Seelenverkäufer

Der Hundekrawattenmann war von der Sezession nach Schnellroda eingeladen und hat einen Vortrag über Populismus gehalten, es gibt bei YouTube ein Video davon. Eine dreiviertel Stunde lang, mit vorhersehbarem Ergebnis: Wir werden von einer Globalisten-Elite geführt, die den Untergang des Abendlands herbeiführen will! Der Himmel wird über uns einstürzen! (Sorry, das war eine andere Geschichte, dazu später noch eine Anmerkung)

Schnellroda heißt, Gauland war zu Gast auf dem „Rittergut“ von Götz Kubitschek (der von sich sagt, er sei gottfroh, den Westen auch geistig hinter sich gelassen zu haben). Im Hintergrund sieht man das düstere Mittelalter in Form von kieseligen Ecksteinen einer Wand, die merkwürdig glänzen, wie plastifiziert: Schutzlacküberzug, aus dem Baumarkt? Dass nichts bröckelt? Dazu noch Efeuranken, sehen auch nach Erdölprodukt aus. Eine Szenerie wie aus einem billigen B-Movie.

Mir kommt dabei in den Sinn, dass im frühen Mittelalter die Franken ihre Hauptkonkurrenten um die Macht in Deutschland, die Alemannen, erfolgreich unter anderem damit ausschalteten, dass sie ein strategisches Netz von Burgen und Herrensitzen (auch Rittergütern?) im alemannischen Herrschaftsbereich etablierten und allmählich die Kontrolle übernahmen. Es gab zwar 746 auch noch das „Blutgericht zu Cannstatt“, wo Franken den alemannischen Adel zuletzt mit Gewalt ausmerzten, alles Wesentliche der Landnahme war aber schon vorher passiert.

Jetzt gibt es da diese Politiker und Influencer aus Westdeutschland, die allesamt dort nichts werden konnten oder, nach ihrer Selbstwahrnehmung nicht genug, und sie ziehen jetzt in den Osten. Kubitscheks „Rittergut“ ist die steingewordene Idee, wie diese altdeutsche „Elite“ sich ihr Land „zurückholt“. Gauland, der alte Hesse, spielt willig mit. Auch der biedere hessische Geschichtslehrer Höcke hat nach Thüringen rüber gemacht, er residiert jetzt in Sichtweite zur imposanten Burg Hanstein, die an strategischer Stelle und weithin sichtbar auf der Landesgrenze über der Werra thront. (Am liebsten würde er natürlich auf Hanstein einziehen, aber da müsste ihm erst jemand die Renovierung der Ruine finanzieren.) Alice Weidel vom Bodensee organisiert die Finanziers aus der Schweiz und Beatrix von Storch gibt die Volkstribunin aus altem preußischem Adel, was ein Widerspruch in sich ist, das musste schon mancher volksnahe Adelige erfahren.

Und dann schwadroniert Gauland von „nationaler Arbeiterschaft“ und „ nationalem Bürgertum“: das seien diejenigen, denen „Heimat etwas bedeutet, weil sie dort ihr Haus haben…“, weil „dort ihre Familie lebt“, weil „dort die Kirche steht, in der sie getauft wurden“ usw. – Warum nur sind dann so viele AfD-Funktionäre und andere neu-rechte Demagogen von daheim weggegangen? Hätten sie doch etwas mehr Heimatverbundenheit an den Tag gelegt! Ach so – sie sind ja Missionare, Ausgesandte – oder Seelenverkäufer?

Wer fällt auf einen solchen faulen Zauber herein?

Hat Ostdeutschland so wenig Saft und Kraft, dass es sich dieser Seelenverkäufer nicht entledigen kann? Oder hält man es dort für eine gute und zukunftsweisende Idee, sich hinter plastifiziertes Pseudo-Natursteinmauerwerk zurückzuziehen und Mittelalter zu spielen? Ist doch klar, wer hier die Bauern sein sollen und wer die „Edelmänner“.

Ist den Ostdeutschen diese „Elite“ lieber, als die, die sie haben (denn irgendeine gibt es immer)?

Wollen sie lieber eine, die ihnen nach dem Mund redet und ihnen den Stuhl unter’m Hintern wegzieht (wie aktuell in Italien zu beobachten) – oder eine, die versucht, genug Stühle zu beschaffen und dabei manchmal das Reden und Überzeugen vergisst, leider (Oder sollten sie endlich eine eigene formen, aus ihren eigenen Reihen, damit Denken und Handeln homogener werden?)

Immerhin bekennt Gauland freimütig, dass er ein Populist ist (den er lediglich als Opponenten zum „Establishment“ definiert) und räumt gleichzeitig ein, dass die AfD „nicht das Volk repräsentiert“. Das kann man jetzt sophistisch ausdeuten oder einfach so sehen wie es ist: hier wird versucht, ein anderes Establishment zu schaffen. Man wolle, als Populisten, „nicht über die Köpfe des Volkes hinweg entscheiden“, man „habe auch keine Angst vor dem Volk“: das kann man getrost abwarten. Wie lange wird in Italien diese eingebildete Verbrüderung mit dem Volk, die immer nur darin besteht, ‘nen Euro zu geben und die Arbeit liegen zu lassen, noch überleben?

Gauland stopft sein Pfeifchen, läuft gegen Ende des länglichen Vortrags zur Hochform auf: „Der Populismus ist die letzte Verteidigungslinie unserer Art zu leben“ und der „Migrant ist das revolutionäre Subjekt der Globalisten“. Undsoweiterundsofort…

Es mag ein Angriff auf die geliebte Folklore aus Kindertagen sein: aber ist Gauland nicht ein Majestix (oder Obelix wegen der Hundekrawatte?), der, assistiert vom umtriebigen Asterix Kubitschek einfallsreich das „Römische Reich“ bekämpft? Das „Rittergut“ in Schnellroda als das letzte freie gallische resp. sächsische Dorf, die Stellung gehalten von einem Ober-Schwaben? Funktioniert als Folklore immer noch, schöne Anekdoten. Hat aber mit Politik und historischen Entwicklungen und Wahrheiten nichts zu tun, man weiß ja, wie die Geschichte ausgegangen ist. Meinetwegen dürfen sie im Hof vom Rittergut auch noch lange Wildschweine grillen, davon gibt es wahrlich genug. Komisch aber, dass es die Franzosen immer noch gibt. Obwohl sie sich ihr Land nie „zurückgeholt“ haben. Man sollte doch lieber darüber nachdenken, wie das funktioniert hat. Hmmm.

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Lynx dans son nique

Es tut Lynx nicht gut, sich mit den Faschisten zu beschäftigen. Das treibt nur seinen Puls hoch. Nachdem er die Sache mit Sichert festgehalten hatte, ist er noch ins Hamsterrad gegangen. Hatte er eh vor, aber jetzt hoffte er zusätzlich darauf, wieder runterzukommen von seinem Ast. Bluegrass, Cajun und TexMex sollten ihm dabei helfen, er hat diese unsägliche Neigung zu Musik aus rückständigen Regionen, wo die Rednecks, Hillbillies und Trump-Wähler hausen (doch dazu ein ander Mal mehr)…

Oh je. Die Trainingszeit war schon fast rum, da pendelte sich sein Puls zu einer warmherzigen Arhoolie-Allstar-Version des Lagerfeuer-Klassiker „Good Night, Irene“ mit Taj Mahal in tragender Rolle allmählich auf ein gesundes Niveau herunter – aber das Trainingsziel war noch weit. Also hat er sich noch eine Strafrunde auferlegt, durch die ihn das aus sentimentalen Gründen unvermeidliche „Take it easy“ der Eagles zuverlässig begleitet hat: Don’t let the sound of them old wheels drive you crazy. So ging sich das einigermaßen aus und er konnte vollends nach Hause laufen mit dem Cajun-Song „Lapin Dans Son Nique“ in den Ohren. Nochmal gut gegangen.

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Martin Sichert (AfD) drückt sich

Täuschen, tarnen, irreführen, wegducken – bevorzugte Praktiken der ach so aufrechten AfD. Ein aktuelles Beispiel liefert der Landesvorsitzende der AfD Bayern, Martin Sichert.

Schüler des Gräfelfinger Kurt-Huber-Gynmasiums (KHG) erarbeiten gerade in einem P-Seminar in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) eine Radiosendung zum Thema „Weiße Rose“. Die Thematik hat Tradition am KHG, war doch der namengebende Kurt Huber selbst bekennendes Mitglied der Weißen Rose und wohnte zuletzt in Gräfelfing, bis er vom NS-Regime hingerichtet wurde. In Projekten und Veranstaltungen hält das KHG das Gedenken an Huber fortlaufend wach und versucht bei den Schülern den kritischen Blick auf die Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart zu schärfen. In diesem Zusammenhang setzt sich das aktuelle P-Seminar auch mit der Frage nach einem Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD auseinander, der sich beispielsweise ausdrückt im Wahlplakat ‚Sophie Scholl würde AfD wählen’, das die AfD in Nürnberg 2017 publiziert hatte. Zur Fragestellung eines möglichen politischen Missbrauchs wurden verschiedene Politiker, Intellektuelle und der Sohn von Kurt Huber vom P-Seminar befragt. Weil die AfD direkt angesprochen war, hat man, in Absprache mit dem BR, entschieden, auch die AfD mit diesem Vorwurf zu konfrontieren. Zur Aufklärung dieser Frage wurde Martin Sichert zu einem Gespräch in die Schule eingeladen.

Ergebnis: Martin Sicher postet nun in den sozialen Medien, z.B. auf Facebook, er habe einen „spannenden Termin“ bei Schülern des KHG gehabt. Sie hätten mit ihm über die Weiße Rose sprechen wollen, „Menschen aus dem Bürgertum“, „die in einer Zeit, in der fast alle Mitläufer des Systems waren, Ereignisse kritisch hinterfragt haben und den Mut hatten, ihre Kritik auch öffentlich zu äußern.“ Insofern seien sie für ihn ein persönliches Vorbild. (Facebook Eintrag von Sichert am 25.01.2019)

Hört sich doch nett und harmlos an, oder nicht? Allerdings vergisst Sichert in seiner ausführlichen Beschreibung der Weißen Rose einen Hinweis darauf, um welche Zeit es sich gehandelt hat. Nationalsozialismus ist bei der AfD offenbar ein Tabu-Wort oder Sichert kann es einfach nicht aussprechen, zu eklig. Ein Vogelschiss-Wort: weg damit. Wichtiger sind ihm Worte wie „Mitläufer des Systems“ (das sind wir) und Mut zu öffentlicher Kritik (den hat nach seiner Lesart nur die AfD).

Und was erfährt man gar nicht? Die Antwort auf die Frage der Schüler: Gibt es einen Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD? –  Kein Wort dazu. Oder doch? Ist nicht die Art, wie er über den Termin berichtet, ein weiterer Beleg dafür, wie die AfD (und die anderen Faschisten) alles für ihre Zwecke instrumentalisieren, jeden Finger den man ihnen reicht, jedes Stöckchen, das sie erhaschen können? Auch das Gedenken an die Weiße Rose. Insofern hat Sichert mit seinen zurechtgestutzten „Fake News“ indirekt und unbewusst doch die Antwort gegeben und den Beleg erbracht. Es ist nun an den Schülern, das fein säuberlich zu exegieren. Viel Erfolg dabei!

Weil Sicherts Tritt ins Fettnäpfchen nicht so leicht zu erkennen ist, hat das KHG dennoch eine sofortige Richtigstellung zu dem Termin veröffentlicht, wo es fettgedruckt heißt: Die Darstellung von Herrn Sichert auf Facebook und Twitter ist in diesem Zusammenhang irreführend, da es sich nicht um eine Diskussion zum Thema Weiße Rose handelte, sondern in erster Linie um seine Stellungnahme zum Vorwurf des Missbrauchs der Erinnerung an die Weiße Rose im Rahmen eines Interviews!

Tja, Sichert, Butter bei die Fische: wie haltet ihr es denn nun mit dem Gedenken an Nationalsozialismus, Judenvernichtung und Widerstand, heute, am Holocaust-Gedenktag? Hat sich mit Frau Knobloch schon etwas Neues ergeben, außer dass ihr immer noch mehr Schmutz versucht über sie auszukippen? (Kein Facebook-Eintrag heute von Sichert)

Lynx, der alte Indianer sagt: ihr sprecht mit gespaltener Zunge.

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AfD in Bayern zieht blank

Im Bayerischen Landtag fand heute eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt, bei der, neben anderen Holocaust-Überlebenden und Naziopfern, auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eine Rede hielt. In der griff sie die AfD direkt und scharf an:

„Heute und hier ist eine Partei vertreten, die diese Werte [der freiheitlichen Demokratie, Anm. Lynx] verächtlich macht, die die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlost und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu unterhält […] Diese sogenannte Alternative für Deutschland gründet ihre Politik auf Hass und Ausgrenzung und steht – nicht nur für mich – nicht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung.“

Darauf verließen die meisten AfD-Abgeordneten das Plenum, nur vier blieben zurück und muteten sich zu, was  Knobloch, selbst eine Überlebende des Naziterrors, ihnen zu sagen hatte. Respekt vor diesen vieren – doch der Rest? Die Vogelschiss-Partei hat, einmal mehr, die Maske fallen lassen. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – oder doch?

Etliche der rechten Agitatoren und erklärten AfD-Sympathisanten, die vornehmlich von ihrem Islam-Hass getrieben sind, machen ja immer einen auf Verbrüderung mit Israel und den Juden, geben sich gar als Juden-Beschützer aus. Der Blogger und Aktivist David Berger tut sich da immer besonders hervor und ist entsprechend aufgeschreckt. In einer prompten Reaktion wirft der ewige Ministrant Berger, der Zeitzeugin Knobloch „schamlosen Missbrauch“ der Gedenkveranstaltung vor und wiederholt die auf seinem Blog verbreitete Unterstellung, Knobloch würde „immer wieder durch beleidigende, Nationalsozialismus und Holocaust bagatellisierende Aussagen“ auffallen.

Welche Veranlassung sollte sie haben, ihr persönliches Leid, das ihrer Familie und ihres Volkes zu bagatellisieren?

Wie kommt so ein windiger Prediger wie Berger dazu, so etwas zu unterstellen?

Er tut ja gerade so, als würde Knobloch justitiabel agieren – möchten Berger und seine Gesinnungsgenossen jetzt offizielle Vertreter der jüdischen Gemeinde vor Gericht zerren, um den Juden ihre Sicht auf ihre eigene Geschichte zu verbieten? Oder will er einfach nur behaupten, die Faschisten wüssten besser, wie man Holocaust zu interpretieren hat? Nämlich als Vogelschiss in der langen deutschen Geschichte? Oder kann mir einer erklären, wie sonst ein Schuh draus wird?

Quelle: Süddeutsche Zeitung 23.01.19 – Dort auch ein Video der einschlägigen Passage.

60 Kilometer

Matera ist europäische Kulturhauptstadt 2019. Lynx verdankt der Tagesschau den Hinweis, dass sie 60 km vom nächsten Flughafen entfernt ist. Und dennoch seit Jahren steigende Touristenzahlen verbucht. Das sei erstaunlich. Was mögen das wohl für Leute sein, die sich so etwas antun? Oder gibt es da schon Flugtaxis, mag man sich in der Tagesschau-Redaktion wohl fragen. So hörte sich das an.

Lynx freut sich schon auf die Flugtaxis. Das überlässt ihm einen 60-km-Korridor, zur freien Bewegung. Oder mehr. Wege und Straßen im Hinterland. Streifraum, Backcountry Roads, Byways. Früher gab es in den USA dazu spezielle Karten, später Websites. Alles im Verschwinden begriffen, trotz Trump. Es zählen, auch für Seinesgleichen, nur noch Hauptstädte. Und was man mit dem Flugtaxi erreichen kann. Das ergibt eine Menge Grauzonen, von hellgrau bis dunkelgrau. Sehr viele Grauschattierungen. Und schmale Pfade zwischen Disteln und Wegwarten.

Anfang der 1950er Jahre ließ die italienische Regierung die historischen Höhlenwohnungen von Matera räumen, aus sanitären Gründen. Die Leute lebten dort teilweise noch wie im Frühmittelalter. Und waren viel zu Fuß unterwegs. Als sie weg waren, dauerte es noch ein paar Jahre, dann wurde das Kulturerbe wiederentdeckt, saniert, geschützt, gelabelt, musealisiert. Bald mit dem Flugtaxi erreichbar. Wie auch das Kanzleramt in Berlin, das einen todchicen und abgehobenen Hubschrauberlandeplatz erhalten soll. Was es auf den Fußwegen zwischen Airport und Taxistand wohl alles zu sehen, hören, riechen gibt?

Kornblumenlese

Vor einem Jahr hat Lynx beanstandet, dass Poggenburg bei den blauen Kobolden der AfD nicht recht greifbar ist und ihn als Schleimer bezeichnet. Das hat der damals nicht auf sich sitzen lassen, zwei Monate später gab er dann den eingebildeten Türkenbezwinger, damit war es vorbei mit der Parteikarriere. Seitdem hat er offenbar gebrütet, wie er seiner Heldenbestimmung neuen Rückenwind verleihen könnte. Und war ausgerechnet beim Kornblumenpflücken. So einfach scheint das noch zu sein: nimm die Rezepte, die schon vor 120 Jahren falsch waren (und letztlich in zwei Kriegskatastrophen geführt haben), versammle ältere Männer um dich und ab mit der Marie? Das „intransigente Justamentnicht“ soll beim „Asyl deutscher Patrioten“ (AdP) jetzt zur Parteidoktrin erhoben werden. Die Kornblume ist das Emblem, „soziale, nationale, solidarische Heimatpartei“ die Selbstzuschreibung. Deutlicher kann man sich mit der NPD nicht gemein machen, beim Verfassungsschutz wird er sich damit keine Freunde machen. Auch zum wölfischen Wesen als Markenkern hat er sich bei seinem Auftritt im „Heidekrug“ bekannt: er und seine Kameraden werden sich den Erfolg, der ihnen zusteht, holen, sagte er da. Ganz das Raubtier. Und seit wann steht einem Erfolg einfach so zu – ist Erfolg eine Art bedingungsloses Grundeinkommen bei Faschisten?

Da muss sich Höcke bald entscheiden: „heute lautet die Frage Schaf oder Wolf. Und ich, liebe Freunde, meine hier, wir entscheiden uns in dieser Frage: Wolf.“, sagte er beim Kyffhäusertreffen 2018 in schlechtester Goebbels-Manier. Wie lange der Wolf es in der AfD noch aushält, wo man doch jetzt eher dazu neigt, zu den Schafen zu gehören, weil das verlässlicheres Futter sprich Diäten und sonstige staatliche Zuwendungen, z.B. für Parteistiftungen, abwirft? Aber Schafsein und Faschistsein, das schließt sich doch einfach aus, oder nicht? Erfreulich aber, dass Höcke jetzt zwischen allen Stühlen sitzt, weil Poggenburg schneller war…

Eine große Genugtuung für Lynx aber ist, dass Faschisten alle keine Ahnung von Ökologie haben. Die Kornblume als Ackerunkraut ist ja ganz hübsch. Und dem Laien, der in der freien Feldflur lustwandelt, kann sie anzeigen, wo Biolandwirte wirtschaften, wo auf Herbizideinsatz verzichtet wird. Wunderbar farbige Einsprengsel, erst recht zusammen mit rotem Klatschmohn – hach. Doch was wäre, wenn wir eine Kornblumen-Monokultur hätten? Ich fürchte, dann würden wir alle verhungern, denn von deren Samen wird man einfach nicht satt. Also betrachten wir Korn-und Mohnblumen weiterhin als Merkmale von funktionierender Biodiversität. Auch Männer jenseits der 50 brauchen ihr Biotop, genauso wie Instagram-Influencer*innen von zarten 17 Jahren. Je differenzierter ein Ökosystem ist, je größer seine Biodiversität, desto besser ist es gegen Schicksalsschläge oder sonstige Unbilden gewappnet. Monokulturen, egal welcher Couleur, sind auf Dauer sehr anfällig. Ach ja, und Wölfe verhungern, wenn es keine Schafe mehr gibt. Auch das so eine Sache: es muss immer mehr Schafe als Wölfe geben, damit die Ökologie der Wölfe funktioniert. Einfach mal drüber nachdenken die Herren!

(Oder impliziert das, dass es in der Demokratie nie eine Wolfsherrschaft geben kann? Und weil es, aus Faschistensicht die Wolfsherrschaft doch unbedingt braucht, muss folglich… – q.e.d.)

Movement and Location

Mit diesem Song eröffneten die Punch Brothers die Konzerte ihrer letztjährigen Tour durch die Staaten: Movement and Location. Steckt da nicht alles drin, was unsere Zeit aktuell bewegt? Die einen wollen gerne bleiben, müssen aber gehen. Die anderen wollen sich bewegen und ernten dafür Hass, Ablehnung, Widerstand, Verachtung… Die anderen wollen verharren, stillstehen und reden dabei von „Aufbruch“ oder „Aufstehen“. Die einen wollen demnächst einen neuen Elysée-Vertrag unterzeichnen und die Kontur einer erweiterten Heimat ein wenig stärker zeichnen. Die anderen irren in diesem Raum herum und wissen nicht, wo sie hier eine Heimat finden können. Wieder andere sagen, Schnellroda ist Heimat genug, weil wir sind ja schon hier und das reicht. Um das zu verdeutlichen gründen wir jetzt eine neue Partei, „Asyl für Patrioten – Mitteldeutschland“. Oder so ähnlich. Verwirrend.

Muss ich etwas zu den Punch Brothers sagen? Falls nicht bekannt: Jenseits von Coldplay, Radiohead und Bluegrass gibt es etwas, wo die Sounds von gestern und heute eingeschmolzen werden und in ungehörter Klarheit wieder aus dieser Schmelze gezogen werden von fünf Musikern und ihren rein akkustischen Instrumenten. Best of America. Ja, es kommen noch immer wunderbare Dinge aus den USA. Lynx ist bekanntlich so ein merkwürdiger Americana-Liebhaber und wenn er Seelennahrung braucht, konsultiert er die Punch Brothers. Oder, wenn es traditioneller sein darf, schaut er bei Arhoolie Records vorbei, dem legendären Label, das echte Graswurzelarbeit geleistet hat. Zum 50. Geburtstag 2013 gab es ein großes Konzert und das Album dazu (They all played for us) bringt das Roots-Amerika zu Gehör, das wir (und mehr als 50 % der Amerikaner) sich wünschen, in allen Sprachen und Rhythmen, die dieses Land in sich vereint, immer noch und noch lange.

Die südwestlichen Regionen der USA sind seit Anbeginn der europäischen Kolonisation umstritten und die Mexikaner mussten da im Lauf der Zeit große Gebietsansprüche an die USA abtreten. Das nagt noch immer an den Gemütern und die Fröhlichkeit der TexMex-Musik, verbindendes Element der Kulturen, täuscht etwas darüber hinweg. „The Free Mexican Airforce“ ist ein Klassiker dieses Genres und angesichts des tumben Auftritts von Trump an der texanischen Grenze in diesen Tagen, wünscht man sich, dass sie aufsteigt: Not even the President knows the full truth of what’s going on. Zapatas Geist lebt in einem Raumschiff fort und die kleinen grünen Männchen, sie kommen…

Movement and Location. Das ewige Hin und Her. Heute hier, morgen dort. Tradition ist statisch – Heimat ist dynamisch, habe ich heute gelesen. Sagte ein Landschaftsplaner 1950. Waren einerseits ganz andere Umstände, andererseits…

Die Punch Brothers beschlossen ihr Konzert übrigens mit „Familiarity“: Again you nod your head and take my hand/Though i’m not sure where we’ll go (amen)…

Zündler

Neulich meinte ich ja, die Rechten würden ihr Denken und ihre Absichten verschleiern, bewusst unklar reden, damit man ihrer nicht habhaft werden kann. Stimmt so nicht ganz. Manchmal muss man sich mühsam durch den Schwulst ihrer Schreibe arbeiten, bis man dann an die Stellen vordringt, wo es aus ihnen herausbricht. Beispielhaft, weil höchst aktuell: Götz Kubitscheks Rückblick auf 2018, ein Blogbeitrag in der Sezession vom 01.01.2019 (Hervorhebungen Lynx):

[…]viele Gespräche mit AfD-Politkern, mit den Protagonisten von örtlichen und überregionalen Protestbewegungen, mit bewährten und möglichen Autoren, mit Wissenschaftlern, die sich um die neue AfD-Stiftung zu sammeln beginnen, mit Verleger-Kollegen, mit Blog-Betreibern, mit Intellektuellen aus den anderen Lagern[…] Unsere Leitfragen sind in solchen Gesprächen stets dieselben: Ist der Ernstfall (also der Verteidigungsfall der eigenen Kultur) in Deutschland ausgeschlossen? Wenn nicht: Wann, wenn nicht jetzt, wäre eine resolute und konsequente Reaktion angemessen? Und zuletzt: Wie kann es gelingen, die für einen „Aufstand für das Eigene“ notwendige Energie zu wecken und zu bündeln? […]
Darf ich die Gespräche zusammenfassen? Wir suchten nach einer Antwort, fanden aber keine. Die Begriffsfindungspräzision, die Erklärungsschärfe, das Auffindungsnetz – unser Milieu (im weitesten Sinne) hat alles, kann alles, weiß alles, um Kampagnen gegen die Schwätzer, Lügner, Lückner und Deppen der Gegenseite zu fahren; aber hat es einen Entwurf von effektivem, entschlossenem, aufräumendem Regierungshandeln, eine Vorstellung vom Härtegrad des Durchgriffs?

Nahezu zeitgleich mit der Freischaltung von Kubitscheks Beitrag hat in Bottrop und Essen ein Mercedesfahrer versucht, Ausländer totzufahren. Nach dem, was bisher von der Polizei zu hören ist, seine Interpretation einer resoluten und konsequenten Reaktion. Ob die Polizei im Zuge der Ermittlungen seine Browser-Chronik durchforstet? Die Beiträge der Sezession sind regelmäßig durchsetzt mit solchen Aufforderungen zur Selbstermächtigung. Dort sitzen die Zündler (unter anderem). Auch in Amberg ist das jetzt zu beobachten, nachdem dort vor  Silvester junge männliche und sehr besoffene Asylbewerber unkontrolliert um sich geschlagen haben, was zu einigen Verletzten geführt hat. Angeblich patrouillieren dort jetzt „Bürgerwehren“. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man behauptet, ihre Rechtfertigung sei der Verteidigungsfall der eigenen Kultur.

Nicht nur, dass Kubitschek hier klar und deutlich redet, nein, er belegt auch die These, dass es ihm und Seinesgleichen darum geht, das Primat des Rechts durch das Primat der Politik zu ersetzen – mithin: gegen die Verfassung zu agieren, die verfassungsmäßig geschützten Freiheitsrechte jedes einzelnen Bürgers auszuhebeln und durch ein aufräumendes Regierungshandeln zu ersetzen. Oder in einem Aufstand das Gewaltmonopol des Staates zu attackieren. Freilich werden sie jetzt einwenden, es ginge nur um einen „Aufstand“ an der Wahlurne, dort werde man sich die rechtliche Legitimation abholen. Ändert aber nichts: so lange die AfD und die Neue Rechte die Schutzrechte der Verfassung nicht akzeptieren und sie durch das Recht des Stärkeren oder der politischen Mehrheit zu ersetzen suchen, mithin das Primat der Politik über das Recht durchsetzen wollen, so lange wenden sie sich gegen das Grundgesetz. Hier darf man, als unbescholtener Bürger und Verfassungspatriot, eine resolute Reaktion des Staates erwarten.