Thermodynamik

Der Thermomix hat mich noch nie interessiert. Allerdings lese ich heute, dass Vorwerk den Wutbürger im Kunden befeuert hat. Quasi über Nacht hat man ein neues Modell dieses Rührpanschschnitzelgargeräts in den Markt geworfen, weshalb sich Spätkäufer des Vormodells nun übervorteilt fühlen. Und womöglich prozessieren wollen. Ohne Prozess geht ja heute gar nichts mehr. – Laangweilig.

Gestutzt habe ich, als ich lesen musste, dass der neue Thermomix TM6 jetzt auch das Sous-vide-Garen beherrscht, also das Dampfgaren im Plastikbeutel. Was für ein Fortschritt! Vor ein paar Jahren bin ich einmal zufällig in den Genuss von Sous-vide-Gegartem gekommen, weil auf einer italienischen Berghütte gerade ein Sternekoch am Herd stand und uns ein Schweinefleisch servierte, wie wir es aromatischer noch nie gegessen hatten. Er experimentierte da gerade mit Aromen aus dem Bergwald und wir waren seine Versuchskaninchen. Es war gar köstlich. Nur habe ich mich schon damals gefragt, was er wohl mit den ganzen Plastiktüten macht, die er da so verkocht.

Das Sous-vide-Garen ist ein schönes Beispiel für netten aber völlig überflüssigen Scheiß. Nice to have, aber verzichtbar. So wie auch Nespresso-Kapseln beispielsweise. Weil man auch auf klassische Art sehr aromatische Schmorbraten hinbekommen kann. Man wird die Geschmacksintensität der Plastikküche nie ganz erreichen – aber wozu? Ist es das wert? Ist das nicht eine wirklich schmerzlos-einfache Gelegenheit, auf dummen Carbonkonsum zu verzichten?

Es ist schon irritierend, wie wir hier Debatten führen über die schlimme Plastikflut und zugleich das Sous-vide-Garen als heißen Scheiß der Küche hochjazzen und nun auch noch massenkompatibel machen. Auf Wikipedia kann man lesen, dass die Kochbeutel aus Mehrschicht-Kunststoff bestehen, damit man die Ausdünstungen der Weichmacher im Griff hat. Also genau die Kunststoffkategorie, die besonders schwer wiederzuverwerten ist. Die sich leicht verbrennt. Mein gut 60 Jahre alter Cromargan-Schmortopf, den mir meine Mutter vor langer Zeit leichtsinnigerweise überlassen hat, setzt beim Garen garantiert keine Weichmacher frei.

Und so wird eine „runde“ Sache daraus: Mit erheblichem Energieaufwand produzieren wir Plastikbeutel, in die wir dann ein Stück Zuchtlachs oder Bioschwein einschweißen, für ein kleines Weilchen erhitzen, kurz verzehren, dann den Beutel wegschmeißen und verbrennen. Was für eine Verschwendung? Nein, verloren geht nichts. Die Wärme bleibt zurück, zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. So basteln wir munter weiter am globalen Kochbeutel, den wir mit uns selbst befüllt haben. Guten Appetit.

N.B.: Sollte es jemals zu einer juristischen Bewertung in Sachen TM6-Verkauf kommen, könnte das Gericht würdigen, dass Vorwerk den Kunden und letztlich dem Planeten einen kleinen Dienst erwiesen hat, in dem es wenigstens einige von ihnen vor den „Segnungen“ des TM6 bewahrt hat. Ob das dann als Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens verkauft wird?

10 Kommentare zu „Thermodynamik

  1. Die Berichterstattung über den Konflikt zwischen sich geprellt fühlenden Thermomixnutzern und Vorwerk ist das Beste, was Vorwerk passieren konnte: Kostenlose Werbung für den neuen Thermomix.

    1. Ob es Werbung ist? Aufmerksamkeit auf jeden Fall, das ist ja angeblich das, was vor allem zählt. Ansonsten freut sich wohl die inzwischen zahlreiche Konkurrenz auf Marktanteile. Das ist mir alles wurscht. Mich würde mehr interessieren, ob es nicht möglich ist, neben Plastikstrohhalmen auch Plastikkochbeutel zu verbieten.

  2. Das ist schon tatsächlich eine merkwürdige Entwicklung. Allerdings gilt beim von Menschen verstärkten Treibhauseffekt, dass diejenigen besonders hart getroffen werden, welche ihn selbst weniger verursachen.

    Gerade Entwicklungsländer haben eine schlechte Infrastruktur und können sich nicht mit Versicherungen oder Staudämmen gegen die Folgen des Klimawandels schützen. Somit treffen Dürren oder Überschwemmungen diese Menschen besonders hart, obwohl der Kohlenstoffdioxid besonders von den Reichen ausgestoßen wird. Während die reichsten 10% der Weltbevölkerung mit ihrer etwa 49% des Treibhausgases ausstoßen, produzieren die arme Hälfte nur etwa 10%. Nur die untersten 70% der Weltbevölkerung hat einen kleinen ökologischen Fußabdruck als ihm rechnerisch bei Gleichverteilung zustehen würde.
    https://haimart.wordpress.com/2019/01/22/auf-erden-schon-das-himmelreich-errichten/

    Das einzige was bleibt ist Zynismus. Plastik ist gut für das Ökosystem. Es bildet einen Teppich auf den Weltmeeren und schützt die Meeresbewohner vor dem Ozonloch, welches seit kruzen wieder größer wird, vermutlich wegen FCKW aus China. Gleichzeitig werden die wasserschlechtlöslichen Gifte am Mikroplastik gebunden, wo sie wieder in die Nahrungskette gelangen und in der Membran von Fischen und anderen Tieren angesammelt werden. Besonders stark werden diese Gifte dann in Raubfischen wie dem Thunfisch konzentriert. Um diese Gefährdung zu minimieren wird erfolgreich der Thunfisch bejagt, sodass er wie viele andere Salzwasserfische vom Aussterben bedroht ist. Statt den Thunfisch auf unserem Sushi zu verbietetn, sollte gegen die Ökodiktatur nach innovativen Ideen gesucht werden für die mögliche Lücke im Nahrrungsnetz. Wie wäre es mit dem Verdünnen von Thunfischfleisch mit Delphin? Und so schließt sich auch wieder der Kreis zu den Japanern.

    1. Mag sein, dass irgendwann nur noch Zynismus hilft. Ich hoffe, ich habe noch ein Weilchen bis dahin. Inzwischen versuche ich mich darin zu üben, den Leuten, die mir etwas anbieten oder andrehen wollen, direkt zu sagen, was ich nicht haben will. Bisweilen sehr direkt, beleidigte Verkäufer zurücklassend. Ich versuche also, bei gewissen Dingen ein schlechter Kunde zu sein. Vielleicht gibt es einmal mehr davon, so dass das Geschäft keinen Spaß mehr macht bzw. sich nicht mehr lohnt?

      1. Das ist ein interessanter Ansatz. Allerdings sind die Verkäufer das untereste Glied in der Kette. Die Industrie wird trotzdem versuchen uns einen Scheiß anzudrehen. Möglicherweise demotivierst du so den einen oder anderen Verkäufer, wobei diese noch genug Druck von Arbeitgeber und dem Arbeitsamt bekommen. Wie sinnvoll an einer höheren Ebene anzusetzen ist, das frage ich mich schon seit Langem vergeblich.

      2. Ich kann nur in der Ebene etwas bewegen, in der ich mich befinde. Wollte ich weiter oben etwas bewegen, müsste ich hinaufsteigen. Könnte ich tun, liegt mir aber nicht. Also muss es der Verkäufer aushalten. Und hoffentlich erstattet er Bericht, dass die Kunden das nicht mehr wollen, rummäkeln. Gute Chefs hören sehr genau auf solche Berichte, der Herr Würth z.B. ist bekannt dafür. Und warum sollte ich aus Sorge um den Arbeitsplatz des Verkäufers etwas kaufen? Dann mache ich mich doch erst recht zum Büttel des Systems?

      3. Ja, da hast du völlig recht. Aber ich befürchte, dass Filialleiter wenig Interesse an solchen Problemkunden wie dich haben. Natürlich sollst du nicht aus Sorge um den Arbeitsplatz von Verkäufern irgendwelchen Müll kaufen oder dich zum Büttel des Systems herablassen. Doch die Wirksamkeit deiner Maßnahme bezweifel ich stark.

      4. Als Einzelner kann ich natürlich wenig ausrichten, schließlich bin ich ja auch kein „mächtiger“ Influencer. Wäre ich einer, sähe es schon anders aus. Spricht es sich rum, dann auch. Konsumentenboykott nennt sich das dann wissenschaftlich. Wird dann wirksam, wenn eine kritische Masse erreicht wird. Eben lese ich, dass GNT-Model Barbara Meier auf ihrer anstehenden Hochzeit auf Plastikstrohhalme verzichten will. Nette Geste. Wenn sie jetzt auch noch herumposaunen würde, dass Vakuumgaren ein NoGo ist und es das auch nicht geben wird? Das Merkwürdige ist nur, dass sich solche Verhaltensänderungen meist nur auf die verbale Ebene beschränken: was sagt „man“ nicht mehr, gendergerechte Sprache und so. Beim Konsum sieht es, trotz vieler anderslautender Bekundungen doch eher mau aus, selbst beim Diesel ist das so. Die Suche nach der kritischen Masse geht weiter.

      5. Ja, mir hat dein Beitrag ja auch gefallen. Auch wenn ich keine Thermomixer benutze, sondern noch ganz altmodisch mit Topf und Wasser koche. Deine Beobachtung zum Konsumverhalten und der geschlechtsgerechten Sprache muss ich leider teilen.

        Die Änderung beider Verhaltensweisen ist mühsam. Allerdings ist Sprache ein öffentliches Medium mit viel Symbolik. Dort können schon andere schöngefärbte Worte eine Menge bewirken. #Propaganda

        Wer sich dem nicht beugt, wird häufig in die rechte Ecke gestellt. Ich persönlich finde Gendern sexistisch, weil es einen Unterschied macht, wo eigentlich keiner sein sollte. Statt über geschlechtergerechte Sprache nachzudenken, sollten endlich die Lücken in der Bezahlung geschlossen werden. Das wäre allerdings mehr als Symbolpolitik.

        Aber auch der Konsum ist politisch. Im Sinne der Marktwirtschaft und mit Steuern gelenkt können ökologisch sinnvolle Entwicklungen gelenkt werden. Allerdings fehlt häufig der Mut zur Veränderung, da Wähler möglicherweise nur ungern ihr Verhalten ändern. Der Konsum wird immer noch als etwas Privates angesehen. Ich kann heimlich so viel Fleisch essen oder so viel fliegen wie ich möchte. Auch hier gilt, dass ich natürlich Bekundungen äußern mich zu bessern, allerdings müssen solchen Bekundungen nicht zwangsläufig Taten folgen.

        Gerade das Thema Diesel ist ein sehr sensibles. Die Autoindustrie manipuliert massiv und täuscht den Verbraucher, setzt ihn unnötig einer zu hohen Grenzwertdosis aus und am Ende drohen dem Verbraucher Fahrverbote.

        Es fehlt der Wille zur Veränderung. Selbst die Euro6 Diesel überschreiten die Grenzwerte für Stickoxide. Dort müsste angesetzt werden. Allerdings machen besonders CSU und AfD verstärkt Propaganda für die Automobilindustrie als Schlüsselwirtschaft der deutschen Industrie. Am Anfang des Dieselskandals wurde ein kostenloser Nahrverkehr versprochen um die Luft in Innenstädten zu verbessern. Was ist eigentlich aus dieser Idee geworden? Stattdessen wird über Flugtaxis debattiert und wie man sinnvoll die Messstationen manipulieren kann. #Fahrverbote um Messstationen oder #Filtern der Luft vor Messstationen

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