Am Spielfeldrand

„Wir lernen, während wir segeln. Deshalb ärgere ich mich so über die vielen Kommentatoren am Spielfeldrand, die ohne viel Einsicht die Wissenschaftler und Politiker kritisieren, die sich bemühen, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Das ist sehr unfair.“

Peter Piot

Präzise auf den Punkt gebracht von Monsieur Piot, einem belgischen Arzt und Wissenschaftler, der Covid-19 selbst durchlitten hat. Dem belgischen Magazin Knack hat er ein Interview gegeben, das in Science und der Welt zusammenfassend wiedergegeben wird. – Das wird unseren „besorgten Bürgern“ herzlich wurscht sein, die sind nun einmal leidenschaftliche Spielfeldrandkommentatoren, und wer jemals Kinder auf dem Fußballplatz hatte, weiß, was das heißt.

Besorgte Bürger zitieren üblicherweise gerne den Volkmund. Aus dem stammt auch der Satz: „Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um.“ Herzliche Grüße an die nächste bräunliche Schmutzel-Demo.


Bildrechte: Bayerischer Rundfunk/picture alliance, ZUMA Press, verändert

K(l)assenmedizin

Drei Erfahrungen aus dem Minenfeld der Covid-19-Tests.

Immer wieder kann man in diesen Tagen lesen, dass die Corona-Testerei nicht so funktioniert, wie sie sollte. Es werden Leute nicht getestet, bei denen es eigentlich geboten scheint. Andere erfahren eine Art Vorzugsbehandlung, weil sie offenbar zur „zahlenden“ Kundschaft aus dem Kreis der Privatpatienten zählen. Drei Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld, von Menschen, die mir alle nahestehen.

Fall 1: Die Studentin kommt zurück von der Skiwoche in Tirol und besucht ihren Freund. Sie fühlt sich angekränkelt, Husten, Halskratzen, kriegt dann leichtes Fieber. Einen Tag nach ihrer Rückkehr wird Tirol vom RKI zum Risikogebiet erklärt. Die beiden begeben sich in Selbstquarantäne und telefonieren mit Ärzten und Gesundheitsamt wegen eines Tests. Überall werden sie abgewimmelt, einhellige Meinung: ihr seid Studenten, bleibt zwei Wochen daheim. Immer wieder empfindet sie Druck auf der Lunge, immer wieder starten sie einen Versuch, immer Fehlanzeige. Das geht seit zwei Wochen, man kann nur hoffen, dass es bald vorbei ist.

Fall 2: Der Mann über fünfzig erkrankt mit typischen Grippesymptomen: Kopfweh, Gliederschmerzen, Erschöpfung, auch trockenem Husten, bald leichtes Fieber. Hausarzt: bleiben Sie daheim, trinken Sie Tee. Spricht ja im Grunde nichts dagegen. Doch der Mann arbeitet in der Nachtschwärmer-Großstadt-Gastronomie, in allervorderster Front, klare Risikogruppe. Dann steigt das Fieber sprunghaft, der Patient wird unruhig, erkundigt sich nach der Möglichkeit, ein Antibiotikum zu bekommen. Hausarzt: das sei nicht angezeigt. Ruhe bewahren. Der Zustand des Patienten verschlimmert sich weiter, hohes Fieber, er deliriert, ist kaum noch ansprechbar. Die Freundin telefoniert mit dem Notdienst. Geben Sie Ibuprofen. Die kann er nicht mehr schlucken. Sie ruft den Notarzt, der kommt nach über einer Stunde und wird leicht blass. Kaum noch Lungenfunktion, er denkt schon, sein Gerät sei kaputt. Sofort auf die Intensivstation. Da liegt er jetzt, Covid-19-positiv, mit schwerer Lungenentzündung und Nierenversagen, kriegt Antibiotika, Dialyse, ist ins künstliche Koma versetzt, ringt um sein Leben. – Die Hausarztpraxis hat inzwischen geschlossen: Corona-Verdacht.

Falls 3: Das Paar um die 60, Privatpatienten. Sie kriegen leichtes Fieber. Es besteht kein Kontakt zu Risikopersonen und man war in keinem Risikogebiet. Aber es gibt einen sehr guten Kontakt zum Hausarzt, denn dort lässt man sich für teuer Geld in der Fastenzeit den Bauch massieren. Wird schon helfen. Umgehend werden Corona-Tests vorgenommen. Es geht ihnen schon wieder besser, Testergebnis noch unbekannt.

„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“ —

Gespräch der sehr engagierten Schülerzeitung Sidekick des Adam-Kraft-Gymnasiums in Schwabach mit Markus Plenk, Landtagsabgeordneter ehemals der AfD, jetzt parteilos. Lesenswert.

In einem Flur nahe des Plenarsaales des Bayerischen Landtages haben wir Markus Plenk getroffen. Der heute parteilose ehemalige Fraktionsvorsitzende der AfD sprach mit uns über seine Tätigkeit als Landwirt, seinen Entschluss in die AfD einzutreten, seine Gründe für den Austritt, den Umwelt- und Artenschutz und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Dieses ganze Interview erscheint hier jetzt […]

„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“ —

Blöde Blauäugigkeit

Es sei die Lebenslüge des Bürgertums, dass die Weimarer Republik durch den „Zangengriff“ der Radikalen zugrunde gegangen sei, in Wirklichkeit habe der „Extremismus der ‚demokratischen Mitte‘ und der Verrat des Bürgertums die Nazis stark gemacht„, sagt Claus Leggewie heute in der Süddeutschen (SZ Nr. 36/2020, S. 15). Er warnt zwar davor, allzusehr auf Parallelen zu den frühen 1930er Jahren herumzureiten, aber die blöde Blauäugigkeit [sic!] mit der in Thüringen agiert wurde, lässt einfach jeden erschauern, der einigermaßen in Geschichte zugehört hat. Weiter sagt er:

Die AfD hat in Thüringen gezeigt, was sie im Schilde führt: die parlamentarische Demokratie entgleisen zu lassen und sie gewissermaßen sturmreif zu schießen für eine neue Art von Volksdemokratie. Die AfD-Kader planen den Anschlag auf die Demokratie […], sie pflegen einen paranoiden Politikstil, und die Grenzen zum Terror sind dabei fließend.

Gauland hat heute, bei der aktuellen Stunde zum Thema im Bundestag, wieder Zeugnis davon abgelegt, dass ihn Geschichte nicht interessiert, sonst hätte er die Gelegenheit genutzt, sich öffentlich von seinem Sprecher-Kollegen im Europaparlament zu distanzieren, nachdem Paul Ziemiak ihm dafür eine Steilvorlage gegeben hatte. Legt die AfD nicht ständig Wert darauf, als Bewahrer des Judentums in Deutschland gesehen zu werden? Gauland plappert von (s)einer angeblich demokratischen Partei, agiert aber, in Anlehnung an Höcke, als Faschist. Mit grobem Vorsatz – s. dazu auch Chaos, abgesagt?

Trennungsschmerz

nach Personalentscheidungen ist nichts, was man der CDU nachsagen könnte. Umso ausgeprägter ist der Trennungsschmerz, wenn es um ein überkommenes Weltbild der Nachkriegszeit geht. So groß, dass weite Teile der Partei sich weigern, in der Gegenwart anzukommen. Fast mutet es nun an, als habe das Intermezzo AKK nie stattgefunden und mein Beitrag von vor über einem Jahr zum Thema Friedrich Merz ist sozusagen immer noch taufrisch. Weiterlesen „Trennungsschmerz“

Chaos, abgesagt?

Herr Lindner, hinter welchem Mond haben Sie in letzter Zeit abgehangen? Sie haben sich „in der AfD getäuscht, die nur zum Schein einen Kandidaten aufgestellt“ habe. – Ist das nicht putzig? Willkommen in der Wirklichkeit! Hatten Sie angenommen, die AfD sei an einer konstruktiven Politik interessiert, wolle einen Beitrag leisten zur Stärkung unserer Demokratie, zur Stabilisierung oder Befriedung der Gesellschaft? Darf man vom Bundesvorsitzenden einer Partei mit derart hohen Ansprüchen nicht etwas mehr Vorbildung erwarten?

Lynx ist nicht halb so gebildet, aber liest immer neugierig. Gestern habe ich darauf hingewiesen, wie Hannah Arendt die Rolle des Mobs bei der Installierung totalitärer Systeme analysiert hat. Der Mob ist das willige Personal, das Chaos jedoch ist das Mittel, dessen man sich bedient, um eine herrschende Ordnung zu untergraben und ins Wanken zu bringen. Weiterlesen „Chaos, abgesagt?“

Der Mob

Ist noch jemand aufgefallen, wie sehr Höcke versucht, sich Hitlers Physiognomie anzueignen? Nicht nur die schmierige Schmalzlocke in der Stirn, auch der hündisch-unterwürfige Blick und die Oberkörperhaltung, als er Kemmerich die Hand reicht, hat konkrete Vorbilder. Ramelow hat schon recht, wenn er hier Parallelen zieht. Doch wir hatten die A-Seite von Hitler schon, wir brauchen definitiv keine B-Seite mehr.

Es fällt mir schwer, eigene Worte für die Bodenlosigkeit dessen, was in Erfurt passiert ist, zu finden. Einmal mehr Respekt für die Kanzlerin, die mit dem Wort „unverzeihlich“ direkt in die tiefe Wunde getroffen hat. Und damit möglicherweise, ob willentlich oder nicht, der FDP den Garaus macht. Sind das dort eigentlich nur noch Leichtmatrosen? Doch auch aus der CDU scheint jedes Mark gewichen zu sein.

In Ermangelung eigener Worte greife ich zurück auf Hannah Arendt bzw. die so kurze wie instruierende Einführung zu ihrem Werk von Annette Vowinckel (1). Arendt hat lucide und ihrer Zeit weit voraus gesehen, was uns noch zu schaffen machen wird. Und wie immer existieren die Muster in der Geschichte. In ihrem grundlegenden Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955) spielt der Begriff des Mobs eine zentrale Rolle. Vowinckel fasst Arendts Terminologie wie folgt zusammen: Der europäische Mob des 19.und frühen 20.Jahrhunderts setzte sich aus den »Deklassierten aller Klassen« zusammen, aus Abenteurern, Kriminellen, gelangweilten Adligen et cetera. Von der unstrukturierten Masse unterschied er sich durch sein politisches Engagement (zum Beispiel in den Antisemitenparteien des 19.Jahrhunderts), das von rassistischen Ideen geprägt war, die Überlegenheit der Europäer gegenüber Schwarzen und Juden propagierte und sich vor allem im Zuge der imperialistischen Expansion entfaltete. (1)

Die „Deklassierten aller Klassen“, gelangweilte Adelige eingeschlossen. Da hat es bei mir geklingelt: wie zutreffend beschreibt dies die Zusammenrottung, die in der AfD passiert. Der Mob war, nach Arendt, die gesellschaftliche Basis für die Umwandlung einer strukturierten Klassengesellschaft in eine durchmanipulierte Massengesellschaft, in der Hitler und Stalin ihre totalitären Systeme installiert haben. Bis vor Kurzem kannten wir das nicht, waren das Botschaften aus einer zurückliegenden Zeit. Fast über Nacht ist das alles sehr aktuell geworden. Es hat in Übersee begonnen und suppt nun allmählich herein. Seien wir auf der Hut.


Literatur: (1) Vowinckel, Annette. 2015. Hannah Arendt. Reclam.
Bildrechte: Deutschlandfunk, verändert

Fledermausgaube (2)

Eben denke ich noch, da hast du dir mit der Fledermausgaube wieder ein ganz schön peripheres Thema ausgesucht, da flattert die Fledermaus-Gesandte aus der Hauptstadt herein, winzig klein und hektisch: Eilnachricht! Der Bau des „Freiheits- und Einheitsdenkmals“ vor dem Humboldtforum, dem alt-neuen Stadtschloss von Berlin, sei in Gefahr! Die „Einheitswippe“ kippt – schon bevor sie steht. Schuld daran haben: die Fledermäuse! Rund 60 Wasserfledermäuse à 15 g und 25 Zwergfledermäuse à 5 g, macht zusammen gut zwei Pfund Lebendgewicht Fledermauspopulation, sind angetreten, ein Projekt von einem geschätzten Gesamtgewicht von 150 Tonnen umzuschmeißen. Herkulische Kräfte! Oder einfach nur Naturschutz-Wahnsinn?

Das neue Denkmal soll dort errichtet werden, wo die DDR das monumentale alte Kaiser-Wilhelm-Denkmal schon 1950 abreißen ließ, an der Schlossfreiheit am Spreekanal. Erhalten geblieben ist die Gründung mit umfangreichen Gewölben, dort leben seit Menschengedenken die Fledermäuse, ein ideales Brut- und Überwinterungsbiotop. Jetzt sollen diese Gewölbe so „ertüchtigt“ werden, dass die Fledermäuse dort ausziehen müssen und eine Rückkehr nicht mehr vorgesehen ist. Bemerkenswert daran, für meine Fragestellung: angeblich kennen Bauherr (Bund) und Architekten die Problematik mit den Fledermäusen seit Jahren, spätestens seit 2002. Und haben sie bislang einfach ignoriert. Was interessieren schon diese winzigen Viecher? Jedes davon passt mühelos in eine Streichholzschachtel und lässt sich dann gefahrlos entsorgen. Die Planer waren bis dato nicht willens, sich mit dieser geradezu exemplarischen stadtökologischen Frage auseinanderzusetzen. Pure Ignoranz.

Doch warum soll man solche Tiere schützen, von denen wir eigentlich im täglichen Leben nie auch nur irgendwas mitkriegen? Wofür soll das gut sein? Von Fledermäusen ist immerhin allgemein bekannt, dass sie über ein sensationelles Navigations- und Ortungssystem verfügen, bei dem Ultraschallsignale eine große Rolle spielen. Verbaut in einem sozusagen stecknadelkopfgroßen Zentralrechner von unglaublicher Leistungsfähigkeit. Neu war mir hingegen ein anderes Detail, das ich nun der Berichterstattung entnommen habe: Wasserfledermäuse können ihren Nachwuchs, wenn es sein muss, evakuieren, in dem sich die Kinder an den Zitzen der Mutter festsaugen und dann mit ihr entschweben. Ich will jetzt gar nicht wissen, ob das wehtut oder ziept (vermutlich). Mir fallen dazu nur martialische und missglückte Hubschrauberevakuierungen aus Kriegsgebieten ein.

Allein der Gedanke, dass da am Nachthimmel womöglich ganze Familien umherflattern, von denen wir keine Ahnung haben, während wir Sesselpupser irgendwelche strunzdummen und eben anhnungslosen Bürokratenentscheidungen treffen, macht mich missmutig. Wir basteln an Quantencomputern und haben das, was die Evolution von sich aus hervorgebracht hat, erst ansatzweise erforscht und verstanden. Doch vorher vernichten wir es in reiner Verblendung. (Und das Deutsche Archtiktenblatt beschäftigt sich lieber mit der Ästhetik historischen Handwerks, als sich die ganz normalen Fragestellungen der Gegenwart vorzunehmen.)

Deshalb nochmal die Frage: Naturschutz-Wahnsinn oder herkulische Kräfte?
Der Nabu Berlin hat jedenfalls Klage eingereicht und wird vermutlich wieder etlichen Funktionärs- und Volkszorn auf sich ziehen.

Kurz vor Redaktionsschluss die nächste Nachricht, diesmal vom Baunetz. Hat man mich dort belauscht? Heute erscheint die neue Ausgabe der Baunetzwoche, Thema: Mehr Wildnis in der Stadt. Unter anderem gibt es ein Gespräch zum „Animal Aided Design“. Ein weiterer Begriff der auftaucht: „Nature-Inclusive Design“. Die Labels sind also schon gefunden, ganz wichtig. Es gibt aber auch einen Prinzip-Vorschlag für fassadenintegrierte Fledermauskästen. To be continued.


Quellen und Bildnachweise:
Neue Heimat gesucht. Süddeutsche Zeitung Nr. 246/2019, S. 16
Bild Wasserfledermaus: BUND/Dietmar Nill, verändert
Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal (historische Karte und Aufnahme): Wikipedia

Fledermausgaube

Jetzt habe ich mich selbst wieder als völligen Banausen ertappt. Habe im Zentralorgan der deutschen Architektenschaft geblättert und bin am Technikhinweis hängen geblieben: „Wie Fledermausgauben konstruiert werden“. Hoppala, hat es sich jetzt rumgesprochen, dass wir dringend unsere Gebäudehüllen ertüchtigen müssen, um Ersatzlebensräume für höhlenbrütende Vogelarten und Fledermäuse zu schaffen? Und dann sogar unter Mitwirkung von Architekten, d.h. nicht einfach hingepappt oder auf’s Dach gestellt, sondern idealerweise integriert in die Fassadenkonstruktion (selbstverständlich bei Einhaltung aller ENEV-Bestimmungen, schließlich sind da High-Tech-Konstrukteure am Werk)?

Doch weit gefehlt! Es geht um die alte Bautradition der Fledermausgaube, eine aufwändige weil geschwungene und sehr elegante Gaubenform, die insbesondere an der Ostseeküste beheimatet ist und auch schweren Reetdächern zu einiger Eleganz verhilft. Zu Zeiten des Jugendstils vor rund 120 Jahren war sie allgemein sehr beliebt wegen ihrer organischen Form. Na gut, eine solche Handwerkstradition zu bewahren ist aller Ehren wert und natürlich ein Anliegen der Baukultur, der die Architekten ja verpflichtet sind.

Immer noch nicht richtig verpflichtet sind sie ökologischen Gedanken. Eine umfassende Verschränkung unserer Bauwerke mit natürlichen Prozessen (die über Alterung und Verfall hinausgehen), das wäre doch mal was. Eine Aktivierung sozusagen. Für die Kühl- und Heiztechnik gibt es ja länger schon die sog. Bauteilaktivierung, die Nutzung der Gebäudemasse als Zwischenspeicher für Wärmeenergie. Warum nicht eine Bauteilaktivierung für ökologische Nischen? Fledermausgauben z. B., als Gauben für Fledermäuse, integriert, schön und heimelig gestaltet, nicht angepappt. Keep on!


Bildnachweise:
Fledermausgaube: Steffen Paul/Tischlerei Mädche, DAB-Online
Fledermaus-Fassadenflachkasten: Naturschutzbedarf Strobel
(Bilder verändert)

Schnellroda droht (und heult rum)

Welche Reaktion auf den Mordanschlag in Halle durfte man von der Klitsche in Schnellroda, die sich „Sezession“ nennt und die Meinungsführerschaft bei der Neuen Rechten beansprucht (und ein Spielbein in Halle hat), erwarten? Dass sich Kubitscheks „Denker“-Stammtisch äußern musste, war klar. Aber so – plump (doch wie auch anders)?

Kubitschek selbst hält sich wieder vornehm zurück (seine liebste Attitüde) und schickt seine Nummer zwei vor. Martin Lichtmesz wird von der Gemeinde als Vor“denker“ verehrt, welches Manna hält er für die nach Ausflucht und Rechtfertigung hungernden Seelen bereit? Eine Predigt (und eine Selbstoffenbarung) in 5 Stichpunkten und einer Rechtfertigung, mit der er sich (unbedacht?) mit dem Täter identifiziert:

1. Der Einzelkämpfer: wir sind so allein allein.
2. Das Opfer: keiner hat uns lieb.
3. Die Verschwörung: die anderen missbrauchen uns, weil sie uns ausgrenzen wollen.
4. Die Opfer: sind wir, weil wir ausgegrenzt werden (nicht die, die uns zum Opfer fallen.)
5. Die Drohung: wenn ihr uns nicht liebhabt, geben wir keine Ruhe.
Rechtfertigung: ihr seid schuld.

Der Reihe nach, ein wenig unter die Lupe genommen (ermüdend, weil die Argumentation der Rechten dem ewiggleichen Schema folgt):

1. Der Einzelkämpfer: L. ordnet den Attentäter einer Einzelkämpfer-Tradition der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung zu. Leute, die sich berauschen an der Inszenierung als Real-World-Ego-Shooter. Das sei eine Subkultur der „einsamen Wölfe“ mit eigenen Regeln und eigener Dynamik.

2. Das Opfer: Der Killer ist ein „frustradikalisierter Incel„, dem es letztlich wurscht ist, wer oder was ihm vor die Flinte läuft, der nur wild um sich ballert, denn: „Offenbar war B. auch ein Scheidungskind, das bei seiner Mutter lebte.“ Will heißen?

[Man kann das bis hierher von Lichtmesz Ausgebreitete nehmen als eine Aufzählung von Indizien und Überlegungen, wie sie auch an anderer Stelle in den Medien vorgenommen wird. Das ist fast schon Konsens. Und im speziellen Fall soll das natürlich entlastend wirken: da seht ihr’s, der wirre Einzeltäter aus desolaten Verhältnissen, von schlechten Ratgebern und Influencern umgeben, deshalb wirr im Kopf, nach Anerkennung und Auszeichnung gierend. Oder auch: die Personenbeschreibung für eine Idealbesetzung als Instrument und Frontkämpfer? Wir brauchen dich! Bei uns findest du Erwähnung und Würdigung! – Denn: Lichtmesz scheut sich nicht, O-Töne aus dem Video des Killers wiederzugeben und damit seine Plattform zu vergößern. Seht her: bei uns kriegt jeder Wirrkopf seine Werbefläche.
Diesen Move braucht Lichtmesz für seinen dritten Punkt, denn nun wird es frech, womöglich gefährlich:]

3. Die Verschwörung: Sein erster Gedanke zum Anschlag von Halle sei gewesen, dass es sich um eine „False-Flag“-Aktion des „Deep State“ gehandelt habe, denn die wäre eigentlich überfällig so kurz vor den Landtagswahlen in Thüringen. „Um den im Juli hemmungslos aufgebauschten „Mordfall Lübcke“ [sei es ] ziemlich still geworden. Es war wieder neues Heizmaterial nötig.“ – An dieser Stelle tritt die Arbeitsweise von Schnellroda glasklar zutage: Es wird schon eingeräumt, dass es ein wohl rechtsextremistisch motivierter Anschlag war, aber es sei halt nicht ausgeschlossen, dass es „Anstoßer“ gab (sic: vom „Deep State“ meint er, nicht aus Schnellroda). Der Hauptaspekt sei, dass der Alarmierungszustand der Gesellschaft, was die Gefahr von rechts angeht, aufrecht erhalten werde, damit sei der Attentäter ein „nützlicher Idiot“ der „herrschenden Klasse„.
Kurz gesagt: Der Anschlag ist eigentlich eine Propagandaaktion zur „Materialisierung“ des „Nazi-Gespensts„. So erklärt er das seiner Gemeinde. Und lässt damit das von ihm persönlich verbreitete Gerücht, das Ganze könne eben doch ein „Fake“ gewesen sein, ungerührt im Raum stehen. Alle Trigger sind wohlplatziert gesetzt. So geht Zündeln.

4. Die Opfer: Denn jetzt geht es um das Einschwören der Gemeinde auf das was ansteht. Das „etablierte Narrativ“ von der bösen Rechten, die „Gleichsetzungsdelirien“ von Killer, Kubitschek, Höcke, AfD würden wie üblich bemüht „wie das Amen im Gebet„. Dagegen sei kein Kraut gewachsen: wir armen unschuldigen Opfer.

5. Die Drohung: das Establishment sei es jetzt zufrieden, dass nun der klare Nachweis erbracht worden sei, dass der tödliche Antisemitismus von rechts komme. Man könne nun getrost weiter „vertuschen“ und „verharmlosen„, dass er „vorwiegend mit der ohne Zweifel wachsenden Präsenz gewisser importierter Bevölkerungsgruppen zu tun hat.“ Selbst die offiziellen Vertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland würden das so sehen wollen, sagt L. Muss er so sagen, denn es geht ja um Selbstverteidigung – und eine Drohung: es sei eine „Illusion“, dass mit der Identifizierung von tödlichem Antisemitismus im rechten Lager etwas „wieder ins Lot gekommen“ sei, das würde „nicht lange halten„. Denn die Radikalisierung und Spaltung der Gesellschaft sei erst am Anfang. Das möchten sie natürlich so sehen in Schnellroda, denn alles andere würde diese Klitsche ja erübrigen.

Die Rechtfertigung: Schuld an der Spaltung der Gesellschaft sind die Anderen, vornehmlich jedenfalls, sie wird „exakt von denselben Leuten am vehementesten vorangetrieben, die glauben, in Halle eine Keule gegen die Gesamtrechte gefunden zu haben„, sagt L. Wie sagte der Vater des Killers von Halle? „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld“. Schaut Lichtmesz in den Spiegel? Formuliert er hier die Rechtfertigung für den nächsten Einzelkämpfer? Die Anderen sind schuld, so bequem und verächtlich zugleich macht es sich die Rechte. Nur nie nicht Verantwortung übernehmen müssen. Nur nicht selbstkritisch hinterfragen, welche Fundamente man durch solches Reden und Schreiben errichtet. Reinwaschung, Identifikation, Kommunion. Wie lange lassen wir sie damit noch durchkommen?

Gegen dieses Narrativ der Rechten und gegen diese Drohung der „Sezession“ hilft: Zusammenhalt, Solidarität, Inklusion, Gemeinsinn. Nicht auseinandertreiben lassen von hinterlistigen Demagogen. Aber auch festhalten an der Diktion: ein Faschist ist ein Faschist ist ein Faschist. Und Rechtsstaat, an dieser Stelle gerne etwas kleinlicher als bislang üblich.

[Faschisten fragen gerne listig nach, wie denn „Faschismus“ definiert sei? In der Tat, eine Definition im Fluss. Mit gewissen Grundkonstanten über die Zeit: Verachtung von Demokratie und Rechtsstaat zugunsten des Primats einer „völkischen Gemeinschaft“ und ihrem politischen Willen, der im Zweifelsfall über dem Rechtsstaatsprinzip steht: Gruppenideologie vor individuellem Grundrecht, Politik vor Recht, nicht Recht vor Politik.]

Doch wie kann man Faschisten und Nazis liebhaben? Dazu habe ich keine Idee. Mit denen kann man auch nicht mehr reden. Und: sie grenzen sich selber aus, wollen ausgegrenzt sein. Das ist ihr Lebenselixier. Halten wir uns den Zoo in Schnellroda, aber keinen Millimeter darüber hinaus!
Auf die kleinen Kinder achtgeben, nur das hilft wirklich. – Da fällt mir doch glatt noch die alte Hippie-Hymne ein, selten erschien sie mir so zutreffend:

Teach your children well,
Their father’s hell did slowly go by…

Deutscher Herbst?

Ich lausche der „Winterreise“ von Franz Schubert, die Vertonung der Gedichte von Wilhelm Müller aus Dessau, weil ich eine Herbstreise nach Sachsen-Anhalt vorbereite und der Sound, den ich mit Orten, Begebenheiten, Reisen verbinde, für mich essentiell ist. Im speziellen Fall ist das ein arg theoretisches Konzept, weil Müller nicht wusste, dass Schubert seine Gedichte vertonte und beide von dem dauerhaften Erfolg dieses Werks nicht profitieren konnten, weil er erst posthum eingetreten ist, für beide. Aber irgendwelche Schwingungen werden schon da sein?

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum. […]

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht,
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Die aktuellen Überlegungen werden massiv gestört von den heutigen Vorfällen in Halle, die man getrost als Terroranschlag bezeichnen darf, auch wenn die Hintergründe erst in Umrissen bekannt sind. Und das löst Gedanken in eine ganz andere Richtung aus, nicht mehr vorwärts, unternehmungslustig, sondern rückwärts, retrospektiv. Oktober in Deutschland, da war doch was. Nein, nicht vor dreißig Jahren, länger her, vor nun genau 42 Jahren. Kann sich noch jemand erinnern an den sog. „Deutschen Herbst“ 1977? Als die RAF meinte, sie könne diesen Staat vorführen, in die Knie zwingen, vergewaltigen, was auch immer?

Damals war ich sehr jung. Wer jung war hatte zumeist Sympathien für alles Antikapitalistische und verdächtigte die staatlichen Autoritäten eigentlich grundsätzlich des Missbrauchs derselben. Als die RAF dann das Land mit ihrem Terror überzog, packte der Staat sein Filetierbesteck aus und wurde unangenehm, auch im Alltagsleben. Überall Polizeikontrollen. Der sog. „Radikalenerlass“ war schon seit fünf Jahren in Kraft und irgendwie kannte jede/r eine/n der/die davon betroffen war. Es war ungemütlich. Auch wenn man kein wirklicher Sympathisant war, fühlte man dennoch mit, mit den Sympathisanten, die nun massiv unter Druck gerieten. Die meisten waren doch nur pure Idealisten, Träumer einer besseren Welt, auch: Verirrte im unübersichtlichen Gelände der Weltverbesserungsideologien. (Andere machten damals mit wachem Geist Frontarbeit: Schily, Ströbele…) Die ganz gewöhnlich idealistische Jugend beschlich damals das Gefühl, dieser Staat könne womöglich alle Aufbruchsregungen im Keim ersticken, in einer Überreaktion auf die Provokation durch die RAF.

Rückblickend scheint es mir, dass der Staat echte Stärke bewiesen hat. Vordergründig und bekanntermaßen in der ziemlich gnadenlosen Bereinigung des RAF-Problems. Hintergründig (und viel wichtiger) darin, dass er aus der Situation nicht insofern Kapital geschlagen hat, dass die jugendlichen Befürchtungen wahr wurden. Nein, als sich die Situation beruhigt hatte, hat sich der Staat auch wieder entspannt und die Dinge wieder laufen lassen, vielleicht sogar großzügiger als zuvor. Und genau das hat diesen Staat stark gemacht – in meinen Augen. Ich möchte es wenigstens so sehen.

Auf die aktuelle Situation gewendet: ich wünsche mir, dass der Staat gnadenlos durchgreift auf der rechten Seite. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat das heute abend in der ARD wieder angesprochen: auf Worte folgen Taten. Die Täter aus der rechten Szene sind zumeist arme Irre (anders als die RAF-Terroristen). Die wirklich gefährlichen Leute sind die, die bislang ungestraft, ihr exklusives Gedankengut verbreiten, in Schnellroda und sonstwo. Die sich die Hände nicht schmutzig machen und sich dieser depperten willigen Helfer bedienen. Eigentlich ein ganz einfaches Kalkül. Und dieser Staat hat hier bisher offenbar keine juristische Handhabe.

Vielleicht braucht es diese Provokation, dass sich unser aller Staat besinnt und, wieder einmal, gnadenlos die Schranken aufzieht. Radikalenerlass für die Rechten? Höchste Zeit (Kriegt Höcke eigentlich noch Beamtensalär?). Immerhin war man auffallend schnell mit der Einschätzung „staatsgefährdend“, Generalbundesanwalt übernimm!

Im Zuge der Reisevorbereitung habe ich von einem Ort gelesen, einem alten Schloss, das vor Jahren aus öffentlichem in privaten Besitz übergegangen ist. Die aktuellen Besitzer hatten offenbar darauf spekuliert, das Anwesen ließe sich, in einer durchaus touristischen Gegend, touristisch vermarkten. Pustekuchen, Flaute. Man vermietet die historischen Räumlichkeiten für private und öffentliche Veranstaltungen, auch an Parteien, auch an die AfD, weil das eine demokratisch legitimierte Partei sei. Ob man auch an den „Flügel“ vermieten werde, müsse man noch überlegen. Der Große Geist behüte: wenn erst einmal ökonomische Abhängigkeiten entstehen, dass man an die Nazis vermieten „muss“… Schnellroda ist dort gleich ums Eck. Und wer weiß: dem Kubitschle wäre ein gediegen Schloss am Ende wahrscheinlich noch lieber als sein popeliges „Rittergut“, das nur so heißt.

Bei aller bitterer Tragik war es vielleicht wichtig, dass das heute ausgerechnet in Halle passiert ist, wo diese bescheuerte „Ein-Prozent-Bewegung“ der Identitären residiert. Ausmisten, sofort. Keinen Stein auf dem anderen lassen, in einem weiteren deutschen Herbst.

Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai,
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

(Wilhelm Müller, Gedichtzyklus „Die Winterreise“)

Lebenslüge? Oder fehlendes Vorstellungsvermögen?

Lynx fragt sich, wie geht das zusammen: Einerseits die Endlichkeit von Ressourcen und die Grenzen der Belastbarkeit der Ökosysteme auf diesem Planeten (endlich) anzuerkennen. Andererseits mit lockerer Geldpolitik weiterzumachen, gar noch eine stärkere Lockerung zu fordern, mit dem Ziel, die Wirtschaft und ihr Wachstum zu befeuern, gerne auch wieder verstärkt auf Pump (wie aktuell wieder vom IWF vorgeschlagen).

Ist das Weitsicht oder Verblendung? Ist das kluge, weil auf Ausgleich und Wohlstand für alle bedachte Politik oder die althergebrachte kurzsichtige Sorglosigkeit der abhängig Beschäftigten, deren Gehalt immer kommt und deren Urlaub immer bereit steht, was auch sonst?

Haben Grenzen des Wachstums und Befeuern von Wachstum nichts miteinander zu tun? Es gibt ja Ökonomen, die das so sehen. Doch die waren vermutlich noch nie an den Grenzen unterwegs, sind über den Londoner Finanzdistrikt nicht wesentlich hinausgekommen. Und sind, in aller Regel, abhängig beschäftigt.

Wenn der Mutterkonzern nicht mehr rundläuft und die Gehälter in Gefahr geraten, dann muss Geld her, Kredite, Subventionen, irgendwas, um das Geschäft, wenigstens künstlich, aufzupumpen, am Leben zu erhalten. Ansonsten geht Mutter Konzern bankrott – und dann? Das mögen sich Ökonomen nicht ausmalen. Oder doch: sie malen sich das ständig aus, darum bleibt ihr Denken auch darauf fixiert, nur darauf.

Das Mutterschiff Erde als Konzern betrachtet: Was wären das für Kredite und Subventionen, die wir hier in Anspruch nehmen könnten?



Hallo Ökonomen, ich kann nichts hören?

(Murmelte da jemand leise „schrumpfen“? Das kann nicht sein, Hörfehler.)

Stockduster

Hin und wieder versuche ich, bei der Betrachtung von Dingen einen Schritt zur Seite zu treten. Die Perspektive zu verändern. Oder auch, mir den Spiegel vorzuhalten (Erschrecken!).

Aktuell beispielsweise in der Debatte um Herrn Tönnies und sein Afrikabild. Nichts von seinen Äußerungen muss wiederholt werden. Ich frage mich allerdings, warum sich kein cooler Afrikaner findet, der kontert, dass es im weißen Europa offenbar nie mehr richtig dunkel wird, denn sonst hätte dieses weiße Europa doch kein Demographieproblem? – Vielleicht würde dann der Einstieg in die Debatte gelingen, um was es eigentlich geht?

Senhor Bolsonaro aus Brasilien hält sich für cool und ist gerne behilflich bei einem solchen „Move“: Er gibt der (gelegentlich naiven) Frau Schulze Bescheid, Deutschland solle die nun zurückbehaltenen Fördergelder für brasilianische Regenwaldprojekte doch besser für die Wiederaufforstung Deutschlands verwenden, das sei sinnvoller. Dummerweise hat er recht, ein Stück weit. – Mich beschleicht stets ein komisches Gefühl, wenn wir den Regenwaldnationen vorschreiben wollen, dass sie gefälligst ihr Territorium weitgehend im Naturzustand belassen sollen – damit es bei uns weiterhin gemütlich bleibt. Pech für euch im Süden, dass wir schneller waren mit der Abholzung, jetzt ist das Budget leider aufgebraucht! Auch eine Form von Rassismus.

Das Dumme ist nur: während in gemäßigten Breiten die Abholzung auf einfache Weise stabile und produktive Ersatzökosysteme ermöglicht, sieht es in den Tropen ganz anders aus. Wenn man nicht aufpasst, geht der Regenwald ganz schnell in eine zwar stabile aber unproduktive Wüste über. Nachteil Brasilien. Dennoch gibt es in der voreuropäischen Geschichte Amerikas Anschauungsmaterial, wie einerseits Rücksichtslosigkeit gegenüber den natürlichen Grundlagen ins Verderben führte und ganze Kulturen auslöschte. Andererseits gab es schon einmal Technologien, den Regenwald produktiv nutzbar zu machen. Das verlangt aber technologische Intelligenz und Geduld. Warum investiert Brasilien nicht in seine Zukunft und macht uns vor, wie man sein Potential produktiv entwickelt, so dass es nicht binnen einer oder zwei Generationen ins Meer gespült wird? Dann könnte Bolsonaro ganz zu recht mit dem Finger auf uns und unsere heraufziehenden Nitratwüsten zeigen. Derzeit benimmt er sich aber doch eher wie all die anderen Idioten, die eifrig daran herumwerkeln, dass es in absehbarer Zeit für uns alle eher düsterer wird.

Weil wir gerade bei anderen Idioten und Nachrichten aus dieser Woche sind: das erratische Agieren von Mr. Trump sorgt jetzt offenbar dafür, dass die Weltwirtschaft sich tatsächlich merklich abkühlt, insbesondere China und Deutschland leiden, war zu lesen. Was heißt das? – Schritt beiseite: ist Trump verkappter Ökologe? Kann es nicht sein, dass gerade er (während Fräulein Thunberg über den Atlantik schaukelt) dem Weltklima eine längst nötige Erholungspause gönnt? In seiner Diktion würde das heißen, dass er den größten Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen leistet, den die Welt je gesehen hat! – Schritt zurück: nein, so weit wird er es nicht kommen lassen. Denn er ist dabei, die Pensionen seiner Stammwähler zu pulverisieren. Das werden sie ihm nicht durchgehen lassen. Er will wiedergewählt werden, also muss er den Ofen ganz schnell wieder einheizen. Ob das dann besser ist? Verwirrende Zeiten. Vielleicht wird es doch wieder dunkel, womöglich stockduster. Und dann?

Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

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Architekten-Poesie (1)

Zum Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses in Berlin-Köpenick meldet das Baunetz:

Um die Naturverbundenheit und den ökologischen Anspruch auch nach Außen deutlich zu machen, wurden die Blätter der alten Eichen vom Grundstück in den Beton der Fassade eingestreut. Nach dem Trocknen hinterließen ihre Abdrücke ein pflanzliches Ornament. Als grüne Blätter in grauem Beton.

Was die Außen(raum)gestaltung angeht, ist der Beitrag von einer merkwürdig hybriden Mischung aus Renderings und Fotos begleitet, der gewisse Zweifel im tatsächlich rücksichtsvollen Umgang mit den Bäumen aufkommen lässt. Auf einem Bild sind jedenfalls sehr stumpfe Schnitte an dicken Ästen zu erkennen. Aber das sind natürlich Petitessen. Die naturverbundene Verdreckelung des Fassadenbetons mit abgestorbenen Blättern (die sicher nicht mehr grün waren oder sind) ist einfach der Hit, oder etwa nicht?