Ins Blaue getroffen

Schockstarre in den rechten Blogs. Eine Schutzmacht ist implodiert. Das „Strachnin“-Gift wirkt. Dabei hatte man doch ganz andere Drehbücher im Kopf, gerade vor der Europa-Wahl, und keine Sekunde daran gedacht, dass die Protagonisten der gerne gehegten Verschwörungs-Plots die eigenen Leute sein könnten.

Ist es nicht kurios? Genau gestern erschien bei Vera Lengsfeld die Besprechung eines Thrillers: „Das Attentat“: Die Privatmaschine eines russischen Oligarchen und seiner Frau, einer Politikerin, sowie einer halben Milliarde Euro in bar stürzt in den Schweizer Bergen ab (leider nicht auf Ibiza). Bei den Ermittlungen stößt man auf eine Verbindung zwischen Moskau, Brüssel und dem Ausbruch einer rätselhaften hochansteckenden Infektion in der Ukraine, der viele Menschen zum Opfer fallen. Aber niemand in den Machtzentralen ist an einer Aufklärung interessiert…

Die Autorin ist eine Kollegin von Lengsfeld in der rechten Szene und veröffentlicht unter dem Pseudonym Frank Jordan seit einer Weile Geschichten, in denen es wohl um die ganz großen Verschwörungen geht. Den Inhalt ihres neuen Buchs umreißt sie, während der Entstehungsphase, so: „Stichworte: EU, Schweiz, Ukraine, Russland, Geld, Bargeld, inszenierte Krisen und immer wieder Menschen – ihre Leidenschaften, Wünsche, Seilschaften, Ränkespiele und Sehnsüchte. Selbstschutz, der Wille zur Macht und zum Machterhalt.“ Den Fall Strache hat sie durchaus treffend antizipiert. Die Reihenfolge der Attribute ist wohl nicht zufällig gewählt, denn ganz schlimm: die EU. Die Schweizer Autorin muss es ja wissen.

Lengsfeld schreibt dazu: „Hinter der wohlanständigen Fassade von Politik und Finanzwesen tun sich Abgründe auf, die derart realistisch geschildert werden, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob vielleicht etwas dran sein könnte, ob hinter dem, was der durchschnittliche Zeitungsleser als Politik präsentiert bekommt, vielleicht ganz andere Interessen im Spiel sind, von denen er nicht einmal ahnt.“
Und sie zitiert einen Kollegen, Robert Nef: „Dieser Thriller ist anders. Er spielt sich im Netzwerk von zentralen Regierungen ab, deren Interesse an der Machterhaltung gegenüber der allgemeinen Gefahrenprävention Vorrang hat. Politik fordert von den Reichen und von den Armen Geld mit dem Vorwand, beide voreinander zu schützen. Aber Tatsache ist: Letztlich schützen Politiker nur ihre eigenen Interessen.“

Heute mittag stellt sich Strache in Wien vor die Presse und sagt, es habe ein „gezieltes politisches Attentat“ auf ihn stattgefunden, faselt von „dirty campaigning“, „Schmutzkübelkampagne“, „Wahlkampfbeeinflussung durch ausländische Geheimdienste“ usw.

Entschuldigen S‘ bittschön: wer saß in der Villa auf Ibiza und hat sich bewirten lassen? Wer war so geldgeil, machtlüstern, dass er das eigene, gelegentliche Unwohlsein vergaß, und sich hinreißen ließ, das eigene Volk zu verraten? Die Presse verscherbeln, Staatsaufträge verticken, die Wasserversorgung gewinnträchtig privatisieren? Die Süddeutsche sagt das ganz richtig: er hätte jederzeit aufstehen können und gehen. Ein Mann von Charakter hätte das getan, schon nach einem kleinen Weilchen. Strache blieb sitzen. Und will jetzt auch noch austeilen?

Selten jedenfalls hat die rechte Szene mit ihren Verschwörungstheorien so ins Schwarze getroffen. Eigentlich ins Blaue, denn sie hatten keine Ahnung, dass die Verschwörer aus den eigenen Reihen kommen, im eigenen Haus sitzen. Porca miseria! In Wien liegt heute abend jedenfalls Revolution in der Luft. Aber von ganz anderer Art, als die rechten Einheizer das gerne hätten. Weggehuscht sind sie, mäuschenstill, gelähmt?

Die Autorin Frank Jordan zitiert zu ihrem Roman Alexander Solschenizyn: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Ein ORF-Kommentator meinte heute zur Causa Strache: „Was in einem Menschen nicht drin ist, das kann auch nicht raus.“

Ein Kommentar zu „Ins Blaue getroffen

  1. Aber trotzdem gibt es gerade auf Twitter noch genügend Leute, die trotzdem zu den Rechtspopulisten halten. Sie teilen die Meinung des Attentats. Dennoch finde ich, dass du die Situation sehr treffend beschrieben hast.

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