Deutscher Herbst?

Ich lausche der „Winterreise“ von Franz Schubert, die Vertonung der Gedichte von Wilhelm Müller aus Dessau, weil ich eine Herbstreise nach Sachsen-Anhalt vorbereite und der Sound, den ich mit Orten, Begebenheiten, Reisen verbinde, für mich essentiell ist. Im speziellen Fall ist das ein arg theoretisches Konzept, weil Müller nicht wusste, dass Schubert seine Gedichte vertonte und beide von dem dauerhaften Erfolg dieses Werks nicht profitieren konnten, weil er erst posthum eingetreten ist, für beide. Aber irgendwelche Schwingungen werden schon da sein?

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum. […]

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht,
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Die aktuellen Überlegungen werden massiv gestört von den heutigen Vorfällen in Halle, die man getrost als Terroranschlag bezeichnen darf, auch wenn die Hintergründe erst in Umrissen bekannt sind. Und das löst Gedanken in eine ganz andere Richtung aus, nicht mehr vorwärts, unternehmungslustig, sondern rückwärts, retrospektiv. Oktober in Deutschland, da war doch was. Nein, nicht vor dreißig Jahren, länger her, vor nun genau 42 Jahren. Kann sich noch jemand erinnern an den sog. „Deutschen Herbst“ 1977? Als die RAF meinte, sie könne diesen Staat vorführen, in die Knie zwingen, vergewaltigen, was auch immer?

Damals war ich sehr jung. Wer jung war hatte zumeist Sympathien für alles Antikapitalistische und verdächtigte die staatlichen Autoritäten eigentlich grundsätzlich des Missbrauchs derselben. Als die RAF dann das Land mit ihrem Terror überzog, packte der Staat sein Filetierbesteck aus und wurde unangenehm, auch im Alltagsleben. Überall Polizeikontrollen. Der sog. „Radikalenerlass“ war schon seit fünf Jahren in Kraft und irgendwie kannte jede/r eine/n der/die davon betroffen war. Es war ungemütlich. Auch wenn man kein wirklicher Sympathisant war, fühlte man dennoch mit, mit den Sympathisanten, die nun massiv unter Druck gerieten. Die meisten waren doch nur pure Idealisten, Träumer einer besseren Welt, auch: Verirrte im unübersichtlichen Gelände der Weltverbesserungsideologien. (Andere machten damals mit wachem Geist Frontarbeit: Schily, Ströbele…) Die ganz gewöhnlich idealistische Jugend beschlich damals das Gefühl, dieser Staat könne womöglich alle Aufbruchsregungen im Keim ersticken, in einer Überreaktion auf die Provokation durch die RAF.

Rückblickend scheint es mir, dass der Staat echte Stärke bewiesen hat. Vordergründig und bekanntermaßen in der ziemlich gnadenlosen Bereinigung des RAF-Problems. Hintergründig (und viel wichtiger) darin, dass er aus der Situation nicht insofern Kapital geschlagen hat, dass die jugendlichen Befürchtungen wahr wurden. Nein, als sich die Situation beruhigt hatte, hat sich der Staat auch wieder entspannt und die Dinge wieder laufen lassen, vielleicht sogar großzügiger als zuvor. Und genau das hat diesen Staat stark gemacht – in meinen Augen. Ich möchte es wenigstens so sehen.

Auf die aktuelle Situation gewendet: ich wünsche mir, dass der Staat gnadenlos durchgreift auf der rechten Seite. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat das heute abend in der ARD wieder angesprochen: auf Worte folgen Taten. Die Täter aus der rechten Szene sind zumeist arme Irre (anders als die RAF-Terroristen). Die wirklich gefährlichen Leute sind die, die bislang ungestraft, ihr exklusives Gedankengut verbreiten, in Schnellroda und sonstwo. Die sich die Hände nicht schmutzig machen und sich dieser depperten willigen Helfer bedienen. Eigentlich ein ganz einfaches Kalkül. Und dieser Staat hat hier bisher offenbar keine juristische Handhabe.

Vielleicht braucht es diese Provokation, dass sich unser aller Staat besinnt und, wieder einmal, gnadenlos die Schranken aufzieht. Radikalenerlass für die Rechten? Höchste Zeit (Kriegt Höcke eigentlich noch Beamtensalär?). Immerhin war man auffallend schnell mit der Einschätzung „staatsgefährdend“, Generalbundesanwalt übernimm!

Im Zuge der Reisevorbereitung habe ich von einem Ort gelesen, einem alten Schloss, das vor Jahren aus öffentlichem in privaten Besitz übergegangen ist. Die aktuellen Besitzer hatten offenbar darauf spekuliert, das Anwesen ließe sich, in einer durchaus touristischen Gegend, touristisch vermarkten. Pustekuchen, Flaute. Man vermietet die historischen Räumlichkeiten für private und öffentliche Veranstaltungen, auch an Parteien, auch an die AfD, weil das eine demokratisch legitimierte Partei sei. Ob man auch an den „Flügel“ vermieten werde, müsse man noch überlegen. Der Große Geist behüte: wenn erst einmal ökonomische Abhängigkeiten entstehen, dass man an die Nazis vermieten „muss“… Schnellroda ist dort gleich ums Eck. Und wer weiß: dem Kubitschle wäre ein gediegen Schloss am Ende wahrscheinlich noch lieber als sein popeliges „Rittergut“, das nur so heißt.

Bei aller bitterer Tragik war es vielleicht wichtig, dass das heute ausgerechnet in Halle passiert ist, wo diese bescheuerte „Ein-Prozent-Bewegung“ der Identitären residiert. Ausmisten, sofort. Keinen Stein auf dem anderen lassen, in einem weiteren deutschen Herbst.

Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai,
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

(Wilhelm Müller, Gedichtzyklus „Die Winterreise“)

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