Schnellroda droht (und heult rum)

Welche Reaktion auf den Mordanschlag in Halle durfte man von der Klitsche in Schnellroda, die sich „Sezession“ nennt und die Meinungsführerschaft bei der Neuen Rechten beansprucht (und ein Spielbein in Halle hat), erwarten? Dass sich Kubitscheks „Denker“-Stammtisch äußern musste, war klar. Aber so – plump (doch wie auch anders)?

Kubitschek selbst hält sich wieder vornehm zurück (seine liebste Attitüde) und schickt seine Nummer zwei vor. Martin Lichtmesz wird von der Gemeinde als Vor“denker“ verehrt, welches Manna hält er für die nach Ausflucht und Rechtfertigung hungernden Seelen bereit? Eine Predigt (und eine Selbstoffenbarung) in 5 Stichpunkten und einer Rechtfertigung, mit der er sich (unbedacht?) mit dem Täter identifiziert:

1. Der Einzelkämpfer: wir sind so allein allein.
2. Das Opfer: keiner hat uns lieb.
3. Die Verschwörung: die anderen missbrauchen uns, weil sie uns ausgrenzen wollen.
4. Die Opfer: sind wir, weil wir ausgegrenzt werden (nicht die, die uns zum Opfer fallen.)
5. Die Drohung: wenn ihr uns nicht liebhabt, geben wir keine Ruhe.
Rechtfertigung: ihr seid schuld.

Der Reihe nach, ein wenig unter die Lupe genommen (ermüdend, weil die Argumentation der Rechten dem ewiggleichen Schema folgt):

1. Der Einzelkämpfer: L. ordnet den Attentäter einer Einzelkämpfer-Tradition der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung zu. Leute, die sich berauschen an der Inszenierung als Real-World-Ego-Shooter. Das sei eine Subkultur der „einsamen Wölfe“ mit eigenen Regeln und eigener Dynamik.

2. Das Opfer: Der Killer ist ein „frustradikalisierter Incel„, dem es letztlich wurscht ist, wer oder was ihm vor die Flinte läuft, der nur wild um sich ballert, denn: „Offenbar war B. auch ein Scheidungskind, das bei seiner Mutter lebte.“ Will heißen?

[Man kann das bis hierher von Lichtmesz Ausgebreitete nehmen als eine Aufzählung von Indizien und Überlegungen, wie sie auch an anderer Stelle in den Medien vorgenommen wird. Das ist fast schon Konsens. Und im speziellen Fall soll das natürlich entlastend wirken: da seht ihr’s, der wirre Einzeltäter aus desolaten Verhältnissen, von schlechten Ratgebern und Influencern umgeben, deshalb wirr im Kopf, nach Anerkennung und Auszeichnung gierend. Oder auch: die Personenbeschreibung für eine Idealbesetzung als Instrument und Frontkämpfer? Wir brauchen dich! Bei uns findest du Erwähnung und Würdigung! – Denn: Lichtmesz scheut sich nicht, O-Töne aus dem Video des Killers wiederzugeben und damit seine Plattform zu vergößern. Seht her: bei uns kriegt jeder Wirrkopf seine Werbefläche.
Diesen Move braucht Lichtmesz für seinen dritten Punkt, denn nun wird es frech, womöglich gefährlich:]

3. Die Verschwörung: Sein erster Gedanke zum Anschlag von Halle sei gewesen, dass es sich um eine „False-Flag“-Aktion des „Deep State“ gehandelt habe, denn die wäre eigentlich überfällig so kurz vor den Landtagswahlen in Thüringen. „Um den im Juli hemmungslos aufgebauschten „Mordfall Lübcke“ [sei es ] ziemlich still geworden. Es war wieder neues Heizmaterial nötig.“ – An dieser Stelle tritt die Arbeitsweise von Schnellroda glasklar zutage: Es wird schon eingeräumt, dass es ein wohl rechtsextremistisch motivierter Anschlag war, aber es sei halt nicht ausgeschlossen, dass es „Anstoßer“ gab (sic: vom „Deep State“ meint er, nicht aus Schnellroda). Der Hauptaspekt sei, dass der Alarmierungszustand der Gesellschaft, was die Gefahr von rechts angeht, aufrecht erhalten werde, damit sei der Attentäter ein „nützlicher Idiot“ der „herrschenden Klasse„.
Kurz gesagt: Der Anschlag ist eigentlich eine Propagandaaktion zur „Materialisierung“ des „Nazi-Gespensts„. So erklärt er das seiner Gemeinde. Und lässt damit das von ihm persönlich verbreitete Gerücht, das Ganze könne eben doch ein „Fake“ gewesen sein, ungerührt im Raum stehen. Alle Trigger sind wohlplatziert gesetzt. So geht Zündeln.

4. Die Opfer: Denn jetzt geht es um das Einschwören der Gemeinde auf das was ansteht. Das „etablierte Narrativ“ von der bösen Rechten, die „Gleichsetzungsdelirien“ von Killer, Kubitschek, Höcke, AfD würden wie üblich bemüht „wie das Amen im Gebet„. Dagegen sei kein Kraut gewachsen: wir armen unschuldigen Opfer.

5. Die Drohung: das Establishment sei es jetzt zufrieden, dass nun der klare Nachweis erbracht worden sei, dass der tödliche Antisemitismus von rechts komme. Man könne nun getrost weiter „vertuschen“ und „verharmlosen„, dass er „vorwiegend mit der ohne Zweifel wachsenden Präsenz gewisser importierter Bevölkerungsgruppen zu tun hat.“ Selbst die offiziellen Vertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland würden das so sehen wollen, sagt L. Muss er so sagen, denn es geht ja um Selbstverteidigung – und eine Drohung: es sei eine „Illusion“, dass mit der Identifizierung von tödlichem Antisemitismus im rechten Lager etwas „wieder ins Lot gekommen“ sei, das würde „nicht lange halten„. Denn die Radikalisierung und Spaltung der Gesellschaft sei erst am Anfang. Das möchten sie natürlich so sehen in Schnellroda, denn alles andere würde diese Klitsche ja erübrigen.

Die Rechtfertigung: Schuld an der Spaltung der Gesellschaft sind die Anderen, vornehmlich jedenfalls, sie wird „exakt von denselben Leuten am vehementesten vorangetrieben, die glauben, in Halle eine Keule gegen die Gesamtrechte gefunden zu haben„, sagt L. Wie sagte der Vater des Killers von Halle? „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld“. Schaut Lichtmesz in den Spiegel? Formuliert er hier die Rechtfertigung für den nächsten Einzelkämpfer? Die Anderen sind schuld, so bequem und verächtlich zugleich macht es sich die Rechte. Nur nie nicht Verantwortung übernehmen müssen. Nur nicht selbstkritisch hinterfragen, welche Fundamente man durch solches Reden und Schreiben errichtet. Reinwaschung, Identifikation, Kommunion. Wie lange lassen wir sie damit noch durchkommen?

Gegen dieses Narrativ der Rechten und gegen diese Drohung der „Sezession“ hilft: Zusammenhalt, Solidarität, Inklusion, Gemeinsinn. Nicht auseinandertreiben lassen von hinterlistigen Demagogen. Aber auch festhalten an der Diktion: ein Faschist ist ein Faschist ist ein Faschist. Und Rechtsstaat, an dieser Stelle gerne etwas kleinlicher als bislang üblich.

[Faschisten fragen gerne listig nach, wie denn „Faschismus“ definiert sei? In der Tat, eine Definition im Fluss. Mit gewissen Grundkonstanten über die Zeit: Verachtung von Demokratie und Rechtsstaat zugunsten des Primats einer „völkischen Gemeinschaft“ und ihrem politischen Willen, der im Zweifelsfall über dem Rechtsstaatsprinzip steht: Gruppenideologie vor individuellem Grundrecht, Politik vor Recht, nicht Recht vor Politik.]

Doch wie kann man Faschisten und Nazis liebhaben? Dazu habe ich keine Idee. Mit denen kann man auch nicht mehr reden. Und: sie grenzen sich selber aus, wollen ausgegrenzt sein. Das ist ihr Lebenselixier. Halten wir uns den Zoo in Schnellroda, aber keinen Millimeter darüber hinaus!
Auf die kleinen Kinder achtgeben, nur das hilft wirklich. – Da fällt mir doch glatt noch die alte Hippie-Hymne ein, selten erschien sie mir so zutreffend:

Teach your children well,
Their father’s hell did slowly go by…

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