AfD wählen zementiert die ungeliebten Verhältnisse

…auch derjenige, der sich vielleicht nur aus Protest gegen diese vermeintliche Erstarrung der Verhältnisse für die AfD entscheidet, müsste eigentlich wissen, dass er damit genau das zementiert, was eine kräftige Wurzel der aktuellen Misere ist: die GroKo mit ihrer Nivellierung der Mitte, an deren Rändern Unmut wächst.

Besser kann man das nicht auf den Punkt bringen und man wünscht diesem Artikel maximale Verbreitung: Andreas Borcholte: Nichts ist entschieden, Spiegel-Online 23.09.2017

Andreas Borcholte fasst sehr gut zusammen, warum es gerade für die Unzufriedenen allemal mal besser ist, eine der anderen Parteien, egal welche, und nicht die AfD zu wählen: nur so werden die Chancen erhöht, dass Bewegung in das politische Geschehen kommt. Eine Wahl der AfD dagegen verfestigt das, was die Leute unzufrieden macht, ist also nicht einmal als Protest wirklich wirksam. Der Frust wächst weiter. Also Mut beweisen, oder Einsicht.

 

Der Kuckuck ist geschlüpft

Schon im April wurde an dieser Stelle gerätselt, was es wohl mit dem bis dahin unbeschriebenen Blatt Alice Weidel auf sich haben mag. Als Kuckucksei kam sie mir vor, als etwas, was im Kern der AfD platziert wurde, um sich durch- und großfüttern zu lassen, als etwas, das dann die anderen aus dem Nest drängt und es, d.h. Programm, Posten, Macht, schließlich für sich reklamiert. Und siehe da: es war ein Kuckucksei und der Kuckuck ist geschlüpft.

Frau Weidel hat nun davon Abstand genommen, die bekanntgewordene Mail von ihr als Fälschung zu bezeichnen, nach intensiver juristischer Beratung offenbar. Einfacher ausgedrückt: Alice Weidel hat zugegeben, diese Mail geschrieben zu haben. Weiterlesen „Der Kuckuck ist geschlüpft“

Schulz ohne Wähler

In diesem Blog wurde schon sehr früh die Hoffnung geäußert, Martin Schulz könne helfen, die AfD einzuhegen und frustrierte Wähler aus dem Arbeitermilieu wieder für die SPD zurückgewinnen. Peifendeckel. Nach einem Zwischenhoch hat sich die Erosion bei der SPD verstärkt. Die Situation wurde falsch eingeschätzt.

Das traditionelle Wählermilieu der SPD existiert nicht mehr. Es hat sich in den Ruhestand und danach verabschiedet oder es ist aus seinem wohlgeordneten Leben mit Festanstellung gefallen. Einzig für die Rentner hat die SPD noch genug anzubieten, sonst für niemanden – so ist die Wahrnehmung. Das ist nicht zukunftsfähig. Weiterlesen „Schulz ohne Wähler“

Cindys Demokratiedefizit und der Preis der Freiheit

Gestern bei Markus Lanz, Ilka Bessin ist zu Gast, die ehemalige Cindy aus Marzahn. Dazu befragt, wie sie die aktuelle politische Stimmung vor der Bundestagswahl wahrnimmt, klagt sie darüber dass die Politik nicht richtig funktioniere. Sie verstehe nicht, warum Politiker nicht klare Ansagen machten: das haben wir vor, das machen wir morgen, das passiert übermorgen usw. Stattdessen wisse man einfach nicht, wo man dran sei.

Liebe Cindy: so ist Demokratie. Wir sind das Volk. Wir sind die Politik. Wir handeln jeden Tag neu aus, wie es weitergeht. Jeder darf mitmachen, auch du. Wir wollen keine autokratischen Herrscher, die uns erzählen, was gut für uns sei, deshalb passiert morgen das und übermorgen das usw. Das mag etwas unübersichtlich sein, aber das ist der Preis der Freiheit. Und darum ist die AfD gefährlich, weil sie uns dieser Freiheit berauben will.

Es war etwas verstörend zu sehen, wie die anderen Gäste und Lanz offenbar überrascht waren von so viel Naivität. Und nicht in der Lage waren, einzuhaken, nicht einmal Stefan Aust. Wäre der alte Dohnanyi da gesessen, wäre es vielleicht anders ausgegangen. So aber konnte sie mehrmals wiederholen, fast flehentlich darum bitten, dass man sie an die Hand nimmt und durch den Dschungel der Welt führt. Kein gutes Vorbild. Muss man sich nicht wundern, warum die Populisten so viel Zulauf haben.

AfD stören

Die AfD stört und pöbelt auf Wahlkampfveranstaltungen herum, tut so, als sei unflätiges Benehmen eine Bürgertugend. Andererseits: bei AfD-Kundgebungen und sonstigen rechten Zusammenkünften wird in aller Regel versucht, die Veranstaltung mit gellenden „Nazis-raus“-Rufen zu übertönen. Ist das die richtige Strategie?

Warum gibt es bei Propagandaveranstaltungen der Neonazis, Faschisten und sonstigen Neuen Rechten zum Beispiel nicht spontane Standkonzerte der Blasmusik? Böhmische Märsche und Polkas gegen den braunen Mist! Man muss ihnen das wegnehmen, was sie als „deutsch“ für sich beanspruchen.

Das Kuckucksei und der Landjunker

Allmählich zeigt die AfD ihr wahres Gesicht und das sollten sich die Leute, die sie bislang für die Partei des kleinen Mannes gehalten haben, für die Stimme der „Abgehängten“ womöglich, doch ganz genau anschauen.

Beim Parteitag am Wochenende hat man als Spitzenteam für die Bundestagswahl 2017 einen alternden preußischen Möchtegern-Landjunker (Gauland) und eine Unternehmensberaterin vom Bodensee (Weidel) gekürt, jemand der international Firmen in der Globalisierung berät und in der Komfortzone lebt. Herzlichen Glückwunsch!

Ist Weidel nun ein Kuckucksei oder das wahre, jüngere Gesicht der AfD, die politische Tochter Gaulands sozusagen? Weiterlesen „Das Kuckucksei und der Landjunker“

Misstonhalle

Gestern hat die Tedeschi Trucks Band in der Münchner Tonhalle ihre diesjährige Europa-Tournee eröffnet. Vorschusslorbeeren für die Band, die als eine der aktuell besten Livebands gilt, gab es genug. TTB bewahren und kultivieren den Schatz der Musik, die entlang des Mississippi und seines Einzugsbereichs entstanden ist: Gospel, Blues, Jazz, Soul, Funk, bis hin zu Folk- und Country-Anleihen, alles mischt sich hier zu einem süffigen Gebräu, häufig druckvoll-treibend vorgetragen, dann wieder in die Sümpfe Floridas verebbend bis zur nächsten mächtigen Soundwelle. So schön könnte es sein.

In der Tonhalle bleibt davon nur schriller Ton. Tedeschis warmrauhe Stimme scheppert blechern. Die Drummer wummern. Die Bläser ein einziger Brei. Allenfalls Derek Trucks Gitarre und das Keyboard von Kofi Burbridge sind als Instrumente wahrnehmbar. Die Tontechnik ist offenbar komplett überfordert von so viel Power auf der Bühne, ist nicht in der Lage, das auszusteuern und als Wohlklang zu transportieren. Auf vereinzelte Kritik in der Pause reagiert man mit ein bisschen Soundcheck, danach sind die Bläser deutlich zurückgenommen, was aber nichts hilft, weil Susan Tedeschi dann leider noch blecherner tönt, da kann sie selber noch so sehr dagegen ankämpfen. Schade. Traurig. Erkenntniswert? Auch für nur mittelmäßig audiophile Menschen ist die Tonhalle No-Go-Area.

Selbst verschuldete Unmündigkeit und das Ende der freien Gesellschaften

Wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass wir im 500. Jahr der Reformation Gelegenheit bekommen, uns die Haltung von Martin Luther den Autoritäten von Staat und Kirche gegenüber so zu vergegenwärtigen?
Und dass wir uns 200 Jahre nach Kant seiner berühmten Frage „Was ist Aufklärung“ von 1783 wieder so entschieden zuwenden müssen?

Wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass wir im 500. Jahr der Reformation Gelegenheit bekommen, uns die Haltung von Martin Luther den Autoritäten von Staat und Kirche gegenüber so zu vergegenwärtigen?
Und dass wir uns 200 Jahre nach Kant seiner berühmten Frage „Was ist Aufklärung“ von 1783 wieder so entschieden zuwenden müssen?

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Derzeit bekommt Lynx den Eindruck, dass die Menschen ihre Unmündigkeit wieder gezielt suchen. Ihre Mündigkeit freiwillig in der Wahlkabine abgeben. America first, die US-Amerikaner waren die Vorreiter. Demnächst folgen die Türken, dann womöglich die Franzosen. Die Niederländer nicht zu vergessen. Undsoweiter. Mit Ausnahme der Türken alles Länder, die einstmals zu den Vorreitern der Aufklärung gehörten, dort sind die modernen freien Gesellschaften entstanden. Jetzt geben die Leute ihre Errungenschaften quasi an der Garderobe wieder ab. Dafür fehlen einem die Worte.

Die USA küren allen Ernstes eine fundamentalistische Christin zur Bildungsministerin, die die Trennung von Staat und Kirche wieder aufheben und die Kirchen wieder überall hineinregieren lassen will. Und die Schulen als Firmen definiert, die um die Almosen, die ihnen wohltätige Spender oder künftig der Staat zukommen lassen, buhlen. Bei denen Bildungsinhalte aber ganz hintenan stehen und teilweise, um sich liebkind zu machen, aus der Mottenkiste kommen (Ablehnung der Evolutionstheorie zum Beispiel). Der Bildungsgrad an von ihr bisher geförderten Schulen hinkt erwiesenermaßen weit den öffentlichen Schulen hinterher. Es entsteht der Eindruck, dass es ihr und ihren Mitstreitern nur darum geht, dumme, willfährige, (denk-)faule Konsumenten heranwachsen zu lassen, die zu nichts anderem gut sind, als das Warenangebot ihres und anderer Konzerne möglichst umfassend nachzufragen. Oder weiter gedacht und zugespitzt formuliert: die Erziehung von Klonkriegern. Für ausreichend Junkfood, Fernsehen, Sportereignisse ist gesorgt, das Denken wird ihnen abgenommen, nur möglichst ekstatisch ereifern sollen sie sich gegen alle Feinde, die von den neuen Herren ausgerufen werden. Aufputschen und aufhetzen lassen sollen sie sich, um die freien Gesellschaften in den Abgrund zu stoßen – wenn es nach dem Willen von Steve Bannon und ähnlichen Finsterlingen geht.

Hat all das uns die Aufklärung eingebracht? Ist der Mensch einfach nicht geschaffen dafür, Mühen auf sich zu nehmen, selbständig zu denken, die Gesellschaft zu gestalten? Sind die Menschen erschöpft von all diesen Zumutungen der letzten 200 Jahre seit der Französischen Revolution und der Gründung der USA? Was kommt da auf uns zu?

Die Fuggerhäuser in Augsburg waren 1518, als Luther dort von Kardinal Cajetan in die inquisitorische Zange genommen wurde (sog. „väterliches Verhör“), gerade neu errichtet und sie sind bis heute ein Glanzbild im Augsburger Stadtbild. Luther ist entwischt und hat die Welt nachhaltig in die Zukunft gestoßen. Erinnern wir uns daran, immer wieder.