Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

Auf der Website der AfD-Landtagsfraktion Sachsen schrieb 2017 MdL Mario Beger, dass über den „Bürokratiewahnsinn“ Mülltrennung die ganze Welt lachen würde. Und er bejammert, dass der kleine Handwerker Leute fürs Müllsortieren einstellen oder das womöglich nach Feierabend selber machen muss, „anstatt bei seiner Familie zu sein“. Jau. Und wegen dieses „Wahnsinns“ hat er sich schon überlegt, ob er nicht seine Koffer packt. Hat dann aber gemerkt, dass ihm „die Zukunft unseres schönen Landes und seiner arbeitenden, fleißigen Bevölkerung“ doch zu sehr am Herzen liegt und ist (leider) immer noch hier. (AfD-Website)

Schöner Gedanke: wegen Mülltrennung das Land verlassen. Ist ein echter Luxusgrund. Es gab jedenfalls Zeiten, da haben Leute aus ganz anderen Gründen das Land verlassen (müssen), wenn ihnen ihr Leben lieb war, zum Beispiel. Doch bekanntlich geht das Beger ja nichts an, das war vor seiner Zeit, das „haben die damals gemacht“. – So sind sie eben, die Blauen: wegen Lappalien leicht erregbar und ansonsten absichtsvoll geschichtsvergessen. So erregbar, dass sie wohl in nächster Zeit wegen zunehmender Empfindlichkeiten, Animositäten und gekränkten Eitelkeiten auseinanderlaufen werden. Und bevor dem „Flügel“ wirklich die Flügel wachsen, sollten wir sie in den Blauen Sack stecken – und weg damit. Da muss man auch nicht groß sortieren vorher, ist ganz einfach.

Auch außerhalb der AfD, im Umfeld der rechtspopulistischen Blogger und „identitären Vordenker“ rumort es. Da zeigt sich allerdings, wie einflussreich das „Kubitschle“ Götz Kubitschek inzwischen ist. Kann er schon Köpfe rollen lassen? Der extrem nervige und omnipräsente David Berger hat offenbar nach dem Treffen der sog. „Freien Presse“ in Berlin Kubitscheks Gunst verloren und nahm dann die Stimmung nach dem Lübcke-Mord zum Vorwand, um sich in die „Blog-Ferien“ zu verdünnisieren – was kein Schaden ist. Danach verließ er auch das Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung, kurz bevor er gegangen worden wäre. So bleibt ihm zumindest die geliebte Opferrolle. Die Sezessionisten um Kubitschek stricken derweil munter weiter an ihrem revisionistischen Weltbild. Ein Autor der Sezession schrieb heute, die „Sezession“ sei „das zentrale intellektuelle Blatt der Jetztzeit“: bescheiden ist man dort nicht. Insgeheim hofft man darauf, der Kyffhäuser möge endlich niederkommen und nach den Landtagswahlen im Osten eine „freies Mitteldeutschland“ gebären, Hauptstadt: Schnellroda. Doch das alles gehört: in den blauen Sack.

Wo ist Trost? Unterwegs höre ich eine kleine Reportage über einen geführten Spaziergang zu Fontane-Orten in Berlin. Darin heißt es, Alfred Döblin, der mit Fontane wenig anfangen konnte, hätte ihm eine „verzichtende Geistigkeit“ bescheinigt. Das gefällt mir. Döblin war eine solche Haltung eher fremd, hat sie doch mit dem explodierenden Konsumismus des 20. Jahrhunderts, den er beschreibt, wenig gemein, ja erschien rückständig.

Wir aber können vielleicht demnächst sehr viel mehr davon brauchen, nicht nur in geistigen Dingen:

  • Besser das überhaupt nicht kaufen, was nach kurzer Zeit bereits in den Gelben Sack gehört.
  • Besser nicht wählen, was unmittelbar in den Blauen Sack gehört. Weil uns sonst die Flut und die Wut der Blauen Säcke erdrücken wird.

Verzichtende Geistigkeit: zarter Schmelz, langer Abgang. Stille. Schön wär’s.

Nachtrag 10.07.19: gestern abend habe ich den Text gemütlich geschrieben, nicht ahnend, dass sich heute die Ereignisse überschlagen würden: die AfD scheint nach einem Anti-Höcke-Aufruf von Parteifunktionären tatsächlich vor der Spaltung zu stehen, David Berger & Co wittern Morgenluft, er schreibt wieder und wird angeblich akut bedroht, und selbst das Kubitschle kriegt kalte Füße und bettelt um Einigkeit. Gut, dass der blaue Sack noch zur Hand ist. Bitte alle mit anpacken.

Nachtrag 11.07.19: Wer hätte gedacht, dass der Blaue Sack sich so schnell füllt? Heute hat der Verfassungsschutz die Identitäre Bewegung (IB) als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft. Das ist doch mal ein Fortschritt. Der sog. Salonfaschist Götz Kubitschek ist der Stichwortgeber und einer der geistigen Väter der IB. Oder ihr Lehrer, wie er am 25.08.18 in Dresden selbst sagte, und die IBler seien seine über seine eigenen Bemühungen hinausgewachsenen Schüler. Ein länglicher Vortrag, der mehr einer Sonntagspredigt ähnelt, wo die Gemeinde manchmal auch nicht recht weiß, wovon der Pfarrer eigentlich redet, auch weil er meist so im Vagen und Unverbindlichen bleibt. Hin und wieder langt er aber zu, z.B. wenn es um weißen Suprematismus geht. Am Ende schwört er seine Zuhörer auf die Askese des Kämpfers ein. Mit seinem schwäbelnd-verbindlichen Singsang lullt er einen ganz schön ein und das Schönschreiben steht bei ihm ganz hoch im Kurs. Womöglich hat es sich jetzt ausgeblendet?

Nachtrag 12.07.19: Das VS-Diktum wirkt. In Schnellroda muss man sich offenbar erst einmal besinnen – gut so. Manch einer der Truppe lässt wissen, dass er sich jetzt gewissermaßen in die innere Emigration verabschiedet. Auch recht. Wenn man von seinen Wahnvorstellungen nicht lassen kann… David Berger, der kurzzeitlich meinte, Oberwasser zu haben, hat sich wieder abgeschaltet, keine Beiträge mehr zugänglich, denn wer weiß, welchen Strick der VS ihm aus seinem Dreck jetzt drehen könnte. Schuld sind natürlich die anderen und er flüchtet sich  hinter angebliche Ermittlungen des Staatsschutzes wegen Drohungen gegen ihn: die verfolgte Unschuld. Nur der etwas unterbelichtete Kamerad Jürgen Fritz textet munter weiter, aktuell verlangt er eine große Mauer, nach dem Vorbild der chinesischen. Vom Ausgang seines Prozesses gegen Facebook erfährt man nichts. War wohl nichts. Wird auch nichts mehr, verlorener Posten, aber er wird das Fähnchen unverdrossen hochhalten.

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