Martin Sichert (AfD) drückt sich

Täuschen, tarnen, irreführen, wegducken – bevorzugte Praktiken der ach so aufrechten AfD. Ein aktuelles Beispiel liefert der Landesvorsitzende der AfD Bayern, Martin Sichert.

Schüler des Gräfelfinger Kurt-Huber-Gynmasiums (KHG) erarbeiten gerade in einem P-Seminar in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) eine Radiosendung zum Thema „Weiße Rose“. Die Thematik hat Tradition am KHG, war doch der namengebende Kurt Huber selbst bekennendes Mitglied der Weißen Rose und wohnte zuletzt in Gräfelfing, bis er vom NS-Regime hingerichtet wurde. In Projekten und Veranstaltungen hält das KHG das Gedenken an Huber fortlaufend wach und versucht bei den Schülern den kritischen Blick auf die Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart zu schärfen. In diesem Zusammenhang setzt sich das aktuelle P-Seminar auch mit der Frage nach einem Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD auseinander, der sich beispielsweise ausdrückt im Wahlplakat ‚Sophie Scholl würde AfD wählen’, das die AfD in Nürnberg 2017 publiziert hatte. Zur Fragestellung eines möglichen politischen Missbrauchs wurden verschiedene Politiker, Intellektuelle und der Sohn von Kurt Huber vom P-Seminar befragt. Weil die AfD direkt angesprochen war, hat man, in Absprache mit dem BR, entschieden, auch die AfD mit diesem Vorwurf zu konfrontieren. Zur Aufklärung dieser Frage wurde Martin Sichert zu einem Gespräch in die Schule eingeladen.

Ergebnis: Martin Sicher postet nun in den sozialen Medien, z.B. auf Facebook, er habe einen „spannenden Termin“ bei Schülern des KHG gehabt. Sie hätten mit ihm über die Weiße Rose sprechen wollen, „Menschen aus dem Bürgertum“, „die in einer Zeit, in der fast alle Mitläufer des Systems waren, Ereignisse kritisch hinterfragt haben und den Mut hatten, ihre Kritik auch öffentlich zu äußern.“ Insofern seien sie für ihn ein persönliches Vorbild. (Facebook Eintrag von Sichert am 25.01.2019)

Hört sich doch nett und harmlos an, oder nicht? Allerdings vergisst Sichert in seiner ausführlichen Beschreibung der Weißen Rose einen Hinweis darauf, um welche Zeit es sich gehandelt hat. Nationalsozialismus ist bei der AfD offenbar ein Tabu-Wort oder Sichert kann es einfach nicht aussprechen, zu eklig. Ein Vogelschiss-Wort: weg damit. Wichtiger sind ihm Worte wie „Mitläufer des Systems“ (das sind wir) und Mut zu öffentlicher Kritik (den hat nach seiner Lesart nur die AfD).

Und was erfährt man gar nicht? Die Antwort auf die Frage der Schüler: Gibt es einen Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD? –  Kein Wort dazu. Oder doch? Ist nicht die Art, wie er über den Termin berichtet, ein weiterer Beleg dafür, wie die AfD (und die anderen Faschisten) alles für ihre Zwecke instrumentalisieren, jeden Finger den man ihnen reicht, jedes Stöckchen, das sie erhaschen können? Auch das Gedenken an die Weiße Rose. Insofern hat Sichert mit seinen zurechtgestutzten „Fake News“ indirekt und unbewusst doch die Antwort gegeben und den Beleg erbracht. Es ist nun an den Schülern, das fein säuberlich zu exegieren. Viel Erfolg dabei!

Weil Sicherts Tritt ins Fettnäpfchen nicht so leicht zu erkennen ist, hat das KHG dennoch eine sofortige Richtigstellung zu dem Termin veröffentlicht, wo es fettgedruckt heißt: Die Darstellung von Herrn Sichert auf Facebook und Twitter ist in diesem Zusammenhang irreführend, da es sich nicht um eine Diskussion zum Thema Weiße Rose handelte, sondern in erster Linie um seine Stellungnahme zum Vorwurf des Missbrauchs der Erinnerung an die Weiße Rose im Rahmen eines Interviews!

Tja, Sichert, Butter bei die Fische: wie haltet ihr es denn nun mit dem Gedenken an Nationalsozialismus, Judenvernichtung und Widerstand, heute, am Holocaust-Gedenktag? Hat sich mit Frau Knobloch schon etwas Neues ergeben, außer dass ihr immer noch mehr Schmutz versucht über sie auszukippen? (Kein Facebook-Eintrag heute von Sichert)

Lynx, der alte Indianer sagt: ihr sprecht mit gespaltener Zunge.

Bildrechte: Wikipedia, verändert

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AfD in Bayern zieht blank

Im Bayerischen Landtag fand heute eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt, bei der, neben anderen Holocaust-Überlebenden und Naziopfern, auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eine Rede hielt. In der griff sie die AfD direkt und scharf an:

„Heute und hier ist eine Partei vertreten, die diese Werte [der freiheitlichen Demokratie, Anm. Lynx] verächtlich macht, die die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlost und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu unterhält […] Diese sogenannte Alternative für Deutschland gründet ihre Politik auf Hass und Ausgrenzung und steht – nicht nur für mich – nicht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung.“

Darauf verließen die meisten AfD-Abgeordneten das Plenum, nur vier blieben zurück und muteten sich zu, was  Knobloch, selbst eine Überlebende des Naziterrors, ihnen zu sagen hatte. Respekt vor diesen vieren – doch der Rest? Die Vogelschiss-Partei hat, einmal mehr, die Maske fallen lassen. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – oder doch?

Etliche der rechten Agitatoren und erklärten AfD-Sympathisanten, die vornehmlich von ihrem Islam-Hass getrieben sind, machen ja immer einen auf Verbrüderung mit Israel und den Juden, geben sich gar als Juden-Beschützer aus. Der Blogger und Aktivist David Berger tut sich da immer besonders hervor und ist entsprechend aufgeschreckt. In einer prompten Reaktion wirft der ewige Ministrant Berger, der Zeitzeugin Knobloch „schamlosen Missbrauch“ der Gedenkveranstaltung vor und wiederholt die auf seinem Blog verbreitete Unterstellung, Knobloch würde „immer wieder durch beleidigende, Nationalsozialismus und Holocaust bagatellisierende Aussagen“ auffallen.

Welche Veranlassung sollte sie haben, ihr persönliches Leid, das ihrer Familie und ihres Volkes zu bagatellisieren?

Wie kommt so ein windiger Prediger wie Berger dazu, so etwas zu unterstellen?

Er tut ja gerade so, als würde Knobloch justitiabel agieren – möchten Berger und seine Gesinnungsgenossen jetzt offizielle Vertreter der jüdischen Gemeinde vor Gericht zerren, um den Juden ihre Sicht auf ihre eigene Geschichte zu verbieten? Oder will er einfach nur behaupten, die Faschisten wüssten besser, wie man Holocaust zu interpretieren hat? Nämlich als Vogelschiss in der langen deutschen Geschichte? Oder kann mir einer erklären, wie sonst ein Schuh draus wird?

Quelle: Süddeutsche Zeitung 23.01.19 – Dort auch ein Video der einschlägigen Passage.

Zündler

Neulich meinte ich ja, die Rechten würden ihr Denken und ihre Absichten verschleiern, bewusst unklar reden, damit man ihrer nicht habhaft werden kann. Stimmt so nicht ganz. Manchmal muss man sich mühsam durch den Schwulst ihrer Schreibe arbeiten, bis man dann an die Stellen vordringt, wo es aus ihnen herausbricht. Beispielhaft, weil höchst aktuell: Götz Kubitscheks Rückblick auf 2018, ein Blogbeitrag in der Sezession vom 01.01.2019 (Hervorhebungen Lynx):

[…]viele Gespräche mit AfD-Politkern, mit den Protagonisten von örtlichen und überregionalen Protestbewegungen, mit bewährten und möglichen Autoren, mit Wissenschaftlern, die sich um die neue AfD-Stiftung zu sammeln beginnen, mit Verleger-Kollegen, mit Blog-Betreibern, mit Intellektuellen aus den anderen Lagern[…] Unsere Leitfragen sind in solchen Gesprächen stets dieselben: Ist der Ernstfall (also der Verteidigungsfall der eigenen Kultur) in Deutschland ausgeschlossen? Wenn nicht: Wann, wenn nicht jetzt, wäre eine resolute und konsequente Reaktion angemessen? Und zuletzt: Wie kann es gelingen, die für einen „Aufstand für das Eigene“ notwendige Energie zu wecken und zu bündeln? […]
Darf ich die Gespräche zusammenfassen? Wir suchten nach einer Antwort, fanden aber keine. Die Begriffsfindungspräzision, die Erklärungsschärfe, das Auffindungsnetz – unser Milieu (im weitesten Sinne) hat alles, kann alles, weiß alles, um Kampagnen gegen die Schwätzer, Lügner, Lückner und Deppen der Gegenseite zu fahren; aber hat es einen Entwurf von effektivem, entschlossenem, aufräumendem Regierungshandeln, eine Vorstellung vom Härtegrad des Durchgriffs?

Nahezu zeitgleich mit der Freischaltung von Kubitscheks Beitrag hat in Bottrop und Essen ein Mercedesfahrer versucht, Ausländer totzufahren. Nach dem, was bisher von der Polizei zu hören ist, seine Interpretation einer resoluten und konsequenten Reaktion. Ob die Polizei im Zuge der Ermittlungen seine Browser-Chronik durchforstet? Die Beiträge der Sezession sind regelmäßig durchsetzt mit solchen Aufforderungen zur Selbstermächtigung. Dort sitzen die Zündler (unter anderem). Auch in Amberg ist das jetzt zu beobachten, nachdem dort vor  Silvester junge männliche und sehr besoffene Asylbewerber unkontrolliert um sich geschlagen haben, was zu einigen Verletzten geführt hat. Angeblich patrouillieren dort jetzt „Bürgerwehren“. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man behauptet, ihre Rechtfertigung sei der Verteidigungsfall der eigenen Kultur.

Nicht nur, dass Kubitschek hier klar und deutlich redet, nein, er belegt auch die These, dass es ihm und Seinesgleichen darum geht, das Primat des Rechts durch das Primat der Politik zu ersetzen – mithin: gegen die Verfassung zu agieren, die verfassungsmäßig geschützten Freiheitsrechte jedes einzelnen Bürgers auszuhebeln und durch ein aufräumendes Regierungshandeln zu ersetzen. Oder in einem Aufstand das Gewaltmonopol des Staates zu attackieren. Freilich werden sie jetzt einwenden, es ginge nur um einen „Aufstand“ an der Wahlurne, dort werde man sich die rechtliche Legitimation abholen. Ändert aber nichts: so lange die AfD und die Neue Rechte die Schutzrechte der Verfassung nicht akzeptieren und sie durch das Recht des Stärkeren oder der politischen Mehrheit zu ersetzen suchen, mithin das Primat der Politik über das Recht durchsetzen wollen, so lange wenden sie sich gegen das Grundgesetz. Hier darf man, als unbescholtener Bürger und Verfassungspatriot, eine resolute Reaktion des Staates erwarten.

Nachweihnacht

Kein Rührstück in vier Tageszeiten aus der Endzeit des Jahres 2018.
Die Betroffenen:

  • Die Großeltern: Großmutter Edeltraud, Großvater Herbert, Pflegerin Milena. Herbert und Edeltraud stammen aus der Weimarer Republik, sind großgeworden im Dritten Reich, hineingewachsen in das, was danach kam und ganz gut damit zurecht gekommen. Druckauflagen von Schulatlanten nach 1945 sind ihnen nicht so geläufig. Wohnen noch im eigenen Haus. Milena stammt aus der Region Osteuropas, die sich jetzt gerne Mitteleuropa nennt. Staaten, wo die Leute instinktiv das richtige tun, aus Lebenswillen, und die Politik instinktiv das falsche, aus empfunden gekränkter Eitelkeit. Milena ist wenig älter als Sabine, die Tochter von Herbert und Edeltraud.
  • Die Eltern: Mutter Sabine, Vater Frank, als erste Generation geboren in der noch existenten Bundesrepublik, Babyboomer par excellence. Hängen auch an ihrer Kindheit, trotz RAF eine offene Zeit. Sind schwerpunktmäßig aber mit den Niederungen des Alltags beschäftigt. Wollen es allen recht machen, den Kindern, den Großeltern, den Kunden, den Arbeitgebern, den Freunden und Bekannten…
  • Die Kinder: Tochter Laura und Sohn Felix, Wendezeitkinder, flügge und altersgerecht schwankend zwischen Zukunftsangst und Aufbruchstimmung. Wohnen nicht mehr zuhause, sind über Weihnachten zu Besuch bei den Eltern, teils aus Anstand, teils aus Verbundenheit, teils, weil es immer noch schön ist.

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Mantra #6

Der Nationalismus ist ein Sprudel, in dem jeder andere Gedanke versintert. (Karl Kraus)

Neulich wurde mir geraten, Karl Kraus zu lesen. Ich hatte mich in einem kleinen Schlagabtausch mit Kameraden auf rechts für solide und bezahlte Pressearbeit ausgesprochen, also pro „Lügenpresse“. Da kamen sie mir mit Karl Kraus, weil der so schön gegen Journalisten gewettert und kaum ein gutes Haar an ihnen gelassen hat. In Einzelfällen ja durchaus zurecht. Aber in der Summe? In der Summe war Kraus ein Mensch mit übergroßem Ego und ausufernder Misanthropie, seinem späteren österreichischen Kollegen Thomas Bernhard nicht unähnlich. Überaus produktiv, vor allem im Hervorbringen von teils brillanten Aphorismen. Aber hauptsächlich sprach- und selbstverliebt. Und etwas besessen von „Reinheit“, im Denken, im Sprechen, von fast jakobinischer Radikalität mit einem gehörigen Schuss Antiliberalismus zuweilen. Also eine Menge Gründe, warum Lynx einen Bogen um ihn macht, so etwas mag er nicht, und sei es noch so – großartig? Die Rechten halten ihn wahrscheinlich wegen seiner griffigen Verbalattacken für einen Vorkämpfer der „Meinungsfreiheit“, wie sie sie verstehen, und gegen „verordnete Sprache“ (pc).

Jedenfalls erforderte die Aufforderung zur Kraus-Lektüre eine knappe Replik. Und wie das mit Aphoristikern so ist: etwas Treffendes findet sich immer. Allerdings finde ich das Bild vom Nationalismus als „Sprudel“ wirklich wundervoll – ließe sich dieses zum Überschäumen neigende Phänomen, das gerade wieder erheblichen Druck entwickelt, treffender beschreiben? Und dann, ganz nebenbei, wird auf das Phänomen natürlich kohlensäurehaltigen Wassers verwiesen, das gelösten Kalk mitführt, der sich, bei Kontakt mit der Umgebungsluft, ablagert, Sinterbildungen hervorbringt (die sogar recht malerisch sein können, wie das Bild zeigt). Quasi ein zwangsläufiger, ganz natürlicher Zusammenhang. Und begegnet uns diese geistige Erstarrung nicht ständig bei (versuchten) Diskussionen mit Nationalisten und anderen Neuen Rechten? Dieses ewige „sprudelnd“ um sich selber Kreisen, das zu immer neuen verhärtenden Ablagerungen führt.

Kraus’ Aphorismus zum Nationalismus wurde wegen seiner feinen Spitze vom Duden geadelt und in den Zitatenschatz zu diesem Stichwort aufgenommen. Dort findet sich auch ein Satz von Theodor Heuss, der uns in die Gründungszeit unserer Republik zurückführt und uns darauf hinweist, warum unsere Verfassung so formuliert wurde, wie sie geschrieben steht:

Jedes Volk hat die naive Auffassung, Gottes bester Einfall zu sein.

Tischwahlkabine

Man muss kein Parteigänger der CDU sein, um festzustellen: dieser Hamburger Parteitag war eine Sternstunde unserer Demokratie. Und die Bilder davon kann man nicht genug in die Welt verbreiten. Allein die Idee mit der Tischwahlkabine: herzliche Grüße nach China. Und ich bekenne mich schuldig: das offensive zur Schau tragen von schwarz-rot-gold war mir immer suspekt bis unangenehm. Allein über den Verstand konnte ich mir allmählich erschließen, dass das für unser Land nicht die schlechteste Trikolore ist, wir hatten schlechtere. Aber das Delegierten-Halsband der CDUler: so kann man durchaus unsere Nationalfarben tragen. Nicht Fahnen schwingen, sondern konstruktiv arbeiten. Zur Sache. Auch Merkels Abschied war groß, im Stil wie in der preußisch-gepflegten Selbstironie. Wo findet man das noch auf der Welt, aktuell?


Bildquelle: RT Deutsch (sic!)

Moshe, Amin und Leila/Kim

Als wir hinaustreten in die dunkle, kalte Nacht der Straße und hoffen, dass bald die Tram kommen möge, fragen wir uns: wo war der Erkenntnisgewinn? (und erfahren bei der Nachlese, dass auch andere sich diese Frage schon stellten.) Zwei Stunden eingezwängt im Theater, Entkommen gilt nicht. Auf dem Herweg erscholl vor der Residenz der Ruf des Muezzins, den die Angstmacher auf rechts seit geraumer Zeit aufführen, während die reichen Araber vom Golf gerade ihre Shoppingtour beendeten und in ihre geliehenen Ferraris einstiegen. Jetzt, in der Tram sitzt neben uns ein wohlhabendes israelisches Paar und unterhält sich lautstark (warum sind Israelis häufig laut und dominant im Auftreten?). Wir zuckeln weiter in die Nacht.

„Die Attentäterin“ ist die Dramatisierung eines Romans von Yasmina Khadra alias Mohammed Moulessehoul, die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen besorgte Amir Reza Koohestani. Die Geschichte spielt zunächst in Tel Aviv und endet in Bethlehem, es geht um einen katastrophalen Selbstmordanschlag in einem Einkaufszentrum, bei dem viele Kinder umkommen. Ausgeführt wurde er von einer Frau, die als säkular-moderne Israelin bekannt war, und die mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Chirurgen, beide Palästinenser, dabei war, sich wohnlich einzurichten in Israel, auf dem Weg nach oben. Der ahnungslose Mann, Amin, notoperiert die Opfer und wird erst dann mit der Wahrheit über seine Frau, Sihem, konfrontiert, die ein Doppelleben als (künftige) Märtyrerin führte. Amin will verstehen und reist zurück in ihrer beiden Heimat Bethlehem, wo er seit zwanzig Jahren nicht mehr war – entgegen aller Warnungen, da gäbe es nichts zu verstehen und er gefährde nur sich und seine Familie.

Diese Geschichte erlebt man mit als Abfolge von Gesprächen an einem langen Tisch. Gespräche als Aneinanderreihung von Stereotypen über den Nahostkonflikt, über Israelis und Araber, vorgetragen im Duktus von alltäglichen Gesprächen unter Freunden und in der Familie. Dazu gesellt sich die Verhörsituation zwischen Moshe und Amin, auch sie so banal und dramaturgisch vorhersehbar wie bei einem Polizeiruf der ganz alten Sorte. Die Selbstbefragung der Akteure, warum dies alles sein müsse, bewegt sich im arrondierten Bezirk der eigenen Lebenswelt, des nur eigenen Erfahrungshorizonts. Alle sind gleichermaßen umgeben von perfekter Überwachungstechnik, die auf der Bühne als automatisierte Kameras agiert, und dennoch passieren die Anschläge und Einschläge, offenbar bis in alle Ewigkeit. Wie soll uns das weiterbringen, wo ist Licht?

Betont beiläufig, mal als Scherz des Penisvergleichs, mal als Lebenserinnerungen alter Männer, wird darauf verwiesen, dass der ganze Konflikt letztlich nichts anderes ist als ein Bruderkrieg, zwischen Brüdern aus inzwischen seit langem verfeindeten Familien, wo jeder den anderen nach Strich und Faden quält und zur Begründung die jeweils selbst erlittene Qual anführt. Maja Beckmann spielt zunächst Amins jüdische Kollegin Kim, später seine Schwester Leila. Am Tuscheln der Zuschauer um einen herum merkt man, dass der Regietrick funktioniert: man braucht eine Weile, bis man merkt, dass Leila nicht mehr Kim ist, so deckungsgleich sind Artikulation und Charakterzeichnung als handfest-pragmatische, gleichwohl empathische Frau, die dennoch nur die Opfer der eigenen Seite wahrnehmen und beweinen kann. Und so endet das ganze vorhersehbar in gewaltsamem Tod, Nacht, Kälte, Verwesung. Um sich unaufhörlich zu wiederholen.

Ja, die Inszenierung treibt einen an den Rand der Verzweiflung. Warum muss man sich zwei Stunden lang anschauen, was man eh schon weiß, oft genug schon imaginiert bekommen oder selbst zu ergründen versucht hat? Ohne dass ein Weg aufgezeigt wird, ein Hoffnungsschimmer? Oder dass klassische Katharsis passiert? Nichts davon, gar nichts. Was für ein subkutan-subversiver Akt!

Ein Gedanke schleicht sich dann doch ein, auf der dringlichen Suche nach Erklärung. Diese Familienclans: Mafia, Blutrache, tribale Strukturen überall. Sind nicht beide Religionen, Judentum und Islam, Stammesreligionen, hervorgegangen aus den Nomadenzelten der Wüste? (Und, in diesem Kontext nur ein gedanklicher Nebenast: ist nicht das Christentum unter den Weltreligionen semitischen Ursprungs die einzig urbane?) Ist es nicht dieser Tribalismus im Kern dieser Religionen, der überwunden werden muss? War es nicht eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung freiheitlich-demokratischer Gesellschaften, dass Menschen es gewagt haben, sich aus den Zwängen, Fesseln der Familien zu lösen? Nicht zurückgekehrt sind an Mutters Tisch und zu Vaters Welterklärung? Das ewige Festhalten an familiären Traditionen, nichts anderes als ein Clan-Kodex: liegt nicht dort der Kern des Übels? Haben wir nicht inzwischen seit langem einen Kodex namens Verfassung, der in der Lage ist, eine Gesellschaft zu befrieden – wenn man ablässt vom Gesetz der Familie, der Abstammung?
Und wie halten wir es mit einwandernden oder wiederkehrenden Riten des Tribalismus? Muss diesem Unwesen eine Republik nach 1789, 1918 und 1945 nicht unmissverständlich und durchsetzungsstark einen Riegel vorschieben?

Geschickt gesät vom Autor/Regisseur. Nicht-erfüllendes Theater mit nagender Nachwirkung. Dass es ein feministischer Akt von Frauen sein soll, als Selbstmordattentäterin zu agieren, das wurde allerdings nicht recht plausibel. Eher setzte sich der Gedanke fest, dass Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft offenbar selbst dann noch affirmativ agieren, wenn sie es eigentlich besser wüssten. Auch da hat die griechisch-urbane Antike die besseren Mythen.


Bildrechte: Münchner Kammerspiele, verändert

Buschfunk 0.0

Wir wissen, weil wir nicht wissen. So in etwa hat sich Frauke Petry geäußert in einer Gesprächsrunde, zu der die Süddeutsche Zeitung in Dresden eingeladen hatte. Geladen waren prominente und engagierte Alt- und Neudresdner verschiedener politischer Couleur und es sollte darum gehen, warum die „Brüche der Gesellschaft“ gerade in Dresden so offen zutage treten.

Lynx liest so was beim Frühstück, seit Jahrzehnten. Neulich wurde ihm von einem Kontrahenten aus dem Dunstkreis von Kubitschles Sezession vorgeworfen, er argumentiere „frei von der Leber weg“. Nun, die Leber gilt als Hauptwohnsitz der Gesundheit von Körper und Geist, seit Urzeiten. Nicht umsonst hat Zeus dem Frevler Prometheus zur Strafe den Adler geschickt, der ihm tagtäglich die Leber heraushackte. In der Leber sitzt der wahrhaft gesunde Menschenverstand, das ist den Göttern, den echten und selbsternannten ein Dorn im Auge, also raus damit. Ist die Leber perdu, wird es mit dem Rest auch nix mehr. Also auf Lebergesundheit achten, was solchermaßen aus dem Bauch kommt, kann nicht ganz verkehrt sein. Doch was hat das mit Dresden zu tun?

Wie gesagt, Lynx liest und verdaut das Gelesene, kaut es mal gut durch, schluckt anderes schnell hinunter und hofft, es gehe ohne Bauchgrimmen ab und würde die Leber nicht vergiften. Im Dresden-Gespräch nun tauchte ein Bissen auf, der von irgendwie ledriger Beschaffenheit war und auf dem etwas herumzukauen ist. Frau Petry hat ihn serviert und er geht so:

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Bierdeckel-Kompass

Seit man keinen Kompass mehr braucht, um sein Ziel auch in unübersichtlichem Gelände zu erreichen, scheint manchen Menschen das Orientierungsvermögen abhanden zu kommen. Den Kompass konnte man nur sinnvoll nutzen, wenn man seine Anzeige mit der realen Welt um einen herum in Beziehung setzte, ja, manchmal musste man peilen. Braucht es nicht mehr: man starrt auf das Smartphone-Display, lässt sich vom GPS leiten und stolpert blind und ahnungslos vor sich hin. Das Drumherum nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Und wenn man seine Apps und Dienste „richtig“ eingestellt hat, dann kriegt man eh nur noch das angezeigt, was einen „interessiert“, Anderes spielt eigentlich keine Rolle mehr, wahr ist, was auf dem Display steht. Doch die Welt bleibt ein unübersichtlicher Wald und ein guter Kompass hilft immer noch.

Auf einem Bücherflohmarkt ist mir beim Herumstreunen ein kleiner Schatz in die Hände gefallen, eine Sammlung von Aufsätzen als Nachbereitung eines Kongresses, der im Dezember 1986 in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Internationale Design Zentrum Berlin (IDZ) und es ging um „Design der Zukunft“. Intellektuelle aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Denkrichtungen trugen den Stand ihres Wissens zusammen und tauschten sich aus, unter Leitung des kundigen Fährtensucher Lucius Burckhardt (den wir immer noch schmerzlich vermissen). Natürlich ging es um die Doppelsinnigkeit des Themas, mit einer gewissen Unwucht aber vorrangig um die Fragestellung, wer unsere Zukunft macht, welche Spieler auf dem Spielfeld sind und welchen Impulsen oder Zielvorstellungen sie folgen.

Michael Thompson, ein britischer Mathematiker, Anthropologe und Querdenker, der sich mit Kommunikationsprozessen von Entscheidungsträgern beschäftigt, hat den Spielball aufgegriffen und einen instruktiven Kompass entworfen, der tatsächlich auf einen Bierdeckel passt, und einem hilft, sich gesellschaftlich zu verorten und die eigenen Interessen besser kennenzulernen und zu verfolgen. Ganz nebenbei ist es ein großer Spaß, allerlei andere Dinge, die um einen herum passieren, einzuordnen oder sie zumindest mittels dieses Kompasses einer kleinen Überprüfung zu unterziehen.

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Authentizitätssimulant?

Friedrich Merz ist auferstanden – am 501. Reformationstag (der alte Katholik)! Die alte Bundesrepublik des rheinischen Kapitalismus lebt und die Ossis finden es toll. Endlich kommt das, was sie immer schon wollten: Kohle. Ohne den sonstigen Firlefanz einer modernen Gesellschaft (so die Illusion). Kann es sein, dass die Vergangenheit wiederkehrt? Kann es sein, dass Vergangenheit sich läutert und gegenwärtig wird, ohne abgeschmackt, ohne illusorisch zu sein? Die AfD packt jedenfalls schon mal die sieben Sachen, wird sich schon ein Inselchen finden, das noch nicht unter Wasser steht.
Schon komisch: nach all den ‚Zumutungen‘ der Merkel-Jahre (Merkel mit ‚e‘), fühlt es sich einfach nur gut an, dass Merz (mit ‚e‘) daherkommt und sagt: alles halb so schlimm. Da geht’s lang, wir sind wir (übersetzt: mia san mia), packen wir’s an (wir schaffen das?) und los geht’s…

Merkel war an einer Stelle wirklich unklug: sie hätte sich Merz als Medienberater und Redenschreiber warmhalten sollen… Nur in ihrer PK zum Abschied vom CDU-Vorsitz war sie rhetorisch so klar, dass sie damit Merz, wäre es eine Bewerbungsrede gewesen, ernsthaft Paroli hätte bieten können. Tempi passati.


Nachtrag 03.11.18: Jagoda Marinić spricht im Hinblick auf die Merz-Kandidatur von „rekonstruierter Vergangenheit“ und zieht den interessanten Vergleich zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses oder, ganz aktuell, weil kürzlich erst ‚eröffnet‘, zur Frankfurter Altstadt. Und schreibt dazu:

„Die ständige Flucht in die Rekonstruktion wird zum Symptom der Furcht vor der Zukunft.“

Als habe sich die Gesellschaft nicht inzwischen stark verändert, als gäbe es nicht jüngere Generationen, die eine Vielfalt aufweisen, die in diesen Rekonstruktionen nicht vorgesehen ist: die Ignoranz und die offensichtliche Praxis, junge Menschen und Minderheiten auszuschließen, sei „erschreckend“. Es fehle ein „erneuernder Gesellschaftsentwurf“, der mehr sei als eine „Großbaustelle der Rekonstruktion“. (J. Marinić: Erneuern. Süddt. Zeitung Nr. 253/2018, S. 6). Da hilft nur: Mehr Licht wagen!

Licht und Tunnelblick

Gibt es Licht am Ende des Tunnels? Einige meinen, eine Funzel zu sehen, weil Angela Merkel womöglich abtritt. Lynx sieht Licht, weil 80 + x % der Wähler sich als lupenreine Demokraten erweisen, zumindest in Hessen. So das Ergebnis der letzten Umfrage vor der Wahl. 80 % für klassisch demokratische Parteien, 20 % für linke und rechte Extremisten. Gesteht man Linke und AfD zu, dass vielleicht die Hälfte ihrer Anhänger ebenfalls als gute Demokraten durchgehen, dann sieht es noch rosiger aus. Morgenröte?

Es ist doch ganz einfach und man kann es am derzeitigen Lauf der Grünen ablesen: die Leute wollen Licht sehen und nicht den Tunnel. Die AfD ist für den Tunnelblick zuständig und wird auch nie etwas anderes anbieten können. Die Grünen stehen für das Licht, wenigstens für’s Erste. Also, raus Leute, ans Licht und an die frische Luft!

Alles falsch!

Josef Schmid aus München möchte in den Landtag. Dem „Schmid-Seppi“, wie ihn Freund und Gegner gerne rufen, wird es in München zu eng, er fühlt sich zu Höherem berufen. Dabei hat er als Stadtrat und Zweiter Bürgermeister der Stadt nicht wirklich viel gerissen, aber auf Landesebene ist das vielleicht nicht so bekannt. Im Landtag muss man auch nicht viel reißen, verdient aber besser und der Dunstkreis riecht wichtiger.

Im Münchner Westen hat die CSU jetzt plakatiert und was ein rechter Münchner ist, der fasst sich unverzüglich ans Hirn: wie kann man so dusslig sein? Ganz offensichtlich hat nicht nur der Schmid-Seppi, sondern auch die Partei vollends ihren politischen Instinkt verloren. Eiert irgendwo herum und schafft es nicht einmal mehr, treffend zu formulieren.

Bayern München in weißer Schrift auf blauem Grund. Geht’s noch? Habt’s es ihr noch alle Tassen im Schrank? Der FCB ist immer noch rot-weiß! Und die 60er sind zurecht empört, wenn die Bayern jetzt auch noch unter ihren Vereinsfarben segeln. In Giesing darf die Stadt ja nicht einmal rot gestrichene Bänke aufstellen, ohne dass sie umgehend demoliert werden, und dann plakatiert die CSU weiß-blau Bayern München. Da ist wirklich jedes Verständnis für die Befindlichkeiten der Bürger abhanden gekommen. Und als FCB würde ich mir überlegen, ob ich nicht Klage einreiche wegen Rufschädigung und Verletzung der Markenrechte.

Und dann dieses Blau. Außer diesem Schriftzug ist das ganze Plakat eigentlich nur blau. Eine einzige blaue Soße. Himmelblau. Der Himmel der Bayern? Nein, himmelblau ist die Farbe der AfD. RGB 0,129,225. So tief gesunken ist diese CSU, dass sie jetzt schon AfD-Plakate simuliert.

Der Schmid-Seppi: im Münchner Westen, wo die Stadt allmählich verflacht und irgendwann nur noch Aubing heißt, wird man ihm das wahrscheinlich alles nachsehen, Hauptsache die Musi spuit. Oh mei.

Schade nur, dass die einzig verbliebene ernstzunehmende Konkurrenz offenbar auch nicht in der Lage ist, die Gunst der Stunde umfassend zu nutzen. Lebte Sepp Daxenberger noch (der Herr hab’ ihn selig), dann gäbe es hier womöglich Kretschmann 2.0. Es ist ein Jammer.

Wurmschwanz

Das Kubitschle war vergangenen Samstag in Chemnitz dabei, beim „Trauermarsch“ der Profiteure versteht sich. Und hat eine ganz schlaue Erkenntnis mitgebracht. Es ist nicht gut für die „Bewegung“, wenn die AfD-Funktionäre Gesicht zeigen oder die „Partei“ gar als Organisator von Großkundgebungen auftritt. Er rät zur Schleimertaktik: sich möglichst gesichtslos unters Volk mischen, die propagandistische Drecksarbeit anderen überlassen und dann die Stimmung als Stimmen einfangen. Ja keine schlechten Bilder! Nachzulesen bei Jürgen Fritz, dem Gewährsmann für die Verbreitung faschistischer Umtriebe aus erster Hand.

Lynx denkt: solch schleimig-schneckiges Gebaren. Wurmschwanz. Also nicht selber Verantwortung übernehmen und Gesicht zeigen. Sondern quasi „privat“, unterm Tarnumhang bei den Faschisten mitmarschieren. So viel zur „bürgerlichen Gesinnung“ in der AfD und ihrem Umfeld. Halten die die Leute wirklich für so blöd? Der Bürger zeichnet sich eigentlich dadurch aus, dass er Gesicht zeigt. Die AfD hat in diesem Sinne „fertig“, endgültig. Meuthen versucht sich zwar immer noch in Rechtfertigungen, mit den üblichen beigepackten Verschwörungstheorien, aber dem hört eh keiner mehr zu.

Nachtrag 04.09.18: Im aktuellen Blogbeitrag wendet JF das Prinzip „Tarnumhang“ sofort an. Das Headerbild zeigt den „Führer“ Björn „das Schandmal“ Höcke und seine Gefolgschaft letzten Samstag in Chemnitz. Hinter dem rechtsgescheitelten Höcke (an wen erinnert das nur?), der seltsam leer in Richtung Kamera blickt, reckt ein halb verdeckter Mann die Kamera hoch. Wüsste man nicht, dass es Lutz „Pegida“ Bachmann ist, würde man ihn nicht unbedingt erkennen. Bilderretusche also, ohne sich des unmittelbaren Retuschierens schuldig zu machen. Immer schön in der Grauzone bleiben und ja keine schlechten Bilder! Aber zu spät: wir haben euch längst entdeckt.

Luftleerer Raum

Aufgewacht mit der Frage, was man den Menschen anbieten kann, dass sie freiwillig auf die Irrationalität, die sich so gefährlich ausbreitet, verzichten. Was ist das bessere Angebot, was ist verlockender? Man kann ja niemanden zwingen, vernünftig zu sein. Im Einzelfall mag das persönlich tragisch sein, aber wurscht. Wenn ganze Nationen sich der Unvernunft ausliefern, ist tragisch kein Ausdruck mehr.

Dann gelesen, dass Habeck in diesen Tagen unterwegs ist, um sich ein Lagebild zu verschaffen. Auf der Suche, nach der verbindenden, viele aufmunternden Idee. Kluger Einfall: unterm Hermannsdenkmal über Demokratie diskutieren. Hinweis der geladenen Historiker: über Verstand habe man in Deutschland [und nicht nur da] vieles hinbekommen seit dem letzten Krieg. Die „Selbstverständlichkeit der Demokratie“ habe jedoch emotional einen „luftleeren Raum“ entstehen lassen, anstatt Leidenschaft für sie zu wecken.

Was ist also die zündende Idee, die den Gemeinsinn und die Begeisterung für die Demokratie entfacht und die Leute aus der Daddel-Agonie erwachen lässt?

Habeck und die Seinen haben wenigstens erkannt, wo man ansetzen muss und dass es dafür inzwischen mehr braucht, als ein paar salbungsvolle Worte. Bleibt zu hoffen, dass sich viele anschließen, gerade auch aus der eigenen Grünen Partei heraus. Und auch die SPD (ceterum censeo) sollte endlich kapieren, dass es im Leben nicht nur um Rentnerbeglückung geht.

Isarlust (exklusiv), Tzatziki (inklusiv)

Der Kapitalismus treibt schon merkwürdige Blüten, besonders bizarre, wenn sich seine Geschäfte mit dem links-hedonistischen Milieu kreuzen. Im Münchner Sommer gibt es seit ein paar Jahren den „Kulturstrand„, entstanden aus der Initiative von „Kreativen“, Vereinen und Stadtpolitik, mit der Mission, am Isarufer urbanes Leben auszubreiten – oder was Manche halt dafür halten.

Inzwischen hat man sich fest in der Grünanlage am „Vater-Rhein-Brunnen“ etabliert, gegenüber vom Deutschen Museum an der Ludwigsbrücke, auf einer Insel zwischen Großer und Kleiner Isar. Eine ehemals ruhige kleine Anlage unter dicht stehenden, schattenspendenden Linden, um einen größeren Brunnen herum, ein paar Stufen, Mäuerchen, Bänke. Formal, ohne streng zu sein, einfach aber nicht schlicht und eben: ruhig. Eine von vielen Passanten übersehene Oase am Wegesrand, gleich neben dem dichtesten Treiben zwischen Isartor und Gasteig.

Aber ruhig, mittendrin abseits, schlicht: das geht heute gar nicht mehr. Und was erst recht nicht geht ist: unentgeltlich! Also musste da Leben hin, was konkret heißt: Buden, Liegestühle, Strandkörbe, Sandhaufen, Getränkeverkauf, Fastfood-Stand, Lautsprecher, Illumination. Wie man das halt so kennt von irgendwelchen Strandbars zwischen Mallorca, Ibiza und Sylt. Angewitterte Bretterbuden umstellen nun die Brunnenanlage und sorgen für unsinnig urbanes Flair. „Strandinszenierung“ nennen sie das, die Stadtbewohner zu „urbanen Begegnungsformen“ verführen solle. Was jetzt? Strand oder Stadt?

Einer der wichtigsten Akteure hier ist Isarlust e.V, da finden sich viele Leute im Vorstand, die sich um die Stadtplanung verdient gemacht haben. Der Verein bezeichnet sich selbst als „Gemeinnütziger Verein zur Wiederentdeckung und Wiederbelebung des innerstädtischen Isarraums als öffentlicher Raum für alle“.

Für alle? Für diesen Ort kann man sagen: das war einmal. Derzeit sieht es eher nach einem typischen Gentrifizierungsprojekt aus. Konnte bislang tatsächlich jede(r) den Sommer in aller Ruhe auf einer schattigen Bank dort verdösen, ist das nun leider so nicht mehr möglich. Dösen geht gar nicht mehr, zu laut. Und ganz oben auf der To-do-list steht: Verzehr! Geld abdrücken, dann darf man sich niederlassen. Ja keine eigenen Getränke mitbringen, ist verboten: das ist während des Kulturstrands nun keine öffentliche Grünanlage mehr sondern ein bewirtschafteter Außenraum, der von der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt und auf dem privat abkassiert wird. Öffentlicher Raum für alle – die es sich leisten können. Da werden Prenzlauer-Berg-Gefühle wach. Eingebildete Inklusion der Exklusiven.

Lynx hat sich das en passant angeschaut, auch weil er sich dachte: kannst du im Schatten an der Isar gemütlich was schmausen. Die Speisenauswahl ist ziemlich übersichtlich. Gyros gab’s, natürlich mit Tzatziki. Tzatziki ohne Knoblauch. Mit Knoblauch wäre wahrscheinlich nicht inklusiv, könnte sich jemand dran stören. Die Pommes dazu vorgeblich handgeschnitzt (und haben auch so geschmeckt).

Kein Fortschritt ohne Rückschritte und Verluste also. Oder, anders herum betrachtet: die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur die Wehmut nach einem bestimmten Augenblick (1). Das, immerhin, konntest du dort heute lesen, für dich, auf der Bank abseits, hinter den Buden, mit Blick ins Kastanienlaub über der grünen Isar. Genau dort wollen die Aktivisten von Isarlust demnächst ein Fluss-Schwimmbad einrichten, erste Voruntersuchungen dazu wurden dieser Tage veröffentlicht. Die Eventisierung des Stadtraums schreitet munter voran. Nein, es geht nicht um die Qualifizierung des öffentlichen Raums, sondern um: Geschäftsmodelle.

(1) Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 1, Auf dem Weg zu Swann. Reclam, Stuttgart 2014, S. 585.