Maddy, Maggie, Angie

2014 erschien Richard Powers’ Roman Orfeo und wenn Angela Merkel damals Muße hatte für Urlaubslektüre, dann könnte das etwas für sie gewesen sein, wer weiß. Die Geschichte des älteren Komponisten und Musikdozenten Peter Els, der aus wissenschaftlicher Neugier versucht, in seinem Privatlabor Musik und Genetik zu verschmelzen und deshalb ins Visier der Homeland Security gerät. Sein Leben wird schlagartig zum Ausnahmezustand und die Erzählung davon spielt auf verschiedenen Zeitebenen der persönlichen Erinnerung und Gegenwart, von Zeit- und Musikgeschichte – und von Orten der amerikanischen Provinz, wie stets bei Powers.

Eine Episode ist mir heute untergekommen: Els hält einen Vortrag über Messiaens Quatour pour la fin du temps – im Schattigen Hain, einem Altenheim, bei Menschen, die bald tot sein würden. Hier holen ihn Erinnerungen an den Winter 1967 ein: Aufbruchstimmung, irritierende Begegnung mit der Musik von John Cage, beglückende Begegnung mit Madolyn Corr. Mit ihr ist er auf dem Weg zu einer Cage-Performance, sie irren durch die Nacht auf der Suche nach dem Veranstaltungsort, einer Markthalle für Schlachtvieh, Peter auf dem Beifahrersitz eines alten geliehenen Kleinbusses:

Els nimmt die Hände vom Gesicht: „Ich glaube, das war ein Stoppschild“, stöhnt er.
„Wir schaffen das!“ In dem schlitternden Kleinbus schaut ihn Maddy von der Seite an und kneift ihm aufmunternd in den Oberarm. „Wir schaffen das!“
Erst vor wenigen Wochen ist dieses selbstsichere, wagemutige, aufgeklärte Mädchen aus dem Norden des Landes mitten in Els’ Leben gelandet, und mit einem einzigen abrupten Schnitt war der Schwarzweißfilm neonbunt geworden. […] Sie kann ein ganzes Jahr seiner Ängste davonzaubern, mit einem einzigen amüsierten Schmollmund. Sie sorgt dafür, dass er aus sich herausgeht, Anteil an der Welt um ihn her nimmt, der großen Schnitzeljagd. Sie ist so sicher auf ihrer Bahn, das reicht für zwei.“ (1)

Tja, denkbar, dass diese Passage Frau Merkel damals ein wenig aufgewühlt und sie sich wieder an Angela, das Mädchen, erinnert hat. Und warum sie das alles auf sich genommen hat. Der Rest ist Geschichte. Aber wie sangen schon Keimzeit, die auch als DDR-Band begonnen haben, in Maggie:

So einfach stehn die Dinge
Nun auch wieder nicht
Denn wer weiß schon genau
Wann so ein Krug zerbricht…

Dass wir aus uns herausgehen: das ging gerade mal einen Sommer lang. Merkel hat die vielen alternden Menschen in den beigen Blousons unterschätzt, das Nörgeln der Alten im schattigen Hain der Nation. Nicht wenige wünschen Angela die Homeland Security an den Hals. Manche von ihnen bedauern, dass es die gute alte Stasi nicht mehr gibt, oder ihren Vorläufer, die Herren mit den schweren Ledermänteln. Ihre Welt ist beige und verblassend, aber das hatte Nina Hagen ja schon sehr früh prognostiziert:

Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel‘
alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr…


(1) Powers, Richard. Orfeo, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2. Auflage, 2014. S. 171-173

Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

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Architekten-Poesie (1)

Zum Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses in Berlin-Köpenick meldet das Baunetz:

Um die Naturverbundenheit und den ökologischen Anspruch auch nach Außen deutlich zu machen, wurden die Blätter der alten Eichen vom Grundstück in den Beton der Fassade eingestreut. Nach dem Trocknen hinterließen ihre Abdrücke ein pflanzliches Ornament. Als grüne Blätter in grauem Beton.

Was die Außen(raum)gestaltung angeht, ist der Beitrag von einer merkwürdig hybriden Mischung aus Renderings und Fotos begleitet, der gewisse Zweifel im tatsächlich rücksichtsvollen Umgang mit den Bäumen aufkommen lässt. Auf einem Bild sind jedenfalls sehr stumpfe Schnitte an dicken Ästen zu erkennen. Aber das sind natürlich Petitessen. Die naturverbundene Verdreckelung des Fassadenbetons mit abgestorbenen Blättern (die sicher nicht mehr grün waren oder sind) ist einfach der Hit, oder etwa nicht?

2019.157 | D-Day

Wahrscheinlich war er einer der ersten deutschen Soldaten, die ihr Leben lassen mussten am Tag der großen Invasion. Am Tag der Befreiung. Er war stationiert auf der Halbinsel Cotentin, im Hinterland von „Utah-Beach“. Dort fielen schon in der Nacht, vor der Landung der Schiffe, die amerikanischen Fallschirmjäger vom Himmel, still und leise. Er war als Melder unterwegs, vermutlich alleine, irgendwo zwischen den Hecken der verwinkelten Bocage. Wochen zuvor hatte man ihn für die SS mustern wollen, weil er ein so stattlich gewachsener junger Mann war. Er ist durch’s Clofenster getürmt, vor einer direkten harten Bestrafung konnte ihn der Vater eines Freundes bewahren, der in der Partei war. So musste er „nur“ an die Front, ganz schnell, ganz unvorbereitet. Er wurde 18 Jahre alt. Immerhin haben seine sterblichen Überreste ein Grab gefunden auf einem Soldatenfriedhof in der Bocage. Das ist heute ein ungemein friedlicher und großzügiger Ort, völlig entrückt. Gelegentlich besuche ich sein Grab, obwohl ich ihm im Leben nie begegnet bin. Nur ein paar zufällig zugeteilte Gene verbinden uns. Ich lege dann einen kleinen Strauß wilder weißer Margeriten vor den Grabstein. Sie blühen immer um diese Zeit im Saum der schmalen Landstraße unweit des Friedhofs, wo ich sie gepflückt habe. Er soll ein Mensch voller Möglichkeiten gewesen sein. Vor genau 75 Jahren ist er gestorben, 6.6.44.