Im Studiolo

Ich sitze am langgestreckten Tisch vor dem breiten und hohen Fenster. Balkon davor, also die Möglichkeit hinauszutreten ins Freie und doch für mich in der Wohnung zu bleiben. Das Zimmer ist klein, der Balkon aber so breit wie das Zimmer. Ich habe von dort Aussicht auf eine weite, offene Landschaft. Schwung eines Hügels, gestaffelte Hecken und Haine in der Ebene. Leuchtband der S-Bahn bei Nacht. Manchmal glänzen weiße Alpengipfel, weit abgerückt. Es ist ein Dachzimmer mit hoher Decke im First. Die Dachschräge bringt Bewegung in den Raum, eine optimistische, weil von links nach rechts ansteigend, wenn ich am Tisch sitzend aus dem Fenster schaue.

Hier verbringe ich meine Tage und dort vor mir weitet sich der Horizont.
Geländebewegung, Hügelschwung dahinter, halb in der Senke ein einzelner breiter Baum vor dem aufsteigenden Wald in der Gegenbewegung zum flachen Wiesenrücken, der den Beginn der ebenen Weite markiert – die Gedanken schweifen. Und des nachts krieche ich unter die herunterlaufende Schräge, in die entlegene, niedrige Ecke, gleich neben dem Tisch. Aus einem Spalt im First stürzen sich die Fledermäuse in die Nacht…

Notiz aus einer Zeit der selbstgewählten Zurückgezogenheit und Selbstbeschränkung, weit draußen und doch immer seltsam mittendrin, sehr lange her. Habe ich heute zufällig wiedergefunden. Das tat gut. – Das einzigartige Studiolo des Grafen Federico da Montefeltro in Urbino hat ungefähr die gleiche Größe wie mein damaliges Zimmer, 12 m². Aber ohne Fenster mit Aussicht (nur als Oberlicht), ohne Balkon, ganz in sich gekehrt, ganz der Konzentration gewidmet, der Ausblick nur als Illusion. Das Universum auf kleinstem Raum. Kein Dauerzustand, aber eine Übung.