Sauerstoff

Es ist schon eine Notiz wert, dass es in diesen Tagen noch Politiker gibt, die stur rational handeln und sich nicht mit aller Macht beim konsumgeilen Wahlvolk anbiedern. Dem Düsseldorfer Stadtrat gebührt Respekt – auch und gerade weil es der Oberbürgermeister anders sieht.

Dort wollte man allen Ernstes 100 Bäume fällen und fast noch einmal so viele verpflanzen, um ein Openair-Konzert von Ed Sheeran zu ermöglichen. Man stelle sich das vor: man opfert leichtfertig ein paar tausend Jahre Leben von Bäumen, damit einer singen kann, der vielleicht für ein paar Sommer die Menschen verzückt und der sich von ihnen für einen Sommerabend als Idol anhimmeln lässt… (Hätte man nicht eher erwartet, dass ein solch gefühliger Barde das auch nicht toll findet, dass seinetwegen Bäume sterben müssen? Schnöder Mammon!)

Falls es noch nicht bekannt ist: gäbe es keine Bäume (und sonstiges Grünzeugs), könnte Sheeran nicht singen, seine Fans nicht jubeln, viele Menschen vielen anderen Blödsinn nicht anstellen. Die Welt wäre ein sehr viel ruhigerer, aber wahrscheinlich stickig-stinkender Ort. Ohne Sauerstoff, den die Pflanzen ausatmen, ist (fast) nichts.

Mag jetzt arg grundsätzlich klingen, wo es doch nur um ein Konzert geht. Aber es sind einfach diese vielen Mikropartikel von konsumistischem Unsinn, die sich allmählich summieren zu einer unerträglichen Müll-Lawine.

Nachtrag 29.06.2018

Global Forest Watch hat Satellitendaten ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass der weltweite Baumbestand 2017 um die Größe Italiens abgenommen hat, vor allem in den Gebieten mit tropischem Regenwald. Maßnahmen zur Neupflanzung und Aufforstung wurden nicht erfasst. Die UN rechnen das gegen und meinen, der jährliche Waldverlust betrage deshalb nur 33 km2. Doch wie man es dreht und wendet: die Zahl der Menschen und ihrer Nutz- und Schlachttiere, mithin also großer Konsumenten, steigt unaufhaltsam, während die Zahl der Produzenten genauso stetig abnimmt und ihre Substanz sich auch qualitativ stetig verschlechtert. Bei den sonst so schlauen Betriebswirten müsste es da doch längst klingeln: hier gerät ein Geschäftsmodell in akute Gefahr – und zwar das Geschäft schlechthin. Aber wie es scheint, ziehen sie immer noch den einfachen, immer gleichen Schluss: weitermachen, die Kuh melken, so lange sie noch Milch gibt. Futter für morgen? Sehen wir dann. (Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr 147/2018, S. 14).

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