Buschfunk 0.0

Wir wissen, weil wir nicht wissen. So in etwa hat sich Frauke Petry geäußert in einer Gesprächsrunde, zu der die Süddeutsche Zeitung in Dresden eingeladen hatte. Geladen waren prominente und engagierte Alt- und Neudresdner verschiedener politischer Couleur und es sollte darum gehen, warum die „Brüche der Gesellschaft“ gerade in Dresden so offen zutage treten.

Lynx liest so was beim Frühstück, seit Jahrzehnten. Neulich wurde ihm von einem Kontrahenten aus dem Dunstkreis von Kubitschles Sezession vorgeworfen, er argumentiere „frei von der Leber weg“. Nun, die Leber gilt als Hauptwohnsitz der Gesundheit von Körper und Geist, seit Urzeiten. Nicht umsonst hat Zeus dem Frevler Prometheus zur Strafe den Adler geschickt, der ihm tagtäglich die Leber heraushackte. In der Leber sitzt der wahrhaft gesunde Menschenverstand, das ist den Göttern, den echten und selbsternannten ein Dorn im Auge, also raus damit. Ist die Leber perdu, wird es mit dem Rest auch nix mehr. Also auf Lebergesundheit achten, was solchermaßen aus dem Bauch kommt, kann nicht ganz verkehrt sein. Doch was hat das mit Dresden zu tun?

Wie gesagt, Lynx liest und verdaut das Gelesene, kaut es mal gut durch, schluckt anderes schnell hinunter und hofft, es gehe ohne Bauchgrimmen ab und würde die Leber nicht vergiften. Im Dresden-Gespräch nun tauchte ein Bissen auf, der von irgendwie ledriger Beschaffenheit war und auf dem etwas herumzukauen ist. Frau Petry hat ihn serviert und er geht so:

Es entspinnt sich ein Disput zwischen dem alten Gerhart Baum (FDP) und Petry, wo Petry konstatiert: „Der größte Irrtum ist die platte Erklärung vieler im Westen, der Osten sei diktaturgeschädigt und demokratieunfähig.“ Auch „Demokratiemüdigkeit“ sei nicht zutreffend, vielmehr: „Aber gerade in Dresden, das als „Tal der Ahnungslosen“ galt, weil es zu DDR-Zeiten besonders unter der Informationslosigkeit gelitten hat – anders als Leipzig […] – hat man besondere Antennen dafür, wenn die Gesellschaft sich in eine Richtung entwickelt, bei der sich mir die Nackenhaare aufstellen, weil ich Dinge wiedererkenne, die man nur aus DDR-Zeiten kennt.“ Denn Diskussionen über wachsende gesellschaftliche Probleme würden einfach abgewürgt. Auf die Entgegnung, dass es in Dresden doch nur einen Ausländeranteil von rund sieben Prozent gäbe, gegenüber zwanzig und mehr Prozent in westdeutschen Städten, antwortet sie: „Mag sein. Trotzdem haben die Dresdner eine bundesweite Entwicklung gesehen, die man andernorts nicht sehen wollte.“

Lynx muss kauen, langsam und gründlich und versucht zu verstehen: weil Jemand jahrelang von Informationen abgeschnitten war oder sie nur lückenhaft empfangen hat, ist Jemand besonders sensibilisiert für Veränderungen. Das mag insofern stimmen, dass Jemand Veränderungen nicht als Kontinuum erlebt, sondern als abrupte Sprünge oder quasi unterschiedliche Aggregatszustände. Das kann natürlich heftig sein und sehr erregend, auch für weniger sensible Gemüter. Daraus leitet Jemand den Anspruch ab, die Welt sehe nun mal so aus, wie sie sich aus dieser lückenhaften Weltwahrnehmung darstelle. Eine andere Sichtweise sei abgewürgte Diskussion oder Blindheit. So ist das doch zu verstehen?

Übersetzt: Du siehst die Sonne aufgehen, dann gehst du lange durch einen Tunnel, du siehst sie erst am Mittag wieder hoch am Himmel, wieder ist dir für Stunden irgendwie der Blick verstellt, du siehst sie erst wieder tief über dem Horizont, kurz bevor sie untergeht, und leitest daraus ab, die Sonne habe drei Zustände und bewege sich in Sprüngen über den Himmel. Anders funktioniere das nicht. Und wer behaupte, die Sonne ziehe eine kontinuierliche Bahn, der irre. Es gäbe nur fix definierte Standorte für die Sonne und nichts dazwischen. In den Zwischenräumen seien tiefe Löcher, in die man stürze, wenn man die festen Positionen missachte bei der Orientierung im Gelände – schöner Mythos, bisschen plump, zugegeben. (Aber es gab ja auch die Geschichte von der Erde als Scheibe, wo man vom Rand hinunterpurzeln konnte.)

Aber so ist doch Frau Petry zu verstehen: „Mag sein. Trotzdem…“ Wir waren ahnungslos und wissen Bescheid. Wir wissen, weil wir nicht wissen. Muss man dafür Verständnis haben? (Und bitte jetzt nicht mit Sokrates verwechseln: der hätte auf den Zusatz „Trotzdem“ verzichtet.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.