Der Mob

Ist noch jemand aufgefallen, wie sehr Höcke versucht, sich Hitlers Physiognomie anzueignen? Nicht nur die schmierige Schmalzlocke in der Stirn, auch der hündisch-unterwürfige Blick und die Oberkörperhaltung, als er Kemmerich die Hand reicht, hat konkrete Vorbilder. Ramelow hat schon recht, wenn er hier Parallelen zieht. Doch wir hatten die A-Seite von Hitler schon, wir brauchen definitiv keine B-Seite mehr.

Es fällt mir schwer, eigene Worte für die Bodenlosigkeit dessen, was in Erfurt passiert ist, zu finden. Einmal mehr Respekt für die Kanzlerin, die mit dem Wort „unverzeihlich“ direkt in die tiefe Wunde getroffen hat. Und damit möglicherweise, ob willentlich oder nicht, der FDP den Garaus macht. Sind das dort eigentlich nur noch Leichtmatrosen? Doch auch aus der CDU scheint jedes Mark gewichen zu sein.

In Ermangelung eigener Worte greife ich zurück auf Hannah Arendt bzw. die so kurze wie instruierende Einführung zu ihrem Werk von Annette Vowinckel (1). Arendt hat lucide und ihrer Zeit weit voraus gesehen, was uns noch zu schaffen machen wird. Und wie immer existieren die Muster in der Geschichte. In ihrem grundlegenden Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955) spielt der Begriff des Mobs eine zentrale Rolle. Vowinckel fasst Arendts Terminologie wie folgt zusammen: Der europäische Mob des 19.und frühen 20.Jahrhunderts setzte sich aus den »Deklassierten aller Klassen« zusammen, aus Abenteurern, Kriminellen, gelangweilten Adligen et cetera. Von der unstrukturierten Masse unterschied er sich durch sein politisches Engagement (zum Beispiel in den Antisemitenparteien des 19.Jahrhunderts), das von rassistischen Ideen geprägt war, die Überlegenheit der Europäer gegenüber Schwarzen und Juden propagierte und sich vor allem im Zuge der imperialistischen Expansion entfaltete. (1)

Die „Deklassierten aller Klassen“, gelangweilte Adelige eingeschlossen. Da hat es bei mir geklingelt: wie zutreffend beschreibt dies die Zusammenrottung, die in der AfD passiert. Der Mob war, nach Arendt, die gesellschaftliche Basis für die Umwandlung einer strukturierten Klassengesellschaft in eine durchmanipulierte Massengesellschaft, in der Hitler und Stalin ihre totalitären Systeme installiert haben. Bis vor Kurzem kannten wir das nicht, waren das Botschaften aus einer zurückliegenden Zeit. Fast über Nacht ist das alles sehr aktuell geworden. Es hat in Übersee begonnen und suppt nun allmählich herein. Seien wir auf der Hut.


Literatur: (1) Vowinckel, Annette. 2015. Hannah Arendt. Reclam.
Bildrechte: Deutschlandfunk, verändert

2 Kommentare zu „Der Mob“

    1. Der Hinweis auf Höckes Rhetorik ist sicher richtig. Doch seine Rhetorik ist sozusagen kein Alleinstellungsmerkmal, da ist er nur einer von (zu) vielen, wenn auch in besonders perfider Ausprägung.
      Wir leben in Zeiten, wo Worte und Geschriebenes immer unbedeutender werden (so kann man sich auch fragen, warum man so altertümlich Blogbeiträger verfasst). Visuelle Kommunikaton wird immer wirkmächtiger, letztlich ist unser Wahrnehmungsapparat ja auch von jeher darauf ausgelegt und heute haben wir die Mittel, sie allumfassend einzusetzen. Und Höcke macht da natürlich mit. Derzeit nicht brachial, sondern mit subtilen Botschaften. Der schmale Schnauzer wäre zu platt, aber die Schmalzlocke oder der hellblaue Anstecker (die abstrahierte Kornblume der antisemitischen Revanchisten des 19. Jh., auf die auch Arendt anspielt) – das sind die Codes, die bei den Leuten triggern: er ist zurück! Manchen wird da ganz warm ums Herz, wenn sie ihn so sehen.

      Derzeit dominiert noch der entsetzte Aufschrei über das Kemmerich-Höcke-Bild die Diskussion, aber das Gift wirkt, die Schlange verrichtet ihre Arbeit: seht diesen lumpigen „Demokraten“, der sich öffentlich für die AfD prostituiert und dabei auch noch treudoof dreinschaut, seht unseren Führer, wie er ihn listig aufs Glatteis geführt hat. Kubitschek in Schnellroda, sein spiritus rector, ist voll des Lobs, wie Höcke unserem System das Bein gestellt hat. Du siehst, man braucht sehr viele Worte, um den ganzen Vorgang auch nur skizzenhaft zu beschreiben. Aber alles steckt im Bild und alles steckt in der physiognomischen Zurichtung, die sich Höcke verpasst. Dieses Gift wird bei einem Blick verabreicht, da muss man nicht stundenlang zuhören oder lesen, das geht viel schneller.

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