Dünne Wände

Dort , wo die Vierzehnte Straße die Third Avenue kreuzt, erkennt man sehr deutlich, worin sich diese Straße von der unterscheidet, die zu den französischen Restaurants in Midtown führt. […] die Unterschiede entlang der Third Avenue sind linear angesiedelt, sie betreffen das Nacheinander der verschiedenen Abschnitte dieser Straße; hier hingegen überlagern sich die Unterschiede an einem Ort. Zwar holen sich die alten Russen kaum Rat bei den spanischen Rechtsanwälten in den schmuddeligen Obergeschoßen der Gebäude an der Vierzehnten Straße, aber auf den gleichen staubigen Korridoren haben auch ihre eigenen Anwälte und Ärzte ihre Praxen. Die Spanier und die Russen, die sich hier mischen, sind nur durch dünne Trennwände voneinander geschieden. Hier entfaltet die Wahrnehmung des Gleichzeitigen ihre volle Kraft […] Diese Straße ist durch Überlagerungen geprägt. Diese Überlagerung von Unterschieden schafft das eigentliche humane Zentrum der Vierzehnten Straße…“ (Sennett 2009)

Seit bereits ewig erscheinenden Zeiten wohnen wir in einem Billigbau von 1960, aus einer Zeit, in der schnell viel Wohnraum erstellt wurde: für Facharbeiter in festen Anstellungen, für kleine Angestellte, für Flüchtlinge… Die Wände sind dünn, alltägliche Lebensäußerungen der Nachbarn gehören zur täglichen Geräuschkulisse. Es ist wie Dauerwohnen auf dem Campingplatz – Dauercamping. Es gab Zeiten, da war das aufreibend. Seit vielen Jahren hat es sich aber erfreulicherweise eingependelt, weil sich das Camping-Bewusstsein allgemein verbreitet hat. Grundgutmütigkeit und Rücksichtnahme, ein wenig Laissez-faire und ein wenig Selbstbeschränkung prägen das gut nachbarschaftliche Zusammenleben in der „Wahrnehmung der Gleichzeitigkeit“. Wenn der pubertierende Sohn drei Häuser weiter im Keller Schlagzeug übt, haben wir alle etwas davon, wie auch vom sonntagnachmittäglichen Kammermusikensemble ähnlich weit entfernt, ganz zu schweigen von den weinerlichen Popstar-Allüren des jungen Fußballgotts nebenan. Gewisse favelamäßige Tendenzen ein paar Häuser weiter sind immer wieder Grund zur Sorge, aber bislang hat sich auch das immer wieder ausgependelt. Die nächste Herausforderung wartet in Form eines wohl rumänischen Roma-Clans. Die Roma haben allerdings unterschätzt, dass sie die Bruchbude mitsamt dem Russen gekauft haben, der sich nun auch schon seit längerem unterm Dach eingenistet hat…

Richard Sennett, der US-amerikanische Soziologe und Großstadtergründer hat sich über lange Zeit Manhattan zu Fuß erschlossen. In seinem Buch „Civitas – die Großstadt und die Kultur des Unterschieds“ von 1990 hat er seine Eindrücke und Überlegungen zusammengefasst und versucht, ein Fundament zu finden, wie wir in einer immer heterogeneren Welt friedlich zusammenleben können. Den alltagsgeprägten, weitgehend ungeplanten Mikrokosmos der Vierzehnten Straße nimmt er dabei als eine Art Versuchslabor wahr. Wir leben ebenfalls in einem ähnlichen Versuchslabor, zwar nicht in Manhattan aber auf vermutlich weitgehend gleichem Kostenniveau (was damals, als wir herzogen, so nicht absehbar war). Seine entscheidende Wahrnehmung ist die der dünnen Wände: sie sind womöglich die Voraussetzung dafür, dass Zusammenleben gelingen, dass ein „humanes Zentrum“ entstehen kann. Die weitgehend schallisolierten Betonburgen der Gegenwart oder die in die Landschaft geschissenen Einzelhäuser auf Abstand dagegen befördern nur das, was sie bereits baulich vorwegnehmen: die Vereinzelung. Und damit den Verlust von Gemeinsinn.


Literatur: Sennett, Richard. 2009. Civitas. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag.
Bildnachweis: 14th Street Manhattan/NYC, GoogleMaps, verändert

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