AfD stören

Die AfD stört und pöbelt auf Wahlkampfveranstaltungen herum, tut so, als sei unflätiges Benehmen eine Bürgertugend. Andererseits: bei AfD-Kundgebungen und sonstigen rechten Zusammenkünften wird in aller Regel versucht, die Veranstaltung mit gellenden „Nazis-raus“-Rufen zu übertönen. Ist das die richtige Strategie?

Warum gibt es bei Propagandaveranstaltungen der Neonazis, Faschisten und sonstigen Neuen Rechten zum Beispiel nicht spontane Standkonzerte der Blasmusik? Böhmische Märsche und Polkas gegen den braunen Mist! Man muss ihnen das wegnehmen, was sie als „deutsch“ für sich beanspruchen.

Das Kuckucksei und der Landjunker

Allmählich zeigt die AfD ihr wahres Gesicht und das sollten sich die Leute, die sie bislang für die Partei des kleinen Mannes gehalten haben, für die Stimme der „Abgehängten“ womöglich, doch ganz genau anschauen.

Beim Parteitag am Wochenende hat man als Spitzenteam für die Bundestagswahl 2017 einen alternden preußischen Möchtegern-Landjunker (Gauland) und eine Unternehmensberaterin vom Bodensee (Weidel) gekürt, jemand der international Firmen in der Globalisierung berät und in der Komfortzone lebt. Herzlichen Glückwunsch!

Ist Weidel nun ein Kuckucksei oder das wahre, jüngere Gesicht der AfD, die politische Tochter Gaulands sozusagen? Weiterlesen „Das Kuckucksei und der Landjunker“

Misstonhalle

Gestern hat die Tedeschi Trucks Band in der Münchner Tonhalle ihre diesjährige Europa-Tournee eröffnet. Vorschusslorbeeren für die Band, die als eine der aktuell besten Livebands gilt, gab es genug. TTB bewahren und kultivieren den Schatz der Musik, die entlang des Mississippi und seines Einzugsbereichs entstanden ist: Gospel, Blues, Jazz, Soul, Funk, bis hin zu Folk- und Country-Anleihen, alles mischt sich hier zu einem süffigen Gebräu, häufig druckvoll-treibend vorgetragen, dann wieder in die Sümpfe Floridas verebbend bis zur nächsten mächtigen Soundwelle. So schön könnte es sein.

In der Tonhalle bleibt davon nur schriller Ton. Tedeschis warmrauhe Stimme scheppert blechern. Die Drummer wummern. Die Bläser ein einziger Brei. Allenfalls Derek Trucks Gitarre und das Keyboard von Kofi Burbridge sind als Instrumente wahrnehmbar. Die Tontechnik ist offenbar komplett überfordert von so viel Power auf der Bühne, ist nicht in der Lage, das auszusteuern und als Wohlklang zu transportieren. Auf vereinzelte Kritik in der Pause reagiert man mit ein bisschen Soundcheck, danach sind die Bläser deutlich zurückgenommen, was aber nichts hilft, weil Susan Tedeschi dann leider noch blecherner tönt, da kann sie selber noch so sehr dagegen ankämpfen. Schade. Traurig. Erkenntniswert? Auch für nur mittelmäßig audiophile Menschen ist die Tonhalle No-Go-Area.

Selbst verschuldete Unmündigkeit und das Ende der freien Gesellschaften

Wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass wir im 500. Jahr der Reformation Gelegenheit bekommen, uns die Haltung von Martin Luther den Autoritäten von Staat und Kirche gegenüber so zu vergegenwärtigen?
Und dass wir uns 200 Jahre nach Kant seiner berühmten Frage „Was ist Aufklärung“ von 1783 wieder so entschieden zuwenden müssen?

Wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass wir im 500. Jahr der Reformation Gelegenheit bekommen, uns die Haltung von Martin Luther den Autoritäten von Staat und Kirche gegenüber so zu vergegenwärtigen?
Und dass wir uns 200 Jahre nach Kant seiner berühmten Frage „Was ist Aufklärung“ von 1783 wieder so entschieden zuwenden müssen?

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Derzeit bekommt Lynx den Eindruck, dass die Menschen ihre Unmündigkeit wieder gezielt suchen. Ihre Mündigkeit freiwillig in der Wahlkabine abgeben. America first, die US-Amerikaner waren die Vorreiter. Demnächst folgen die Türken, dann womöglich die Franzosen. Die Niederländer nicht zu vergessen. Undsoweiter. Mit Ausnahme der Türken alles Länder, die einstmals zu den Vorreitern der Aufklärung gehörten, dort sind die modernen freien Gesellschaften entstanden. Jetzt geben die Leute ihre Errungenschaften quasi an der Garderobe wieder ab. Dafür fehlen einem die Worte.

Die USA küren allen Ernstes eine fundamentalistische Christin zur Bildungsministerin, die die Trennung von Staat und Kirche wieder aufheben und die Kirchen wieder überall hineinregieren lassen will. Und die Schulen als Firmen definiert, die um die Almosen, die ihnen wohltätige Spender oder künftig der Staat zukommen lassen, buhlen. Bei denen Bildungsinhalte aber ganz hintenan stehen und teilweise, um sich liebkind zu machen, aus der Mottenkiste kommen (Ablehnung der Evolutionstheorie zum Beispiel). Der Bildungsgrad an von ihr bisher geförderten Schulen hinkt erwiesenermaßen weit den öffentlichen Schulen hinterher. Es entsteht der Eindruck, dass es ihr und ihren Mitstreitern nur darum geht, dumme, willfährige, (denk-)faule Konsumenten heranwachsen zu lassen, die zu nichts anderem gut sind, als das Warenangebot ihres und anderer Konzerne möglichst umfassend nachzufragen. Oder weiter gedacht und zugespitzt formuliert: die Erziehung von Klonkriegern. Für ausreichend Junkfood, Fernsehen, Sportereignisse ist gesorgt, das Denken wird ihnen abgenommen, nur möglichst ekstatisch ereifern sollen sie sich gegen alle Feinde, die von den neuen Herren ausgerufen werden. Aufputschen und aufhetzen lassen sollen sie sich, um die freien Gesellschaften in den Abgrund zu stoßen – wenn es nach dem Willen von Steve Bannon und ähnlichen Finsterlingen geht.

Hat all das uns die Aufklärung eingebracht? Ist der Mensch einfach nicht geschaffen dafür, Mühen auf sich zu nehmen, selbständig zu denken, die Gesellschaft zu gestalten? Sind die Menschen erschöpft von all diesen Zumutungen der letzten 200 Jahre seit der Französischen Revolution und der Gründung der USA? Was kommt da auf uns zu?

Die Fuggerhäuser in Augsburg waren 1518, als Luther dort von Kardinal Cajetan in die inquisitorische Zange genommen wurde (sog. „väterliches Verhör“), gerade neu errichtet und sie sind bis heute ein Glanzbild im Augsburger Stadtbild. Luther ist entwischt und hat die Welt nachhaltig in die Zukunft gestoßen. Erinnern wir uns daran, immer wieder.

GRÖPAZ

Am 28. September hatte Trump erklärt, er werde der „greatest president for jobs that God ever created“ werden. Nach einigen Tagen im Amt zeichnet sich schon ab, dass wir den Zusatz „for jobs“ getrost streichen können, das war falsche Bescheidenheit. Nein – er ist der Größte Präsident aller Zeiten, darum wird Lynx ihn künftig nur noch GRÖPAZ nennen. Kann zwar sein, dass diese Präsidentschaft nicht lange dauern wird, wenn in der Grand Old Party ein Funken Überlebenswillen steckt. Dann war er es halt. Aber wer weiß. Vielleicht haben wir es ja bald schon mit Ermächtigungsgesetzen zu tun, weil das mit den Dekreten nicht zufriedenstellend funktioniert. Hail GRÖPAZ.

Breitenstein

Ein Lieblingsort, hart am Abgrund, aber mit sehr weitem Blick: der Breitenstein am Nordrand der Schwäbischen Alb. Im Dörfchen Ochsenwang nahebei war Eduard Mörike eine Zeit lang Pfarrverweser und hat hier einige seiner schönsten Gedichte geschrieben. Auch er hatte hier oben einen seiner Lieblingsplätze oder besuchte die benachbarte Burg Teck, der er eines seiner bekanntesten Gedichte gewidmet hat (Auf der Teck, 1830). Dort heißt es refrainartig:

Laß denn, o Herz, der Qual
Froh dich entbinden
Wirf sie ins tiefste Tal
Gib sie den Winden!

1830 war auch keine rundherum bequeme Zeit und auch er musste sich mitunter gehörig Luft verschaffen, heraus aus Bedrücktheit, Miefigkeit, Enge der Verhältnisse. Und die Weite in den Blick nehmen. Heute war dort oben schon etwas vom nahenden Winterende zu spüren, mildere Luft vom Atlantik her. Das blaue Band lässt der Frühling noch nicht flattern, aber bald, man ahnt es schon.

Martin Schulz?

Lynx hat es nicht so sehr mit der SPD. Als geborenem intellektuellen Einzelgänger sind die Genossen nicht recht sein Milieu. Aber erst recht ist ihm das Wolfsrudelhafte der AfD ein Dorn im Auge. Und alles was dienlich ist, dieses Wolfsrudel auseinanderzutreiben, verdient Unterstützung.

Mag sein, dass Lynx in seiner Einschätzung völlig daneben liegt, die bisherige Lektüre etlicher Zeitungskommentare deutet darauf hin. Dennoch sagt ihm sein Bauchgefühl, dass Schulz es richten kann. Es wäre ihm zuzutrauen, dass er zahlreiche an die AfD verlorene Schäflein zur SPD und damit in den nicht-destruktiven Teil der Gesellschaft zurückholt, weg vom Wolfsrudel.

Das werden wir nicht umsonst bekommen. Weiterlesen „Martin Schulz?“

America___

Trumps Präsidentschaft beginnt: „America first – always.“ Nachwievor irrationale, vielleicht besorgniserregende Töne.

Auf der Suche nach Trost einmal mehr bei NPR gelandet (wann erfolgt die Gleichschaltung?). Dort gibt es den R&B-Musikkanal ‘I’ll Take You There’ von Jason King aus New York. Als ich eingeschaltet habe, lief ein Song ‘Respect Yourself’. Und anschließend, in dieser Reihenfolge:

  • Roy Ayers, ‚Love Will Bring Us Back Together’
  • Fats Domino, ‚Don’t Blame It On Me’
  • Al Green, ‚Jesus Will Fix It‘
  • Loleatta Holloway, ‚Casanova‘
  • Cee Lo Green, ‚Closet Freak’
  • Lupe Fiasco and Guy Sebastian, ‚Battle Scars’

Man kann gar nicht genug kriegen. Hat da einer den Zufallsgenerator in seiner Playlist mal kurz ausgeschaltet und ein bisschen steuernd eingegriffen, zugeschnitten auf den heutigen Tag? Hallelujah!

Dieser sog. Präsident ist nichts als ein Verräter an seinem Volk. Er schwört bei der Heiligen Schrift und missachtet alle Grundsätze, die sein Religionsstifter, auf den er sich beruft, ihm mitgegeben hat. Er ist ein Heuchler und ein Judas. Aber die Amerikaner halten sich ja auch für das erwählte Volk, zumindest der Teil, der ihn gewählt hat.

Angela magna?

von Gilles San Martin from Namur, Belgium (Somatochlora alpestris) [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons
von Gilles San Martin from Namur, Belgium (Somatochlora alpestris) [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

„Großlibellen sind oft sehr geschickte und ausdauernde Flieger. Sie können beide Flügelpaare unabhängig voneinander bewegen, sehr schnelle Wendungen ausführen, teilweise sogar rückwärts fliegen.“ (Wikipedia ) – Tricks, Kniffe, große Kunst.

Immer wieder rätselhaft, wie aus einer märkischen Pfarrerstochter die Dompteurin Deutschlands und Europas werden konnte. Unwillkürlich drängen sich Vergleiche auf: eine unscheinbare Raupe, die sich, nach kurzer Verpuppung, in einen vielleicht nicht schönen aber beeindruckenden Schmetterling verwandelt. Weiterlesen „Angela magna?“

Springkraut-Anschlag

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Der Ausgang einer bayerischen Landtagswahl ist doch einigermaßen vorhersehbar. Also habe ich, als die Wahllokale zugesperrt haben, mir ein wenig die Beine vertreten in der Kleingartenanlage nebenan. Was einen dort erwartet, ist auch ziemlich vorhersehbar. Meistens. Ist ja alles klar geregelt.

Überraschung: da gibt es subversive Geister. Kultivieren invasive Neophyten und hängen sie als Blumenschmuck getarnt ans Gartentor. Vorne hin! Mein lieber Mann!

Tja, und dann musste ich doch wieder heimgehen, die Freunde Gottlieb und Schönenborn erwarteten mich ja schon sehnsüchtig. Dabei hatten sie doch gar nichts Neues zu berichten. Ich dagegen schon. Will aber keiner wissen.

Berlinbelichtung

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Es ist schon eine Weile her, so zu Beginn des Sommers, da hat die Süddeutsche Zeitung Lesern der Print-Ausgabe ein kleines visuelles Erlebnis ermöglicht, das es eben nur auf Papier gibt und das deshalb den Digitalkonsumenten vorenthalten blieb. Anzunehmen, dass dieser Layout-Geniestreich eher zufällig passiert ist und unbemerkt mit der Zeitung von gestern in der Tonne gelandet ist. – Nicht ganz unbemerkt, drum sei er hier festgehalten und ins digitale Zeitalter gerettet.

Ein launiger und auch drei Monate später noch hochaktueller Artikel von Kurt Kister zu den eher kuriosen Bemühungen von Peer Steinbrück im September Kanzler zu werden ( gegen die „kanzleringewordene Größtseifenblase“), wurde auf Seite 13 mit einem Bild der Reichstagskuppel von Regina Schmeken illustriert. Auf der Rückseite der Berliner Politik ging es dann um Kunst. Ein Gespräch mit dem kalifornischen Land-Art Künstler und „Lichtmagier“ James Turrell anlässlich seines 70. Geburtstages. Dazu ein Bild von Florian Holzherr von Turrells Installation „Breathing Light“ 2013 in Los Angeles.

Blättert man die Zeitung um und lässt am Frühstückstisch kurz das Morgenlicht durch das Papier scheinen, dann werden beide Bilder perfekt ineinander geblendet, mit überraschender Verfremdung, der man nun weiter nachsinnen kann.

Die Paarung der beiden Artikelüberschriften hilft dabei weiter und ergibt zwangsläufig den Titel des Bildpaares: Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich.

Passt doch zur bevorstehenden Bundestagswahl: wo verorten wir uns da und was hat das mit unserer Wahrnehmung zu tun oder damit, wie wir wahrgenommen werden?

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 130/2013, S. 13/14

Performativer Einklang

Von „performativem Widerspruch“ spricht man, wenn Wissen, Einsicht und Handeln nicht so recht zusammen passen. Beispielsweise menschenverachtende Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne zu verurteilen und Apple-Geräte zu kaufen. Oder die zunehmende Gewaltbereitschaft einer Gesellschaft zu beklagen und an jeder Straßenecke Schnellfeuerwaffen frei zu verkaufen.

Von den Hintergründen des Anschlags auf den Boston-Marathon weiß man noch nicht allzuviel und  man sollte deshalb vorläufig nicht groß herumspekulieren. Aber was man als Medienöffentlichkeit  mitgeteilt bekam, das ist hinreichend, um einigermaßen zu erschrecken: eine ganze Streitmacht wird aufgeboten, um einen angeschossenen Verdächtigen zu jagen und produziert dabei genau die Bilder, die einer braucht um sich zu motivieren, wenn er sich als Einzelkämpfer auf den Weg macht. Es wäre ja nicht wirklich überraschend, wenn herauskommt, dass auch die beiden jungen Tschetschenen Ego-Shooter-erfahren waren – wer ist das nicht in dieser Generation? Doch man gewinnt den Eindruck, dass auch die Sicherheitsbehörden sich und ihre Leute mit derartigen Computersimulationen trainieren und motivieren. Und sie erliegen womöglich der gleichen Verführung: die virtuellen Räume und Bilder in die Wirklichkeit zu übertragen (in diesem Fall sogar staatlich legitimiert). Man könnte da also von einem „performativen Einklang“ von Täter und Jäger sprechen, in dem sie beide im gleich bebilderten Projektionsraum unterwegs sind. Weiterlesen „Performativer Einklang“