Martin Schulz?

Lynx hat es nicht so sehr mit der SPD. Als geborenem intellektuellen Einzelgänger sind die Genossen nicht recht sein Milieu. Aber erst recht ist ihm das Wolfsrudelhafte der AfD ein Dorn im Auge. Und alles was dienlich ist, dieses Wolfsrudel auseinanderzutreiben, verdient Unterstützung.

Mag sein, dass Lynx in seiner Einschätzung völlig daneben liegt, die bisherige Lektüre etlicher Zeitungskommentare deutet darauf hin. Dennoch sagt ihm sein Bauchgefühl, dass Schulz es richten kann. Es wäre ihm zuzutrauen, dass er zahlreiche an die AfD verlorene Schäflein zur SPD und damit in den nicht-destruktiven Teil der Gesellschaft zurückholt, weg vom Wolfsrudel.

Das werden wir nicht umsonst bekommen. Weiterlesen „Martin Schulz?“

America___

Trumps Präsidentschaft beginnt: „America first – always.“ Nachwievor irrationale, vielleicht besorgniserregende Töne.

Auf der Suche nach Trost einmal mehr bei NPR gelandet (wann erfolgt die Gleichschaltung?). Dort gibt es den R&B-Musikkanal ‘I’ll Take You There’ von Jason King aus New York. Als ich eingeschaltet habe, lief ein Song ‘Respect Yourself’. Und anschließend, in dieser Reihenfolge:

  • Roy Ayers, ‚Love Will Bring Us Back Together’
  • Fats Domino, ‚Don’t Blame It On Me’
  • Al Green, ‚Jesus Will Fix It‘
  • Loleatta Holloway, ‚Casanova‘
  • Cee Lo Green, ‚Closet Freak’
  • Lupe Fiasco and Guy Sebastian, ‚Battle Scars’

Man kann gar nicht genug kriegen. Hat da einer den Zufallsgenerator in seiner Playlist mal kurz ausgeschaltet und ein bisschen steuernd eingegriffen, zugeschnitten auf den heutigen Tag? Hallelujah!

Dieser sog. Präsident ist nichts als ein Verräter an seinem Volk. Er schwört bei der Heiligen Schrift und missachtet alle Grundsätze, die sein Religionsstifter, auf den er sich beruft, ihm mitgegeben hat. Er ist ein Heuchler und ein Judas. Aber die Amerikaner halten sich ja auch für das erwählte Volk, zumindest der Teil, der ihn gewählt hat.

Angela magna?

von Gilles San Martin from Namur, Belgium (Somatochlora alpestris) [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons
von Gilles San Martin from Namur, Belgium (Somatochlora alpestris) [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

„Großlibellen sind oft sehr geschickte und ausdauernde Flieger. Sie können beide Flügelpaare unabhängig voneinander bewegen, sehr schnelle Wendungen ausführen, teilweise sogar rückwärts fliegen.“ (Wikipedia ) – Tricks, Kniffe, große Kunst.

Immer wieder rätselhaft, wie aus einer märkischen Pfarrerstochter die Dompteurin Deutschlands und Europas werden konnte. Unwillkürlich drängen sich Vergleiche auf: eine unscheinbare Raupe, die sich, nach kurzer Verpuppung, in einen vielleicht nicht schönen aber beeindruckenden Schmetterling verwandelt. Weiterlesen „Angela magna?“

Springkraut-Anschlag

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Der Ausgang einer bayerischen Landtagswahl ist doch einigermaßen vorhersehbar. Also habe ich, als die Wahllokale zugesperrt haben, mir ein wenig die Beine vertreten in der Kleingartenanlage nebenan. Was einen dort erwartet, ist auch ziemlich vorhersehbar. Meistens. Ist ja alles klar geregelt.

Überraschung: da gibt es subversive Geister. Kultivieren invasive Neophyten und hängen sie als Blumenschmuck getarnt ans Gartentor. Vorne hin! Mein lieber Mann!

Tja, und dann musste ich doch wieder heimgehen, die Freunde Gottlieb und Schönenborn erwarteten mich ja schon sehnsüchtig. Dabei hatten sie doch gar nichts Neues zu berichten. Ich dagegen schon. Will aber keiner wissen.

Berlinbelichtung

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich

Es ist schon eine Weile her, so zu Beginn des Sommers, da hat die Süddeutsche Zeitung Lesern der Print-Ausgabe ein kleines visuelles Erlebnis ermöglicht, das es eben nur auf Papier gibt und das deshalb den Digitalkonsumenten vorenthalten blieb. Anzunehmen, dass dieser Layout-Geniestreich eher zufällig passiert ist und unbemerkt mit der Zeitung von gestern in der Tonne gelandet ist. – Nicht ganz unbemerkt, drum sei er hier festgehalten und ins digitale Zeitalter gerettet.

Ein launiger und auch drei Monate später noch hochaktueller Artikel von Kurt Kister zu den eher kuriosen Bemühungen von Peer Steinbrück im September Kanzler zu werden ( gegen die „kanzleringewordene Größtseifenblase“), wurde auf Seite 13 mit einem Bild der Reichstagskuppel von Regina Schmeken illustriert. Auf der Rückseite der Berliner Politik ging es dann um Kunst. Ein Gespräch mit dem kalifornischen Land-Art Künstler und „Lichtmagier“ James Turrell anlässlich seines 70. Geburtstages. Dazu ein Bild von Florian Holzherr von Turrells Installation „Breathing Light“ 2013 in Los Angeles.

Blättert man die Zeitung um und lässt am Frühstückstisch kurz das Morgenlicht durch das Papier scheinen, dann werden beide Bilder perfekt ineinander geblendet, mit überraschender Verfremdung, der man nun weiter nachsinnen kann.

Die Paarung der beiden Artikelüberschriften hilft dabei weiter und ergibt zwangsläufig den Titel des Bildpaares: Berlin, Käseglocke | Irgendwo im Nirgendwo, da bin ich.

Passt doch zur bevorstehenden Bundestagswahl: wo verorten wir uns da und was hat das mit unserer Wahrnehmung zu tun oder damit, wie wir wahrgenommen werden?

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 130/2013, S. 13/14

Performativer Einklang

Von „performativem Widerspruch“ spricht man, wenn Wissen, Einsicht und Handeln nicht so recht zusammen passen. Beispielsweise menschenverachtende Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne zu verurteilen und Apple-Geräte zu kaufen. Oder die zunehmende Gewaltbereitschaft einer Gesellschaft zu beklagen und an jeder Straßenecke Schnellfeuerwaffen frei zu verkaufen.

Von den Hintergründen des Anschlags auf den Boston-Marathon weiß man noch nicht allzuviel und  man sollte deshalb vorläufig nicht groß herumspekulieren. Aber was man als Medienöffentlichkeit  mitgeteilt bekam, das ist hinreichend, um einigermaßen zu erschrecken: eine ganze Streitmacht wird aufgeboten, um einen angeschossenen Verdächtigen zu jagen und produziert dabei genau die Bilder, die einer braucht um sich zu motivieren, wenn er sich als Einzelkämpfer auf den Weg macht. Es wäre ja nicht wirklich überraschend, wenn herauskommt, dass auch die beiden jungen Tschetschenen Ego-Shooter-erfahren waren – wer ist das nicht in dieser Generation? Doch man gewinnt den Eindruck, dass auch die Sicherheitsbehörden sich und ihre Leute mit derartigen Computersimulationen trainieren und motivieren. Und sie erliegen womöglich der gleichen Verführung: die virtuellen Räume und Bilder in die Wirklichkeit zu übertragen (in diesem Fall sogar staatlich legitimiert). Man könnte da also von einem „performativen Einklang“ von Täter und Jäger sprechen, in dem sie beide im gleich bebilderten Projektionsraum unterwegs sind. Weiterlesen „Performativer Einklang“

Leichter Schwindel

Lapidarium Stadtmuseum München
Lapidarium Stadtmuseum München

Gang durch die Stadt, Sprühregen, leicht angewärmte Luft endlich, fast schon dampfig. In der Gasse beim Lapidarium hinterm Stadtmuseum, wo Reststücke des originalen Siegestors lagern und sanft vermoosen, alle sonstige Aufregung verdämmernd. Leichter Schwindel, Wahrnehmungsstörungen, dem Münchner Frühling entgegentaumelnd.

Bürgerstadt 2.1

Machtpolitische Erwägungen haben vor rund 1000 Jahren dazu geführt, dass Bamberg als Bistum eingerichtet wurde, in der Folge zahlreiche Kirchen und Klöster gegründet und umfangreiche kirchliche Pfründe und Privilegien zugesprochen wurden. Erst später entwickelte sich die bürgerliche Stadt der Handwerker und Kaufleute. Diese weltliche Gemeinschaft musste von Anfang an und mit der Zeit immer mehr um ihre Rechte ringen und bekam von der Kirche meist nur das Notwendigste zugestanden. Dass die Bürgerstadt sich überhaupt entwickeln konnte, war sicher auch der ökonomischen Tätigkeit der Klöster zu verdanken, im frühen Mittelalter waren sie wesentliche Impulsgeber bei der Entwicklung neuer Technologien und auch von  Bewirtschaftungsmethoden in Landwirtschaft und Gartenbau.

In Bamberg hielten die kirchlichen Grundeigentümer stur an ihren (vom König übertragenen) Privilegien fest und weigerten sich fortwährend, sich an den Kosten für das öffentliche Gemeinwesen und die Herstellung und den Betrieb der öffentlichen Infrastruktur zu beteiligen. Der Streit gipfelte 1435 im sog. „Muntäterkrieg“, bei dem sich die kirchliche Seite mit Wahrung ihrer Privilegien durchsetzte (1). Die Bürgerschaft zog ihre Konsequenzen und reagierte auf dreierlei Weise: Weiterlesen „Bürgerstadt 2.1“

Frühlingszögern

Fernando Botero: Liegende Frau mit Frucht. Bamberg, Heumarkt
Fernando Botero: Liegende Frau mit Frucht. Bamberg, Heumarkt, (c) lynxblox 03/2013

Die Dame ist eine echte Naturistin und trotzt allen Jahreszeiten. Immer wieder neuer Schnee verfängt sich in diesem endlos scheinenden Spätwinter unter ihrer bloßen Brust. Sie zittert nicht. Fängt ihr Körper nur ein paar Sonnenstrahlen ein, ist ihre bronzene Haut bald trocken und warm. Der Schnee weicht, greift noch einmal nach ihr, sie fröstelt einen Augenblick und lässt den Schnee dann zerfließen, achtlos, den Blick hin zum Sommer gerichtet.

Wilderness Road

Historische Siedlung "Martin's Station" an der Wilderness Road bei Cumberland Gap
Historische Siedlung „Martin’s Station“ an der Wilderness Road bei Cumberland Gap/Virginia, (c) Lynxblox 8/2007

Der letzte Mohikaner von J.F. Cooper ist in einer neuen und erstmals vollständigen deutschen Übersetzung erschienen, 187 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1826. Über 650 Seiten. Was wird es da alles zu entdecken geben. Werden doch, so kurios es erscheint, die eigenen Wurzeln berührt. Der Eintritt in die Welt des Lesens war zugleich der Ausblick auf weite, unerforschte Landschaften. Ein hartgesottener und zugleich sensibler Kundschafter an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis war der treue Begleiter. Nathaniel Bumpoo sein Name, nur für schlichtere Gemüter war er einfach der „Lederstrumpf“.

Früh regte sich das Interesse, wer dahinter stecken könnte und ob es einen konkreten historischen Bezug gab. Als häufigstes Vorbild für die Romanfigur Coopers wird Daniel Boone genannt, zu dem es vielerlei Bezüge gibt, doch auch andere Figuren der Fronteer-Zeit sind eingeflossen. Daniel Boone, der Erschließer Kentuckys. der „Trailblazer“, der die „Wilderness Road“ schlug, den Pfad durch die Appalachen, durch die Kerbe der Berge bei Cumberland Gap. Die Lücke, die Öffnung für den Weg der Siedler nach Westen bis hin zum Missouri, Ende des 18. Jahrhunderts.

Kentucky wurde als ein Garten Eden wahrgenommen, eine landschaftsparkartige Gegend, hügelig, nicht zu dichter Wald im teils verkarsteten Gelände, äußerst wildreich. Thomas Steinfeld schreibt in seiner Buchbesprechung, dass die amerikanische Landschaft als „das gelobte Land, eine ganz und gar ursprüngliche, paradiesische Gegend, in der sich wahrhaft freie, an der Natur gebildete und daher weise Menschen bewegen.“(1) Und dass genau dieser überhöhte, mit sozusagen vermessenden Abstand genommene Blick auf die Landschaft ihre Inbesitznahme, Kultivierung, ja auch Zerstörung einleitet. Der Kundschafter Bumpoo/Boone lebt ein (idealisiertes) freies Leben an der Grenze zur Wildnis, zum Offenen, und leitet damit zugleich ihr Ende als Zone der Freiheit ein, in dem er den Weg ebnet für die Siedler, die Holzfäller, die Goldgräber, die Geschäftemacher, die ganzen Dumpfbacken, die sich nehmen, was sie nur kriegen können. (Wie verhält sich das heute mit unseren „Pionieren“ im Alpinismus beispielsweise?)

Bereist man heute die Wilderness Road, dann wird einem die im Rückblick rein funktionale Rolle der Kundschafter schnell klar: es ist immer noch eine eher abseitige, dünn besiedelte Gegend im „Dreiländereck“ von Virginia, Kentucky und Tennessee. Mittelgebirgslandschaft, weitab von den Metropolen diesseits und jenseits von Cumberland Gap. Die Leute sind durchgezogen, an der Wende zum 19. Jh. zu Zigtausenden. Haben den Mittleren Westen und dann den Westen erschlossen. Haben Omaha und Las Vegas gegründet.
Hier ist Appalachia, das Land von Bluegrass, Siedlerromantik und Daniel Boone, wo Amerika, wenn es das Bedürfnis hat, sich mental stärkt, bevor es wieder zum Tagesgeschäft übergeht – oder seinem verlorenen Traum nachtrauert.

Quelle:(1) Thomas Steinfeld. Die Vertreibung aus dem amerikanischen Paradies. SZ Nr. 58 v. 9./10.3.2013, S. 19

Mit Marc Aurel am Whirlpool

Kunstlederwhirlpool
Kunstlederwhirlpool: „dank seiner fortschrittlichen Technik Entspannung und Spaß auf Knopfdruck“, (c) Lynxblox 03/2013

In Berlin müssen sie schon wieder frieren, aber hier ist so ein voll kitschiger Vorfrühlingstag, es ist sonnig und mild, der warme Südwind weht. Der Tag, um den Nachmittag im Straßencafé zuzubringen, nur noch mit den Augen flanierend. Oder eine erste Fahrradrunde zum See zu drehen. In der noch winterfeuchten Wiese liegen und lesen.

Vor einer Weile habe ich mir so einen E-Book-Reader gekauft, ein schlichtes Teil ganz ohne Schnickschnack, Touchscreen und Wlan. Nur zum Lesen. Dafür passt, wenn man will, eine ganz Bibliothek der Weltliteratur drauf, auf ein Gerät mit der Fläche von eineinhalb Reclambändchen „Peer Gynt“ beispielsweise und auch nicht dicker. Und vor ein paar Tagen gab’s noch ein Solarladegerät dazu, halb so groß wie eine Zigarettenschachtel. Damit lässt sich der Reader beladen und der Hosentaschencomputer, mit dem man auch telefonieren kann. Jetzt kann ich also tagelang, wochenlang am See liegen und lesen, wie wär’s mit Marc Aurel, oder durch die Berge wandern und mich nicht mehr verlaufen. Schade nur dass das Solargerät noch keine Photosynthese betreiben und rasch ein paar Tomaten oder Trauben wachsen lassen kann, für den kleinen Hunger zwischendurch.

Lege beiseite, was dich zerstreut, die Bücher und alles, was hier zu nichts führt; des Fleischlichen achte gering wie einer, der bald sterben muß! (1)

Mein Chef schickt mich heute boshafterweise auf die Haus- und Gartenmesse. In stickigen Messehallen gibt es viel älteres Publikum, das sich mäßig für Solardächer und Pelletheizungen interessiert, dafür umso mehr für die Schaumetzgerküche mit angeschlossenem Wurstladen, wo es ganz echte Wurst zu kaufen gibt wie nirgendwo sonst. Außerdem gibt es Infrarotsaunakabinen, Aluminiumgartengitterzäune, Natursteinmülltonnenhäuser, Balkongeländergrills und viele weitere echt brauchbare Sachen. Ganz am Ende der Verwertungskette steht der Komposter aus Recyclingkunststoff. Weiterlesen „Mit Marc Aurel am Whirlpool“