Seelenverkäufer

Der Hundekrawattenmann war von der Sezession nach Schnellroda eingeladen und hat einen Vortrag über Populismus gehalten, es gibt bei YouTube ein Video davon. Eine dreiviertel Stunde lang, mit vorhersehbarem Ergebnis: Wir werden von einer Globalisten-Elite geführt, die den Untergang des Abendlands herbeiführen will! Der Himmel wird über uns einstürzen! (Sorry, das war eine andere Geschichte, dazu später noch eine Anmerkung)

Schnellroda heißt, Gauland war zu Gast auf dem „Rittergut“ von Götz Kubitschek (der von sich sagt, er sei gottfroh, den Westen auch geistig hinter sich gelassen zu haben). Im Hintergrund sieht man das düstere Mittelalter in Form von kieseligen Ecksteinen einer Wand, die merkwürdig glänzen, wie plastifiziert: Schutzlacküberzug, aus dem Baumarkt? Dass nichts bröckelt? Dazu noch Efeuranken, sehen auch nach Erdölprodukt aus. Eine Szenerie wie aus einem billigen B-Movie.

Mir kommt dabei in den Sinn, dass im frühen Mittelalter die Franken ihre Hauptkonkurrenten um die Macht in Deutschland, die Alemannen, erfolgreich unter anderem damit ausschalteten, dass sie ein strategisches Netz von Burgen und Herrensitzen (auch Rittergütern?) im alemannischen Herrschaftsbereich etablierten und allmählich die Kontrolle übernahmen. Es gab zwar 746 auch noch das „Blutgericht zu Cannstatt“, wo Franken den alemannischen Adel zuletzt mit Gewalt ausmerzten, alles Wesentliche der Landnahme war aber schon vorher passiert.

Jetzt gibt es da diese Politiker und Influencer aus Westdeutschland, die allesamt dort nichts werden konnten oder, nach ihrer Selbstwahrnehmung nicht genug, und sie ziehen jetzt in den Osten. Kubitscheks „Rittergut“ ist die steingewordene Idee, wie diese altdeutsche „Elite“ sich ihr Land „zurückholt“. Gauland, der alte Hesse, spielt willig mit. Auch der biedere hessische Geschichtslehrer Höcke hat nach Thüringen rüber gemacht, er residiert jetzt in Sichtweite zur imposanten Burg Hanstein, die an strategischer Stelle und weithin sichtbar auf der Landesgrenze über der Werra thront. (Am liebsten würde er natürlich auf Hanstein einziehen, aber da müsste ihm erst jemand die Renovierung der Ruine finanzieren.) Alice Weidel vom Bodensee organisiert die Finanziers aus der Schweiz und Beatrix von Storch gibt die Volkstribunin aus altem preußischem Adel, was ein Widerspruch in sich ist, das musste schon mancher volksnahe Adelige erfahren.

Und dann schwadroniert Gauland von „nationaler Arbeiterschaft“ und „ nationalem Bürgertum“: das seien diejenigen, denen „Heimat etwas bedeutet, weil sie dort ihr Haus haben…“, weil „dort ihre Familie lebt“, weil „dort die Kirche steht, in der sie getauft wurden“ usw. – Warum nur sind dann so viele AfD-Funktionäre und andere neu-rechte Demagogen von daheim weggegangen? Hätten sie doch etwas mehr Heimatverbundenheit an den Tag gelegt! Ach so – sie sind ja Missionare, Ausgesandte – oder Seelenverkäufer?

Wer fällt auf einen solchen faulen Zauber herein?

Hat Ostdeutschland so wenig Saft und Kraft, dass es sich dieser Seelenverkäufer nicht entledigen kann? Oder hält man es dort für eine gute und zukunftsweisende Idee, sich hinter plastifiziertes Pseudo-Natursteinmauerwerk zurückzuziehen und Mittelalter zu spielen? Ist doch klar, wer hier die Bauern sein sollen und wer die „Edelmänner“.

Ist den Ostdeutschen diese „Elite“ lieber, als die, die sie haben (denn irgendeine gibt es immer)?

Wollen sie lieber eine, die ihnen nach dem Mund redet und ihnen den Stuhl unter’m Hintern wegzieht (wie aktuell in Italien zu beobachten) – oder eine, die versucht, genug Stühle zu beschaffen und dabei manchmal das Reden und Überzeugen vergisst, leider (Oder sollten sie endlich eine eigene formen, aus ihren eigenen Reihen, damit Denken und Handeln homogener werden?)

Immerhin bekennt Gauland freimütig, dass er ein Populist ist (den er lediglich als Opponenten zum „Establishment“ definiert) und räumt gleichzeitig ein, dass die AfD „nicht das Volk repräsentiert“. Das kann man jetzt sophistisch ausdeuten oder einfach so sehen wie es ist: hier wird versucht, ein anderes Establishment zu schaffen. Man wolle, als Populisten, „nicht über die Köpfe des Volkes hinweg entscheiden“, man „habe auch keine Angst vor dem Volk“: das kann man getrost abwarten. Wie lange wird in Italien diese eingebildete Verbrüderung mit dem Volk, die immer nur darin besteht, ‘nen Euro zu geben und die Arbeit liegen zu lassen, noch überleben?

Gauland stopft sein Pfeifchen, läuft gegen Ende des länglichen Vortrags zur Hochform auf: „Der Populismus ist die letzte Verteidigungslinie unserer Art zu leben“ und der „Migrant ist das revolutionäre Subjekt der Globalisten“. Undsoweiterundsofort…

Es mag ein Angriff auf die geliebte Folklore aus Kindertagen sein: aber ist Gauland nicht ein Majestix (oder Obelix wegen der Hundekrawatte?), der, assistiert vom umtriebigen Asterix Kubitschek einfallsreich das „Römische Reich“ bekämpft? Das „Rittergut“ in Schnellroda als das letzte freie gallische resp. sächsische Dorf, die Stellung gehalten von einem Ober-Schwaben? Funktioniert als Folklore immer noch, schöne Anekdoten. Hat aber mit Politik und historischen Entwicklungen und Wahrheiten nichts zu tun, man weiß ja, wie die Geschichte ausgegangen ist. Meinetwegen dürfen sie im Hof vom Rittergut auch noch lange Wildschweine grillen, davon gibt es wahrlich genug. Komisch aber, dass es die Franzosen immer noch gibt. Obwohl sie sich ihr Land nie „zurückgeholt“ haben. Man sollte doch lieber darüber nachdenken, wie das funktioniert hat. Hmmm.

Bildrechte: Martín Steinhagen für ZEIT ONLINE , verändert

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Ein Kommentar zu „Seelenverkäufer

  1. Ein wirklich gelungener Beitrag. Wenn Rechtspopulisten in Regierungsverantwortung sind, wird es es schnell der heimische Arbeiter, der auf der Strecke bleibt. Dazu müssen wir nur nach Österreich oder Ungarn schauen. Auch Polen mit seinen EInschneiden in die Justiz ist ein gutes Beispiel.
    https://haimart.wordpress.com/2019/01/01/eingewickelt-von-hass-und-hetze/

    Was mach allerdings sehr beschäfigt ist, dass die blauen Rattenfänger zur Zeit beim Volk sehr beliebt sind. Sollten im Gegensatz zu anderen Parteien ihr Programm tatsächlich umsetzen, dann wird es der deutschen Unterschicht und Mittelschicht nicht besser gehen.
    https://haimart.wordpress.com/2018/10/19/grossdeutschland-den-grosskapitalisten/

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