60 Kilometer

Matera ist europäische Kulturhauptstadt 2019. Lynx verdankt der Tagesschau den Hinweis, dass sie 60 km vom nächsten Flughafen entfernt ist. Und dennoch seit Jahren steigende Touristenzahlen verbucht. Das sei erstaunlich. Was mögen das wohl für Leute sein, die sich so etwas antun? Oder gibt es da schon Flugtaxis, mag man sich in der Tagesschau-Redaktion wohl fragen. So hörte sich das an.

Lynx freut sich schon auf die Flugtaxis. Das überlässt ihm einen 60-km-Korridor, zur freien Bewegung. Oder mehr. Wege und Straßen im Hinterland. Streifraum, Backcountry Roads, Byways. Früher gab es in den USA dazu spezielle Karten, später Websites. Alles im Verschwinden begriffen, trotz Trump. Es zählen, auch für Seinesgleichen, nur noch Hauptstädte. Und was man mit dem Flugtaxi erreichen kann. Das ergibt eine Menge Grauzonen, von hellgrau bis dunkelgrau. Sehr viele Grauschattierungen. Und schmale Pfade zwischen Disteln und Wegwarten.

Anfang der 1950er Jahre ließ die italienische Regierung die historischen Höhlenwohnungen von Matera räumen, aus sanitären Gründen. Die Leute lebten dort teilweise noch wie im Frühmittelalter. Und waren viel zu Fuß unterwegs. Als sie weg waren, dauerte es noch ein paar Jahre, dann wurde das Kulturerbe wiederentdeckt, saniert, geschützt, gelabelt, musealisiert. Bald mit dem Flugtaxi erreichbar. Wie auch das Kanzleramt in Berlin, das einen todchicen und abgehobenen Hubschrauberlandeplatz erhalten soll. Was es auf den Fußwegen zwischen Airport und Taxistand wohl alles zu sehen, hören, riechen gibt?

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Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…

Hähnchen

Wenn jemand Fleisch produziert, dann will er das auch verkaufen, wäre ja sonst widersinnig. Dennoch: Einspruch Herr Wesjohann (Wiesenhof-Hähnchen): Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (SZ Nr. 300/2018, S. 22) sagen Sie zur Begründung, warum Fleisch billig sein müsse:

„Den höheren Preis kann sich einfach nicht jeder leisten. Stellen Sie sich eine Familie mit zwei Kindern vor. Die braucht zwei Hähnchen, damit alle satt werden.“

Falsch. Aus Erfahrung sage ich Ihnen: ein Hähnchen aus Ihrem Sortiment (1200 – 1400 g) reicht für eine Familie mit zwei Kindern, locker! Selbst ein kleineres mit rund 1000 g tut es. Gehen wir von 25-30% Knochenanteil aus, bleiben immer noch 750 bis ca. 1000 g Fleisch + Haut übrig: für jeden eine reichliche Portion. Die DGE empfiehlt, pro Woche nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst zu essen – oder umgerechnet zweimal Hähnchen. Pro Familie zwei Hähnchen in einer Woche, nicht zwei Hähnchen pro Mahlzeit, das wäre gesunde Ernährung. (Gut, vielleicht wenn man zwei pubertierende Söhne hat, die vom Fußballtraining kommen. Dann muss es mehr sein, aber das ist eine Durchgangsphase.) Ansonsten reicht ein Hähnchen. Punkt. Bisschen Gemüse dazu schmoren, Kartoffelsalat, grüner Salat. Perfekt. – Das halbe Hendl sei den Saturnalien des Oktoberfests vorbehalten, das kann man schon mal durchgehen lassen, an Festtagen. Alltag sollte sich doch unterscheiden?

Und sehen Sie: übertragen wir das auf die allermeisten Lebenssituationen, dann halbieren wir ganz schnell den Fleischkonsum. Kann Ihnen natürlich nicht gefallen, wäre aber verantwortungsbewusst, das so zu sehen. Und auch so zu vertreten, explizit. Schade, dass die SZ Ihnen Ihre Verkaufe so einfach durchgehen lässt. Aber die SZ muss ja auch von was leben.

Einstreu im Unterholz #2: Wölfe

Unser Staat wird dieses Jahr 70 Jahre alt – erreicht also das Alter, in dem wir künftig vermutlich in Rente gehen werden. Soll er nun auch in Rente gehen? Kommt er ins Alter zunehmender Gebrechlichkeit, wird müde, verletzlich, wehrlos? Es gibt ja Anzeichen dafür, dass es nicht wenige Leute gibt, die sich warmlaufen, um ihn auseinanderzunehmen. Die bevorstehenden Europawahlen und mehr noch die Landtagswahlen in Ostdeutschland werden uns einen Pegelstand melden, wie weit ihm das Wasser schon bis zum Hals steht. Biologistische Analogien sind nicht unproblematisch, aber da sich die Rechten ja selber als „Wölfe“ sehen (bis in die „Wolfsschanze“ hinein), erscheint es legitim, sie hier als die Beutegreifer zu benennen, die sich auf kränkelndes oder altersschwaches Wild spezialisiert haben und es so lange hetzen, bis es erschöpft zusammenbricht. Dann müssen sie nur noch zubeißen.

Die USA als Demokratie sind so gesehen ein Greis, über 200 Jahre alt. Was ein echter Ami ist, der gibt nicht so schnell auf. Aber jetzt hat David Brooks in der New York Times das Jahr der Wölfe ausgerufen, das „Jahr, in dem wilde und bislang unvorstellbare Dinge geschehen könnten“. (2019: The year of the wolves) Es geht um die Frage, wie Trump sich in seinem Untergang verhalten wird, hauptsächlich aber: wie werden sich die Politiker, die politische Klasse verhalten: werden sie sich mehr dem Staat verpflichtet fühlen (und ihre Karrieren und Wiederwahlen auf’s Spiel setzen) oder werden sie vorrangig ihrer Partei, sprich ihrem Rudel, dienen? Loyalität zur Verfassung oder Partei/Politik über dem Wohl der Nation? Recht vor Politik oder Politik vor Recht?

Der gleichen Frage widmet sich der Soziologe Armin Nassehi in einem Beitrag der Südd. Zeitung (Langsamkeit, SZ Nr. 300/2018, S. 5), eben anlässlich des 70. Geburtstags des Grundgesetzes. Weil Deutschland (in der Weimarer Republik) die Erfahrung gemacht hat, dass die Demokratie mittels demokratischer Prozesse (Wahlen) ausgehebelt werden kann, wurde dem Grundgesetz ein klarer Kompass eingebaut: Recht geht vor Politik. Die gewünschte differenzierte und pluralistische Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie von einem rechtlichen Rahmen, der für alle gleichermaßen gilt, vor dem Zugriff, ja Übergriff der Politik geschützt wird. Bislang hat das funktioniert, auch in den USA, wo die Gerichte in der Vergangenheit ein sehr großes Ansehen genossen haben und der Politik bekanntermaßen häufig in die Arme gefallen sind.

Faschisten und Populisten gefällt das nicht, weshalb sie, sind sie an der Macht, als erstes die (obersten) Gerichte zu schwächen versuchen: das Primat des Rechts soll zugunsten dessen der Politik gebrochen werden. Nassehi führt als Kronzeugen den bei den Rechten „Vordenkern“ sehr beliebten Carl Schmitt an, einen Verächter des Parlamentarismus: Die Schwäche der Demokratie sei es, die eigenen Feinde an die Macht zu bringen, weil der Rechtsstaat auch seine Feinde schütze, meinte der vorausschauend schon 1926. Wie das funktioniert, kann man aktuell in Brasilien in Echtzeit mitverfolgen. Und folgerichtig trachten erfolgreiche Extremisten umgehend danach, das Primat des Politischen vor dem Recht zu verankern, denn nur so können sie ihre Macht sichern. Aber Brooks weist ja daraufhin: auch der stinknormale demokratische Politiker ist nicht davor gefeit, aus Eigennutz die staatliche Integrität zu gefährden. Darauf sollten wir vermehr achten.

Die Wölfe sind in Deutschland seit einigen Jahren wieder heimisch geworden, pflanzen sich erfolgreich fort, immer neue Rudel entstehen. Schwerpunkt ihres Lebensraums ist Ostdeutschland. Das gilt für die Tierart Wolf wie für die metaphorischen Wölfe der rechten Szene. Lynx ist bekanntermaßen ein großer Skeptiker in Bezug auf Wölfe und alles Wölfische in der Gesellschaft. Von Naturschützern und Ökologen werden sie geschätzt, weil sie in der Lage sind, durch ihr Beuteverhalten in relativ kurzer Zeit ganze Ökosysteme in einen naturnahen Zustand zurückzuversetzen (sic!), gerade in den USA ist das über lange Zeit beobachtet worden. Ob das auch bei uns auf Dauer gut geht? Was die Tierart angeht, kann man es auf einen Versuch ankommen lassen, meinetwegen. Was die politischen „Wölfe“ angeht: mit Sicherheit nicht.

Ein besonders erfolgreiches politisches Wolfsrudel hat sich in Schnellroda in Sachsen-Anhalt angesiedelt, rund um das Führerpaar Kubitschek/Kositza (Lynx nennt sie bei sich die Kubitschles). Dieses Rudel bereitet sich derzeit vor auf einen besonders großen Beutezug in diesem Jahr, die Landtagswahlen. Da werden gerade die Kräfte gebündelt und die Aufgaben verteilt. Man wird da genau hinsehen müssen. Denn die Kubitschles sind darauf spezialisiert, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, sich zu verkleiden, unklar zu reden, so dass man sie nicht dingfest machen kann. Sie kaschieren ihr Wolfsein nahezu perfekt (warum muss ich da an Rotkäppchen denken?) und packen alles immer unter einen wahnsinnig philosophisch tönenden Überbau. Besonders beliebt ist bei ihnen Heidegger. Offenbar vermittelt sein Denken ihnen, wie sie ihr einfaches Sein als Dasein in ein bedeutsames Sosein überführen. Dieses Sosein heißt bei ihnen gerne Deutschtum. Das Deutschtum ist sozusagen das Sosein des Deutschseins, was ein bloßes Sein wäre. Und weil sie als Wölfe denken, die für das Rudel ein Revier beanspruchen, sind sie der Meinung, dass das Deutschtum der „ethnokulturelle“ Rahmen für unsere Nation sei (Martin Sellner, Sezession 20.12.2018) – Da ist sie, die Tarnkappe des Beutegreifers: ethnokulturell. Sie suggerieren, das sage alles und nichts, aber ganz bestimmt nicht irgendetwas mit Rasse oder so. Sie reden auch viel von Pluralismus und Meinungsfreiheit, meinen aber damit immer die Rechte der sog. Mehrheit, von der sie meinen, sie bildeten sie mit einer 1%-Bewegung ab: „Es ist an der Zeit, dass die Stimme des Volkes wieder Gehör findet.“. Unfreiwillig geben sie damit klar zu erkennen, dass ihnen Minderheitenrechte (von denen sie selber sehr profitieren und als 1%-Truppe kokettieren) wenig oder nichts gelten – Carl Schmitt lässt grüßen.

Dies ist das Denken des Primats der Politik vor dem Recht: das Sosein des Deutschtums beansprucht die gültige Definition des Deutschseins in dieser Gesellschaft. Und reflektiert gar nicht darüber, dass man, im Rahmen des Grundgesetzes, sein Deutschsein auch ganz anders definieren kann – womöglich ganz ohne historisch gewachsenen ethnokulturellen Hintergrund? Sie stellen sich also auf die Stufe von religiösen Eiferern, Ayatollahs und geben klar zu erkennen, dass sie Differenz nicht aushalten können oder wollen. Wölfe sind Wölfe und bleiben Wölfe, egal wie und was sie säuseln.

Differenz, Diversität ist es, was dieses Gesellschaft groß und stark gemacht hat. Noch ist sie es. Das ist die politische Arbeit für 2019: Recht vor Politik, auf allen Ebenen. Stärken wir dem Grundgesetz den Rücken, mit unseren bescheidenen Mitteln.

Bildnachweis: Lübecker Nachrichten, verändert

Einstreu im Unterholz #1

Lynx hat sich ins Winterlager zurückgezogen. Die Einstreu von heute handelt vom Staatsdefizit (ein Mythos?), schier endlosen Nullzinserwartungen, stabilen Paarbeziehungen in Zeiten existenzieller Krisen, Narzissten bei der AfD und den Versprechungen des Nordens und ob er sie hält. Wie geht das alles zusammen? Weiß Lynx nicht. Aber es ist da, ist Gedanke, Erfahrung, Erlebtes und hat sich abgelagert auf Papier und digital. Ob es wärmt, isoliert gegen den kalten Zug in diesen Tagen und Nächten? Oder eher Feuchtigkeit zieht, so dass die ganze Wärme abfließt und es zu faulen anfängt? „Einstreu im Unterholz #1“ weiterlesen

Mantra #6

Der Nationalismus ist ein Sprudel, in dem jeder andere Gedanke versintert. (Karl Kraus)

Neulich wurde mir geraten, Karl Kraus zu lesen. Ich hatte mich in einem kleinen Schlagabtausch mit Kameraden auf rechts für solide und bezahlte Pressearbeit ausgesprochen, also pro „Lügenpresse“. Da kamen sie mir mit Karl Kraus, weil der so schön gegen Journalisten gewettert und kaum ein gutes Haar an ihnen gelassen hat. In Einzelfällen ja durchaus zurecht. Aber in der Summe? In der Summe war Kraus ein Mensch mit übergroßem Ego und ausufernder Misanthropie, seinem späteren österreichischen Kollegen Thomas Bernhard nicht unähnlich. Überaus produktiv, vor allem im Hervorbringen von teils brillanten Aphorismen. Aber hauptsächlich sprach- und selbstverliebt. Und etwas besessen von „Reinheit“, im Denken, im Sprechen, von fast jakobinischer Radikalität mit einem gehörigen Schuss Antiliberalismus zuweilen. Also eine Menge Gründe, warum Lynx einen Bogen um ihn macht, so etwas mag er nicht, und sei es noch so – großartig? Die Rechten halten ihn wahrscheinlich wegen seiner griffigen Verbalattacken für einen Vorkämpfer der „Meinungsfreiheit“, wie sie sie verstehen, und gegen „verordnete Sprache“ (pc).

Jedenfalls erforderte die Aufforderung zur Kraus-Lektüre eine knappe Replik. Und wie das mit Aphoristikern so ist: etwas Treffendes findet sich immer. Allerdings finde ich das Bild vom Nationalismus als „Sprudel“ wirklich wundervoll – ließe sich dieses zum Überschäumen neigende Phänomen, das gerade wieder erheblichen Druck entwickelt, treffender beschreiben? Und dann, ganz nebenbei, wird auf das Phänomen natürlich kohlensäurehaltigen Wassers verwiesen, das gelösten Kalk mitführt, der sich, bei Kontakt mit der Umgebungsluft, ablagert, Sinterbildungen hervorbringt (die sogar recht malerisch sein können, wie das Bild zeigt). Quasi ein zwangsläufiger, ganz natürlicher Zusammenhang. Und begegnet uns diese geistige Erstarrung nicht ständig bei (versuchten) Diskussionen mit Nationalisten und anderen Neuen Rechten? Dieses ewige „sprudelnd“ um sich selber Kreisen, das zu immer neuen verhärtenden Ablagerungen führt.

Kraus’ Aphorismus zum Nationalismus wurde wegen seiner feinen Spitze vom Duden geadelt und in den Zitatenschatz zu diesem Stichwort aufgenommen. Dort findet sich auch ein Satz von Theodor Heuss, der uns in die Gründungszeit unserer Republik zurückführt und uns darauf hinweist, warum unsere Verfassung so formuliert wurde, wie sie geschrieben steht:

Jedes Volk hat die naive Auffassung, Gottes bester Einfall zu sein.

Bierdeckel-Kompass

Seit man keinen Kompass mehr braucht, um sein Ziel auch in unübersichtlichem Gelände zu erreichen, scheint manchen Menschen das Orientierungsvermögen abhanden zu kommen. Den Kompass konnte man nur sinnvoll nutzen, wenn man seine Anzeige mit der realen Welt um einen herum in Beziehung setzte, ja, manchmal musste man peilen. Braucht es nicht mehr: man starrt auf das Smartphone-Display, lässt sich vom GPS leiten und stolpert blind und ahnungslos vor sich hin. Das Drumherum nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Und wenn man seine Apps und Dienste „richtig“ eingestellt hat, dann kriegt man eh nur noch das angezeigt, was einen „interessiert“, Anderes spielt eigentlich keine Rolle mehr, wahr ist, was auf dem Display steht. Doch die Welt bleibt ein unübersichtlicher Wald und ein guter Kompass hilft immer noch.

Auf einem Bücherflohmarkt ist mir beim Herumstreunen ein kleiner Schatz in die Hände gefallen, eine Sammlung von Aufsätzen als Nachbereitung eines Kongresses, der im Dezember 1986 in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Internationale Design Zentrum Berlin (IDZ) und es ging um „Design der Zukunft“. Intellektuelle aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Denkrichtungen trugen den Stand ihres Wissens zusammen und tauschten sich aus, unter Leitung des kundigen Fährtensucher Lucius Burckhardt (den wir immer noch schmerzlich vermissen). Natürlich ging es um die Doppelsinnigkeit des Themas, mit einer gewissen Unwucht aber vorrangig um die Fragestellung, wer unsere Zukunft macht, welche Spieler auf dem Spielfeld sind und welchen Impulsen oder Zielvorstellungen sie folgen.

Michael Thompson, ein britischer Mathematiker, Anthropologe und Querdenker, der sich mit Kommunikationsprozessen von Entscheidungsträgern beschäftigt, hat den Spielball aufgegriffen und einen instruktiven Kompass entworfen, der tatsächlich auf einen Bierdeckel passt, und einem hilft, sich gesellschaftlich zu verorten und die eigenen Interessen besser kennenzulernen und zu verfolgen. Ganz nebenbei ist es ein großer Spaß, allerlei andere Dinge, die um einen herum passieren, einzuordnen oder sie zumindest mittels dieses Kompasses einer kleinen Überprüfung zu unterziehen.

„Bierdeckel-Kompass“ weiterlesen

Gedankensplitter #1

Lynx hätte manchmal gerne die übersichtliche Welt seiner Kindheit zurück, die übersichtliche Welt seines Vaters. Aber nicht die unübersichtliche Welt seiner Großväter: im Vergleich zu deren Welt sind die Herausforderungen und Zumutungen doch noch recht überschaubar. Einfacher wird es voraussichtlich nicht mehr, aber Lynx versucht zu lernen, mit zunehmender Komplexität zu leben, tagtäglich, verschwommene Bilder der in den Sümpfen verschollenen Großväter im Hinterkopf.

Mantra #5

Das größte Glück ist das Vergessen jener Dinge, die unwiederbringlich sind.
(Rerum irrecuperabilium summa felicitas est oblivio)

Den Satz verdanke ich einer Fernsehdokumentation über die Gärten der Schlösser der Habsburger in und um Wien. Er gilt als Wahlspruch von Kaiser Friedrich III. (1415-1493). Im zweiten Innenhof des Alten Schlosses in Laxenburg ist er Teil einer Inschrift an der Fassade, die erst 1982 wieder freigelegt wurde. 1492 wurde Amerika entdeckt, damit begann endgültig die Neuzeit. Kaiser Friedrich war in persona einer der letzten Vertreter des Mittelalters – und der Herrscher des Hl. Römischen Reiches, der am längsten regierte, 53 Jahre lang als König und Kaiser. Es war eine Zeit beginnender epochaler Umbrüche, vielen galt Friedrich jedoch als „des Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze“.

Die Inschrift soll auf das Jahr 1453 zurückgehen, da hatte Friedrich den erhofften direkten Zugriff auf Böhmen und Ungarn verloren. Der Satz taucht in dieser Zeit wohl an verschiedenen Stellen als Sinnspruch auf. Eine antike Originalquelle sei nicht bekannt. Dafür gibt es aus dem Umfeld der Habsburger später interessante Interpretationen:

So soll Kaiser Franz II. / I. den Satz zitiert haben, nachdem er 1811 einen Staatsbankrott verkünden musste. Als Franz II. war er der letzte Kaiser des Hl. Römischen Reiches und dankte 1806 ab. Als Franz I. gründete er sich aber vorsorglich 1804 das „Kaisertum Österreich“, um seine habsburgische Hausmacht zu sichern in der Auseinandersetzung mit Napoleon. Laxenburg war eines seiner liebsten Schlösser, so kannte er wohl daher die Inschrift seines Ahnen. Er hat sie in einer Weise zitiert, die dem Gottesgnadentum seiner Kaiserwürde, von dem er zutiefst überzeugt war, gut gerecht wurde.

Im ersten Akt von Johann Strauß’ Wiener Operette „Die Fledermaus“ (1874), die der Stern als „’Dom Pérignon’ unter den Operetten“ bezeichnet, gibt es ein Trinklied, wo es heißt:
Flieht auch manche Illusion,
Die dir einst dein Herz erfreut,
Gibt der Wein dir Tröstung schon
Durch Vergessenheit.
Glücklich ist, wer vergißt,
Was doch nicht zu ändern ist!
Sing, sing, sing, trink mit mir,
Sing mit mir – Lalalala!

Hier dient der (sinngemäß abgewandelte) Satz als Motto des ganzen Stücks – doch ob es lebensklug ist, schicksalhafte Entwicklungen sich mit großzügigem Alkoholkonsum aus der Erinnerung wegzusaufen? Zumindest ist es gut, Illusionen als solche zu erkennen.

Aktuell scheint Angela Merkel sich an Friedrichs Wahlspruch erinnert zu haben. Auf dem CDU-Landesparteitag in Thüringen am vergangen Wochenende sagte sie u.a.:
Wenn wir uns für den Rest des Jahrzehnts damit beschäftigen wollen, was 2015 vielleicht so oder so gelaufen ist und damit die ganze Zeit verplempern, dann werden wir den Rang als Volkspartei verlieren […] Deshalb fordere ich, dass wir uns jetzt um die Zukunft kümmern […] Mit Griesgram gewinnt man die Menschen nicht.

Zukunftsoffenheit, Optimismus, Mut, Innovationspolitik nannte sie als Gegenmittel – die sind aber bereits von einer anderen Partei derzeit okkupiert. Ob für die CDU/CSU da noch etwas abfällt?

Jedenfalls zeigt sich, gerade in der aktuellen Entwicklung bei den Grünen (und der AfD), dass Zukunftsoffenheit befreiend und beflügelnd wirken, das ewige Hadern aber zu immer noch mehr Frustration und schweren Gedanken führt: irgendwann wird das selbst vielen AfD-Wählern zu viel der Depression und hoffentlich setzt sich auch dort die Erkenntnis durch: die Vergangenheit ist vergangen und Unwiederbringliches ist nicht zurückzuholen, auch wenn man noch so fest daran glaubt. Der alte Kaiser wusste das. Eine Dame, die Manche inzwischen auch zur Erzschlafmütze ausgerufen haben, scheint hellwach zu sein. Und man könnte ja mal in die „Fledermaus“ gehen.

Bildquelle: Elisabeth Firsching (verändert)

Mantra #4

Meiner Ansicht nach sind jene Leben am schönsten, die sich ins allgemeine Menschenmaß fügen, auf wohlgeordnete Weise, ohne Sonderwünsche, ohne Wundersucht. (Michel de Montaigne)

Was für ein Langweiler? – Montaigne ist seit Jahrhunderten das probate Gegengift gegen die Hybris der Welt. Denn Hybris ist nichts Neues, bei weitem nicht. Und Wichtigtuer, aufgeblasene Egomanen auch nicht, gab es zu seiner Zeit mehr als genug. Montaigne ist Graswurzel, gehört zum Wurzelgeflecht. Die Bäume eines Waldes kommunizieren über die Wurzeln miteinander, unsichtbar, subcutan sozusagen. Auch wenn es oben stürmt. Verrichten ihre Arbeit, ziehen Kraft, stärken sich.

Klingt doch arg nach Wort zum Sonntag. Kultivierte Langeweile. – Ja und? Man ist ganz schön damit beschäftigt, eine kultiviert langweilige Lebenshaltung zu entwickeln und zu erhalten. Nicht zu verwechseln mit „gelangweilt“ übrigens. Das ist das Larvenstadium der Wundersucht.

Mantra #3

Grußwort an den AfD-Bundesparteitag in Augsburg:

„Ich glaube, es ist eine traurige Wahrheit, dass wir unserem Affenzustand noch recht nahe sind. Und dass die Zivilisation nur eine sehr dünne Decke ist, die sehr schnell abblättert.“ (Fritz Bauer)

Fritz Bauer (1903 – 1968) war Generalstaatsanwalt in Hessen. Er gab dem Mossad den entscheidenden Hinweis auf Adolf Eichmann, der sich nach Südamerika verkrochen hatte, und war in seinen Funktionen und an vielerlei Stellen, entgegen vieler Widerstände aus dem System, einer der entschiedensten Aufklärer über den Nationalsozialismus in der jungen Bundesrepublik. Er hat, als Zeitzeuge der 1920er Jahre, zum Beispiel klar gemacht, dass es schon in den Frühzeiten des aufkommenden Nationalsozialismus (in München) eine Menge Leute gab, die mit dem Begriff „Humanität“ nichts anfangen konnten/wollten und „Humanität“ immer gleich mit „Humanitätsduselei“ gleichsetzten. Woran erinnert uns das?

Dazu anschauen: https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/fritz-bauer-a-280207.html

Trackline #4: Ebbing and Beyond

CJ3s KI-Fähigkeiten übertreffen meine Erwartungen. Dass er die gestrige Tonspur irgendwie fortführen würde, war klar. Aber wie kann er auf mein Hirn zugreifen? Ich hatte ihm nicht erzählt, dass ich gestern abend im Kino war, dennoch entschied er, konsequent, den Lauf in den Südstaaten und im Mittleren Westen rund um den Mississippi fortzusetzen. Rund um Ebbing, Missouri, das rein filmtechnisch ja in den Blue Ridge Mountains liegt, in den südlichen Appalachen zwischen Tennessee und South Carolina. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die Filmbilder über weite Strecken ein Déja-Vu-Erlebnis waren, Jonesborough/TN revisited.

Zum Film ganz kurz: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, der richtige Film zur richtigen Zeit, für meinen Geschmack. Kleine Leute, hinter den sieben Bergen (sic!), weit ab und doch in ihrer kleinen Welt mit Herausforderungen epischen Ausmaßes konfrontiert. Sie gehen ihre Probleme direkt und mit provinziell erscheinender Schlichtheit an. Das führt zu allerlei Gewalt und Verletzungen. Und zu zahlreichen Momenten der Brechung, wo die sicher geglaubten Überzeugungen ins Wanken geraten und manches sich ins Gegenteil verkehrt. Und das Ende ist uramerikanisch, wie aus einem sehr guten klassischen Western. Ohne tiefe Narben kommt man aus der Sache nicht raus, aber man sattelt das Pferd, packt ein paar Habseligkeiten zusammen und macht sich wieder auf, geläutert… Und gönnt man sich den O-Ton, dann ist es eine mitreisende Reise ins nordamerikanische Heartland.

CJ3 malt mir die Bilder mit seiner Trackline noch einmal aus, einen Lauf lang:

J.J.Cale: Cocaine (Troubadour, 1976) – …If you want to get down,/Get down on the ground, cocaine… Ein für die Gegend und das Milieu ein inzwischen typischer Aspekt, der im Film gefehlt hat: Drogen. Alkohol wurde reichlich konsumiert, doch das ist inzwischen wohl nicht mehr das Hauptproblem. Und es gibt Counties, die immer noch Prohibition verordnen.

Eric Clapton: Five Long Years (From the Cradle, 1994) – Claptons Version eines Blues-Klassikers von Eddie Boyd von 1952. Seine etwas fistelige Stimme passt nicht recht, aber der peinigende Gitarrensound: Have you ever been mistreated? You know just what I’m talking about./I worked five long years for one woman, she had the nerve to put me out. – Im Blues (und nicht nur dort) gibt es ein „HeToo-Genre“. Wo es um Sex geht, geht es meist auch um Ökonomie, in beiden Richtungen. Eine unpassende Feststellung, wo doch der Film von einem grauenhaften Sexualmord an einer jungen Frau handelt? Und dieser eklige Typ seine Phantasien sabbert?

Van Morrison: Choppin‘ Wood (Down the Road, 2002) – Martin McDonagh, der Regisseur des Film ist irischer Abstammung, so wie Van Morrison. Der erzählt hier die Geschichte, von einem der sein Glück in Detroit versucht hat und gescheitert heimkehrt nach Nordirland. Das Glück hat sich verflüchtigt, aber irgendwie macht man weiter, …you still kept on choppin‘ wood… Jason Dixon ist im Film dieser Loser, ein rassistischer Unsympath dazu, der unerwartet zum fast mythischen Krieger avanciert. Morrisons R&B-Song singt dahin wie die Baumsäge, in mäßigem Tempo, hin und her, versetzt das Gerät in rhythmische Schwingung.

Herbert Pixner Projekt: Black Orpheus (bauerntschäss, 2010) – Wechselt CJ3 doch das Thema und die Richtung? Nein, es stellt sich heraus, er nimmt einen kleinen Umweg über den richtigen Süden, Lateinamerika und Südtirol. Pixners Band interpretiert ein Bossa-Nova-Stück von Luiz Bonfa, rhythmischer Harfenklang. Von Brasilien geht es durch die Karibik nach New Orleans. Wichtig für den Läufer: das Metrum bleibt konstant, das Gerät schwingt noch immer.

Steve Riley & The Mamou Playboys: Lyons Point (Grand Isle, 2011) – Eine der besten Cajun-Bands, die immer wieder beweist, wie weit Minimalismus führen kann. 2011 traten sie zuletzt in Originalbesetzung auf, auch mit einem wunderbaren Tiny-Desk-Concert, das von diesem treibenden Song eröffnet wird.

Keb‘ Mo‘: Standin‘ At the Station (Just Like You, 1996) – Zeitgenössischer Deltablues mit den bekannten alten Themen: warum der andere und nicht ich? You wanna marry him/Make a family/That’s why I’m standin‘ at the station/Teardrops in my eyes…

Keb‘ Mo‘: Momma, Where’s My Daddy? (Just Like You, 1996) – Jetzt hat sich CJ3 für einen Moment festgefressen, das beweist, wie eigenständig, prägnant dieser Deltablues-Gitarrensound ist. Hier gräbt Keb‘ Mo‘ dicht an den Wurzeln, nahe bei der musikalischen Hütte von Son House am Mississippi.

Van Morrison: High Summer (Back On Top, 1999) – High summer’s got him lonesome/Even when he makes the rounds… Der versponnene Text erschließt sich mir nicht, dafür ist mein Englisch wohl viel zu schlecht. Aber der Song treibt den Läufer noch einmal kräftig voran und führt unweigerlich zu einer Dosis Endorphin. Well done.

Van Morrison: Keep Mediocrity At Bay (Magic Time, 2005) – You gotta fight every day to keep mediocrity at bay… Die Moral wird gleich noch nachgeliefert, aber das ist doch kein schlechter Vorsatz für die nächste Woche. Jason Dixon konnte das ja schließlich auch beherzigen, dort draußen in Ebbing, Missouri.

Trackline #3: Dahoam, Not Dahoam

Freund CJ3 und Lynx trafen sich mal wieder im Hamsterrad. Was hatte er diesmal mitgebracht? Kurzes Ping-Pong zwischen Norah Jones und Sven Regener (was für ein Match!), bevor wir uns auf den Byways von Nordamerika und in aktuellen Fragen der Zeit verliefen. Wie immer der Reihe nach:

The Little Willies: Fist City (For the good times, 2012) – If you don’t wanna go to Fist City,/You’d better detour ‚round my town/Cause I’ll grab you by the hair of the head/And I’ll lift you off the ground. Die Schlusstakte des Songs ertönen, übrig noch vom letzten Lauf. Norah Jones macht ihren Standpunkt klar, während Donald Trump nach Davos ausgewichen ist.

Element of Crime: Schwert, Schild und Fahrrad (Lieblingsfarben und Tiere, 2014) – Robert Habeck ist jetzt Grünen-Vorsitzender und die von Regener besungenen Attribute scheinen wie für ihn ausgewählt. Doch das ist eine andere Geschichte. Eigentlich ist es eines der vielen melancholischen Lieder, die um die Schwierigkeiten oder Unmöglichkeiten des Zusammenlebens in einer wirren Welt handeln. Wenn Trump einfliegt, nichts wie weg: Hinauf, Hinauf zu dem Punkt, von dem aus man sieht/Wie der Horizont sich verbiegt, nur damit auf dich/Noch mehr Licht fällt, als ohnehin schon/Und der Wind singt dazu monoton/Ein Lied von Glück und Gefahr/Wie an dem Tag/An dem ich dich das erste mal sah… Lynx kennt diese Orte über Davos durchaus, hat sie in den Beinen, aus Zeiten ohne Hubschrauberlärm.

The Little Willies: I gotta get drunk (The Little Willies, 2006) – Ein Willie Nelson Song von 1970 in einer munter zupackenden Version, eine Einladung an Regener, an die Bar zu kommen. Eine Verzweiflungstat, um sich diesen ganzen Irrsinn wegzusaufen? Well I gotta get drunk and I sure do dread it/cause I know just what I’m gonna do… Der Text endet mit der Einladung zur nächsten Runde, denn es gäbe schließlich mehr alte Trinker als alte Ärzte.

Element of Crime: Bitte bleib bei mir (Immer da wo du bist, bin ich nie, 2009) – Regener singt aber lieber davon, das alles hinter sich lassen, sich abzufinden, dass Jugend vergänglich, die Leber empfindlich und nicht unendlich belastbar ist, und dass es doch auch anders gehen kann. Auf die Beine, raus aus der Bar: Komm mit mir woanders hin, ich/weiß noch einen Weg/den kann man nicht alleine gehn und/ich hab mir überlegt…

Keb‘ Mo‘: More than one way home (Just like you, 1996) – Keb‘ Mo‘ mischt sich ein, der alte Fahrensmann des späten Blues, herumgekommen, ziemlich harmoniesüchtig, voller warmer Klänge. Er stammt aus Compton im berüchtigten Süden von L.A., lebt jetzt im Heartland der amerikanischen Rootsmusic, in Nashville/TN, dort wo die Zikaden kreischen und am Spätnachmittag alles etwas sepiafarben wird. Im Song erinnert er sich an seine Kindheit in den Straßen von Compton, von denen er sich weit entfernt hat: Well, there’s more/Than one way home/And there ain’t/No right way, no wrong – Ach, wem müsste man das alles eintrichtern, um die Ohren hauen. Was einmal eine Binsenweisheit war, hat aktuell schon wieder den Status einer fast revolutionären Erkenntnis.

Bob Marley & The Wailers: Buffalo Soldier (Confrontation, 1983) – Weggehen, heimkommen, woanders ankommen. Rem Kolhaas zerpflückt heute in der SZ das deutsche Heimatgefühl, diese Sehnsucht nach Statik und Unveränderlichkeit (Dazu noch einmal Sven Regener: …wo die Erde niemals bebt, baut man gerne mal ein Haus aus Stein…). Die Niederlande würden alle 10 Jahre neu entstehen, einen Heimat-Begriff gäbe es dort nicht. Ob es wahr ist? Viele Holländer verreisen ja nicht ohne ihren Wohnwagen, hängen die Heimat an die Anhängerkupplung. Mobile Heimat, wieder eine andere Geschichte… Viele Leute sind unterwegs. Und krass ist, dass die heutigen Sklaven zwar ebenfalls nicht freiwillig, aber aus eigener Kraft unterwegs sind. There was a Buffalo Soldier in the heart of America/Stolen from Africa, brought to America/Fighting on arrival, fighting for survival… Viele wollen von diesen modernen Sklaven nichts wissen. Andere nehmen das Angebot gerne an und machen ihr Geschäft. Wir allermeisten wissen nicht recht damit umzugehen. Wir wollen sie nicht als Sklaven sehen, finden aber keine rechte Verwendung. Würden sie sich doch einfach in Luft auflösen, dürfte ein verbreiteter heimlicher Wunsch sein.

Ashley Monroe: Like a Rose (NPR Tiny Desk Concert, 2013) – Ashley Monroe stammt aus Tennessee, aus dem Bible Belt. Auch phänotypisch verkörpert sie ideal Trump-Country: blond, schlank, weiß. Und sie hat diese in der Countrymusik häufige helle Stimme, die etwas gequetscht klingt, sehr weiß eben. Irgendwie passt diese Interpretin gar nicht in diese Tracklist – oder doch? Folk und Country Songs sind voll von Geschichten vom Weglaufen, Auf-der-Straße-sein, Heimat suchen, heimwärts Reisen, Verlorensein, Einsamkeit. Im Song Like A Rose erzählt sie vom Weglaufen aus North Dakota, aus einer zerbrochenen Familie, immer nach Süden, in die Wärme: Sitting in this diner with a coffee in my hand/Waiting on a bus to some promised land/I got a one way ticket as far as it goes/And I came out like a rose… Diese Geschichten stecken im Kern amerikanischer Identität. Wenn man die richtige Hautfarbe hat und zur Majorität gehört, werden die Geschichten zu gut verkäuflichen Heimatliedern…

N.B.: Eine veritable Heimat für Neugierige in Sachen Musik ist das National Public Radio (NPR) mit seinen Tiny Desk Concerts. Hier treten sie alle auf und geben sich die Klinke in die Hand, die großen Stars und die jungen musikalischen Startups. Der Platz in den Büroräumen des Senders ist beengt, häufig wird unplugged gespielt, meist auf technischen Schnickschnack verzichtet. Die Auftritte sind kurz, zwei, drei Nummern, die haben es in sich. Der Auftritt von Adele gehört zu den beliebtesten und wenn man sie dort sieht und hört, gönnt man ihr neidlos jeden Ruhm. Ganz aktuell dort übrigens Barbara Hannigan mit Liedern von Wiener Komponisten der letzten Jahrhundertwende, der Zeit, als sich in der klassischen Musik die gewohnte Harmonik aufzulösen begann, all in german. Darunter auch die Goethe-Vertonung von Hugo Wolf: Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide…

Fiss, Davos, Anderswo

In dem Winter, als Lynx das Skifahren lernen sollte, war er mit den Eltern im Urlaub in Tirol. Die Eintönigkeit der Tage, an denen er einen flachen weißen Hang am Dorfrand hinaufgestiegen und in Pflugbögen wieder hinuntergekurvt ist, wurde einmal jäh und sensationell unterbrochen: der Bundeskanzler kam zu Besuch! Lynx erinnert sich nicht mehr an viel, nur dass der kleine Platz im Ort übervoll war mit nicht-tiroler Landsleuten. Was bislang als skurrile Begebenheit erinnerlich war, dem wurde jetzt von Gabor Steingart ein höherer Sinn verliehen. Er beklagt, dass die SPD den Zweitwohnsitz aus dem Blick verloren habe. In unserem Normaloleben am Erstwohnsitz erfüllen wir unser Tagessoll und „schaffen das“.

„Entscheidend für das Wahlverhalten und die Zukunft des Landes aber ist der Zweitwohnsitz. Dies ist ein Sehnsuchtsort, gebaut aus Hoffnung und Ambition. Hier wird von besserer Ausbildung und sozialem Aufstieg geträumt, von mehr Geld und mehr Glück, und sei es dem Glück der Kinder. Hier nimmt der wirtschaftliche Aufstieg ganzer Länder seinen Anfang.“

So war das auch in den Wirtschaftswunderzeiten. Man fuhr zwar Lift noch mit sparsamer Punktekarte, aber man war dabei in Tirol. Und deshalb war dort auch der Bundeskanzler zu Besuch: „Der Zweitwohnsitz ist für den vitalen Politiker der richtige Ort, seine Wähler zu treffen. Wirtschaftswunderminister Ludwig Erhard und Reformkanzler Willy Brandt schauten hier regelmäßig vorbei […] Sie alle wussten, wie man Sehnsüchte in Politik verwandelt.“

Die heutige SPD beschäftige sich aber nur noch mit dem Hier und Jetzt und dies weitgehend mit narkotisierenden Rezepten. (Dazu muss man aber vielleicht ergänzen, dass sie es zuweilen zu weit getrieben und den Zweitwohnsitz mit dem Erstwohnsitz verwechselt hat, als sich ein im Pool auf Mallorca plantschender Vorsitzender ablichten ließ…) „Der Zweitwohnsitz der Deutschen aber ist seit geraumer Zeit in Ungewissheit gehüllt. Die Winde der Globalisierung fegen übers Dach.“

Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin, hakt hier ein. Auf die Frage, welche Verantwortung Politik trage für die derzeitig verunsicherten Verhältnisse im Land, meint sie: „Sie müsste sich wieder mehr zutrauen; sie sollte die Gesellschaft mehr gestalten. Mehr aus der Zukunft heraus denken, statt Entwicklungen und Stimmungen hinterherzulaufen.“ Eine „emotionale, affektive Unruhe“ habe viele Menschen erfasst, eine „diffuse Nervosität“, die sich äußere in Zanksucht, kriselnder Gereiztheit und namenloser Ungeduld (wie die ellenlangen Kommentarlisten im Web belegen). Jemand habe das neulich mit der Atmosphäre in Thomas Manns „Zauberberg“ verglichen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Unruhen, Krisen und Konflikte werde die gegenwärtigen Verhältnisse von vielen Menschen linear in die Zukunft projiziert: da kann nichts Gutes nachkommen, sei dann die quasi-kausale Schlussfolgerung. Und es ist keiner da, der diese unselige und dumme Projektion kappt und sie durch eine wirklich zukunftsweisende Idee, die wieder hinaus ins Offene führt, ersetzt.

Der reale Zweitwohnsitz ist nun aus struktureller und raumplanerischer Sicht nicht unbedingt die beste Idee. Man kann da dieser Tage nach Davos schauen, wo Mann den Zauberberg verortet hat: eine 40 bis 50 Wochen im Jahr halbtot dahinsiechende kleine Alpenstadt, die nur um den Jahreswechsel herum und zum Wirtschaftsforum zum Leben erwacht. Hunderte Appartments stehen das Jahr über leer und die Niedriglöhner in der Gastronomie finden keine menschenwürdige Bleibe am Ort. Während die, aufgerieben von der Suche nach einem bezahlbaren Erstwohnsitz, an einen zweiten gar nicht denken können, stellen die anderen weltvergessen und gedankenlos die schönen Orte der Welt mit ihren Zweitwohnsitzen zu. Kann sich Optimismus, Lebenszuversicht, Erfolg immer nur in solchen materiellen Setzungen äußern? Gibt es keine Konzepte für einen immateriellen Zweitwohnsitz, die in der Lage sind, Menschen und Gesellschaften zu beflügeln? Man komme mir jetzt aber nicht mit Religion.


Quellen:
Gabor Steingart: SPD ohne Zweitwohnsitz, Handelsblatt Morning Briefing 22.01.2018.
„Es geht um eine Sehnsucht nach Eindeutigkeiten“ – Gespräch mit Naika Foroutan, Süddeutsche Zeitung vom 24.01.2018
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