Helpless, reissued.

Die Sonne ist zurück, nach einigen trüben, regnerischen und ziemlich kühlen Tagen. Die waren wichtig und womöglich immer noch zu wenige. Dass die Sonne wieder wärmt ist schön, aber es bleibt die Unsicherheit, ob das nicht zur endlosen Hitze führt… Der Boden unseres Daseins ist schwankend geworden (war er das nicht schon immer?). 

In der Zeitung ein Artikel über die Reise Alexander v. Humboldts nach Südamerika und seine ständigen Begegnungen mit grassierenden Infektionen (Gelbfieber v.a.). Seuchen waren Alltag. Unsicherheit war Alltag. Wir waren uns unserer Sache zu sicher und hatten unsere Fragilität vergessen. „…dass wir eine Menge Dinge nicht wissen, mit deren völliger Kenntnis wir uns lange geschmeichelt haben“ wird Humboldt zitiert.

Heute wollen Tausende auf der Theresienwiese in München demonstrieren, die sich ihrer Sache sicher fühlen und „ihr altes Leben“ zurück haben wollen. Ja, sieht so aus, als verließen wir unser Plateau der Moderne und Aufklärung. Sinken wir zurück in die trüben und stumpfen Zustände, die die menschliche Welt eigentlich meist prägten? Dort wurden regelmäßig die Ursachen und Schuldigen auch immer anderswo gesucht – und gefunden, vorgeblich. Das Leben in scheinbarer „völliger Kenntnis“ ist halt so bequem. Oft gewalttätig, auch.

Spotify ist bequem und kennt mich inzwischen gut, kann meine Gedanken lesen. Also blendet es jetzt automatisiert ein: „Helpless„, der Klassiker von Neil Young, der mich treu begleitet hat. Allerdings in einer aktuellen Version von Molly Tuttle und der Old Crow Medicine Show. Hintergrund des Songs: in Youngs Kindheit gab es in seiner Heimat Kanada eine Polioepidemie, er selbst erkrankte auch daran, mit bleibenden Schäden…


Bildnachweis: https://thestoryofrockandroll.com, verändert

Goldrand

In dem heruntergekommenen Häuschen leben zwei ältere Menschen. Wie alt sie sind, ist schwer zu sagen, beide scheinen von den Jahren schwer gezeichnet. Sie ist wohl die eigentliche Bewohnerin, schon lange geht sie an Krücken, kommt kaum mehr voran, erledigt dennoch irgendwie ihre Einkäufe. Sie redet viel mit sich selbst. Umso überraschender ist es, von ihr direkt angesprochen zu werden, sie erweist sich dann als hellwach und informiert. Das Häuschen verwittert vor sich hin, zerfällt allmählich, im Gleichklang mit seinen Bewohnern. Vor einer Weile war ein Entrümpler da, ich dachte schon, sie sei nun ausgezogen. Dann erschien sie in der Haustür und gab Anweisungen. Vermutlich hat sie begonnen, sich von Ballast zu befreien, seitdem ist der Garten um das Haus auch nicht mehr so zugemüllt.

Ihr Mitbewohner sieht eigentlich aus, als würde er gar nicht mit ihr im Haus wohnen, sondern irgendwo zwischen dem Müll im Garten. Ein Clochard, wie man ihn sich vorzustellen gelernt hat. Der Müll ist aber weg, er wohnt nun definitiv mit im Haus. Er ist mindestens so hinfällig wie sie, bewegt sich fast in Zeitlupe, aber ohne Seitenstützen, immerhin. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen und dachte, er sei ebenfalls ausgezogen.

Gestern nun kam ich vorbei, ein sonniger, maiwarmer Nachmittag. Er saß vor dem Haus, quicklebendig, zugleich in stoischer Ruhe, auf einem wackeligen Stuhl, an dessen Vorderbein eine grünliche Weißweinflasche lehnte. Bevor ich ihn sitzen sah, hörte ich ihn sitzen. Er beschallte die Straße mit 80er-Jahre-Hits aus einem original Transistorradio, das hinter ihm auf der Fensterbank stand. Das war alles. Er saß da, aufrecht, ruhig, in einem blauen Arbeitskittel und mit Sonnenbrille im Gesicht. Dunkle Gläser und mit Goldrand. Stevie Wonder sang dazu.

2020.099 | † John Prine

Wird das hier ein Sterberegister? Heute früh hat mich die NYT unterrichtet, dass John Prine in Nashville Covid-19 erlegen ist. Wenn man so will der typische Fall eines gesundheitlich angeschlagenen alten weißen Mannes, leichte Beute für das Virus…
Seine Musik habe ich (leider) erst spät für mich entdeckt, umso intensiver hat er mich die letzten Monate begleitet. Einfache Melodien, perfektes und transparentes Arrangement, eine kratzige Stimme, vollendete kleine Geschichten aus der Mitte der USA: davor haben auch die ganz Großen nach und nach über die Jahre den Hut gezogen. Erst im vergangenen Dezember hat er den Grammy für sein Lebenswerk erhalten.

Möglich, dass sich einmal für einen Moment unsere Wege gekreuzt haben, unerkannt. Am 15. Februar sollte noch ein Konzert von ihm in Berlin stattfinden, es wurde jedoch wegen seiner gesundheitlichen Probleme (erneut) abgesagt. Im Vorfeld war im SZ-Magazin ein Gespräch mit John Prine erschienen, wo es auch um seine Militärzeit in Deutschland in den 1960er Jahren ging. Ich stelle mir vor, dass er einer von den GIs war, die im Garten meines Onkels zu Gitarre und Mandoline gegriffen haben. Denn er erzählt, dass er auf den Nebenstraßen der Region unterwegs war: „Wenn ich mal ein oder zwei Tage frei hatte, habe ich versucht, mir kleine Orte auf dem Land anzuschauen, wo nicht so viele GIs hinkamen. Besonders in der Gegend zwischen Stuttgart und München.“ Dort verbrachten wir viele Wochenenden in einem paradiesischen Garten, der sich in den Hang schmiegte zwischen einem sehr berühmten Berg im Albvorland und einem idyllischen Wiesental, das von der Abendsonne golden ausgemalt wurde. Schon mittags loderte das Feuer im großen Gartenkamin, das Barbecue zog sich über den langen Nachmittag, zwischendurch wurden die Instrumente herausgeholt. Musizierend, lachend, speisend plätscherte der Sommertag dahin.

Im Song My Darlin‘ Hometown (aus dem Album Fair and Square von 2005) scheint mir die Erinnerung an den Garten meines Onkels festgehalten, far away over the sea… – möge er dorthin friedlich zurückgekehrt sein.

Far away over the sea
There’s a river that’s calling to me
That river she runs all around
The place that I call my hometown

There’s a valley on the side of the hill
And flowers on an old windowsill
A familiar old picture it seems
And I’ll go there tonight in my dreams

Where it’s green in the summer
And gold in the fall
Her eyes are as blue
As the sky I recall

Far away over the sea
There’s a place at the table for me
Where laughter and music abound
Just waiting there in my hometown

The river she freezes
When there’s snow on the ground
And the children can slide
To the far side of town

Far away far away me
Hung up on a sweet memory
I’m lost and I wish I were found
In the arms of my darlin‘ hometown

With the evening sun sittin‘
On the top of the hill
And the mockingbird answering
The old chapel bell

Far away over the sea
My heart is longing to be
And I wish I could lay myself down
In the arms of my darlin‘ hometown

(John Prine & Roger Cook)

Berg- und Talfahrt

Unterwegs durch eine Unwetterfront

Wir wollten eine Bergtour machen, es sollte hoch hinausgehen, weit über 3000 m, deshalb wählten wir ausnahmsweise die Bergbahn als Aufstiegshilfe. Doch bereits während der Fahrt nach oben, setzte ein bedenklicher Wetterwechsel ein. Um uns herum begannen die Wolken zu brodeln, düstergrau und schwefelgelb. Die Ausblicke in die eigentlich großartige Bergwelt um uns herum wurden immer weniger. Einmal zeigte sich für einen kurzen Moment noch ein anderer Gipfel, auch er ausgestattet mit der Bergstation einer Seilbahn, dort wuselten noch jede Menge Ausflügler in der Sonne herum. Dann ging der Vorhang wieder zu. Wir begannen uns Sorgen zu machen, dass unsere Kabine in heftige Windböen geraten könnte, das hatten wir erst vor einer Weile schon einmal erlebt, sehr sehr ungemütlich. Das Wetter verfinsterte sich immer mehr, es war genau die Sorte von Wetter, die man als Bergwanderer nicht erleben möchte und vor der wir bei unseren vielen zurückliegenden Touren zum Glück immer verschont geblieben waren. Wir entschieden, die Tour sein zu lassen und möglichst sogleich ins Tal zurückzufahren.

Dann kam auch schon die Lautsprecherdurchsage, dass unsere Kabine oben nicht anhalten würde, sondern aus Sicherheitsgründen unverzüglich die Talfahrt aufnehmen würde. Wir waren für diese Entscheidung durchaus dankbar. Dann allerdings auch überrascht, dass die Kabine nicht wendete, sondern über den Berg hinweg in ein anderes Tal hinunterfuhr. Damit hatten wir nicht gerechnet. Doch bevor wir uns klar gemacht hatten, was das für uns für Folgen haben könnte (wie kommen wir zurück usw.), hellte das Wetter auf. Wir waren durch die Front gefahren und vor uns, unter uns breitete sich eine sattgrüne Tallandschaft in goldenem Nachmittagslicht aus, wir waren buchstäblich gefesselt von diesem friedlichen und verheißungsvollen Bild. Je mehr wir uns dem Talboden näherten, desto mehr verlangsamte sich unsere Fahrt, denn vor uns staute sich eine ganze Reihe weiterer Gondeln vor der Einfahrt in die Talstation. Es waren kleine und große Gondeln, moderne Kabinen und folkloristisch-bunte Sänften, mit Troddeln behängt und mit verschnörkelten Dachaufsätzen, irgendwie asiatisch anmutend, ein kunterbuntes Gemisch. Es sprach sich herum, dass die Verzögerung daher rührte, dass unten alle aussteigenden Fahrgäste registriert und einem eingehenden medizinischen Test unterzogen wurden. Das dauerte. Aber es war uns gleichgültig. Wir waren heraus aus dem drohenden Sturm. Wir hatten Zeit. Wir waren im Licht.

2020.088 | Recovery?

Vor Jahren gelang dem Feuilleton der Süddeutschen schon einmal solch ein visueller Geniestreich, heute wieder (SZ Nr. 74/2020, S. 15/16). Auf der Vorderseite geht es um Bill Gates, den Guru und Geldgeber der Epidemieerforschung und -bekämpfung. Auf der Rückseite wird unter dem Titel „Der Derwisch von Absurdistan das neue Album „Recovery“ des Chicagoer Glamrockers Bobby Conn besprochen, den ich nicht kenne und dessen Musik mich wahrscheinlich nicht die Bohne interessiert. Doch dank der glücklichen Hand des SZ-Layouts entsteht auf semitransparentem Zeitungspapier ein Bildkommentar, der alle die langen Artikel und Endlosdiskussionen zur gegenwärtigen Lage auf den Punkt bringt: Wir sind am Boden, erledigt, alle Bremslichter leuchten. Wir hoffen auf Erholung und womöglich bald auf einen Erlöser. Dem Thinktank um Gates ist immerhin zuzutrauen, dass er mehr zustande bringt als der Denkpanzer von Trump.

In der Spalte daneben (nicht mehr abgebildet) bespricht Willi Winkler Bob Dylans aktuelle und überraschende Wortmeldung, Murder Most Foul. Mancher Kritiker spricht schon von Epilog. Recovery ist bei Dylan nicht in Sicht, nur noch tödlich getroffene, verdämmernde Erinnerung. Er berichtet vom Ende einer Epoche, das mit dem Attentat auf John F. Kennedy eingeläutet wird, ein Abgesang. Play „Moonlight Sonata“ in F-sharp / And „A Key to the Highway“ for the king on the harp…

Trackline #5 | How ‘bout you?

Nie war er so wertvoll wie heute: der bekannte Werbespruch für sehr hochprozentigen Schnaps, der gerne für Medizin gehalten wird, ist mir eingefallen. Le Corbusier, der Großarchitekt der Moderne, soll sich, als die Spanische Grippe 1919 in Paris grassierte, mit Cognac und Zigaretten in seine Wohnung eingesperrt haben, bis das Desaster vorbeigezogen war. Schnaps ist zumindest eine Exit-Strategie.

Derzeit erweist sich aber so wertvoll wie nie der Crosstrainer, der seit einigen Jahren im Keller steht und mal mehr, mal weniger Interesse findet. Klar kann man immer noch rausgehen zum Laufen. Dennoch halte ich es jetzt umso mehr für ein Geschenk, zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jedem Wetter die Lungen ein wenig durchlüften und mir ein paar Endorphine abholen zu können. Und dabei zu verreisen. Meist in die amerikanische Provinz, auf die Nebenstraßen aktueller und vergangener populärer Musik. So auch heute wieder, den Mississippi rauf und runter, wie üblich mit (gewagten) Exkursen – Leben im Shuffle-Mode. Schließlich kehre ich in einem Straßencafé in Colorado ein. „How ‘bout you“ – Wie steht’s bei euch? Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Gilian Welch: Look at Miss OhioShe’s a-running around with her rag-top down / She says, I want to do right but not right now
Professor Longhair: JambalayaSaid, Jambalaya, crawfish pie, fillet gumbo / ‚Cause tonight I’m gonna see ma chère amie-o… – Jambalaya ist Soulfood, erst recht in Krisenzeiten, der Rest: vertagt
The Savoy Family Band: ‘Tits Yeux NoirA ce matin je m’ai trouvé assis dessus mon lit, après pleurer avec un coeur aussi cassé… – inzwischen gibt es wieder Hoffnung
Atrium Ensemble: Im Sommer (Hugo Wolf) – Wo blieb die Erde weit und breit / Mit aller ihrer Herrlichkeit? – vertagt
Count Basie: Honeysuckle Rose – Instrumentalversion für die Ewigkeit, angemessen
Peter Tosh: Mama AfricaIn you there’s so much beauty / In you there’s so much life – die Süddeutsche schreibt, dass über 70 % der jungen Afrikaner hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Und 70 % der Afrikaner sind unter 30.
Punch Brothers: Three Dots and a Dash – Instrumental, Flashback
Van Morrison: The Ballad of Jesse JamesBut that dirty little coward / That shot Mr. Howard…
Yonder String Mountain Band: How ‘Bout YouI wonder where you’re going to / Flyin‘ by and out of view / I’ll keep looking, how ‚bout you?

Kammer 4 frei Haus oder ErSchrecken ohne Ende

Anfang Januar verbrachten wir einen halben Tag in den Kammerspielen, von mittags um eins bis abends halb elf. „Dionysos Stadt„, das Antiken-Projekt in vier Teilen als Theater-Überwältigung. Von Prometheus über den Trojanischen Krieg zur Orestie, im Nachgang die Erinnerung an das Endspiel der Fußball-WM 2006 und an Zidanes verzweifelten Kopfstoß gegen Materazzi. Prometheus hat den Menschen das Wissen und die Technologie geschenkt, damit sie ihr Schicksal selber in die Hand nehmen können – vermeintlich. Selbst wenn sie zu Meistern ihres Fachs werden, technische Perfektion erreichen, können sie dennoch dem Schicksal nicht entrinnen – und nicht mit den wahren Göttern gleichziehen. Das verbindet uns, über alle Zeiten hinweg, über alle Orte, so wie auch die Sonne, die jeden Tag aufgeht und über uns leuchtet. Das Schlussbild. Dazwischen viel Bühnenspaß, ein paar harte Brocken aus der Ilias, heiter-spontane (Agamemnons Rückkehr) und eindringliche Momente (Kassandras Traum). Großes Theater alles in allem. Selten in den letzten Jahren hat das Schauspielhaus so gebrummt und gelacht, noch bis hinaus in die nächtliche Maximilianstraße.

In einem launigen Prolog bereitete Nils Kahnwald uns auf die Entbehrungen und Qualen eines solch langen Theatertages vor. Irgendwann wisse man nicht mehr, wie man sitzen solle. Man verrenke sich, rempele die Nachbarn an und schon sei man im Gespräch, nach geschätzt sechs Stunden. So kam es dann auch. Wir fühlten uns ziemlich gefordert, doch bevor wir erschöpfen, werden wir zum Ouzo-Gelage auf die Bühne gebeten. Ein Wechselbad der Gefühle. Enjoy your eternal suffering: damals habe ich den Flyer mit einem Schmunzeln eingesteckt, diese leicht zynische, dionysisch-grinsende Ironie. Dass dieser Satz als Menetekel in unserer Hand aufflammen würde, als ganz konkrete Prophetie für das, was uns womöglich schon bald bevorsteht, war nicht vorstellbar. Und dieses Menetekel ist zweigesichtig, janusköpfig: es fällt auf das Theater zurück.

Wie alle Theater haben auch die geliebten Kammerspiele geschlossen, wer weiß für wie lange? Nun senden sie frei Haus, Theater on Demand, jeden Tag eine andere Aufführung aus der virtuellen „Kammer 4“. Da kann man womöglich Dionysos Stadt auf dem Sofa genießen, daheim eingesperrt und ganz ohne Qualen. Ein Albtraum. Seit heute nacht haben wir nun die erwartbare Ausgangssperre. Und die Kammerspiele legen sofort nach, künftig gibt es dort auch Live-Aufführungen. Am 24.03 geht es los mit „Yung Faust“ von Leonie Böhm. „Die Schauspieler*innen Annette Paulmann, Benjamin Radjaipour und Julia Riedler sowie der Musiker Johannes Rieder spielen das Stück gemeinsam, aber räumlich getrennt, aus ihrem jeweiligen Zuhause und versuchen so mit der Unmöglichkeit, sich zu begegnen, umzugehen.

Persephones Insel

Nachrichten aus dem verstummenden Frühling 1986.

Wir küssten uns am Strand. Um uns herum knutschten alle oder lagen sich irgendwie in den Armen, als hätte Dionysos persönlich uns angestiftet. In unserer Mitte loderte ein Feuer, das einer aus der Gruppe entzündet hatte. Seit gut 2700 Jahren loderten an dieser Stelle die Feuer, seit die Griechen hier ihre erste Kolonie auf Sizilien gegründet hatten. Es war ein noch etwas kühler Frühlingsabend, die Wellen aus der Straße von Messina trieben her und oben auf dem Felsen sah man die Lichter von Taormina. Den Tag über waren wir im Ätnagebiet unterwegs gewesen. Waren in den kürzlich erkalteten Lavaflüssen herumgestapft und hatten nach Spuren der aufkeimenden Vegetation gesucht. Am Fuß des Vulkans hatten wir uns in den Weingärten umgesehen, die tief in die bröselige schwarze Lava hineingegraben waren, Sonne, Wasser und Nährstoffe einfangend, bündelnd, verdichtend.

Zwölf Tage vorher waren wir in Oberbayern aufgebrochen, ein Bus, rund 50 Studenten, Professoren, Wissenschaftler. Der Bauch des Busses transportierte unser spärliches Gepäck und viele Kästen Hefeweißbier, es ging ja schließlich in die Fremde. (Über die isotonischen Qualitäten von Weißbier haben wir uns nicht so viele Gedanken gemacht, aber es hat gewirkt.) Die Hinfahrt nach Sizilien zog sich über drei Tage, denn selbstverständlich mussten auch an Autobahnparkplätzen und in Pompeji botanische Bestandsaufnahmen gemacht werden. So ging es dann auf Sizilien weiter: ein steter Wechsel zwischen klassischem Sightseeing, insbesondere von antiken Stätten, und vegetationskundlicher Erforschung von entlegenen Hügels irgendwo in der Pampa oder von grasiger Steilküste bei normannischen Wachtürmen. Diese Insel hatte schon viel gesehen und mitgemacht. Über die Pflanzen taucht man unwillkürlich tief ein in ihre mythologische Geschichte, nicht zuletzt am Fluss Ciane, dem einzigen wilden Vorkommen von Papyrus in Europa. Wir waren sehr weit weg.

Zurück vom Ätna empfing uns im Hotelfoyer deutsches Fernsehen. Das irritierte uns zunächst, doch wir waren um diese Jahreszeit die einzigen Gäste, also warum nicht? Was die Tagesschau dann berichtete, ließ uns erstarren: in der sowjetischen Teilrepublik Ukraine war es zu einem schweren Reaktorunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl gekommen. Und das schon vor ein paar Tagen. Jetzt begann sich eine radioaktive Wolke auszubreiten in Richtung Westeuropa. Unsere Heimreise stand unmittelbar bevor: sollten wir jetzt dahin zurückfahren? Diese Frage stellte niemand ernsthaft. Die Nachrichtenlage war dürftig, es gab lediglich diese gelegentlichen Fernsehberichte – oder ein Telefonat vom Münzfernsprecher nach Hause.

Sizilien ist auch die Insel der Göttin Persephone. Sie ist die Tochter von Zeus und Demeter und muss, weil der Unterweltgott Hades sie als seine Braut entführt hat (übrigens mit der Einwilligung des Baba), ein Drittel des Jahres mit ihm im Totenreich verbringen. Den Rest des Jahres ist sie in der Landwirtschaft der Insel tätig, sorgt für Fruchtbarkeit und leistet ihrer Mutter Demeter Gesellschaft. Dieser Teil der Geschichte interessiert aber niemand, sie ist nur bekannt als düstere Göttin der Unterwelt. Eine Mafiabraut wider Willen, die dennoch ihren Job in der „Familie“ sehr ernst nimmt, heißt es. Mit ihr ist nicht zu spaßen und sie ruft zu sich, wen sie will und wann sie will. Für die Gerufenen gibt es in aller Regel keine Wiederkehr.

Die Reise näherte sich ihrem Ende und auf dieses Ende fiel ein dunkler, endzeitlicher Schatten. Zwei Jahre zuvor war 1984 unauffällig vergangen und Orwells Dystopie war eine literarische Erfindung geblieben. Nun war mit einem Schlag alles anders. Vielleicht lagen wir uns deshalb alle in den Armen an jenem Abend, abschiedstrunken, und sind zurückgekommen als ein Bus von 25 Paaren? So geht jedenfalls die Legende. Die Rückfahrt über zwei Tage verlief in teils aufgekratzter, teils ratloser Stimmung. Am Tiber schlugen abends die Nachtigallen. Sobald das Busradio einen deutschen Radiosender empfangen konnte, lauschten wir der verrauschten Stimme, die davon erzählte, dass man die Kinder nicht zum Spielen rauslassen solle, Sandkasten und Salatbeet seien tabu, möglichst zu Hause ausharren, bis es Entwarnung gibt. Das erschien uns als komplett surreal. Ereignete sich das alles tatsächlich eben jetzt? Den Rest dieses Frühlings haben wir als sehr still in Erinnerung.

Spatzen

Unter unserem Dach siedelte schon immer eine kleine Spatzenkolonie, in irgendwelchen Winkeln und Nischen. Vor zwei, drei Jahren waren sie von jetzt auf nachher praktisch verschwunden. Es wurde ruhig ums Haus, kein Gezeter, kein Geplärre mehr, kein herumwirbelnder oder herabrieselnder Staub und Dreck. Vermutlich hat ein Virus sie alle dahingerafft, wie es auch einen Winter lang mit den Amseln ging. Auch die waren komplett verstummt. Die Stille der Welt ohne Vögel.

Jetzt sind die Spatzen wieder da, eine kleine Horde, wilde Gesellen. Heute vormittag haben sie sich unter dem Gartentisch um irgendetwas gezofft, das zu klein war, als dass ich es hätte erkennen können. Vermutlich was zu fressen – oder Spatzen-Clopapier? Zugleich saß der Big Boss wieder an seinem Stammplatz auf der Kante der Dachrinne und machte Ansagen. Es ist der gleiche wie vor Jahren aber wohl nicht derselbe. Im Verhalten ändert sich da in Generationen nix. Dieses Exemplar hat, wenn ich es durchs Fernglas beobachte, einen merkwürdig ondulierten rötlichen Federschopf auf dem Kopf, als trüge er ein Toupet. Wenn er seine Botschaften hinausplärrt, plustert er sich so breit, wie es irgend geht. Arg differenziert sind seine Botschaften nie, meist ist es das bekannte eindimensionale „Tschilp! Tschilp!“, so laut wie möglich. Ins amerikanische Englisch wird das übersetzt mit „We are great! We are great!“. Was möglicherweise auf eine Verwechslung zurückgeht, der Spatz ist in Amerika keine autochthone Tierart, nur eingebürgert, ein Migrant. Man muss aber auch auf die Zwischentöne hören, die vernuschelt er gerne, sie enthalten aber meist mehr Information. Heute verkündete er, glaube ich, einen Einreisestopp für auswärtige Spatzen. Am liebsten hätte er aber eine weiträumige Flugverbotszone um sein Nest. Er weiß warum.

Denn bald schon kommt das Räumkommando. Das Spatzentheater währt so knapp zwei Monate, da dominieren die alles. Dann, über Nacht, zunächst unmerklich, wird alles anders. Bewusst wird es mir erst, wenn ich dann eines sonnigen Maimorgens diesen schrillen Schrei in der Luft vernehme, davor war eine sehr milde Nacht. Die Armada aus dem Süden ist eingetroffen und übernimmt handstreichartig das Regime. Die Mauersegler stutzen im Nu die Spatzen auf Spatzengröße zurecht, schmeißen sie aus ihren Nestern und kehren damit zurück an ihre Brutstätten des Vorjahrs. Manchmal gelingt es den Spatzen, ihre Jungen vorher flügge zu bekommen, dann vollzieht sich der Schichtwechsel recht geschmeidig. Manchmal ist es ein Trauerspiel für die Spatzen. Aber es ist dann Sommer, die Mauersegler jagen durch den Himmel über der Stadt, noch viel wildere und lauter kreischende Horden als diese kleinen anarchischen Spatzengangs. Formationsflug, formvollendet und in rasender Geschwindigkeit, avancierteste Flugtechnik. Apokalyptische Reiter der Lüfte? Die Spatzen ducken sich weg, verkriechen sich in die Hecke, dort hört man sie schwatzen. Sie schlagen sich durch.

Das Schauspiel der Mauersegler geht so bis Mitte August, dann sind sie so schnell und leise verschwunden, wie sie gekommen sind. Eines Morgens ist Ruhe. Das geht ein paar Tage, dann trauen sich die Spatzen wieder aus der Hecke und im Frühherbst sitzt der Big Boss wieder auf dem Rand der Dachrinne, frisch geföhnt. Und tut so, als wäre nix gewesen. Und unten am Boden zoffen sie wieder. Oder spielen sie nur? Und werden sie den Winter überstehen?

Hermann Lenz hat dazu ein treffend-knappes Gedicht geschrieben, von den Spatzen und ihrer geschäftigen Weltvergessenheit.

Der Juni ist da mit Rosen und Spatzen
Auf der Dachrinne und im Gebüsch,
Als hätten sie, nur weil ihr Tisch gedeckt ist,
Den vergessen, der hinter den Blättern steht.

Hermann Lenz

Das Armleuchter-Modell

Eine einleuchtendere Alternative zum Hufeisen-Modell?

Mit dem allmählichen Erwachen aus dem Erkältungsdämmerschlaf rumpelt es wieder im Kopf herum. Dabei ist ein Begriff aufgestiegen aus dem Dunkel meiner Assoziationen, der sich inzwischen festgebissen hat. Etliche Politiker bemühen sich ja gerade, die politische Verfasstheit unserer Gesellschaft mit dem sog. Hufeisen-Modell zu illustrieren: die meisten Wähler und politischen Parteien sammeln sich in der Mitte, mit zwei Extremen links und rechts, ähnlich der Sitzordnung im Parlament. Sehr umstritten. Blickt man zweidimensional auf das Hufeisen sind die Extremisten oben: wieso gerade oben? Und unten hängt der Wohlstandsbauch herum? Schwachsinn.

Mein Gegenvorschlag: das Armleuchter-Modell. Um der Antisemitismus-Keule aus dem Weg zu gehen, ich würde die altehrwürdige siebenarmige Menora verunglimpfen, habe ich zur Illustration ein Modell des Designers Tom Dixon gewählt, das in jeder Hinsicht vom kultischen Leuchter der Juden abweicht, die uralte Tradition des vielarmigen Leuchters modern umsetzt und auch viel treffender ein wunderbares Bild für die politische Struktur einer pluralistischen Gesellschaft liefert. Das Bild des Armleuchters ist doch viel „einleuchtender“, auch etwas dynamischer und ausdruckstärker. Und natürlich doppeldeutig, wie es dem Politikbetrieb geziemt:

Bild 1, so wie die politische Rechte resp. die Faschisten ihn sehen: der Armleuchters ist so beschaffen, dass sich ein „linker Mainstream“ abbildet. Aus der Mitte heraus steigt er nach oben, nicht ohne Hindernisse. Kurze Absätze zwischen den Etagen mögen historische Abschnitte des Wegs abbilden, den die Mitte genommen hat. Und dann sind da diese weit nach rechts ausladenden Arme, tief unten ansetzend, mit ewig langem Anlauf, bis sie sich eine Kerze aufstecken können. Da werden die Rechten höhnisch anmerken: da seht ihr’s , ihr braucht uns, sonst würdet ihr das Gleichgewicht verlieren, umkippen, alles in Brand setzen, abbrennen.

Da kommt Bild 2 ins Spiel, der Armleuchter der pluralistischen Gesellschaft: die Arme des Leuchters sind beweglich. Die oberen Arme lassen sich weiter in die Mitte drehen. Die unteren Arme können nach links oder rechts weit ausladen. Das stellt auch wieder eine Balance her: die Extreme halten sich gewissermaßen in Schach. Man könnte sie aber auch einfach weglassen und der Leuchter bliebe immer noch stehen. Schöner Gedanke.

Derzeit wird der Armleuchter so bespielt, dass linke Idioten das Auto von AfD-Chrupalla abfackeln während rechte Idioten immer noch kein Verhältnis zum Hanau-Anschlag gefunden haben und darauf lauern, dass endlich neue Syrer ins Land kommen, auf denen man dann herumhacken kann.

Das Schöne am Armleuchter-Modell ist auch, dass man es schmücken und dekorieren kann, mit den schönsten Stilblüten der Protagonisten, den wirrsten Ideen und ärgsten Entgleisungen von politischen „Armleuchtern“ aller Art. Bleibt zu hoffen, dass es an den kurzen Armen im mittleren Bereich nicht so viel zu hängen gibt. Und die Last bei den Extremen so groß wird, dass sie sich biegen mögen oder brechen? More to come.


Bildnachweis: Opumo.com, Tom Dixon Spin Candelabra

Warmes Bier

Mit Hausmitteln ist das ja so eine Sache. Aber warmes Bier bei Erkältungen ist ein Lifehack, der durchaus Beachtung verdient. Der Freitag hat mich daran erinnert. Dass ältere Klosterschwestern mit einem angewärmten Bier ihren Einzug ins Land der Träume ebnen, war mir bekannt, selber ausprobiert hatte ich es aber noch nie. Also warum nicht jetzt, geplagt von einer schmerzhaften Rachenentzündung und ewigem Hustenreiz? Es sind die ätherischen Öle und Bitterstoffe aus dem Hopfen, die schlaffördernd aber auch antibakteriell wirken, es soll aber nicht wärmer als 40° sein, damit die ätherischen Inhaltsstoffe nicht verdampfen. Der Alkoholgehalt ist freilich grundsätzlich kontraproduktiv, also vielleicht nicht gerade Starkbier verwenden.

Meine Erfahrung: es macht schläfrig. Besonders hilfreich fand ich, dass es mehr als jedes andere bisherige Mittel für Schleimbildung im Rachenraum gesorgt hat, es hat regelrecht „nachgeschäumt“ und damit den Rachen dauerhaft feucht gehalten. Ob sich das reproduzieren lässt? Für mich jedenfalls nicht die schlechteste Art, Augustiner Hell einzunehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich von Jakob Augstein und seinen Leuten noch etwas lernen könnte.

Gaia.Inc. at Work

Warum der Coronavirus die richtige Antwort auf das Anthropozän ist, wir deshalb aber trotzdem nichts daraus lernen werden.

Mir ist etwas fiebrig zumute, vielleicht bin ich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte (war ich das je?) Jedenfalls begreife ich die Hysterie rund um Covid-19 nicht recht – oder tendiere dazu, sie in einem anderen „Licht“ zu sehen. Man muss kein Anhänger der Gaia-Theorie sein oder eine finstere Anti-Trump-Verschwörung am Werke sehen: der Rückgriff auf die ganz banale Evolutionstheorie ist doch ein völlig hinreichendes Erkärungsmodell, für das, was sich gerade ereignet.

Haben wir nicht erst kürzlich das Anthropozän ausgerufen? Manche habe das wohl als kritischen Weckruf verstanden. Andere dachten sich: wird doch endlich Zeit, der Natur zu zeigen, wer der Herr ist. Wir machen die Welt, ein Organismus namens Homo sapiens. Mit dem Klima haben wir schon mal angefangen, auch geologische Spuren gibt es schon zuhauf. In der Biologie sind wir schon lange tätig und sortieren fein säuberlich. Was stört muss weg. Je weniger Arten, desto besser unser Überblick über das alles, die Fülle bleibt verwirrend genug. Unser Agieren hat jedenfalls zweifellos dazu geführt, dass wir die absolut dominante Spezies sind, ein Erfolgsmodell, das Neider und Profiteure anzieht, natürlicherweise.

Denn da kommt die Evolution ins Spiel. Die hat unseren Weg zur Spitze schon immer begleitet mit allen möglichen Querulanten, die uns stoppen wollten. Nahezu alle haben wir ausgemerzt oder zumindest gezähmt. Die, die uns immer noch zusetzen können, hausen wenigstens weit weg von Trumpistan und seinen Vasallenstaaten. – Wir haben die Evolutionstheorie zwar entwickelt, aber bislang nur teilweise verstanden? Mir erscheint es logisch, dass da irgendwo in den Tiefen der Wälder heimliche Virenlabore existieren, die permanent biologische Waffen gegen die Gattung Homo entwickeln. Die allermeisten davon erweisen sich als nutzlos oder einfach harmlos. Doch gelegentlich landen die Entwickler von, nennen wir sie „Gaia.Inc.“, einen ordentlichen Treffer, sie haben auch lange genug daran herumgetüftelt. Ihr neuer Coronavirus „Covid-19“ ist wirklich raffiniert konstruiert: wie es scheint, reproduziert er sich im Rachenraum von Homo in Windeseile und wird von dort weiterverbreitet, noch bevor der befallene Organismus Symptome zeigt. Und die Zahl schwerer bis letaler Infektionsverläufe ist auch nicht so hoch, dass der Virus sich in kurzer Zeit seine Lebensgrundlage selber raubt. Das macht ihn wahrhaft überlegen.

Dass so etwas irgendwann passieren würde, ist uns aus der Evolutionstheorie schon klar, denn Natur entwickelt sich nun mal. Wir wollen aber nicht sehen, dass Natur sich gerne einmal dahin entwickelt, wo es etwas zu holen gibt, wo fette Nahrungsgründe und optimale Reproduktionsraten winken. So viele Menschen: ein Schlaraffenland für Parasiten und Viren.

Leider werden wir wieder die falschen Schlüsse daraus ziehen und als Konsequenz aus der möglichen Pandemie die Natur noch übersichtlicher zurechtstutzen, im naiven Glauben, damit die geheimen Labore ausmerzen zu können. Zum Geo-Engineering im globalen Maßstab wird sich das Bio-Engineering gesellen, die Grundlagen dafür sind ja längst gelegt. Wir sind aber nicht Herr im Haus. Gaia.Inc. hat alle Schlüssel in der Hand. Sollten es uns gelingen, diesen Laden dicht zu machen, haben wir selber fertig, im gleichen Augenblick. Das Anthropozän ist keine erfreuliche Perspektive. Aber vernünftige Co-Living-Ansätze sind nicht erkennbar, erst recht nicht in hysterischen Zeiten.

Soll ich mich jetzt mit meinem Virus anfreunden? Ich lasse ihm und mir Zeit. Ich stärke mich, rede meinem Immunsystem gut zu und füttere es (gerne auch mal mit Dreck). Irgendwann zieht der Virus weiter und hat sich, hoffentlich, als Naturfreund benommen: take only pictures, leave only footprints.

Aufmunterung

„Denn wenn das Glück es so fügt: daß ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muß) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemäß der Idee des Völkerrecht zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.“

(Immanuel Kant. Zum ewigen Frieden. 1795)

Ganz kann ich es doch nicht lassen, mit Rechten zu reden. Einen Blumentopf kann man da nicht gewinnen, aber hin und wieder gelingt es in diesen „Gesprächen“ doch freizulegen, wessen Geistes Kind sie sind. Oder genauer: wessen Geistes Kind sie nicht sind. Wer kommt bei ihnen nicht vor, um wen machen sie einen Bogen bei ihren meist wortreichen Begründungen für einen neuen Faschismus? Kant gehört jedenfalls definitiv nicht zu ihren Heroen. Verständlich: hat er doch dem Faschismus alle Argumente entzogen, bevor der überhaupt in die Welt kam.

Ich muss gestehen, von seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ hatte ich schon gehört, wahrscheinlich zuletzt im Schulunterricht? Dass aber das Leitmotiv für die EU aus seiner Feder stammt, war mir so nicht mehr bewusst. Was für eine schöne Aufmunterung für den heutigen Tag! Und glasklare Orientierung, um was es auch künftig gehen muss.

2020.035 | Winterreise

Das Setting war perfekt: den ganzen Tag hat es schon reichlich geregnet, ein nasskalt triefender Tag, wie ich ihn für meine Freunde, die Bäume, schon lange herbeigesehnt hatte. In der Nacht zog dann noch kräftiger Sturm auf und pfiff in scharfen Böen ums Haus. Zwischendrin begaben wir uns in die „Winterreise“, Franz Schuberts Liederzyklus nach den Gedichten von Wilhelm Müller, vor fast 200 Jahren entstanden und eines von Schuberts letzten Werken, bevor er 31-jährig verstarb. „Schauerliche“ Lieder seien das, soll Schubert selber gesagt haben: Müllers Gedichte handeln von Wind und Wetter, der Einsamkeit des verstoßenen Wanderers, von Schmerz, Verlassenheit, Verzweiflung und Tod. Durch und durch also ein romantischer Stoff, schon die beiden ersten Verse setzen die Grundstimmung: Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh’ ich wieder aus.

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Das Konzert im Prinzregententheater gestalteten Andrè Schuen (Bariton) und Daniel Heide (Klavier) und der stürmische Beifall am Ende belegte, dass sie wohl einiges richtig gemacht hatten. Heides Klavierbegleitung erscheint mir wirklich über alle Zweifel erhaben. Jedem einzelnen Lied hat Schubert ein unverwechselbares musikalisches Thema, eine Färbung mitgegeben, so dass ich mir manchmal dachte, ich würde das gerne ohne Gesang hören, so eindringlich erzählerisch ist diese Musik. Fast zu leichtfüßig wandelte Heide durch das schwermütige Terrain, schuf ein lebendiges Fundament für Schuens Singen. Sein Bariton ist wunderbar warm und weich, rund und sanft, je leiser er wird, desto mehr trägt diese Stimme. Dennoch werde ich nicht ganz „warm“ mit seiner Interpretation, weil ich das Gefühl habe, dass diese „schauerlichen“ Lieder etwas mehr Schärfe vertragen könnten. Wenn es heißt „Der Rasen sieht so blaß.“, dann wünsche ich mir ein schneidendes „ssss“ am Ende, dass das Ausbleichen spürbar wird, das Entweichen der Farbe – das Deutsche ist eine lautmalerische Sprache (mit grauenhafter Grammatik). Bei Schuen verblasst das „blaß“ in ein gehauchtes „s“, rund und wohlgeformt. Wie man das als Sänger wohl lernt: die Sprache soll im Gesang nicht so herumzischen und nicht den Wohlklang des Tones stören. Doch muss das hier und immer so sein? Wahrscheinlich habe ich eine zu naturalistische Vorstellung – und zu wenig Ahnung von Musik.

Es war also sehr viel Wohlklang an diesem Abend, große musikalische Präzision mit etwas Hang zur Behaglichkeit. Weniger Winterreise, mehr Gartensaal. Dieser im Jugendstil 1901 entstandene Foyerbereich des Prinzregententheaters mit seiner ausgemalten gewölbten Decke ist einzigartig. Über den Köpfen der Gäste wuchert ein exotischer Wald, viel Eukalyptus dabei, bevölkert von tropischen Vögeln. Ewiger Sommer. Das passt irgendwie besser nach München, weshalb eine „Winterreise“ vielleicht auch nicht zu sperrig sein darf. Es war jedenfalls auch jüngeres Publikum im Konzert und die gaben ihrem Entzücken lautstark und anhaltend Ausdruck, was manch Älteren, der sich für den Besuch solcher Konzerte privilegiert fühlt, störte. Dabei ist es doch vor allem erfreulich, dass das Haus gerappelt voll war, für Liederabende nicht eben der Normalfall. Wie gesagt: Andrè Schuen und Daniel Heide haben das wohl richtig gemacht. Und wir zogen anschließend hinaus in die stürmische Nacht – „Es ist nichts als der Winter,/ Der Winter kalt und wild!“ – Mild und wild wäre heute treffender, aber das ist eine andere Geschichte.