Stockduster

Hin und wieder versuche ich, bei der Betrachtung von Dingen einen Schritt zur Seite zu treten. Die Perspektive zu verändern. Oder auch, mir den Spiegel vorzuhalten (Erschrecken!).

Aktuell beispielsweise in der Debatte um Herrn Tönnies und sein Afrikabild. Nichts von seinen Äußerungen muss wiederholt werden. Ich frage mich allerdings, warum sich kein cooler Afrikaner findet, der kontert, dass es im weißen Europa offenbar nie mehr richtig dunkel wird, denn sonst hätte dieses weiße Europa doch kein Demographieproblem? – Vielleicht würde dann der Einstieg in die Debatte gelingen, um was es eigentlich geht?

Senhor Bolsonaro aus Brasilien hält sich für cool und ist gerne behilflich bei einem solchen „Move“: Er gibt der (gelegentlich naiven) Frau Schulze Bescheid, Deutschland solle die nun zurückbehaltenen Fördergelder für brasilianische Regenwaldprojekte doch besser für die Wiederaufforstung Deutschlands verwenden, das sei sinnvoller. Dummerweise hat er recht, ein Stück weit. – Mich beschleicht stets ein komisches Gefühl, wenn wir den Regenwaldnationen vorschreiben wollen, dass sie gefälligst ihr Territorium weitgehend im Naturzustand belassen sollen – damit es bei uns weiterhin gemütlich bleibt. Pech für euch im Süden, dass wir schneller waren mit der Abholzung, jetzt ist das Budget leider aufgebraucht! Auch eine Form von Rassismus.

Das Dumme ist nur: während in gemäßigten Breiten die Abholzung auf einfache Weise stabile und produktive Ersatzökosysteme ermöglicht, sieht es in den Tropen ganz anders aus. Wenn man nicht aufpasst, geht der Regenwald ganz schnell in eine zwar stabile aber unproduktive Wüste über. Nachteil Brasilien. Dennoch gibt es in der voreuropäischen Geschichte Amerikas Anschauungsmaterial, wie einerseits Rücksichtslosigkeit gegenüber den natürlichen Grundlagen ins Verderben führte und ganze Kulturen auslöschte. Andererseits gab es schon einmal Technologien, den Regenwald produktiv nutzbar zu machen. Das verlangt aber technologische Intelligenz und Geduld. Warum investiert Brasilien nicht in seine Zukunft und macht uns vor, wie man sein Potential produktiv entwickelt, so dass es nicht binnen einer oder zwei Generationen ins Meer gespült wird? Dann könnte Bolsonaro ganz zu recht mit dem Finger auf uns und unsere heraufziehenden Nitratwüsten zeigen. Derzeit benimmt er sich aber doch eher wie all die anderen Idioten, die eifrig daran herumwerkeln, dass es in absehbarer Zeit für uns alle eher düsterer wird.

Weil wir gerade bei anderen Idioten und Nachrichten aus dieser Woche sind: das erratische Agieren von Mr. Trump sorgt jetzt offenbar dafür, dass die Weltwirtschaft sich tatsächlich merklich abkühlt, insbesondere China und Deutschland leiden, war zu lesen. Was heißt das? – Schritt beiseite: ist Trump verkappter Ökologe? Kann es nicht sein, dass gerade er (während Fräulein Thunberg über den Atlantik schaukelt) dem Weltklima eine längst nötige Erholungspause gönnt? In seiner Diktion würde das heißen, dass er den größten Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen leistet, den die Welt je gesehen hat! – Schritt zurück: nein, so weit wird er es nicht kommen lassen. Denn er ist dabei, die Pensionen seiner Stammwähler zu pulverisieren. Das werden sie ihm nicht durchgehen lassen. Er will wiedergewählt werden, also muss er den Ofen ganz schnell wieder einheizen. Ob das dann besser ist? Verwirrende Zeiten. Vielleicht wird es doch wieder dunkel, womöglich stockduster. Und dann?

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Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

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Architekten-Poesie (1)

Zum Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses in Berlin-Köpenick meldet das Baunetz:

Um die Naturverbundenheit und den ökologischen Anspruch auch nach Außen deutlich zu machen, wurden die Blätter der alten Eichen vom Grundstück in den Beton der Fassade eingestreut. Nach dem Trocknen hinterließen ihre Abdrücke ein pflanzliches Ornament. Als grüne Blätter in grauem Beton.

Was die Außen(raum)gestaltung angeht, ist der Beitrag von einer merkwürdig hybriden Mischung aus Renderings und Fotos begleitet, der gewisse Zweifel im tatsächlich rücksichtsvollen Umgang mit den Bäumen aufkommen lässt. Auf einem Bild sind jedenfalls sehr stumpfe Schnitte an dicken Ästen zu erkennen. Aber das sind natürlich Petitessen. Die naturverbundene Verdreckelung des Fassadenbetons mit abgestorbenen Blättern (die sicher nicht mehr grün waren oder sind) ist einfach der Hit, oder etwa nicht?

(Don’t) Paint it!

Es ist mal wieder Freitag und die Freitagsbewegung der Jugend wächst und wird dringlicher. Mein Nachbar hat seinen Buchs, dem der Zünsler den Garaus gemacht hat, mit grüner Farbe angesprüht und ist auf seiner Harley davongebraust, sehr laut knatternd, wie sich das gehört. Diese Deko hält eine ganze Weile, die Fernwirkung ist verblüffend und beruhigt das Gemüt. Photosynthese findet natürlich keine statt. – So ist unsere Generation.

Ich hoffe und wünsche, dass die Jugend es besser macht. Und am Sonntag wählen geht, massenweise: haut den Zukunftsverweigerern ihre kratzigen Stimmchen um die Ohren. Geht zu Fuß ins Wahllokal, trinkt nachher zusammen einen Tee. Lasst das Grillfeuer aus und gönnt euch ein kleines Netflix-Fasten, denn ihr wisst ja: Streamen ist Energiekonsum von unglaublichem Ausmaß. Pflanzt lieber einen Apfelbaum. Dafür ist es allerdings schon etwas spät, vielleicht solltet ihr dafür doch bis Herbst warten. Der Herbst wird kommen, für uns alle, wie auch immer. Für manche von uns ist er schon Dauerzustand. Einstweilen tun es auch Tomaten am Balkon, den Sommer über. Lasst es wachsen und blühen, an allen Ecken und Enden, widmet euch der Photosynthese und haltet ein wenig die Luft an.

Pimp your Pavement“ war ein Motto des Guerilla-Gardenings (was ist daraus geworden?). Aufhübschen allein wird es nicht mehr tun, ob mit Sprühfarbe oder echten Pflanzen. Ihr müsst etwas tiefer in die Substanz gehen. Und leider auch viel mehr verzichten, wenn die Bilanz ins Lot kommen soll. Also: guten Mut und lasst euch nicht unterkriegen!

Stop. Bis hierher hat es noch nicht wehgetan. Eben lese ich, dass für den 20. September der große internationale Klimastreiktag geplant ist. Da sind dann alle aus dem Sommerurlaub zurück, auch die Bayern. Die Aktivisten fordern dazu auf, man solle sich mit Aktionen beteiligen, die auf die Klimakrise aufmerksam machen. Mein Projektvorschlag: bei den Demos die Leute befragen, wie viele Flugmeilen sie im zurückliegenden Urlaub absolviert haben. Ob sie mit dem Billigflieger geflogen sind, ob sie einen Ökozuschlag bezahlt haben, all so Zeug. So viel statistisch relevantes Material in einer so kurzen Zeit kann man sonst kaum generieren. Zigtausende Auskünfte erhält man da auf einen Schlag. Und auch noch aus genau dem Milieu, das die weitere Entwicklung auf diesem Planeten ganz wesentlich mitbestimmen wird. Aber ob das jemanden interessiert?


Bildquelle: Green Lawn Paint for quick touch up of brown dead dormant grass or brown pet pee spots

Ins Blaue getroffen

Schockstarre in den rechten Blogs. Eine Schutzmacht ist implodiert. Das „Strachnin“-Gift wirkt. Dabei hatte man doch ganz andere Drehbücher im Kopf, gerade vor der Europa-Wahl, und keine Sekunde daran gedacht, dass die Protagonisten der gerne gehegten Verschwörungs-Plots die eigenen Leute sein könnten.

Ist es nicht kurios? Genau gestern erschien bei Vera Lengsfeld die Besprechung eines Thrillers: „Das Attentat“: Die Privatmaschine eines russischen Oligarchen und seiner Frau, einer Politikerin, sowie einer halben Milliarde Euro in bar stürzt in den Schweizer Bergen ab (leider nicht auf Ibiza). Bei den Ermittlungen stößt man auf eine Verbindung zwischen Moskau, Brüssel und dem Ausbruch einer rätselhaften hochansteckenden Infektion in der Ukraine, der viele Menschen zum Opfer fallen. Aber niemand in den Machtzentralen ist an einer Aufklärung interessiert…

Die Autorin ist eine Kollegin von Lengsfeld in der rechten Szene und veröffentlicht unter dem Pseudonym Frank Jordan seit einer Weile Geschichten, in denen es wohl um die ganz großen Verschwörungen geht. Den Inhalt ihres neuen Buchs umreißt sie, während der Entstehungsphase, so: „Stichworte: EU, Schweiz, Ukraine, Russland, Geld, Bargeld, inszenierte Krisen und immer wieder Menschen – ihre Leidenschaften, Wünsche, Seilschaften, Ränkespiele und Sehnsüchte. Selbstschutz, der Wille zur Macht und zum Machterhalt.“ Den Fall Strache hat sie durchaus treffend antizipiert. Die Reihenfolge der Attribute ist wohl nicht zufällig gewählt, denn ganz schlimm: die EU. Die Schweizer Autorin muss es ja wissen.

Lengsfeld schreibt dazu: „Hinter der wohlanständigen Fassade von Politik und Finanzwesen tun sich Abgründe auf, die derart realistisch geschildert werden, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob vielleicht etwas dran sein könnte, ob hinter dem, was der durchschnittliche Zeitungsleser als Politik präsentiert bekommt, vielleicht ganz andere Interessen im Spiel sind, von denen er nicht einmal ahnt.“
Und sie zitiert einen Kollegen, Robert Nef: „Dieser Thriller ist anders. Er spielt sich im Netzwerk von zentralen Regierungen ab, deren Interesse an der Machterhaltung gegenüber der allgemeinen Gefahrenprävention Vorrang hat. Politik fordert von den Reichen und von den Armen Geld mit dem Vorwand, beide voreinander zu schützen. Aber Tatsache ist: Letztlich schützen Politiker nur ihre eigenen Interessen.“

Heute mittag stellt sich Strache in Wien vor die Presse und sagt, es habe ein „gezieltes politisches Attentat“ auf ihn stattgefunden, faselt von „dirty campaigning“, „Schmutzkübelkampagne“, „Wahlkampfbeeinflussung durch ausländische Geheimdienste“ usw.

Entschuldigen S‘ bittschön: wer saß in der Villa auf Ibiza und hat sich bewirten lassen? Wer war so geldgeil, machtlüstern, dass er das eigene, gelegentliche Unwohlsein vergaß, und sich hinreißen ließ, das eigene Volk zu verraten? Die Presse verscherbeln, Staatsaufträge verticken, die Wasserversorgung gewinnträchtig privatisieren? Die Süddeutsche sagt das ganz richtig: er hätte jederzeit aufstehen können und gehen. Ein Mann von Charakter hätte das getan, schon nach einem kleinen Weilchen. Strache blieb sitzen. Und will jetzt auch noch austeilen?

Selten jedenfalls hat die rechte Szene mit ihren Verschwörungstheorien so ins Schwarze getroffen. Eigentlich ins Blaue, denn sie hatten keine Ahnung, dass die Verschwörer aus den eigenen Reihen kommen, im eigenen Haus sitzen. Porca miseria! In Wien liegt heute abend jedenfalls Revolution in der Luft. Aber von ganz anderer Art, als die rechten Einheizer das gerne hätten. Weggehuscht sind sie, mäuschenstill, gelähmt?

Die Autorin Frank Jordan zitiert zu ihrem Roman Alexander Solschenizyn: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Ein ORF-Kommentator meinte heute zur Causa Strache: „Was in einem Menschen nicht drin ist, das kann auch nicht raus.“

Fasten: Klenzesteg

Vor über fünf Jahren hat die Stadt München einen Architektenwettbewerb zur Gestaltung einer Fußgängerbrücke über die Isar, den sog. Klenzesteg,  durchgeführt. Was ist daraus geworden? Heute berichtet die SZ über den Stand der Dinge, eine gute Gelegenheit, noch einmal über die Sache nachzudenken.

Der Standort des vorgeschlagenen zusätzlichen Brückenschlags liegt zwischen der Wittelsbacherbrücke und der Reichenbachbrücke, in Verlängerung der Klenzestraße und bei der Weideninsel. Den Abstand der beiden vorhandenen Brücken gibt das Baureferat mit 850 m an, er läge dabei etwas näher an der Wittelsbacher Brücke, gerade einmal etwa 350 m entfernt – oder 3 (langsame) Gehminuten, wie Google meint. Und da sind wir vielleicht schon beim Kern des Problems, warum nichts weitergeht in der Planung seitdem.

Planungsbereich Klenzesteg
Planungsbereich Klenzesteg, Quelle: Baureferat München

In dieser Zeit wurde auch sonst öffentlich viel über die Isar und die Isarauen nachgedacht und man hat erste Erfahrungen gemacht mit den Renaturierungsmaßnahmen der letzten Jahre. Und dem Partybetrieb, der Eventisierung des Öffentlichen Raums. Stetig nimmt die Nutzungsdichte zu, damit mehren sich Konflikte, zwischen Nutzern und Anwohnern, vor allem aber mit den Naturschutzzielen. Zu viele Ansprüche von allen Seiten an einen sehr begrenzten, übersichtlichen Erholungsraum.

Die Frage sei also erlaubt: warum braucht es noch einen Übergang, noch einen Zugang, gerade in einem Bereich, der doch bestens erschlossen ist? Weil im Glockenbachviertel so viele Architekten wohnen, die gerne einen kürzeren Weg in ihren Vorgarten hätten?

Wäre es nicht besser, auch aus Gründen der Gesundheitsfürsorge, die Wege lieber etwas länger zu halten. Umwege vorzusehen? Das schafft auch Ruhezonen für die „Stadtwildnis“. Die Hipster würden so gerne auf die Weideninsel runterschauen, möglichst mit niedlichen brütenden Enten garniert. Sollte man ihnen das nicht verwehren und die Vögel in Ruhe brüten lassen?

Auch die damaligen Entwürfe können nicht wirklich begeistern. Zu sehr steht meist das Brückenbauwerk im Vordergrund und verriegelt den Blick auf die großartige Stadtansicht und den Landschaftsraum, um die es doch eigentlich geht und die den Ort erst in Wert setzen.

Außerdem: es ist doch daran gedacht, den Autoverkehr auszudünnen in der Innenstadt. Die heraufdämmernde E-Mobilität macht den verbleibenden Verkehr hoffentlich auch verträglicher für andere Nutzer im Straßenraum. So besteht doch die Aussicht, dass die vorhandenen Brücken künftig umfassender von Fußgängern und Radlern genutzt werden können, sie dort mehr Raum haben?

Fazit: vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Arten- und Klimaschutz, Reduzierung menschlicher Eingriffe generell – ist es da nicht eine schöne Möglichkeit sich etwas in Fasten zu üben und den Steg einfach wegzulassen? Der Ausblick von der Wittelsbacher Brücke ist auch ohne (oder gerade ohne) Klenzesteg schön genug. Es einfach einmal gut sein lassen. Und lieber ein paar Schritte mehr gehen.

Übrigens: im Münchner Westen, wo auch viele Menschen wohnen, gibt es auf drei Kilometern Länge keine Möglichkeit, die Bahn zu queren und als Spaziergänger auf kurzem Weg wichtige Grünanlagen zu erreichen. Die dortigen Anwohner werden seit über 50 Jahren von der Stadtverwaltung vertröstet. Dort wäre eine Querung stadtstrukturell ein Gewinn. An der Isar ist es nur ein Zuckerl für die Adabeis.

Martin Sichert (AfD) drückt sich

Täuschen, tarnen, irreführen, wegducken – bevorzugte Praktiken der ach so aufrechten AfD. Ein aktuelles Beispiel liefert der Landesvorsitzende der AfD Bayern, Martin Sichert.

Schüler des Gräfelfinger Kurt-Huber-Gynmasiums (KHG) erarbeiten gerade in einem P-Seminar in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) eine Radiosendung zum Thema „Weiße Rose“. Die Thematik hat Tradition am KHG, war doch der namengebende Kurt Huber selbst bekennendes Mitglied der Weißen Rose und wohnte zuletzt in Gräfelfing, bis er vom NS-Regime hingerichtet wurde. In Projekten und Veranstaltungen hält das KHG das Gedenken an Huber fortlaufend wach und versucht bei den Schülern den kritischen Blick auf die Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart zu schärfen. In diesem Zusammenhang setzt sich das aktuelle P-Seminar auch mit der Frage nach einem Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD auseinander, der sich beispielsweise ausdrückt im Wahlplakat ‚Sophie Scholl würde AfD wählen’, das die AfD in Nürnberg 2017 publiziert hatte. Zur Fragestellung eines möglichen politischen Missbrauchs wurden verschiedene Politiker, Intellektuelle und der Sohn von Kurt Huber vom P-Seminar befragt. Weil die AfD direkt angesprochen war, hat man, in Absprache mit dem BR, entschieden, auch die AfD mit diesem Vorwurf zu konfrontieren. Zur Aufklärung dieser Frage wurde Martin Sichert zu einem Gespräch in die Schule eingeladen.

Ergebnis: Martin Sicher postet nun in den sozialen Medien, z.B. auf Facebook, er habe einen „spannenden Termin“ bei Schülern des KHG gehabt. Sie hätten mit ihm über die Weiße Rose sprechen wollen, „Menschen aus dem Bürgertum“, „die in einer Zeit, in der fast alle Mitläufer des Systems waren, Ereignisse kritisch hinterfragt haben und den Mut hatten, ihre Kritik auch öffentlich zu äußern.“ Insofern seien sie für ihn ein persönliches Vorbild. (Facebook Eintrag von Sichert am 25.01.2019)

Hört sich doch nett und harmlos an, oder nicht? Allerdings vergisst Sichert in seiner ausführlichen Beschreibung der Weißen Rose einen Hinweis darauf, um welche Zeit es sich gehandelt hat. Nationalsozialismus ist bei der AfD offenbar ein Tabu-Wort oder Sichert kann es einfach nicht aussprechen, zu eklig. Ein Vogelschiss-Wort: weg damit. Wichtiger sind ihm Worte wie „Mitläufer des Systems“ (das sind wir) und Mut zu öffentlicher Kritik (den hat nach seiner Lesart nur die AfD).

Und was erfährt man gar nicht? Die Antwort auf die Frage der Schüler: Gibt es einen Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD? –  Kein Wort dazu. Oder doch? Ist nicht die Art, wie er über den Termin berichtet, ein weiterer Beleg dafür, wie die AfD (und die anderen Faschisten) alles für ihre Zwecke instrumentalisieren, jeden Finger den man ihnen reicht, jedes Stöckchen, das sie erhaschen können? Auch das Gedenken an die Weiße Rose. Insofern hat Sichert mit seinen zurechtgestutzten „Fake News“ indirekt und unbewusst doch die Antwort gegeben und den Beleg erbracht. Es ist nun an den Schülern, das fein säuberlich zu exegieren. Viel Erfolg dabei!

Weil Sicherts Tritt ins Fettnäpfchen nicht so leicht zu erkennen ist, hat das KHG dennoch eine sofortige Richtigstellung zu dem Termin veröffentlicht, wo es fettgedruckt heißt: Die Darstellung von Herrn Sichert auf Facebook und Twitter ist in diesem Zusammenhang irreführend, da es sich nicht um eine Diskussion zum Thema Weiße Rose handelte, sondern in erster Linie um seine Stellungnahme zum Vorwurf des Missbrauchs der Erinnerung an die Weiße Rose im Rahmen eines Interviews!

Tja, Sichert, Butter bei die Fische: wie haltet ihr es denn nun mit dem Gedenken an Nationalsozialismus, Judenvernichtung und Widerstand, heute, am Holocaust-Gedenktag? Hat sich mit Frau Knobloch schon etwas Neues ergeben, außer dass ihr immer noch mehr Schmutz versucht über sie auszukippen? (Kein Facebook-Eintrag heute von Sichert)

Lynx, der alte Indianer sagt: ihr sprecht mit gespaltener Zunge.

Bildrechte: Wikipedia, verändert

AfD in Bayern zieht blank

Im Bayerischen Landtag fand heute eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt, bei der, neben anderen Holocaust-Überlebenden und Naziopfern, auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eine Rede hielt. In der griff sie die AfD direkt und scharf an:

„Heute und hier ist eine Partei vertreten, die diese Werte [der freiheitlichen Demokratie, Anm. Lynx] verächtlich macht, die die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlost und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu unterhält […] Diese sogenannte Alternative für Deutschland gründet ihre Politik auf Hass und Ausgrenzung und steht – nicht nur für mich – nicht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung.“

Darauf verließen die meisten AfD-Abgeordneten das Plenum, nur vier blieben zurück und muteten sich zu, was  Knobloch, selbst eine Überlebende des Naziterrors, ihnen zu sagen hatte. Respekt vor diesen vieren – doch der Rest? Die Vogelschiss-Partei hat, einmal mehr, die Maske fallen lassen. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – oder doch?

Etliche der rechten Agitatoren und erklärten AfD-Sympathisanten, die vornehmlich von ihrem Islam-Hass getrieben sind, machen ja immer einen auf Verbrüderung mit Israel und den Juden, geben sich gar als Juden-Beschützer aus. Der Blogger und Aktivist David Berger tut sich da immer besonders hervor und ist entsprechend aufgeschreckt. In einer prompten Reaktion wirft der ewige Ministrant Berger, der Zeitzeugin Knobloch „schamlosen Missbrauch“ der Gedenkveranstaltung vor und wiederholt die auf seinem Blog verbreitete Unterstellung, Knobloch würde „immer wieder durch beleidigende, Nationalsozialismus und Holocaust bagatellisierende Aussagen“ auffallen.

Welche Veranlassung sollte sie haben, ihr persönliches Leid, das ihrer Familie und ihres Volkes zu bagatellisieren?

Wie kommt so ein windiger Prediger wie Berger dazu, so etwas zu unterstellen?

Er tut ja gerade so, als würde Knobloch justitiabel agieren – möchten Berger und seine Gesinnungsgenossen jetzt offizielle Vertreter der jüdischen Gemeinde vor Gericht zerren, um den Juden ihre Sicht auf ihre eigene Geschichte zu verbieten? Oder will er einfach nur behaupten, die Faschisten wüssten besser, wie man Holocaust zu interpretieren hat? Nämlich als Vogelschiss in der langen deutschen Geschichte? Oder kann mir einer erklären, wie sonst ein Schuh draus wird?

Quelle: Süddeutsche Zeitung 23.01.19 – Dort auch ein Video der einschlägigen Passage.

Zündler

Neulich meinte ich ja, die Rechten würden ihr Denken und ihre Absichten verschleiern, bewusst unklar reden, damit man ihrer nicht habhaft werden kann. Stimmt so nicht ganz. Manchmal muss man sich mühsam durch den Schwulst ihrer Schreibe arbeiten, bis man dann an die Stellen vordringt, wo es aus ihnen herausbricht. Beispielhaft, weil höchst aktuell: Götz Kubitscheks Rückblick auf 2018, ein Blogbeitrag in der Sezession vom 01.01.2019 (Hervorhebungen Lynx):

[…]viele Gespräche mit AfD-Politkern, mit den Protagonisten von örtlichen und überregionalen Protestbewegungen, mit bewährten und möglichen Autoren, mit Wissenschaftlern, die sich um die neue AfD-Stiftung zu sammeln beginnen, mit Verleger-Kollegen, mit Blog-Betreibern, mit Intellektuellen aus den anderen Lagern[…] Unsere Leitfragen sind in solchen Gesprächen stets dieselben: Ist der Ernstfall (also der Verteidigungsfall der eigenen Kultur) in Deutschland ausgeschlossen? Wenn nicht: Wann, wenn nicht jetzt, wäre eine resolute und konsequente Reaktion angemessen? Und zuletzt: Wie kann es gelingen, die für einen „Aufstand für das Eigene“ notwendige Energie zu wecken und zu bündeln? […]
Darf ich die Gespräche zusammenfassen? Wir suchten nach einer Antwort, fanden aber keine. Die Begriffsfindungspräzision, die Erklärungsschärfe, das Auffindungsnetz – unser Milieu (im weitesten Sinne) hat alles, kann alles, weiß alles, um Kampagnen gegen die Schwätzer, Lügner, Lückner und Deppen der Gegenseite zu fahren; aber hat es einen Entwurf von effektivem, entschlossenem, aufräumendem Regierungshandeln, eine Vorstellung vom Härtegrad des Durchgriffs?

Nahezu zeitgleich mit der Freischaltung von Kubitscheks Beitrag hat in Bottrop und Essen ein Mercedesfahrer versucht, Ausländer totzufahren. Nach dem, was bisher von der Polizei zu hören ist, seine Interpretation einer resoluten und konsequenten Reaktion. Ob die Polizei im Zuge der Ermittlungen seine Browser-Chronik durchforstet? Die Beiträge der Sezession sind regelmäßig durchsetzt mit solchen Aufforderungen zur Selbstermächtigung. Dort sitzen die Zündler (unter anderem). Auch in Amberg ist das jetzt zu beobachten, nachdem dort vor  Silvester junge männliche und sehr besoffene Asylbewerber unkontrolliert um sich geschlagen haben, was zu einigen Verletzten geführt hat. Angeblich patrouillieren dort jetzt „Bürgerwehren“. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man behauptet, ihre Rechtfertigung sei der Verteidigungsfall der eigenen Kultur.

Nicht nur, dass Kubitschek hier klar und deutlich redet, nein, er belegt auch die These, dass es ihm und Seinesgleichen darum geht, das Primat des Rechts durch das Primat der Politik zu ersetzen – mithin: gegen die Verfassung zu agieren, die verfassungsmäßig geschützten Freiheitsrechte jedes einzelnen Bürgers auszuhebeln und durch ein aufräumendes Regierungshandeln zu ersetzen. Oder in einem Aufstand das Gewaltmonopol des Staates zu attackieren. Freilich werden sie jetzt einwenden, es ginge nur um einen „Aufstand“ an der Wahlurne, dort werde man sich die rechtliche Legitimation abholen. Ändert aber nichts: so lange die AfD und die Neue Rechte die Schutzrechte der Verfassung nicht akzeptieren und sie durch das Recht des Stärkeren oder der politischen Mehrheit zu ersetzen suchen, mithin das Primat der Politik über das Recht durchsetzen wollen, so lange wenden sie sich gegen das Grundgesetz. Hier darf man, als unbescholtener Bürger und Verfassungspatriot, eine resolute Reaktion des Staates erwarten.

Nachweihnacht

Kein Rührstück in vier Tageszeiten aus der Endzeit des Jahres 2018.
Die Betroffenen:

  • Die Großeltern: Großmutter Edeltraud, Großvater Herbert, Pflegerin Milena. Herbert und Edeltraud stammen aus der Weimarer Republik, sind großgeworden im Dritten Reich, hineingewachsen in das, was danach kam und ganz gut damit zurecht gekommen. Druckauflagen von Schulatlanten nach 1945 sind ihnen nicht so geläufig. Wohnen noch im eigenen Haus. Milena stammt aus der Region Osteuropas, die sich jetzt gerne Mitteleuropa nennt. Staaten, wo die Leute instinktiv das richtige tun, aus Lebenswillen, und die Politik instinktiv das falsche, aus empfunden gekränkter Eitelkeit. Milena ist wenig älter als Sabine, die Tochter von Herbert und Edeltraud.
  • Die Eltern: Mutter Sabine, Vater Frank, als erste Generation geboren in der noch existenten Bundesrepublik, Babyboomer par excellence. Hängen auch an ihrer Kindheit, trotz RAF eine offene Zeit. Sind schwerpunktmäßig aber mit den Niederungen des Alltags beschäftigt. Wollen es allen recht machen, den Kindern, den Großeltern, den Kunden, den Arbeitgebern, den Freunden und Bekannten…
  • Die Kinder: Tochter Laura und Sohn Felix, Wendezeitkinder, flügge und altersgerecht schwankend zwischen Zukunftsangst und Aufbruchstimmung. Wohnen nicht mehr zuhause, sind über Weihnachten zu Besuch bei den Eltern, teils aus Anstand, teils aus Verbundenheit, teils, weil es immer noch schön ist.

„Nachweihnacht“ weiterlesen

Mantra #6

Der Nationalismus ist ein Sprudel, in dem jeder andere Gedanke versintert. (Karl Kraus)

Neulich wurde mir geraten, Karl Kraus zu lesen. Ich hatte mich in einem kleinen Schlagabtausch mit Kameraden auf rechts für solide und bezahlte Pressearbeit ausgesprochen, also pro „Lügenpresse“. Da kamen sie mir mit Karl Kraus, weil der so schön gegen Journalisten gewettert und kaum ein gutes Haar an ihnen gelassen hat. In Einzelfällen ja durchaus zurecht. Aber in der Summe? In der Summe war Kraus ein Mensch mit übergroßem Ego und ausufernder Misanthropie, seinem späteren österreichischen Kollegen Thomas Bernhard nicht unähnlich. Überaus produktiv, vor allem im Hervorbringen von teils brillanten Aphorismen. Aber hauptsächlich sprach- und selbstverliebt. Und etwas besessen von „Reinheit“, im Denken, im Sprechen, von fast jakobinischer Radikalität mit einem gehörigen Schuss Antiliberalismus zuweilen. Also eine Menge Gründe, warum Lynx einen Bogen um ihn macht, so etwas mag er nicht, und sei es noch so – großartig? Die Rechten halten ihn wahrscheinlich wegen seiner griffigen Verbalattacken für einen Vorkämpfer der „Meinungsfreiheit“, wie sie sie verstehen, und gegen „verordnete Sprache“ (pc).

Jedenfalls erforderte die Aufforderung zur Kraus-Lektüre eine knappe Replik. Und wie das mit Aphoristikern so ist: etwas Treffendes findet sich immer. Allerdings finde ich das Bild vom Nationalismus als „Sprudel“ wirklich wundervoll – ließe sich dieses zum Überschäumen neigende Phänomen, das gerade wieder erheblichen Druck entwickelt, treffender beschreiben? Und dann, ganz nebenbei, wird auf das Phänomen natürlich kohlensäurehaltigen Wassers verwiesen, das gelösten Kalk mitführt, der sich, bei Kontakt mit der Umgebungsluft, ablagert, Sinterbildungen hervorbringt (die sogar recht malerisch sein können, wie das Bild zeigt). Quasi ein zwangsläufiger, ganz natürlicher Zusammenhang. Und begegnet uns diese geistige Erstarrung nicht ständig bei (versuchten) Diskussionen mit Nationalisten und anderen Neuen Rechten? Dieses ewige „sprudelnd“ um sich selber Kreisen, das zu immer neuen verhärtenden Ablagerungen führt.

Kraus’ Aphorismus zum Nationalismus wurde wegen seiner feinen Spitze vom Duden geadelt und in den Zitatenschatz zu diesem Stichwort aufgenommen. Dort findet sich auch ein Satz von Theodor Heuss, der uns in die Gründungszeit unserer Republik zurückführt und uns darauf hinweist, warum unsere Verfassung so formuliert wurde, wie sie geschrieben steht:

Jedes Volk hat die naive Auffassung, Gottes bester Einfall zu sein.

Tischwahlkabine

Man muss kein Parteigänger der CDU sein, um festzustellen: dieser Hamburger Parteitag war eine Sternstunde unserer Demokratie. Und die Bilder davon kann man nicht genug in die Welt verbreiten. Allein die Idee mit der Tischwahlkabine: herzliche Grüße nach China. Und ich bekenne mich schuldig: das offensive zur Schau tragen von schwarz-rot-gold war mir immer suspekt bis unangenehm. Allein über den Verstand konnte ich mir allmählich erschließen, dass das für unser Land nicht die schlechteste Trikolore ist, wir hatten schlechtere. Aber das Delegierten-Halsband der CDUler: so kann man durchaus unsere Nationalfarben tragen. Nicht Fahnen schwingen, sondern konstruktiv arbeiten. Zur Sache. Auch Merkels Abschied war groß, im Stil wie in der preußisch-gepflegten Selbstironie. Wo findet man das noch auf der Welt, aktuell?


Bildquelle: RT Deutsch (sic!)

Moshe, Amin und Leila/Kim

Als wir hinaustreten in die dunkle, kalte Nacht der Straße und hoffen, dass bald die Tram kommen möge, fragen wir uns: wo war der Erkenntnisgewinn? (und erfahren bei der Nachlese, dass auch andere sich diese Frage schon stellten.) Zwei Stunden eingezwängt im Theater, Entkommen gilt nicht. Auf dem Herweg erscholl vor der Residenz der Ruf des Muezzins, den die Angstmacher auf rechts seit geraumer Zeit aufführen, während die reichen Araber vom Golf gerade ihre Shoppingtour beendeten und in ihre geliehenen Ferraris einstiegen. Jetzt, in der Tram sitzt neben uns ein wohlhabendes israelisches Paar und unterhält sich lautstark (warum sind Israelis häufig laut und dominant im Auftreten?). Wir zuckeln weiter in die Nacht.

„Die Attentäterin“ ist die Dramatisierung eines Romans von Yasmina Khadra alias Mohammed Moulessehoul, die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen besorgte Amir Reza Koohestani. Die Geschichte spielt zunächst in Tel Aviv und endet in Bethlehem, es geht um einen katastrophalen Selbstmordanschlag in einem Einkaufszentrum, bei dem viele Kinder umkommen. Ausgeführt wurde er von einer Frau, die als säkular-moderne Israelin bekannt war, und die mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Chirurgen, beide Palästinenser, dabei war, sich wohnlich einzurichten in Israel, auf dem Weg nach oben. Der ahnungslose Mann, Amin, notoperiert die Opfer und wird erst dann mit der Wahrheit über seine Frau, Sihem, konfrontiert, die ein Doppelleben als (künftige) Märtyrerin führte. Amin will verstehen und reist zurück in ihrer beiden Heimat Bethlehem, wo er seit zwanzig Jahren nicht mehr war – entgegen aller Warnungen, da gäbe es nichts zu verstehen und er gefährde nur sich und seine Familie.

Diese Geschichte erlebt man mit als Abfolge von Gesprächen an einem langen Tisch. Gespräche als Aneinanderreihung von Stereotypen über den Nahostkonflikt, über Israelis und Araber, vorgetragen im Duktus von alltäglichen Gesprächen unter Freunden und in der Familie. Dazu gesellt sich die Verhörsituation zwischen Moshe und Amin, auch sie so banal und dramaturgisch vorhersehbar wie bei einem Polizeiruf der ganz alten Sorte. Die Selbstbefragung der Akteure, warum dies alles sein müsse, bewegt sich im arrondierten Bezirk der eigenen Lebenswelt, des nur eigenen Erfahrungshorizonts. Alle sind gleichermaßen umgeben von perfekter Überwachungstechnik, die auf der Bühne als automatisierte Kameras agiert, und dennoch passieren die Anschläge und Einschläge, offenbar bis in alle Ewigkeit. Wie soll uns das weiterbringen, wo ist Licht?

Betont beiläufig, mal als Scherz des Penisvergleichs, mal als Lebenserinnerungen alter Männer, wird darauf verwiesen, dass der ganze Konflikt letztlich nichts anderes ist als ein Bruderkrieg, zwischen Brüdern aus inzwischen seit langem verfeindeten Familien, wo jeder den anderen nach Strich und Faden quält und zur Begründung die jeweils selbst erlittene Qual anführt. Maja Beckmann spielt zunächst Amins jüdische Kollegin Kim, später seine Schwester Leila. Am Tuscheln der Zuschauer um einen herum merkt man, dass der Regietrick funktioniert: man braucht eine Weile, bis man merkt, dass Leila nicht mehr Kim ist, so deckungsgleich sind Artikulation und Charakterzeichnung als handfest-pragmatische, gleichwohl empathische Frau, die dennoch nur die Opfer der eigenen Seite wahrnehmen und beweinen kann. Und so endet das ganze vorhersehbar in gewaltsamem Tod, Nacht, Kälte, Verwesung. Um sich unaufhörlich zu wiederholen.

Ja, die Inszenierung treibt einen an den Rand der Verzweiflung. Warum muss man sich zwei Stunden lang anschauen, was man eh schon weiß, oft genug schon imaginiert bekommen oder selbst zu ergründen versucht hat? Ohne dass ein Weg aufgezeigt wird, ein Hoffnungsschimmer? Oder dass klassische Katharsis passiert? Nichts davon, gar nichts. Was für ein subkutan-subversiver Akt!

Ein Gedanke schleicht sich dann doch ein, auf der dringlichen Suche nach Erklärung. Diese Familienclans: Mafia, Blutrache, tribale Strukturen überall. Sind nicht beide Religionen, Judentum und Islam, Stammesreligionen, hervorgegangen aus den Nomadenzelten der Wüste? (Und, in diesem Kontext nur ein gedanklicher Nebenast: ist nicht das Christentum unter den Weltreligionen semitischen Ursprungs die einzig urbane?) Ist es nicht dieser Tribalismus im Kern dieser Religionen, der überwunden werden muss? War es nicht eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung freiheitlich-demokratischer Gesellschaften, dass Menschen es gewagt haben, sich aus den Zwängen, Fesseln der Familien zu lösen? Nicht zurückgekehrt sind an Mutters Tisch und zu Vaters Welterklärung? Das ewige Festhalten an familiären Traditionen, nichts anderes als ein Clan-Kodex: liegt nicht dort der Kern des Übels? Haben wir nicht inzwischen seit langem einen Kodex namens Verfassung, der in der Lage ist, eine Gesellschaft zu befrieden – wenn man ablässt vom Gesetz der Familie, der Abstammung?
Und wie halten wir es mit einwandernden oder wiederkehrenden Riten des Tribalismus? Muss diesem Unwesen eine Republik nach 1789, 1918 und 1945 nicht unmissverständlich und durchsetzungsstark einen Riegel vorschieben?

Geschickt gesät vom Autor/Regisseur. Nicht-erfüllendes Theater mit nagender Nachwirkung. Dass es ein feministischer Akt von Frauen sein soll, als Selbstmordattentäterin zu agieren, das wurde allerdings nicht recht plausibel. Eher setzte sich der Gedanke fest, dass Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft offenbar selbst dann noch affirmativ agieren, wenn sie es eigentlich besser wüssten. Auch da hat die griechisch-urbane Antike die besseren Mythen.


Bildrechte: Münchner Kammerspiele, verändert

Buschfunk 0.0

Wir wissen, weil wir nicht wissen. So in etwa hat sich Frauke Petry geäußert in einer Gesprächsrunde, zu der die Süddeutsche Zeitung in Dresden eingeladen hatte. Geladen waren prominente und engagierte Alt- und Neudresdner verschiedener politischer Couleur und es sollte darum gehen, warum die „Brüche der Gesellschaft“ gerade in Dresden so offen zutage treten.

Lynx liest so was beim Frühstück, seit Jahrzehnten. Neulich wurde ihm von einem Kontrahenten aus dem Dunstkreis von Kubitschles Sezession vorgeworfen, er argumentiere „frei von der Leber weg“. Nun, die Leber gilt als Hauptwohnsitz der Gesundheit von Körper und Geist, seit Urzeiten. Nicht umsonst hat Zeus dem Frevler Prometheus zur Strafe den Adler geschickt, der ihm tagtäglich die Leber heraushackte. In der Leber sitzt der wahrhaft gesunde Menschenverstand, das ist den Göttern, den echten und selbsternannten ein Dorn im Auge, also raus damit. Ist die Leber perdu, wird es mit dem Rest auch nix mehr. Also auf Lebergesundheit achten, was solchermaßen aus dem Bauch kommt, kann nicht ganz verkehrt sein. Doch was hat das mit Dresden zu tun?

Wie gesagt, Lynx liest und verdaut das Gelesene, kaut es mal gut durch, schluckt anderes schnell hinunter und hofft, es gehe ohne Bauchgrimmen ab und würde die Leber nicht vergiften. Im Dresden-Gespräch nun tauchte ein Bissen auf, der von irgendwie ledriger Beschaffenheit war und auf dem etwas herumzukauen ist. Frau Petry hat ihn serviert und er geht so:

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Bierdeckel-Kompass

Seit man keinen Kompass mehr braucht, um sein Ziel auch in unübersichtlichem Gelände zu erreichen, scheint manchen Menschen das Orientierungsvermögen abhanden zu kommen. Den Kompass konnte man nur sinnvoll nutzen, wenn man seine Anzeige mit der realen Welt um einen herum in Beziehung setzte, ja, manchmal musste man peilen. Braucht es nicht mehr: man starrt auf das Smartphone-Display, lässt sich vom GPS leiten und stolpert blind und ahnungslos vor sich hin. Das Drumherum nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Und wenn man seine Apps und Dienste „richtig“ eingestellt hat, dann kriegt man eh nur noch das angezeigt, was einen „interessiert“, Anderes spielt eigentlich keine Rolle mehr, wahr ist, was auf dem Display steht. Doch die Welt bleibt ein unübersichtlicher Wald und ein guter Kompass hilft immer noch.

Auf einem Bücherflohmarkt ist mir beim Herumstreunen ein kleiner Schatz in die Hände gefallen, eine Sammlung von Aufsätzen als Nachbereitung eines Kongresses, der im Dezember 1986 in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Internationale Design Zentrum Berlin (IDZ) und es ging um „Design der Zukunft“. Intellektuelle aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Denkrichtungen trugen den Stand ihres Wissens zusammen und tauschten sich aus, unter Leitung des kundigen Fährtensucher Lucius Burckhardt (den wir immer noch schmerzlich vermissen). Natürlich ging es um die Doppelsinnigkeit des Themas, mit einer gewissen Unwucht aber vorrangig um die Fragestellung, wer unsere Zukunft macht, welche Spieler auf dem Spielfeld sind und welchen Impulsen oder Zielvorstellungen sie folgen.

Michael Thompson, ein britischer Mathematiker, Anthropologe und Querdenker, der sich mit Kommunikationsprozessen von Entscheidungsträgern beschäftigt, hat den Spielball aufgegriffen und einen instruktiven Kompass entworfen, der tatsächlich auf einen Bierdeckel passt, und einem hilft, sich gesellschaftlich zu verorten und die eigenen Interessen besser kennenzulernen und zu verfolgen. Ganz nebenbei ist es ein großer Spaß, allerlei andere Dinge, die um einen herum passieren, einzuordnen oder sie zumindest mittels dieses Kompasses einer kleinen Überprüfung zu unterziehen.

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