anlage of movement

„The concrete highway was edged with a mat of tangled, broken, dry grass, and the grass heads were heavy with oat beards to catch on a dog’s coat, and foxtails to tangle in a horse’s fetlocks…“

Ich habe endlich angefangen, John Steinbecks „Früchte des Zorns“ zu lesen, eigentlich „The Grapes of Wrath“ (1939), ich versuche mich am englischen Original. Was für eine beglückende Leseerfahrung (auch wenn mein Englisch bei weitem nicht hinreicht, um die Feinheiten zu erfassen)! Seit vielen Jahren stand es auf meiner Leseliste, vielleicht war es gut, damit zu warten, denn jetzt ist es (wieder) das Buch der Stunde: Die Natur und ihr eigenmächtiges Wirken raubt den Menschen ihre Lebensgrundlage und macht sie zu loser Streu, auf der Suche nach neuer Bleibe, neuem Auskommen.

Kapitel 3 ist sehr kurz und erzählt nur von dem Versuch einer Schildkröte, eine Landstraße zu überqueren, in der Einsamkeit der dürren Steppe. Aber eigentlich ist dieses Kapitel ein sehr kurzes Kompendium in Ökologie, ein Kurzessay über den Willen des Lebens zu überleben und sich auszubreiten, auch unter widrigsten Bedingungen. Die Schildkröte kämpft ihren einsamen Kampf gegen die Schwierigkeiten des Terrains am Straßenrand, aber eigentlich ist sie nur ein Werkzeug für sich ausbreitendes Leben, Transportmittel für Gräsersamen und Insekten, um neues Gelände zu erschließen. Diese unscheinbare und vertrocknete Biozönose im Bankett der Landstraße ist eine Welt vielfältiger Abhängigkeiten. Menschen kommen auch vor, nur kurz und episodisch, rauschen vorbei, geschildert nur als Werkzeuge um Fahrzeuge zu steuern – und wie sie steuern hat einen Effekt darauf, wie konkret sich das Leben verbreitet, aber das ist nur wie ein Wimpernschlag in den Zyklen der Natur, die sich mit schildkrötenhafter Langsamkeit vollziehen.

„The turtle entered a dust road and jerked itself along, drawing a wavy shallow trench in the dust with its shell. The old humorous eyes looked ahead, and the horny beak opened a little. His yellow toe nails slipped a fraction in the dust.“

Steinbeck hatte viel Ahnung von Ökologie. Das hatte er wohl hauptsächlich seiner engen Freundschaft mit Ed Ricketts zu verdanken, einem Meeresbiologen. In „Cannery Row“ hat er ihn als Doc literarisch verewigt, aber auch in anderen Büchern, auch in „The Grapes of Wrath“ taucht er als Figur auf. Die beiden unternahmen 1940, nach dem Erscheinen dieses Romans, eine Schiffsreise in den Golf von Kalifornen, widmeten sich der Erforschung des Lebens, im Wasser dort und im ganz Allgemeinen. Nachreisen kann man im „Logbuch des Lebens“, das Steinbeck 1941 über diese Reise veröffentlicht hat (und das 2017 in einer Neuübersetzung und schönen Ausgabe des Mare-Verlags erschienen ist). Ob aus diesem Austausch mit Ricketts auch der Begriff „anlage of movement“ stammt, mit dem der erste Absatz von Kapitel 3 endet?

„…every seed armed with an appliance of dispersal, twisting darts and parachutes for the wind, little spears and balls of tiny thorns, and all waiting for animals and for the wind, for a man’s trouser cuff or the hem of a woman’s skirt, all passive but armed with appliances of activity, still, but each possessed of the anlage of movement.“

Tatsächlich ist „anlage“ hier ein deutsches Lehnwort von seltenster Verwendung im Englischen und beschreibt wohl, wenn ich es recht verstehe, dass die Bewegung, die Ausbreitung tief sitzend angelegt ist, im konkreten Fall in den sich versamenden Pflanzen, man kann das aber wohl getrost verallgemeinern. (Ich habe bislang keine deutsche Ausgabe, weiß also nicht, wie das konkret übersetzt wurde – wer weiß es?)

Eigentlich wäre es jetzt schon gut. Steinbeck konnte aus seinem Blickwinkel nicht erkennen, dass weiter hinten in der geschilderten Szenerie, zwischen den lehmbraunen Steinen, den sagebrush-Büscheln und dem dürren Gras, mit seinem fahlen Fell nahezu unsichtbar mit der Umgebung verwoben, ein kleiner Luchs auf Lauer lag, alles beobachtete und versuchte, sich seinen Reim darauf zu machen. Oder eine Gelegenheit abpasste, um seinerseits ins Geschehen einzugreifen (auch nur als Verbreiter von klebrigen oder hakigen Samen). Mit einem Auge sieht er der Schildkröte zu, mit dem anderen liest er, was Leute von sich geben, deren Steckenpferd es ist, Leute aufzuhetzen, weil sie das irgendwie aufgeilt und wohl ihre Strategie ist, um sich zu „verbreiten“. Aber es muss ja nicht jeder Erguss fruchtbar werden.

So lese ich heute den neuesten von Martin Sellner, den die Sezession einmal wieder verbreitet, „Verschissmus“ im wahren Sinne des Wortes. Aus Frust über die zunehmende Marginalisierung seines Treibens, will er jetzt einen Online-Pranger für FPÖ-Politiker einrichten, die aus seiner Sicht die Sache der Rechten und Identitären (IB) verraten. Je verräterischer die Äußerung, desto mehr Malus-Sterne soll es geben. Der Pranger darf natürlich nicht Pranger heißen, es wird ja nur öffentliches Material in konzentrierter und von Sellner redigierter Form dargeboten. Es sollen auch keine Shitstorms ausgelöst werden, deshalb verlinkt er „nur“ geschäftliche Kontaktdaten der von ihm Herzitierten. Und selbstverständlich geht es ihm um „echte Meinungsfreiheit“, dass „keiner mehr Angst haben muß zu sagen, was er sich denkt.“ – Oder geht es doch eher um „rhetorische und weltanschauliche Schulung“, „ein patriotisches Korrektiv. Ein negativer Reiz, der auf die Distanzierung erfolgt und langfristig einen Lerneffekt einstellt“: Jeder soll künftig sein Recht und als „Patriot“ womöglich gar die Pflicht haben, freimütig über historische „Vogelschisse“ und dergleichen zu dozieren, so muss man das wohl verstehen? „Echte“ Meinungsfreiheit, also kernig-männliche, schließt doch wohl mit ein, dass Nazipropaganda möglich sein muss oder gar geboten ist?

Doch so weit sind wir noch nicht. Sellner schreibt zu seiner Motivation: „Nur sichtbare Akte des Widerstands transformieren die isolierten Wähler der FPÖ in eine sichtbaren und aktiven Zivilgesellschaft. Die Aufgabe der IB ist nicht gegen eine Partei gerichtet. Sie ist FPÖ und IBÖ schließen sich daher ebensowenig aus wie die GRÜNEN und Greenpeace! Beide Ansätze ergänzen einander und sind notwendige Säulen einer umfassenden patriotischen Arbeit.“

Aber dank der schlampigen Redaktion bei der Sezession enthält dieser Absatz immerhin zwei Informationen:

1. Sellner ist ein Wirrkopf und präpotenter Stümper, dem es nicht schnell genug gehen kann bis zum Erguss. Und die bei der Sezession sind genauso betriebsblind und tumb-aktionistisch, wie die bei der SPD Mülheim und ihrem Trauerkranz.

2. Es wird ja immer so getan, als hätten FPÖ und IB nichts miteinander zu tun. Derzeit klagt die Einprozent-Bewegung, das Baby vom Kubitschle, gegen einen Facebook-Rausschmiss: sie hätten nichts mit der IB zu tun. Ich hoffe nur, das Gericht kennt sich ein wenig mit Internet aus. Da ist der Zusammenhang doch offensichtlich, das Netzwerk von Schnellroda, EinProzent, IB, FPÖ, AfD (ja, auch Gauland ist gerngesehener Gast in Schnellroda). Also: nicht lange fackeln.

Übrig bleiben Fragen:

  • Hat der Luchs nun mutwillig die Verbreitung von Sellnern befördert? Oder hat er daran mitgewirkt, ihre Camouflage abzutakeln?
  • Erkennen geneigte Leser*innen den Unterschied zwischen ökologischem Wimpernschlag und kulturgeschichtlichem Vogelschiss?
  • Wird die langsame Schildkröte Demokratie den Angriff des nächsten Trucks überleben und weiterhin in die Zukunft blicken mit old humorous eyes?

30 Jahre später

Manchmal sagt das Fernsehprogramm mehr als alle politischen Verlautbarungen. Aktuell, Stand 22:30 laufen im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen:
ARD: Frag doch mal die Maus (Spielshow)
ZDF: Der Staatsanwalt (Serie)
BR: Schön, dass es dich gibt (Schmonzette)
SWR: Talk am See, Talkshow zur ARD-Themenwoche „Zukunft Bildung“
HR: Die Rhön: Naturschönheiten im Land der offenen Fernen (Dokumentation)
WDR: First Ladies (Kabarettpreis)
NDR: 35 Jahre Sketchup (Comedy)
MDR: Sound der Wende (Musikshow)
RBB: Bornholmer Straße (Spielfilm)
3Sat: Cecilia Bartoli & Friends (Dokumentation)
Arte: Nacktmulle: Superhelden der Forschung (Tierdokumentation)
Phoenix: Soundtrack der Freiheit (Musikdokumentation)
Tagesschau 24: Aktuelle Kamera (DDR-Nachrichten 9.11.1989)
ARD-alpha: Fünf Tage im November (Dokumentation)

Kurz gesagt: den Westländern geht das Ganze am A.… vorbei, immer noch. Wir sollten uns was schämen. Die MDR-Sendung ist zwar auch nur eine sehr mäßige Schlagershow, aber eigentlich trifft das die Stimmung des Tages seinerzeit doch irgendwie am besten.

Lieber Herr Lenz

beginnt der erste Brief Peter Handkes an Hermann Lenz, datierend vom 21. Dezember 1972. Am 23. März 1998 schrieb Hermann Lenz noch „lieber Peter, unser Telephongespräch hat mir wohlgetan„, wenige Wochen später ist er, seit Längerem schwer erkrankt, in München verstorben. Hermann Lenz, der Ältere, verdankte Peter Handke, dem Jüngeren, seinen späten literarischen Erfolg. Doch der Jüngere hatte in Lenz eine Bezugsperson gefunden, einen Ruhepol in einem zeitweise unsteten Leben, von dem er immer wieder Stärkung beziehen konnte. 25 Jahre lang schrieben sie sich regelmäßig, zeitweilig suchte Handke bei den Lenzens Unterschlupf.

In Handkes erstem Brief heißt es: „Ich bin sicher, Sie und Ihre ruhige, verläßliche Art der Weltsicht sehr zu verehren. Ihr letztes Buch [Der Kutscher und der Wappenmaler, das Buch, mit dem die Beziehung der beiden begann] habe ich Satz für Satz gelesen, weil ich auf jede Einzelheit neugierig war. Einmal dachte ich: ‚Da kann man sich wirklich auf die Einzelheiten ganz und gar verlassen‘ – und das ist sicher ein Zeichen, daß da wirklich ein Schriftsteller arbeitet, und kein bloßer Behaupter. […] Ich halte Sie für einen der wenigen Schriftsteller, bei denen man sich lesend zwar fremd, aber doch ganz zu Hause fühlen kann.

Wer so etwas schreibt an einen Kollegen, vielleicht schon gefühlten Freund, für den ist das auch Selbstreflexion, und so ist anzunehmen, dass Handke sich selbst auch so sehen wollte. Kein Behaupter zu sein, das trifft in den Kern seines eigenen Schreibens. Und genau das hat die Akademie in Stockholm heute auch so gesehen und ihm deshalb den Nobelpreis für Literatur 2019 zuerkannt. Ihm, einem der letzten wirklich freien, denkfreien, wortfreien Autoren der Gegenwart.

Alles Gute!“ endet dieser erste Brief. Alles Gute, Peter Handke. Und danke.


Bildrechte: Hermann-Lenz-Stiftung

Maddy, Maggie, Angie

2014 erschien Richard Powers’ Roman Orfeo und wenn Angela Merkel damals Muße hatte für Urlaubslektüre, dann könnte das etwas für sie gewesen sein, wer weiß. Die Geschichte des älteren Komponisten und Musikdozenten Peter Els, der aus wissenschaftlicher Neugier versucht, in seinem Privatlabor Musik und Genetik zu verschmelzen und deshalb ins Visier der Homeland Security gerät. Sein Leben wird schlagartig zum Ausnahmezustand und die Erzählung davon spielt auf verschiedenen Zeitebenen der persönlichen Erinnerung und Gegenwart, von Zeit- und Musikgeschichte – und von Orten der amerikanischen Provinz, wie stets bei Powers.

Eine Episode ist mir heute untergekommen: Els hält einen Vortrag über Messiaens Quatour pour la fin du temps – im Schattigen Hain, einem Altenheim, bei Menschen, die bald tot sein würden. Hier holen ihn Erinnerungen an den Winter 1967 ein: Aufbruchstimmung, irritierende Begegnung mit der Musik von John Cage, beglückende Begegnung mit Madolyn Corr. Mit ihr ist er auf dem Weg zu einer Cage-Performance, sie irren durch die Nacht auf der Suche nach dem Veranstaltungsort, einer Markthalle für Schlachtvieh, Peter auf dem Beifahrersitz eines alten geliehenen Kleinbusses:

Els nimmt die Hände vom Gesicht: „Ich glaube, das war ein Stoppschild“, stöhnt er.
„Wir schaffen das!“ In dem schlitternden Kleinbus schaut ihn Maddy von der Seite an und kneift ihm aufmunternd in den Oberarm. „Wir schaffen das!“
Erst vor wenigen Wochen ist dieses selbstsichere, wagemutige, aufgeklärte Mädchen aus dem Norden des Landes mitten in Els’ Leben gelandet, und mit einem einzigen abrupten Schnitt war der Schwarzweißfilm neonbunt geworden. […] Sie kann ein ganzes Jahr seiner Ängste davonzaubern, mit einem einzigen amüsierten Schmollmund. Sie sorgt dafür, dass er aus sich herausgeht, Anteil an der Welt um ihn her nimmt, der großen Schnitzeljagd. Sie ist so sicher auf ihrer Bahn, das reicht für zwei.“ (1)

Tja, denkbar, dass diese Passage Frau Merkel damals ein wenig aufgewühlt und sie sich wieder an Angela, das Mädchen, erinnert hat. Und warum sie das alles auf sich genommen hat. Der Rest ist Geschichte. Aber wie sangen schon Keimzeit, die auch als DDR-Band begonnen haben, in Maggie:

So einfach stehn die Dinge
Nun auch wieder nicht
Denn wer weiß schon genau
Wann so ein Krug zerbricht…

Dass wir aus uns herausgehen: das ging gerade mal einen Sommer lang. Merkel hat die vielen alternden Menschen in den beigen Blousons unterschätzt, das Nörgeln der Alten im schattigen Hain der Nation. Nicht wenige wünschen Angela die Homeland Security an den Hals. Manche von ihnen bedauern, dass es die gute alte Stasi nicht mehr gibt, oder ihren Vorläufer, die Herren mit den schweren Ledermänteln. Ihre Welt ist beige und verblassend, aber das hatte Nina Hagen ja schon sehr früh prognostiziert:

Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel‘
alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr…


(1) Powers, Richard. Orfeo, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2. Auflage, 2014. S. 171-173

Wald. Lichtung. Hain. Quelle

Die Welt ist ein Wald: nachdem ich an der Süddeutschen in letzter Zeit hin und wieder herumgekrittelt habe, widmet sie heute dem Motto dieses Blogs einen Artikel. Nette Geste. Christoph Quarch beleuchtet das Verhältnis von Wald und Lichtung im Fortschreiten der Gesellschaften. Angefangen, natürlich, bei wilden Waldmenschen, Giganten, über die Gründung Roms als Rodungsinsel, über die Aufklärung als große Lichtung, die Waldverehrung der Romantiker und den heutigen Dschungel. (Blitz aus dem Virtuellen, SZ Nr. 81/2019, S. 10)

Überraschenderweise erklärt er nicht das Netz, die digitale Welt zum undurchdringlichen Wald, in dem man leicht verloren gehen kann, sondern zur Lichtung, die sich „schleichend in den alten Raum der Stadt gebrannt [hat], eine Lichtung, deren Licht so grell ist, dass sich niemand ihr entziehen kann.“ Was folgt daraus? „Der urbane Raum der analogen Stadt wird bald den Wald beerben“. Quarch beschwört den Großstadtdschungel als Sehnsuchtsort für neue „wilde“ Männer und Frauen und sieht die große Verwilderung des Stadtraums heraufziehen, weil Gestaltung, Zuwendung, Sichkümmern nur noch den digitalen Formaten gelten könnte. – Bedenklich. Aber er dreht noch weiter, weil er meint, diese neue digitale Lichtung sei so groß und grell beleuchtet, dass es keinen Schatten mehr gäbe, also eher eine Wüste als eine Lichtung, diese neue Welt, wo „zu viel Licht tödlich“ ist. (So betrachtet könnte es also sein, dass es manchen Leuten in den unendlichen Weiten und unter der grellen Sonne des Web schon die Großhirnrinde weggebrannt hat, bei dem Stuss, den sie oft absetzen.)

Letztlich ist der Wald der Ursprung von allem. Nur weil es Wald gibt, kann es Lichtung geben. Der Wald ist der Wurzelraum, die Quelle, die „Brutstätte„, das sich ständig erneuernde Füllhorn, das die Natur ausschüttet, wenn man sie lässt. So ist der Wald in den Mythen der Menschheit häufig der „Ort der Transformation, Initiation und Verwandlung“ der Helden. Der ackerbauende und viehzüchtende Mensch drängte ihn immer weiter zurück, schaffte sich erschöpfenden Produktionsraum, den er dann künstlich düngen muss. Bis nur noch eine große Agrarsteppe zurückblieb, auch eine Art von Wüste, wie Leute wissen, die etwas von Biodiversität verstehen.

In der großen Agrarsteppe der USA, zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains, in großen Teilen natürliches Grasland, das unter den Pflug genommen wurde, erkennt man die Farmen schon von weit her. Auch an den Getreidesilos, aber vor allem an den Bäumen. Kleine Waldinseln. Inverse Lichtungen sozusagen. Sie dienen hier oft zunächst dem Windschutz, weil die Great Plains von unaufhörlichen Winden geplagt sind, auch wenn kein Tornado droht. Und für deren Schutz vor Wind und Sonne in der Ackerwüste der einsame Wanderer sehr dankbar ist, wie Wolfgang Büscher in „Hartland“ berichtet – wenn die Hofhunde ihn ruhen lassen. Dort, wo Menschen sich verorten, bedürfen sie offenbar des Waldes, seinem kühlenden Schatten, seinen Geheimnissen der Quellnymphen, dem Gesang seiner Vögel. Wobei diese Art von Wald eher ein Hain und der Hain der Topos schlechthin ist für den „locus amoenus“ einer arkadischen Weltsicht. Der Hain steht zwischen Wald und Lichtung, ist geprägt von beiden Sphären, ist nicht zu groß, ein wenig licht, überschaubar. Man könnte auch sagen: nett. Bieder. Die goldene Mitte. Gegenstand unzähliger Bilder der frühen Neuzeit, als der Mensch begann, das Licht der Welt für sich zu entdecken und das „himmlische Licht“ in den altgewordenen gotischen Kathedralen zurückließ. Der Hain gewinnt aktuell wieder an Bedeutung: Agroforst, Waldackerbau sozusagen ist das neueste Ding in der (ökologischen) Landwirtschaft. Ackern unter Bäumen, Landwirtschaft in Etagen, nicht zu viel Sonne und die Feuchte beieinander halten. Die Umstände verlangen danach.

Lynx streift herum, mal hier, mal dort. Sein Lieblingsort wird nicht verraten. Einmal war er allein unterwegs am Westabhang der Appalachen, in den Wäldern von Kentucky, bei Wildcat Mountain. Er hatte Witterung aufgenommen und folgte der Fährte von Daniel Boone, dem „Trailblazer“, der Ende des 18. Jh., also zu Zeiten der Aufklärung, den Siedlern den Weg durch das östliche Küstengebirge in die unendlich fruchtbaren, paradiesisch beschaffenen Weiten des Mittleren Westens gewiesen hatte. Dieser Weg, die Wilderness Road durch die Cumberland Gap führte durch das Stammesgebiet der Shawnee. Deren bedeutendster Anführer war Tecumseh, ein weitsichtiger Politiker, dem es gelungen war, zeitweise eine große Koalition der Stämme in „Appalachia“ zu schmieden, um sich der Siedlerflut zu erwehren. Das Ergebnis ist bekannt, Tecumseh aber in Erinnerung geblieben und zur mythischen Figur geworden. Lynx folgte einem schmalen Waldpfad in eine Senke hinunter, ein kleines hölzernes Schild hatte zu einer „Indian Spring“ gewiesen, einer Quelle, die offenbar die Shawnee gekannt hatten. Es war sehr still, kein Mensch weit und breit. Aus einem Felsen rann ein sehr dünnes Wässerchen, kleine Pfützen am Grund. Er streckte die Hand aus, um vom Wasser zu kosten, benetzte seine Lippen. Da erhob sich ein Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Seitdem…

Genesis radikal

Manchmal kommt es vor, dass ich an ganz alte Fragen gerate, die doch längst beantwortet sind – oder scheinen. Diesmal war das eine ganz grundsätzliche. Völlig vermessen, sich als kleiner Luchs an so etwas Großes anzupirschen, aber die Neugier siegt: Wie ist das eigentlich mit dem Gründungsmythos unserer abendländischen Kultur, der Mensch sei das Ebenbild Gottes und solle sich die Erde untertan machen (Genesis 1,28) – was ist da dran? Warum kann man unter diesem Motto so viel Unsinn anstellen? Steht das da so?

Also habe ich mir meine Lutherbibel geholt und versucht, ganz unverstellt, ganz frisch und fromm, die einschlägigen Stellen der Genesis erneut zu lesen. Hebräisch kann ich nicht, also bleibt es ein ganz oberflächliches Unterfangen. Aber die Herangehensweise ähnelt der von Martin Luther (ohne mich mit ihm im geringsten messen zu wollen) und letztlich basiert darauf die gesamte protestantische Kirche in all ihren Verästelungen. Gerade fundamentalistische Strömungen wie die Evangelikalen legen allergrößten Wert darauf, die Bibel gleichsam naiv zu lesen und so auch wörtlich zu nehmen. (Das unterscheidet sie nicht von salafistischen Strömungen im Islam oder orthodoxen Juden.) Die Schrift ist so zu lesen, wie sie da steht. Keine Ausdeutungen, keine Interpretationen, heißt es. Theologen braucht es da eigentlich nicht. Nur ich und der Text, ganz fundamentalistisch. Also: Genesis 1-3, Kurzfassung der für die Fragestellung wesentlichen Passagen:

Gott hat die Erde geschaffen und alles was darauf wimmelt. Er ist begeistert von seinem Tun, so sehr, dass er sich noch ein Alter Ego schafft, das für ihn diese Erde, dieses Paradies verwalten soll (dass er mehr Zeit für sich hat?). Dieses Alter Ego nennt er Mensch und er konstruiert es fortpflanzungsfähig, weil er wohl meint, es bräuchte viele davon, um seinen Verwalter-Auftrag ordnungsgemäß auszuführen: sich die Erde untertan zu machen. Über alle Fische im Meer, alle Vögel im Himmel, alles Vieh und sonstige Getier sollen die Menschen bestimmen. (Leider erfährt man nicht, ob Gott die Menschen vorher in irgendeiner Form gecoacht hat. Macht eher den Eindruck als hätte er ihnen den Job mit sehr großem Vertrauensvorschuss einfach übergeben.)

Er klärt diese Menschen dann noch auf, dass er ihnen alle Pflanzen, Samen und Früchte zur Speise gibt, davon sollen sie sich ernähren. Da steht nix von Tiere essen, Alter! Der Mensch ist als Vegetarier gedacht, steht da! – Die Tiere allerdings auch, genauer als Gras- und Krautfresser. Keine Carnivoren, kein Luchs & Co, nirgends. Wo ist da etwas schiefgelaufen?

Gott fand dieses Layout jedenfalls perfekt: „siehe, es war sehr gut“, hat er sich gesagt. Dann legte er den Sabbat ein und seine Schöpfung tummelte sich auf dieser wohlweislich eingerichteten Erde, alles was lebte, mümmelte friedlich vor sich hin: wie im Paradies. Ja, das war das Paradies.

Dann kam die dumme Geschichte mit dem Baum der Erkenntnis (geschlechterspezifische Verwicklungen vertiefe ich jetzt nicht, die sind nicht entscheidend). Die Herren-Menschen, die doch alles managen sollten, ließen sich von einer einzigen frechen Schlange hinters Licht führen – oder ins Licht? Jedenfalls war Gott stinksauer, dass die Menschlein nicht einmal sein einziges Verbot, nicht die Früchte dieses einen Baumes zu essen, einhalten konnten. Und schmiss sie raus aus dem Paradies. Nicht ohne ihnen noch einmal richtig den Kopf zu waschen: die Feldfrüchte werden ihnen künftig nicht mehr einfach in den Mund wachsen, sie müssen ein Leben lang den Buckel krumm machen, sich jedes Krümelchen Essen hart erarbeiten und ihre Kinder unter Schmerzen gebären. Und die Alter-Ego-Würde nimmt er ihnen auch wieder weg, die Quasi-Göttlichkeit: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Wie das sonstige Getier und Gewürm. Gott war echt enttäuscht und schickte sein Ebenbild von dannen.

Also ich verstehe das als Kündigung. Im Job versagt, zum Feldgehilfen degradiert. Wie kann der Mensch jetzt noch glauben, er sei Chef über den Rest der Schöpfung? Was ist das für ein eingebildeter, aufgeblasener Macker? Gott hat ihm doch ganz klar seinen Platz angewiesen, in der Ackerfurche, zwischen „Dornen und Disteln“, wo er „das Kraut auf dem Felde“ essen soll. Da steht immer noch nichts von Schnitzel und Steak. Krone der Schöpfung war vielleicht mal so angedacht, ist aber schief gegangen, hat sich nicht bewährt. Schöpfung untertan machen: das galt nur im Paradies, so lese ich das.

Was die Farmer (und sonstigen Geschäftemacher) in den Bible Belts dieser Welt, zwischen Kansas und Niederbayern wohl zu solch einer radikal fundamentalistischen Bibellektüre sagen? Der Status in der Ackerfurche ist ihnen ja an sich bekannt, tagtäglich mühen sie sich darin ab. Aber den Teil der Botschaft, den Lizenzentzug, hören sie und wir alle nicht so gerne. Der Anfang der Geschichte gefällt besser, Herren-Menschen und Untertan-Machen, gerne auch mit Roundup. Religiöses Rosinenpicken könnte man das nennen. Erst am Grabesrand wird auf „Erde zu Erde“ zurückgegriffen. Reine Willkür und Autosuggestion. Mit ernsthafter Religiosität nicht zu entschuldigen.

Noch ein kleiner Exkurs ins Neue Testament: Viele Jahre später kam dann Jesus und starb den Kreuzestod, als geschundener Mensch unter geschundenen, gekrümmten Menschen. Vor seiner Verhaftung war er nicht Burger essen, sondern nahm etwas Brot und Landwein zu sich, unter Freunden. Vielleicht war auch ein Schälchen Olivenöl dabei, wer weiß? Danach wurde er gefoltert und verstarb qualvoll (oder auch nicht?) Die Bibel sagt jedenfalls, dass er im Sterben durch ein Nadelöhr ging, durch das wir fettleibigen Grillgutfresser alle es niemals schaffen werden. Weshalb das Paradies uns auch weiterhin versperrt bleibt, im Diesseits sowieso und womöglich auch im Jenseits.

Ich muss gestehen: ich habe lange nicht mehr in der Bibel gelesen. Aber dieser fundamentalistische, unverstellte Zugang erfrischt meinen Geist. Endlich bin ich diese Rednecks und selbstzufriedenen Scheinheiligen los, sie haben fertig, argumentativ. Gut, dass Luther mir das übersetzt hat.

Porridge zum Frühstück ist jedenfalls weiterhin gesetzt. Ansonsten denke ich mir: Leute, lest die Bibel, wenigstens die ersten Seiten! Fügt euch endlich ein in den Rest der Schöpfung, nah am Boden, wie der Herr es euch angewiesen hat! Und esst Müsli (ohne Zucker). Und Äpfel. Vielleicht stimmt das den Herren gnädig. Vielleicht.


Bild: Paolo Veronese – Adamo ed Eva dopo la cacciata dal paradiso (Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies), ca. 1580, Wikipedia

Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

Boubou

Wie steht es um den Handel zwischen dem Erzgebirge und dem Senegal? Brauchen die in Westafrika jetzt auch schon Christbaumschmuck und Räuchermännchen? Und will man in Sachsen allen Ernstes afrikanische Erdnüsse knabbern? Die Süddeutsche wartet mit einer überraschenden Geschichte auf.

In letzter Zeit war ich zuweilen nicht mehr recht zufrieden mit meiner alten SZ. Etwas zeitgeistig, etwas aufgeregt manchmal, auch oberflächlich. Habe mich dann auf eine andere alte Liebe besonnen und mir tatsächlich ein Online-Abo der New York Times geholt, was sehr erschwinglich ist. Und den Horizont enorm erweitert. Da kann man dann lesen, dass eine Redakteurin auf die verwegene Idee kommt, von New York nach Los Angeles mit dem Zug zu fahren, anstatt schnell mal den Flieger zu nehmen, was nur ein Zehntel der Zugreise kosten würde. Drei Tage ist sie unterwegs, mit toller Schlafkabine und betörenden Ausblicken in Amerikas Hinterhöfe. Sie beginnt ganz langsam zu verstehen, dass da sehr viel Land liegt, bewohnt sogar, zwischen Ost- und Westküste. Die Heimat der „Somewheres“ könnte man sagen. I like that stuff.

Auch das Erzgebirge ist noch bewohnt und es beherbergt sogar ökonomische „Hidden Champions“. Nicht nur für Weihnachtsdeko oder auch Uhren. Es ist viel spektakulärer: westafrikanische Muslime, die etwas auf sich halten, kleiden sich in Damast aus Aue. Ein hochwertiger Grand Boubou, wie sich das traditionelle Gewand nennt, muss aus farbigem und glänzendem Stoff der Curt Bauer GmbH aus Aue genäht sein. Die Chinesen liefern nur die Billigstoffe für Alltagskleider. Wenn man in die Moschee geht muss es ein Boubou aus sächsischem Stoff sein – ist das nicht schön? Seit Jahrzehnten bestehen die Geschäftsbeziehungen nach Westafrika, das Handelsvolumen ist mit jährlich 4 bis 5 Mio € überschaubar, doch immerhin beschäftigt Bauer 130 Leute in einer Region, wo es wirklich auf jeden Arbeitsplatz ankommt – und das Geschäft mit Afrika wächst. Die AfD führt in Aue und Umgebung inzwischen politisch das Wort und hat offenbar noch nicht mitbekommen, welche wichtige Kundschaft die Region unter den afrikanischen Muslimen hat. Einen ernsthaften Konkurrenten auf dem afrikanischen Markt für hochwertigen Damast hat die Fa. Bauer – und der kommt aus Österreich. Noch so eine schöne Pointe.

Die Wirklichkeit erweist sich wieder einmal als deutlich komplexer, als man in manch ostdeutschem Gau oder manch treudeutschem Gemüt so leichthin vermutet. Man kann den Leuten bei Curt Bauer nur weiterhin viel Erfolg, gute Geschäfte und Kontakte nach Afrika wünschen. Und der SZ danken für diese schöne Geschichte. (Der Text von Rike Uhlenkamp beruht auf einer Reportage von ihr aus dem Jahr 2017, erschienen bei Zeitenspiegel, dort als Download verfügbar.)

Der (ewige) Gärtner

Heute nacht hat der Wind ein wenig ums Häuschen gepfiffen, jetzt flockt es draußen wieder herum, schmuddelwintermäßig. Aber eigentlich nimmt das Frühjahr schon spürbar Anlauf und ich muss mir allmählich Gedanken machen, was ich dieses Jahr mit meinem Minigemüsebeet anstelle. Aber erst muss ich den Apfelbaum noch schneiden, dazu hätte ich es gerne ein bisschen sonnig bitteschön. Also zurück zur Zeitung.

Dort lese ich, dass ein verdienter Mittelalterhistoriker, Johannes Fried, sich auf seine alten Tagen ein paar Überlegungen und Spekulationen erlaubt, wie das „wirklich“ gewesen sein könnte, damals auf Golgatha, medizinisch betrachtet. Kann es nicht sein, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten (Johannes 19, 33-34), der zum Abfluss von angestautem Blut und Wasser führte, gewirkt hat wie eine Pleurapunktion, wie man sie heutzutage ausführt? Und dass Jesus lediglich tief ohnmächtig, quasi narkotisiert war, als man ihn ins Grab legte, infolge der Verabreichung von Essig (ebd. 29-30)? Und dass er, nach dem Erwachen aus der Narkose, von weißgewandeten Männern (den Engeln) fortgebracht wurde? Als er wieder hergestellt war, könnte er den Rest seines Lebens gut versteckt verbracht haben, „wahrscheinlich als Gärtner“, so die Mutmaßung. Warum gerade als Gärtner? Dazu müsste ich das Buch wohl lesen. Mal sehen. (1)

Vielleicht liebte Jesus Rosen? Und zog sie für seine angeblich große Liebe Maria Magdalena? Vielleicht lebten sie noch lange fort in stiller Eintracht, Philemon und Baucis von Jerusalem?

There are all kinds of roses
But none are as handsome
As the ones that your own hands have grown
They bring as much hope
Leave as much satisfaction
As anything I’ve ever known

Vergangene Nacht wurden in den USA die Grammys verliehen und, hi folks: die Punch Brothers holten sich die verdiente Auszeichnung in der Kategorie „Best Folk Album“ mit ihrem letztjährigen Album „All ashore“, das man nicht genug preisen kann. Tags zuvor unkten sie noch, sie flögen lediglich hin, um zu bezeugen, dass Joan Baez den Titel davon tragen würde. Doch die Jury war erfreulich zukunftsorientiert, die Zeiten sind danach. Die obigen Zeilen sind dem (schwächeren) Song „The Gardener“ des prämierten Albums entnommen, der letzte Vers allerdings lautet:

May green grow the grass underneath our children’s feet

Ein wiederkehrendes Motiv in der aktuellen Musik der PB, fast schon ein Beschwören der amerikanischen Ideale vom Gemeinsinn und Zusammenhalt, gepaart mit lakonischer Zeitdiagnose: „Just look at this Mess“ heißt ein anderer Song. Jedenfalls: herzlichen Glückwunsch von einem „Big Time Friend“!

Womit wir bei der Kategorie „erwachsener Mensch des Tages“ wären: Timothy Springer ist ein US-Biochemiker aus Boston, der wissenschaftlich Wesentliches geleistet hat, aber auch einen gesunden Sinn für’s Investieren besitzt und es damit zu erklecklichem Wohlstand gebracht hat. Auf die Frage, ob er sich von seinem vielen Geld vielleicht nicht eine schicke Villa am Meer oder in den kalifornischen Hügeln leisten möchte, antwortet er nur: „Kein Bedarf“. Denn: „Wenn wir den Sommer über weggehen, wer kümmert sich dann um die Gemüseernte?“ (2)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Rudolf Neumaier: Atmen kann man auch mit einem Lungenflügel. SZ Nr. 35/2019, S. 9; Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. C.H.Beck, München 2019
(2) Claus Hulverscheidt: Der Millionen-Professor. SZ Nr. 35/2019, S. 17

Lynx dans son nique

Es tut Lynx nicht gut, sich mit den Faschisten zu beschäftigen. Das treibt nur seinen Puls hoch. Nachdem er die Sache mit Sichert festgehalten hatte, ist er noch ins Hamsterrad gegangen. Hatte er eh vor, aber jetzt hoffte er zusätzlich darauf, wieder runterzukommen von seinem Ast. Bluegrass, Cajun und TexMex sollten ihm dabei helfen, er hat diese unsägliche Neigung zu Musik aus rückständigen Regionen, wo die Rednecks, Hillbillies und Trump-Wähler hausen (doch dazu ein ander Mal mehr)…

Oh je. Die Trainingszeit war schon fast rum, da pendelte sich sein Puls zu einer warmherzigen Arhoolie-Allstar-Version des Lagerfeuer-Klassiker „Good Night, Irene“ mit Taj Mahal in tragender Rolle allmählich auf ein gesundes Niveau herunter – aber das Trainingsziel war noch weit. Also hat er sich noch eine Strafrunde auferlegt, durch die ihn das aus sentimentalen Gründen unvermeidliche „Take it easy“ der Eagles zuverlässig begleitet hat: Don’t let the sound of them old wheels drive you crazy. So ging sich das einigermaßen aus und er konnte vollends nach Hause laufen mit dem Cajun-Song „Lapin Dans Son Nique“ in den Ohren. Nochmal gut gegangen.

Bildrechte: The Week

60 Kilometer

Matera ist europäische Kulturhauptstadt 2019. Lynx verdankt der Tagesschau den Hinweis, dass sie 60 km vom nächsten Flughafen entfernt ist. Und dennoch seit Jahren steigende Touristenzahlen verbucht. Das sei erstaunlich. Was mögen das wohl für Leute sein, die sich so etwas antun? Oder gibt es da schon Flugtaxis, mag man sich in der Tagesschau-Redaktion wohl fragen. So hörte sich das an.

Lynx freut sich schon auf die Flugtaxis. Das überlässt ihm einen 60-km-Korridor, zur freien Bewegung. Oder mehr. Wege und Straßen im Hinterland. Streifraum, Backcountry Roads, Byways. Früher gab es in den USA dazu spezielle Karten, später Websites. Alles im Verschwinden begriffen, trotz Trump. Es zählen, auch für Seinesgleichen, nur noch Hauptstädte. Und was man mit dem Flugtaxi erreichen kann. Das ergibt eine Menge Grauzonen, von hellgrau bis dunkelgrau. Sehr viele Grauschattierungen. Und schmale Pfade zwischen Disteln und Wegwarten.

Anfang der 1950er Jahre ließ die italienische Regierung die historischen Höhlenwohnungen von Matera räumen, aus sanitären Gründen. Die Leute lebten dort teilweise noch wie im Frühmittelalter. Und waren viel zu Fuß unterwegs. Als sie weg waren, dauerte es noch ein paar Jahre, dann wurde das Kulturerbe wiederentdeckt, saniert, geschützt, gelabelt, musealisiert. Bald mit dem Flugtaxi erreichbar. Wie auch das Kanzleramt in Berlin, das einen todchicen und abgehobenen Hubschrauberlandeplatz erhalten soll. Was es auf den Fußwegen zwischen Airport und Taxistand wohl alles zu sehen, hören, riechen gibt?

Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…

Hähnchen

Wenn jemand Fleisch produziert, dann will er das auch verkaufen, wäre ja sonst widersinnig. Dennoch: Einspruch Herr Wesjohann (Wiesenhof-Hähnchen): Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (SZ Nr. 300/2018, S. 22) sagen Sie zur Begründung, warum Fleisch billig sein müsse:

„Den höheren Preis kann sich einfach nicht jeder leisten. Stellen Sie sich eine Familie mit zwei Kindern vor. Die braucht zwei Hähnchen, damit alle satt werden.“

Falsch. Aus Erfahrung sage ich Ihnen: ein Hähnchen aus Ihrem Sortiment (1200 – 1400 g) reicht für eine Familie mit zwei Kindern, locker! Selbst ein kleineres mit rund 1000 g tut es. Gehen wir von 25-30% Knochenanteil aus, bleiben immer noch 750 bis ca. 1000 g Fleisch + Haut übrig: für jeden eine reichliche Portion. Die DGE empfiehlt, pro Woche nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst zu essen – oder umgerechnet zweimal Hähnchen. Pro Familie zwei Hähnchen in einer Woche, nicht zwei Hähnchen pro Mahlzeit, das wäre gesunde Ernährung. (Gut, vielleicht wenn man zwei pubertierende Söhne hat, die vom Fußballtraining kommen. Dann muss es mehr sein, aber das ist eine Durchgangsphase.) Ansonsten reicht ein Hähnchen. Punkt. Bisschen Gemüse dazu schmoren, Kartoffelsalat, grüner Salat. Perfekt. – Das halbe Hendl sei den Saturnalien des Oktoberfests vorbehalten, das kann man schon mal durchgehen lassen, an Festtagen. Alltag sollte sich doch unterscheiden?

Und sehen Sie: übertragen wir das auf die allermeisten Lebenssituationen, dann halbieren wir ganz schnell den Fleischkonsum. Kann Ihnen natürlich nicht gefallen, wäre aber verantwortungsbewusst, das so zu sehen. Und auch so zu vertreten, explizit. Schade, dass die SZ Ihnen Ihre Verkaufe so einfach durchgehen lässt. Aber die SZ muss ja auch von was leben.

Einstreu im Unterholz #2: Wölfe

Unser Staat wird dieses Jahr 70 Jahre alt – erreicht also das Alter, in dem wir künftig vermutlich in Rente gehen werden. Soll er nun auch in Rente gehen? Kommt er ins Alter zunehmender Gebrechlichkeit, wird müde, verletzlich, wehrlos? Es gibt ja Anzeichen dafür, dass es nicht wenige Leute gibt, die sich warmlaufen, um ihn auseinanderzunehmen. Die bevorstehenden Europawahlen und mehr noch die Landtagswahlen in Ostdeutschland werden uns einen Pegelstand melden, wie weit ihm das Wasser schon bis zum Hals steht. Biologistische Analogien sind nicht unproblematisch, aber da sich die Rechten ja selber als „Wölfe“ sehen (bis in die „Wolfsschanze“ hinein), erscheint es legitim, sie hier als die Beutegreifer zu benennen, die sich auf kränkelndes oder altersschwaches Wild spezialisiert haben und es so lange hetzen, bis es erschöpft zusammenbricht. Dann müssen sie nur noch zubeißen.

Die USA als Demokratie sind so gesehen ein Greis, über 200 Jahre alt. Was ein echter Ami ist, der gibt nicht so schnell auf. Aber jetzt hat David Brooks in der New York Times das Jahr der Wölfe ausgerufen, das „Jahr, in dem wilde und bislang unvorstellbare Dinge geschehen könnten“. (2019: The year of the wolves) Es geht um die Frage, wie Trump sich in seinem Untergang verhalten wird, hauptsächlich aber: wie werden sich die Politiker, die politische Klasse verhalten: werden sie sich mehr dem Staat verpflichtet fühlen (und ihre Karrieren und Wiederwahlen auf’s Spiel setzen) oder werden sie vorrangig ihrer Partei, sprich ihrem Rudel, dienen? Loyalität zur Verfassung oder Partei/Politik über dem Wohl der Nation? Recht vor Politik oder Politik vor Recht?

Der gleichen Frage widmet sich der Soziologe Armin Nassehi in einem Beitrag der Südd. Zeitung (Langsamkeit, SZ Nr. 300/2018, S. 5), eben anlässlich des 70. Geburtstags des Grundgesetzes. Weil Deutschland (in der Weimarer Republik) die Erfahrung gemacht hat, dass die Demokratie mittels demokratischer Prozesse (Wahlen) ausgehebelt werden kann, wurde dem Grundgesetz ein klarer Kompass eingebaut: Recht geht vor Politik. Die gewünschte differenzierte und pluralistische Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie von einem rechtlichen Rahmen, der für alle gleichermaßen gilt, vor dem Zugriff, ja Übergriff der Politik geschützt wird. Bislang hat das funktioniert, auch in den USA, wo die Gerichte in der Vergangenheit ein sehr großes Ansehen genossen haben und der Politik bekanntermaßen häufig in die Arme gefallen sind.

Faschisten und Populisten gefällt das nicht, weshalb sie, sind sie an der Macht, als erstes die (obersten) Gerichte zu schwächen versuchen: das Primat des Rechts soll zugunsten dessen der Politik gebrochen werden. Nassehi führt als Kronzeugen den bei den Rechten „Vordenkern“ sehr beliebten Carl Schmitt an, einen Verächter des Parlamentarismus: Die Schwäche der Demokratie sei es, die eigenen Feinde an die Macht zu bringen, weil der Rechtsstaat auch seine Feinde schütze, meinte der vorausschauend schon 1926. Wie das funktioniert, kann man aktuell in Brasilien in Echtzeit mitverfolgen. Und folgerichtig trachten erfolgreiche Extremisten umgehend danach, das Primat des Politischen vor dem Recht zu verankern, denn nur so können sie ihre Macht sichern. Aber Brooks weist ja daraufhin: auch der stinknormale demokratische Politiker ist nicht davor gefeit, aus Eigennutz die staatliche Integrität zu gefährden. Darauf sollten wir vermehr achten.

Die Wölfe sind in Deutschland seit einigen Jahren wieder heimisch geworden, pflanzen sich erfolgreich fort, immer neue Rudel entstehen. Schwerpunkt ihres Lebensraums ist Ostdeutschland. Das gilt für die Tierart Wolf wie für die metaphorischen Wölfe der rechten Szene. Lynx ist bekanntermaßen ein großer Skeptiker in Bezug auf Wölfe und alles Wölfische in der Gesellschaft. Von Naturschützern und Ökologen werden sie geschätzt, weil sie in der Lage sind, durch ihr Beuteverhalten in relativ kurzer Zeit ganze Ökosysteme in einen naturnahen Zustand zurückzuversetzen (sic!), gerade in den USA ist das über lange Zeit beobachtet worden. Ob das auch bei uns auf Dauer gut geht? Was die Tierart angeht, kann man es auf einen Versuch ankommen lassen, meinetwegen. Was die politischen „Wölfe“ angeht: mit Sicherheit nicht.

Ein besonders erfolgreiches politisches Wolfsrudel hat sich in Schnellroda in Sachsen-Anhalt angesiedelt, rund um das Führerpaar Kubitschek/Kositza (Lynx nennt sie bei sich die Kubitschles). Dieses Rudel bereitet sich derzeit vor auf einen besonders großen Beutezug in diesem Jahr, die Landtagswahlen. Da werden gerade die Kräfte gebündelt und die Aufgaben verteilt. Man wird da genau hinsehen müssen. Denn die Kubitschles sind darauf spezialisiert, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, sich zu verkleiden, unklar zu reden, so dass man sie nicht dingfest machen kann. Sie kaschieren ihr Wolfsein nahezu perfekt (warum muss ich da an Rotkäppchen denken?) und packen alles immer unter einen wahnsinnig philosophisch tönenden Überbau. Besonders beliebt ist bei ihnen Heidegger. Offenbar vermittelt sein Denken ihnen, wie sie ihr einfaches Sein als Dasein in ein bedeutsames Sosein überführen. Dieses Sosein heißt bei ihnen gerne Deutschtum. Das Deutschtum ist sozusagen das Sosein des Deutschseins, was ein bloßes Sein wäre. Und weil sie als Wölfe denken, die für das Rudel ein Revier beanspruchen, sind sie der Meinung, dass das Deutschtum der „ethnokulturelle“ Rahmen für unsere Nation sei (Martin Sellner, Sezession 20.12.2018) – Da ist sie, die Tarnkappe des Beutegreifers: ethnokulturell. Sie suggerieren, das sage alles und nichts, aber ganz bestimmt nicht irgendetwas mit Rasse oder so. Sie reden auch viel von Pluralismus und Meinungsfreiheit, meinen aber damit immer die Rechte der sog. Mehrheit, von der sie meinen, sie bildeten sie mit einer 1%-Bewegung ab: „Es ist an der Zeit, dass die Stimme des Volkes wieder Gehör findet.“. Unfreiwillig geben sie damit klar zu erkennen, dass ihnen Minderheitenrechte (von denen sie selber sehr profitieren und als 1%-Truppe kokettieren) wenig oder nichts gelten – Carl Schmitt lässt grüßen.

Dies ist das Denken des Primats der Politik vor dem Recht: das Sosein des Deutschtums beansprucht die gültige Definition des Deutschseins in dieser Gesellschaft. Und reflektiert gar nicht darüber, dass man, im Rahmen des Grundgesetzes, sein Deutschsein auch ganz anders definieren kann – womöglich ganz ohne historisch gewachsenen ethnokulturellen Hintergrund? Sie stellen sich also auf die Stufe von religiösen Eiferern, Ayatollahs und geben klar zu erkennen, dass sie Differenz nicht aushalten können oder wollen. Wölfe sind Wölfe und bleiben Wölfe, egal wie und was sie säuseln.

Differenz, Diversität ist es, was dieses Gesellschaft groß und stark gemacht hat. Noch ist sie es. Das ist die politische Arbeit für 2019: Recht vor Politik, auf allen Ebenen. Stärken wir dem Grundgesetz den Rücken, mit unseren bescheidenen Mitteln.

Bildnachweis: Lübecker Nachrichten, verändert

Einstreu im Unterholz #1

Lynx hat sich ins Winterlager zurückgezogen. Die Einstreu von heute handelt vom Staatsdefizit (ein Mythos?), schier endlosen Nullzinserwartungen, stabilen Paarbeziehungen in Zeiten existenzieller Krisen, Narzissten bei der AfD und den Versprechungen des Nordens und ob er sie hält. Wie geht das alles zusammen? Weiß Lynx nicht. Aber es ist da, ist Gedanke, Erfahrung, Erlebtes und hat sich abgelagert auf Papier und digital. Ob es wärmt, isoliert gegen den kalten Zug in diesen Tagen und Nächten? Oder eher Feuchtigkeit zieht, so dass die ganze Wärme abfließt und es zu faulen anfängt? „Einstreu im Unterholz #1“ weiterlesen