Prosper Haniel

Am Freitag ist es also soweit, die letzte Steinkohlenzeche in Deutschland schließt, Prosper Haniel in Bottrop. Das Abbausoll wurde allerdings bereits im September erreicht, seitdem wird allmählich dicht gemacht. Einem Schreiberling aus Süddeutschland steht es in keiner Weise an, sich hierzu würdevoll zu äußern, ist mir schon bewusst. Vor drei Jahren waren wir vor Ort bzw. in der Nachbarschaft, auf der Halde Beckstraße mit der Landmarke ‚Tetraeder‘.

Aber eigentlich waren wir zu Besuch im Museum Quadrat, bei der wunderbaren Walker-Evans-Ausstellung. Hätte es dafür einen besseren Ort geben können? Jedenfalls sind ein paar Bilder ins Gelände dabei abgefallen, die ich jetzt wieder herausgekramt habe. Und irgendwie haben die doch auch etwas mit Süddeutschland im weiteren Sinne, wenn man es bis in die Alpen ausdehnt, zu tun. Diese Skihalle und das Detail ganz links außen: alpenländlerischer Hüttencharme – o.m.g! Ein paar Jahre zuvor hatte uns das Schicksal für einen Abend in die Skihalle in Neuss verschlagen. Sprachlos, „Atemlos“, betrachteten wir das Geschehen rundumadum, die Dirndl- und Janker-Träger*innen, die sich zum Abendmahl einfanden – w.t.f.?

Hoffen wir mal, dass das nicht die einzige Zukunftsidee ist. Nein sicher nicht! Das Ruhrgebiet ist so schön grün bei zugleich so viel Urbanität, der etwas spezielleren Sorte vielleicht, aber: das wird der nächste heiße Scheiß, da bin ich mir sicher. Und dann werden uns hier im Süden noch die Augen rausfallen!

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Orto comune

Ein sizilianisches Landstädtchen im Hinterland, im Westen der Insel. Touristisch nahezu unerschlossen, im Windschatten bekannter Routen, ganz eingebettet in die frühlingsgrüne bergige Landschaft. Wir streifen durch die malerischen Gassen der Altstadt, vor ein paar Jahren aufwändig saniert, viel EU-Geld ist geflossen. Bleiben hier stehen, fotografieren dort, lesen, auffallend neugierige Reisende, einzelne Infotafeln zur Stadtgeschichte, aufgehängt für die Touristen, die es nicht gibt in einem Städtchen, das keiner kennt.

Aber von wegen weltabgeschieden: auch hier gibt es jetzt „urban gardening“, eine kleine Installation aus alten Europaletten, zu einem Kräuterhochbeet zusammengezimmert und hübsch lasiert, zeugt davon. Küchenkräuter zum Mitnehmen. Es steht an einer kleinen Aufweitung der Gasse, dahinter dehnt sich die Landschaft in endlosen Hügelwellen.

Die Gasse zieht sich den Hügel hinunter, macht unten eine Biegung, an der Ecke steht das Rathaus. Heraus tritt ein Polizist in vollem Ornat: langer Mantel, Schulterklappen, Kragenspiegel, diese hochaufragende, bedeutsam wirkende Dienstmütze. Geht schnurstracks auf uns zu, spricht uns freundlich an, in unserer Muttersprache, fließend. Ein leicht älterer Herr mit sonor wohlklingender Stimme, erkundigt sich nach Woher, Wohin, Wozu. Wir halten dagegen, fragen zurück, woher die guten Deutschkenntnisse kommen? Lange Jahre in der Gastronomie, in Deutschland, zuletzt lange in der Schweiz. Chefportier in einem Luxushotel im Berner Oberland. Wir loben die gelungene Altstadtsanierung, das freut ihn und er erzählt noch einiges dazu, seine eigene wichtige Rolle dabei gewissenhaft unterstreichend. Dann lässt er uns ziehen.

Wir brauchen ein paar Schritte Abstand, um uns zu fragen, wie es kommt, dass ein ehemaliger Portier jetzt Polizeichef in seiner Heimatgemeinde ist, auf seine alten Tage?

Die Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich heute früh gelesen habe, dass sich angeblich die Schlinge zuzieht (wieder einmal) um Matteo Messina Denaro, „l’Invisibile“, den Superboss aus Castelvetrano, seit 25 Jahren von der Bildfläche verschwunden. Er soll der Pate sein, der die gesamte Wirtschaft der Provinz Trapani kontrolliert (nur hier?), in nahezu allen relevanten Wirtschaftszweigen. Wichtig ist ihm inzwischen Windkraft, er ist ein moderner Mensch. Und vielleicht der reichste Italiener. Es gibt Vermutungen, dass er gar nicht weit ist, sich in seiner Heimat versteckt hält. Irgendwo dort im teils rauhen, teils lieblichen Bergland im Westen der Insel.

Bäume, Häuser, Menschen

Nein, es geht nicht um den Hambacher Forst, dazu dürfte so ziemlich alles gesagt sein – sollte man meinen. Ich wollte hier nur ein paar Nachrichten und Zettel zusammenbringen, die mir heute untergekommen sind und die sich zu einem eigenen Bild fügen.

1. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vermeldet, dass München die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands ist, rund 47 Prozent des Stadtgebiets sind bebaut, betoniert oder asphaltiert. Dabei interessiert die Versicherer weniger das Fehlen von schönem Grün, guter Luft, Schatten außerhalb von Biergärten, sondern die Anfälligkeit von Städten gegen die zunehmenden Starkregenereignisse, ihre fehlende Fähigkeit, Oberflächenwasser „schadlos“ abzuleiten oder zurückzuhalten. Städte müssten zu „Schwammstädten“ werden, mit vielerlei Rückhalte- und Versickerungseinrichtungen. Besonders Grünflächen und Vegetationsstrukturen sind dafür prädestiniert. Doch wenn man zu wenige Grünflächen hat, wird’s eng. Jedenfalls endlich ein handfest ökonomisches Argument, warum München mehr tun muss, um in den „grünen Bereich“ zu kommen. Ein föhniges Alpenpanorama alleine hilft da nicht, das ist mehr so eine Art Fatamorgana von Natur und Landschaft, die sich zwar vermarkten lässt, im Alltagsleben aber nicht hilft. Bäume dagegen helfen: Ihre Baumkronen verzögern den Wasserabfluss, sie verdunsten das Wasser und kühlen die Umgebung herunter.

2. In der SZ von gestern war zu lesen, dass nach Angabe des BUND in München jährlich 2.500 Bäume durch Nachverdichtung und andere Bauaktivitäten verloren gehen. Und in der Regel ist es doch so, dass gefällte Bäume ein Vielfaches an Alter, Masse und Volumen besitzen, als die Ersatzbäume, die dann oft auch nicht in der erforderlichen Quantität gepflanzt werden. Also ein permanter Schwund an Biomasse, eine stetige Zunahme der Versiegelung (SZ Nr. 244/2018, S. R7).

3. „Mein Held, der Wald“ ist die heutige Kritik der SZ zu Richard Powers’ neuem Roman „Die Wurzeln des Lebens“ überschrieben (SZ Nr. 245, S. 12). Eine gewisse Faszination von Thema, Geschichten und Atmosphäre kann der Kritiker nicht verhehlen, kommt am Ende aber zu dem Schluss, Powers sei literarisch auf dem „Holzweg“. Denn in Romanen gehe es schließlich um Menschen und die Natur liefere „keine literaturfähigen Helden“. Damit schließt er sich letztlich etlichen anderen Verrissen an, die in ein ähnliches Horn bliesen, am lautesten, wenn ich mich recht erinnere, Denis Scheck, der sich fast nicht mehr einkriegte im ZDF. Nun, ich habe das Buch noch nicht gelesen, Powers-Bücher sind einfach wahnsinnig dick und da bin ich bei ihm schon einmal erlegen. Andererseits: jetzt ist meine Neugierde geweckt, denn

4. beim Aufräumen bin ich wieder einmal auf H.D. Thoreaus wunderbaren und schmalen Essay „Vom Wandern/Walking“ von 1862 gestoßen. Seitenweise könnte man daraus zitieren, aber ich will mich hier ja stets kurz fassen, deshalb nur zwei Appetithappen:

Ich will meine Stimme erheben für die Natur, für absolute Freiheit und Wildheit, im Gegensatz zur zivilisatorisch eingehegten Freiheit und Kultur; dabei betrachte ich den Menschen als Bewohner, ja als festen Bestandteil der Natur, nicht als Glied der Gesellschaft. Ich will eine extreme Position vertreten, und dies, mit Verlaub, durchaus energisch; denn Verfechter der Zivilisation gibt es ja genug; der Pfarrer, das Schulkomitee und jeder einzelne von Ihnen werden sich ihrer schon annehmen.

So beginnt sein Essay, saftig, energisch. In seiner netten Aufzählung hat er nur die Literaturkritiker vergessen. Ich habe das Gefühl, R. Powers hat das Bändchen einstecken gehabt auf seinen Spaziergängen in den Appalachen, während er an seinem Buch schrieb. Etwas weiter heißt es:

Der sogenannte Fortschritt, den die Menschen heutzutage vorantreiben und der sich etwa darin zeigt, dass Häuser errichtet, Wälder gerodet und alle großen Bäume gefällt werden, entstellt die Landschaft bloß und macht sie zahmer und schäbiger. Das wäre mir ein Volk, das mit dem Verbrennen der Zäune begänne und den Wald stehen ließe.

Thoreau lebte damals sozusagen am Rand der Zivilisation, in einem bereits erschlossenen und kulturlandschaftlich veränderten Neu-England, aber nicht allzu weit entfernt von der „frontier“ und der noch „herrenlosen“ Wildnis, in die er selber immer wieder „vorstieß“. Den Versiegelungsbericht eines Versicherungsverbandes konnte er sich noch nicht vorstellen, aber er hatte die richtigen Antennen. Die Literaturkritiker mögen in der Blase ihrer Vorstellungen über Literatur weiterdünsten. Doch auch vor 150 Jahren gab es bereits Menschen, die in der Lage waren, solche Blasen zu verlassen.

War das nun doch irgendwie ein Beitrag zum Hambacher Forst? Den Wald stehen lassen und Zäune verbrennen…

Epilog

Gerade erfahre ich noch, dass heute am Hambacher Forst eine Demo für das Abholzen stattgefunden hat. Eine RWE-Mitarbeiterin soll gesagt haben: „Seit wann ist eigentlich ein Baum mehr wert als ein Mensch?“ Das sind so Totschlag-Abholz-Argumente. RWE sollte ihr einen Grundkurs Ökologie bezahlen, damit sie mal eine Basisvorstellung davon bekommt, wie die Welt so ganz physikalisch-chemisch funktioniert und auf was es wann wo ankommt.

Des Moments

Ende 1987 war „Ella elle l’a“ von France Gall sogar in Deutschland ein Hit, diese Ode an Ella Fitzgerald im Gewand manieristischen französischen Pops. Aber der Song hat geknallt. Im Frühjahr 1988 war Lynx Gast bei einer Hochzeit. Im Garten des Landsitzes in der französischen Provinz war ein großes Partyzelt aufgebaut und viele stark schwitzende junge Menschen tanzten in die Nacht. Französischer Pop ist ja eine ganz eigene Welt, dass ein Titel hierzulande erfolgreich ist, hat doch allergrößten Seltenheitswert. Umso einfacher gelang die Völkerverständigung mit France Galls Hilfe: Merci, merci, merci! – Das Album Babacar von 1987 war wohl der Höhepunkt und zugleich Schlusspunkt ihrer musikalischen Karriere, wenige Jahre später erkrankte sie schwer und ist nun verstorben. Glaubt man Wikipedia, dann erinnert noch etwas nachhaltig an sie: Frank Sinatras My Way basiert offenbar auf der Verarbeitung von Trennungsschmerz ihres französischen Kollegen Claude Francois.

Die französische Provinz: unter dem Titel „Das lebendige Zucken der Landschaft“ bespricht Helmut Böttiger heute einen nun (nach 6 Jahren) in deutscher Übersetzung erschienen Essayband von Jean-Christophe Bailly: Le Dépaysement – Fremd gewordenes Land. Streifzüge durch Frankreich (SZ Nr. 5, 08.01.2018).
Lynx‘ erste selbst unternommene Auslandsreise führte mit dem Fahrrad tief hinein ins ländliche Frankreich und seitdem hat es ihn nie mehr losgelassen. Weil der Zeitungsartikel bebildert ist mit der Quelle der Loue im Jura, erinnert sich Lynx an eine der letzten Reisen, eine spätherbstliche Tour durch die Täler und zu den Quellen im Jura. Intensive Laubfärbung, in der Sonne glitzernder frischer Schnee. Entlegene Dörfer, triste Siedlungen, lebendige Kleinstädte, traurige Kleinstädte. Ein (häufig anarchistischer) Mikrokosmos von Versprechen und Verfehlungen. Selbst dort, wo es nur noch ärmliche Cafés gibt, gibt es immer noch tolle Supermärkte. Ein Durcheinander, das vielleicht gerade dabei ist, in eine neue Umlaufbahn zu starten? Mal sehen. Erstmal Bailly lesen…

Fotografie als Sprache und Diskurs?

„Fotografie ist keine Kunstform mehr, sondern eine Sprachform. Wir kommunizieren bereits damit, aber es fehlen noch klare Regeln, sozusagen ein Wörterbuch und eine ausgefeilte Grammatik. […] Der Kunsthistoriker Aby Warburg hat vor etwa 100 Jahren die These entwickelt, dass wir durch Bilder viel stärker geprägt werden als durch Worte. Laut Warburg werden die die größten Ideen durch Bilder übertragen, sie transzendieren Ideen und Glauben besser als Sprache. Wir erkennen in einem einzigen Augenblick auf sehr vielen Ebenen gleichzeitig, was ein Bild bedeutet. […] Bevor sie [die Bilder] vom Verstand auf Gehalt durchgefiltert werden, haben sie ihre Wirkung oft schon entfaltet. Bis hinein ins Allerkleinste sind Bilder Propaganda geworden, sogar für uns selbst…“

Frage: Nimmt bei dieser Entwicklung die Anzahl und Qualität diskursiver Bilder zu oder nicht?

Gespräch mit Leanne Shapton über Bilder, Süddeutsche Zeitung Nr. 271/2017, S. 54

Intransigentes Justamentnicht im Zeichen der Kornblume

Die Kornblume als politisches Symbol ist zurück. Die Kornblume, die sich FPÖ-Politiker gerne ans Revers heften, ist keineswegs die blaue Blume der Romantik, Symbol der Revolution von 1848 (H.C. Strache) oder die „Europablume“ (N. Hofer), sondern sie ist ein Abzeichen reaktionärer und rassistisch orientierter deutschnationaler Bewegungen des 19. Jh., wie der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 einräumen musste.

Die „Alldeutsche Vereinigung“ des Georg von Schönerer trug sie im Parteilogo, sie kann als eine Vorläuferorganisation der Identitären Bewegung gesehen werden. „Die Kornblume war ganz klar ein Symbol für die antisemitische Schönerer-Bewegung und diente in den Dreißiger Jahren den [in Österreich vor dem „Anschluss“] illegalen Nazis als Erkennungszeichen.“ (Oliver Rathkolb, Universität Wien, Kurier, 12.06.2016) Hitler wurde durch Schönerer wesentlich geprägt, wie er in „Mein Kampf“ ausführlich darlegt. Schönerer legte den Grundstein für Hitlers Denken, er war sein „geistiger Vater“, schrieb Hannah Arendt 1955 in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. (a.a.O)
Bis in die jüngste Zeit wurde v.a. in Österreich mit der Kornblume symbolisch politische Gesinnung vertreten und genau heute vor einem Jahr gab es in Wien einen Aufschrei und handfeste Proteste gegen den „Kornblumenball“ des FPÖ-nahen „Kulturring Favoriten“, der zum wiederholten Male stattfand.

Jetzt allerdings will die FPÖ in die Regierung und hat erst einmal Kreide gefressen. Zur Eröffnungssitzung des neu gewählten Parlaments hefteten sich die FPÖ-Abgeordneten ein neutrales kreideweißes Edelweiß ans Revers. (Süddeutsche Zeitung, 17.11.2017, S. 8) Ob diese Camouflage etwas nützt?

Die Geschichte der Kornblume als politisches Symbol ist umfangreich und spannend, sie soll ein andermal vertieft werden. An dieser Stelle aber noch eine wertvolle Trouvaille aus der kleinen Recherche, die ein schönes Schlaglicht darauf wirft, dass wir zur Zeit sehr alte Debatten wieder durchfechten müssen. Geschichte ist eben nicht linear, sondern entwickelt sich in Kreisen, vielleicht in Spiralen:

Noch kein Staat konnte auf die Dauer bestehen, in dem die Radikalen zur führenden Rolle gelangten. Um auf die politische Führung eines ganzen Volkes Anspruch zu machen, dazu gehört doch noch mehr als starke Lungen, gewandte Zungen und jener physische Mut, den auch der nächstbeste Bauernbursche auf einer Kirchtagrauferei bekundet; dazu gehört praktische Erprobung, ernste, jahrelange erfolgreiche Arbeit, dazu gehört besonnene Überlegung, die den jeweiligen Verhältnissen die angewendeten Mittel anpaßt und durch vernünftige Beschränkung auf das Erreichbare ihr Ziel auch wirklich erreicht.

Was sehen wir dagegen bei den Radikalen? Das Häuflein von fünf Männern will auch den anderen hundertfünfzig Vertretern der großen deutschen Parteien die politische Haltung vorschreiben, ein Verhalten, das im Wesen auf Randalieren, Skandalmachen, auf ein intransigentes [kompromissloses] „Justamentnicht“ hinausläuft, und wenn die Hundertfünfzig vor den Fünf nicht ducken, dann wird geschimpft und geschmäht, dann werden die besten Männer des deutschen Volkes vor die radikale Feme gestellt und als Verräter in die Pfanne gehauen.

So lange die ausschließlich privilegierten Patentdeutschen sich nur mit den Antisemiten herumschimpften, konnten wir Anderen, wenn auch angewidert von dem wüsten Lärm, am Kampfplatz weilen, auf dem sich die Anhänger der weißen Nelke und der blauen Kornblume mit keineswegs wohlriechenden Geschoßen bewarfen. Doch seit Kurzem gehen die Ritter von der Kornblume gegen nur Alle los, verhängen sie den nationalen Bann gegen Alle, die über die richtige Methode der wirksamsten Vertretung der nationalen Interessen sich eine eigene Meinung zu hegen erlauben.

Wiedergabe einer Rede des bedeutenden konservativen tiroler Politikers Karl Grabmayr (1848 – 1923) bei einer „Versammlung der politischen Vereine“ in Meran (Südtirol) im April 1898, in der er sich gegen die Ziele und die Taktik der radikalnationalen Fraktion wandte. Grabmayr war damals Abgeordneter für die Großgrundbesitzer im österreichischen Abgeordnetenhaus. (Mährisches Tagblatt, 19.04.1898, Seite 2)

Kirschblütenblattsturm – Leseempfehlung zur Haiku-Dichtung

Ein Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen. Rechtzeitig hat der Reclam-Verlag eine wunderbar edierte und gestaltete Anthologie zur japanischen Haiku-Dichtung auf den Markt gebracht:

Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten
Japanisch / Deutsch, Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller.
Reclam, Ditzingen. 2017. ISBN 978-3-15-011116-1

Der Band ist bestechend schön und einfach gestaltet, ganz klar in seiner Struktur bei einer überreichen Fülle von Gedankenblitzen und Assoziationen – wie es sich gehört für eine Sammlung von Haikus. Mehr als 300 Stück sind es, seit den Anfängen im 16. Jh. bis heute.

 

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Bildnachweis: Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Reclam 2017, S. 3

Jedes Gedicht wird auf einer Seite vorgestellt: im japanischen Original, in einer Transkription des japanischen Textes in lateinischer Schrift, in deutscher Übersetzung. Dazu Angaben zum Autor und eine kurze Anmerkung zum besseren Verständnis der Texte. Das ist kompakt, konzentriert und sehr schön anzusehen. Und hilfreich, denn die in Haikus verwendeten Metaphern sind in unserem Kulturkreis meist nicht direkt verständlich. Selbst wenn wir oberflächlich vielleicht einen Zugang finden, ist es dann doch in aller Regel sehr überraschend, welch ungeahnte Zusammenhänge und Anspielungen sich hinter diesen drei Zeilen aus 17 Silben verbergen können.

Vielleicht meinte deshalb eine gute Freundin, der ich den Band empfohlen habe, Haikus erschlössen sich ihr einfach nicht – und schickte mir dazu ihren Kommentar in Haiku-Form (ein in den USA offenbar beliebter Sticker):

Haikus confuse me
Too often they make no sense
Hand me the pliers

 

Die Editoren des empfohlenen Bandes beherrschen ihr Werkzeug und erleichtern mit ihren kundigen Anmerkungen den Zugang ungemein. Sie nehmen uns an der Hand und führen uns ganz behutsam ein in das vertrackte Labyrinth. Gleich das erste Haiku, eines der ältesten von Yamazaki Sōkan, macht es uns noch recht einfach und ist vortrefflich geeignet, um in einem Blog erwähnt zu werden:

Die Hände am Boden
intoniert er in großer Pose
seinen Gesang – der Frosch

 

Ein vielstimmiger Chor sind die Blogs dieser Welt und alles in allem wohl ein ganz schönes Gequake. Da will ich mich selbstversändlich nicht ausschließen.

Drei Zeilen mit je 5 – 7 – 5 Moren/Silben und einen Jahreszeitenbezug: mehr braucht es rein formal nicht für ein Haiku. Sollte doch ganz einfach sein. Aber wie so oft schreibt es sich viel leichter ausschweifend, als einen oder womöglich eine ganze Reihen von Gedanken in dieser kleinen Form zu verdichten und treffend zum Ausdruck zu bringen. Immer wieder einmal habe ich selber damit gespielt, viel Brauchbares ist nicht dabei herausgekommen. Aber das folgende Haiku aus dem April 2009 ist vielleicht doch nicht so verkehrt, entstanden bei einer Autofahrt:

eintauchen in den
kirschblütenblattsturm vor dir

die windschutzscheibe

Longobardi

So unermesslich ungleich zeigt sich uns das nämliche Volk auf dem nämlichen Landstriche, wenn wir es in verschiedenen Zeiträumen anschauen. (Friedrich Schiller, 1789)

Thomas Steinfeld zitiert aus Schillers Ausführungen zur „Universalgeschichte“ anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung über die Langobarden in Pavia. Einwanderer des frühen Mittelalters in Oberitalien, die ursprünglich von der unteren Elbe kamen. – Kann man der Argumentation der „Identitären“ eleganter die Luft ablassen?

Für längere Diskussionen mit Rechten (ist so etwas überhaupt denkbar?) haben Per Leo, Max Steinbeis und Daniel Pascal Zorn den Leitfaden „Mit Rechten reden“ geschrieben (Klett-Cotta, Stuttgart 2017) und Axel Rühle hat dazu ein Gespräch mit den Autoren geführt. Neben den Handreichungen für’s kluge Arumentieren geht es ihnen auch darum, „den Zuschauern dieses permanente Kreisgehüpfe vorzuführen“, das rechte Wortführer vollführen. Schön beobachtet.

(SZ Nr. 236, 13.1.2017)

Breitenstein

Ein Lieblingsort, hart am Abgrund, aber mit sehr weitem Blick: der Breitenstein am Nordrand der Schwäbischen Alb. Im Dörfchen Ochsenwang nahebei war Eduard Mörike eine Zeit lang Pfarrverweser und hat hier einige seiner schönsten Gedichte geschrieben. Auch er hatte hier oben einen seiner Lieblingsplätze oder besuchte die benachbarte Burg Teck, der er eines seiner bekanntesten Gedichte gewidmet hat (Auf der Teck, 1830). Dort heißt es refrainartig:

Laß denn, o Herz, der Qual
Froh dich entbinden
Wirf sie ins tiefste Tal
Gib sie den Winden!

1830 war auch keine rundherum bequeme Zeit und auch er musste sich mitunter gehörig Luft verschaffen, heraus aus Bedrücktheit, Miefigkeit, Enge der Verhältnisse. Und die Weite in den Blick nehmen. Heute war dort oben schon etwas vom nahenden Winterende zu spüren, mildere Luft vom Atlantik her. Das blaue Band lässt der Frühling noch nicht flattern, aber bald, man ahnt es schon.

Wilderness Road

Historische Siedlung "Martin's Station" an der Wilderness Road bei Cumberland Gap
Historische Siedlung „Martin’s Station“ an der Wilderness Road bei Cumberland Gap/Virginia, (c) Lynxblox 8/2007

Der letzte Mohikaner von J.F. Cooper ist in einer neuen und erstmals vollständigen deutschen Übersetzung erschienen, 187 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1826. Über 650 Seiten. Was wird es da alles zu entdecken geben. Werden doch, so kurios es erscheint, die eigenen Wurzeln berührt. Der Eintritt in die Welt des Lesens war zugleich der Ausblick auf weite, unerforschte Landschaften. Ein hartgesottener und zugleich sensibler Kundschafter an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis war der treue Begleiter. Nathaniel Bumpoo sein Name, nur für schlichtere Gemüter war er einfach der „Lederstrumpf“.

Früh regte sich das Interesse, wer dahinter stecken könnte und ob es einen konkreten historischen Bezug gab. Als häufigstes Vorbild für die Romanfigur Coopers wird Daniel Boone genannt, zu dem es vielerlei Bezüge gibt, doch auch andere Figuren der Fronteer-Zeit sind eingeflossen. Daniel Boone, der Erschließer Kentuckys. der „Trailblazer“, der die „Wilderness Road“ schlug, den Pfad durch die Appalachen, durch die Kerbe der Berge bei Cumberland Gap. Die Lücke, die Öffnung für den Weg der Siedler nach Westen bis hin zum Missouri, Ende des 18. Jahrhunderts.

Kentucky wurde als ein Garten Eden wahrgenommen, eine landschaftsparkartige Gegend, hügelig, nicht zu dichter Wald im teils verkarsteten Gelände, äußerst wildreich. Thomas Steinfeld schreibt in seiner Buchbesprechung, dass die amerikanische Landschaft als „das gelobte Land, eine ganz und gar ursprüngliche, paradiesische Gegend, in der sich wahrhaft freie, an der Natur gebildete und daher weise Menschen bewegen.“(1) Und dass genau dieser überhöhte, mit sozusagen vermessenden Abstand genommene Blick auf die Landschaft ihre Inbesitznahme, Kultivierung, ja auch Zerstörung einleitet. Der Kundschafter Bumpoo/Boone lebt ein (idealisiertes) freies Leben an der Grenze zur Wildnis, zum Offenen, und leitet damit zugleich ihr Ende als Zone der Freiheit ein, in dem er den Weg ebnet für die Siedler, die Holzfäller, die Goldgräber, die Geschäftemacher, die ganzen Dumpfbacken, die sich nehmen, was sie nur kriegen können. (Wie verhält sich das heute mit unseren „Pionieren“ im Alpinismus beispielsweise?)

Bereist man heute die Wilderness Road, dann wird einem die im Rückblick rein funktionale Rolle der Kundschafter schnell klar: es ist immer noch eine eher abseitige, dünn besiedelte Gegend im „Dreiländereck“ von Virginia, Kentucky und Tennessee. Mittelgebirgslandschaft, weitab von den Metropolen diesseits und jenseits von Cumberland Gap. Die Leute sind durchgezogen, an der Wende zum 19. Jh. zu Zigtausenden. Haben den Mittleren Westen und dann den Westen erschlossen. Haben Omaha und Las Vegas gegründet.
Hier ist Appalachia, das Land von Bluegrass, Siedlerromantik und Daniel Boone, wo Amerika, wenn es das Bedürfnis hat, sich mental stärkt, bevor es wieder zum Tagesgeschäft übergeht – oder seinem verlorenen Traum nachtrauert.

Quelle:(1) Thomas Steinfeld. Die Vertreibung aus dem amerikanischen Paradies. SZ Nr. 58 v. 9./10.3.2013, S. 19

Die Kunst zu sehen

Man sieht nur, was man weiß.

Dieser Satz wird J.W.v. Goethe zugeschrieben und er soll angeblich in der Italienischen Reise zu finden sein. Da bin ich nicht fündig geworden. Und offenbar hat er ihn in dieser Formulierung, die wohl als redensartliche Verkürzung zu verstehen ist, nie verwendet. Ähnliche Formulierungen finden sich allerdings bei ihm mehrfach. So hat er bei einer „großen Abendgesellschaft“ am 25. April 1819 „über die Kunst zu sehen“ gesprochen:

»Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht. Oft sieht man lange Jahre nicht, was reifere Kenntniß und Bildung an dem täglich vor uns liegenden Gegenstande erst gewähren läßt. Nur eine papierne Scheidewand trennt uns öfters von unsern wichtigsten Zielen, wir dürften sie keck einstoßen und es wäre geschehen. Die Erziehung ist nichts anders als die Kunst zu lehren, wie man über eingebildete oder doch leicht besiegbare Schwierigkeiten hinauskommt.«(1)

Ich erinnere mich an meine ästhetische Grundausbildung, als unser Professor mittels mehrere Stunden andauernden Dia-Doppelprojektionen unseren Sehsinn schulte. Als Durchhalteparole gab er da hin und wieder auch den Goethe-Satz aus: Man sieht nur, was man weiß. Also Augen auf und durch!

Johannes Fried (2) hat den Grund-Satz zur Wahrnehmung um eine neue, zeitgemäße Variante bereichert:

Ich sehe, was ich in Worte fassen kann.

Großartig! Der Satz stammt zwar aus der Besprechung eines Buches über den Stilwandel von der Romanik zur Gotik, doch welch treffende bündige Beschreibung des allgemeinen Social-Network-Geblubbers. Ach ja, das Buch hat ein „Medientheoretiker“ verfasst.

Quellen:
(1) aus Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896, bei Zeno.org
(2) J. Fried: Im Kirchgarten brach der Autor einen Apfel vom Baume. SZ Nr. 56 v. 7.3.2013, S. 14