Prosper Haniel

Am Freitag ist es also soweit, die letzte Steinkohlenzeche in Deutschland schließt, Prosper Haniel in Bottrop. Das Abbausoll wurde allerdings bereits im September erreicht, seitdem wird allmählich dicht gemacht. Einem Schreiberling aus Süddeutschland steht es in keiner Weise an, sich hierzu würdevoll zu äußern, ist mir schon bewusst. Vor drei Jahren waren wir vor Ort bzw. in der Nachbarschaft, auf der Halde Beckstraße mit der Landmarke ‚Tetraeder‘.

Aber eigentlich waren wir zu Besuch im Museum Quadrat, bei der wunderbaren Walker-Evans-Ausstellung. Hätte es dafür einen besseren Ort geben können? Jedenfalls sind ein paar Bilder ins Gelände dabei abgefallen, die ich jetzt wieder herausgekramt habe. Und irgendwie haben die doch auch etwas mit Süddeutschland im weiteren Sinne, wenn man es bis in die Alpen ausdehnt, zu tun. Diese Skihalle und das Detail ganz links außen: alpenländlerischer Hüttencharme – o.m.g! Ein paar Jahre zuvor hatte uns das Schicksal für einen Abend in die Skihalle in Neuss verschlagen. Sprachlos, „Atemlos“, betrachteten wir das Geschehen rundumadum, die Dirndl- und Janker-Träger*innen, die sich zum Abendmahl einfanden – w.t.f.?

Hoffen wir mal, dass das nicht die einzige Zukunftsidee ist. Nein sicher nicht! Das Ruhrgebiet ist so schön grün bei zugleich so viel Urbanität, der etwas spezielleren Sorte vielleicht, aber: das wird der nächste heiße Scheiß, da bin ich mir sicher. Und dann werden uns hier im Süden noch die Augen rausfallen!

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Einstreu im Unterholz #1

Lynx hat sich ins Winterlager zurückgezogen. Die Einstreu von heute handelt vom Staatsdefizit (ein Mythos?), schier endlosen Nullzinserwartungen, stabilen Paarbeziehungen in Zeiten existenzieller Krisen, Narzissten bei der AfD und den Versprechungen des Nordens und ob er sie hält. Wie geht das alles zusammen? Weiß Lynx nicht. Aber es ist da, ist Gedanke, Erfahrung, Erlebtes und hat sich abgelagert auf Papier und digital. Ob es wärmt, isoliert gegen den kalten Zug in diesen Tagen und Nächten? Oder eher Feuchtigkeit zieht, so dass die ganze Wärme abfließt und es zu faulen anfängt? „Einstreu im Unterholz #1“ weiterlesen

Orto comune

Ein sizilianisches Landstädtchen im Hinterland, im Westen der Insel. Touristisch nahezu unerschlossen, im Windschatten bekannter Routen, ganz eingebettet in die frühlingsgrüne bergige Landschaft. Wir streifen durch die malerischen Gassen der Altstadt, vor ein paar Jahren aufwändig saniert, viel EU-Geld ist geflossen. Bleiben hier stehen, fotografieren dort, lesen, auffallend neugierige Reisende, einzelne Infotafeln zur Stadtgeschichte, aufgehängt für die Touristen, die es nicht gibt in einem Städtchen, das keiner kennt.

Aber von wegen weltabgeschieden: auch hier gibt es jetzt „urban gardening“, eine kleine Installation aus alten Europaletten, zu einem Kräuterhochbeet zusammengezimmert und hübsch lasiert, zeugt davon. Küchenkräuter zum Mitnehmen. Es steht an einer kleinen Aufweitung der Gasse, dahinter dehnt sich die Landschaft in endlosen Hügelwellen.

Die Gasse zieht sich den Hügel hinunter, macht unten eine Biegung, an der Ecke steht das Rathaus. Heraus tritt ein Polizist in vollem Ornat: langer Mantel, Schulterklappen, Kragenspiegel, diese hochaufragende, bedeutsam wirkende Dienstmütze. Geht schnurstracks auf uns zu, spricht uns freundlich an, in unserer Muttersprache, fließend. Ein leicht älterer Herr mit sonor wohlklingender Stimme, erkundigt sich nach Woher, Wohin, Wozu. Wir halten dagegen, fragen zurück, woher die guten Deutschkenntnisse kommen? Lange Jahre in der Gastronomie, in Deutschland, zuletzt lange in der Schweiz. Chefportier in einem Luxushotel im Berner Oberland. Wir loben die gelungene Altstadtsanierung, das freut ihn und er erzählt noch einiges dazu, seine eigene wichtige Rolle dabei gewissenhaft unterstreichend. Dann lässt er uns ziehen.

Wir brauchen ein paar Schritte Abstand, um uns zu fragen, wie es kommt, dass ein ehemaliger Portier jetzt Polizeichef in seiner Heimatgemeinde ist, auf seine alten Tage?

Die Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich heute früh gelesen habe, dass sich angeblich die Schlinge zuzieht (wieder einmal) um Matteo Messina Denaro, „l’Invisibile“, den Superboss aus Castelvetrano, seit 25 Jahren von der Bildfläche verschwunden. Er soll der Pate sein, der die gesamte Wirtschaft der Provinz Trapani kontrolliert (nur hier?), in nahezu allen relevanten Wirtschaftszweigen. Wichtig ist ihm inzwischen Windkraft, er ist ein moderner Mensch. Und vielleicht der reichste Italiener. Es gibt Vermutungen, dass er gar nicht weit ist, sich in seiner Heimat versteckt hält. Irgendwo dort im teils rauhen, teils lieblichen Bergland im Westen der Insel.

Mantra #6

Der Nationalismus ist ein Sprudel, in dem jeder andere Gedanke versintert. (Karl Kraus)

Neulich wurde mir geraten, Karl Kraus zu lesen. Ich hatte mich in einem kleinen Schlagabtausch mit Kameraden auf rechts für solide und bezahlte Pressearbeit ausgesprochen, also pro „Lügenpresse“. Da kamen sie mir mit Karl Kraus, weil der so schön gegen Journalisten gewettert und kaum ein gutes Haar an ihnen gelassen hat. In Einzelfällen ja durchaus zurecht. Aber in der Summe? In der Summe war Kraus ein Mensch mit übergroßem Ego und ausufernder Misanthropie, seinem späteren österreichischen Kollegen Thomas Bernhard nicht unähnlich. Überaus produktiv, vor allem im Hervorbringen von teils brillanten Aphorismen. Aber hauptsächlich sprach- und selbstverliebt. Und etwas besessen von „Reinheit“, im Denken, im Sprechen, von fast jakobinischer Radikalität mit einem gehörigen Schuss Antiliberalismus zuweilen. Also eine Menge Gründe, warum Lynx einen Bogen um ihn macht, so etwas mag er nicht, und sei es noch so – großartig? Die Rechten halten ihn wahrscheinlich wegen seiner griffigen Verbalattacken für einen Vorkämpfer der „Meinungsfreiheit“, wie sie sie verstehen, und gegen „verordnete Sprache“ (pc).

Jedenfalls erforderte die Aufforderung zur Kraus-Lektüre eine knappe Replik. Und wie das mit Aphoristikern so ist: etwas Treffendes findet sich immer. Allerdings finde ich das Bild vom Nationalismus als „Sprudel“ wirklich wundervoll – ließe sich dieses zum Überschäumen neigende Phänomen, das gerade wieder erheblichen Druck entwickelt, treffender beschreiben? Und dann, ganz nebenbei, wird auf das Phänomen natürlich kohlensäurehaltigen Wassers verwiesen, das gelösten Kalk mitführt, der sich, bei Kontakt mit der Umgebungsluft, ablagert, Sinterbildungen hervorbringt (die sogar recht malerisch sein können, wie das Bild zeigt). Quasi ein zwangsläufiger, ganz natürlicher Zusammenhang. Und begegnet uns diese geistige Erstarrung nicht ständig bei (versuchten) Diskussionen mit Nationalisten und anderen Neuen Rechten? Dieses ewige „sprudelnd“ um sich selber Kreisen, das zu immer neuen verhärtenden Ablagerungen führt.

Kraus’ Aphorismus zum Nationalismus wurde wegen seiner feinen Spitze vom Duden geadelt und in den Zitatenschatz zu diesem Stichwort aufgenommen. Dort findet sich auch ein Satz von Theodor Heuss, der uns in die Gründungszeit unserer Republik zurückführt und uns darauf hinweist, warum unsere Verfassung so formuliert wurde, wie sie geschrieben steht:

Jedes Volk hat die naive Auffassung, Gottes bester Einfall zu sein.

Tischwahlkabine

Man muss kein Parteigänger der CDU sein, um festzustellen: dieser Hamburger Parteitag war eine Sternstunde unserer Demokratie. Und die Bilder davon kann man nicht genug in die Welt verbreiten. Allein die Idee mit der Tischwahlkabine: herzliche Grüße nach China. Und ich bekenne mich schuldig: das offensive zur Schau tragen von schwarz-rot-gold war mir immer suspekt bis unangenehm. Allein über den Verstand konnte ich mir allmählich erschließen, dass das für unser Land nicht die schlechteste Trikolore ist, wir hatten schlechtere. Aber das Delegierten-Halsband der CDUler: so kann man durchaus unsere Nationalfarben tragen. Nicht Fahnen schwingen, sondern konstruktiv arbeiten. Zur Sache. Auch Merkels Abschied war groß, im Stil wie in der preußisch-gepflegten Selbstironie. Wo findet man das noch auf der Welt, aktuell?


Bildquelle: RT Deutsch (sic!)

Moshe, Amin und Leila/Kim

Als wir hinaustreten in die dunkle, kalte Nacht der Straße und hoffen, dass bald die Tram kommen möge, fragen wir uns: wo war der Erkenntnisgewinn? (und erfahren bei der Nachlese, dass auch andere sich diese Frage schon stellten.) Zwei Stunden eingezwängt im Theater, Entkommen gilt nicht. Auf dem Herweg erscholl vor der Residenz der Ruf des Muezzins, den die Angstmacher auf rechts seit geraumer Zeit aufführen, während die reichen Araber vom Golf gerade ihre Shoppingtour beendeten und in ihre geliehenen Ferraris einstiegen. Jetzt, in der Tram sitzt neben uns ein wohlhabendes israelisches Paar und unterhält sich lautstark (warum sind Israelis häufig laut und dominant im Auftreten?). Wir zuckeln weiter in die Nacht.

„Die Attentäterin“ ist die Dramatisierung eines Romans von Yasmina Khadra alias Mohammed Moulessehoul, die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen besorgte Amir Reza Koohestani. Die Geschichte spielt zunächst in Tel Aviv und endet in Bethlehem, es geht um einen katastrophalen Selbstmordanschlag in einem Einkaufszentrum, bei dem viele Kinder umkommen. Ausgeführt wurde er von einer Frau, die als säkular-moderne Israelin bekannt war, und die mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Chirurgen, beide Palästinenser, dabei war, sich wohnlich einzurichten in Israel, auf dem Weg nach oben. Der ahnungslose Mann, Amin, notoperiert die Opfer und wird erst dann mit der Wahrheit über seine Frau, Sihem, konfrontiert, die ein Doppelleben als (künftige) Märtyrerin führte. Amin will verstehen und reist zurück in ihrer beiden Heimat Bethlehem, wo er seit zwanzig Jahren nicht mehr war – entgegen aller Warnungen, da gäbe es nichts zu verstehen und er gefährde nur sich und seine Familie.

Diese Geschichte erlebt man mit als Abfolge von Gesprächen an einem langen Tisch. Gespräche als Aneinanderreihung von Stereotypen über den Nahostkonflikt, über Israelis und Araber, vorgetragen im Duktus von alltäglichen Gesprächen unter Freunden und in der Familie. Dazu gesellt sich die Verhörsituation zwischen Moshe und Amin, auch sie so banal und dramaturgisch vorhersehbar wie bei einem Polizeiruf der ganz alten Sorte. Die Selbstbefragung der Akteure, warum dies alles sein müsse, bewegt sich im arrondierten Bezirk der eigenen Lebenswelt, des nur eigenen Erfahrungshorizonts. Alle sind gleichermaßen umgeben von perfekter Überwachungstechnik, die auf der Bühne als automatisierte Kameras agiert, und dennoch passieren die Anschläge und Einschläge, offenbar bis in alle Ewigkeit. Wie soll uns das weiterbringen, wo ist Licht?

Betont beiläufig, mal als Scherz des Penisvergleichs, mal als Lebenserinnerungen alter Männer, wird darauf verwiesen, dass der ganze Konflikt letztlich nichts anderes ist als ein Bruderkrieg, zwischen Brüdern aus inzwischen seit langem verfeindeten Familien, wo jeder den anderen nach Strich und Faden quält und zur Begründung die jeweils selbst erlittene Qual anführt. Maja Beckmann spielt zunächst Amins jüdische Kollegin Kim, später seine Schwester Leila. Am Tuscheln der Zuschauer um einen herum merkt man, dass der Regietrick funktioniert: man braucht eine Weile, bis man merkt, dass Leila nicht mehr Kim ist, so deckungsgleich sind Artikulation und Charakterzeichnung als handfest-pragmatische, gleichwohl empathische Frau, die dennoch nur die Opfer der eigenen Seite wahrnehmen und beweinen kann. Und so endet das ganze vorhersehbar in gewaltsamem Tod, Nacht, Kälte, Verwesung. Um sich unaufhörlich zu wiederholen.

Ja, die Inszenierung treibt einen an den Rand der Verzweiflung. Warum muss man sich zwei Stunden lang anschauen, was man eh schon weiß, oft genug schon imaginiert bekommen oder selbst zu ergründen versucht hat? Ohne dass ein Weg aufgezeigt wird, ein Hoffnungsschimmer? Oder dass klassische Katharsis passiert? Nichts davon, gar nichts. Was für ein subkutan-subversiver Akt!

Ein Gedanke schleicht sich dann doch ein, auf der dringlichen Suche nach Erklärung. Diese Familienclans: Mafia, Blutrache, tribale Strukturen überall. Sind nicht beide Religionen, Judentum und Islam, Stammesreligionen, hervorgegangen aus den Nomadenzelten der Wüste? (Und, in diesem Kontext nur ein gedanklicher Nebenast: ist nicht das Christentum unter den Weltreligionen semitischen Ursprungs die einzig urbane?) Ist es nicht dieser Tribalismus im Kern dieser Religionen, der überwunden werden muss? War es nicht eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung freiheitlich-demokratischer Gesellschaften, dass Menschen es gewagt haben, sich aus den Zwängen, Fesseln der Familien zu lösen? Nicht zurückgekehrt sind an Mutters Tisch und zu Vaters Welterklärung? Das ewige Festhalten an familiären Traditionen, nichts anderes als ein Clan-Kodex: liegt nicht dort der Kern des Übels? Haben wir nicht inzwischen seit langem einen Kodex namens Verfassung, der in der Lage ist, eine Gesellschaft zu befrieden – wenn man ablässt vom Gesetz der Familie, der Abstammung?
Und wie halten wir es mit einwandernden oder wiederkehrenden Riten des Tribalismus? Muss diesem Unwesen eine Republik nach 1789, 1918 und 1945 nicht unmissverständlich und durchsetzungsstark einen Riegel vorschieben?

Geschickt gesät vom Autor/Regisseur. Nicht-erfüllendes Theater mit nagender Nachwirkung. Dass es ein feministischer Akt von Frauen sein soll, als Selbstmordattentäterin zu agieren, das wurde allerdings nicht recht plausibel. Eher setzte sich der Gedanke fest, dass Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft offenbar selbst dann noch affirmativ agieren, wenn sie es eigentlich besser wüssten. Auch da hat die griechisch-urbane Antike die besseren Mythen.


Bildrechte: Münchner Kammerspiele, verändert

Buschfunk 0.0

Wir wissen, weil wir nicht wissen. So in etwa hat sich Frauke Petry geäußert in einer Gesprächsrunde, zu der die Süddeutsche Zeitung in Dresden eingeladen hatte. Geladen waren prominente und engagierte Alt- und Neudresdner verschiedener politischer Couleur und es sollte darum gehen, warum die „Brüche der Gesellschaft“ gerade in Dresden so offen zutage treten.

Lynx liest so was beim Frühstück, seit Jahrzehnten. Neulich wurde ihm von einem Kontrahenten aus dem Dunstkreis von Kubitschles Sezession vorgeworfen, er argumentiere „frei von der Leber weg“. Nun, die Leber gilt als Hauptwohnsitz der Gesundheit von Körper und Geist, seit Urzeiten. Nicht umsonst hat Zeus dem Frevler Prometheus zur Strafe den Adler geschickt, der ihm tagtäglich die Leber heraushackte. In der Leber sitzt der wahrhaft gesunde Menschenverstand, das ist den Göttern, den echten und selbsternannten ein Dorn im Auge, also raus damit. Ist die Leber perdu, wird es mit dem Rest auch nix mehr. Also auf Lebergesundheit achten, was solchermaßen aus dem Bauch kommt, kann nicht ganz verkehrt sein. Doch was hat das mit Dresden zu tun?

Wie gesagt, Lynx liest und verdaut das Gelesene, kaut es mal gut durch, schluckt anderes schnell hinunter und hofft, es gehe ohne Bauchgrimmen ab und würde die Leber nicht vergiften. Im Dresden-Gespräch nun tauchte ein Bissen auf, der von irgendwie ledriger Beschaffenheit war und auf dem etwas herumzukauen ist. Frau Petry hat ihn serviert und er geht so:

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Bierdeckel-Kompass

Seit man keinen Kompass mehr braucht, um sein Ziel auch in unübersichtlichem Gelände zu erreichen, scheint manchen Menschen das Orientierungsvermögen abhanden zu kommen. Den Kompass konnte man nur sinnvoll nutzen, wenn man seine Anzeige mit der realen Welt um einen herum in Beziehung setzte, ja, manchmal musste man peilen. Braucht es nicht mehr: man starrt auf das Smartphone-Display, lässt sich vom GPS leiten und stolpert blind und ahnungslos vor sich hin. Das Drumherum nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Und wenn man seine Apps und Dienste „richtig“ eingestellt hat, dann kriegt man eh nur noch das angezeigt, was einen „interessiert“, Anderes spielt eigentlich keine Rolle mehr, wahr ist, was auf dem Display steht. Doch die Welt bleibt ein unübersichtlicher Wald und ein guter Kompass hilft immer noch.

Auf einem Bücherflohmarkt ist mir beim Herumstreunen ein kleiner Schatz in die Hände gefallen, eine Sammlung von Aufsätzen als Nachbereitung eines Kongresses, der im Dezember 1986 in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Internationale Design Zentrum Berlin (IDZ) und es ging um „Design der Zukunft“. Intellektuelle aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Denkrichtungen trugen den Stand ihres Wissens zusammen und tauschten sich aus, unter Leitung des kundigen Fährtensucher Lucius Burckhardt (den wir immer noch schmerzlich vermissen). Natürlich ging es um die Doppelsinnigkeit des Themas, mit einer gewissen Unwucht aber vorrangig um die Fragestellung, wer unsere Zukunft macht, welche Spieler auf dem Spielfeld sind und welchen Impulsen oder Zielvorstellungen sie folgen.

Michael Thompson, ein britischer Mathematiker, Anthropologe und Querdenker, der sich mit Kommunikationsprozessen von Entscheidungsträgern beschäftigt, hat den Spielball aufgegriffen und einen instruktiven Kompass entworfen, der tatsächlich auf einen Bierdeckel passt, und einem hilft, sich gesellschaftlich zu verorten und die eigenen Interessen besser kennenzulernen und zu verfolgen. Ganz nebenbei ist es ein großer Spaß, allerlei andere Dinge, die um einen herum passieren, einzuordnen oder sie zumindest mittels dieses Kompasses einer kleinen Überprüfung zu unterziehen.

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Gedankensplitter #1

Lynx hätte manchmal gerne die übersichtliche Welt seiner Kindheit zurück, die übersichtliche Welt seines Vaters. Aber nicht die unübersichtliche Welt seiner Großväter: im Vergleich zu deren Welt sind die Herausforderungen und Zumutungen doch noch recht überschaubar. Einfacher wird es voraussichtlich nicht mehr, aber Lynx versucht zu lernen, mit zunehmender Komplexität zu leben, tagtäglich, verschwommene Bilder der in den Sümpfen verschollenen Großväter im Hinterkopf.

Authentizitätssimulant?

Friedrich Merz ist auferstanden – am 501. Reformationstag (der alte Katholik)! Die alte Bundesrepublik des rheinischen Kapitalismus lebt und die Ossis finden es toll. Endlich kommt das, was sie immer schon wollten: Kohle. Ohne den sonstigen Firlefanz einer modernen Gesellschaft (so die Illusion). Kann es sein, dass die Vergangenheit wiederkehrt? Kann es sein, dass Vergangenheit sich läutert und gegenwärtig wird, ohne abgeschmackt, ohne illusorisch zu sein? Die AfD packt jedenfalls schon mal die sieben Sachen, wird sich schon ein Inselchen finden, das noch nicht unter Wasser steht.
Schon komisch: nach all den ‚Zumutungen‘ der Merkel-Jahre (Merkel mit ‚e‘), fühlt es sich einfach nur gut an, dass Merz (mit ‚e‘) daherkommt und sagt: alles halb so schlimm. Da geht’s lang, wir sind wir (übersetzt: mia san mia), packen wir’s an (wir schaffen das?) und los geht’s…

Merkel war an einer Stelle wirklich unklug: sie hätte sich Merz als Medienberater und Redenschreiber warmhalten sollen… Nur in ihrer PK zum Abschied vom CDU-Vorsitz war sie rhetorisch so klar, dass sie damit Merz, wäre es eine Bewerbungsrede gewesen, ernsthaft Paroli hätte bieten können. Tempi passati.


Nachtrag 03.11.18: Jagoda Marinić spricht im Hinblick auf die Merz-Kandidatur von „rekonstruierter Vergangenheit“ und zieht den interessanten Vergleich zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses oder, ganz aktuell, weil kürzlich erst ‚eröffnet‘, zur Frankfurter Altstadt. Und schreibt dazu:

„Die ständige Flucht in die Rekonstruktion wird zum Symptom der Furcht vor der Zukunft.“

Als habe sich die Gesellschaft nicht inzwischen stark verändert, als gäbe es nicht jüngere Generationen, die eine Vielfalt aufweisen, die in diesen Rekonstruktionen nicht vorgesehen ist: die Ignoranz und die offensichtliche Praxis, junge Menschen und Minderheiten auszuschließen, sei „erschreckend“. Es fehle ein „erneuernder Gesellschaftsentwurf“, der mehr sei als eine „Großbaustelle der Rekonstruktion“. (J. Marinić: Erneuern. Süddt. Zeitung Nr. 253/2018, S. 6). Da hilft nur: Mehr Licht wagen!

Licht und Tunnelblick

Gibt es Licht am Ende des Tunnels? Einige meinen, eine Funzel zu sehen, weil Angela Merkel womöglich abtritt. Lynx sieht Licht, weil 80 + x % der Wähler sich als lupenreine Demokraten erweisen, zumindest in Hessen. So das Ergebnis der letzten Umfrage vor der Wahl. 80 % für klassisch demokratische Parteien, 20 % für linke und rechte Extremisten. Gesteht man Linke und AfD zu, dass vielleicht die Hälfte ihrer Anhänger ebenfalls als gute Demokraten durchgehen, dann sieht es noch rosiger aus. Morgenröte?

Es ist doch ganz einfach und man kann es am derzeitigen Lauf der Grünen ablesen: die Leute wollen Licht sehen und nicht den Tunnel. Die AfD ist für den Tunnelblick zuständig und wird auch nie etwas anderes anbieten können. Die Grünen stehen für das Licht, wenigstens für’s Erste. Also, raus Leute, ans Licht und an die frische Luft!