Countless Blues

Beim Herumräumen heute eine CD-Edition mit Aufnahmen von Lester Young gefunden, die ich mir vor Jahren einmal gekauft und danach kaum beachtet hatte. Irgend so eine Kompilation aus alten Aufnahmen, die x-te Verwertung. Allerdings immerhin ein vergleichsweise aufwändiges Booklet dabei und präzise Angaben zu den einzelnen Aufnahmen, wer wann wo. Und siehe da, Altbekanntes dabei, gleich zu Anfang die großartigen Aufnahmen mit Count Basie von 1936: Shoe Shine Boy, Evenin’, Boogie Woogie, Lady Be Good, immerwährende Freude. Seit den lange zurückliegenden Abenden in Gesellschaft von Joachim Ernst Berendt in SWF 2. Einsame Abende, wie heute wieder. Gelegenheit für solche Musik.

Der Rest der Familie ist ausgeflogen und ich hocke hier, gar nicht mal unzufrieden, im vertrauten Biotop. Und habe festgestellt, dass in all den Jahren Count Basie keinen Eingang gefunden hat in mein Tagebuch. Dabei war er doch so wichtig, früher mehr als heute. Aber er wird immer dazugehören. Als das Suchen, Finden, Sammeln von CDs noch ein ernstzunehmender Zeitvertreib war, habe ich immer wieder einmal für eine Weile in der Jazzplatten-Abteilung vom Kaufhaus Beck vorbeigeschaut und mich durchgearbeitet. Das war einer der Orte, wo man so richtig glücklich sein konnte, in München zu leben. Vorbei. Obsolet. Jetzt war ich schon Jahre nicht mehr dort. Das Musikinteresse hat sich mehr und mehr vom klassischen Jazz fortbewegt und die Wunschmusik kommt mittlerweile jederzeit frei Haus. Mit dem guten alten Beck geht es sichtlich bergab, die Veränderung der Alltagswelt geht rasant vonstatten.

Da wirken diese Klänge und die Tatsache, in der Abendstille alleine am Schreibtisch zu sitzen, wie eine Zeit-Insel. Allerdings, im Gegensatz zu früher schreibe ich jetzt flott an meinem kleinen Hochleistungsnotebook, keine Papierkritzeleien mehr. Doch auch die Zeiten, in denen diese Musik entstand, waren rasant und turbulent, voll schmerzhafterer biographischer Spuren: I’ll never be the same, New York Juni 1937, mit Billie Holiday, läuft aktuell…

Der Abend ist fortgeschritten, die CD ist durch, ich habe auf meine Spotify-Favoriten umgestellt (John Prine & Co) und mache mich, seit längerem wieder einmal, daran, ein paar alte Tagebucheinträge ins digitale Zeitalter zu retten, die Stimmung ist danach. Alte Aufzeichnungen, schwankend zwischen Aufbruch und Agonie, Scheitern auf allerlei Ebenen. Die Hintergrundmusik bildet die Grundkonstante. Und in den Aufzeichnungen Grundtöne, die sich bis heute gehalten haben. Manchem bin ich über die Jahre näher gekommen, viel ist vernachlässigt. Der Kitsch in alten Tagebucheinträgen ist gelegentlich kaum auszuhalten und dann frage ich mich, wozu es gut sein soll, das auch noch abschreibenderweise zu konservieren. Dann werde ich wieder sentimental und bin dankbar, dass da noch Spuren zu finden sind. Die Dinge sind immer noch im Fluss. Wohin? – John Prine singt jetzt: Taking a Walk:

I’m taking a walk
I’m going outside
I’m watching the birds
I’m just getting by

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