The Monty Python Sundowner

Monty Python galten einmal als Inbegriff absurden britischen Humors. Jetzt weiß man nicht mehr recht, ob sie sich dort nicht in den Fallstricken der eigenen absurden Geschichte(n) verheddert haben. Der alte John Cleese leistet sich jedenfalls „first class“-Realsatire und sorgt damit in England und bei den Rechten für Furore.

Schon vor ein paar Jahren stellte er fest, dass London offenbar keine „englische Stadt“ mehr sei. Nach der Europawahl erinnerte er auf seinem Twitter-Account an seinen Befund und führt als Beleg ins Feld, dass die Stadt ja auch mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt habe. Cleese ist Brexiteer einerseits, (angeblich) Liberaldemokrat andererseits. Geht eigentlich nicht zusammen. Jedenfalls ist ihm das seit einiger Zeit alles nicht mehr englisch genug daheim, weshalb er sich in die Karibik verfügt hat, auf ein beschauliches Eiland namens Nevis, wo die Welt noch übersichtlich ist (Einwohner: 11.500) und das Leben angenehm, „a relaxed and humorous life style, a deep love of cricket, and a complete lack of knife crime“, bei bestem Wetter versteht sich. Nevis war eine britische Kolonie und ist erst seit 1983 ein (leidlich) unabhängiger Zwergstaat.

Ein wenig arrogant, isn’t it? Der weiße Brite hat das natürliche Recht, es sich überall auf der Welt nett und bequem zu machen. Er hat ja die Kohle. Seine Ahnen haben die schönsten Weltregionen seinerzeit erobert, besetzt, ausgebeutet. Nein, „kultiviert“ nennt er das, der Brite. Drum darf er dort auch ein Herrenleben führen. Wem es nicht passt, ihm seinen Drink zu servieren, kann ja nach London auswandern.

Interessant ist dazu die Einschätzung des Kommentators von der rechten Sezession: Nevis sei ein Ort, „der vermutlich der Anywhere-lichkeit gänzlich unverdächtig ist.“ – Hä? – Hier tropft er heraus zwischen den Zeilen, der weiße Suprematismus, ganz unbedacht offenbar. Für einen britischen oder deutschen Nationalisten ist Somewhere Anywhere, denn ihm gehört ja die Welt. Was für eine Verwirrung. A Sundowner for Mr. Cleese, please!

Ferne Gestade sind Ruhestatt für unsere Träume, und ferne Länder existieren nicht für sich, sondern für uns,“ notiert Teju Cole (1). Cole ist mein Arzt, wenn es darum geht, am Puls der Zeit zu fühlen. Cleese? Puls: unruhig. Drink: noch einen.

(1) Cole, Teju. Brasilianische Erde, in: Vertraute Dinge, fremde Dinge. Essays, 2016.

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Ein Landjunker reist

Gibt es das noch, dass einer aus der Provinz in die Hauptstadt fährt und Bauklötze staunt? Gibt es das noch (oder wieder), dass einer herabschaut auf das Städtische in einer Haltung, die eine merkwürdige Mischung ist aus Snobismus und (unverschuldeter?) Dämlichkeit? Lynx wundert sich und liest, dass Landjunker Kubitschle sein sächsisches Gütlein verlassen hat und, nebst Gattin, nach Berlin gereist ist. Konnte er sich nicht entgehen lassen, diese krude Konferenz der sog. „freien Medien“, die die AfD im Lüders-Haus des Bundestages veranstaltet hat – oder doch auch nicht. Denn die AfD wusste bis zum Schluss nicht, ob sie das jetzt wollen soll oder nicht. Darum gab es auch einen inoffiziellen Teil, wo es richtig schmuddlig wurde. Aber da war Kubitschle schon wieder auf dem Heimweg, dieser Nachschlag war unter seiner Würde, immerhin. Die Rückfahrt in der Bahn nutzte er zur Reflektion, oder sagen wir besser: Einordnung. Der Text ist tatsächlich aufschlussreich. Es geht da eigentlich weniger um die kuriose Veranstaltung, mit der er letztlich nicht warm wurde, sondern mehr um: Architektur. Und was er sich dazu so denkt.

Er informiert uns, dass das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Sicherheitsschleusen hat und riesige kreisrunde Fenster mit Blick auf das Regierungsviertel: dazu fällt ihm „Blase“ ein. Diese gebaute „Blase“ hat außerdem viele Meter hohe Räume aus „dickem Glas“ und „nacktem Beton“ – und dies alles sei „gar nicht volksnah oder demokratisch.“ – Warum denn nicht? Weil es aus Beton ist und nicht zierlich gemauert? Weil es keine zugigen Butzenscheiben hat? Ist Beton ein neuer, unbekannter Werkstoff für ihn? Und was ist verkehrt an „nacktem Beton“ – verwechselt er groben Bunkerbeton mit 1a-Sichtbeton? Hat er eine leise Ahnung davon, welche Kunst es ist, Sichtbeton in vorzüglicher Qualität herzustellen, sichtbar bleibende Oberflächen zu schaffen, die nicht unter egalisierendem Putz versteckt werden müssten? Ingenieurskunst – kennste? Oder leben wir noch in den Zeiten des Maurerhandwerks vor 1850? (Doch selbst das Pantheon ist ja schon betoniert…) Eine Antwort bleibt K. uns schuldig. Es fehlt ihm die „Demut“ und es sieht zu wenig selbst gebaut aus: sprich, es fehlt ihm die Heimwerkeranmutung (wie sie ja in Schnellroda authentisch anzutreffen ist). Ein wahres Parlamentsgebäude sieht nach Praktiker aus (gibt’s nicht mehr…) – denkt er sich das? War es nicht schon immer so, dass eine Gesellschaft in ihrer Architektur gezeigt hat, dass sie aktuelle Technologien beherrscht, somit auf der Höhe der Zeit ist? Auf welcher Zeit-Höhe bewegt sich Kubitschek? Sollen wir uns rückwärts entwickeln, nur weil er keine Ahnung von Bautechnologie hat? Ängstigen ihn große Fenster, weil sie einen weiten Horizont eröffnen? Sollen wir lieber Fenster mit Scheuklappen bauen?

K. schreibt dann noch einiges Inhaltliche zur Veranstaltung, aber irgendwie zog das eher nebulös an ihm vorbei und hat ihn (und die „Bewegung“) nicht viel weiter gebracht, weil er dauernd durch die kreisrunden Fenster schauen musste. Schießscharten hätten seiner Konzentration besser geholfen? Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass Schnellroda „samt Schrebergärten“ locker reinpassen würde ins Lüders-Haus. Dazu denkt Lynx sich:
a) Grobe Täuschung: mit Google-Maps überschlägig abgemessen hat das Lüders-Haus eine Grundfläche von ca. 250 x 100 m, Schnellroda mindestens von 600 x 600 m. Also selbst mit stapeln wird es da schwierig. Klingt halt so volksnah.
b) Hybris: wie kommt so ein selbsternannter Landjunker auf die Idee, dass er und noch ein paar Hanseln auf mehr Fläche residieren sollten als ein Parlamentsgebäude eines 80-Millionen-Volkes braucht, wo deutlich mehr Leute arbeiten als in Schnellroda je wohnen werden?

Könnte es sein, dass da einer „unheimlich“ volkstümlich tut und dabei so was von abgehoben ist, dass er schon das Gefühl für Maßstäbe verliert? Dass er nur vorgaukelt, sich mit der volkstümlichen Kleinmaßstäblichkeit von Katen abzugeben und mit ehrlichem gemauerten Handwerk (von dem er offensichtlich nichts versteht). Könnte es sein, dass das nur Attitüde ist, Bauernfängerei? (Komisch oder nicht: in Schnellroda gibt es eine Pension, die heißt „Zum Schäfchen“?)

Antiurbane Ressentiments sind in Deutschland seit langer Zeit, fast schon immer, ein Selbstläufer. Lange Zeit haben CDU/CSU dieses Feld beackert, bis sie erkennen mussten, dass sie auf diesem Weg allmählich in die Minderheit geraten. Also fischen an diesem ruralen Rand jetzt andere. Und träumen von gemauerten und adrett verputzten Palästen aus dem Baumarkt, die ihnen imaginierte Untertanen von reinstem germanischen Blut zusammenschustern würden (diese Maurer gibt’s auch nicht mehr). K.s Fahrt in die ewig sächsische Nacht.

Good Move

Facebook kann gute Schlagzeilen vertragen. Meint man, weil es doch so in Verruf geraten ist. Der Aktienkurs zeigt aber, dass der „Turnaround“ längst erfolgt ist. Technologisch haben sie dort nun (fast) alles beieinander, um in die nächste Runde zu gehen (an der eigenen Kryptowährung basteln sie wohl noch), also räumen sie alten Ballast ab. Das bringt, zusätzlich zum ohnehin brummenden Geschäft – gute Schlagzeilen.

Dennoch: der gestern ausgesprochene umfassende Bann gegen einige „namhafte“ rechtsextreme Pöbler, Einheizer und Volksverhetzer ist erfreulich. Und überfällig. Hoffen wir, dass FB auch hierzulande noch fündig wird, das sollte nicht allzu schwer sein.

Die Betroffenen heulen jetzt erwartungsgemäß ihre alte Leier, dass das Zensur sei und gegen „free speech“, das Recht auf freie Meinungsäußerung, gerichtet. Und genauso notorisch lässt sich darauf antworten: nein, ist es nicht. Schon in der Vergangenheit konnte kein Verlag gezwungen werden, Dinge zu veröffentlichen, die ihm nicht gefielen. Und auch heute noch ist es jedem/r unbenommen, die eigene Plattform zu gründen, Fans zu finden und vor allem: Geldgeber. Das macht Mühe. Deshalb kam man in der rechten Szene vor einiger Zeit auf die Idee, zu russischen Social-Media-Plattformen zu wechseln. Super Idee. Ist was daraus geworden? Natürlich nicht, sitzen ja nur die immer gleichen Leute am Stammtisch.

Selbst harmlose Hobbyblogger (willkürlich herausgegriffenes Beispiel) berichten in naiver Offenheit, dass Facebook vor allem anziehend ist wegen seiner Reichweite. Reichweite ist das Stichwort, nichts anderes. Reichweite auch noch für die absurdesten Gedanken, die schlimmsten Verleumdungen. Reichweite für umsonst (vermeintlich). Das war aber nur der Köder. Inzwischen kostet echte Reichweite, auch bei WordPress. Ein legitimes Mittel, den Strom einzudämmen. Und ein Schritt in die weitere Professionalisierung der Datenerhebung und -verwertung.

FB braucht die Agitatoren nicht mehr, die es als Brandbeschleuniger nutzten und damit zugleich massenhaft Leute auf die Plattform holten. Die freiwillig nützlichen Idoten haben ausgedient, der „Narrensaum“ wird abgeschnitten (mit dem Begriff des Narrensaums hat die FPÖ ausnahmsweise einmal ins Schwarze getroffen). Die, die meinen, Relevantes zu sagen zu haben, zahlen dafür. Die, die nicht zahlen wollen, werden zurückgeschickt in private Chats und geschlossene Gruppen, wo sie unter sich bleiben – und FB will dort sogar künftig verschlüsseln und schützen usw. Denn umfassenden Zugang zu den Nutzerdaten und Überblick über das Nutzerverhalten hat FB inzwischen ohnehin. Was da geredet wird, interessiert nur noch nachrangig. Wichtig ist die Auswertung der Interaktionen an sich, daraus lassen sich viel weiter reichende und vermarktbare Schlüsse ziehen. Alles, was dieses Geschäft stört, muss weg. Im aktuellen Fall ist dies wirklich kein Verlust, eher ein Dienst an der Gesellschaft, das will ich FB unumwunden zugestehen. Beim Rest muss jeder selber wissen, wie er es damit hält. Wie sagte gestern ein Ökonomieprofessor: „In dem Augenblick, in dem Geld dafür fließt, dass man die großen Onlinedienste nutzt und somit mit Daten füttert, werden meine Studenten den ganzen Tag nichts anderes mehr tun als Onlinedienste zu nutzen und Daten zu erzeugen.“ Doch solche gekauften Daten seien wertlos, deshalb werden wir weiterhin umsonst liefern müssen. Und hoffen, dass der Gegenwert, also der Nutzen der Dienste und Netzwerke, stimmt. So betrachtet ist FB gestern für mich ein gutes Stück wertvoller geworden (auch wenn ich es nicht nutze…)

Bei FB wird Gold geschürft, echtes Gold. Die Narzissten, die sich allein berauschen am Katzengold aus Likes und Followern und Shitstorms, stören dieses Geschäft. Werden sie es je kapieren?

Regungen, Aufregungen

Vor einer Weile hat Lynx seinen Streifraum ausgeweitet und ist ein wenig durch Seattle gepirscht. Dieser (meist) regnerische Winkel des pazifischen Nordwestens ist ein HotSpot der Digitalisierung, von Beginn an, und inzwischen hat sich das in das Stadtbild eingeschrieben. Mit Bill Gates und Jeff Bezos leben und arbeiten in der Region zwei der reichsten Männer, gelegentlich wechseln sie sich auf den beiden ersten Plätzen ab. Auf einem kleinen Stadtspaziergang zwischen dem Seattle Center, wo die Gates-Stiftung ihren Altruismus zelebriert, und dem Amazon-Headquarter an der Ecke 6th Ave./Westlake Ave. kann man erkunden, was das physisch in der Stadt für Spuren hinterlässt und wie sie sich auch verändert hat, über diverse ökonomische Schübe hinweg, die sie in ihrer eigentlichen kurzen Geschichte schon erlebt hat.

Um 1850 herum überließ der Suquamish-Häuptling Chief Seattle den weißen Siedlern das Gelände, mit der Auflage, dass die Stadt seinen Namen trage und er und seine Familie dauerhaft versorgt werden. Es gibt Fotos von seiner zeitlebens ledigen Tochter Princess Angeline, die bis zu ihrem Tod 1896 noch in einem Häuschen am zentralen Pike Place Market lebte, während ringsherum die Stadt in die Höhe schoß. Kein Vergleich jedoch zu dem, was Amazon ein paar Straßen weiter derzeit durchzieht: in Windeseile richten sich die neuen Bürotürme auf, einer neben dem anderen, schlanke moderne Architektur, smart buildings bis in jede Zelle. Hier kann man der globalisierten Wirtschaft den Puls fühlen. Verstörend und beeindruckend gleichermaßen. Beeindruckend, weil es daran erinnert, was im 15. Jh. in Florenz passiert ist, mit welcher Macht die Medici einst die Stadt in die Neuzeit katapultierten. Verstörend, weil man das Gefühl hat, dass hier ein irgendwie autistisches Gebilde innerhalb der Stadt entsteht, das gar nicht wirklich mit dem Rest der Stadt kommuniziert – aber vielleicht täuscht das auch. Seit langem in Seattle ansässige Menschen, die ich darauf angesprochen hatte, haben allerdings diesen Eindruck bestätigt. Und es war zu hören, der eine Milliardär hätte „gut“ geheiratet, der andere habe keine so gute Wahl getroffen. Mit der (warum auch immer) angeblich nicht so guten Wahl war Bezos gemeint – und das war eine ganze Weile, bevor bekannt wurde, dass seine Frau sich scheiden lässt.

Diese bevorstehende Scheidung hat zunächst vor allem die Amazon-Mitarbeiter und -Aktionäre beschäftigt, weil man große Unwägbarkeiten auf die Firma zukommen sieht. Seit aber bekannt wurde, dass Jeff Bezos eine Affäre hatte, verlagert sich die Aufmerksamkeit auf das, was die Leute wirklich interessiert: Wäschezipfel, semierigierte Penisse und sonstiges Zeugs „down south“. Irgendwer hat etwas ausgeplaudert, was er versprochen hatte, für sich zu behalten. Der „National Enquirer“ (NE), ein kostenloses  Käseblatt der Supermarktkassen, das gerne Leute vorführt, hat das ausgeschlachtet. Der Herausgeber des NE ist ein Kumpel von Trump, weshalb Bezos, der wiederum Trumps Erzfeind ist, der Meinung war, die Veröffentlichung der Affäre sei politisch motiviert. Das wollte das Käseblatt nicht auf sich sitzen lassen und hat Bezos damit gedroht, intime Fotos zur Affäre zu veröffentlichen – da dachten sie beim NE, jetzt hätten sie ihn am Wickel.

Weit gefehlt und Bezos völlig unterschätzt, wie das wohl schon einige getan haben. Er kennt keine falsche Scham und geht lieber in die Offensive, Überraschungsangriff: Er hat sich hingesetzt und einen Beitrag auf seinem privaten Blog verfasst. Darin legt er ausführlich die Erpressung offen, einschließlich der Original-Mails mit den verbalisierten Details der  Fotos, die man angedroht hatte, abzudrucken. Think big sagt sich wieder mal Bezos und die Kontrahenten sehen nun nach – na ja, sehr kleinen und auch noch verklemmten „Würmchen“ aus.

Warum erzähle ich eine solche Boulevardgeschichte aus der Parallelwelt der Reichen und leidlich Schönen, aus der Herzkammer des Turbokapitalismus, wo immer zu viel Testosteron unterwegs ist? Was geht es unsereins an? Ich muss gestehen, ich habe Bezos’ Beitrag mit Genuss gelesen, weil ich mir dachte: es gibt tatsächlich noch erwachsene Menschen. Dieser ganze mediale Kindergarten kann sich noch so hysterisch aufführen, aufblasen, das ist mir doch wurscht – lassen wir die Luft raus. (Und tun nebenbei noch was für’s Geschäft, in dem wir zugleich noch einen draufsetzen.) Ein Auftritt wie im klassischen Western. Rauchende Colts.

Ganz nebenbei hat Bezos dabei für Entzücken in den Redaktionsstuben der elaborierten Presse, die ihm ja teilweise auch noch gehört (Washington Post), gesorgt, weil er mit seinem Blogpost angeblich den US-amerikanischen Wortschatz um ein neues Wort bereichert hat: complexifier. So sei der Umstand, dass er Eigentümer eines Pressehauses sei, ein complexifier für ihn gewesen im Umgang mit der Thematik. Auf deutsch würde man schön lautmalerisch sagen: eine Verkomplizierung – so ein Wort knödelt sich in unserer Sprache en passant, weshalb wir von Haus aus so kompliziert denken? Jedenfalls noch ein schöner Seitenhieb von Bezos in Richtung Trump: es ist entschieden smarter, die Kompexität zu sehen, sich ihr zu stellen und sie einzubeziehen in seine Überlegungen. Denn der complexifier bietet dem, der um die Ecke denkt, einige Vorteile. Mit Trump dürfte die Sache bald richtig losgehen. Außerdem hatten sie beim NE vergessen, dass sie wegen eines kürzlich ergangenen Urteils in den nächsten Jahren sich keine solchen Sachen wie mit Bezos mehr erlauben dürfen. Jetzt hat er sie am A…. Voller Punktsieg für Bezos. Den Rest erledigen seine vielen Anwälte und das dürfte teuer werden. Eine Blaupause, wie man der Rattenplage beikommen kann.

Bildrechte: Frank La Roche/The Seattle Times: Princess Angelines Haus am Pike Place Market

Blaue Nase

Haben die blauen Kobolde von der AfD ernsthaft geglaubt, sie besäßen das Monopol auf Boshaftigkeit? Andererseits: wer hätte den grauen Männern vom Verfassungsschutz bauernschlaue Boshaftigkeit zugetraut? Nach offenbar reiflicher Überlegung hatte man den „Prüffall“ AfD im Januar öffentlich gemacht. Jetzt haben sie bei der AfD wieder Schaum vor dem Mund und Klage eingereicht, weil sie die „Ausübung der parteilichen“ Tätigkeit“ in „erheblichem Maße“ erschwert sehen. Dabei hatte es der Verfassungsschutz doch nur gut gemeint: der öffentliche Hinweis, dass es für eine Beobachtung der AfD noch nicht hinreichend „verdichtete“ Anhaltspunkte gäbe, sei gegeben worden, weil dies doch „eher zu einer Entlastung der Partei“ führe.

Kommt euch bei der AfD eine solche Öffentlichkeitspolitik denn nicht bekannt vor? Erst einmal einen Pflock einrammen, ihn bei anschwellender Kritik wieder herausziehen, freundlich damit winken und nur wenig seitwärts wieder einrammen. Oder zurückrudern ohne zurückzurudern. Ihr hattet immer gemeint, so bauernschlau sei nur die AfD? Weit gefehlt. Das pluralistische System ist vielleicht etwas träge manchmal, aber dennoch lernfähig. Und kann sehr genüsslich zurückschlagen. Lynx denkt sich, das war ein echter Schenkelklopfer, als diese Idee beim BfV geboren wurde (nachdem das U-Boot Maaßen gegangen und die Laune wieder gestiegen war). Die Prognose sei gewagt: mit der Klage werden sich die blauen Kobolde auch noch eine tiefblaue Nase abholen.

Seelenverkäufer

Der Hundekrawattenmann war von der Sezession nach Schnellroda eingeladen und hat einen Vortrag über Populismus gehalten, es gibt bei YouTube ein Video davon. Eine dreiviertel Stunde lang, mit vorhersehbarem Ergebnis: Wir werden von einer Globalisten-Elite geführt, die den Untergang des Abendlands herbeiführen will! Der Himmel wird über uns einstürzen! (Sorry, das war eine andere Geschichte, dazu später noch eine Anmerkung)

Schnellroda heißt, Gauland war zu Gast auf dem „Rittergut“ von Götz Kubitschek (der von sich sagt, er sei gottfroh, den Westen auch geistig hinter sich gelassen zu haben). Im Hintergrund sieht man das düstere Mittelalter in Form von kieseligen Ecksteinen einer Wand, die merkwürdig glänzen, wie plastifiziert: Schutzlacküberzug, aus dem Baumarkt? Dass nichts bröckelt? Dazu noch Efeuranken, sehen auch nach Erdölprodukt aus. Eine Szenerie wie aus einem billigen B-Movie.

Mir kommt dabei in den Sinn, dass im frühen Mittelalter die Franken ihre Hauptkonkurrenten um die Macht in Deutschland, die Alemannen, erfolgreich unter anderem damit ausschalteten, dass sie ein strategisches Netz von Burgen und Herrensitzen (auch Rittergütern?) im alemannischen Herrschaftsbereich etablierten und allmählich die Kontrolle übernahmen. Es gab zwar 746 auch noch das „Blutgericht zu Cannstatt“, wo Franken den alemannischen Adel zuletzt mit Gewalt ausmerzten, alles Wesentliche der Landnahme war aber schon vorher passiert.

Jetzt gibt es da diese Politiker und Influencer aus Westdeutschland, die allesamt dort nichts werden konnten oder, nach ihrer Selbstwahrnehmung nicht genug, und sie ziehen jetzt in den Osten. Kubitscheks „Rittergut“ ist die steingewordene Idee, wie diese altdeutsche „Elite“ sich ihr Land „zurückholt“. Gauland, der alte Hesse, spielt willig mit. Auch der biedere hessische Geschichtslehrer Höcke hat nach Thüringen rüber gemacht, er residiert jetzt in Sichtweite zur imposanten Burg Hanstein, die an strategischer Stelle und weithin sichtbar auf der Landesgrenze über der Werra thront. (Am liebsten würde er natürlich auf Hanstein einziehen, aber da müsste ihm erst jemand die Renovierung der Ruine finanzieren.) Alice Weidel vom Bodensee organisiert die Finanziers aus der Schweiz und Beatrix von Storch gibt die Volkstribunin aus altem preußischem Adel, was ein Widerspruch in sich ist, das musste schon mancher volksnahe Adelige erfahren.

Und dann schwadroniert Gauland von „nationaler Arbeiterschaft“ und „ nationalem Bürgertum“: das seien diejenigen, denen „Heimat etwas bedeutet, weil sie dort ihr Haus haben…“, weil „dort ihre Familie lebt“, weil „dort die Kirche steht, in der sie getauft wurden“ usw. – Warum nur sind dann so viele AfD-Funktionäre und andere neu-rechte Demagogen von daheim weggegangen? Hätten sie doch etwas mehr Heimatverbundenheit an den Tag gelegt! Ach so – sie sind ja Missionare, Ausgesandte – oder Seelenverkäufer?

Wer fällt auf einen solchen faulen Zauber herein?

Hat Ostdeutschland so wenig Saft und Kraft, dass es sich dieser Seelenverkäufer nicht entledigen kann? Oder hält man es dort für eine gute und zukunftsweisende Idee, sich hinter plastifiziertes Pseudo-Natursteinmauerwerk zurückzuziehen und Mittelalter zu spielen? Ist doch klar, wer hier die Bauern sein sollen und wer die „Edelmänner“.

Ist den Ostdeutschen diese „Elite“ lieber, als die, die sie haben (denn irgendeine gibt es immer)?

Wollen sie lieber eine, die ihnen nach dem Mund redet und ihnen den Stuhl unter’m Hintern wegzieht (wie aktuell in Italien zu beobachten) – oder eine, die versucht, genug Stühle zu beschaffen und dabei manchmal das Reden und Überzeugen vergisst, leider (Oder sollten sie endlich eine eigene formen, aus ihren eigenen Reihen, damit Denken und Handeln homogener werden?)

Immerhin bekennt Gauland freimütig, dass er ein Populist ist (den er lediglich als Opponenten zum „Establishment“ definiert) und räumt gleichzeitig ein, dass die AfD „nicht das Volk repräsentiert“. Das kann man jetzt sophistisch ausdeuten oder einfach so sehen wie es ist: hier wird versucht, ein anderes Establishment zu schaffen. Man wolle, als Populisten, „nicht über die Köpfe des Volkes hinweg entscheiden“, man „habe auch keine Angst vor dem Volk“: das kann man getrost abwarten. Wie lange wird in Italien diese eingebildete Verbrüderung mit dem Volk, die immer nur darin besteht, ‘nen Euro zu geben und die Arbeit liegen zu lassen, noch überleben?

Gauland stopft sein Pfeifchen, läuft gegen Ende des länglichen Vortrags zur Hochform auf: „Der Populismus ist die letzte Verteidigungslinie unserer Art zu leben“ und der „Migrant ist das revolutionäre Subjekt der Globalisten“. Undsoweiterundsofort…

Es mag ein Angriff auf die geliebte Folklore aus Kindertagen sein: aber ist Gauland nicht ein Majestix (oder Obelix wegen der Hundekrawatte?), der, assistiert vom umtriebigen Asterix Kubitschek einfallsreich das „Römische Reich“ bekämpft? Das „Rittergut“ in Schnellroda als das letzte freie gallische resp. sächsische Dorf, die Stellung gehalten von einem Ober-Schwaben? Funktioniert als Folklore immer noch, schöne Anekdoten. Hat aber mit Politik und historischen Entwicklungen und Wahrheiten nichts zu tun, man weiß ja, wie die Geschichte ausgegangen ist. Meinetwegen dürfen sie im Hof vom Rittergut auch noch lange Wildschweine grillen, davon gibt es wahrlich genug. Komisch aber, dass es die Franzosen immer noch gibt. Obwohl sie sich ihr Land nie „zurückgeholt“ haben. Man sollte doch lieber darüber nachdenken, wie das funktioniert hat. Hmmm.

Bildrechte: Martín Steinhagen für ZEIT ONLINE , verändert

Kornblumenlese

Vor einem Jahr hat Lynx beanstandet, dass Poggenburg bei den blauen Kobolden der AfD nicht recht greifbar ist und ihn als Schleimer bezeichnet. Das hat der damals nicht auf sich sitzen lassen, zwei Monate später gab er dann den eingebildeten Türkenbezwinger, damit war es vorbei mit der Parteikarriere. Seitdem hat er offenbar gebrütet, wie er seiner Heldenbestimmung neuen Rückenwind verleihen könnte. Und war ausgerechnet beim Kornblumenpflücken. So einfach scheint das noch zu sein: nimm die Rezepte, die schon vor 120 Jahren falsch waren (und letztlich in zwei Kriegskatastrophen geführt haben), versammle ältere Männer um dich und ab mit der Marie? Das „intransigente Justamentnicht“ soll beim „Asyl deutscher Patrioten“ (AdP) jetzt zur Parteidoktrin erhoben werden. Die Kornblume ist das Emblem, „soziale, nationale, solidarische Heimatpartei“ die Selbstzuschreibung. Deutlicher kann man sich mit der NPD nicht gemein machen, beim Verfassungsschutz wird er sich damit keine Freunde machen. Auch zum wölfischen Wesen als Markenkern hat er sich bei seinem Auftritt im „Heidekrug“ bekannt: er und seine Kameraden werden sich den Erfolg, der ihnen zusteht, holen, sagte er da. Ganz das Raubtier. Und seit wann steht einem Erfolg einfach so zu – ist Erfolg eine Art bedingungsloses Grundeinkommen bei Faschisten?

Da muss sich Höcke bald entscheiden: „heute lautet die Frage Schaf oder Wolf. Und ich, liebe Freunde, meine hier, wir entscheiden uns in dieser Frage: Wolf.“, sagte er beim Kyffhäusertreffen 2018 in schlechtester Goebbels-Manier. Wie lange der Wolf es in der AfD noch aushält, wo man doch jetzt eher dazu neigt, zu den Schafen zu gehören, weil das verlässlicheres Futter sprich Diäten und sonstige staatliche Zuwendungen, z.B. für Parteistiftungen, abwirft? Aber Schafsein und Faschistsein, das schließt sich doch einfach aus, oder nicht? Erfreulich aber, dass Höcke jetzt zwischen allen Stühlen sitzt, weil Poggenburg schneller war…

Eine große Genugtuung für Lynx aber ist, dass Faschisten alle keine Ahnung von Ökologie haben. Die Kornblume als Ackerunkraut ist ja ganz hübsch. Und dem Laien, der in der freien Feldflur lustwandelt, kann sie anzeigen, wo Biolandwirte wirtschaften, wo auf Herbizideinsatz verzichtet wird. Wunderbar farbige Einsprengsel, erst recht zusammen mit rotem Klatschmohn – hach. Doch was wäre, wenn wir eine Kornblumen-Monokultur hätten? Ich fürchte, dann würden wir alle verhungern, denn von deren Samen wird man einfach nicht satt. Also betrachten wir Korn-und Mohnblumen weiterhin als Merkmale von funktionierender Biodiversität. Auch Männer jenseits der 50 brauchen ihr Biotop, genauso wie Instagram-Influencer*innen von zarten 17 Jahren. Je differenzierter ein Ökosystem ist, je größer seine Biodiversität, desto besser ist es gegen Schicksalsschläge oder sonstige Unbilden gewappnet. Monokulturen, egal welcher Couleur, sind auf Dauer sehr anfällig. Ach ja, und Wölfe verhungern, wenn es keine Schafe mehr gibt. Auch das so eine Sache: es muss immer mehr Schafe als Wölfe geben, damit die Ökologie der Wölfe funktioniert. Einfach mal drüber nachdenken die Herren!

(Oder impliziert das, dass es in der Demokratie nie eine Wolfsherrschaft geben kann? Und weil es, aus Faschistensicht die Wolfsherrschaft doch unbedingt braucht, muss folglich… – q.e.d.)

Benko übernimmt

Offenbar ist er jetzt am Ziel: In Kürze wird René Benko, der österreichische Investor und Immobilienhai (und seine Hintermänner) auch Kaufhof übernehmen und wohl, über kurz oder lang, mit Karstadt verschmelzen. Das sind für München keine guten Nachrichten, aber es war ja seit längerem zu befürchten.

Zukünftig werden also seine Kassen alle paar Meter klingeln zwischen Hauptbahnhof über den Stachus, die ganze Fußgängerzone der Neuhauser und Kaufinger Straße entlang bis zum Marienplatz. Fast alle wichtigen Adressen hat er besetzt und es steht zu befürchten, dass daraus langfristig eine einzige riesige Mall wird.

Sehr genau sollte man in diesem Zusammenhang die Planungen für den neuen Hauptbahnhof beobachten, vermutlich will er da auch rein, um künftig bereits direkt am Bahnsteig die Hand aufzuhalten.

Hallo lieber Stadtrat, liebe Stadtverwaltung, aufwachen!!! Da will uns einer unsere Stadt wegkaufen und privatisieren! Oder hat er euch auch schon umgarnt mit seinem Schmäh?

Der Neue

Die erste Begegnung und alles ist anders. Der Atem stockt. Das Auge gleitet, kann sich nicht sattsehen. Der Blick ist gefesselt. Von der sinnlichen Klarheit, vom ikonenhaften Design. Plötzlich ist er da: der Wille, zu erobern. Das Coupé zelebriert die Kunst der perfekten Linie. Aus jeder Perspektive. Die hohe, überspannte Bordkante. Die extrem niedrigen Seitenfenster. Die muskulöse Statur. Sie werden ihn besitzen wollen.

Was für ein Knaller! Da wird mir altem Herzensbrecher ganz warm und wohlig. Ach ja, damals, als ich noch im Saft stand und überhaupt die Welt so viel einfacher war, wenigstens in gewissen Dingen, Sie wissen schon, bevor man die Hashtags und so’n Zeug erfunden hatte. Nehm‘ ich halt das Coupé, vielleicht hilft’s nochmal.

Was mir besonders gefällt: die niedrigen Seitenfenster. Niedrig heißt hier nicht tiefreichend, sondern schmal: Schlitze, Schießscharten. My car is my castle. Was interessiert mich die Welt draußen, eh nur lauter Neider, Habenichtse, Störer. Die werden kuschen vor meiner überspannten Bordkante, yeah. Oder haben überspannte Betriebsräte euch das eingeredet? Die AfD soll ja in eurem Laden mächtig auf dem Vormarsch sein, kein Wunder, bei dem Design.

Mit der perfekten Linie kann folglich auch nicht die line of beauty gemeint sein, oder? Die ist eine Errungenschaft der Aufklärung, Jefferson zum Beispiel hat sich darüber seinerzeit Gedanken gemacht. Trump hat davon nie gehört. Dafür hat er muskulöse Statur, glaubt er wenigstens, das zählt jetzt.

Das Beste schreiben sie in der Überschrift, was für ein mantrahafter Satz, so was von gegenwärtig, muss ich mir unbedingt merken:

Vernunft hat noch niemanden verführt.

Danke Mercedes-Benz. You made my day! Was für ein Motto!

Bildrechte: Mercedes-Benz, bearbeitet: Lynx

Vorwärts nimmer, rückwärts immer

Was für ein trüber Tag. Der GRÖPAZ chasst seinen Außenminister, während der durch Afrika reist, wahrscheinlich hieß der Tritt: bleib doch gleich, wo (seines Wissens) der Pfeffer wächst. Die neuen Leute, die er bestellt, sind bekanntermaßen Folterknechte. Und dann lässt er noch wissen: „If you don’t have a wall-system, we’re not gonna have a country.“ Grammatikalische Schwächen sind da das kleinste Übel. Länder, die foltern müssen und sich einmauern, sind am Ende, sollte doch bekannt sein. Was für ein historisches Versagen. Alle Feinde unserer Lebensweise reiben sich die Hände. China muss eigentlich nur buddhamäßig dasitzen, abwarten und genüsslich zusehen, wie sich der ehemalige Westen selber zerlegt. Und dann lassen sich die Briten auch noch von Russland provozieren, wohl auch nur, um von anderen selbstverschuldeten Nöten abzulenken, was für eine Hysterie. Extrem gefährliche Situation, multiple Hinweise, dass sich Geschichte wiederholen kann, der Hybris von „Schwachköpfen“ geschuldet (um Tillerson ein Abschiedswort zu gönnen).

Bildrechte: The Globe and Mail

Watt denn nu?

Bei den blauen Kobolden geht es drunter und drüber. Eigentlich wollen sie ja nichts anderes, als dass man sie wahrnimmt. Wahr nimmt? Da fangen die Probleme schon an. Meist quatschen sie sich einfach um den – Verstand? Zeit für eine kleine Bestandsaufnahme.

Beim letzten Mal konnte ich Poggenburg nicht finden – und jetzt: kurz mal den Kopf rausgesteckt und Rübe ab, zumindest vorläufig. Wie würde Mama Bavaria sagen: ach der kleine André: ist halt nicht der Hellste und verläuft sich gern mal. Zuvor hat schon Besen-Meier den Abgang gemacht und muss sich nun wohl um juristische Dinge in eigener Sache kümmern anstatt andere Menschen sachgrundlos zu verunglimpfen. In beiden Fällen geht es um Rassismus-Vorwürfe und immer wehrt die AfD ab, behauptet, Rassismus sei nicht ihre Sache, habe bei ihr keinen Platz. Ist das so?

Wenn Lichtkrieger Jürgen Fritz mal nicht mit Facebook-Sperrungen beschäftigt ist und selber mühsam Satiren fummelt, die man daran erkennt, dass er drunterschreibt, dies sei eine Satire, dann räumt er „Gastautoren“ wertvollen Platz auf seinem Blog ein. Seit einer Weile gehört dazu auch Jörg Meuthen, auf verzweifelter Suche nach Gehör. Aktuell ist da von ihm sein in der „Welt“ nicht veröffentlichter offener Brief zu lesen, eine Entgegnung auf Cigdem Toprak. Darin formuliert er in seiner „Funktion als Vorsitzender der AfD“ einige Dinge, die so gar nicht passen wollen zum sonstigen Jargon. Etwas gönnerhaft gesteht er Toprak zu, dass sie sich als Deutsche sehen dürfe, nicht nur als „Auch-Deutsche“, denn sie schreibe ja schließlich „engagierte Zeilen in tadellosem Deutsch“. Aber immerhin: er scheint klar machen zu wollen, dass Deutsch-Sein nicht eine Frage der Ethnie, sondern der bürgerlichen Nationalität ist: das Grundgesetz eint uns, nicht die (eingebildete) ethnische Homogenität eines „Volkskörpers“ oder wie man den Schmarrn sonst bezeichnet. Er kann es allerdings dann nicht lassen, wieder auf Deniz Yücel herumzuhacken, an dessen „deutscher Identität“ er Zweifel hat, weil der es angeblich gut findet, dass die ethnische Homogenität des Volkskörpers schwindet. Ist „richtiges“ Deutsch-Sein also doch mehr als eine bürgerliche Nationalität? Meuthen windet sich wie eh und je. Er erinnert an die Schlange, die sich in ihr Hinterteil verbissen hat und daran erstickt.

Poggenburg ist bekennendes Hinterteil, er ist da ganz klar. Er sieht sich natürlich nicht als Hinterteil, sondern als Speerspitze einer teutonischen Reconquista, die „die Türken“ hinter den Bosporus zurücktreiben will. Gauland ist ebenfalls klar und bei Poggenburg: „Die Türken gehören nicht zu uns“. Hoppala Gauland: was wird Meuthen dazu sagen? Natürlich nix. Aber der ehemalige Petry-Berater, dann Meuthen-Sprecher und neuerdings persönliche Referent von Gauland, „Fähnchen im Wind“ Michael Klonovsky springt seinem Chef schnell bei, auch er als „Gastautor“ bei Fritz: Mit spitzfindigem Sophismus versucht er darzulegen, dass Gauland mit „die Türken“ ganz klar keinesfalls die Türken gemeint hat, sondern lediglich die Türken der Türkei oder so ähnlich. (Die Veröffentlichung dieses Beitrags hat Fritz im Übrigen die nächste FB-Sperre eingebracht, womit er sich jetzt wieder brüsten kann als verfolgte Unschuld). Ist es nun eigenartig oder perfide, dass man Sachverhalte zugleich einfach und doch nicht einfach erscheinen lässt, um dann wortreiche Erklärungsgirlanden spinnen zu können, die wiederum alles und nichts sagen? Das Geschäft von Populisten halt: schlüpfrige Schleimer, die man nicht zu fassen kriegt. Trotzdem steht die Frage im Raum: Watt denn nu?

Bei schlüpfrigen Schleimern fällt mir noch ein Kobold ein, den man zwar nicht würdigen aber einfach einreihen sollte: Roger Köppel, die schweizer Lichtgestalt der Selbstbespiegelung. Er hat dieser Tage den Übervater dieses ganzen Mummenschanzes, Steve Bannon, in die Schweiz geholt und versucht, sich als sein Höfling zu empfehlen. Interessanterweise ist David Berger mit seinem „privaten Blog“ (hihi) nahezu zeitgleich in die Schweiz übersiedelt, auf einen „extrem leistungsstarken Server außerhalb der EU“ – ein armer Flüchtling? Ob er wohl bald für Köppels „Weltwoche“ tätig wird oder schon ist?, dieser neuen Heimat für alle, die „überall rausgeflogen“ sind, wie Charlotte Theile in der Süddeutschen vom 08.03.18 über die Bannon-Veranstaltung schreibt. Ihr Beitrag endet mit dem beim Rausgehen aufgeschnappten Satz: „Noch mal würde ich mir das nicht anhören“. Irgendwann ist genug mit diesem Schmonz, man hält es auf Dauer nicht aus, dass einem immer nur der Kopf schwirrt von diesem dumpfen Zeug und all diesen Verschwörungstheorien. Frische Luft muss her. Also sperren wir die Kobolde jetzt wieder weg.

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10 Blaue Kobolde

Kobolde toben in meinem Kopf. Blaue Kobolde. Die müssen jetzt raus, bevor sie noch mehr Unfug treiben:

  • Alexander „nomen est omen“ Gauland (Landjunker mit dem Schicksal der späten Geburt, auf ewig heimatlos)
  • Alice „die biegsame“ Weide(l) (einmal Wall Street und zurück, gäbe gerne die peitschende Weide(l))
  • Beatrix „das Gespenst“ von Storch (verlogene „Agiprop“-Queen, geb. herzogliche Störchin zu und von dem Storch, lebte in Preußen um 1847 herum, ziemlich verblichen)
  • Björn „das Schandmal“ Höcke (wollte im Eichsfeld (sic!) schöner wohnen)
  • David „lost in webspace“ Berger (wird wohl für immer und ewig mit dem palästinensischen Goliath ringen und kein zweiter Mose werden)
  • Götz „das Kubitschle“ Kubitschek (in Oberschwaben haben wir keinen standesgemäßen herrschaftlichen Landsitz mehr für einen Parvenu)
  • Jens „der Blaue Besen“ Maier (wird niemals eine neue Kunstschule oder sonst was begründen)
  • Jörg „der mit den Wölfen heult“ Meut(h)en (ist kein Junker und wird auf einem entlegenen Außenposten enden)
  • Jürgen „Krieger des Lichts“ Fritz (hält Facebook für seinen Ponyhof und hortet in seinem trüben Oberstübchen den Ring des Nibelungen und den Stein der Weisen gleichermaßen)

Nur Poggenburg hält sich versteckt, der alte Schleimer.

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Facebook baut um: Freizeitpark mit angeschlossener Mall

Der US-amerikanische Geograph Jared Diamond berichtet davon, dass die Trump-Regierung damit begonnen hat, fundamentalistische Gesinnung via Zensur im öffentlichen Bereich durchzusetzen. Der staatlichen Gesundheitsbehörde wurde eine Liste mit Begriffen vorgelegt, die künftig in Finanzierungsanträgen nicht mehr verwendet werden dürfen: gefährdet, diversity, Anspruch, faktengestützt, wissenschaftlich erwiesen. Eine überragende Wissenschaftsnation beraubt sich ihrer Früchte zuliebe religiöser Eiferer und ignoranter Hillbillies, die meinen, ein Recht darauf zu haben, dass ihre Sicht der Welt, nämlich dass sie eine Scheibe sei, zur offiziellen Weltsicht erklärt wird. – Fällt einem dazu noch etwas ein? Der Iran vielleicht?

Mark Zuckerberg ist etwas eingefallen: back to the roots! Vergesst die Schwachköpfe! Lasst uns feiern und quatschen! Zuckerberg will Facebook (FB) wieder persönlicher machen und den privaten Austausch der Nutzer wieder mehr in den Vordergrund rücken. Die Bedeutung von kommerziellen Seiten oder von Gruppen soll geringer werden. Zugleich sollen die kommerziellen Inhalte verstärkt danach ausgewertet werden, ob sie die Nutzer zu „bedeutungsvollen Interaktionen ermutigen“. Mit solchen Interaktionen sind m.E. keinesfalls politische Initiativen gemeint, sondern vorrangig Kaufsignale. Die Werbeflächen werden reduziert und zugleich verteuert: Verknappung gehört nun einmal zum Basiswissen erfolgreicher Kapitalisten.

Zuckerberg schlägt so zwei Fliegen mit einer Klappe: Er verbessert seine Möglichkeiten, FB aus dem Sturm um Fake-News und Zensur herauszunehmen, in dem er klarstellt, dass es primär um den privaten Austausch gehen soll. Meinungs- und Willensbildung wird nur insofern zugelassen bzw. gefördert, so weit sie mit den Unternehmenszielen von Facebook konform geht. Und er macht FB noch mehr zur Mall, die es meiner Ansicht nach dem Wesen nach ist. Besser: ein Freitzeitpark mit angeschlossener Mall. Das ist FB. Der parallel vollzogene Rückzug von Sheryl Sandberg aus dem Disney-Aufsichtsrat aus strategischen Gründen ist ein weiteres Indiz, dass es FB künftig v.a. um seichte Unterhaltung und Feel-Good-Momente geht. FB will kein öffentliches Medium sein, wo Nutzer ein Recht auf die Ausübung von Meinungsfreiheit einklagen können.

Letzteres versucht ja bekanntermaßen der grundbeleidigte ultrarechte Hetzblogger Jürgen Fritz aus Hamburg. Er hat vor einiger Zeit Klage gegen FB wg. mehrerer vorübergehender Sperrungen seines Accounts eingereicht. Gestern berichtete er nun triumphierend, dass das Landgericht Hamburg seine Klage zugelassen hat. Jetzt wittert er Morgenluft und das große Geld: sollte seine Musterklage erfolgreich sein, sieht er einen Dominoeffekt eintreten, der eine Geldlawine von zig Milliarden Dollar auslösen und Facebook zerstören wird. Träum‘ weiter.

Eigentlich ist es gut, dass es (womöglich) zu dieser juristischen Klärung kommt. Manche Leute müssen halt länger die Schulbank drücken oder brauchen ein wenig Nachhilfe. Bis dahin ist der clevere Zuckerberg längst weitergezogen, die Händel von gestern interessieren ihn nicht, es geht nur um das Geschäft von morgen. Er hat erklärt, dass er seit der Geburt seiner Kinder die Dinge etwas anders sieht: Er möchte „einige der Dinge, die im System passieren können“ besser in den Griff bekommen. Denn es sei ihm wichtig, dass seine Kinder einmal das Gefühl hätten, „dass das, was ihr Vater aufgebaut hat, gut für die Welt war.“ Und was ist besser als glücklich shoppende Menschen im Freizeitpark? Politische Eiferer werden da betrachtet wie, Verzeihung, versoffene Penner: sie stören nur, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen.

Quellen:
Jared Diamond: Die Erde ist rund! SZ Nr. 9 vom 12.01.2018
Handelsblatt/dpa: Zuckerberg degradiert Inhalte von Unternehmen und Medien, 12.01.2018

GRÖPAZ

Am 28. September hatte Trump erklärt, er werde der „greatest president for jobs that God ever created“ werden. Nach einigen Tagen im Amt zeichnet sich schon ab, dass wir den Zusatz „for jobs“ getrost streichen können, das war falsche Bescheidenheit. Nein – er ist der Größte Präsident aller Zeiten, darum wird Lynx ihn künftig nur noch GRÖPAZ nennen. Kann zwar sein, dass diese Präsidentschaft nicht lange dauern wird, wenn in der Grand Old Party ein Funken Überlebenswillen steckt. Dann war er es halt. Aber wer weiß. Vielleicht haben wir es ja bald schon mit Ermächtigungsgesetzen zu tun, weil das mit den Dekreten nicht zufriedenstellend funktioniert. Hail GRÖPAZ.

Dampfplauderei

Ein verwirrendes Gespräch der SZ mit Slavoj Žižek, slowenischer Philosoph und „umstrittener linker Gegenwartsanalytiker“.

Die SZ befragt ihn, ob es nicht ein Widerspruch sei, über politische Philosophie zu schreiben und zugleich nicht daran zu glauben, dass politische, philosophische oder historische Einsichten helfen könnten bei der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Er meint dazu, man könne die Lage schon analysieren, Geschichte sei nicht unbegreiflich. „Unbegreiflich ist nur, welche Rolle wir selber darin spielen.“ Das sei das Problem z.B. von Frau Merkel, die immer erst alles abschätzen, durchrechnen und planen wolle, bevor sie aktiv werde. Das sei doch Quatsch:

Man muss einfach machen und dann gucken, was passiert.

Ein solches Verfahren nach Trial and Error könne in der Politik  doch sehr unangenehme Folgen haben, wie z.B. in der Französischen Revolution? Žižek:

Ich habe den Satz „Genug nachgedacht, jetzt wird gehandelt“ schon als Kind bescheuert gefunden.
Richtiger wäre doch: „Genug kopflos gehandelt, jetzt wird nachgedacht.

Ja was denn nu? Ist abschätzen, rechnen, planen kein nachdenken?
Ist es nun besser, „einfach zu machen“ oder soll man lieber doch nicht kopflos handeln?
Herr Žižek lässt uns ratlos zurück.

Quelle: (SZ Nr. 55 v. 6.3.2013, S. 12: „Dies ist eine gute Zeit für Philosophen“)