Nachweihnacht

Kein Rührstück in vier Tageszeiten aus der Endzeit des Jahres 2018.
Die Betroffenen:

  • Die Großeltern: Großmutter Edeltraud, Großvater Herbert, Pflegerin Milena. Herbert und Edeltraud stammen aus der Weimarer Republik, sind großgeworden im Dritten Reich, hineingewachsen in das, was danach kam und ganz gut damit zurecht gekommen. Druckauflagen von Schulatlanten nach 1945 sind ihnen nicht so geläufig. Wohnen noch im eigenen Haus. Milena stammt aus der Region Osteuropas, die sich jetzt gerne Mitteleuropa nennt. Staaten, wo die Leute instinktiv das richtige tun, aus Lebenswillen, und die Politik instinktiv das falsche, aus empfunden gekränkter Eitelkeit. Milena ist wenig älter als Sabine, die Tochter von Herbert und Edeltraud.
  • Die Eltern: Mutter Sabine, Vater Frank, als erste Generation geboren in der noch existenten Bundesrepublik, Babyboomer par excellence. Hängen auch an ihrer Kindheit, trotz RAF eine offene Zeit. Sind schwerpunktmäßig aber mit den Niederungen des Alltags beschäftigt. Wollen es allen recht machen, den Kindern, den Großeltern, den Kunden, den Arbeitgebern, den Freunden und Bekannten…
  • Die Kinder: Tochter Laura und Sohn Felix, Wendezeitkinder, flügge und altersgerecht schwankend zwischen Zukunftsangst und Aufbruchstimmung. Wohnen nicht mehr zuhause, sind über Weihnachten zu Besuch bei den Eltern, teils aus Anstand, teils aus Verbundenheit, teils, weil es immer noch schön ist.

Das Exposé:

Vormittag

Nach drei Weihnachts-Feiertagen sind Eltern und Kinder in das bescheidene Domizil der Eltern heimgekehrt. Die letzten zwei Tage waren hauptsächlich den Erwartungen der Großeltern ans Familienglück gewidmet, das war anstrengend, denn jedes Jahr muss die gleiche Operette aufgeführt werden. Allerdings: dieses Jahr gab es erste entscheidende Änderungen an der Inszenierung, dennoch: was für ein Aufwand! Alle sind erschöpft, ausschlafen ist angesagt. Kaum spät aufgestanden der erste Anruf bei den Großeltern: wie geht es Milena? Denn die hatte sich vor ein paar Tagen verhoben, leidet seitdem an tierischen Rückenschmerzen und ist eigentlich dienstuntauglich. Am Abend vor Heiligabend waren Sabine und Frank deshalb bereits mit ihr im Krankenhaus, ein paar Stunden, spätabends, gespenstisch leere Flure, ergebnislos.
Edeltraud ist überhaupt nicht gut auf Milena zu sprechen, weil sie sich rührend um Herbert kümmert, der alleine oder in trauter Zweisamkeit mit Edeltraud aufgeschmissen wäre. Herbert schätzt Milenas Zuwendung. Edeltraud ist eifersüchtig und beißt Milena weg – oder quasi in den Rücken. Milena muss zum Arzt, Sabine kümmert sich darum, einen Termin zu organisieren, für den Vormittag. Wo bleibt Herbert solange? Edeltraud ist ausgeflogen zum Training, kurvt mit dem Auto in der Stadt herum, pflegt ihre ewige Jugend, Rückkehrtermin unbekannt. Herbert kann nicht alleine bleiben, wird vorübergehend ins Heim der Eltern verfrachtet, Sabine fährt mit Milena zum Arzt.

Herbert sitzt am Küchentisch, blättert in der Zeitung und wird von Frank und den Kindern unterhalten. Die Kommunikation ist mühsam, weil Herbert sich krankheitsbedingt nur noch schwer verbal artikulieren kann, man braucht sehr viel Geduld. Edeltraud hat diese Geduld nicht, weshalb sie mit Herbert bevorzugt brüllend verkehrt. Ein Grund, warum Sabine und ihre zwei Brüder Milena angeschafft haben, neben vielerlei anderen Gründen. Milena ist Pflegerin Nr. 10, davor gab es schon neun andere, das ganze geht jetzt seit zwei Jahren – oder sind es schon drei? Keine hält es lange aus, weil Edeltraud immer einen Grund findet, warum eine Milena nichts taugt oder weg muss. Oder Milena will nicht mehr kommen, weil sie immer nur angebrüllt wird: ist keine Option, dafür ist der Markt zu gut. – Jedenfalls: Herbert sitzt da und sinniert: es sei schon eigenartig, dass unsere Nachfrage nach Arbeitskräften für einfache Tätigkeiten es den Slawen ermöglichen würde, sich nach Westen auszubreiten. Mehr kann er nicht mehr formulieren, aber ungesagt bleibt wohl, so ist zu vermuten: in der Schule haben wir eigentlich gelernt, dass die Germanen sich nach Osten ausbreiten, früher schon, im Mittelalter, und künftig erst recht. Was haben wir falsch gemacht, dass sich das nun umkehrt? Und können wir das aufhalten? Was passiert mit uns und unserer großartigen Zivilisation? Frank erinnert Herbert daran, dass es den großartigen Erfolg des Ruhrgebiets nicht ohne Polen gegeben hätte, die dort seit dem 19. Jh. eingewandert seien, von den „Gastarbeitern“ der Nachkriegszeit gar nicht zu reden. Und er berichtet, was er im Wallis erlebt hat, wo alle einfachen Tätigkeiten in der gesamten Wirtschaft weit überwiegend von Portugiesen verrichtet werden, angeblich stellen sie bereits rund 20 % der Walliser Bevölkerung. Sie arbeiten, während die Walliser daheim hocken und ihr Geld zählen. Herbert interessiert an Franks Erzählung eigentlich nur der Aspekt der Walliser: wie das nochmal war mit den alemannischen Walsern und ihrer Alpenbesiedlung. So vergeht die Zeit und Sabine und Milena kommen vom Arzt zurück, Milena mit einer Cortisonspritze bestückt und Schmerzmitteln bepackt. In der Arztpraxis wurde Sabine von einer Mitarbeiterin zur Seite genommen, die sie fragte, wo sie denn diese unglaublich sympathische und gewandte Pflegerin herhabe, so eine brauche sie auch für ihren Vater, dringend. Herbert wird von Sabine und Milena wieder nach Hause verfrachtet. Edeltraud ist inzwischen heimgekehrt.

Mittag

Wieder zurück telefoniert Sabine in Konferenzschaltung mit ihren Brüdern, um von der aktuellen Situation bei den Großeltern zu berichten. Edeltraud lauert auf jede Gelegenheit, um Milena fertig zu machen: es kann so nicht weitergehen. Zu vieles ist in letzter Zeit vorgefallen, es ist abzusehen, dass keine Pflegerin mehr kommen wird, der Haushalt ist vermutlich inzwischen in ganz Osteuropa verschrien. Der große Bruder wird sich Edeltraud vornehmen und versuchen, sie zur Vernunft zu bringen, sofern das noch möglich ist. Die Eltern bereiten das Mittagessen zu, Reste vom Weihnachtsessen und was der Kühlschrank noch hergibt. Fleisch-Gemüse-Pfanne, mit Restwein aufgegossen, dazu ayurvedischer Reis. Passt nicht optimal, ist aber genau richtig. Frank schnippelt Gemüse und macht Salat, Sabine alles andere. Währenddessen hat der große Bruder mit Edeltraud telefoniert und er berichtet, dass das Gespräch eskaliert sei. Alarmstufe rot. Beim Mittagessen erwähnt Felix, dass eine Freundin ihn nachher zu einem Spaziergang abholen kommt, vorher noch einen Espresso trinken möchte. Davor hält Frank ein kurzes Nickerchen, die anderen quatschen so lang, versuchen die Situation bei den Großeltern zu sortieren. Frank erwacht, als die Kaffeemühle kreischt, kurz darauf steht die Freundin vor der Tür. Als Vorhut huscht ihr Hündchen ins Haus, winzig, aber eine Frisur wie Hans-Christian Ströbele. Nice! Die junge Dame ist inzwischen eine aufkommende Politikerin in Berlin und bringt für einen Moment Weltläufigkeit ins Häuschen. Dann sind sie auch schon weg.

Nachmittag

Die Eltern beschließen, Laura mit dem Auto heim in ihre Wohnung zu fahren, am anderen Ende der Stadt. Die vielen Geschenke. Außerdem hätte sie gerne noch ein Regal mitgenommen, das sie gut brauchen könne. Frank baut das Regal mit Laura erst einmal ab, er braucht es nicht mehr. Sie packen alles in den Wagen, es wird schon dunkel als sie unterwegs sind. In Lauras kleiner Wohnung helfen sie ihr noch, das Regal aufzustellen. Bei einer unbedachten Bewegung wirft Laura eine kleine Lampe zu Boden, die Birne zerspringt. Erst einmal abstecken, dann vorsichtig wegräumen, dann den Sockel vollends herausdrehen. Felix ruft an: wo seid ihr denn? Ist wieder zurück vom Spaziergang, wundert sich, dass niemand daheim ist. „Wir sind gleich wieder da.“

Zurück bei den Eltern: Felix steht in der Küche und schraubt an der alten Espressomaschine herum. Die Eltern haben sich zu Weihnachten eine neue angeschafft, weil die alte nicht mehr wollte und Frank keine Lust hatte, im Innenleben des italienischen Geräts herumzubasteln. Außerdem war der Café nie so richtig gut. In einem Spezialgeschäft hat ihnen ein wunderbarer kleiner Italiener mit weißen Baumwollhandschuhen eine Siebträgermaschine vorgeführt, gewandet in glänzend poliertes Edelstahl, eine Augenweide: wurde gekauft. Nach einigen Versuchen macht sie tatsächlich ganz ordentlichen Café. Felix ist handwerklich interessiert und hat die alte Maschine geöffnet, ein paar Schläuche ausgebaut, sie ordentlich entkalkt und siehe da: Café läuft. Was für ein Erfolg: ein paar Handgriffe und das Ding muss nicht weggeschmissen werden und ist jetzt auch noch, zur Belohnung, seins! Beim stolzen Vorführen erkundigt er sich bei der Mutter nach dem Stand bei den Großeltern, hantiert dabei weiter mit der noch geöffneten Maschine herum. Frank sitzt abseits im Wohnzimmer und liest. Dann tut es einen heftigen Schlag, etwas fällt krachend zu Boden, ein Aufschrei. Felix hat einen Stromschlag abgekriegt, ist mit der Maschine durch die halbe Küche geflogen, zum Glück, dabei hat sich das Kabel aus der Steckdose gezogen. Sekunden der Verwirrung, Anfruf beim Notarzt, in fünf bis zehn Minuten ist jemand da. Felix torkelt herum, geißelt sich selbst ob seiner Unbedachtheit, er weiß es doch eigentlich besser, hat sich ablenken lassen. Einen langen Augenblick flüchtet sich der kräftige junge Mann in die Arme des sacht alternden Vaters, umarmt ihn fest und der Vater spürt den kräftigen Herzschlag. Frank erinnert sich in diesem Moment an eine ähnliche Szene vor einer Weile, als Herbert, durch eine Infektionskrankheit zusätzlich geschwächt, sich einmal ähnlich an ihn klammerte und nicht mehr loslassen wollte. Damals konnte er seinen sehr kräftigen Herzschlag spüren.
Felix beruhigt sich allmählich, hat äußerlich keine Anzeichen von Beschädigung. Als die Notärztin eintrifft, ist er fast wieder der alte und das EKG zeigt auch keine Auffälligkeiten. Dennoch nimmt sie ihn mit in die Klinik zur Überprüfung. Dort dauert es zum Glück nicht allzulange und Sabine kann ihn bald wieder abholen. Laura hat unterdessen ein Bild gepostet, vom fertig aufgebauten Regal, der dampfenden Teekanne darin, dem bereits wieder reparierten Licht, sie hat noch schnell eine neue Glühbirne besorgt.

Abend

Abendliche Brotzeit, ebenfalls mit Resten, reichlich. Das Telefon klingelt, Edeltraud ist dran, fragt scheinheilig, ob ihre Tochter versucht habe, sie zu erreichen? Sabine berichtet dann vom Vorfall mit Felix, nicht wegen des Vorfalls selbst, sondern um ihr zu verdeutlichen, dass es auch noch andere wichtige Dinge in ihrem Leben gibt. Neben ihrer geregelten Vollzeitarbeit ist sie eigentlich seit Jahren mit wenig anderem beschäftigt, als ihre Eltern altersbedingte Einschränkungen so wenig wie möglich spüren zu lassen. Die unaufhaltsam fortschreitende Erkrankung von Herbert ist schlimm genug, sonst sollen sie es möglichst angenehm haben. Eine Menge Organisation ist das, von der ihre Eltern fast nichts mitbekommen. Ihre Brüder übrigens sind gleichermaßen eingespannt, man teilt sich die Arbeit geschwisterlich. Netter Versuch von Sabine, bei ihrer Mutter Verständnis zu wecken. Im folgenden beklagt Edeltraud nur ihr Schicksal, das nun einfach nicht mehr prinzessinengerecht genug ist. Als Herbert noch fit war, hat er sie auf Händen über die ganze Welt getragen. Sie musste ihre Füße nur dort an den Boden setzen, wo es ihr gefiel. Am liebsten viele Wochen lang am Mittelmeerstrand, so kennt sie es, so muss es bleiben bis ans Ende aller Tage. Auch dieses Gespräch eskaliert, dauert ewig, ist tränenschwer und kennt nur das Opfer Edeltraud. Sie weiß dennoch, was auf sie zukommt: für den nächsten Tag ist ein ultimatives Spitzengespräch in der Familie angesetzt, da geht es um ungemütliche Weichenstellungen.
Während Sabine telefoniert und ihre letzte Energie dieses Tages dabei abgesaugt kriegt, schaut sich Frank mit Felix die Bilder der sommerlichen USA-Reise der Eltern an, viele tausend Meilen und ein paar IPA zwischen hier und ihnen. Im Hintergrund läuft als bewegte Tapete ein bundesdeutscher Provinzkrimi der besseren Sorte. Frank nimmt einen Whisky, nach einem alkoholfreien Bier geht das. Er könnte jetzt noch seine Eltern anrufen, lässt es aber für heute sein. Er weiß: kein Detail ist erfunden an dieser Geschichte, es hat sich genau so ereignet, gestern, nach Weihnachten. Morgen geht es weiter.

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