Mit Marc Aurel am Whirlpool

Kunstlederwhirlpool
Kunstlederwhirlpool: „dank seiner fortschrittlichen Technik Entspannung und Spaß auf Knopfdruck“, (c) Lynxblox 03/2013

In Berlin müssen sie schon wieder frieren, aber hier ist so ein voll kitschiger Vorfrühlingstag, es ist sonnig und mild, der warme Südwind weht. Der Tag, um den Nachmittag im Straßencafé zuzubringen, nur noch mit den Augen flanierend. Oder eine erste Fahrradrunde zum See zu drehen. In der noch winterfeuchten Wiese liegen und lesen.

Vor einer Weile habe ich mir so einen E-Book-Reader gekauft, ein schlichtes Teil ganz ohne Schnickschnack, Touchscreen und Wlan. Nur zum Lesen. Dafür passt, wenn man will, eine ganz Bibliothek der Weltliteratur drauf, auf ein Gerät mit der Fläche von eineinhalb Reclambändchen „Peer Gynt“ beispielsweise und auch nicht dicker. Und vor ein paar Tagen gab’s noch ein Solarladegerät dazu, halb so groß wie eine Zigarettenschachtel. Damit lässt sich der Reader beladen und der Hosentaschencomputer, mit dem man auch telefonieren kann. Jetzt kann ich also tagelang, wochenlang am See liegen und lesen, wie wär’s mit Marc Aurel, oder durch die Berge wandern und mich nicht mehr verlaufen. Schade nur dass das Solargerät noch keine Photosynthese betreiben und rasch ein paar Tomaten oder Trauben wachsen lassen kann, für den kleinen Hunger zwischendurch.

Lege beiseite, was dich zerstreut, die Bücher und alles, was hier zu nichts führt; des Fleischlichen achte gering wie einer, der bald sterben muß! (1)

Mein Chef schickt mich heute boshafterweise auf die Haus- und Gartenmesse. In stickigen Messehallen gibt es viel älteres Publikum, das sich mäßig für Solardächer und Pelletheizungen interessiert, dafür umso mehr für die Schaumetzgerküche mit angeschlossenem Wurstladen, wo es ganz echte Wurst zu kaufen gibt wie nirgendwo sonst. Außerdem gibt es Infrarotsaunakabinen, Aluminiumgartengitterzäune, Natursteinmülltonnenhäuser, Balkongeländergrills und viele weitere echt brauchbare Sachen. Ganz am Ende der Verwertungskette steht der Komposter aus Recyclingkunststoff.

Der Kunstlederwhirlpool für den Garten ist ein echter Höhepunkt (wie konnte ich mich nur an den See wünschen!). Studiogebräunte Verkäufer beraten beige Senioren und aufgetusste Kostümträgerinnen über die besonderen Qualitäten dieses Pornoambientes. Der amerikanische Fotograf Larry Sultan hat einmal eine Fotoserie über diese Szenerien von Porno-Drehorten in Kalifornien gemacht und anlässlich einer Ausstellung 2006 mit der Süddeutschen Zeitung ein Gespräch geführt:

Die SZ fragte nach dem Verhältnis von dumpfem Drehinhalt und dem Einrichtungsstil in den Pornos, „diese vielen Kamine, der Stuck, die pompösen Antiquitäten. Diese ganzen Sachen wirken wie Attrappen, ein wenig pseudoluxuriös…[…]“ (2):

Ja, sie sind Kulissen. Sie spiegeln den amerikanischen Traum wider, und das heißt: sein Leben auf dem Land zu verbringen, in den eigenen vier Wänden und – ganz wichtig – mit einem großen Rasen. Eine horizontale statt einer vertikalen Fläche definiert das gute Leben! Wenn Sie nun noch einen Schritt weitergehen, so landen Sie bei der Pornografie. Sie vollendet diese Phantasie, denn sie bietet die Illusion von Sexualität und Genuss, wo in Wirklichkeit Frustration und Mangel herrschen. So betrachtet ist die Pornografie der Kollaps des amerikanischen Traums. (Larry Sultan)

Der große Rasen und mittendrin ein Kunstlederwhirlpool. Die Illusion vom beschissenen Schlaraffenland.

Man liebt es, sich zuzeiten aufs Land, ins Gebirge, an die See zurückzuziehn. Auch du sehnst dich vielleicht dahin. Im Grunde genommen aber steckt dahinter eine große Beschränktheit. Es steht dir ja frei, zu jeglicher Stunde dich in dich selbst zurückzuziehn, und nirgends finden wir eine so friedliche und ungestörte Zuflucht als in der eignen Seele, sobald wir nur etwas von dem in uns tragen, was Seele, sobald wir nur etwas von dem in uns tragen, was wir nur anzuschauen brauchen, um uns in eine vollkommen ruhige und glückliche Stimmung versetzt zu sehn […] (3)

Goodbye Whirlpool. E-Book-Reader geht grade noch.

Quellen:
(1) Marc Aurel. Selbstbetrachtungen, Buch 1, 19
(2) SZ-Wochenende 6./7.05.2006
(3) Marc Aurel. Selbstbetrachtungen, Buch 4, 3

Ein Kommentar zu „Mit Marc Aurel am Whirlpool

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