Wald. Lichtung. Hain. Quelle

Die Welt ist ein Wald: nachdem ich an der Süddeutschen in letzter Zeit hin und wieder herumgekrittelt habe, widmet sie heute dem Motto dieses Blogs einen Artikel. Nette Geste. Christoph Quarch beleuchtet das Verhältnis von Wald und Lichtung im Fortschreiten der Gesellschaften. Angefangen, natürlich, bei wilden Waldmenschen, Giganten, über die Gründung Roms als Rodungsinsel, über die Aufklärung als große Lichtung, die Waldverehrung der Romantiker und den heutigen Dschungel. (Blitz aus dem Virtuellen, SZ Nr. 81/2019, S. 10)

Überraschenderweise erklärt er nicht das Netz, die digitale Welt zum undurchdringlichen Wald, in dem man leicht verloren gehen kann, sondern zur Lichtung, die sich „schleichend in den alten Raum der Stadt gebrannt [hat], eine Lichtung, deren Licht so grell ist, dass sich niemand ihr entziehen kann.“ Was folgt daraus? „Der urbane Raum der analogen Stadt wird bald den Wald beerben“. Quarch beschwört den Großstadtdschungel als Sehnsuchtsort für neue „wilde“ Männer und Frauen und sieht die große Verwilderung des Stadtraums heraufziehen, weil Gestaltung, Zuwendung, Sichkümmern nur noch den digitalen Formaten gelten könnte. – Bedenklich. Aber er dreht noch weiter, weil er meint, diese neue digitale Lichtung sei so groß und grell beleuchtet, dass es keinen Schatten mehr gäbe, also eher eine Wüste als eine Lichtung, diese neue Welt, wo „zu viel Licht tödlich“ ist. (So betrachtet könnte es also sein, dass es manchen Leuten in den unendlichen Weiten und unter der grellen Sonne des Web schon die Großhirnrinde weggebrannt hat, bei dem Stuss, den sie oft absetzen.)

Letztlich ist der Wald der Ursprung von allem. Nur weil es Wald gibt, kann es Lichtung geben. Der Wald ist der Wurzelraum, die Quelle, die „Brutstätte„, das sich ständig erneuernde Füllhorn, das die Natur ausschüttet, wenn man sie lässt. So ist der Wald in den Mythen der Menschheit häufig der „Ort der Transformation, Initiation und Verwandlung“ der Helden. Der ackerbauende und viehzüchtende Mensch drängte ihn immer weiter zurück, schaffte sich erschöpfenden Produktionsraum, den er dann künstlich düngen muss. Bis nur noch eine große Agrarsteppe zurückblieb, auch eine Art von Wüste, wie Leute wissen, die etwas von Biodiversität verstehen.

In der großen Agrarsteppe der USA, zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains, in großen Teilen natürliches Grasland, das unter den Pflug genommen wurde, erkennt man die Farmen schon von weit her. Auch an den Getreidesilos, aber vor allem an den Bäumen. Kleine Waldinseln. Inverse Lichtungen sozusagen. Sie dienen hier oft zunächst dem Windschutz, weil die Great Plains von unaufhörlichen Winden geplagt sind, auch wenn kein Tornado droht. Und für deren Schutz vor Wind und Sonne in der Ackerwüste der einsame Wanderer sehr dankbar ist, wie Wolfgang Büscher in „Hartland“ berichtet – wenn die Hofhunde ihn ruhen lassen. Dort, wo Menschen sich verorten, bedürfen sie offenbar des Waldes, seinem kühlenden Schatten, seinen Geheimnissen der Quellnymphen, dem Gesang seiner Vögel. Wobei diese Art von Wald eher ein Hain und der Hain der Topos schlechthin ist für den „locus amoenus“ einer arkadischen Weltsicht. Der Hain steht zwischen Wald und Lichtung, ist geprägt von beiden Sphären, ist nicht zu groß, ein wenig licht, überschaubar. Man könnte auch sagen: nett. Bieder. Die goldene Mitte. Gegenstand unzähliger Bilder der frühen Neuzeit, als der Mensch begann, das Licht der Welt für sich zu entdecken und das „himmlische Licht“ in den altgewordenen gotischen Kathedralen zurückließ. Der Hain gewinnt aktuell wieder an Bedeutung: Agroforst, Waldackerbau sozusagen ist das neueste Ding in der (ökologischen) Landwirtschaft. Ackern unter Bäumen, Landwirtschaft in Etagen, nicht zu viel Sonne und die Feuchte beieinander halten. Die Umstände verlangen danach.

Lynx streift herum, mal hier, mal dort. Sein Lieblingsort wird nicht verraten. Einmal war er allein unterwegs am Westabhang der Appalachen, in den Wäldern von Kentucky, bei Wildcat Mountain. Er hatte Witterung aufgenommen und folgte der Fährte von Daniel Boone, dem „Trailblazer“, der Ende des 18. Jh., also zu Zeiten der Aufklärung, den Siedlern den Weg durch das östliche Küstengebirge in die unendlich fruchtbaren, paradiesisch beschaffenen Weiten des Mittleren Westens gewiesen hatte. Dieser Weg, die Wilderness Road durch die Cumberland Gap führte durch das Stammesgebiet der Shawnee. Deren bedeutendster Anführer war Tecumseh, ein weitsichtiger Politiker, dem es gelungen war, zeitweise eine große Koalition der Stämme in „Appalachia“ zu schmieden, um sich der Siedlerflut zu erwehren. Das Ergebnis ist bekannt, Tecumseh aber in Erinnerung geblieben und zur mythischen Figur geworden. Lynx folgte einem schmalen Waldpfad in eine Senke hinunter, ein kleines hölzernes Schild hatte zu einer „Indian Spring“ gewiesen, einer Quelle, die offenbar die Shawnee gekannt hatten. Es war sehr still, kein Mensch weit und breit. Aus einem Felsen rann ein sehr dünnes Wässerchen, kleine Pfützen am Grund. Er streckte die Hand aus, um vom Wasser zu kosten, benetzte seine Lippen. Da erhob sich ein Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Seitdem…

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.