Wald. Lichtung. Hain. Quelle

Die Welt ist ein Wald: nachdem ich an der Süddeutschen in letzter Zeit hin und wieder herumgekrittelt habe, widmet sie heute dem Motto dieses Blogs einen Artikel. Nette Geste. Christoph Quarch beleuchtet das Verhältnis von Wald und Lichtung im Fortschreiten der Gesellschaften. Angefangen, natürlich, bei wilden Waldmenschen, Giganten, über die Gründung Roms als Rodungsinsel, über die Aufklärung als große Lichtung, die Waldverehrung der Romantiker und den heutigen Dschungel. (Blitz aus dem Virtuellen, SZ Nr. 81/2019, S. 10)

Überraschenderweise erklärt er nicht das Netz, die digitale Welt zum undurchdringlichen Wald, in dem man leicht verloren gehen kann, sondern zur Lichtung, die sich „schleichend in den alten Raum der Stadt gebrannt [hat], eine Lichtung, deren Licht so grell ist, dass sich niemand ihr entziehen kann.“ Was folgt daraus? „Der urbane Raum der analogen Stadt wird bald den Wald beerben“. Quarch beschwört den Großstadtdschungel als Sehnsuchtsort für neue „wilde“ Männer und Frauen und sieht die große Verwilderung des Stadtraums heraufziehen, weil Gestaltung, Zuwendung, Sichkümmern nur noch den digitalen Formaten gelten könnte. – Bedenklich. Aber er dreht noch weiter, weil er meint, diese neue digitale Lichtung sei so groß und grell beleuchtet, dass es keinen Schatten mehr gäbe, also eher eine Wüste als eine Lichtung, diese neue Welt, wo „zu viel Licht tödlich“ ist. (So betrachtet könnte es also sein, dass es manchen Leuten in den unendlichen Weiten und unter der grellen Sonne des Web schon die Großhirnrinde weggebrannt hat, bei dem Stuss, den sie oft absetzen.)

Letztlich ist der Wald der Ursprung von allem. Nur weil es Wald gibt, kann es Lichtung geben. Der Wald ist der Wurzelraum, die Quelle, die „Brutstätte„, das sich ständig erneuernde Füllhorn, das die Natur ausschüttet, wenn man sie lässt. So ist der Wald in den Mythen der Menschheit häufig der „Ort der Transformation, Initiation und Verwandlung“ der Helden. Der ackerbauende und viehzüchtende Mensch drängte ihn immer weiter zurück, schaffte sich erschöpfenden Produktionsraum, den er dann künstlich düngen muss. Bis nur noch eine große Agrarsteppe zurückblieb, auch eine Art von Wüste, wie Leute wissen, die etwas von Biodiversität verstehen.

In der großen Agrarsteppe der USA, zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains, in großen Teilen natürliches Grasland, das unter den Pflug genommen wurde, erkennt man die Farmen schon von weit her. Auch an den Getreidesilos, aber vor allem an den Bäumen. Kleine Waldinseln. Inverse Lichtungen sozusagen. Sie dienen hier oft zunächst dem Windschutz, weil die Great Plains von unaufhörlichen Winden geplagt sind, auch wenn kein Tornado droht. Und für deren Schutz vor Wind und Sonne in der Ackerwüste der einsame Wanderer sehr dankbar ist, wie Wolfgang Büscher in „Hartland“ berichtet – wenn die Hofhunde ihn ruhen lassen. Dort, wo Menschen sich verorten, bedürfen sie offenbar des Waldes, seinem kühlenden Schatten, seinen Geheimnissen der Quellnymphen, dem Gesang seiner Vögel. Wobei diese Art von Wald eher ein Hain und der Hain der Topos schlechthin ist für den „locus amoenus“ einer arkadischen Weltsicht. Der Hain steht zwischen Wald und Lichtung, ist geprägt von beiden Sphären, ist nicht zu groß, ein wenig licht, überschaubar. Man könnte auch sagen: nett. Bieder. Die goldene Mitte. Gegenstand unzähliger Bilder der frühen Neuzeit, als der Mensch begann, das Licht der Welt für sich zu entdecken und das „himmlische Licht“ in den altgewordenen gotischen Kathedralen zurückließ. Der Hain gewinnt aktuell wieder an Bedeutung: Agroforst, Waldackerbau sozusagen ist das neueste Ding in der (ökologischen) Landwirtschaft. Ackern unter Bäumen, Landwirtschaft in Etagen, nicht zu viel Sonne und die Feuchte beieinander halten. Die Umstände verlangen danach.

Lynx streift herum, mal hier, mal dort. Sein Lieblingsort wird nicht verraten. Einmal war er allein unterwegs am Westabhang der Appalachen, in den Wäldern von Kentucky, bei Wildcat Mountain. Er hatte Witterung aufgenommen und folgte der Fährte von Daniel Boone, dem „Trailblazer“, der Ende des 18. Jh., also zu Zeiten der Aufklärung, den Siedlern den Weg durch das östliche Küstengebirge in die unendlich fruchtbaren, paradiesisch beschaffenen Weiten des Mittleren Westens gewiesen hatte. Dieser Weg, die Wilderness Road durch die Cumberland Gap führte durch das Stammesgebiet der Shawnee. Deren bedeutendster Anführer war Tecumseh, ein weitsichtiger Politiker, dem es gelungen war, zeitweise eine große Koalition der Stämme in „Appalachia“ zu schmieden, um sich der Siedlerflut zu erwehren. Das Ergebnis ist bekannt, Tecumseh aber in Erinnerung geblieben und zur mythischen Figur geworden. Lynx folgte einem schmalen Waldpfad in eine Senke hinunter, ein kleines hölzernes Schild hatte zu einer „Indian Spring“ gewiesen, einer Quelle, die offenbar die Shawnee gekannt hatten. Es war sehr still, kein Mensch weit und breit. Aus einem Felsen rann ein sehr dünnes Wässerchen, kleine Pfützen am Grund. Er streckte die Hand aus, um vom Wasser zu kosten, benetzte seine Lippen. Da erhob sich ein Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Seitdem…

Genesis radikal

Manchmal kommt es vor, dass ich an ganz alte Fragen gerate, die doch längst beantwortet sind – oder scheinen. Diesmal war das eine ganz grundsätzliche. Völlig vermessen, sich als kleiner Luchs an so etwas Großes anzupirschen, aber die Neugier siegt: Wie ist das eigentlich mit dem Gründungsmythos unserer abendländischen Kultur, der Mensch sei das Ebenbild Gottes und solle sich die Erde untertan machen (Genesis 1,28) – was ist da dran? Warum kann man unter diesem Motto so viel Unsinn anstellen? Steht das da so?

Also habe ich mir meine Lutherbibel geholt und versucht, ganz unverstellt, ganz frisch und fromm, die einschlägigen Stellen der Genesis erneut zu lesen. Hebräisch kann ich nicht, also bleibt es ein ganz oberflächliches Unterfangen. Aber die Herangehensweise ähnelt der von Martin Luther (ohne mich mit ihm im geringsten messen zu wollen) und letztlich basiert darauf die gesamte protestantische Kirche in all ihren Verästelungen. Gerade fundamentalistische Strömungen wie die Evangelikalen legen allergrößten Wert darauf, die Bibel gleichsam naiv zu lesen und so auch wörtlich zu nehmen. (Das unterscheidet sie nicht von salafistischen Strömungen im Islam oder orthodoxen Juden.) Die Schrift ist so zu lesen, wie sie da steht. Keine Ausdeutungen, keine Interpretationen, heißt es. Theologen braucht es da eigentlich nicht. Nur ich und der Text, ganz fundamentalistisch. Also: Genesis 1-3, Kurzfassung der für die Fragestellung wesentlichen Passagen:

Gott hat die Erde geschaffen und alles was darauf wimmelt. Er ist begeistert von seinem Tun, so sehr, dass er sich noch ein Alter Ego schafft, das für ihn diese Erde, dieses Paradies verwalten soll (dass er mehr Zeit für sich hat?). Dieses Alter Ego nennt er Mensch und er konstruiert es fortpflanzungsfähig, weil er wohl meint, es bräuchte viele davon, um seinen Verwalter-Auftrag ordnungsgemäß auszuführen: sich die Erde untertan zu machen. Über alle Fische im Meer, alle Vögel im Himmel, alles Vieh und sonstige Getier sollen die Menschen bestimmen. (Leider erfährt man nicht, ob Gott die Menschen vorher in irgendeiner Form gecoacht hat. Macht eher den Eindruck als hätte er ihnen den Job mit sehr großem Vertrauensvorschuss einfach übergeben.)

Er klärt diese Menschen dann noch auf, dass er ihnen alle Pflanzen, Samen und Früchte zur Speise gibt, davon sollen sie sich ernähren. Da steht nix von Tiere essen, Alter! Der Mensch ist als Vegetarier gedacht, steht da! – Die Tiere allerdings auch, genauer als Gras- und Krautfresser. Keine Carnivoren, kein Luchs & Co, nirgends. Wo ist da etwas schiefgelaufen?

Gott fand dieses Layout jedenfalls perfekt: „siehe, es war sehr gut“, hat er sich gesagt. Dann legte er den Sabbat ein und seine Schöpfung tummelte sich auf dieser wohlweislich eingerichteten Erde, alles was lebte, mümmelte friedlich vor sich hin: wie im Paradies. Ja, das war das Paradies.

Dann kam die dumme Geschichte mit dem Baum der Erkenntnis (geschlechterspezifische Verwicklungen vertiefe ich jetzt nicht, die sind nicht entscheidend). Die Herren-Menschen, die doch alles managen sollten, ließen sich von einer einzigen frechen Schlange hinters Licht führen – oder ins Licht? Jedenfalls war Gott stinksauer, dass die Menschlein nicht einmal sein einziges Verbot, nicht die Früchte dieses einen Baumes zu essen, einhalten konnten. Und schmiss sie raus aus dem Paradies. Nicht ohne ihnen noch einmal richtig den Kopf zu waschen: die Feldfrüchte werden ihnen künftig nicht mehr einfach in den Mund wachsen, sie müssen ein Leben lang den Buckel krumm machen, sich jedes Krümelchen Essen hart erarbeiten und ihre Kinder unter Schmerzen gebären. Und die Alter-Ego-Würde nimmt er ihnen auch wieder weg, die Quasi-Göttlichkeit: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Wie das sonstige Getier und Gewürm. Gott war echt enttäuscht und schickte sein Ebenbild von dannen.

Also ich verstehe das als Kündigung. Im Job versagt, zum Feldgehilfen degradiert. Wie kann der Mensch jetzt noch glauben, er sei Chef über den Rest der Schöpfung? Was ist das für ein eingebildeter, aufgeblasener Macker? Gott hat ihm doch ganz klar seinen Platz angewiesen, in der Ackerfurche, zwischen „Dornen und Disteln“, wo er „das Kraut auf dem Felde“ essen soll. Da steht immer noch nichts von Schnitzel und Steak. Krone der Schöpfung war vielleicht mal so angedacht, ist aber schief gegangen, hat sich nicht bewährt. Schöpfung untertan machen: das galt nur im Paradies, so lese ich das.

Was die Farmer (und sonstigen Geschäftemacher) in den Bible Belts dieser Welt, zwischen Kansas und Niederbayern wohl zu solch einer radikal fundamentalistischen Bibellektüre sagen? Der Status in der Ackerfurche ist ihnen ja an sich bekannt, tagtäglich mühen sie sich darin ab. Aber den Teil der Botschaft, den Lizenzentzug, hören sie und wir alle nicht so gerne. Der Anfang der Geschichte gefällt besser, Herren-Menschen und Untertan-Machen, gerne auch mit Roundup. Religiöses Rosinenpicken könnte man das nennen. Erst am Grabesrand wird auf „Erde zu Erde“ zurückgegriffen. Reine Willkür und Autosuggestion. Mit ernsthafter Religiosität nicht zu entschuldigen.

Noch ein kleiner Exkurs ins Neue Testament: Viele Jahre später kam dann Jesus und starb den Kreuzestod, als geschundener Mensch unter geschundenen, gekrümmten Menschen. Vor seiner Verhaftung war er nicht Burger essen, sondern nahm etwas Brot und Landwein zu sich, unter Freunden. Vielleicht war auch ein Schälchen Olivenöl dabei, wer weiß? Danach wurde er gefoltert und verstarb qualvoll (oder auch nicht?) Die Bibel sagt jedenfalls, dass er im Sterben durch ein Nadelöhr ging, durch das wir fettleibigen Grillgutfresser alle es niemals schaffen werden. Weshalb das Paradies uns auch weiterhin versperrt bleibt, im Diesseits sowieso und womöglich auch im Jenseits.

Ich muss gestehen: ich habe lange nicht mehr in der Bibel gelesen. Aber dieser fundamentalistische, unverstellte Zugang erfrischt meinen Geist. Endlich bin ich diese Rednecks und selbstzufriedenen Scheinheiligen los, sie haben fertig, argumentativ. Gut, dass Luther mir das übersetzt hat.

Porridge zum Frühstück ist jedenfalls weiterhin gesetzt. Ansonsten denke ich mir: Leute, lest die Bibel, wenigstens die ersten Seiten! Fügt euch endlich ein in den Rest der Schöpfung, nah am Boden, wie der Herr es euch angewiesen hat! Und esst Müsli (ohne Zucker). Und Äpfel. Vielleicht stimmt das den Herren gnädig. Vielleicht.


Bild: Paolo Veronese – Adamo ed Eva dopo la cacciata dal paradiso (Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies), ca. 1580, Wikipedia

Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

Boubou

Wie steht es um den Handel zwischen dem Erzgebirge und dem Senegal? Brauchen die in Westafrika jetzt auch schon Christbaumschmuck und Räuchermännchen? Und will man in Sachsen allen Ernstes afrikanische Erdnüsse knabbern? Die Süddeutsche wartet mit einer überraschenden Geschichte auf.

In letzter Zeit war ich zuweilen nicht mehr recht zufrieden mit meiner alten SZ. Etwas zeitgeistig, etwas aufgeregt manchmal, auch oberflächlich. Habe mich dann auf eine andere alte Liebe besonnen und mir tatsächlich ein Online-Abo der New York Times geholt, was sehr erschwinglich ist. Und den Horizont enorm erweitert. Da kann man dann lesen, dass eine Redakteurin auf die verwegene Idee kommt, von New York nach Los Angeles mit dem Zug zu fahren, anstatt schnell mal den Flieger zu nehmen, was nur ein Zehntel der Zugreise kosten würde. Drei Tage ist sie unterwegs, mit toller Schlafkabine und betörenden Ausblicken in Amerikas Hinterhöfe. Sie beginnt ganz langsam zu verstehen, dass da sehr viel Land liegt, bewohnt sogar, zwischen Ost- und Westküste. Die Heimat der „Somewheres“ könnte man sagen. I like that stuff.

Auch das Erzgebirge ist noch bewohnt und es beherbergt sogar ökonomische „Hidden Champions“. Nicht nur für Weihnachtsdeko oder auch Uhren. Es ist viel spektakulärer: westafrikanische Muslime, die etwas auf sich halten, kleiden sich in Damast aus Aue. Ein hochwertiger Grand Boubou, wie sich das traditionelle Gewand nennt, muss aus farbigem und glänzendem Stoff der Curt Bauer GmbH aus Aue genäht sein. Die Chinesen liefern nur die Billigstoffe für Alltagskleider. Wenn man in die Moschee geht muss es ein Boubou aus sächsischem Stoff sein – ist das nicht schön? Seit Jahrzehnten bestehen die Geschäftsbeziehungen nach Westafrika, das Handelsvolumen ist mit jährlich 4 bis 5 Mio € überschaubar, doch immerhin beschäftigt Bauer 130 Leute in einer Region, wo es wirklich auf jeden Arbeitsplatz ankommt – und das Geschäft mit Afrika wächst. Die AfD führt in Aue und Umgebung inzwischen politisch das Wort und hat offenbar noch nicht mitbekommen, welche wichtige Kundschaft die Region unter den afrikanischen Muslimen hat. Einen ernsthaften Konkurrenten auf dem afrikanischen Markt für hochwertigen Damast hat die Fa. Bauer – und der kommt aus Österreich. Noch so eine schöne Pointe.

Die Wirklichkeit erweist sich wieder einmal als deutlich komplexer, als man in manch ostdeutschem Gau oder manch treudeutschem Gemüt so leichthin vermutet. Man kann den Leuten bei Curt Bauer nur weiterhin viel Erfolg, gute Geschäfte und Kontakte nach Afrika wünschen. Und der SZ danken für diese schöne Geschichte. (Der Text von Rike Uhlenkamp beruht auf einer Reportage von ihr aus dem Jahr 2017, erschienen bei Zeitenspiegel, dort als Download verfügbar.)

Thermodynamik

Der Thermomix hat mich noch nie interessiert. Allerdings lese ich heute, dass Vorwerk den Wutbürger im Kunden befeuert hat. Quasi über Nacht hat man ein neues Modell dieses Rührpanschschnitzelgargeräts in den Markt geworfen, weshalb sich Spätkäufer des Vormodells nun übervorteilt fühlen. Und womöglich prozessieren wollen. Ohne Prozess geht ja heute gar nichts mehr. – Laangweilig.

Gestutzt habe ich, als ich lesen musste, dass der neue Thermomix TM6 jetzt auch das Sous-vide-Garen beherrscht, also das Dampfgaren im Plastikbeutel. Was für ein Fortschritt! Vor ein paar Jahren bin ich einmal zufällig in den Genuss von Sous-vide-Gegartem gekommen, weil auf einer italienischen Berghütte gerade ein Sternekoch am Herd stand und uns ein Schweinefleisch servierte, wie wir es aromatischer noch nie gegessen hatten. Er experimentierte da gerade mit Aromen aus dem Bergwald und wir waren seine Versuchskaninchen. Es war gar köstlich. Nur habe ich mich schon damals gefragt, was er wohl mit den ganzen Plastiktüten macht, die er da so verkocht.

Das Sous-vide-Garen ist ein schönes Beispiel für netten aber völlig überflüssigen Scheiß. Nice to have, aber verzichtbar. So wie auch Nespresso-Kapseln beispielsweise. Weil man auch auf klassische Art sehr aromatische Schmorbraten hinbekommen kann. Man wird die Geschmacksintensität der Plastikküche nie ganz erreichen – aber wozu? Ist es das wert? Ist das nicht eine wirklich schmerzlos-einfache Gelegenheit, auf dummen Carbonkonsum zu verzichten?

Es ist schon irritierend, wie wir hier Debatten führen über die schlimme Plastikflut und zugleich das Sous-vide-Garen als heißen Scheiß der Küche hochjazzen und nun auch noch massenkompatibel machen. Auf Wikipedia kann man lesen, dass die Kochbeutel aus Mehrschicht-Kunststoff bestehen, damit man die Ausdünstungen der Weichmacher im Griff hat. Also genau die Kunststoffkategorie, die besonders schwer wiederzuverwerten ist. Die sich leicht verbrennt. Mein gut 60 Jahre alter Cromargan-Schmortopf, den mir meine Mutter vor langer Zeit leichtsinnigerweise überlassen hat, setzt beim Garen garantiert keine Weichmacher frei.

Und so wird eine „runde“ Sache daraus: Mit erheblichem Energieaufwand produzieren wir Plastikbeutel, in die wir dann ein Stück Zuchtlachs oder Bioschwein einschweißen, für ein kleines Weilchen erhitzen, kurz verzehren, dann den Beutel wegschmeißen und verbrennen. Was für eine Verschwendung? Nein, verloren geht nichts. Die Wärme bleibt zurück, zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. So basteln wir munter weiter am globalen Kochbeutel, den wir mit uns selbst befüllt haben. Guten Appetit.

N.B.: Sollte es jemals zu einer juristischen Bewertung in Sachen TM6-Verkauf kommen, könnte das Gericht würdigen, dass Vorwerk den Kunden und letztlich dem Planeten einen kleinen Dienst erwiesen hat, in dem es wenigstens einige von ihnen vor den „Segnungen“ des TM6 bewahrt hat. Ob das dann als Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens verkauft wird?

Dschungeldampf und Gipfellinie

Wen sehen wir hier? Peter Handke, verkleidet, beim Pilzesuchen? Götz Kubitschek beim Training im Vorharz? Che Guevara als  Dschungelkämpfer? (Lynx, der in eine Fotofalle geraten ist?) Das Bild ist über 50 Jahre alt, damals hat Handke noch überwiegend geschrieben und GK noch nicht mal in die Windeln gemacht. Aber der Che ist mir eingefallen, als ich dieser Tage auf GKs Sezession gelesen habe, wir er sich mit Martin Sellner darüber unterhält, dass sie ihren Partisanenkampf neu ausrichten müssen. Lohnt sich zu lesen. Wie man überhaupt mit Rechten gar nicht reden soll – es reicht, sie zu lesen, mehr will man gar nicht wissen. Beim Lesen besagten Beitrags sind allerdings merkwürdige Erinnerungen und Assoziationen in mir aufgestiegen: da war doch was. Und ich war überrascht, was ich dazu beim alten Guerillero Che Guevara gefunden habe. Dazu später mehr.

GKs Gedankenaustausch mit Sellner nennt sich „Briefwechsel“ und liefert interessante Einblicke in das, was die beiden Autoren „Denken“ nennen. Es soll um eine Positionsbestimmung der „Identitären Bewegung“ (IB) gehen, zu deren Köpfen sich die beiden zählen (wenn sie sie nicht gar erfunden haben?) und ob die Zeiten nun besser oder schlechter werden. Man versichert sich gegenseitig, wie friedliebend und voll und ganz verfassungstreu man sei und auf immer und ewig bleiben werde, an etwas anderes sei gar nie nicht jemals gedacht. Dies alles wird vorgetragen in einem zuweilen kämpferisch-militaristischen Ton, der irgendwie gar nicht zu dieser eigentlich guten Botschaft passen will. Freischärler-Jargon. Insbesondere Sellner tut sich da sehr hervor, Kubitschek wählt subtilere Formulierungen. Aber immer geht es darum, so zu tun, als lebe man in einer Ausnahmesituation, unter einer existenziellen Bedrohung durch ein übermächtiges System. Man fühlt sich vom „System“ zu unrecht verfolgt und nutzt fröhlich und ungestraft alle Kanäle der freien Meinungsäußerung dieses Systems. Alles ernst oder nur infantiles „Indianerspielen“? Aktuelle Spielsituation:

Derzeit befinde man sich „auf allen Ebenen im Verteidigungsmodus“, weil ein „Vernichtungsschlag“ stattgefunden habe (Sellner): „Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie und das Managen einer Partei im Spannungsfeld zwischen Realismus und Fundamentalismus ist ein täglicher, zäher Stellungskampf, den man niemals final gewinnen kann. Viele glauben, wenn ein Akteur verschwände, verschwände auch der Kampf. Ich glaube das ist falsch…

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie – solchen Stuss verzapft dieser Sellner. Will Nietzsche imitieren und klingt dann doch nur nach Ernst Jünger. Dampfplauderei, die Eindruck machen soll aber doch nur gequirlte Wortscheiße ist. Vielleicht sollte Peter Handke sich das mal vornehmen, der ist auch Österreicher und kann sich vielleicht besser hineinversetzen, was in so einem Kopf vorgeht. Aber der geht eben inzwischen lieber Pilze sammeln, das ist gescheit. Mehr hat Handke damit auch gar nicht zu schaffen, er ist nur wegen dieser blöden Österreicher-Assoziation hier herein geraten – tut mir leid Herr Handke und viel Erfolg beim Sammeln (wenn dann wieder Saison ist). Zurück zum „Stellungskampf“ von Sellner (woran muss ich da noch denken?)

Sellner: Nun sollen wir also die neuen Nazis sein? Wenn ja, dann bitte: Noch nie zuvor klaffte die „Nazidiffamierung“ durch das System und die Realität einer Bewegung so sehr auseinander.“ – Oliver Welke würde sagen: Äh, nein. Hier klafft nichts auseinander, hört euch einfach nur mal selber zu.

Sellner: „Xenophobie, Hetze, NS-Nostalgie und Gewalt sucht man in beiden Gruppierungen [AfD und IB] vergeblich.“ – Nochmal: äh, nein, nicht vergeblich! Muss ich die vielen Vogelschiss-Beispiele aufführen?

Sellner: „Die Existenzvernichtung ist Erfolgsbedingung unserer Gegner, somit wird das (meta)politische Überleben bereits Jahr für Jahr zu einem kleinen Sieg.

So viel Schmonz scheint selbst Kubitschek überzogen, aber er kennt die Qualitäten der mitteldeutschen Gaue am Harz: „Es kommt in den kommenden Monaten alles darauf an, dem äußeren Gegner geschlossen und selbstbewußt entgegenzutreten und seine Waffe, den Verfassungsschutz, als das aussehen zu lassen, was er ist, wenn er auf Granit trifft: ein stumpfes Schwert.“ 

Andererseits wittert Kubitschek Verrat an der IB durch die AfD, die sich, um sich selbst reinzuwaschen, von der IB distanzieren könnte: die IB als Opfer, damit die AfD ins Establishment aufrücken kann. Was für ein süffisanter Gedanke! Die Zersetzung wirkt (und ohne Opfer-Attitüde geht es bei den Rechten nicht).  Um das zu verhindern, rät GK dazu, sich wieder mehr von der AfD zu distanzieren und sich auf die eigenen Kräfte als „Teil der rechten metapolitischen Landschaft begreifen“, die sich um den Verfassungsschutz „als einer Waffe des Gegners nicht schert – für mich klingt das nach Partisanentaktik, nach rechter Guerilla. Ob sie jetzt Poggenburgs sog. „Patrioten“ unterwandern wollen?

Wegen dieses ganzen Partisanengetues muss ich bei den Verlautbarungen der faschistischen „Vordenker“ immer wieder an Che Guevara denken, diesen revolutionären Posterboy der 68-er Zeit (und ernstzunehmenden Arzt und Revolutionär in Kuba). Wie das? In seinem „Bolivianischen Tagebuch“ schildert er minutiös, wie er mit ein paar kubanischen Freiwilligen und einheimischen Kleinbauern im bolivianischen Hinterland einen Guerillakrieg aufziehen wollte. Die Unternehmung ist letztlich kläglich gescheitert und hat ihn und seine Mitstreiter das Leben gekostet. Wenn man in jugendlichen Sturm- und-Drang-Jahren eine Anleitung dafür haben möchte, wie man sein Leben erfolgreich verpfuschen kann, dann ist das „Tagebuch“ eine sehr taugliche Handreichung.

Es mag vollkommen an den Haaren herbeigezogen sein, irgendwelche ernsthaften Parallelen ziehen zu wollen zwischen den Schilderungen eines „Befreiungskriegers“ aus Südamerika und dem Freischärler-Habitus der IB und der Leute der Sezession um Kubitschek in Schnellroda, aber ich kriege diese Assoziationen, die letztlich eher ironischer Natur sind (vor ernstem Hintergrund), nicht aus dem Kopf und will ihnen ein wenig nachgehen. Der eine ist in einen echten Krieg gezogen ist, die anderen wollen eigentlich nur von Politik reden, erachten diese aber offenbar ebenfalls eine Art Krieg oder zumindest als Kriegsspiel. In beiden Fällen führt das in meinen Augen zu einer gestörten Wahrnehmung der Realität, weil sie nur durch die zu Sehschlitzen verengten Augen des Kämpers wahrgenommen wird, der teils bewusst, teils unbewusst der Fokussierung wegen die sonstigen „Regungen“ um sich herum ausblendet und so nicht mehr das gesamte Bild zu erkennen vermag. Obwohl ich Guevaras Buch gelesen habe, als ich noch recht lebensunerfahren war, erinnere ich mich, wie ich oft den Kopf geschüttelt habe über so viel Verblendung aus missionarischem Eifer.

Guevara hat seine meist täglichen Einträge am Monatsende um eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Ereignisse ergänzt, so kann der Ablauf des „Kampfes“ im Zeitraffer nachverfolgt werden. Die Unternehmung beginnt am 7. November 1966: „Heute beginnt eine neue Etappe. In der Nacht kamen wir auf dem Gut an. Die Reise verlief einigermaßen glatt. Nachdem wir, gebührend verkleidet, über Cochabamba eingereist waren, stellten Pachungo und ich die Kontakte her…“ – Ähnlich liest sich das wohl im Tagebuch von Kubitschek, nach dem er sein „Rittergut“ in Schnellroda bezogen hatte. Die November-Zusammenfassung lautet dann auch: „Alles ist ziemlich gut verlaufen: meine Ankunft ohne Schwierigkeiten […] Die entscheidenden Mitarbeiter von Ricardo schließen sich der Erhebung allen Widerständen zum Trotz an. Die Aussichten sind gut in dieser abgelegenen Region, wo alles darauf hindeutet, dass wir praktisch so lange bleiben können, wie wir es für richtig halten…“ – Zwischen Naumburg und Kyffhäuser, nahe der Saale, mittelalterliches deutsches Grenzland: ein wunderbar stiller und so geschichtsträchtiger Unterschlupf für eine 1%-Bewegung.

Die Vorbereitungen für den Kampf gedeihen, so heißt es Ende Dezember: Die Gruppe der Kubaner hat sich erfolgreich vervollständigt, die Moral der Leute ist gut, es gibt nur kleine Probleme. Mit den Bolivianern geht es gut, wenn es auch nur wenige sind….“ – Zum Mitraten: wodurch muss man Kubaner und Bolivianer ersetzen, um die Parallele zu entschlüsseln? Hier ein Vorschlag.

Ende Januar 1967 tun sich dann erste Differenzen und Schwierigkeiten auf: „Wie ich erwartete, war Monjes [ein kommunistischer Parteifunktionär] Haltung im ersten Moment ausweichend und dann verräterisch. Schon schmiedet die Partei Waffen gegen uns. Ich weiß nicht, wohin das führen wird, doch das wird uns nicht bremsen, und vielleicht wird es sich langfristig sogar günstig auswirken (fast bin ich dessen sicher). Die ernsthaftesten und kampfbereitesten Leute werden auf unserer Seite stehen, auch wenn sie mehr oder minder schwere Gewissenskrisen durchmachen müssen. […] Von allem Geplanten ging die Einreihung der bolivianischen Kämpfer am langsamsten vonstatten.“ – Ich weiß nicht, ist das jetzt Guevara oder schrieb das Kubitschek in seinem „Briefwechsel“ ? Erfasst mich da nicht ein leichter Schwindel?

Wir werden Zeugen werden eines Herumirrens im tiefsten Dschungel. Keine Gipfellinie auch nur zu erahnen im Nebel.

Warten wir auf die Februar-Zusammenfassung, wann immer es so weit sein wird. Doch so viel kann man getrost spoilern: am Ende ging die Sache schief, weil die Bolivianer nicht recht wussten, wozu diese importierte Revolution letztlich gut sein sollte und keinen Bock drauf hatten, sich deswegen blutige Nasen oder mehr zu holen.


Literatur: Guevara, Ernesto Che. Bolivianisches Tagebuch, München: Trikont-Verlag, 1980. Auch das Bild wurde diesem Band entnommen und geringfügig editiert.

Der (ewige) Gärtner

Heute nacht hat der Wind ein wenig ums Häuschen gepfiffen, jetzt flockt es draußen wieder herum, schmuddelwintermäßig. Aber eigentlich nimmt das Frühjahr schon spürbar Anlauf und ich muss mir allmählich Gedanken machen, was ich dieses Jahr mit meinem Minigemüsebeet anstelle. Aber erst muss ich den Apfelbaum noch schneiden, dazu hätte ich es gerne ein bisschen sonnig bitteschön. Also zurück zur Zeitung.

Dort lese ich, dass ein verdienter Mittelalterhistoriker, Johannes Fried, sich auf seine alten Tagen ein paar Überlegungen und Spekulationen erlaubt, wie das „wirklich“ gewesen sein könnte, damals auf Golgatha, medizinisch betrachtet. Kann es nicht sein, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten (Johannes 19, 33-34), der zum Abfluss von angestautem Blut und Wasser führte, gewirkt hat wie eine Pleurapunktion, wie man sie heutzutage ausführt? Und dass Jesus lediglich tief ohnmächtig, quasi narkotisiert war, als man ihn ins Grab legte, infolge der Verabreichung von Essig (ebd. 29-30)? Und dass er, nach dem Erwachen aus der Narkose, von weißgewandeten Männern (den Engeln) fortgebracht wurde? Als er wieder hergestellt war, könnte er den Rest seines Lebens gut versteckt verbracht haben, „wahrscheinlich als Gärtner“, so die Mutmaßung. Warum gerade als Gärtner? Dazu müsste ich das Buch wohl lesen. Mal sehen. (1)

Vielleicht liebte Jesus Rosen? Und zog sie für seine angeblich große Liebe Maria Magdalena? Vielleicht lebten sie noch lange fort in stiller Eintracht, Philemon und Baucis von Jerusalem?

There are all kinds of roses
But none are as handsome
As the ones that your own hands have grown
They bring as much hope
Leave as much satisfaction
As anything I’ve ever known

Vergangene Nacht wurden in den USA die Grammys verliehen und, hi folks: die Punch Brothers holten sich die verdiente Auszeichnung in der Kategorie „Best Folk Album“ mit ihrem letztjährigen Album „All ashore“, das man nicht genug preisen kann. Tags zuvor unkten sie noch, sie flögen lediglich hin, um zu bezeugen, dass Joan Baez den Titel davon tragen würde. Doch die Jury war erfreulich zukunftsorientiert, die Zeiten sind danach. Die obigen Zeilen sind dem (schwächeren) Song „The Gardener“ des prämierten Albums entnommen, der letzte Vers allerdings lautet:

May green grow the grass underneath our children’s feet

Ein wiederkehrendes Motiv in der aktuellen Musik der PB, fast schon ein Beschwören der amerikanischen Ideale vom Gemeinsinn und Zusammenhalt, gepaart mit lakonischer Zeitdiagnose: „Just look at this Mess“ heißt ein anderer Song. Jedenfalls: herzlichen Glückwunsch von einem „Big Time Friend“!

Womit wir bei der Kategorie „erwachsener Mensch des Tages“ wären: Timothy Springer ist ein US-Biochemiker aus Boston, der wissenschaftlich Wesentliches geleistet hat, aber auch einen gesunden Sinn für’s Investieren besitzt und es damit zu erklecklichem Wohlstand gebracht hat. Auf die Frage, ob er sich von seinem vielen Geld vielleicht nicht eine schicke Villa am Meer oder in den kalifornischen Hügeln leisten möchte, antwortet er nur: „Kein Bedarf“. Denn: „Wenn wir den Sommer über weggehen, wer kümmert sich dann um die Gemüseernte?“ (2)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Rudolf Neumaier: Atmen kann man auch mit einem Lungenflügel. SZ Nr. 35/2019, S. 9; Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. C.H.Beck, München 2019
(2) Claus Hulverscheidt: Der Millionen-Professor. SZ Nr. 35/2019, S. 17

Regungen, Aufregungen

Vor einer Weile hat Lynx seinen Streifraum ausgeweitet und ist ein wenig durch Seattle gepirscht. Dieser (meist) regnerische Winkel des pazifischen Nordwestens ist ein HotSpot der Digitalisierung, von Beginn an, und inzwischen hat sich das in das Stadtbild eingeschrieben. Mit Bill Gates und Jeff Bezos leben und arbeiten in der Region zwei der reichsten Männer, gelegentlich wechseln sie sich auf den beiden ersten Plätzen ab. Auf einem kleinen Stadtspaziergang zwischen dem Seattle Center, wo die Gates-Stiftung ihren Altruismus zelebriert, und dem Amazon-Headquarter an der Ecke 6th Ave./Westlake Ave. kann man erkunden, was das physisch in der Stadt für Spuren hinterlässt und wie sie sich auch verändert hat, über diverse ökonomische Schübe hinweg, die sie in ihrer eigentlichen kurzen Geschichte schon erlebt hat.

Um 1850 herum überließ der Suquamish-Häuptling Chief Seattle den weißen Siedlern das Gelände, mit der Auflage, dass die Stadt seinen Namen trage und er und seine Familie dauerhaft versorgt werden. Es gibt Fotos von seiner zeitlebens ledigen Tochter Princess Angeline, die bis zu ihrem Tod 1896 noch in einem Häuschen am zentralen Pike Place Market lebte, während ringsherum die Stadt in die Höhe schoß. Kein Vergleich jedoch zu dem, was Amazon ein paar Straßen weiter derzeit durchzieht: in Windeseile richten sich die neuen Bürotürme auf, einer neben dem anderen, schlanke moderne Architektur, smart buildings bis in jede Zelle. Hier kann man der globalisierten Wirtschaft den Puls fühlen. Verstörend und beeindruckend gleichermaßen. Beeindruckend, weil es daran erinnert, was im 15. Jh. in Florenz passiert ist, mit welcher Macht die Medici einst die Stadt in die Neuzeit katapultierten. Verstörend, weil man das Gefühl hat, dass hier ein irgendwie autistisches Gebilde innerhalb der Stadt entsteht, das gar nicht wirklich mit dem Rest der Stadt kommuniziert – aber vielleicht täuscht das auch. Seit langem in Seattle ansässige Menschen, die ich darauf angesprochen hatte, haben allerdings diesen Eindruck bestätigt. Und es war zu hören, der eine Milliardär hätte „gut“ geheiratet, der andere habe keine so gute Wahl getroffen. Mit der (warum auch immer) angeblich nicht so guten Wahl war Bezos gemeint – und das war eine ganze Weile, bevor bekannt wurde, dass seine Frau sich scheiden lässt.

Diese bevorstehende Scheidung hat zunächst vor allem die Amazon-Mitarbeiter und -Aktionäre beschäftigt, weil man große Unwägbarkeiten auf die Firma zukommen sieht. Seit aber bekannt wurde, dass Jeff Bezos eine Affäre hatte, verlagert sich die Aufmerksamkeit auf das, was die Leute wirklich interessiert: Wäschezipfel, semierigierte Penisse und sonstiges Zeugs „down south“. Irgendwer hat etwas ausgeplaudert, was er versprochen hatte, für sich zu behalten. Der „National Enquirer“ (NE), ein kostenloses  Käseblatt der Supermarktkassen, das gerne Leute vorführt, hat das ausgeschlachtet. Der Herausgeber des NE ist ein Kumpel von Trump, weshalb Bezos, der wiederum Trumps Erzfeind ist, der Meinung war, die Veröffentlichung der Affäre sei politisch motiviert. Das wollte das Käseblatt nicht auf sich sitzen lassen und hat Bezos damit gedroht, intime Fotos zur Affäre zu veröffentlichen – da dachten sie beim NE, jetzt hätten sie ihn am Wickel.

Weit gefehlt und Bezos völlig unterschätzt, wie das wohl schon einige getan haben. Er kennt keine falsche Scham und geht lieber in die Offensive, Überraschungsangriff: Er hat sich hingesetzt und einen Beitrag auf seinem privaten Blog verfasst. Darin legt er ausführlich die Erpressung offen, einschließlich der Original-Mails mit den verbalisierten Details der  Fotos, die man angedroht hatte, abzudrucken. Think big sagt sich wieder mal Bezos und die Kontrahenten sehen nun nach – na ja, sehr kleinen und auch noch verklemmten „Würmchen“ aus.

Warum erzähle ich eine solche Boulevardgeschichte aus der Parallelwelt der Reichen und leidlich Schönen, aus der Herzkammer des Turbokapitalismus, wo immer zu viel Testosteron unterwegs ist? Was geht es unsereins an? Ich muss gestehen, ich habe Bezos’ Beitrag mit Genuss gelesen, weil ich mir dachte: es gibt tatsächlich noch erwachsene Menschen. Dieser ganze mediale Kindergarten kann sich noch so hysterisch aufführen, aufblasen, das ist mir doch wurscht – lassen wir die Luft raus. (Und tun nebenbei noch was für’s Geschäft, in dem wir zugleich noch einen draufsetzen.) Ein Auftritt wie im klassischen Western. Rauchende Colts.

Ganz nebenbei hat Bezos dabei für Entzücken in den Redaktionsstuben der elaborierten Presse, die ihm ja teilweise auch noch gehört (Washington Post), gesorgt, weil er mit seinem Blogpost angeblich den US-amerikanischen Wortschatz um ein neues Wort bereichert hat: complexifier. So sei der Umstand, dass er Eigentümer eines Pressehauses sei, ein complexifier für ihn gewesen im Umgang mit der Thematik. Auf deutsch würde man schön lautmalerisch sagen: eine Verkomplizierung – so ein Wort knödelt sich in unserer Sprache en passant, weshalb wir von Haus aus so kompliziert denken? Jedenfalls noch ein schöner Seitenhieb von Bezos in Richtung Trump: es ist entschieden smarter, die Kompexität zu sehen, sich ihr zu stellen und sie einzubeziehen in seine Überlegungen. Denn der complexifier bietet dem, der um die Ecke denkt, einige Vorteile. Mit Trump dürfte die Sache bald richtig losgehen. Außerdem hatten sie beim NE vergessen, dass sie wegen eines kürzlich ergangenen Urteils in den nächsten Jahren sich keine solchen Sachen wie mit Bezos mehr erlauben dürfen. Jetzt hat er sie am A…. Voller Punktsieg für Bezos. Den Rest erledigen seine vielen Anwälte und das dürfte teuer werden. Eine Blaupause, wie man der Rattenplage beikommen kann.

Bildrechte: Frank La Roche/The Seattle Times: Princess Angelines Haus am Pike Place Market

Blaue Nase

Haben die blauen Kobolde von der AfD ernsthaft geglaubt, sie besäßen das Monopol auf Boshaftigkeit? Andererseits: wer hätte den grauen Männern vom Verfassungsschutz bauernschlaue Boshaftigkeit zugetraut? Nach offenbar reiflicher Überlegung hatte man den „Prüffall“ AfD im Januar öffentlich gemacht. Jetzt haben sie bei der AfD wieder Schaum vor dem Mund und Klage eingereicht, weil sie die „Ausübung der parteilichen“ Tätigkeit“ in „erheblichem Maße“ erschwert sehen. Dabei hatte es der Verfassungsschutz doch nur gut gemeint: der öffentliche Hinweis, dass es für eine Beobachtung der AfD noch nicht hinreichend „verdichtete“ Anhaltspunkte gäbe, sei gegeben worden, weil dies doch „eher zu einer Entlastung der Partei“ führe.

Kommt euch bei der AfD eine solche Öffentlichkeitspolitik denn nicht bekannt vor? Erst einmal einen Pflock einrammen, ihn bei anschwellender Kritik wieder herausziehen, freundlich damit winken und nur wenig seitwärts wieder einrammen. Oder zurückrudern ohne zurückzurudern. Ihr hattet immer gemeint, so bauernschlau sei nur die AfD? Weit gefehlt. Das pluralistische System ist vielleicht etwas träge manchmal, aber dennoch lernfähig. Und kann sehr genüsslich zurückschlagen. Lynx denkt sich, das war ein echter Schenkelklopfer, als diese Idee beim BfV geboren wurde (nachdem das U-Boot Maaßen gegangen und die Laune wieder gestiegen war). Die Prognose sei gewagt: mit der Klage werden sich die blauen Kobolde auch noch eine tiefblaue Nase abholen.