Regungen, Aufregungen

Vor einer Weile hat Lynx seinen Streifraum ausgeweitet und ist ein wenig durch Seattle gepirscht. Dieser (meist) regnerische Winkel des pazifischen Nordwestens ist ein HotSpot der Digitalisierung, von Beginn an, und inzwischen hat sich das in das Stadtbild eingeschrieben. Mit Bill Gates und Jeff Bezos leben und arbeiten in der Region zwei der reichsten Männer, gelegentlich wechseln sie sich auf den beiden ersten Plätzen ab. Auf einem kleinen Stadtspaziergang zwischen dem Seattle Center, wo die Gates-Stiftung ihren Altruismus zelebriert, und dem Amazon-Headquarter an der Ecke 6th Ave./Westlake Ave. kann man erkunden, was das physisch in der Stadt für Spuren hinterlässt und wie sie sich auch verändert hat, über diverse ökonomische Schübe hinweg, die sie in ihrer eigentlichen kurzen Geschichte schon erlebt hat.

Um 1850 herum überließ der Suquamish-Häuptling Chief Seattle den weißen Siedlern das Gelände, mit der Auflage, dass die Stadt seinen Namen trage und er und seine Familie dauerhaft versorgt werden. Es gibt Fotos von seiner zeitlebens ledigen Tochter Princess Angeline, die bis zu ihrem Tod 1896 noch in einem Häuschen am zentralen Pike Place Market lebte, während ringsherum die Stadt in die Höhe schoß. Kein Vergleich jedoch zu dem, was Amazon ein paar Straßen weiter derzeit durchzieht: in Windeseile richten sich die neuen Bürotürme auf, einer neben dem anderen, schlanke moderne Architektur, smart buildings bis in jede Zelle. Hier kann man der globalisierten Wirtschaft den Puls fühlen. Verstörend und beeindruckend gleichermaßen. Beeindruckend, weil es daran erinnert, was im 15. Jh. in Florenz passiert ist, mit welcher Macht die Medici einst die Stadt in die Neuzeit katapultierten. Verstörend, weil man das Gefühl hat, dass hier ein irgendwie autistisches Gebilde innerhalb der Stadt entsteht, das gar nicht wirklich mit dem Rest der Stadt kommuniziert – aber vielleicht täuscht das auch. Seit langem in Seattle ansässige Menschen, die ich darauf angesprochen hatte, haben allerdings diesen Eindruck bestätigt. Und es war zu hören, der eine Milliardär hätte „gut“ geheiratet, der andere habe keine so gute Wahl getroffen. Mit der (warum auch immer) angeblich nicht so guten Wahl war Bezos gemeint – und das war eine ganze Weile, bevor bekannt wurde, dass seine Frau sich scheiden lässt.

Diese bevorstehende Scheidung hat zunächst vor allem die Amazon-Mitarbeiter und -Aktionäre beschäftigt, weil man große Unwägbarkeiten auf die Firma zukommen sieht. Seit aber bekannt wurde, dass Jeff Bezos eine Affäre hatte, verlagert sich die Aufmerksamkeit auf das, was die Leute wirklich interessiert: Wäschezipfel, semierigierte Penisse und sonstiges Zeugs „down south“. Irgendwer hat etwas ausgeplaudert, was er versprochen hatte, für sich zu behalten. Der „National Enquirer“ (NE), ein kostenloses  Käseblatt der Supermarktkassen, das gerne Leute vorführt, hat das ausgeschlachtet. Der Herausgeber des NE ist ein Kumpel von Trump, weshalb Bezos, der wiederum Trumps Erzfeind ist, der Meinung war, die Veröffentlichung der Affäre sei politisch motiviert. Das wollte das Käseblatt nicht auf sich sitzen lassen und hat Bezos damit gedroht, intime Fotos zur Affäre zu veröffentlichen – da dachten sie beim NE, jetzt hätten sie ihn am Wickel.

Weit gefehlt und Bezos völlig unterschätzt, wie das wohl schon einige getan haben. Er kennt keine falsche Scham und geht lieber in die Offensive, Überraschungsangriff: Er hat sich hingesetzt und einen Beitrag auf seinem privaten Blog verfasst. Darin legt er ausführlich die Erpressung offen, einschließlich der Original-Mails mit den verbalisierten Details der  Fotos, die man angedroht hatte, abzudrucken. Think big sagt sich wieder mal Bezos und die Kontrahenten sehen nun nach – na ja, sehr kleinen und auch noch verklemmten „Würmchen“ aus.

Warum erzähle ich eine solche Boulevardgeschichte aus der Parallelwelt der Reichen und leidlich Schönen, aus der Herzkammer des Turbokapitalismus, wo immer zu viel Testosteron unterwegs ist? Was geht es unsereins an? Ich muss gestehen, ich habe Bezos’ Beitrag mit Genuss gelesen, weil ich mir dachte: es gibt tatsächlich noch erwachsene Menschen. Dieser ganze mediale Kindergarten kann sich noch so hysterisch aufführen, aufblasen, das ist mir doch wurscht – lassen wir die Luft raus. (Und tun nebenbei noch was für’s Geschäft, in dem wir zugleich noch einen draufsetzen.) Ein Auftritt wie im klassischen Western. Rauchende Colts.

Ganz nebenbei hat Bezos dabei für Entzücken in den Redaktionsstuben der elaborierten Presse, die ihm ja teilweise auch noch gehört (Washington Post), gesorgt, weil er mit seinem Blogpost angeblich den US-amerikanischen Wortschatz um ein neues Wort bereichert hat: complexifier. So sei der Umstand, dass er Eigentümer eines Pressehauses sei, ein complexifier für ihn gewesen im Umgang mit der Thematik. Auf deutsch würde man schön lautmalerisch sagen: eine Verkomplizierung – so ein Wort knödelt sich in unserer Sprache en passant, weshalb wir von Haus aus so kompliziert denken? Jedenfalls noch ein schöner Seitenhieb von Bezos in Richtung Trump: es ist entschieden smarter, die Kompexität zu sehen, sich ihr zu stellen und sie einzubeziehen in seine Überlegungen. Denn der complexifier bietet dem, der um die Ecke denkt, einige Vorteile. Mit Trump dürfte die Sache bald richtig losgehen. Außerdem hatten sie beim NE vergessen, dass sie wegen eines kürzlich ergangenen Urteils in den nächsten Jahren sich keine solchen Sachen wie mit Bezos mehr erlauben dürfen. Jetzt hat er sie am A…. Voller Punktsieg für Bezos. Den Rest erledigen seine vielen Anwälte und das dürfte teuer werden. Eine Blaupause, wie man der Rattenplage beikommen kann.

Bildrechte: Frank La Roche/The Seattle Times: Princess Angelines Haus am Pike Place Market

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2 Kommentare zu „Regungen, Aufregungen

  1. Ich dachte, für Trumps Anhängerschaft gehört eine ungehemmt ausgelebte (Hetero-)Sexualität zum erwarteten / geachteten / bewunderten / für erstrebenswert erachteten Verhaltensrepertoire von Alpha-Männchen.

    1. Guter Einwand. An dieser Stelle tritt die tiefsitzende Bigotterie vieler (amerikanischer) Seelen offen zu tage. Die Heerscharen von Trumps evangelikalen Anhängern verdrängen das ja irgendwie. Oder sie sagen sich: ja, bei Gott, er ist ein Schmutzfink, aber doch auch ein gottgesandter Anführer, weil er unsere Werte zwar nicht in der Hose hat, aber im Munde führt. Wohl ein Grund, warum Trump alles dafür tut und viel Geld zahlt, dass nichts Bebildertes an die Öffentlichkeit gelangt. Bis dahin könnte ja alles nur wilde Phantasie sein. Bezos wiederum gilt eher als Asket und dem Asketen lässt man ja bekanntlich nichts durchgehen: lieber ein ehrlicher Sünder (wie Trump) als ein sündiger Ehrlicher (wie Bezos), das funktioniert doch schon lange gut. Und bei den Evangelikalen wird er mit seiner Offenheit auch nicht punkten. Auch das dürfte im wurscht sein. Wichtiger ist ihm, meine ich, dass die Einpeitscher so richtig schön zur Ader gelassen, sprich zur Kasse gebeten werden. Der Rest ergibt sich dann.

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