Kurze Reise in die kleine Republik glücklicher Menschen

Roadtrip März 1990 in Thüringen, eine Woche vor der ersten und letzten freien Volkskammerwahl in der DDR, zwischen Vorfrühling und Endzeit, vor 30 Jahren.

Zwei Fast-Noch-Studenten, ein roter Golf-I-Diesel, ein nur vager Plan zur Reiseroute. Wie immer war klar: wir wollten ins Hinterland und auf die Nebenstraßen. Denn nicht nur die DDR-Bürger waren aufgekratzt im Spätherbst und Winter 1989/90. Stundenlang hatte ich mir im Fernsehen die Sitzungen des Runden Tischs in Ostberlin angesehen, fasziniert: da passierte etwas und es wurde darum gerungen, dass es zivilisiert geschah. Mitte März ergab sich eine Gelegenheit, für ein verlängertes Wochenende sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, wir reisten in die mitteldeutsche Provinz – wer wusste schon, wie lange es sie in dieser Form noch geben würde? (Dabei fotografierten wir leider viel zu wenig und teils mit einfachen Kameras. Die digitalisierten Dias entwickeln dennoch einen ganz eigenen Reiz einer schon fern erscheinenden Zeit.)

Ein klarer Spiegel dient dazu, die eigene Gestalt zu erkennen; die Vergangenheit dient dazu, die Gegenwart zu erkennen. 
(Chinesisches Sprichwort)

Irgendwo in Oberfranken überquerten wir die Grenze hinein in den Thüringer Wald. Der einst gefürchtete DDR-Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf unsere Papiere, gab sich Mühe, freundlich zu lächeln und schon waren wir „drüben“. Vorausgehende DDR-Erfahrung hatten wir so gut wie keine, aber wir waren jung und hatten ein verlässliches und sparsames Gefährt dabei. Der Vorfrühling ist durchaus eine schwierige Reisezeit. Es ist kühl bis kalt, die Vegetation noch in Winterruhe, die Landschaft graubrauntrüb. Waldige Mittelgebirge mit Nadelwäldern neigen zur Düsternis, so auch die ersten Eindrücke auf der Fahrt durch den Thüringer Wald auf kurviger Strecke. Wenige Häuser oder Siedlungen unterwegs, und wenn, dann von grauschwarzen Schieferschindeln verhüllt, was die Schwermut der Gegend noch unterstrichen hat. Keine Veranlassung, irgendwo anzuhalten.

Ausfachung von Fachwerk als Bricolage

So machten wir den ersten Halt in Ilmenau, als sich der Wald gelichtet hatte. Ein Café am Straßenrand in einem bürgerlichen Haus der Vorkriegszeit sah einladend aus. Es war gut besucht, wir suchten uns einen der wenigen freien Tische und zwängten uns irgendwie dazwischen. Fehler: wir hätten uns einen Platz anweisen lassen sollen. Die Bestellung wurde etwas missmutig entgegengenommen, weil wir sie aber verbal äußern mussten, gab es nun für niemanden einen Zweifel mehr: das waren Fremde. Aus dem Westen. Wir nahmen unseren Kaffee ein und versuchten, uns mit der styroporartigen Sahnetorte anzufreunden, ständig beäugt, verstohlen oder unverhohlen. Ein Gespräch ergab sich nicht. Als wir den Raum verließen, meinte man ein deutliches Aufatmen zu vernehmen.

Wir fuhren weiter nach Rudolstadt, dann das Saaletal aufwärts, in der durchaus richtigen Annahme, dass das eine Ausflugsgegend ist, da würde sich schon auch eine Übernachtungsmöglichkeit finden. In Saalfeld hatte man im Hotel keinen Platz für uns, auf dem Weiterweg entlang der Talsperren senkte sich die Nacht herein. Die Straßen waren nun wirklich schmal, keinerlei bei Dunkelheit erkennbare Begrenzung oder Markierung, unser schmaler Lichtkegel verlor sich in düsterem Wald und tiefschwarzer Nacht: ungewohnt. Noch ein oder zwei andere Herbergen lagen am Weg, kein Platz, keine Lust, keine Ahnung. Als Notnagel hatten wir die Adresse eines Pfarrhauses im Raum Schleiz dabei, also schlugen wir diese Richtung ein, in der Hoffnung, vielleicht doch noch eine andere Bleibe zu finden.

Doch irgendwann standen wir im Kirchhof, klingelten vorsichtig. Und verbrachten dann zwei Abende im Kreis der Pfarrersfamilie, wärmstens aufgenommen. Es gab so viel zu erzählen. Erinnerlich ist mir, dass die Stasi und ihr Unwesen ein Leitthema war. Auch die Unsicherheit, ob da noch Stasi-Leute im Busch seien oder ob man jetzt aus dem Gröbsten raus sei. Und es ging ums Reisen: die Welt entdecken, in Amerika studieren, leuchtende Augen, große Erwartungen.

Vor dem Uniturm in Jena, 10.03.1990

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Jena, spazierten ein wenig in der Stadt herum. Vor der Volksbuchhandlung am JenTower, der damals wohl noch Uniturm hieß, hielt die FDP eine Wahlkampfveranstaltung ab. Die damalige Bundesministerin Adam-Schwaetzer sprach vor einem winzigen Häuflein auf dem zugigen Platz, fast niemand interessierte sich, wir auch nicht. In Weimar machten wir nur kurz Halt, die Stadt war bereits von Touristen eingenommen, beige Rentnergruppen überall, das war nicht unser Ding. Ich hatte zuvor Wieland und Kleist gelesen und wollte Oßmannstedt besuchen, Wielands Landgut, das er für ein paar Jahre bewohnte und erfolglos bewirtschaftete.

"...eine kleine Republik von guten und glücklichen Menschen wie noch keine gewesen ist..."

1797 schrieb Christoph Martin Wieland an seinen Verleger Göschen in Leipzig: „Das Gut ist ein ächtes Horazisches Sabinum; vortreffliche Aussichten, reine Luft, große Mannigfaltigkeit des Terrains, viel Grün, viel Bäume, kurz alles, was eine für mich reizende Situazion ausmacht…“ Mit dem seinerzeitigen Literatur-Papst Klopstock wetteiferte er darum, wer von beiden wohl die süßesten Trauben ziehen möge. Dies sei eine „kleine Republik von guten und glücklichen Menschen […] wie noch keine gewesen ist“, schrieb Wieland an seinen Schwiegersohn in Zürich im ersten Überschwang. Von diesem bukolischen Ambiente finden wir fast nichts mehr vor. Wenn ich mich recht erinnere, war Oßmannstedt im Prinzip eine große LPG mit allerlei Scheunen und Ställen. Wielands Landgut lag unbeachtet neben der Straße, im Dämmerschlaf, verschlossen, fast vergessen.

Wielands Landgut Oßmannstedt, März 1990

Im Winter 1802/3 besuchte ihn dort Heinrich von Kleist, verbrachte Weihnachten und den Jahreswechsel mit der Familie Wieland, war aufgewühlt und voller Erwartungen. Wieland war ihm und seinem Schreiben wohlgesonnen, bestärkte ihn ausdrücklich bei seinen dramatischen Projekten. Aber auch Wielands jüngste Tochter Luise fand ziemlichen Gefallen an Kleist, was dann im Hause Wieland doch nicht so erwünscht war: „Ich habe mehr Liebe gefunden, als recht ist, und muß über kurz oder lang wieder fort; mein seltsames Schicksal! – Wenigstens bis zum Frühjahr möchte ich hier bleiben…“, schrieb Kleist im Januar 1803 an seine Schwester Ulrike. Aber wohl schon Ende Februar, Anfang März musste er Oßmannstedt verlassen, ging zunächst nach Weimar und dann nach Leipzig. Kurze Zeit darauf verkaufte Wieland sein Gut, die Schulden wurden zu hoch, die kleine Republik war am Ende. Aber auf seinen Wunsch hin liegt er im dortigen Gutspark begraben.

Zurück ins Pfarrhaus nahmen wir wieder die Landstraßen und notierten die Bundesfahnen, die über den halb zerfallenen Gehöften wehten… Die kleine Republik war sichtlich am Ende.

Auf Anraten unserer Gastgeber, die wollten, dass wir auch etwas Schönes sehen, sind wir am Sonntag dann das Saaletal hinunter gefahren, zu den Dornburger Schlössern und nach Naumburg, das war nett. Beim Abschied im Kirchhof machten sie sich noch lustig über unseren laut nagelnden Diesel, der höre sich ja an wie ein Trecker und gar nicht wie ein schickes Westauto…

Der Naumburger Dom war touristisch noch kaum tangiert und wir hatten ihn für uns. Im Halbdunkel des Westchores besuchten wir die berühmten Stifterfiguren, die beiden herrschaftlichen Paare, die sich dort seit Jahrhunderten gegenüber stehen: die Machtbewussten und die irgendwie mehr mit dem Leben verbandelten. Ekkehard und Uta mit undurchdringlichen, unnahbaren stolzen Gesichtern, das perfekte Herrscherpaar, von dominanter Präsenz und fast kalter, teilnahmsloser Distanz. Hermann und Reglindis, ein merkwürdig heterogenes Paar. Er melancholisch, zurückgenommen, wie zurücktretend, seitwärts, aus dem Bild. Sie überrascht mit ihrem zugewandten, aufgeweckten, neugierigen, kessen, vielleicht auch naiven Lächeln – die Meinungen gehen da auseinander. Sie rafft ihr Gewand und scheint zum Aufbruch entschlossen. Tatsächlich stammte sie aus Polen und ist noch sehr jung (womöglich im Kindbett) verstorben und Hermann, der ältere Bruder von Ekkehard, hat sich später ins Kloster zurückgezogen. – Hätten wir damals ahnen können, wieviel Prophetie in dieser Aufstellung sich verbarg? – Als wir den Dom wieder verließen, entdeckten wir in einer nahegelegenen Gasse eine Crêperie: ein geschäftstüchtiger Bäcker hatte eine kleine Theke als Straßenverkauf in die Außenwand seiner Backstube integriert und servierte frische Crêpes. Das wiederum entsprach genau unseren Erwartungen, die jedoch zu diesem Zeitpunkt nur an dieser einzigen Stelle erfüllt wurden.

Dornburger Schlösser, Saaletal, März 1990

Eine Woche später wählte die DDR die Volkskammer. Klarer Sieger war die sog. „Allianz für Deutschland“ [!], bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU, der CSU-nahen DSU und dem Demokratischen Aufbruch (DA) des Stasi-Spitzels Schnur. (Heute schlagen wir uns mit einer AfD herum, die von alten Stasi-Leuten und neuen russischen Agenten durchsetzt ist?) Damit war die Sache gelaufen und die Zeit der DDR abgelaufen. Diese Wahl mit einer Wahlbeteiligung von 93,4 % habe gegolten „als Plebiszit für Artikel 23 Grundgesetz (Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes)“ (Kowalczuk). Wir für uns dachten und sagten: etwas vorschnell. Aber das interessierte niemand. So fuhren wir wieder heim in unser Gelobtes Land, den Kopf voller Fragen und Zweifel, aber auch tief berührt.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker bei der Stasiunterlagenbehörde, plädiert dafür, dass wir uns endlich eine neue, gesamtdeutsche Verfassung geben, inkl. überarbeiteter Symbole für diesen Staat, weg vom Raubtier Adler vielleicht, eine neue Hymne jedenfalls. Sollte man darüber nachdenken. Dann müssen alle an den Tisch, die mitreden wollen oder meinen, etwas beizutragen zu haben. Und die Entscheidung zur Annahme könnte womöglich ein Plebiszit sein? Ein quasi ideales und aussagekräftiges Votum zur Annahme läge wohl so zwischen 67 und 80 %, bei ähnlich hoher Wahlbeteiligung. Damit könnte man Weichen stellen und vielleicht manchen Auswuchs austrocknen. Was aber, wenn dieser zweite „Runde Tisch“ mit einem ähnlich klaren, aber eigentlich von den Initiatoren unerwünschten Ergebnis endet, wie der erste? Denn die Sieger der Volkskammerwahl waren eigentlich die, die gar nicht oder nur widerwillig am Runden Tisch teilnahmen und nebenher ihr eigenes Süppchen kochten oder alten Seilschaften frönten.

Nachtrag 18.03.2020: Der Freitag macht sich wieder einmal verdient, in dem er auch in Zeiten der Corona-Krise die langen Linien im Auge behält. In der aktuellen Ausgabe veröffentlicht er, anlässlich des heutigen Jubiläums der Volkskammerwahl, einen Text von Christa Luft, die unter der Modrow-Regierung 1989/90 Wirtschaftsministerin der DDR war. Sie fasst die Situation in diesen Tagen bündig und stimmig zusammen. Aus ihrer Perspektive verständlicherweise mit bitterem Unterton. Deshalb sollte auch nicht verschwiegen werden, dass sie selbst Teil des Systems war, das den Zusammenbruch der DDR heraufbeschworen hat und ihre Einsichten zu spät kamen. Dass dem (womöglich einsichtigen) Strauchelnden vom eigenen Volk ein Bein gestellt wurde und er auch von den Umstehenden nicht aufgefangen wurde, das ist die Tragik dieser Geschichte. Es war einfach zu spät.

Rat vom Waldgänger

Indem man versucht, sich schlechthin gefährlicher zu machen als der Gefürchtete, führt man die Lösung nicht herbei. Das ist das klassische Verhältnis zwischen Roten und Weißen, zwischen Roten und Roten und morgen vielleicht zwischen Weißen und Farbigen.

(Ernst Jünger)

Ernst Jünger (1895 – 1998) gehört definitiv zu den Stichwortgebern der Neuen Rechten. Würde er noch leben, ließe er aber vermutlich kein gutes Haar an Kubitschek und seinen Kameraden, die ihn als Mentor vereinnahmen wollen. Sie zelebrieren Jüngers soldatischen Einzelkämpferethos auf ganz oberflächlicher Ebene, ohne sich um Jüngers tiefere Einsichten zu scheren. Und diesen Satz von Jünger werden sie ganz bestimmt nicht teilen, denn ihr Geschäft ist ja eben genau das Herbeiführen der Konfrontation, dieses „klassischen Verhältnisses“. Im weiteren Text plädiert Jünger dann für Dialog als Mittel, um den Gordischen Knoten zu durchschlagen. Dialog ist ein Fremdwort für Faschisten.

Das Zitat stammt aus Jüngers Essay „Der Waldgang“ von 1951. Der passt durchaus ins Lynx-Universum, auch wenn es sehr viel Reibungsfläche gibt. Jünger spricht dort von Saumpfaden und so. Die hat Lynx längst im Blick.

Pappeln, fast ausgekämmt

Die Stadt wiedersehen, wo das Siegestor im Nebel näherrückte, das Siegestor, dessen Erzmedaillons die Marmorflanken schwärzten, weil über sie der Regen hundert Jahre lang herabgeflossen war. Dahinter regten sich die gelben Pappeln, schon fast ausgekämmt.

So beginnt der Roman Neue Zeit von Hermann Lenz, in dem er schildert, wie sein alter ego Eugen Rapp Nationalsozialismus und Weltkrieg erlebt, als Student in München, daheim in Stuttgart, als Frontsoldat in Frankreich und Russland, schließlich an der Mosel und als US-Kriegsgefangener im pazifischen Westen der USA. Wer sich interessiert dafür, wie man im größten Schlamassel ganz unheroisch „bei sich“ bleiben und es unter Wahrung der Menschenwürde durchstehen kann, der ist hier gut aufgehoben. Doch dies nur nebenbei. Denn eigentlich geht es aktuell um die Pappeln in der Leopoldstraße in München. Weiterlesen „Pappeln, fast ausgekämmt“

Bavarian Malted Waffles

Die USA begehen heute Thanksgiving, allerdings nur die Einwanderer und ihre Nachkommen, die fest daran glauben, sich im Gelobten Land wiederzufinden. Wie begeht eigentlich die Schwarze Community diesen Tag? Keine Ahnung. Für die indigenen Amerikaner ist dies ein „nationaler Tag der Trauer“, lerne ich aus der heutigen SZ. (Dankenswerterweise gibt Charles M. Blow in der heutigen NYT einen Blick hinter die Kulissen des ersten Thanksgiving-Festes 1621 und seine anschließend blutige Tradition: The Horrible History of Thanksgiving) In der SZ lese ich auch, dass offenbar viele Amerikaner der Meinung sind, die Türkei sei nach dem Truthahn benannt: der turkey ist das Festtags-Nationalgericht, welche Ehre für den Kleinstaat Türkei, so bezeichnet zu werden. Wo liegt die überhaupt, diese Türkei?

Das erinnert an Begebenheiten auf einer USA-Reise vor einigen Jahren. Im wunderbar gelegenen und stilvollen Nationalparkresort in den Appalachen bediente uns beim Frühstück ein agiler junger Kellner mit wohl ostasiatischen Wurzeln. Wir hatten auf der Frühstückskarte entdeckt, dass „Bavarian Malted Waffles“ angeboten wurden: was könnte damit nur gemeint sein? Wir wollten es herausfinden und bestellten, mit dem Hinweis, dass wir aus Bavaria kämen und uns deshalb diese Variante neugierig mache. „What’s Bavaria?“ fragte der Kellner freundlich aber leicht irritiert nach. Unsere kurze Antwort, das sei eine Region in Germany passierte seine brains mutmaßlich in Sekundenschnelle. (Es waren dann einfach Waffeln mit Ahornsirup – warum Bavarian?)

Etwas später besuchten wir Poplar Forest, das nach dem prächtigen Monticello weniger bekannte Landgut von Thomas Jefferson im Süden Virginias, wohin er sich gerne zurück zog, recht ungeniert als Sklavenhalter lebte und sich ein wirklich hübsches Haus mit vielerlei Anklängen an Palladio und die italienische Renaissance erbaute. Die Widersprüche in der Genese der amerikanischen Gesellschaft treten hier offen zutage und werden transparent gemacht. Der Kassenshop wird von engagierten Freiwilligen betrieben, ältere Damen, gepflegt und redselig, stolz, uns ihr Kulturerbe zeigen zu dürfen. Der dezente Hinweis, dass das Architekturkonzept uns recht vertraut wäre aus Europa, Jefferson sich dort ja viele Anregungen auf seinen Reisen geholt habe und diese ganz wunderbar nach Amerika transferiert und umgesetzt hätte, sorgt für irritierte und etwas indignierte Blicke, denn eigentlich ist Poplar Forest doch absolutely unique – oder nicht?

Whatever: Viele Grüße in die USA und feiert schön! Immerhin ist Thanksgiving ein ur-amerikanisches Fest. Wenn man die Kulturgeschichte Nordamerikas im 17. Jahrhundert beginnen lässt. Als Aperitif wird gerne Bier getrunken, Craft-Beer und europäische Biertradition sind seit einer Weile das große Ding. Wie wäre es mit einem „Helles Belles“ aus Oregon? Ein wirklich nettes bavarian inspired Wortspiel, das erst richtig funktioniert, wenn man den Namen ausspricht, in Englisch versteht sich. So geht Marketing, das können sie. By the way – what’s Bavaria?

Zuflucht bei den Buchen

Die Buchenwälder leuchten wieder, das rührt uns, begeistert, macht auch wehmütig: mehr Romantik geht fast nicht. Ach, Deutschland kann so schön sein mit seinen über die Hügel und Berge wogenden Wäldern, mehrheitlich von Buchen bevölkert, zumindest in einigen wichtigen Regionen. Ob diese herbstlich romantische Stimmung die CSU dazu bewogen hat, auf ihrem Parteitag in München am vergangenen Wochenende 4.000 junge Buchensetzlinge an das Parteivolk zu verschenken? Das verleitet mich zu einer kleinen Reflexion über die Buche.

Eine Partei und erst recht die CSU tut natürlich (sic!) nichts ohne Plan und Hintergedanken, schon gar nicht Bäume verschenken. Das soll schon ein symbolischer Akt sein, mit einem kleinen Info-Anhänger. Vorne drauf gepappt ist die Botschaft: wir handeln beim Klimaschutz und bei der Nachhaltigkeit. Bäume pflanzen jetzt! Nicht nur popelige, annuelle Sonnenblumen, nein Buchen sollen es sein, stolze mächtige Buchen. Sagt nicht schon das Sprichwort: „Buchen sollst du suchen“, wenn Gewitter drohen?

Das verweist auf das, was hinten drauf steht: die Buche ist eine sog. „Klimax-Baumart“, d.h. sie bildet das Endstadium, genauer das Optimalstadium einer Waldbildung in Mitteleuropa (bevor der Wald altersbedingt wieder abstirbt und ein neuer Zyklus beginnt). Die ökologische Strategie, mit der die Buche (Fagus sylvatica) dies erreicht, ist: Dominanz. Hat sich eine junge Buche erst einmal durchgesetzt und ist sie nicht allein, schiebt sie sich mit den Artgenossen langsam nach oben und bildet allmählich ein geschlossenes Laubdach, von dem fast nur noch die Buche profitiert. Ihr hoch oben, in einer relativ dünnen Schichtung angesiedeltes Laub fängt nahezu das ganze Sonnenlicht ab und nutzt es für die eigene Photosynthese. Wenig Licht fällt noch hindurch und ermöglicht nur wenigen Spezialisten, die sehr schattenverträglich sein müssen, ein karges Auskommen am Waldboden. Diesen Wald kennen wir als „Hallenwald“ oder als „Buchenkathedrale“ – da will die CSU mit „Sonnenkönig“ Söder (wieder) hin.

Im Frühjahr, vor dem Laubaustrieb, grünt es intensiv am Waldboden im Buchenwald, dann ist da genügend Licht und die Spezialisten nutzen dies für eine rasche, nur kurz währende Blüte, um dann für rund zehn Monate wieder im Schatten auszuharren, bis ein neuer Frühling einsetzt. Und so sagt sich jetzt die CSU: genug geblüht ihr Blümchen da unten, jetzt treiben wir wieder aus, wir sind die Herren des Waldes: Die CSU weiß, wie Natur und Naturschutz funktionieren!

Nein, weiß sie nicht. Weil sie sich mit der Buche nur sehr oberflächlich beschäftigt hat. Wieder einmal nur auf den schnellen Symboleffekt geschielt hat, anstatt zu verstehen, wie es sich wirklich mit den Buchen verhält. Aber vielleicht will sie auch nicht verstehen, weil sie eigentlich ganz andere Ziele verfolgt, immer noch und wie auch nicht? Deshalb gibt es hier noch einen kleinen Beipackzettel mit guten Ratschlägen von Dr. Lynx für die armen Parteimitglieder, die sich jetzt mit der Buche daheim abplagen müssen.

1. Die Buche ist ein großer Baum. Ein sehr großer Baum. Ich würde sagen, 1.000 m2 Garten müssen mindestens sein, damit eine Buche sich ordentlich entwickeln kann. Da darf natürlich sonst nicht mehr viel sein. Also, wenn Ihr Garten schon bepflanzt sein sollte: zumindest alles andere was baumförmig ist, muss raus, wenn aus der CSU-Buche etwas werden soll und Sie nicht ganz im Wald sitzen wollen. Ist das nachhaltig? Und wer hat schon einen 1.000 m2 Garten? Ach so, die CSU-Basis in Trudering schon und die in Niederbayern womöglich auch. Aber Normalos wie unsereins? Wir müssen mit eurer Buche zu Baumfrevlern werden, weil wir penibel darauf achten müssen, dass sie nicht den Stammumfang von 80 cm erreicht, um dann unter die Baumschutzverordnung zu fallen. Vorher müssen wir sie umschneiden, also so in 25 Jahren vielleicht (aber das entspricht vermutlich dem maximal denkbaren Zeithorizont einer Partei). Ansonsten wird sie unseren und noch 10 weitere Gärten verlässlich beschatten. Den Ärger will keiner. Umschneiden, kleinsägen und verheizen, im Schweden-Ofen. So habt ihr euch das gedacht, CSU, das ist also eure Aufforstung: Kaminfeuer geht vor Klimaschutz. Oder aber: 1.000m2-Gärten für alle? Zumindest in Trudering und ähnlichen Münchner Quartieren, die sich „Gartenstadt“ nennen, ist das die Devise. Also für alle, die schon besitzen. Die anderen? Ja mei.

Die bessere Alternative 1: ein Apfelbaum. Dessen Größe ist allgemein hausgartenverträglich, er fällt niemals unter die Baumschutzverordnung, er blüht schön und man kann Sinnvolles und Gesundes ernten (Bucheckern taugen bekanntlich nur für die Schweinemast). Und er ist gut für die Bienen!!! – Aber wahrscheinlich war euch das Apfelbäumchen zu protestantisch, welche CSU will schon mit Martin Luther in Verbindung gebracht werden?

Die bessere Alternative 2: Hainbuche (Carpinus betulus). Wird zwar freiwachsend auch eher zu groß für den Kleingarten, ist aber bewährt in der Niederwaldbewirtschaftung, wo sie traditionell für die Brennholzgewinnung kultiviert wurde. Also, wenn schon Schweden-Ofen sein muss und Abholzen weil zu groß werdend, dann Hainbuche. Die steckt alle Hiebe ein, treibt verlässlich wieder aus und nach ein paar Jahren hat man wieder einen ordentlichen Hausbaum. Bei kluger Holzentnahme kann man auch heizen ohne zu fällen. Aber solch überlegt nachhaltiges Wirtschaften ist der CSU vermutlich zu kompliziert und kleinkariert.

2. Die Buche hat ein Klimaproblem. Es zeichnet sich ab, dass die Buche in ihrem angestammten Terrain in Mitteleuropa Stress bekommt. Es wird zu warm und zu trocken, tendenziell. Die Buche mag es mäßig temperiert und gleichmäßig feucht, ein echter Durchschnittstyp. Es könnte sein, dass die Buche ihr Areal in Folge des Klimawandels ausdehnt, nach Norden vor allem, aber hierzulande scheint es eher schwierig zu werden. Deshalb ist ein Buchengeschenk problematisch: damit kann man, klimaökologisch betrachtet, fast nur verlieren. Keine gute Botschaft, liebe CSU, nicht sehr nachhaltig gedacht.

Die bessere Alternative: Mehlbeere (Sorbus aria). Sie ist hausgartenkompatibel und hat gute Aussichten, ein Klimawandel-Profiteur zu werden, mehr Wärme und Trockenheit steckt sie weg, sie ist zäh. Außerdem hübsch anzuschauen, Bienenweide und Vogelnährgehölz – mehr öko geht fast nicht. Aber Mehlbeere, der Name ist abtörnend, klingt nach Mehltau und Schimmelbefall. Da wäre das Verschenken von Elsbeere (Sorbus torminalis) noch mutiger gewesen! Derzeit ist sie noch eine Randexistenz, aber mutmaßlich wird sie ein Hauptgewinner im Klimawandel sein. Und sie hätte sogar einen Slogan mitgeliefert: CSU – what els(e)?

Die SZ berichtet, dass beim Parteitag so wenig Parteivolk da war, dass die Leute zwei bis drei Setzlinge mitnehmen mussten. Sind das lauter Großgrundbesitzer? Oder (Wald-)Bauern, die doch noch vorwiegend in Festmetern und Brennholzeinheiten denken? Oder tut sich die Parteibasis zusammen und pflanzt aus den 4.000 Setzlingen einen ordentlichen Park oder Wald, auf einem Gelände, das der Parteistiftung gehört? Fächenbedarf für 4.000 Buchen bei gärtnerischer Verwendung ca. 25 ha, 500 x 500 m – das wird sich doch wohl finden?
Wenn die CSU sich zu so viel solidarischer Baumkultur durchringen kann, dann gelobe ich, künftig dorthin zu pilgern, einmal jährlich, anstatt nach Altötting, wo ich noch nie war. Denn ich liebe Buchen.

Notiz aus dem Siebenjährigen Krieg

Die Unfähigkeit seiner Heerführer in der Fremde und der verhängnisvolle Mangel an Energie in den Räten im Lande selbst hatten Großbritannien aus der stolzen Höhe herabgeholt, in die es durch die Talente und den Unternehmungsgeist seiner früheren Krieger und Staatsmänner gehoben worden war. Von seinen Feinden nicht mehr gefürchtet, verloren seine Diener bald jene Zuversicht, die aus der Selbstachtung erwächst.

1826 erschien dieser Text, vor knapp 200 Jahren. 70 Jahre nach den geschilderten Ereignissen des Jahres 1757 im Kolonialkrieg, den England und Frankreich als „Nebenkriegsschauplatz“ des Siebenjährigen Krieges in den nordamerikanischen Territorien führten. Hat das irgendetwas zu tun mit den Ereignissen im Großbritannien der Gegenwart? Bullshit – hat schließlich ein Amerikaner geschrieben, ein Yankee aus den abtrünnigen Kolonien obendrein. 

Übrigens setzen sich in der Geschichte die Briten am Ende doch irgendwie durch, gegen die Franzosen und ihre heimtückischen Verbündeten.

Fenimore Cooper, James. Der letzte Mohikaner – Ein Bericht aus dem Jahre 1757, München: Carl Hanser, 2013 – die erste vollständige und ernstzunehmende deutsche Übersetzung von Karen Lauer. Eine Fundgrube. Zitat aus dem 1. Kapitel.

Bildnachweis: Lake George, New York (der Ort des Geschehens), Georgian Lakeside Resort, verändert

Dschungeldampf und Gipfellinie

Wen sehen wir hier? Peter Handke, verkleidet, beim Pilzesuchen? Götz Kubitschek beim Training im Vorharz? Che Guevara als  Dschungelkämpfer? (Lynx, der in eine Fotofalle geraten ist?) Das Bild ist über 50 Jahre alt, damals hat Handke noch überwiegend geschrieben und GK noch nicht mal in die Windeln gemacht. Aber der Che ist mir eingefallen, als ich dieser Tage auf GKs Sezession gelesen habe, wir er sich mit Martin Sellner darüber unterhält, dass sie ihren Partisanenkampf neu ausrichten müssen. Lohnt sich zu lesen. Wie man überhaupt mit Rechten gar nicht reden soll – es reicht, sie zu lesen, mehr will man gar nicht wissen. Beim Lesen besagten Beitrags sind allerdings merkwürdige Erinnerungen und Assoziationen in mir aufgestiegen: da war doch was. Und ich war überrascht, was ich dazu beim alten Guerillero Che Guevara gefunden habe. Dazu später mehr.

GKs Gedankenaustausch mit Sellner nennt sich „Briefwechsel“ und liefert interessante Einblicke in das, was die beiden Autoren „Denken“ nennen. Es soll um eine Positionsbestimmung der „Identitären Bewegung“ (IB) gehen, zu deren Köpfen sich die beiden zählen (wenn sie sie nicht gar erfunden haben?) und ob die Zeiten nun besser oder schlechter werden. Man versichert sich gegenseitig, wie friedliebend und voll und ganz verfassungstreu man sei und auf immer und ewig bleiben werde, an etwas anderes sei gar nie nicht jemals gedacht. Dies alles wird vorgetragen in einem zuweilen kämpferisch-militaristischen Ton, der irgendwie gar nicht zu dieser eigentlich guten Botschaft passen will. Freischärler-Jargon. Insbesondere Sellner tut sich da sehr hervor, Kubitschek wählt subtilere Formulierungen. Aber immer geht es darum, so zu tun, als lebe man in einer Ausnahmesituation, unter einer existenziellen Bedrohung durch ein übermächtiges System. Man fühlt sich vom „System“ zu unrecht verfolgt und nutzt fröhlich und ungestraft alle Kanäle der freien Meinungsäußerung dieses Systems. Alles ernst oder nur infantiles „Indianerspielen“? Aktuelle Spielsituation:

Derzeit befinde man sich „auf allen Ebenen im Verteidigungsmodus“, weil ein „Vernichtungsschlag“ stattgefunden habe (Sellner): „Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie und das Managen einer Partei im Spannungsfeld zwischen Realismus und Fundamentalismus ist ein täglicher, zäher Stellungskampf, den man niemals final gewinnen kann. Viele glauben, wenn ein Akteur verschwände, verschwände auch der Kampf. Ich glaube das ist falsch…

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie – solchen Stuss verzapft dieser Sellner. Will Nietzsche imitieren und klingt dann doch nur nach Ernst Jünger. Dampfplauderei, die Eindruck machen soll aber doch nur gequirlte Wortscheiße ist. Vielleicht sollte Peter Handke sich das mal vornehmen, der ist auch Österreicher und kann sich vielleicht besser hineinversetzen, was in so einem Kopf vorgeht. Aber der geht eben inzwischen lieber Pilze sammeln, das ist gescheit. Mehr hat Handke damit auch gar nicht zu schaffen, er ist nur wegen dieser blöden Österreicher-Assoziation hier herein geraten – tut mir leid Herr Handke und viel Erfolg beim Sammeln (wenn dann wieder Saison ist). Zurück zum „Stellungskampf“ von Sellner (woran muss ich da noch denken?)

Sellner: Nun sollen wir also die neuen Nazis sein? Wenn ja, dann bitte: Noch nie zuvor klaffte die „Nazidiffamierung“ durch das System und die Realität einer Bewegung so sehr auseinander.“ – Oliver Welke würde sagen: Äh, nein. Hier klafft nichts auseinander, hört euch einfach nur mal selber zu.

Sellner: „Xenophobie, Hetze, NS-Nostalgie und Gewalt sucht man in beiden Gruppierungen [AfD und IB] vergeblich.“ – Nochmal: äh, nein, nicht vergeblich! Muss ich die vielen Vogelschiss-Beispiele aufführen?

Sellner: „Die Existenzvernichtung ist Erfolgsbedingung unserer Gegner, somit wird das (meta)politische Überleben bereits Jahr für Jahr zu einem kleinen Sieg.

So viel Schmonz scheint selbst Kubitschek überzogen, aber er kennt die Qualitäten der mitteldeutschen Gaue am Harz: „Es kommt in den kommenden Monaten alles darauf an, dem äußeren Gegner geschlossen und selbstbewußt entgegenzutreten und seine Waffe, den Verfassungsschutz, als das aussehen zu lassen, was er ist, wenn er auf Granit trifft: ein stumpfes Schwert.“ 

Andererseits wittert Kubitschek Verrat an der IB durch die AfD, die sich, um sich selbst reinzuwaschen, von der IB distanzieren könnte: die IB als Opfer, damit die AfD ins Establishment aufrücken kann. Was für ein süffisanter Gedanke! Die Zersetzung wirkt (und ohne Opfer-Attitüde geht es bei den Rechten nicht).  Um das zu verhindern, rät GK dazu, sich wieder mehr von der AfD zu distanzieren und sich auf die eigenen Kräfte als „Teil der rechten metapolitischen Landschaft begreifen“, die sich um den Verfassungsschutz „als einer Waffe des Gegners nicht schert – für mich klingt das nach Partisanentaktik, nach rechter Guerilla. Ob sie jetzt Poggenburgs sog. „Patrioten“ unterwandern wollen?

Wegen dieses ganzen Partisanengetues muss ich bei den Verlautbarungen der faschistischen „Vordenker“ immer wieder an Che Guevara denken, diesen revolutionären Posterboy der 68-er Zeit (und ernstzunehmenden Arzt und Revolutionär in Kuba). Wie das? In seinem „Bolivianischen Tagebuch“ schildert er minutiös, wie er mit ein paar kubanischen Freiwilligen und einheimischen Kleinbauern im bolivianischen Hinterland einen Guerillakrieg aufziehen wollte. Die Unternehmung ist letztlich kläglich gescheitert und hat ihn und seine Mitstreiter das Leben gekostet. Wenn man in jugendlichen Sturm- und-Drang-Jahren eine Anleitung dafür haben möchte, wie man sein Leben erfolgreich verpfuschen kann, dann ist das „Tagebuch“ eine sehr taugliche Handreichung.

Es mag vollkommen an den Haaren herbeigezogen sein, irgendwelche ernsthaften Parallelen ziehen zu wollen zwischen den Schilderungen eines „Befreiungskriegers“ aus Südamerika und dem Freischärler-Habitus der IB und der Leute der Sezession um Kubitschek in Schnellroda, aber ich kriege diese Assoziationen, die letztlich eher ironischer Natur sind (vor ernstem Hintergrund), nicht aus dem Kopf und will ihnen ein wenig nachgehen. Der eine ist in einen echten Krieg gezogen ist, die anderen wollen eigentlich nur von Politik reden, erachten diese aber offenbar ebenfalls eine Art Krieg oder zumindest als Kriegsspiel. In beiden Fällen führt das in meinen Augen zu einer gestörten Wahrnehmung der Realität, weil sie nur durch die zu Sehschlitzen verengten Augen des Kämpers wahrgenommen wird, der teils bewusst, teils unbewusst der Fokussierung wegen die sonstigen „Regungen“ um sich herum ausblendet und so nicht mehr das gesamte Bild zu erkennen vermag. Obwohl ich Guevaras Buch gelesen habe, als ich noch recht lebensunerfahren war, erinnere ich mich, wie ich oft den Kopf geschüttelt habe über so viel Verblendung aus missionarischem Eifer.

Guevara hat seine meist täglichen Einträge am Monatsende um eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Ereignisse ergänzt, so kann der Ablauf des „Kampfes“ im Zeitraffer nachverfolgt werden. Die Unternehmung beginnt am 7. November 1966: „Heute beginnt eine neue Etappe. In der Nacht kamen wir auf dem Gut an. Die Reise verlief einigermaßen glatt. Nachdem wir, gebührend verkleidet, über Cochabamba eingereist waren, stellten Pachungo und ich die Kontakte her…“ – Ähnlich liest sich das wohl im Tagebuch von Kubitschek, nach dem er sein „Rittergut“ in Schnellroda bezogen hatte. Die November-Zusammenfassung lautet dann auch: „Alles ist ziemlich gut verlaufen: meine Ankunft ohne Schwierigkeiten […] Die entscheidenden Mitarbeiter von Ricardo schließen sich der Erhebung allen Widerständen zum Trotz an. Die Aussichten sind gut in dieser abgelegenen Region, wo alles darauf hindeutet, dass wir praktisch so lange bleiben können, wie wir es für richtig halten…“ – Zwischen Naumburg und Kyffhäuser, nahe der Saale, mittelalterliches deutsches Grenzland: ein wunderbar stiller und so geschichtsträchtiger Unterschlupf für eine 1%-Bewegung.

Die Vorbereitungen für den Kampf gedeihen, so heißt es Ende Dezember: Die Gruppe der Kubaner hat sich erfolgreich vervollständigt, die Moral der Leute ist gut, es gibt nur kleine Probleme. Mit den Bolivianern geht es gut, wenn es auch nur wenige sind….“ – Zum Mitraten: wodurch muss man Kubaner und Bolivianer ersetzen, um die Parallele zu entschlüsseln? Hier ein Vorschlag.

Ende Januar 1967 tun sich dann erste Differenzen und Schwierigkeiten auf: „Wie ich erwartete, war Monjes [ein kommunistischer Parteifunktionär] Haltung im ersten Moment ausweichend und dann verräterisch. Schon schmiedet die Partei Waffen gegen uns. Ich weiß nicht, wohin das führen wird, doch das wird uns nicht bremsen, und vielleicht wird es sich langfristig sogar günstig auswirken (fast bin ich dessen sicher). Die ernsthaftesten und kampfbereitesten Leute werden auf unserer Seite stehen, auch wenn sie mehr oder minder schwere Gewissenskrisen durchmachen müssen. […] Von allem Geplanten ging die Einreihung der bolivianischen Kämpfer am langsamsten vonstatten.“ – Ich weiß nicht, ist das jetzt Guevara oder schrieb das Kubitschek in seinem „Briefwechsel“ ? Erfasst mich da nicht ein leichter Schwindel?

Wir werden Zeugen werden eines Herumirrens im tiefsten Dschungel. Keine Gipfellinie auch nur zu erahnen im Nebel.

Warten wir auf die Februar-Zusammenfassung, wann immer es so weit sein wird. Doch so viel kann man getrost spoilern: am Ende ging die Sache schief, weil die Bolivianer nicht recht wussten, wozu diese importierte Revolution letztlich gut sein sollte und keinen Bock drauf hatten, sich deswegen blutige Nasen oder mehr zu holen.


Literatur: Guevara, Ernesto Che. Bolivianisches Tagebuch, München: Trikont-Verlag, 1980. Auch das Bild wurde diesem Band entnommen und geringfügig editiert.

Prosper Haniel

Am Freitag ist es also soweit, die letzte Steinkohlenzeche in Deutschland schließt, Prosper Haniel in Bottrop. Das Abbausoll wurde allerdings bereits im September erreicht, seitdem wird allmählich dicht gemacht. Einem Schreiberling aus Süddeutschland steht es in keiner Weise an, sich hierzu würdevoll zu äußern, ist mir schon bewusst. Vor drei Jahren waren wir vor Ort bzw. in der Nachbarschaft, auf der Halde Beckstraße mit der Landmarke ‚Tetraeder‘.

Aber eigentlich waren wir zu Besuch im Museum Quadrat, bei der wunderbaren Walker-Evans-Ausstellung. Hätte es dafür einen besseren Ort geben können? Jedenfalls sind ein paar Bilder ins Gelände dabei abgefallen, die ich jetzt wieder herausgekramt habe. Und irgendwie haben die doch auch etwas mit Süddeutschland im weiteren Sinne, wenn man es bis in die Alpen ausdehnt, zu tun. Diese Skihalle und das Detail ganz links außen: alpenländlerischer Hüttencharme – o.m.g! Ein paar Jahre zuvor hatte uns das Schicksal für einen Abend in die Skihalle in Neuss verschlagen. Sprachlos, „Atemlos“, betrachteten wir das Geschehen rundumadum, die Dirndl- und Janker-Träger*innen, die sich zum Abendmahl einfanden – w.t.f.?

Hoffen wir mal, dass das nicht die einzige Zukunftsidee ist. Nein sicher nicht! Das Ruhrgebiet ist so schön grün bei zugleich so viel Urbanität, der etwas spezielleren Sorte vielleicht, aber: das wird der nächste heiße Scheiß, da bin ich mir sicher. Und dann werden uns hier im Süden noch die Augen rausfallen!

Orto comune

Ein sizilianisches Landstädtchen im Hinterland, im Westen der Insel. Touristisch nahezu unerschlossen, im Windschatten bekannter Routen, ganz eingebettet in die frühlingsgrüne bergige Landschaft. Wir streifen durch die malerischen Gassen der Altstadt, vor ein paar Jahren aufwändig saniert, viel EU-Geld ist geflossen. Bleiben hier stehen, fotografieren dort, lesen, auffallend neugierige Reisende, einzelne Infotafeln zur Stadtgeschichte, aufgehängt für die Touristen, die es nicht gibt in einem Städtchen, das keiner kennt.

Aber von wegen weltabgeschieden: auch hier gibt es jetzt „urban gardening“, eine kleine Installation aus alten Europaletten, zu einem Kräuterhochbeet zusammengezimmert und hübsch lasiert, zeugt davon. Küchenkräuter zum Mitnehmen. Es steht an einer kleinen Aufweitung der Gasse, dahinter dehnt sich die Landschaft in endlosen Hügelwellen.

Die Gasse zieht sich den Hügel hinunter, macht unten eine Biegung, an der Ecke steht das Rathaus. Heraus tritt ein Polizist in vollem Ornat: langer Mantel, Schulterklappen, Kragenspiegel, diese hochaufragende, bedeutsam wirkende Dienstmütze. Geht schnurstracks auf uns zu, spricht uns freundlich an, in unserer Muttersprache, fließend. Ein leicht älterer Herr mit sonor wohlklingender Stimme, erkundigt sich nach Woher, Wohin, Wozu. Wir halten dagegen, fragen zurück, woher die guten Deutschkenntnisse kommen? Lange Jahre in der Gastronomie, in Deutschland, zuletzt lange in der Schweiz. Chefportier in einem Luxushotel im Berner Oberland. Wir loben die gelungene Altstadtsanierung, das freut ihn und er erzählt noch einiges dazu, seine eigene wichtige Rolle dabei gewissenhaft unterstreichend. Dann lässt er uns ziehen.

Wir brauchen ein paar Schritte Abstand, um uns zu fragen, wie es kommt, dass ein ehemaliger Portier jetzt Polizeichef in seiner Heimatgemeinde ist, auf seine alten Tage?

Die Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich heute früh gelesen habe, dass sich angeblich die Schlinge zuzieht (wieder einmal) um Matteo Messina Denaro, „l’Invisibile“, den Superboss aus Castelvetrano, seit 25 Jahren von der Bildfläche verschwunden. Er soll der Pate sein, der die gesamte Wirtschaft der Provinz Trapani kontrolliert (nur hier?), in nahezu allen relevanten Wirtschaftszweigen. Wichtig ist ihm inzwischen Windkraft, er ist ein moderner Mensch. Und vielleicht der reichste Italiener. Es gibt Vermutungen, dass er gar nicht weit ist, sich in seiner Heimat versteckt hält. Irgendwo dort im teils rauhen, teils lieblichen Bergland im Westen der Insel.

Bäume, Häuser, Menschen

Nein, es geht nicht um den Hambacher Forst, dazu dürfte so ziemlich alles gesagt sein – sollte man meinen. Ich wollte hier nur ein paar Nachrichten und Zettel zusammenbringen, die mir heute untergekommen sind und die sich zu einem eigenen Bild fügen.

1. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vermeldet, dass München die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands ist, rund 47 Prozent des Stadtgebiets sind bebaut, betoniert oder asphaltiert. Dabei interessiert die Versicherer weniger das Fehlen von schönem Grün, guter Luft, Schatten außerhalb von Biergärten, sondern die Anfälligkeit von Städten gegen die zunehmenden Starkregenereignisse, ihre fehlende Fähigkeit, Oberflächenwasser „schadlos“ abzuleiten oder zurückzuhalten. Städte müssten zu „Schwammstädten“ werden, mit vielerlei Rückhalte- und Versickerungseinrichtungen. Besonders Grünflächen und Vegetationsstrukturen sind dafür prädestiniert. Doch wenn man zu wenige Grünflächen hat, wird’s eng. Jedenfalls endlich ein handfest ökonomisches Argument, warum München mehr tun muss, um in den „grünen Bereich“ zu kommen. Ein föhniges Alpenpanorama alleine hilft da nicht, das ist mehr so eine Art Fatamorgana von Natur und Landschaft, die sich zwar vermarkten lässt, im Alltagsleben aber nicht hilft. Bäume dagegen helfen: Ihre Baumkronen verzögern den Wasserabfluss, sie verdunsten das Wasser und kühlen die Umgebung herunter.

2. In der SZ von gestern war zu lesen, dass nach Angabe des BUND in München jährlich 2.500 Bäume durch Nachverdichtung und andere Bauaktivitäten verloren gehen. Und in der Regel ist es doch so, dass gefällte Bäume ein Vielfaches an Alter, Masse und Volumen besitzen, als die Ersatzbäume, die dann oft auch nicht in der erforderlichen Quantität gepflanzt werden. Also ein permanter Schwund an Biomasse, eine stetige Zunahme der Versiegelung (SZ Nr. 244/2018, S. R7).

3. „Mein Held, der Wald“ ist die heutige Kritik der SZ zu Richard Powers’ neuem Roman „Die Wurzeln des Lebens“ überschrieben (SZ Nr. 245, S. 12). Eine gewisse Faszination von Thema, Geschichten und Atmosphäre kann der Kritiker nicht verhehlen, kommt am Ende aber zu dem Schluss, Powers sei literarisch auf dem „Holzweg“. Denn in Romanen gehe es schließlich um Menschen und die Natur liefere „keine literaturfähigen Helden“. Damit schließt er sich letztlich etlichen anderen Verrissen an, die in ein ähnliches Horn bliesen, am lautesten, wenn ich mich recht erinnere, Denis Scheck, der sich fast nicht mehr einkriegte im ZDF. Nun, ich habe das Buch noch nicht gelesen, Powers-Bücher sind einfach wahnsinnig dick und da bin ich bei ihm schon einmal erlegen. Andererseits: jetzt ist meine Neugierde geweckt, denn

4. beim Aufräumen bin ich wieder einmal auf H.D. Thoreaus wunderbaren und schmalen Essay „Vom Wandern/Walking“ von 1862 gestoßen. Seitenweise könnte man daraus zitieren, aber ich will mich hier ja stets kurz fassen, deshalb nur zwei Appetithappen:

Ich will meine Stimme erheben für die Natur, für absolute Freiheit und Wildheit, im Gegensatz zur zivilisatorisch eingehegten Freiheit und Kultur; dabei betrachte ich den Menschen als Bewohner, ja als festen Bestandteil der Natur, nicht als Glied der Gesellschaft. Ich will eine extreme Position vertreten, und dies, mit Verlaub, durchaus energisch; denn Verfechter der Zivilisation gibt es ja genug; der Pfarrer, das Schulkomitee und jeder einzelne von Ihnen werden sich ihrer schon annehmen.

So beginnt sein Essay, saftig, energisch. In seiner netten Aufzählung hat er nur die Literaturkritiker vergessen. Ich habe das Gefühl, R. Powers hat das Bändchen einstecken gehabt auf seinen Spaziergängen in den Appalachen, während er an seinem Buch schrieb. Etwas weiter heißt es:

Der sogenannte Fortschritt, den die Menschen heutzutage vorantreiben und der sich etwa darin zeigt, dass Häuser errichtet, Wälder gerodet und alle großen Bäume gefällt werden, entstellt die Landschaft bloß und macht sie zahmer und schäbiger. Das wäre mir ein Volk, das mit dem Verbrennen der Zäune begänne und den Wald stehen ließe.

Thoreau lebte damals sozusagen am Rand der Zivilisation, in einem bereits erschlossenen und kulturlandschaftlich veränderten Neu-England, aber nicht allzu weit entfernt von der „frontier“ und der noch „herrenlosen“ Wildnis, in die er selber immer wieder „vorstieß“. Den Versiegelungsbericht eines Versicherungsverbandes konnte er sich noch nicht vorstellen, aber er hatte die richtigen Antennen. Die Literaturkritiker mögen in der Blase ihrer Vorstellungen über Literatur weiterdünsten. Doch auch vor 150 Jahren gab es bereits Menschen, die in der Lage waren, solche Blasen zu verlassen.

War das nun doch irgendwie ein Beitrag zum Hambacher Forst? Den Wald stehen lassen und Zäune verbrennen…

Epilog

Gerade erfahre ich noch, dass heute am Hambacher Forst eine Demo für das Abholzen stattgefunden hat. Eine RWE-Mitarbeiterin soll gesagt haben: „Seit wann ist eigentlich ein Baum mehr wert als ein Mensch?“ Das sind so Totschlag-Abholz-Argumente. RWE sollte ihr einen Grundkurs Ökologie bezahlen, damit sie mal eine Basisvorstellung davon bekommt, wie die Welt so ganz physikalisch-chemisch funktioniert und auf was es wann wo ankommt.

Des Moments

Ende 1987 war „Ella elle l’a“ von France Gall sogar in Deutschland ein Hit, diese Ode an Ella Fitzgerald im Gewand manieristischen französischen Pops. Aber der Song hat geknallt. Im Frühjahr 1988 war Lynx Gast bei einer Hochzeit. Im Garten des Landsitzes in der französischen Provinz war ein großes Partyzelt aufgebaut und viele stark schwitzende junge Menschen tanzten in die Nacht. Französischer Pop ist ja eine ganz eigene Welt, dass ein Titel hierzulande erfolgreich ist, hat doch allergrößten Seltenheitswert. Umso einfacher gelang die Völkerverständigung mit France Galls Hilfe: Merci, merci, merci! – Das Album Babacar von 1987 war wohl der Höhepunkt und zugleich Schlusspunkt ihrer musikalischen Karriere, wenige Jahre später erkrankte sie schwer und ist nun verstorben. Glaubt man Wikipedia, dann erinnert noch etwas nachhaltig an sie: Frank Sinatras My Way basiert offenbar auf der Verarbeitung von Trennungsschmerz ihres französischen Kollegen Claude Francois.

Die französische Provinz: unter dem Titel „Das lebendige Zucken der Landschaft“ bespricht Helmut Böttiger heute einen nun (nach 6 Jahren) in deutscher Übersetzung erschienen Essayband von Jean-Christophe Bailly: Le Dépaysement – Fremd gewordenes Land. Streifzüge durch Frankreich (SZ Nr. 5, 08.01.2018).
Lynx‘ erste selbst unternommene Auslandsreise führte mit dem Fahrrad tief hinein ins ländliche Frankreich und seitdem hat es ihn nie mehr losgelassen. Weil der Zeitungsartikel bebildert ist mit der Quelle der Loue im Jura, erinnert sich Lynx an eine der letzten Reisen, eine spätherbstliche Tour durch die Täler und zu den Quellen im Jura. Intensive Laubfärbung, in der Sonne glitzernder frischer Schnee. Entlegene Dörfer, triste Siedlungen, lebendige Kleinstädte, traurige Kleinstädte. Ein (häufig anarchistischer) Mikrokosmos von Versprechen und Verfehlungen. Selbst dort, wo es nur noch ärmliche Cafés gibt, gibt es immer noch tolle Supermärkte. Ein Durcheinander, das vielleicht gerade dabei ist, in eine neue Umlaufbahn zu starten? Mal sehen. Erstmal Bailly lesen…

Fotografie als Sprache und Diskurs?

„Fotografie ist keine Kunstform mehr, sondern eine Sprachform. Wir kommunizieren bereits damit, aber es fehlen noch klare Regeln, sozusagen ein Wörterbuch und eine ausgefeilte Grammatik. […] Der Kunsthistoriker Aby Warburg hat vor etwa 100 Jahren die These entwickelt, dass wir durch Bilder viel stärker geprägt werden als durch Worte. Laut Warburg werden die die größten Ideen durch Bilder übertragen, sie transzendieren Ideen und Glauben besser als Sprache. Wir erkennen in einem einzigen Augenblick auf sehr vielen Ebenen gleichzeitig, was ein Bild bedeutet. […] Bevor sie [die Bilder] vom Verstand auf Gehalt durchgefiltert werden, haben sie ihre Wirkung oft schon entfaltet. Bis hinein ins Allerkleinste sind Bilder Propaganda geworden, sogar für uns selbst…“

Frage: Nimmt bei dieser Entwicklung die Anzahl und Qualität diskursiver Bilder zu oder nicht?

Gespräch mit Leanne Shapton über Bilder, Süddeutsche Zeitung Nr. 271/2017, S. 54

Intransigentes Justamentnicht im Zeichen der Kornblume

Die Kornblume als politisches Symbol ist zurück. Die Kornblume, die sich FPÖ-Politiker gerne ans Revers heften, ist keineswegs die blaue Blume der Romantik, Symbol der Revolution von 1848 (H.C. Strache) oder die „Europablume“ (N. Hofer), sondern sie ist ein Abzeichen reaktionärer und rassistisch orientierter deutschnationaler Bewegungen des 19. Jh., wie der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 einräumen musste.

Die „Alldeutsche Vereinigung“ des Georg von Schönerer trug sie im Parteilogo, sie kann als eine Vorläuferorganisation der Identitären Bewegung gesehen werden. „Die Kornblume war ganz klar ein Symbol für die antisemitische Schönerer-Bewegung und diente in den Dreißiger Jahren den [in Österreich vor dem „Anschluss“] illegalen Nazis als Erkennungszeichen.“ (Oliver Rathkolb, Universität Wien, Kurier, 12.06.2016) Hitler wurde durch Schönerer wesentlich geprägt, wie er in „Mein Kampf“ ausführlich darlegt. Schönerer legte den Grundstein für Hitlers Denken, er war sein „geistiger Vater“, schrieb Hannah Arendt 1955 in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. (a.a.O)
Bis in die jüngste Zeit wurde v.a. in Österreich mit der Kornblume symbolisch politische Gesinnung vertreten und genau heute vor einem Jahr gab es in Wien einen Aufschrei und handfeste Proteste gegen den „Kornblumenball“ des FPÖ-nahen „Kulturring Favoriten“, der zum wiederholten Male stattfand.

Jetzt allerdings will die FPÖ in die Regierung und hat erst einmal Kreide gefressen. Zur Eröffnungssitzung des neu gewählten Parlaments hefteten sich die FPÖ-Abgeordneten ein neutrales kreideweißes Edelweiß ans Revers. (Süddeutsche Zeitung, 17.11.2017, S. 8) Ob diese Camouflage etwas nützt?

Die Geschichte der Kornblume als politisches Symbol ist umfangreich und spannend, sie soll ein andermal vertieft werden. An dieser Stelle aber noch eine wertvolle Trouvaille aus der kleinen Recherche, die ein schönes Schlaglicht darauf wirft, dass wir zur Zeit sehr alte Debatten wieder durchfechten müssen. Geschichte ist eben nicht linear, sondern entwickelt sich in Kreisen, vielleicht in Spiralen:

Noch kein Staat konnte auf die Dauer bestehen, in dem die Radikalen zur führenden Rolle gelangten. Um auf die politische Führung eines ganzen Volkes Anspruch zu machen, dazu gehört doch noch mehr als starke Lungen, gewandte Zungen und jener physische Mut, den auch der nächstbeste Bauernbursche auf einer Kirchtagrauferei bekundet; dazu gehört praktische Erprobung, ernste, jahrelange erfolgreiche Arbeit, dazu gehört besonnene Überlegung, die den jeweiligen Verhältnissen die angewendeten Mittel anpaßt und durch vernünftige Beschränkung auf das Erreichbare ihr Ziel auch wirklich erreicht.

Was sehen wir dagegen bei den Radikalen? Das Häuflein von fünf Männern will auch den anderen hundertfünfzig Vertretern der großen deutschen Parteien die politische Haltung vorschreiben, ein Verhalten, das im Wesen auf Randalieren, Skandalmachen, auf ein intransigentes [kompromissloses] „Justamentnicht“ hinausläuft, und wenn die Hundertfünfzig vor den Fünf nicht ducken, dann wird geschimpft und geschmäht, dann werden die besten Männer des deutschen Volkes vor die radikale Feme gestellt und als Verräter in die Pfanne gehauen.

So lange die ausschließlich privilegierten Patentdeutschen sich nur mit den Antisemiten herumschimpften, konnten wir Anderen, wenn auch angewidert von dem wüsten Lärm, am Kampfplatz weilen, auf dem sich die Anhänger der weißen Nelke und der blauen Kornblume mit keineswegs wohlriechenden Geschoßen bewarfen. Doch seit Kurzem gehen die Ritter von der Kornblume gegen nur Alle los, verhängen sie den nationalen Bann gegen Alle, die über die richtige Methode der wirksamsten Vertretung der nationalen Interessen sich eine eigene Meinung zu hegen erlauben.

Wiedergabe einer Rede des bedeutenden konservativen tiroler Politikers Karl Grabmayr (1848 – 1923) bei einer „Versammlung der politischen Vereine“ in Meran (Südtirol) im April 1898, in der er sich gegen die Ziele und die Taktik der radikalnationalen Fraktion wandte. Grabmayr war damals Abgeordneter für die Großgrundbesitzer im österreichischen Abgeordnetenhaus. (Mährisches Tagblatt, 19.04.1898, Seite 2)

Kirschblütenblattsturm – Leseempfehlung zur Haiku-Dichtung

Ein Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen. Rechtzeitig hat der Reclam-Verlag eine wunderbar edierte und gestaltete Anthologie zur japanischen Haiku-Dichtung auf den Markt gebracht:

Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten
Japanisch / Deutsch, Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller.
Reclam, Ditzingen. 2017. ISBN 978-3-15-011116-1

Der Band ist bestechend schön und einfach gestaltet, ganz klar in seiner Struktur bei einer überreichen Fülle von Gedankenblitzen und Assoziationen – wie es sich gehört für eine Sammlung von Haikus. Mehr als 300 Stück sind es, seit den Anfängen im 16. Jh. bis heute.

 

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Bildnachweis: Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Reclam 2017, S. 3

Jedes Gedicht wird auf einer Seite vorgestellt: im japanischen Original, in einer Transkription des japanischen Textes in lateinischer Schrift, in deutscher Übersetzung. Dazu Angaben zum Autor und eine kurze Anmerkung zum besseren Verständnis der Texte. Das ist kompakt, konzentriert und sehr schön anzusehen. Und hilfreich, denn die in Haikus verwendeten Metaphern sind in unserem Kulturkreis meist nicht direkt verständlich. Selbst wenn wir oberflächlich vielleicht einen Zugang finden, ist es dann doch in aller Regel sehr überraschend, welch ungeahnte Zusammenhänge und Anspielungen sich hinter diesen drei Zeilen aus 17 Silben verbergen können.

Vielleicht meinte deshalb eine gute Freundin, der ich den Band empfohlen habe, Haikus erschlössen sich ihr einfach nicht – und schickte mir dazu ihren Kommentar in Haiku-Form (ein in den USA offenbar beliebter Sticker):

Haikus confuse me
Too often they make no sense
Hand me the pliers

 

Die Editoren des empfohlenen Bandes beherrschen ihr Werkzeug und erleichtern mit ihren kundigen Anmerkungen den Zugang ungemein. Sie nehmen uns an der Hand und führen uns ganz behutsam ein in das vertrackte Labyrinth. Gleich das erste Haiku, eines der ältesten von Yamazaki Sōkan, macht es uns noch recht einfach und ist vortrefflich geeignet, um in einem Blog erwähnt zu werden:

Die Hände am Boden
intoniert er in großer Pose
seinen Gesang – der Frosch

 

Ein vielstimmiger Chor sind die Blogs dieser Welt und alles in allem wohl ein ganz schönes Gequake. Da will ich mich selbstversändlich nicht ausschließen.

Drei Zeilen mit je 5 – 7 – 5 Moren/Silben und einen Jahreszeitenbezug: mehr braucht es rein formal nicht für ein Haiku. Sollte doch ganz einfach sein. Aber wie so oft schreibt es sich viel leichter ausschweifend, als einen oder womöglich eine ganze Reihen von Gedanken in dieser kleinen Form zu verdichten und treffend zum Ausdruck zu bringen. Immer wieder einmal habe ich selber damit gespielt, viel Brauchbares ist nicht dabei herausgekommen. Aber das folgende Haiku aus dem April 2009 ist vielleicht doch nicht so verkehrt, entstanden bei einer Autofahrt:

eintauchen in den
kirschblütenblattsturm vor dir

die windschutzscheibe