Boubou

Wie steht es um den Handel zwischen dem Erzgebirge und dem Senegal? Brauchen die in Westafrika jetzt auch schon Christbaumschmuck und Räuchermännchen? Und will man in Sachsen allen Ernstes afrikanische Erdnüsse knabbern? Die Süddeutsche wartet mit einer überraschenden Geschichte auf.

In letzter Zeit war ich zuweilen nicht mehr recht zufrieden mit meiner alten SZ. Etwas zeitgeistig, etwas aufgeregt manchmal, auch oberflächlich. Habe mich dann auf eine andere alte Liebe besonnen und mir tatsächlich ein Online-Abo der New York Times geholt, was sehr erschwinglich ist. Und den Horizont enorm erweitert. Da kann man dann lesen, dass eine Redakteurin auf die verwegene Idee kommt, von New York nach Los Angeles mit dem Zug zu fahren, anstatt schnell mal den Flieger zu nehmen, was nur ein Zehntel der Zugreise kosten würde. Drei Tage ist sie unterwegs, mit toller Schlafkabine und betörenden Ausblicken in Amerikas Hinterhöfe. Sie beginnt ganz langsam zu verstehen, dass da sehr viel Land liegt, bewohnt sogar, zwischen Ost- und Westküste. Die Heimat der „Somewheres“ könnte man sagen. I like that stuff.

Auch das Erzgebirge ist noch bewohnt und es beherbergt sogar ökonomische „Hidden Champions“. Nicht nur für Weihnachtsdeko oder auch Uhren. Es ist viel spektakulärer: westafrikanische Muslime, die etwas auf sich halten, kleiden sich in Damast aus Aue. Ein hochwertiger Grand Boubou, wie sich das traditionelle Gewand nennt, muss aus farbigem und glänzendem Stoff der Curt Bauer GmbH aus Aue genäht sein. Die Chinesen liefern nur die Billigstoffe für Alltagskleider. Wenn man in die Moschee geht muss es ein Boubou aus sächsischem Stoff sein – ist das nicht schön? Seit Jahrzehnten bestehen die Geschäftsbeziehungen nach Westafrika, das Handelsvolumen ist mit jährlich 4 bis 5 Mio € überschaubar, doch immerhin beschäftigt Bauer 130 Leute in einer Region, wo es wirklich auf jeden Arbeitsplatz ankommt – und das Geschäft mit Afrika wächst. Die AfD führt in Aue und Umgebung inzwischen politisch das Wort und hat offenbar noch nicht mitbekommen, welche wichtige Kundschaft die Region unter den afrikanischen Muslimen hat. Einen ernsthaften Konkurrenten auf dem afrikanischen Markt für hochwertigen Damast hat die Fa. Bauer – und der kommt aus Österreich. Noch so eine schöne Pointe.

Die Wirklichkeit erweist sich wieder einmal als deutlich komplexer, als man in manch ostdeutschem Gau oder manch treudeutschem Gemüt so leichthin vermutet. Man kann den Leuten bei Curt Bauer nur weiterhin viel Erfolg, gute Geschäfte und Kontakte nach Afrika wünschen. Und der SZ danken für diese schöne Geschichte. (Der Text von Rike Uhlenkamp beruht auf einer Reportage von ihr aus dem Jahr 2017, erschienen bei Zeitenspiegel, dort als Download verfügbar.)

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