Persephones Insel

Nachrichten aus dem verstummenden Frühling 1986.

Wir küssten uns am Strand. Um uns herum knutschten alle oder lagen sich irgendwie in den Armen, als hätte Dionysos persönlich uns angestiftet. In unserer Mitte loderte ein Feuer, das einer aus der Gruppe entzündet hatte. Seit gut 2700 Jahren loderten an dieser Stelle die Feuer, seit die Griechen hier ihre erste Kolonie auf Sizilien gegründet hatten. Es war ein noch etwas kühler Frühlingsabend, die Wellen aus der Straße von Messina trieben her und oben auf dem Felsen sah man die Lichter von Taormina. Den Tag über waren wir im Ätnagebiet unterwegs gewesen. Waren in den kürzlich erkalteten Lavaflüssen herumgestapft und hatten nach Spuren der aufkeimenden Vegetation gesucht. Am Fuß des Vulkans hatten wir uns in den Weingärten umgesehen, die tief in die bröselige schwarze Lava hineingegraben waren, Sonne, Wasser und Nährstoffe einfangend, bündelnd, verdichtend.

Zwölf Tage vorher waren wir in Oberbayern aufgebrochen, ein Bus, rund 50 Studenten, Professoren, Wissenschaftler. Der Bauch des Busses transportierte unser spärliches Gepäck und viele Kästen Hefeweißbier, es ging ja schließlich in die Fremde. (Über die isotonischen Qualitäten von Weißbier haben wir uns nicht so viele Gedanken gemacht, aber es hat gewirkt.) Die Hinfahrt nach Sizilien zog sich über drei Tage, denn selbstverständlich mussten auch an Autobahnparkplätzen und in Pompeji botanische Bestandsaufnahmen gemacht werden. So ging es dann auf Sizilien weiter: ein steter Wechsel zwischen klassischem Sightseeing, insbesondere von antiken Stätten, und vegetationskundlicher Erforschung von entlegenen Hügels irgendwo in der Pampa oder von grasiger Steilküste bei normannischen Wachtürmen. Diese Insel hatte schon viel gesehen und mitgemacht. Über die Pflanzen taucht man unwillkürlich tief ein in ihre mythologische Geschichte, nicht zuletzt am Fluss Ciane, dem einzigen wilden Vorkommen von Papyrus in Europa. Wir waren sehr weit weg.

Zurück vom Ätna empfing uns im Hotelfoyer deutsches Fernsehen. Das irritierte uns zunächst, doch wir waren um diese Jahreszeit die einzigen Gäste, also warum nicht? Was die Tagesschau dann berichtete, ließ uns erstarren: in der sowjetischen Teilrepublik Ukraine war es zu einem schweren Reaktorunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl gekommen. Und das schon vor ein paar Tagen. Jetzt begann sich eine radioaktive Wolke auszubreiten in Richtung Westeuropa. Unsere Heimreise stand unmittelbar bevor: sollten wir jetzt dahin zurückfahren? Diese Frage stellte niemand ernsthaft. Die Nachrichtenlage war dürftig, es gab lediglich diese gelegentlichen Fernsehberichte – oder ein Telefonat vom Münzfernsprecher nach Hause.

Sizilien ist auch die Insel der Göttin Persephone. Sie ist die Tochter von Zeus und Demeter und muss, weil der Unterweltgott Hades sie als seine Braut entführt hat (übrigens mit der Einwilligung des Baba), ein Drittel des Jahres mit ihm im Totenreich verbringen. Den Rest des Jahres ist sie in der Landwirtschaft der Insel tätig, sorgt für Fruchtbarkeit und leistet ihrer Mutter Demeter Gesellschaft. Dieser Teil der Geschichte interessiert aber niemand, sie ist nur bekannt als düstere Göttin der Unterwelt. Eine Mafiabraut wider Willen, die dennoch ihren Job in der „Familie“ sehr ernst nimmt, heißt es. Mit ihr ist nicht zu spaßen und sie ruft zu sich, wen sie will und wann sie will. Für die Gerufenen gibt es in aller Regel keine Wiederkehr.

Die Reise näherte sich ihrem Ende und auf dieses Ende fiel ein dunkler, endzeitlicher Schatten. Zwei Jahre zuvor war 1984 unauffällig vergangen und Orwells Dystopie war eine literarische Erfindung geblieben. Nun war mit einem Schlag alles anders. Vielleicht lagen wir uns deshalb alle in den Armen an jenem Abend, abschiedstrunken, und sind zurückgekommen als ein Bus von 25 Paaren? So geht jedenfalls die Legende. Die Rückfahrt über zwei Tage verlief in teils aufgekratzter, teils ratloser Stimmung. Am Tiber schlugen abends die Nachtigallen. Sobald das Busradio einen deutschen Radiosender empfangen konnte, lauschten wir der verrauschten Stimme, die davon erzählte, dass man die Kinder nicht zum Spielen rauslassen solle, Sandkasten und Salatbeet seien tabu, möglichst zu Hause ausharren, bis es Entwarnung gibt. Das erschien uns als komplett surreal. Ereignete sich das alles tatsächlich eben jetzt? Den Rest dieses Frühlings haben wir als sehr still in Erinnerung.

Spatzen

Unter unserem Dach siedelte schon immer eine kleine Spatzenkolonie, in irgendwelchen Winkeln und Nischen. Vor zwei, drei Jahren waren sie von jetzt auf nachher praktisch verschwunden. Es wurde ruhig ums Haus, kein Gezeter, kein Geplärre mehr, kein herumwirbelnder oder herabrieselnder Staub und Dreck. Vermutlich hat ein Virus sie alle dahingerafft, wie es auch einen Winter lang mit den Amseln ging. Auch die waren komplett verstummt. Die Stille der Welt ohne Vögel.

Jetzt sind die Spatzen wieder da, eine kleine Horde, wilde Gesellen. Heute vormittag haben sie sich unter dem Gartentisch um irgendetwas gezofft, das zu klein war, als dass ich es hätte erkennen können. Vermutlich was zu fressen – oder Spatzen-Clopapier? Zugleich saß der Big Boss wieder an seinem Stammplatz auf der Kante der Dachrinne und machte Ansagen. Es ist der gleiche wie vor Jahren aber wohl nicht derselbe. Im Verhalten ändert sich da in Generationen nix. Dieses Exemplar hat, wenn ich es durchs Fernglas beobachte, einen merkwürdig ondulierten rötlichen Federschopf auf dem Kopf, als trüge er ein Toupet. Wenn er seine Botschaften hinausplärrt, plustert er sich so breit, wie es irgend geht. Arg differenziert sind seine Botschaften nie, meist ist es das bekannte eindimensionale „Tschilp! Tschilp!“, so laut wie möglich. Ins amerikanische Englisch wird das übersetzt mit „We are great! We are great!“. Was möglicherweise auf eine Verwechslung zurückgeht, der Spatz ist in Amerika keine autochthone Tierart, nur eingebürgert, ein Migrant. Man muss aber auch auf die Zwischentöne hören, die vernuschelt er gerne, sie enthalten aber meist mehr Information. Heute verkündete er, glaube ich, einen Einreisestopp für auswärtige Spatzen. Am liebsten hätte er aber eine weiträumige Flugverbotszone um sein Nest. Er weiß warum.

Denn bald schon kommt das Räumkommando. Das Spatzentheater währt so knapp zwei Monate, da dominieren die alles. Dann, über Nacht, zunächst unmerklich, wird alles anders. Bewusst wird es mir erst, wenn ich dann eines sonnigen Maimorgens diesen schrillen Schrei in der Luft vernehme, davor war eine sehr milde Nacht. Die Armada aus dem Süden ist eingetroffen und übernimmt handstreichartig das Regime. Die Mauersegler stutzen im Nu die Spatzen auf Spatzengröße zurecht, schmeißen sie aus ihren Nestern und kehren damit zurück an ihre Brutstätten des Vorjahrs. Manchmal gelingt es den Spatzen, ihre Jungen vorher flügge zu bekommen, dann vollzieht sich der Schichtwechsel recht geschmeidig. Manchmal ist es ein Trauerspiel für die Spatzen. Aber es ist dann Sommer, die Mauersegler jagen durch den Himmel über der Stadt, noch viel wildere und lauter kreischende Horden als diese kleinen anarchischen Spatzengangs. Formationsflug, formvollendet und in rasender Geschwindigkeit, avancierteste Flugtechnik. Apokalyptische Reiter der Lüfte? Die Spatzen ducken sich weg, verkriechen sich in die Hecke, dort hört man sie schwatzen. Sie schlagen sich durch.

Das Schauspiel der Mauersegler geht so bis Mitte August, dann sind sie so schnell und leise verschwunden, wie sie gekommen sind. Eines Morgens ist Ruhe. Das geht ein paar Tage, dann trauen sich die Spatzen wieder aus der Hecke und im Frühherbst sitzt der Big Boss wieder auf dem Rand der Dachrinne, frisch geföhnt. Und tut so, als wäre nix gewesen. Und unten am Boden zoffen sie wieder. Oder spielen sie nur? Und werden sie den Winter überstehen?

Hermann Lenz hat dazu ein treffend-knappes Gedicht geschrieben, von den Spatzen und ihrer geschäftigen Weltvergessenheit.

Der Juni ist da mit Rosen und Spatzen
Auf der Dachrinne und im Gebüsch,
Als hätten sie, nur weil ihr Tisch gedeckt ist,
Den vergessen, der hinter den Blättern steht.

Hermann Lenz

Kurze Reise in die kleine Republik glücklicher Menschen

Roadtrip März 1990 in Thüringen, eine Woche vor der ersten und letzten freien Volkskammerwahl in der DDR, zwischen Vorfrühling und Endzeit, vor 30 Jahren.

Zwei Fast-Noch-Studenten, ein roter Golf-I-Diesel, ein nur vager Plan zur Reiseroute. Wie immer war klar: wir wollten ins Hinterland und auf die Nebenstraßen. Denn nicht nur die DDR-Bürger waren aufgekratzt im Spätherbst und Winter 1989/90. Stundenlang hatte ich mir im Fernsehen die Sitzungen des Runden Tischs in Ostberlin angesehen, fasziniert: da passierte etwas und es wurde darum gerungen, dass es zivilisiert geschah. Mitte März ergab sich eine Gelegenheit, für ein verlängertes Wochenende sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, wir reisten in die mitteldeutsche Provinz – wer wusste schon, wie lange es sie in dieser Form noch geben würde? (Dabei fotografierten wir leider viel zu wenig und teils mit einfachen Kameras. Die digitalisierten Dias entwickeln dennoch einen ganz eigenen Reiz einer schon fern erscheinenden Zeit.)

Ein klarer Spiegel dient dazu, die eigene Gestalt zu erkennen; die Vergangenheit dient dazu, die Gegenwart zu erkennen. 
(Chinesisches Sprichwort)

Irgendwo in Oberfranken überquerten wir die Grenze hinein in den Thüringer Wald. Der einst gefürchtete DDR-Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf unsere Papiere, gab sich Mühe, freundlich zu lächeln und schon waren wir „drüben“. Vorausgehende DDR-Erfahrung hatten wir so gut wie keine, aber wir waren jung und hatten ein verlässliches und sparsames Gefährt dabei. Der Vorfrühling ist durchaus eine schwierige Reisezeit. Es ist kühl bis kalt, die Vegetation noch in Winterruhe, die Landschaft graubrauntrüb. Waldige Mittelgebirge mit Nadelwäldern neigen zur Düsternis, so auch die ersten Eindrücke auf der Fahrt durch den Thüringer Wald auf kurviger Strecke. Wenige Häuser oder Siedlungen unterwegs, und wenn, dann von grauschwarzen Schieferschindeln verhüllt, was die Schwermut der Gegend noch unterstrichen hat. Keine Veranlassung, irgendwo anzuhalten.

Ausfachung von Fachwerk als Bricolage

So machten wir den ersten Halt in Ilmenau, als sich der Wald gelichtet hatte. Ein Café am Straßenrand in einem bürgerlichen Haus der Vorkriegszeit sah einladend aus. Es war gut besucht, wir suchten uns einen der wenigen freien Tische und zwängten uns irgendwie dazwischen. Fehler: wir hätten uns einen Platz anweisen lassen sollen. Die Bestellung wurde etwas missmutig entgegengenommen, weil wir sie aber verbal äußern mussten, gab es nun für niemanden einen Zweifel mehr: das waren Fremde. Aus dem Westen. Wir nahmen unseren Kaffee ein und versuchten, uns mit der styroporartigen Sahnetorte anzufreunden, ständig beäugt, verstohlen oder unverhohlen. Ein Gespräch ergab sich nicht. Als wir den Raum verließen, meinte man ein deutliches Aufatmen zu vernehmen.

Wir fuhren weiter nach Rudolstadt, dann das Saaletal aufwärts, in der durchaus richtigen Annahme, dass das eine Ausflugsgegend ist, da würde sich schon auch eine Übernachtungsmöglichkeit finden. In Saalfeld hatte man im Hotel keinen Platz für uns, auf dem Weiterweg entlang der Talsperren senkte sich die Nacht herein. Die Straßen waren nun wirklich schmal, keinerlei bei Dunkelheit erkennbare Begrenzung oder Markierung, unser schmaler Lichtkegel verlor sich in düsterem Wald und tiefschwarzer Nacht: ungewohnt. Noch ein oder zwei andere Herbergen lagen am Weg, kein Platz, keine Lust, keine Ahnung. Als Notnagel hatten wir die Adresse eines Pfarrhauses im Raum Schleiz dabei, also schlugen wir diese Richtung ein, in der Hoffnung, vielleicht doch noch eine andere Bleibe zu finden.

Doch irgendwann standen wir im Kirchhof, klingelten vorsichtig. Und verbrachten dann zwei Abende im Kreis der Pfarrersfamilie, wärmstens aufgenommen. Es gab so viel zu erzählen. Erinnerlich ist mir, dass die Stasi und ihr Unwesen ein Leitthema war. Auch die Unsicherheit, ob da noch Stasi-Leute im Busch seien oder ob man jetzt aus dem Gröbsten raus sei. Und es ging ums Reisen: die Welt entdecken, in Amerika studieren, leuchtende Augen, große Erwartungen.

Vor dem Uniturm in Jena, 10.03.1990

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Jena, spazierten ein wenig in der Stadt herum. Vor der Volksbuchhandlung am JenTower, der damals wohl noch Uniturm hieß, hielt die FDP eine Wahlkampfveranstaltung ab. Die damalige Bundesministerin Adam-Schwaetzer sprach vor einem winzigen Häuflein auf dem zugigen Platz, fast niemand interessierte sich, wir auch nicht. In Weimar machten wir nur kurz Halt, die Stadt war bereits von Touristen eingenommen, beige Rentnergruppen überall, das war nicht unser Ding. Ich hatte zuvor Wieland und Kleist gelesen und wollte Oßmannstedt besuchen, Wielands Landgut, das er für ein paar Jahre bewohnte und erfolglos bewirtschaftete.

"...eine kleine Republik von guten und glücklichen Menschen wie noch keine gewesen ist..."

1797 schrieb Christoph Martin Wieland an seinen Verleger Göschen in Leipzig: „Das Gut ist ein ächtes Horazisches Sabinum; vortreffliche Aussichten, reine Luft, große Mannigfaltigkeit des Terrains, viel Grün, viel Bäume, kurz alles, was eine für mich reizende Situazion ausmacht…“ Mit dem seinerzeitigen Literatur-Papst Klopstock wetteiferte er darum, wer von beiden wohl die süßesten Trauben ziehen möge. Dies sei eine „kleine Republik von guten und glücklichen Menschen […] wie noch keine gewesen ist“, schrieb Wieland an seinen Schwiegersohn in Zürich im ersten Überschwang. Von diesem bukolischen Ambiente finden wir fast nichts mehr vor. Wenn ich mich recht erinnere, war Oßmannstedt im Prinzip eine große LPG mit allerlei Scheunen und Ställen. Wielands Landgut lag unbeachtet neben der Straße, im Dämmerschlaf, verschlossen, fast vergessen.

Wielands Landgut Oßmannstedt, März 1990

Im Winter 1802/3 besuchte ihn dort Heinrich von Kleist, verbrachte Weihnachten und den Jahreswechsel mit der Familie Wieland, war aufgewühlt und voller Erwartungen. Wieland war ihm und seinem Schreiben wohlgesonnen, bestärkte ihn ausdrücklich bei seinen dramatischen Projekten. Aber auch Wielands jüngste Tochter Luise fand ziemlichen Gefallen an Kleist, was dann im Hause Wieland doch nicht so erwünscht war: „Ich habe mehr Liebe gefunden, als recht ist, und muß über kurz oder lang wieder fort; mein seltsames Schicksal! – Wenigstens bis zum Frühjahr möchte ich hier bleiben…“, schrieb Kleist im Januar 1803 an seine Schwester Ulrike. Aber wohl schon Ende Februar, Anfang März musste er Oßmannstedt verlassen, ging zunächst nach Weimar und dann nach Leipzig. Kurze Zeit darauf verkaufte Wieland sein Gut, die Schulden wurden zu hoch, die kleine Republik war am Ende. Aber auf seinen Wunsch hin liegt er im dortigen Gutspark begraben.

Zurück ins Pfarrhaus nahmen wir wieder die Landstraßen und notierten die Bundesfahnen, die über den halb zerfallenen Gehöften wehten… Die kleine Republik war sichtlich am Ende.

Auf Anraten unserer Gastgeber, die wollten, dass wir auch etwas Schönes sehen, sind wir am Sonntag dann das Saaletal hinunter gefahren, zu den Dornburger Schlössern und nach Naumburg, das war nett. Beim Abschied im Kirchhof machten sie sich noch lustig über unseren laut nagelnden Diesel, der höre sich ja an wie ein Trecker und gar nicht wie ein schickes Westauto…

Der Naumburger Dom war touristisch noch kaum tangiert und wir hatten ihn für uns. Im Halbdunkel des Westchores besuchten wir die berühmten Stifterfiguren, die beiden herrschaftlichen Paare, die sich dort seit Jahrhunderten gegenüber stehen: die Machtbewussten und die irgendwie mehr mit dem Leben verbandelten. Ekkehard und Uta mit undurchdringlichen, unnahbaren stolzen Gesichtern, das perfekte Herrscherpaar, von dominanter Präsenz und fast kalter, teilnahmsloser Distanz. Hermann und Reglindis, ein merkwürdig heterogenes Paar. Er melancholisch, zurückgenommen, wie zurücktretend, seitwärts, aus dem Bild. Sie überrascht mit ihrem zugewandten, aufgeweckten, neugierigen, kessen, vielleicht auch naiven Lächeln – die Meinungen gehen da auseinander. Sie rafft ihr Gewand und scheint zum Aufbruch entschlossen. Tatsächlich stammte sie aus Polen und ist noch sehr jung (womöglich im Kindbett) verstorben und Hermann, der ältere Bruder von Ekkehard, hat sich später ins Kloster zurückgezogen. – Hätten wir damals ahnen können, wieviel Prophetie in dieser Aufstellung sich verbarg? – Als wir den Dom wieder verließen, entdeckten wir in einer nahegelegenen Gasse eine Crêperie: ein geschäftstüchtiger Bäcker hatte eine kleine Theke als Straßenverkauf in die Außenwand seiner Backstube integriert und servierte frische Crêpes. Das wiederum entsprach genau unseren Erwartungen, die jedoch zu diesem Zeitpunkt nur an dieser einzigen Stelle erfüllt wurden.

Dornburger Schlösser, Saaletal, März 1990

Eine Woche später wählte die DDR die Volkskammer. Klarer Sieger war die sog. „Allianz für Deutschland“ [!], bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU, der CSU-nahen DSU und dem Demokratischen Aufbruch (DA) des Stasi-Spitzels Schnur. (Heute schlagen wir uns mit einer AfD herum, die von alten Stasi-Leuten und neuen russischen Agenten durchsetzt ist?) Damit war die Sache gelaufen und die Zeit der DDR abgelaufen. Diese Wahl mit einer Wahlbeteiligung von 93,4 % habe gegolten „als Plebiszit für Artikel 23 Grundgesetz (Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes)“ (Kowalczuk). Wir für uns dachten und sagten: etwas vorschnell. Aber das interessierte niemand. So fuhren wir wieder heim in unser Gelobtes Land, den Kopf voller Fragen und Zweifel, aber auch tief berührt.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker bei der Stasiunterlagenbehörde, plädiert dafür, dass wir uns endlich eine neue, gesamtdeutsche Verfassung geben, inkl. überarbeiteter Symbole für diesen Staat, weg vom Raubtier Adler vielleicht, eine neue Hymne jedenfalls. Sollte man darüber nachdenken. Dann müssen alle an den Tisch, die mitreden wollen oder meinen, etwas beizutragen zu haben. Und die Entscheidung zur Annahme könnte womöglich ein Plebiszit sein? Ein quasi ideales und aussagekräftiges Votum zur Annahme läge wohl so zwischen 67 und 80 %, bei ähnlich hoher Wahlbeteiligung. Damit könnte man Weichen stellen und vielleicht manchen Auswuchs austrocknen. Was aber, wenn dieser zweite „Runde Tisch“ mit einem ähnlich klaren, aber eigentlich von den Initiatoren unerwünschten Ergebnis endet, wie der erste? Denn die Sieger der Volkskammerwahl waren eigentlich die, die gar nicht oder nur widerwillig am Runden Tisch teilnahmen und nebenher ihr eigenes Süppchen kochten oder alten Seilschaften frönten.

Nachtrag 18.03.2020: Der Freitag macht sich wieder einmal verdient, in dem er auch in Zeiten der Corona-Krise die langen Linien im Auge behält. In der aktuellen Ausgabe veröffentlicht er, anlässlich des heutigen Jubiläums der Volkskammerwahl, einen Text von Christa Luft, die unter der Modrow-Regierung 1989/90 Wirtschaftsministerin der DDR war. Sie fasst die Situation in diesen Tagen bündig und stimmig zusammen. Aus ihrer Perspektive verständlicherweise mit bitterem Unterton. Deshalb sollte auch nicht verschwiegen werden, dass sie selbst Teil des Systems war, das den Zusammenbruch der DDR heraufbeschworen hat und ihre Einsichten zu spät kamen. Dass dem (womöglich einsichtigen) Strauchelnden vom eigenen Volk ein Bein gestellt wurde und er auch von den Umstehenden nicht aufgefangen wurde, das ist die Tragik dieser Geschichte. Es war einfach zu spät.

„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“ —

Gespräch der sehr engagierten Schülerzeitung Sidekick des Adam-Kraft-Gymnasiums in Schwabach mit Markus Plenk, Landtagsabgeordneter ehemals der AfD, jetzt parteilos. Lesenswert.

In einem Flur nahe des Plenarsaales des Bayerischen Landtages haben wir Markus Plenk getroffen. Der heute parteilose ehemalige Fraktionsvorsitzende der AfD sprach mit uns über seine Tätigkeit als Landwirt, seinen Entschluss in die AfD einzutreten, seine Gründe für den Austritt, den Umwelt- und Artenschutz und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Dieses ganze Interview erscheint hier jetzt […]

„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“ —

Rat vom Waldgänger

Indem man versucht, sich schlechthin gefährlicher zu machen als der Gefürchtete, führt man die Lösung nicht herbei. Das ist das klassische Verhältnis zwischen Roten und Weißen, zwischen Roten und Roten und morgen vielleicht zwischen Weißen und Farbigen.

(Ernst Jünger)

Ernst Jünger (1895 – 1998) gehört definitiv zu den Stichwortgebern der Neuen Rechten. Würde er noch leben, ließe er aber vermutlich kein gutes Haar an Kubitschek und seinen Kameraden, die ihn als Mentor vereinnahmen wollen. Sie zelebrieren Jüngers soldatischen Einzelkämpferethos auf ganz oberflächlicher Ebene, ohne sich um Jüngers tiefere Einsichten zu scheren. Und diesen Satz von Jünger werden sie ganz bestimmt nicht teilen, denn ihr Geschäft ist ja eben genau das Herbeiführen der Konfrontation, dieses „klassischen Verhältnisses“. Im weiteren Text plädiert Jünger dann für Dialog als Mittel, um den Gordischen Knoten zu durchschlagen. Dialog ist ein Fremdwort für Faschisten.

Das Zitat stammt aus Jüngers Essay „Der Waldgang“ von 1951. Der passt durchaus ins Lynx-Universum, auch wenn es sehr viel Reibungsfläche gibt. Jünger spricht dort von Saumpfaden und so. Die hat Lynx längst im Blick.

Das Armleuchter-Modell

Eine einleuchtendere Alternative zum Hufeisen-Modell?

Mit dem allmählichen Erwachen aus dem Erkältungsdämmerschlaf rumpelt es wieder im Kopf herum. Dabei ist ein Begriff aufgestiegen aus dem Dunkel meiner Assoziationen, der sich inzwischen festgebissen hat. Etliche Politiker bemühen sich ja gerade, die politische Verfasstheit unserer Gesellschaft mit dem sog. Hufeisen-Modell zu illustrieren: die meisten Wähler und politischen Parteien sammeln sich in der Mitte, mit zwei Extremen links und rechts, ähnlich der Sitzordnung im Parlament. Sehr umstritten. Blickt man zweidimensional auf das Hufeisen sind die Extremisten oben: wieso gerade oben? Und unten hängt der Wohlstandsbauch herum? Schwachsinn.

Mein Gegenvorschlag: das Armleuchter-Modell. Um der Antisemitismus-Keule aus dem Weg zu gehen, ich würde die altehrwürdige siebenarmige Menora verunglimpfen, habe ich zur Illustration ein Modell des Designers Tom Dixon gewählt, das in jeder Hinsicht vom kultischen Leuchter der Juden abweicht, die uralte Tradition des vielarmigen Leuchters modern umsetzt und auch viel treffender ein wunderbares Bild für die politische Struktur einer pluralistischen Gesellschaft liefert. Das Bild des Armleuchters ist doch viel „einleuchtender“, auch etwas dynamischer und ausdruckstärker. Und natürlich doppeldeutig, wie es dem Politikbetrieb geziemt:

Bild 1, so wie die politische Rechte resp. die Faschisten ihn sehen: der Armleuchters ist so beschaffen, dass sich ein „linker Mainstream“ abbildet. Aus der Mitte heraus steigt er nach oben, nicht ohne Hindernisse. Kurze Absätze zwischen den Etagen mögen historische Abschnitte des Wegs abbilden, den die Mitte genommen hat. Und dann sind da diese weit nach rechts ausladenden Arme, tief unten ansetzend, mit ewig langem Anlauf, bis sie sich eine Kerze aufstecken können. Da werden die Rechten höhnisch anmerken: da seht ihr’s , ihr braucht uns, sonst würdet ihr das Gleichgewicht verlieren, umkippen, alles in Brand setzen, abbrennen.

Da kommt Bild 2 ins Spiel, der Armleuchter der pluralistischen Gesellschaft: die Arme des Leuchters sind beweglich. Die oberen Arme lassen sich weiter in die Mitte drehen. Die unteren Arme können nach links oder rechts weit ausladen. Das stellt auch wieder eine Balance her: die Extreme halten sich gewissermaßen in Schach. Man könnte sie aber auch einfach weglassen und der Leuchter bliebe immer noch stehen. Schöner Gedanke.

Derzeit wird der Armleuchter so bespielt, dass linke Idioten das Auto von AfD-Chrupalla abfackeln während rechte Idioten immer noch kein Verhältnis zum Hanau-Anschlag gefunden haben und darauf lauern, dass endlich neue Syrer ins Land kommen, auf denen man dann herumhacken kann.

Das Schöne am Armleuchter-Modell ist auch, dass man es schmücken und dekorieren kann, mit den schönsten Stilblüten der Protagonisten, den wirrsten Ideen und ärgsten Entgleisungen von politischen „Armleuchtern“ aller Art. Bleibt zu hoffen, dass es an den kurzen Armen im mittleren Bereich nicht so viel zu hängen gibt. Und die Last bei den Extremen so groß wird, dass sie sich biegen mögen oder brechen? More to come.


Bildnachweis: Opumo.com, Tom Dixon Spin Candelabra

Warmes Bier

Mit Hausmitteln ist das ja so eine Sache. Aber warmes Bier bei Erkältungen ist ein Lifehack, der durchaus Beachtung verdient. Der Freitag hat mich daran erinnert. Dass ältere Klosterschwestern mit einem angewärmten Bier ihren Einzug ins Land der Träume ebnen, war mir bekannt, selber ausprobiert hatte ich es aber noch nie. Also warum nicht jetzt, geplagt von einer schmerzhaften Rachenentzündung und ewigem Hustenreiz? Es sind die ätherischen Öle und Bitterstoffe aus dem Hopfen, die schlaffördernd aber auch antibakteriell wirken, es soll aber nicht wärmer als 40° sein, damit die ätherischen Inhaltsstoffe nicht verdampfen. Der Alkoholgehalt ist freilich grundsätzlich kontraproduktiv, also vielleicht nicht gerade Starkbier verwenden.

Meine Erfahrung: es macht schläfrig. Besonders hilfreich fand ich, dass es mehr als jedes andere bisherige Mittel für Schleimbildung im Rachenraum gesorgt hat, es hat regelrecht „nachgeschäumt“ und damit den Rachen dauerhaft feucht gehalten. Ob sich das reproduzieren lässt? Für mich jedenfalls nicht die schlechteste Art, Augustiner Hell einzunehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich von Jakob Augstein und seinen Leuten noch etwas lernen könnte.

Gaia.Inc. at Work

Warum der Coronavirus die richtige Antwort auf das Anthropozän ist, wir deshalb aber trotzdem nichts daraus lernen werden.

Mir ist etwas fiebrig zumute, vielleicht bin ich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte (war ich das je?) Jedenfalls begreife ich die Hysterie rund um Covid-19 nicht recht – oder tendiere dazu, sie in einem anderen „Licht“ zu sehen. Man muss kein Anhänger der Gaia-Theorie sein oder eine finstere Anti-Trump-Verschwörung am Werke sehen: der Rückgriff auf die ganz banale Evolutionstheorie ist doch ein völlig hinreichendes Erkärungsmodell, für das, was sich gerade ereignet.

Haben wir nicht erst kürzlich das Anthropozän ausgerufen? Manche habe das wohl als kritischen Weckruf verstanden. Andere dachten sich: wird doch endlich Zeit, der Natur zu zeigen, wer der Herr ist. Wir machen die Welt, ein Organismus namens Homo sapiens. Mit dem Klima haben wir schon mal angefangen, auch geologische Spuren gibt es schon zuhauf. In der Biologie sind wir schon lange tätig und sortieren fein säuberlich. Was stört muss weg. Je weniger Arten, desto besser unser Überblick über das alles, die Fülle bleibt verwirrend genug. Unser Agieren hat jedenfalls zweifellos dazu geführt, dass wir die absolut dominante Spezies sind, ein Erfolgsmodell, das Neider und Profiteure anzieht, natürlicherweise.

Denn da kommt die Evolution ins Spiel. Die hat unseren Weg zur Spitze schon immer begleitet mit allen möglichen Querulanten, die uns stoppen wollten. Nahezu alle haben wir ausgemerzt oder zumindest gezähmt. Die, die uns immer noch zusetzen können, hausen wenigstens weit weg von Trumpistan und seinen Vasallenstaaten. – Wir haben die Evolutionstheorie zwar entwickelt, aber bislang nur teilweise verstanden? Mir erscheint es logisch, dass da irgendwo in den Tiefen der Wälder heimliche Virenlabore existieren, die permanent biologische Waffen gegen die Gattung Homo entwickeln. Die allermeisten davon erweisen sich als nutzlos oder einfach harmlos. Doch gelegentlich landen die Entwickler von, nennen wir sie „Gaia.Inc.“, einen ordentlichen Treffer, sie haben auch lange genug daran herumgetüftelt. Ihr neuer Coronavirus „Covid-19“ ist wirklich raffiniert konstruiert: wie es scheint, reproduziert er sich im Rachenraum von Homo in Windeseile und wird von dort weiterverbreitet, noch bevor der befallene Organismus Symptome zeigt. Und die Zahl schwerer bis letaler Infektionsverläufe ist auch nicht so hoch, dass der Virus sich in kurzer Zeit seine Lebensgrundlage selber raubt. Das macht ihn wahrhaft überlegen.

Dass so etwas irgendwann passieren würde, ist uns aus der Evolutionstheorie schon klar, denn Natur entwickelt sich nun mal. Wir wollen aber nicht sehen, dass Natur sich gerne einmal dahin entwickelt, wo es etwas zu holen gibt, wo fette Nahrungsgründe und optimale Reproduktionsraten winken. So viele Menschen: ein Schlaraffenland für Parasiten und Viren.

Leider werden wir wieder die falschen Schlüsse daraus ziehen und als Konsequenz aus der möglichen Pandemie die Natur noch übersichtlicher zurechtstutzen, im naiven Glauben, damit die geheimen Labore ausmerzen zu können. Zum Geo-Engineering im globalen Maßstab wird sich das Bio-Engineering gesellen, die Grundlagen dafür sind ja längst gelegt. Wir sind aber nicht Herr im Haus. Gaia.Inc. hat alle Schlüssel in der Hand. Sollten es uns gelingen, diesen Laden dicht zu machen, haben wir selber fertig, im gleichen Augenblick. Das Anthropozän ist keine erfreuliche Perspektive. Aber vernünftige Co-Living-Ansätze sind nicht erkennbar, erst recht nicht in hysterischen Zeiten.

Soll ich mich jetzt mit meinem Virus anfreunden? Ich lasse ihm und mir Zeit. Ich stärke mich, rede meinem Immunsystem gut zu und füttere es (gerne auch mal mit Dreck). Irgendwann zieht der Virus weiter und hat sich, hoffentlich, als Naturfreund benommen: take only pictures, leave only footprints.

Aufmunterung

„Denn wenn das Glück es so fügt: daß ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muß) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemäß der Idee des Völkerrecht zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.“

(Immanuel Kant. Zum ewigen Frieden. 1795)

Ganz kann ich es doch nicht lassen, mit Rechten zu reden. Einen Blumentopf kann man da nicht gewinnen, aber hin und wieder gelingt es in diesen „Gesprächen“ doch freizulegen, wessen Geistes Kind sie sind. Oder genauer: wessen Geistes Kind sie nicht sind. Wer kommt bei ihnen nicht vor, um wen machen sie einen Bogen bei ihren meist wortreichen Begründungen für einen neuen Faschismus? Kant gehört jedenfalls definitiv nicht zu ihren Heroen. Verständlich: hat er doch dem Faschismus alle Argumente entzogen, bevor der überhaupt in die Welt kam.

Ich muss gestehen, von seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ hatte ich schon gehört, wahrscheinlich zuletzt im Schulunterricht? Dass aber das Leitmotiv für die EU aus seiner Feder stammt, war mir so nicht mehr bewusst. Was für eine schöne Aufmunterung für den heutigen Tag! Und glasklare Orientierung, um was es auch künftig gehen muss.

Blöde Blauäugigkeit

Es sei die Lebenslüge des Bürgertums, dass die Weimarer Republik durch den „Zangengriff“ der Radikalen zugrunde gegangen sei, in Wirklichkeit habe der „Extremismus der ‚demokratischen Mitte‘ und der Verrat des Bürgertums die Nazis stark gemacht„, sagt Claus Leggewie heute in der Süddeutschen (SZ Nr. 36/2020, S. 15). Er warnt zwar davor, allzusehr auf Parallelen zu den frühen 1930er Jahren herumzureiten, aber die blöde Blauäugigkeit [sic!] mit der in Thüringen agiert wurde, lässt einfach jeden erschauern, der einigermaßen in Geschichte zugehört hat. Weiter sagt er:

Die AfD hat in Thüringen gezeigt, was sie im Schilde führt: die parlamentarische Demokratie entgleisen zu lassen und sie gewissermaßen sturmreif zu schießen für eine neue Art von Volksdemokratie. Die AfD-Kader planen den Anschlag auf die Demokratie […], sie pflegen einen paranoiden Politikstil, und die Grenzen zum Terror sind dabei fließend.

Gauland hat heute, bei der aktuellen Stunde zum Thema im Bundestag, wieder Zeugnis davon abgelegt, dass ihn Geschichte nicht interessiert, sonst hätte er die Gelegenheit genutzt, sich öffentlich von seinem Sprecher-Kollegen im Europaparlament zu distanzieren, nachdem Paul Ziemiak ihm dafür eine Steilvorlage gegeben hatte. Legt die AfD nicht ständig Wert darauf, als Bewahrer des Judentums in Deutschland gesehen zu werden? Gauland plappert von (s)einer angeblich demokratischen Partei, agiert aber, in Anlehnung an Höcke, als Faschist. Mit grobem Vorsatz – s. dazu auch Chaos, abgesagt?

2020.043 | Architektur-Wolpertinger

Nachtrag 26.03.2020: In der heutigen Ausgabe der SZ (Nr. 72/2020, R3) wird das grüne Gebäude, das man da im Hintergrund sieht, besprochen. Es handele sich dabei um mutige und selbstbewusste Architektur. Die Architekten sagen, sie wollten anecken, „es anders machen“. Wichtig war ihnen besonders der „große Abschluss“ mit dem hohen oberen Geschoß und den großen Bogenfenstern. – Da fängt die Verlogenheit an: das ist nur Show. Hinter der großzügig auftrumpfenden Kathedralen-Geste verbergen sich zwei Geschoße, denn sonst hätte das den Investor Profit gekostet. Es handelt sich einfach um banale Investoren-Architektur.

Noch krasser ist allerdings der offenbar beschränkte Blickwinkel der Architekten: sie denken nur bis Oberkante Dachtraufe, dort endet für sie die Fassade. Was ihnen die mitplanenden Gebäudetechniker aufs Dach setzen, hat sie offenbar nicht interessiert oder es gab keinerlei Koordination in dieser Frage. Architekten mit eingeschränktem Berufsverständnis.

Das Ergebnis: ein Architektur-Wolpertinger mit einer OP-Kittel-grünen, überambitionierten Fassade, der von Installationen der Gebäudetechnik wie befallen erscheint, eklig-warzige Wucherungen. Darum dürfen offizielle Fotos dieses „Werks“ auch nur aus einem bestimmten Blickwinkel aufgenommen werden, sonst wird der ganze Fake offenbar. Ein wirklich würdeloser Tiefpunkt aktueller Münchner Architektur. Dies „anecken“ zu nennen, ist der Versuch, ein Versagen in einen Erfolg umzudeuten.

Trennungsschmerz

nach Personalentscheidungen ist nichts, was man der CDU nachsagen könnte. Umso ausgeprägter ist der Trennungsschmerz, wenn es um ein überkommenes Weltbild der Nachkriegszeit geht. So groß, dass weite Teile der Partei sich weigern, in der Gegenwart anzukommen. Fast mutet es nun an, als habe das Intermezzo AKK nie stattgefunden und mein Beitrag von vor über einem Jahr zum Thema Friedrich Merz ist sozusagen immer noch taufrisch. Weiterlesen „Trennungsschmerz“

Chaos, abgesagt?

Herr Lindner, hinter welchem Mond haben Sie in letzter Zeit abgehangen? Sie haben sich „in der AfD getäuscht, die nur zum Schein einen Kandidaten aufgestellt“ habe. – Ist das nicht putzig? Willkommen in der Wirklichkeit! Hatten Sie angenommen, die AfD sei an einer konstruktiven Politik interessiert, wolle einen Beitrag leisten zur Stärkung unserer Demokratie, zur Stabilisierung oder Befriedung der Gesellschaft? Darf man vom Bundesvorsitzenden einer Partei mit derart hohen Ansprüchen nicht etwas mehr Vorbildung erwarten?

Lynx ist nicht halb so gebildet, aber liest immer neugierig. Gestern habe ich darauf hingewiesen, wie Hannah Arendt die Rolle des Mobs bei der Installierung totalitärer Systeme analysiert hat. Der Mob ist das willige Personal, das Chaos jedoch ist das Mittel, dessen man sich bedient, um eine herrschende Ordnung zu untergraben und ins Wanken zu bringen. Weiterlesen „Chaos, abgesagt?“