Bierdeckel-Kompass

Seit man keinen Kompass mehr braucht, um sein Ziel auch in unübersichtlichem Gelände zu erreichen, scheint manchen Menschen das Orientierungsvermögen abhanden zu kommen. Den Kompass konnte man nur sinnvoll nutzen, wenn man seine Anzeige mit der realen Welt um einen herum in Beziehung setzte, ja, manchmal musste man peilen. Braucht es nicht mehr: man starrt auf das Smartphone-Display, lässt sich vom GPS leiten und stolpert blind und ahnungslos vor sich hin. Das Drumherum nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Und wenn man seine Apps und Dienste „richtig“ eingestellt hat, dann kriegt man eh nur noch das angezeigt, was einen „interessiert“, Anderes spielt eigentlich keine Rolle mehr, wahr ist, was auf dem Display steht. Doch die Welt bleibt ein unübersichtlicher Wald und ein guter Kompass hilft immer noch.

Auf einem Bücherflohmarkt ist mir beim Herumstreunen ein kleiner Schatz in die Hände gefallen, eine Sammlung von Aufsätzen als Nachbereitung eines Kongresses, der im Dezember 1986 in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Internationale Design Zentrum Berlin (IDZ) und es ging um „Design der Zukunft“. Intellektuelle aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Denkrichtungen trugen den Stand ihres Wissens zusammen und tauschten sich aus, unter Leitung des kundigen Fährtensucher Lucius Burckhardt (den wir immer noch schmerzlich vermissen). Natürlich ging es um die Doppelsinnigkeit des Themas, mit einer gewissen Unwucht aber vorrangig um die Fragestellung, wer unsere Zukunft macht, welche Spieler auf dem Spielfeld sind und welchen Impulsen oder Zielvorstellungen sie folgen.

Michael Thompson, ein britischer Mathematiker, Anthropologe und Querdenker, der sich mit Kommunikationsprozessen von Entscheidungsträgern beschäftigt, hat den Spielball aufgegriffen und einen instruktiven Kompass entworfen, der tatsächlich auf einen Bierdeckel passt, und einem hilft, sich gesellschaftlich zu verorten und die eigenen Interessen besser kennenzulernen und zu verfolgen. Ganz nebenbei ist es ein großer Spaß, allerlei andere Dinge, die um einen herum passieren, einzuordnen oder sie zumindest mittels dieses Kompasses einer kleinen Überprüfung zu unterziehen.

Was sagt der Kompass, in aller Kürze? Er hat, wie jeder gute Kompass, vier Hauptrichtungen. Thompson sagt, Vierfachheit sei der Schlüssel „zum Verständnis der widersprüchlichen Zukunftsvisionen, die sich aus unseren gesellschaftlichen Wechselbeziehungen ergeben“ und um die dynamischen Prozesse in Gesellschaft und Umwelt zu entwirren und besser zu verstehen. Tatsächlich eröffnet der „Kompass“ ein Spielfeld von Handlungsmöglichkeiten, anstatt die Dinge nur linear („das einzig Richtige“) zu betrachten. Und alle Handlungsmöglichkeiten basieren auf einer eigenen Rationalität.

Ein Spielfeld wird aufgespannt, also gibt es zwei Dimensionen. Thompson nennt sie „die zwei Dimensionen des gesellschaftlichen Seins“ aus denen sich vier Varianten (oder Quadranten) einer „Natur der Rationalität“ ergeben.
Die x-Achse beschreibt die Formation der Gesellschaft, den Grad der Kollektivierung, die man für eine funktionierende Gesellschaft für wichtig erachtet und wie man diese Frage für sich selbst beantwortet: ist man geneigt, die Dinge individuell, eigensinnig, auf die eigene Kraft vertrauend zu lösen, oder vertraut man mehr auf die Kraft der Gemeinschaft, in Solidarität und im Extremfall Verbrüderung.
Die y-Achse ist die Dimension der Regulierung der gesellschaftlichen Prozesse, der Regelsetzung: sollte es möglichst wenig allgemeine Regeln geben, um die freie Entfaltung des Individuums minimal einzuschränken (Ideal des freien Marktes) oder bedarf es eines ausgeklügelten und umfassenden Regelwerks, um die kollektiven Interessen zu formulieren, auszugleichen, durchzusetzen (technokratische Hierarchie).

So ergeben sich vier Quadranten oder Typen von gesellschaftlichen Akteuren, die jeweils ihr Süppchen kochen oder vorgesetzt bekommen, je nach Aufstellung auf dem Spielfeld. Da kann man jetzt mal darüber sinnieren, wo man sich da verorten möchte. Noch ist das aber sehr abstrakt.

Interessant wird dieser Kompass erst, wenn Thompson ihn in Beziehung setzt zu konkreten gesellschaftlichen Fragestellungen, wobei er sich in seinem Aufsatz beschränkt auf den Umgang mit Natur und Ökologie. Inwieweit es legitim ist, das Gedankenspiel auf andere Bereiche auszudehnen, sei dahingestellt, inspirierend ist es auf jeden Fall.

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Thompson identifiziert, unabhängig von seinem Quadrantenmodell, vier Mythen über die Natur, unter Rückgriff auf Analysen aus der Ökologie. Von jedem dieser Mythen könne man sagen, er „stimme teilweise die ganze Zeit oder stimme absolut für einige Zeit“. Daraus ergäbe sich die „zeitlose Gültigkeit und selbstverständliche Anziehungskraft, die alle guten Mythen auszeichnen“. Und diese Mythen stellt er als Ball in der Landschaft dar, ein wunderbar instruktiver Kniff:

  1. Die gütige Natur: es gibt ein globales Gleichgewicht, die Natur verzeiht, egal welche Schläge sie einstecken muss. Es gibt eine „versteckte Hand“, der Ball kehrt immer wieder zurückrollend ins Spielfeld zurück.
  2. Die kurzlebige Natur: Natur ist eine Mimose und schon beim kleinsten Schlag akut gefährdet. Verzeiht nichts, ist dem Untergang nahe, steht am Rand der Katastrophe. „Ein Minimum an Störung ist der vorrangige moralische Imperativ“ Harmonie mit der Natur, Einklang, ist das Ziel.
  3. Die perverse bzw. tolerante Natur: sie ist nicht das Mittelding aus 1. und 2., auch wenn es auf den ersten Blick so scheint. Die Angst oder das Wissen darum, dass die Natur unversöhnlich sein kann, wenn wir gewisse Grenzen überschreiten und es mit dem „individualistischen Übermut“ übertreiben, erfordert Regeln, Standards, Grenzwerte, Kontrollen, die über die Grenze zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht wachen. Ein ausgeklügeltes, umfassendes System, das uns in unserem gewohnten Umfeld stabil hält und uns ernährt (Kulturlandschaft), denn wir wissen nicht, was uns jenseits des Rands erwartet.
  4. Die kapriziöse Natur: die Heimat der Fatalisten, die das Leben für eine Lotterie halten und sich in den Unwägbarkeiten und auch Mühen der Ebene tummeln (müssen). Passiv, ohne eigenen Antrieb, konsumorientiert. Sie seien „die großen Risikonehmer, die mit Würde und Unwissenheit ertragen, was immer auf sie zukommt; ein sozialer Schwamm“, der eben zum Spielball für die Interessen der „Macher“ aus den anderen drei Quadranten/Naturmythen wird. Heute würde man vielleicht sagen: du Opfer.

1986 war nach 1984. Entgegen mancher Ängste war die Welt nicht im Totalitarismus erstarrt. Im Gegenteil. Es kam 1989 und allerlei brach auf und um. Auch schon ein Weilchen her und 2018 erscheint in vielen Köpfen 1984 näher denn je. 1986 war das Jahr von Tschernobyl und die ökologische Fragestellung war unmissverständlich auf der Tagesordnung (es hat dann aber bis 2011 gedauert, um mancherorts entschieden darauf zu reagieren). Seit 2015 wird unsere öffentliche Debatte mit einem anderen Fokus geführt. Lynx ist versucht, die vier Mythen der Natur zu verallgemeinern auf vier Mythen über die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der Migration. Jetzt kann man mal aus diesem Blickwinkel betrachten, wer da wo und wie welches Süppchen kocht:

  • Die „Gutmenschen“ oder auch die Kapitalisten (was für eine Entente!), die meinen, jeder hat ein Recht auf persönliches Glück und seine Chance verdient. Sehen wir die Möglichkeiten für unsere Ökonomie und alles wird gut.
  • Die Bürokraten, die Verträge aushandeln, einen Migrationspakt sich ausdenken, hier schieben, dort ziehen und zusehen, dass das Boot nicht kentert (sic!), aber Gefahr laufen, nicht mehr verstanden zu werden in ihrem Technokratensprech.
  • Die Sektierer (ja, jetzt wird es offenbar), die verbal minütlich den Weltuntergang und die „Umvolkung“ zelebrieren. Die offenbar keine Erfahrung mit rauher See haben oder nicht haben wollen, und ein Boot immer voll und kentern sehen (das Boot der Anderen ist ihnen aber wurscht).
  • Die Schwächlinge, der Schwamm, die Kugeln, die auf dem Spielfeld herumgeschoben werden wie die Bauern im Schach, und natürlich geopfert werden. Die sich missbrauchen lassen für jede Kampagne oder aber auch nur still alles ertragen, wird schon werden.

Die Akteure bewegen sich auf dem Spielfeld und bilden Haufen, Mehrheiten, je nach Thema auch durchaus wechselnde Haufen. Entscheidend ist, wohin das Stimmvieh, also die Schwächlinge laufen:

  • Eine Mehrheit oberhalb der x-Achse führt vermutlich in ein totalitäres System der Technokratenherrschaft über die vielen dummen Schafe, wenn bestehende Mechanismen der Checks and Balances ausgehebelt werden können.
  • Eine Mehrheit unterhalb der x-Achse, schwieriges Gelände, aber vermutlich das, was wir gerade in den USA erleben. Hysterischer Libertärismus. Die dummen Schafe wandern von links oben nach rechts unten und helfen mit, dass die Entrepreneure links unten ungestört ihren Geschäften nachgehen können: Trumpismus.
  • Eine Mehrheit links der y-Achse: Marktliberalismus par excellence, der FDP-Traum. Stummer Konsum und ansonsten maximal freie Hand zur Entfesselung des Marktes.
  • Eine Mehrheit rechts der y-Achse: für Manche das Schreckensbild von der Ökodiktatur: Untergangsängste werden instrumentalisiert, um ein System, vorzuschreiben, in dem alles überreguliert wird („Veggie-Day“) und nach den Interessen der Hierarchisten/Verwaltungen/Bürokraten ausgerichtet wird. Indiviuelle Freiheit wird aus Alarmismus geopfert. Darum hat das mit Jamaika nicht funktioniert. Problematischer aber als ein denkbares Szenario für faschistische Strukturen: Technische Machteffizienz gepaart mit gelenkter Emotion, eine ganz ungute Mischung.

Besonders interessant sind die Diagonalbeziehungen:

  • Die Diagonale links oben nach rechts unten bezeichne ich als die Achse der Empörung. Kein Plan aber maximale Meinungsfreiheit für jeden und alle, Chor der Kakophonie. Und sich weder kümmern um das Erarbeiten von Regeln noch um das Ergreifen von Chancen, einfach nur laut sein.
  • Die Diagonale von links unten nach rechts oben bezeichne ich als die Achse der Offenen Gesellschaft: diejenigen, die etwas bewegen und sich selbst verwirklichen wollen, handeln mit denen, die am Gemeinwohl interessiert sind, die Verhältnisse und Regularien aus, im Diskurs, Dissens eingeschlossen. Entlang dieser Achse wird konstruktiv gearbeitet.

Zum Schluss noch zwei ganz aktuelle Bilder, die ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme und versuche, auf dem Spielfeld zu platzieren:

  • Die italienische Regierung versucht gerade ein neues Modell zu kreieren: bezüglich der Migrationsthematik gehört sie eindeutig in den Quadranten der Sektierer und möchte in Person von Salvini den Chor führen. Bezüglich der Staatsfinanzen ist sie aber zutiefst gläubig und vertraut auf die gute Natur und die Sterntaler (Cinque Stelle): das Geld wird schon vom Himmel fallen, der Ball rollt immer zurück. Blöd nur, dass die Italiener jetzt das Spiel durchschaut haben und sich ihr Erspartes nicht mehr aus der Tasche ziehen lassen wollen für Taschenspielertricks. Nun führt die Verschneidung der beiden Modelle „gütige Natur“ und „kurzlebige Natur“ zu einem Mittelwert der „kapriziösen Natur“: Italien wird zum Spielball und machtlosen Opfer, weil es auf die falschen Prozesse gesetzt hat.
  • Frau Weidel zieht mit Familie weg aus dem Multi-Kulti-Biel, ihrem Schweizer Refugium. Die Bieler atmen auf. Einer meinte über sie und ihre Frau: „Manchmal habe ich das Gefühl, die wissen selbst nicht, wer sie sind.“ Ob ihr ein Kompass fehlt?

Lynx ist kein Soziologe und womöglich ist das alles kalter Kaffee, nach 32 Jahren? Macht immer noch wach. Also: dieser Kompass ist nichts für Ableser und Gläubige. Man muss verstehen, wie man ihn benutzt und kann ihn dann gewinnbringend einsetzen, und sei es nur zum persönlichen Vergnügen. Die Gefahr von groben Vereinfachungen natürlich eingeschlossen. Aber manchmal muss man ein Problem mit wenigen Strichen aufskizzieren, um es besser zu verstehen.

Kleiner Hinweis noch zum Gebrauch des Kompasses: wenn man sich entlang seiner Achsen nach außen bewegt, gerät man an den Rand des Spielfelds oder darüber hinaus, geht also in die Irre – es sei denn, man sucht dort seinen Platz. Bewegt man sich nach innen, kommt man dem Ziel näher: in die Mitte der Gesellschaft.


Quelle (auch Grafiken): Thompson, Michael, „Welche Gesellschaftsklassen sind potent genug, anderen ihre Zukunft aufzuoktroyieren? 1987. in: Burckhardt, Lucius und Internationales Design Zentrum Berlin. Design der Zukunft – Architektur, Design, Technik, Ökologie, Köln: DuMont, 1987.

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