all die anderen Idioten, die eifrig daran herumwerkeln, dass es in absehbarer Zeit für uns alle eher düsterer wird.

Weil wir gerade bei anderen Idioten und Nachrichten aus dieser Woche sind: das erratische Agieren von Mr. Trump sorgt jetzt offenbar dafür, dass die Weltwirtschaft sich tatsächlich merklich abkühlt, insbesondere China und Deutschland leiden, war zu lesen. Was heißt das? – Schritt beiseite: ist Trump verkappter Ökologe? Kann es nicht sein, dass gerade er (während Fräulein Thunberg über den Atlantik schaukelt) dem Weltklima eine längst nötige Erholungspause gönnt? In seiner Diktion würde das heißen, dass er den größten Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen leistet, den die Welt je gesehen hat! – Schritt zurück: nein, so weit wird er es nicht kommen lassen. Denn er ist dabei, die Pensionen seiner Stammwähler zu pulverisieren. Das werden sie ihm nicht durchgehen lassen. Er will wiedergewählt werden, also muss er den Ofen ganz schnell wieder einheizen. Ob das dann besser ist? Verwirrende Zeiten. Vielleicht wird es doch wieder dunkel, womöglich stockduster. Und dann?

Maddy, Maggie, Angie

2014 erschien Richard Powers’ Roman Orfeo und wenn Angela Merkel damals Muße hatte für Urlaubslektüre, dann könnte das etwas für sie gewesen sein, wer weiß. Die Geschichte des älteren Komponisten und Musikdozenten Peter Els, der aus wissenschaftlicher Neugier versucht, in seinem Privatlabor Musik und Genetik zu verschmelzen und deshalb ins Visier der Homeland Security gerät. Sein Leben wird schlagartig zum Ausnahmezustand und die Erzählung davon spielt auf verschiedenen Zeitebenen der persönlichen Erinnerung und Gegenwart, von Zeit- und Musikgeschichte – und von Orten der amerikanischen Provinz, wie stets bei Powers.

Eine Episode ist mir heute untergekommen: Els hält einen Vortrag über Messiaens Quatour pour la fin du temps – im Schattigen Hain, einem Altenheim, bei Menschen, die bald tot sein würden. Hier holen ihn Erinnerungen an den Winter 1967 ein: Aufbruchstimmung, irritierende Begegnung mit der Musik von John Cage, beglückende Begegnung mit Madolyn Corr. Mit ihr ist er auf dem Weg zu einer Cage-Performance, sie irren durch die Nacht auf der Suche nach dem Veranstaltungsort, einer Markthalle für Schlachtvieh, Peter auf dem Beifahrersitz eines alten geliehenen Kleinbusses:

Els nimmt die Hände vom Gesicht: „Ich glaube, das war ein Stoppschild“, stöhnt er.
„Wir schaffen das!“ In dem schlitternden Kleinbus schaut ihn Maddy von der Seite an und kneift ihm aufmunternd in den Oberarm. „Wir schaffen das!“
Erst vor wenigen Wochen ist dieses selbstsichere, wagemutige, aufgeklärte Mädchen aus dem Norden des Landes mitten in Els’ Leben gelandet, und mit einem einzigen abrupten Schnitt war der Schwarzweißfilm neonbunt geworden. […] Sie kann ein ganzes Jahr seiner Ängste davonzaubern, mit einem einzigen amüsierten Schmollmund. Sie sorgt dafür, dass er aus sich herausgeht, Anteil an der Welt um ihn her nimmt, der großen Schnitzeljagd. Sie ist so sicher auf ihrer Bahn, das reicht für zwei.“ (1)

Tja, denkbar, dass diese Passage Frau Merkel damals ein wenig aufgewühlt und sie sich wieder an Angela, das Mädchen, erinnert hat. Und warum sie das alles auf sich genommen hat. Der Rest ist Geschichte. Aber wie sangen schon Keimzeit, die auch als DDR-Band begonnen haben, in Maggie:

So einfach stehn die Dinge
Nun auch wieder nicht
Denn wer weiß schon genau
Wann so ein Krug zerbricht…

Dass wir aus uns herausgehen: das ging gerade mal einen Sommer lang. Merkel hat die vielen alternden Menschen in den beigen Blousons unterschätzt, das Nörgeln der Alten im schattigen Hain der Nation. Nicht wenige wünschen Angela die Homeland Security an den Hals. Manche von ihnen bedauern, dass es die gute alte Stasi nicht mehr gibt, oder ihren Vorläufer, die Herren mit den schweren Ledermänteln. Ihre Welt ist beige und verblassend, aber das hatte Nina Hagen ja schon sehr früh prognostiziert:

Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel‘
alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr…


(1) Powers, Richard. Orfeo, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2. Auflage, 2014. S. 171-173

Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

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