Trackline #3: Dahoam, Not Dahoam

Freund CJ3 und Lynx trafen sich mal wieder im Hamsterrad. Was hatte er diesmal mitgebracht? Kurzes Ping-Pong zwischen Norah Jones und Sven Regener (was für ein Match!), bevor wir uns auf den Byways von Nordamerika und in aktuellen Fragen der Zeit verliefen. Wie immer der Reihe nach:

The Little Willies: Fist City (For the good times, 2012) – If you don’t wanna go to Fist City,/You’d better detour ‚round my town/Cause I’ll grab you by the hair of the head/And I’ll lift you off the ground. Die Schlusstakte des Songs ertönen, übrig noch vom letzten Lauf. Norah Jones macht ihren Standpunkt klar, während Donald Trump nach Davos ausgewichen ist.

Element of Crime: Schwert, Schild und Fahrrad (Lieblingsfarben und Tiere, 2014) – Robert Habeck ist jetzt Grünen-Vorsitzender und die von Regener besungenen Attribute scheinen wie für ihn ausgewählt. Doch das ist eine andere Geschichte. Eigentlich ist es eines der vielen melancholischen Lieder, die um die Schwierigkeiten oder Unmöglichkeiten des Zusammenlebens in einer wirren Welt handeln. Wenn Trump einfliegt, nichts wie weg: Hinauf, Hinauf zu dem Punkt, von dem aus man sieht/Wie der Horizont sich verbiegt, nur damit auf dich/Noch mehr Licht fällt, als ohnehin schon/Und der Wind singt dazu monoton/Ein Lied von Glück und Gefahr/Wie an dem Tag/An dem ich dich das erste mal sah… Lynx kennt diese Orte über Davos durchaus, hat sie in den Beinen, aus Zeiten ohne Hubschrauberlärm.

The Little Willies: I gotta get drunk (The Little Willies, 2006) – Ein Willie Nelson Song von 1970 in einer munter zupackenden Version, eine Einladung an Regener, an die Bar zu kommen. Eine Verzweiflungstat, um sich diesen ganzen Irrsinn wegzusaufen? Well I gotta get drunk and I sure do dread it/cause I know just what I’m gonna do… Der Text endet mit der Einladung zur nächsten Runde, denn es gäbe schließlich mehr alte Trinker als alte Ärzte.

Element of Crime: Bitte bleib bei mir (Immer da wo du bist, bin ich nie, 2009) – Regener singt aber lieber davon, das alles hinter sich lassen, sich abzufinden, dass Jugend vergänglich, die Leber empfindlich und nicht unendlich belastbar ist, und dass es doch auch anders gehen kann. Auf die Beine, raus aus der Bar: Komm mit mir woanders hin, ich/weiß noch einen Weg/den kann man nicht alleine gehn und/ich hab mir überlegt…

Keb‘ Mo‘: More than one way home (Just like you, 1996) – Keb‘ Mo‘ mischt sich ein, der alte Fahrensmann des späten Blues, herumgekommen, ziemlich harmoniesüchtig, voller warmer Klänge. Er stammt aus Compton im berüchtigten Süden von L.A., lebt jetzt im Heartland der amerikanischen Rootsmusic, in Nashville/TN, dort wo die Zikaden kreischen und am Spätnachmittag alles etwas sepiafarben wird. Im Song erinnert er sich an seine Kindheit in den Straßen von Compton, von denen er sich weit entfernt hat: Well, there’s more/Than one way home/And there ain’t/No right way, no wrong – Ach, wem müsste man das alles eintrichtern, um die Ohren hauen. Was einmal eine Binsenweisheit war, hat aktuell schon wieder den Status einer fast revolutionären Erkenntnis.

Bob Marley & The Wailers: Buffalo Soldier (Confrontation, 1983) – Weggehen, heimkommen, woanders ankommen. Rem Kolhaas zerpflückt heute in der SZ das deutsche Heimatgefühl, diese Sehnsucht nach Statik und Unveränderlichkeit (Dazu noch einmal Sven Regener: …wo die Erde niemals bebt, baut man gerne mal ein Haus aus Stein…). Die Niederlande würden alle 10 Jahre neu entstehen, einen Heimat-Begriff gäbe es dort nicht. Ob es wahr ist? Viele Holländer verreisen ja nicht ohne ihren Wohnwagen, hängen die Heimat an die Anhängerkupplung. Mobile Heimat, wieder eine andere Geschichte… Viele Leute sind unterwegs. Und krass ist, dass die heutigen Sklaven zwar ebenfalls nicht freiwillig, aber aus eigener Kraft unterwegs sind. There was a Buffalo Soldier in the heart of America/Stolen from Africa, brought to America/Fighting on arrival, fighting for survival… Viele wollen von diesen modernen Sklaven nichts wissen. Andere nehmen das Angebot gerne an und machen ihr Geschäft. Wir allermeisten wissen nicht recht damit umzugehen. Wir wollen sie nicht als Sklaven sehen, finden aber keine rechte Verwendung. Würden sie sich doch einfach in Luft auflösen, dürfte ein verbreiteter heimlicher Wunsch sein.

Ashley Monroe: Like a Rose (NPR Tiny Desk Concert, 2013) – Ashley Monroe stammt aus Tennessee, aus dem Bible Belt. Auch phänotypisch verkörpert sie ideal Trump-Country: blond, schlank, weiß. Und sie hat diese in der Countrymusik häufige helle Stimme, die etwas gequetscht klingt, sehr weiß eben. Irgendwie passt diese Interpretin gar nicht in diese Tracklist – oder doch? Folk und Country Songs sind voll von Geschichten vom Weglaufen, Auf-der-Straße-sein, Heimat suchen, heimwärts Reisen, Verlorensein, Einsamkeit. Im Song Like A Rose erzählt sie vom Weglaufen aus North Dakota, aus einer zerbrochenen Familie, immer nach Süden, in die Wärme: Sitting in this diner with a coffee in my hand/Waiting on a bus to some promised land/I got a one way ticket as far as it goes/And I came out like a rose… Diese Geschichten stecken im Kern amerikanischer Identität. Wenn man die richtige Hautfarbe hat und zur Majorität gehört, werden die Geschichten zu gut verkäuflichen Heimatliedern…

N.B.: Eine veritable Heimat für Neugierige in Sachen Musik ist das National Public Radio (NPR) mit seinen Tiny Desk Concerts. Hier treten sie alle auf und geben sich die Klinke in die Hand, die großen Stars und die jungen musikalischen Startups. Der Platz in den Büroräumen des Senders ist beengt, häufig wird unplugged gespielt, meist auf technischen Schnickschnack verzichtet. Die Auftritte sind kurz, zwei, drei Nummern, die haben es in sich. Der Auftritt von Adele gehört zu den beliebtesten und wenn man sie dort sieht und hört, gönnt man ihr neidlos jeden Ruhm. Ganz aktuell dort übrigens Barbara Hannigan mit Liedern von Wiener Komponisten der letzten Jahrhundertwende, der Zeit, als sich in der klassischen Musik die gewohnte Harmonik aufzulösen begann, all in german. Darunter auch die Goethe-Vertonung von Hugo Wolf: Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide…

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