Einstreu im Unterholz #1

Lynx hat sich ins Winterlager zurückgezogen. Die Einstreu von heute handelt vom Staatsdefizit (ein Mythos?), schier endlosen Nullzinserwartungen, stabilen Paarbeziehungen in Zeiten existenzieller Krisen, Narzissten bei der AfD und den Versprechungen des Nordens und ob er sie hält. Wie geht das alles zusammen? Weiß Lynx nicht. Aber es ist da, ist Gedanke, Erfahrung, Erlebtes und hat sich abgelagert auf Papier und digital. Ob es wärmt, isoliert gegen den kalten Zug in diesen Tagen und Nächten? Oder eher Feuchtigkeit zieht, so dass die ganze Wärme abfließt und es zu faulen anfängt?

Den grandiosen Aufschlag macht Stephanie Kelton, US-Ökonomin auf Long Island: Staatsverschuldung gibt es eigentlich nicht. Ein Haushaltsdefizit sei der „jährliche Nettobeitrag der Regierung zur Volkswirtschaft“. Der Staat kann Geld „schöpfen“ sprich drucken so viel er will, sofern er über eine eigene Währung verfügt. Er muss nur schauen, dass es seinen Wert behält und das sei der Fall, wenn der Staat in Produktivität investiere, nehme die stetig zu, gäbe es keine Inflation und alle sind glücklich. So in etwa die Kurzfassung. Ihr Gewährsmann ist der ehemalige Chef der US-Notenbank Alan Greenspan, der unter Eid einmal einräumen musste, dass nichts die US-Bundesregierung davon abhalten könne, „so viel Geld zu schöpfen, wie sie will, und es an irgendjemand auszahlt.“ (SZ Nr. 288/2018, S. 17)

Dieser Gedanke gefällt natürlich den Italienern: an irgend jemand auszahlen. Derzeit dafür vorgesehen sind offenbar vor allem männliche Italiener über 62, die frühverrentet werden sollen. Belohnung für die alten weißen Männer. Frauen profitieren kaum, weil sie wegen fehlender Beitragsjahre das Angebot nicht nutzen können. Ist das eine Investition in mehr Produktivität? Das Gegenteil ist der Fall: anstatt Wirtschaftskraft über Beschäftigung zu generieren, wird das Geld nur verkonsumiert.

Lynx fragt sich: wo ist der Fehler bei Keltons Theorie? Als habitueller Ökologe, der die thermodynamischen Zusammenhänge im Naturgeschehen verinnerlicht hat, denkt er sich: das riecht nach ungesteuerter Zunahme von Entropie. Investieren in Produktivität, das ist der wesentliche negentropische Beitrag, um das System zu erhalten. Aber wie den sichern, wenn sich der Geldhahn doch so einfach aufdrehen lässt? In Notzeiten handeln tatsächlich alle Staaten schon immer so. Und Autokraten lieben es, das auch in guten Zeiten zu tun. Und warum also soll man nicht immer beliebig viel Geld ausgeben, wenn man es „sinnvoll“ investiert? Über Sinn und Ziel lässt sich immer streiten, das ist nicht das Hauptproblem. Mich stört viel mehr der konsumistische Grundansatz, wonach die Mittel und Ressourcen unerschöpflich sind. Dieser Mythos ist so alt wie die Menschheit und er wurde maßlos befeuert durch die Eroberung Nordamerikas, als die frühen Siedler auf ein Paradies trafen, wo man sich nur zu bedienen brauchte, der Überfluss war grenzenlos. Aus ökologischer Sicht ist dieser Mythos, auch in Gelddingen, nicht zu halten, denn alles ist endlich, kann sich erschöpfen, strebt dem Zustand von Null-Energie zu, wenn man es laufen lässt. Alles Leben, solange es am Leben ist, ist, rein physisch betrachtet, eine gegen die Entropie gerichtete Unternehmung. Die Lebensklugheit vertritt deshalb seit Menschengedenken das Maßhalten. Da wären wir bei der schwäbischen Hausfrau: mit diesem Typus kann Ms. Kelton gar nichts anfangen. Sie fährt lieber mit dem Boot raus, sagt sie.

Gerhard Schick, die finanzpolitische Kern-Kompetenz der Grünen, verlässt Fraktion und Partei und hat eine NGO gegründet, die „Bürgerbewegung Finanzwende“. Er möchte das Finanzsystem stabiler und weniger schädlich für seine Mitbürger machen. Das kann nicht schaden, denn da kommt noch einiges auf uns zu, geht es doch immer (s. Kelton) um die wundersame Vermehrung von Geld mit allen Mitteln und die leider häufig nicht befriedigende Verteilung unter den Interessenten. Gestern war zu lesen, dass wir, vielleicht abgesehen von einer kurzen Zwischenphase, noch bis 2050 damit rechnen müssen, keine Zinsen auf unser Erspartes zu erhalten: nullkommanull. (IW Köln) Das hört der deutsche Sparmichel nicht gern, er ist in einer doppelten Zwickmühle: das eigene Geld bringt nichts und der Staat gibt nichts, weil er (noch) nicht auf Kelton hört. Doch woran liegt es? zwei Hauptgründe: die Demographie und die Digitalisierung. Letztere führt zu geringeren Sachinvestitionen in der Industrie, die Überalterung der Gesellschaft schwächt den Konsum auf lange Sicht. Heißt in der Summe: keiner braucht Geld, es ist eher zu viel davon da. – Nach Keltons Theorie sollte der Staat jetzt in Infrastruktur investieren, sich verschulden und damit die Zinsen künstlich erhöhen. Das wird auch so kommen, aber erst, wenn die Realwirtschaft in die Krise gerät und das ist, staatspolitisch gesehen, auch vernünftig so.

Die Krise ist auch die Zeit, in der sich stabile Paarbeziehungen bewähren und auszahlen. Elmer Luchterhand hat als US-Soldat am Ende des Krieges zahlreiche Konzentrationslager gesehen und als Soziologe unmittelbare Vorortbefragungen durchgeführt, mit Insassen und Anwohnern. Seine Ergebnisse passten nicht zur Mainstream-Interpretation des Geschehens und wurden nie veröffentlicht. Jetzt sind sie auf deutsch erschienen und kommen auf die Leseliste. Das wesentliche Ergebnis seiner empirischen Studien: Paare oder auch Kleingruppen waren am besten in der Lage, den extremen, menschenverachtenden Verhältnissen in den Lagern zu trotzen, Einzelkämpfer, einsame Wölfe, auch „Speckjäger“ genannt, hatten es sehr schwer. Und er war der Ansicht, dass die Gewalttätigkeit der Täter keine historische Ausnahme war, sondern Auswüchse des Abnormen im Normalen, mithin jederzeit reproduzierbar. (SZ Nr. 288/2018, S. 11)

Spätestens seit Heinrich Manns „Der Untertan“ weiß man ja um den Zusammenhang von Nationalismus und (verletztem) Narzissmus in unserer Gesellschaft, ein wesentlicher Wirkfaktor auf dem Weg ins Dritte Reich. Eine Studie der Abteilung für Medizinische Psychologie und Soziologie der Universität Leipzig belegt jetzt, dass die Anhänger der AfD und der Linken überdurchschnittliche narzisstische Neigungen zeigen: „Die AfD-Wähler sind sehr von sich überzeugt. Viele von ihnen denken, dass sie den Durchblick haben und etwas Besonderes sind“. Auch Linke stehen den Rechten nicht darin nach, sich für etwas Besonderes zu halten, aber die Rechten würden gerne „Führungspersonen“ die Entscheidungsgewalt überlassen (im Zweifelsfall also sich selber?), neigen also zu autoritären Strukturen. (FAZ 13.12.2018) Interessant ist die Korelation zur Arbeitslosigkeit: der Anteil arbeitsloser Wähler ist bei AfD und Linken ebenfalls am höchsten. Doch AKK weist zu recht darauf hin: wenn in Böblingen bei 2,6 % Arbeitslosigkeit 16 % die AfD wählen, dann muss es auch unter regulär Beschäftigten und Gutverdienern viele Narzissten geben. Angeblich sind das ja vor allem jüngere bis mittelalte Männer und Familienväter, die mit Zukunftsängsten für sich und ihre Familien ringen. Also meist keine Narzissten, das sei klar gestellt. Nur machen sie sich offenbar zur leichten Beute von Narzissten, die das politische Geschäft betreiben.

Der Präsident des BDA Ingo Kramer vermeldet, dass die Integration von Migranten, die seit 2015 ins Land gekommen sind, erstaunlich gut klappt, umso jünger, desto besser. Es gibt inzwischen jede Menge sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse und Ausbildungsverträge. Freilich ist Luft nach oben, aber es wird. Und Kramer räumt ein, Merkel habe wohl doch recht behalten. (Zeit-Online 14.12.2018)
Ob es auf lange Sicht klappt und was das alles mit uns macht? Teju Cole habe ich den Hinweis auf James Baldwin zu verdanken, dieser wichtigen und viel zu lange nicht mehr beachteten Stimme des schwarzen Amerikas. Sein Roman Go Tell It on the Mountain von 1953 ist unlängst als Von dieser Welt als deutsche Neuübersetzung erschienen. Darin heute früh gelesen:

Zwischen dem Norden und dem Süden, dem sie entflohen war, bestand alles in allem kein so großer Unterschied außer diesem: Der Norden versprach mehr. Und diese Ähnlichkeit: Was er versprach, hielt er nicht, und was er hergab nach langem Zögern und mit einer Hand, holte er sich mit der anderen wieder zurück.

So werden es viele Migranten hier auch empfinden und dort liegt die Wurzel des Übels in den Konflikten mit Einwanderern. Und zunehmend auch in der „Altgesellschaft“, wenn man soziale Deklassierung treiben lässt. Die USA haben das alles längst durchlebt und durchleben es noch. Wir stehen am Anfang, aufhalten lässt es sich nicht, auch wegen unserer Versprechungen. Versuchen wir, es besser zu machen.

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