2020.035 | Winterreise

Das Setting war perfekt: den ganzen Tag hat es schon reichlich geregnet, ein nasskalt triefender Tag, wie ich ihn für meine Freunde, die Bäume, schon lange herbeigesehnt hatte. In der Nacht zog dann noch kräftiger Sturm auf und pfiff in scharfen Böen ums Haus. Zwischendrin begaben wir uns in die „Winterreise“, Franz Schuberts Liederzyklus nach den Gedichten von Wilhelm Müller, vor fast 200 Jahren entstanden und eines von Schuberts letzten Werken, bevor er 31-jährig verstarb. „Schauerliche“ Lieder seien das, soll Schubert selber gesagt haben: Müllers Gedichte handeln von Wind und Wetter, der Einsamkeit des verstoßenen Wanderers, von Schmerz, Verlassenheit, Verzweiflung und Tod. Durch und durch also ein romantischer Stoff, schon die beiden ersten Verse setzen die Grundstimmung: Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh’ ich wieder aus.

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Das Konzert im Prinzregententheater gestalteten Andrè Schuen (Bariton) und Daniel Heide (Klavier) und der stürmische Beifall am Ende belegte, dass sie wohl einiges richtig gemacht hatten. Heides Klavierbegleitung erscheint mir wirklich über alle Zweifel erhaben. Jedem einzelnen Lied hat Schubert ein unverwechselbares musikalisches Thema, eine Färbung mitgegeben, so dass ich mir manchmal dachte, ich würde das gerne ohne Gesang hören, so eindringlich erzählerisch ist diese Musik. Fast zu leichtfüßig wandelte Heide durch das schwermütige Terrain, schuf ein lebendiges Fundament für Schuens Singen. Sein Bariton ist wunderbar warm und weich, rund und sanft, je leiser er wird, desto mehr trägt diese Stimme. Dennoch werde ich nicht ganz „warm“ mit seiner Interpretation, weil ich das Gefühl habe, dass diese „schauerlichen“ Lieder etwas mehr Schärfe vertragen könnten. Wenn es heißt „Der Rasen sieht so blaß.“, dann wünsche ich mir ein schneidendes „ssss“ am Ende, dass das Ausbleichen spürbar wird, das Entweichen der Farbe – das Deutsche ist eine lautmalerische Sprache (mit grauenhafter Grammatik). Bei Schuen verblasst das „blaß“ in ein gehauchtes „s“, rund und wohlgeformt. Wie man das als Sänger wohl lernt: die Sprache soll im Gesang nicht so herumzischen und nicht den Wohlklang des Tones stören. Doch muss das hier und immer so sein? Wahrscheinlich habe ich eine zu naturalistische Vorstellung – und zu wenig Ahnung von Musik.

Es war also sehr viel Wohlklang an diesem Abend, große musikalische Präzision mit etwas Hang zur Behaglichkeit. Weniger Winterreise, mehr Gartensaal. Dieser im Jugendstil 1901 entstandene Foyerbereich des Prinzregententheaters mit seiner ausgemalten gewölbten Decke ist einzigartig. Über den Köpfen der Gäste wuchert ein exotischer Wald, viel Eukalyptus dabei, bevölkert von tropischen Vögeln. Ewiger Sommer. Das passt irgendwie besser nach München, weshalb eine „Winterreise“ vielleicht auch nicht zu sperrig sein darf. Es war jedenfalls auch jüngeres Publikum im Konzert und die gaben ihrem Entzücken lautstark und anhaltend Ausdruck, was manch Älteren, der sich für den Besuch solcher Konzerte privilegiert fühlt, störte. Dabei ist es doch vor allem erfreulich, dass das Haus gerappelt voll war, für Liederabende nicht eben der Normalfall. Wie gesagt: Andrè Schuen und Daniel Heide haben das wohl richtig gemacht. Und wir zogen anschließend hinaus in die stürmische Nacht – „Es ist nichts als der Winter,/ Der Winter kalt und wild!“ – Mild und wild wäre heute treffender, aber das ist eine andere Geschichte.

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