Schnellroda droht (und heult rum)

Welche Reaktion auf den Mordanschlag in Halle durfte man von der Klitsche in Schnellroda, die sich „Sezession“ nennt und die Meinungsführerschaft bei der Neuen Rechten beansprucht (und ein Spielbein in Halle hat), erwarten? Dass sich Kubitscheks „Denker“-Stammtisch äußern musste, war klar. Aber so – plump (doch wie auch anders)?

Kubitschek selbst hält sich wieder vornehm zurück (seine liebste Attitüde) und schickt seine Nummer zwei vor. Martin Lichtmesz wird von der Gemeinde als Vor“denker“ verehrt, welches Manna hält er für die nach Ausflucht und Rechtfertigung hungernden Seelen bereit? Eine Predigt (und eine Selbstoffenbarung) in 5 Stichpunkten und einer Rechtfertigung, mit der er sich (unbedacht?) mit dem Täter identifiziert:

1. Der Einzelkämpfer: wir sind so allein allein.
2. Das Opfer: keiner hat uns lieb.
3. Die Verschwörung: die anderen missbrauchen uns, weil sie uns ausgrenzen wollen.
4. Die Opfer: sind wir, weil wir ausgegrenzt werden (nicht die, die uns zum Opfer fallen.)
5. Die Drohung: wenn ihr uns nicht liebhabt, geben wir keine Ruhe.
Rechtfertigung: ihr seid schuld.

Der Reihe nach, ein wenig unter die Lupe genommen (ermüdend, weil die Argumentation der Rechten dem ewiggleichen Schema folgt):

1. Der Einzelkämpfer: L. ordnet den Attentäter einer Einzelkämpfer-Tradition der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung zu. Leute, die sich berauschen an der Inszenierung als Real-World-Ego-Shooter. Das sei eine Subkultur der „einsamen Wölfe“ mit eigenen Regeln und eigener Dynamik.

2. Das Opfer: Der Killer ist ein „frustradikalisierter Incel„, dem es letztlich wurscht ist, wer oder was ihm vor die Flinte läuft, der nur wild um sich ballert, denn: „Offenbar war B. auch ein Scheidungskind, das bei seiner Mutter lebte.“ Will heißen?

[Man kann das bis hierher von Lichtmesz Ausgebreitete nehmen als eine Aufzählung von Indizien und Überlegungen, wie sie auch an anderer Stelle in den Medien vorgenommen wird. Das ist fast schon Konsens. Und im speziellen Fall soll das natürlich entlastend wirken: da seht ihr’s, der wirre Einzeltäter aus desolaten Verhältnissen, von schlechten Ratgebern und Influencern umgeben, deshalb wirr im Kopf, nach Anerkennung und Auszeichnung gierend. Oder auch: die Personenbeschreibung für eine Idealbesetzung als Instrument und Frontkämpfer? Wir brauchen dich! Bei uns findest du Erwähnung und Würdigung! – Denn: Lichtmesz scheut sich nicht, O-Töne aus dem Video des Killers wiederzugeben und damit seine Plattform zu vergößern. Seht her: bei uns kriegt jeder Wirrkopf seine Werbefläche.
Diesen Move braucht Lichtmesz für seinen dritten Punkt, denn nun wird es frech, womöglich gefährlich:]

3. Die Verschwörung: Sein erster Gedanke zum Anschlag von Halle sei gewesen, dass es sich um eine „False-Flag“-Aktion des „Deep State“ gehandelt habe, denn die wäre eigentlich überfällig so kurz vor den Landtagswahlen in Thüringen. „Um den im Juli hemmungslos aufgebauschten „Mordfall Lübcke“ [sei es ] ziemlich still geworden. Es war wieder neues Heizmaterial nötig.“ – An dieser Stelle tritt die Arbeitsweise von Schnellroda glasklar zutage: Es wird schon eingeräumt, dass es ein wohl rechtsextremistisch motivierter Anschlag war, aber es sei halt nicht ausgeschlossen, dass es „Anstoßer“ gab (sic: vom „Deep State“ meint er, nicht aus Schnellroda). Der Hauptaspekt sei, dass der Alarmierungszustand der Gesellschaft, was die Gefahr von rechts angeht, aufrecht erhalten werde, damit sei der Attentäter ein „nützlicher Idiot“ der „herrschenden Klasse„.
Kurz gesagt: Der Anschlag ist eigentlich eine Propagandaaktion zur „Materialisierung“ des „Nazi-Gespensts„. So erklärt er das seiner Gemeinde. Und lässt damit das von ihm persönlich verbreitete Gerücht, das Ganze könne eben doch ein „Fake“ gewesen sein, ungerührt im Raum stehen. Alle Trigger sind wohlplatziert gesetzt. So geht Zündeln.

4. Die Opfer: Denn jetzt geht es um das Einschwören der Gemeinde auf das was ansteht. Das „etablierte Narrativ“ von der bösen Rechten, die „Gleichsetzungsdelirien“ von Killer, Kubitschek, Höcke, AfD würden wie üblich bemüht „wie das Amen im Gebet„. Dagegen sei kein Kraut gewachsen: wir armen unschuldigen Opfer.

5. Die Drohung: das Establishment sei es jetzt zufrieden, dass nun der klare Nachweis erbracht worden sei, dass der tödliche Antisemitismus von rechts komme. Man könne nun getrost weiter „vertuschen“ und „verharmlosen„, dass er „vorwiegend mit der ohne Zweifel wachsenden Präsenz gewisser importierter Bevölkerungsgruppen zu tun hat.“ Selbst die offiziellen Vertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland würden das so sehen wollen, sagt L. Muss er so sagen, denn es geht ja um Selbstverteidigung – und eine Drohung: es sei eine „Illusion“, dass mit der Identifizierung von tödlichem Antisemitismus im rechten Lager etwas „wieder ins Lot gekommen“ sei, das würde „nicht lange halten„. Denn die Radikalisierung und Spaltung der Gesellschaft sei erst am Anfang. Das möchten sie natürlich so sehen in Schnellroda, denn alles andere würde diese Klitsche ja erübrigen.

Die Rechtfertigung: Schuld an der Spaltung der Gesellschaft sind die Anderen, vornehmlich jedenfalls, sie wird „exakt von denselben Leuten am vehementesten vorangetrieben, die glauben, in Halle eine Keule gegen die Gesamtrechte gefunden zu haben„, sagt L. Wie sagte der Vater des Killers von Halle? „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld“. Schaut Lichtmesz in den Spiegel? Formuliert er hier die Rechtfertigung für den nächsten Einzelkämpfer? Die Anderen sind schuld, so bequem und verächtlich zugleich macht es sich die Rechte. Nur nie nicht Verantwortung übernehmen müssen. Nur nicht selbstkritisch hinterfragen, welche Fundamente man durch solches Reden und Schreiben errichtet. Reinwaschung, Identifikation, Kommunion. Wie lange lassen wir sie damit noch durchkommen?

Gegen dieses Narrativ der Rechten und gegen diese Drohung der „Sezession“ hilft: Zusammenhalt, Solidarität, Inklusion, Gemeinsinn. Nicht auseinandertreiben lassen von hinterlistigen Demagogen. Aber auch festhalten an der Diktion: ein Faschist ist ein Faschist ist ein Faschist. Und Rechtsstaat, an dieser Stelle gerne etwas kleinlicher als bislang üblich.

[Faschisten fragen gerne listig nach, wie denn „Faschismus“ definiert sei? In der Tat, eine Definition im Fluss. Mit gewissen Grundkonstanten über die Zeit: Verachtung von Demokratie und Rechtsstaat zugunsten des Primats einer „völkischen Gemeinschaft“ und ihrem politischen Willen, der im Zweifelsfall über dem Rechtsstaatsprinzip steht: Gruppenideologie vor individuellem Grundrecht, Politik vor Recht, nicht Recht vor Politik.]

Doch wie kann man Faschisten und Nazis liebhaben? Dazu habe ich keine Idee. Mit denen kann man auch nicht mehr reden. Und: sie grenzen sich selber aus, wollen ausgegrenzt sein. Das ist ihr Lebenselixier. Halten wir uns den Zoo in Schnellroda, aber keinen Millimeter darüber hinaus!
Auf die kleinen Kinder achtgeben, nur das hilft wirklich. – Da fällt mir doch glatt noch die alte Hippie-Hymne ein, selten erschien sie mir so zutreffend:

Teach your children well,
Their father’s hell did slowly go by…

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Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

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Ein Landjunker reist

Gibt es das noch, dass einer aus der Provinz in die Hauptstadt fährt und Bauklötze staunt? Gibt es das noch (oder wieder), dass einer herabschaut auf das Städtische in einer Haltung, die eine merkwürdige Mischung ist aus Snobismus und (unverschuldeter?) Dämlichkeit? Lynx wundert sich und liest, dass Landjunker Kubitschle sein sächsisches Gütlein verlassen hat und, nebst Gattin, nach Berlin gereist ist. Konnte er sich nicht entgehen lassen, diese krude Konferenz der sog. „freien Medien“, die die AfD im Lüders-Haus des Bundestages veranstaltet hat – oder doch auch nicht. Denn die AfD wusste bis zum Schluss nicht, ob sie das jetzt wollen soll oder nicht. Darum gab es auch einen inoffiziellen Teil, wo es richtig schmuddlig wurde. Aber da war Kubitschle schon wieder auf dem Heimweg, dieser Nachschlag war unter seiner Würde, immerhin. Die Rückfahrt in der Bahn nutzte er zur Reflektion, oder sagen wir besser: Einordnung. Der Text ist tatsächlich aufschlussreich. Es geht da eigentlich weniger um die kuriose Veranstaltung, mit der er letztlich nicht warm wurde, sondern mehr um: Architektur. Und was er sich dazu so denkt.

Er informiert uns, dass das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Sicherheitsschleusen hat und riesige kreisrunde Fenster mit Blick auf das Regierungsviertel: dazu fällt ihm „Blase“ ein. Diese gebaute „Blase“ hat außerdem viele Meter hohe Räume aus „dickem Glas“ und „nacktem Beton“ – und dies alles sei „gar nicht volksnah oder demokratisch.“ – Warum denn nicht? Weil es aus Beton ist und nicht zierlich gemauert? Weil es keine zugigen Butzenscheiben hat? Ist Beton ein neuer, unbekannter Werkstoff für ihn? Und was ist verkehrt an „nacktem Beton“ – verwechselt er groben Bunkerbeton mit 1a-Sichtbeton? Hat er eine leise Ahnung davon, welche Kunst es ist, Sichtbeton in vorzüglicher Qualität herzustellen, sichtbar bleibende Oberflächen zu schaffen, die nicht unter egalisierendem Putz versteckt werden müssten? Ingenieurskunst – kennste? Oder leben wir noch in den Zeiten des Maurerhandwerks vor 1850? (Doch selbst das Pantheon ist ja schon betoniert…) Eine Antwort bleibt K. uns schuldig. Es fehlt ihm die „Demut“ und es sieht zu wenig selbst gebaut aus: sprich, es fehlt ihm die Heimwerkeranmutung (wie sie ja in Schnellroda authentisch anzutreffen ist). Ein wahres Parlamentsgebäude sieht nach Praktiker aus (gibt’s nicht mehr…) – denkt er sich das? War es nicht schon immer so, dass eine Gesellschaft in ihrer Architektur gezeigt hat, dass sie aktuelle Technologien beherrscht, somit auf der Höhe der Zeit ist? Auf welcher Zeit-Höhe bewegt sich Kubitschek? Sollen wir uns rückwärts entwickeln, nur weil er keine Ahnung von Bautechnologie hat? Ängstigen ihn große Fenster, weil sie einen weiten Horizont eröffnen? Sollen wir lieber Fenster mit Scheuklappen bauen?

K. schreibt dann noch einiges Inhaltliche zur Veranstaltung, aber irgendwie zog das eher nebulös an ihm vorbei und hat ihn (und die „Bewegung“) nicht viel weiter gebracht, weil er dauernd durch die kreisrunden Fenster schauen musste. Schießscharten hätten seiner Konzentration besser geholfen? Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass Schnellroda „samt Schrebergärten“ locker reinpassen würde ins Lüders-Haus. Dazu denkt Lynx sich:
a) Grobe Täuschung: mit Google-Maps überschlägig abgemessen hat das Lüders-Haus eine Grundfläche von ca. 250 x 100 m, Schnellroda mindestens von 600 x 600 m. Also selbst mit stapeln wird es da schwierig. Klingt halt so volksnah.
b) Hybris: wie kommt so ein selbsternannter Landjunker auf die Idee, dass er und noch ein paar Hanseln auf mehr Fläche residieren sollten als ein Parlamentsgebäude eines 80-Millionen-Volkes braucht, wo deutlich mehr Leute arbeiten als in Schnellroda je wohnen werden?

Könnte es sein, dass da einer „unheimlich“ volkstümlich tut und dabei so was von abgehoben ist, dass er schon das Gefühl für Maßstäbe verliert? Dass er nur vorgaukelt, sich mit der volkstümlichen Kleinmaßstäblichkeit von Katen abzugeben und mit ehrlichem gemauerten Handwerk (von dem er offensichtlich nichts versteht). Könnte es sein, dass das nur Attitüde ist, Bauernfängerei? (Komisch oder nicht: in Schnellroda gibt es eine Pension, die heißt „Zum Schäfchen“?)

Antiurbane Ressentiments sind in Deutschland seit langer Zeit, fast schon immer, ein Selbstläufer. Lange Zeit haben CDU/CSU dieses Feld beackert, bis sie erkennen mussten, dass sie auf diesem Weg allmählich in die Minderheit geraten. Also fischen an diesem ruralen Rand jetzt andere. Und träumen von gemauerten und adrett verputzten Palästen aus dem Baumarkt, die ihnen imaginierte Untertanen von reinstem germanischen Blut zusammenschustern würden (diese Maurer gibt’s auch nicht mehr). K.s Fahrt in die ewig sächsische Nacht.

Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

Dschungeldampf und Gipfellinie

Wen sehen wir hier? Peter Handke, verkleidet, beim Pilzesuchen? Götz Kubitschek beim Training im Vorharz? Che Guevara als  Dschungelkämpfer? (Lynx, der in eine Fotofalle geraten ist?) Das Bild ist über 50 Jahre alt, damals hat Handke noch überwiegend geschrieben und GK noch nicht mal in die Windeln gemacht. Aber der Che ist mir eingefallen, als ich dieser Tage auf GKs Sezession gelesen habe, wir er sich mit Martin Sellner darüber unterhält, dass sie ihren Partisanenkampf neu ausrichten müssen. Lohnt sich zu lesen. Wie man überhaupt mit Rechten gar nicht reden soll – es reicht, sie zu lesen, mehr will man gar nicht wissen. Beim Lesen besagten Beitrags sind allerdings merkwürdige Erinnerungen und Assoziationen in mir aufgestiegen: da war doch was. Und ich war überrascht, was ich dazu beim alten Guerillero Che Guevara gefunden habe. Dazu später mehr.

GKs Gedankenaustausch mit Sellner nennt sich „Briefwechsel“ und liefert interessante Einblicke in das, was die beiden Autoren „Denken“ nennen. Es soll um eine Positionsbestimmung der „Identitären Bewegung“ (IB) gehen, zu deren Köpfen sich die beiden zählen (wenn sie sie nicht gar erfunden haben?) und ob die Zeiten nun besser oder schlechter werden. Man versichert sich gegenseitig, wie friedliebend und voll und ganz verfassungstreu man sei und auf immer und ewig bleiben werde, an etwas anderes sei gar nie nicht jemals gedacht. Dies alles wird vorgetragen in einem zuweilen kämpferisch-militaristischen Ton, der irgendwie gar nicht zu dieser eigentlich guten Botschaft passen will. Freischärler-Jargon. Insbesondere Sellner tut sich da sehr hervor, Kubitschek wählt subtilere Formulierungen. Aber immer geht es darum, so zu tun, als lebe man in einer Ausnahmesituation, unter einer existenziellen Bedrohung durch ein übermächtiges System. Man fühlt sich vom „System“ zu unrecht verfolgt und nutzt fröhlich und ungestraft alle Kanäle der freien Meinungsäußerung dieses Systems. Alles ernst oder nur infantiles „Indianerspielen“? Aktuelle Spielsituation:

Derzeit befinde man sich „auf allen Ebenen im Verteidigungsmodus“, weil ein „Vernichtungsschlag“ stattgefunden habe (Sellner): „Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie und das Managen einer Partei im Spannungsfeld zwischen Realismus und Fundamentalismus ist ein täglicher, zäher Stellungskampf, den man niemals final gewinnen kann. Viele glauben, wenn ein Akteur verschwände, verschwände auch der Kampf. Ich glaube das ist falsch…

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie – solchen Stuss verzapft dieser Sellner. Will Nietzsche imitieren und klingt dann doch nur nach Ernst Jünger. Dampfplauderei, die Eindruck machen soll aber doch nur gequirlte Wortscheiße ist. Vielleicht sollte Peter Handke sich das mal vornehmen, der ist auch Österreicher und kann sich vielleicht besser hineinversetzen, was in so einem Kopf vorgeht. Aber der geht eben inzwischen lieber Pilze sammeln, das ist gescheit. Mehr hat Handke damit auch gar nicht zu schaffen, er ist nur wegen dieser blöden Österreicher-Assoziation hier herein geraten – tut mir leid Herr Handke und viel Erfolg beim Sammeln (wenn dann wieder Saison ist). Zurück zum „Stellungskampf“ von Sellner (woran muss ich da noch denken?)

Sellner: Nun sollen wir also die neuen Nazis sein? Wenn ja, dann bitte: Noch nie zuvor klaffte die „Nazidiffamierung“ durch das System und die Realität einer Bewegung so sehr auseinander.“ – Oliver Welke würde sagen: Äh, nein. Hier klafft nichts auseinander, hört euch einfach nur mal selber zu.

Sellner: „Xenophobie, Hetze, NS-Nostalgie und Gewalt sucht man in beiden Gruppierungen [AfD und IB] vergeblich.“ – Nochmal: äh, nein, nicht vergeblich! Muss ich die vielen Vogelschiss-Beispiele aufführen?

Sellner: „Die Existenzvernichtung ist Erfolgsbedingung unserer Gegner, somit wird das (meta)politische Überleben bereits Jahr für Jahr zu einem kleinen Sieg.

So viel Schmonz scheint selbst Kubitschek überzogen, aber er kennt die Qualitäten der mitteldeutschen Gaue am Harz: „Es kommt in den kommenden Monaten alles darauf an, dem äußeren Gegner geschlossen und selbstbewußt entgegenzutreten und seine Waffe, den Verfassungsschutz, als das aussehen zu lassen, was er ist, wenn er auf Granit trifft: ein stumpfes Schwert.“ 

Andererseits wittert Kubitschek Verrat an der IB durch die AfD, die sich, um sich selbst reinzuwaschen, von der IB distanzieren könnte: die IB als Opfer, damit die AfD ins Establishment aufrücken kann. Was für ein süffisanter Gedanke! Die Zersetzung wirkt (und ohne Opfer-Attitüde geht es bei den Rechten nicht).  Um das zu verhindern, rät GK dazu, sich wieder mehr von der AfD zu distanzieren und sich auf die eigenen Kräfte als „Teil der rechten metapolitischen Landschaft begreifen“, die sich um den Verfassungsschutz „als einer Waffe des Gegners nicht schert – für mich klingt das nach Partisanentaktik, nach rechter Guerilla. Ob sie jetzt Poggenburgs sog. „Patrioten“ unterwandern wollen?

Wegen dieses ganzen Partisanengetues muss ich bei den Verlautbarungen der faschistischen „Vordenker“ immer wieder an Che Guevara denken, diesen revolutionären Posterboy der 68-er Zeit (und ernstzunehmenden Arzt und Revolutionär in Kuba). Wie das? In seinem „Bolivianischen Tagebuch“ schildert er minutiös, wie er mit ein paar kubanischen Freiwilligen und einheimischen Kleinbauern im bolivianischen Hinterland einen Guerillakrieg aufziehen wollte. Die Unternehmung ist letztlich kläglich gescheitert und hat ihn und seine Mitstreiter das Leben gekostet. Wenn man in jugendlichen Sturm- und-Drang-Jahren eine Anleitung dafür haben möchte, wie man sein Leben erfolgreich verpfuschen kann, dann ist das „Tagebuch“ eine sehr taugliche Handreichung.

Es mag vollkommen an den Haaren herbeigezogen sein, irgendwelche ernsthaften Parallelen ziehen zu wollen zwischen den Schilderungen eines „Befreiungskriegers“ aus Südamerika und dem Freischärler-Habitus der IB und der Leute der Sezession um Kubitschek in Schnellroda, aber ich kriege diese Assoziationen, die letztlich eher ironischer Natur sind (vor ernstem Hintergrund), nicht aus dem Kopf und will ihnen ein wenig nachgehen. Der eine ist in einen echten Krieg gezogen ist, die anderen wollen eigentlich nur von Politik reden, erachten diese aber offenbar ebenfalls eine Art Krieg oder zumindest als Kriegsspiel. In beiden Fällen führt das in meinen Augen zu einer gestörten Wahrnehmung der Realität, weil sie nur durch die zu Sehschlitzen verengten Augen des Kämpers wahrgenommen wird, der teils bewusst, teils unbewusst der Fokussierung wegen die sonstigen „Regungen“ um sich herum ausblendet und so nicht mehr das gesamte Bild zu erkennen vermag. Obwohl ich Guevaras Buch gelesen habe, als ich noch recht lebensunerfahren war, erinnere ich mich, wie ich oft den Kopf geschüttelt habe über so viel Verblendung aus missionarischem Eifer.

Guevara hat seine meist täglichen Einträge am Monatsende um eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Ereignisse ergänzt, so kann der Ablauf des „Kampfes“ im Zeitraffer nachverfolgt werden. Die Unternehmung beginnt am 7. November 1966: „Heute beginnt eine neue Etappe. In der Nacht kamen wir auf dem Gut an. Die Reise verlief einigermaßen glatt. Nachdem wir, gebührend verkleidet, über Cochabamba eingereist waren, stellten Pachungo und ich die Kontakte her…“ – Ähnlich liest sich das wohl im Tagebuch von Kubitschek, nach dem er sein „Rittergut“ in Schnellroda bezogen hatte. Die November-Zusammenfassung lautet dann auch: „Alles ist ziemlich gut verlaufen: meine Ankunft ohne Schwierigkeiten […] Die entscheidenden Mitarbeiter von Ricardo schließen sich der Erhebung allen Widerständen zum Trotz an. Die Aussichten sind gut in dieser abgelegenen Region, wo alles darauf hindeutet, dass wir praktisch so lange bleiben können, wie wir es für richtig halten…“ – Zwischen Naumburg und Kyffhäuser, nahe der Saale, mittelalterliches deutsches Grenzland: ein wunderbar stiller und so geschichtsträchtiger Unterschlupf für eine 1%-Bewegung.

Die Vorbereitungen für den Kampf gedeihen, so heißt es Ende Dezember: Die Gruppe der Kubaner hat sich erfolgreich vervollständigt, die Moral der Leute ist gut, es gibt nur kleine Probleme. Mit den Bolivianern geht es gut, wenn es auch nur wenige sind….“ – Zum Mitraten: wodurch muss man Kubaner und Bolivianer ersetzen, um die Parallele zu entschlüsseln? Hier ein Vorschlag.

Ende Januar 1967 tun sich dann erste Differenzen und Schwierigkeiten auf: „Wie ich erwartete, war Monjes [ein kommunistischer Parteifunktionär] Haltung im ersten Moment ausweichend und dann verräterisch. Schon schmiedet die Partei Waffen gegen uns. Ich weiß nicht, wohin das führen wird, doch das wird uns nicht bremsen, und vielleicht wird es sich langfristig sogar günstig auswirken (fast bin ich dessen sicher). Die ernsthaftesten und kampfbereitesten Leute werden auf unserer Seite stehen, auch wenn sie mehr oder minder schwere Gewissenskrisen durchmachen müssen. […] Von allem Geplanten ging die Einreihung der bolivianischen Kämpfer am langsamsten vonstatten.“ – Ich weiß nicht, ist das jetzt Guevara oder schrieb das Kubitschek in seinem „Briefwechsel“ ? Erfasst mich da nicht ein leichter Schwindel?

Wir werden Zeugen werden eines Herumirrens im tiefsten Dschungel. Keine Gipfellinie auch nur zu erahnen im Nebel.

Warten wir auf die Februar-Zusammenfassung, wann immer es so weit sein wird. Doch so viel kann man getrost spoilern: am Ende ging die Sache schief, weil die Bolivianer nicht recht wussten, wozu diese importierte Revolution letztlich gut sein sollte und keinen Bock drauf hatten, sich deswegen blutige Nasen oder mehr zu holen.


Literatur: Guevara, Ernesto Che. Bolivianisches Tagebuch, München: Trikont-Verlag, 1980. Auch das Bild wurde diesem Band entnommen und geringfügig editiert.

Blaue Nase

Haben die blauen Kobolde von der AfD ernsthaft geglaubt, sie besäßen das Monopol auf Boshaftigkeit? Andererseits: wer hätte den grauen Männern vom Verfassungsschutz bauernschlaue Boshaftigkeit zugetraut? Nach offenbar reiflicher Überlegung hatte man den „Prüffall“ AfD im Januar öffentlich gemacht. Jetzt haben sie bei der AfD wieder Schaum vor dem Mund und Klage eingereicht, weil sie die „Ausübung der parteilichen“ Tätigkeit“ in „erheblichem Maße“ erschwert sehen. Dabei hatte es der Verfassungsschutz doch nur gut gemeint: der öffentliche Hinweis, dass es für eine Beobachtung der AfD noch nicht hinreichend „verdichtete“ Anhaltspunkte gäbe, sei gegeben worden, weil dies doch „eher zu einer Entlastung der Partei“ führe.

Kommt euch bei der AfD eine solche Öffentlichkeitspolitik denn nicht bekannt vor? Erst einmal einen Pflock einrammen, ihn bei anschwellender Kritik wieder herausziehen, freundlich damit winken und nur wenig seitwärts wieder einrammen. Oder zurückrudern ohne zurückzurudern. Ihr hattet immer gemeint, so bauernschlau sei nur die AfD? Weit gefehlt. Das pluralistische System ist vielleicht etwas träge manchmal, aber dennoch lernfähig. Und kann sehr genüsslich zurückschlagen. Lynx denkt sich, das war ein echter Schenkelklopfer, als diese Idee beim BfV geboren wurde (nachdem das U-Boot Maaßen gegangen und die Laune wieder gestiegen war). Die Prognose sei gewagt: mit der Klage werden sich die blauen Kobolde auch noch eine tiefblaue Nase abholen.

Seelenverkäufer

Der Hundekrawattenmann war von der Sezession nach Schnellroda eingeladen und hat einen Vortrag über Populismus gehalten, es gibt bei YouTube ein Video davon. Eine dreiviertel Stunde lang, mit vorhersehbarem Ergebnis: Wir werden von einer Globalisten-Elite geführt, die den Untergang des Abendlands herbeiführen will! Der Himmel wird über uns einstürzen! (Sorry, das war eine andere Geschichte, dazu später noch eine Anmerkung)

Schnellroda heißt, Gauland war zu Gast auf dem „Rittergut“ von Götz Kubitschek (der von sich sagt, er sei gottfroh, den Westen auch geistig hinter sich gelassen zu haben). Im Hintergrund sieht man das düstere Mittelalter in Form von kieseligen Ecksteinen einer Wand, die merkwürdig glänzen, wie plastifiziert: Schutzlacküberzug, aus dem Baumarkt? Dass nichts bröckelt? Dazu noch Efeuranken, sehen auch nach Erdölprodukt aus. Eine Szenerie wie aus einem billigen B-Movie.

Mir kommt dabei in den Sinn, dass im frühen Mittelalter die Franken ihre Hauptkonkurrenten um die Macht in Deutschland, die Alemannen, erfolgreich unter anderem damit ausschalteten, dass sie ein strategisches Netz von Burgen und Herrensitzen (auch Rittergütern?) im alemannischen Herrschaftsbereich etablierten und allmählich die Kontrolle übernahmen. Es gab zwar 746 auch noch das „Blutgericht zu Cannstatt“, wo Franken den alemannischen Adel zuletzt mit Gewalt ausmerzten, alles Wesentliche der Landnahme war aber schon vorher passiert.

Jetzt gibt es da diese Politiker und Influencer aus Westdeutschland, die allesamt dort nichts werden konnten oder, nach ihrer Selbstwahrnehmung nicht genug, und sie ziehen jetzt in den Osten. Kubitscheks „Rittergut“ ist die steingewordene Idee, wie diese altdeutsche „Elite“ sich ihr Land „zurückholt“. Gauland, der alte Hesse, spielt willig mit. Auch der biedere hessische Geschichtslehrer Höcke hat nach Thüringen rüber gemacht, er residiert jetzt in Sichtweite zur imposanten Burg Hanstein, die an strategischer Stelle und weithin sichtbar auf der Landesgrenze über der Werra thront. (Am liebsten würde er natürlich auf Hanstein einziehen, aber da müsste ihm erst jemand die Renovierung der Ruine finanzieren.) Alice Weidel vom Bodensee organisiert die Finanziers aus der Schweiz und Beatrix von Storch gibt die Volkstribunin aus altem preußischem Adel, was ein Widerspruch in sich ist, das musste schon mancher volksnahe Adelige erfahren.

Und dann schwadroniert Gauland von „nationaler Arbeiterschaft“ und „ nationalem Bürgertum“: das seien diejenigen, denen „Heimat etwas bedeutet, weil sie dort ihr Haus haben…“, weil „dort ihre Familie lebt“, weil „dort die Kirche steht, in der sie getauft wurden“ usw. – Warum nur sind dann so viele AfD-Funktionäre und andere neu-rechte Demagogen von daheim weggegangen? Hätten sie doch etwas mehr Heimatverbundenheit an den Tag gelegt! Ach so – sie sind ja Missionare, Ausgesandte – oder Seelenverkäufer?

Wer fällt auf einen solchen faulen Zauber herein?

Hat Ostdeutschland so wenig Saft und Kraft, dass es sich dieser Seelenverkäufer nicht entledigen kann? Oder hält man es dort für eine gute und zukunftsweisende Idee, sich hinter plastifiziertes Pseudo-Natursteinmauerwerk zurückzuziehen und Mittelalter zu spielen? Ist doch klar, wer hier die Bauern sein sollen und wer die „Edelmänner“.

Ist den Ostdeutschen diese „Elite“ lieber, als die, die sie haben (denn irgendeine gibt es immer)?

Wollen sie lieber eine, die ihnen nach dem Mund redet und ihnen den Stuhl unter’m Hintern wegzieht (wie aktuell in Italien zu beobachten) – oder eine, die versucht, genug Stühle zu beschaffen und dabei manchmal das Reden und Überzeugen vergisst, leider (Oder sollten sie endlich eine eigene formen, aus ihren eigenen Reihen, damit Denken und Handeln homogener werden?)

Immerhin bekennt Gauland freimütig, dass er ein Populist ist (den er lediglich als Opponenten zum „Establishment“ definiert) und räumt gleichzeitig ein, dass die AfD „nicht das Volk repräsentiert“. Das kann man jetzt sophistisch ausdeuten oder einfach so sehen wie es ist: hier wird versucht, ein anderes Establishment zu schaffen. Man wolle, als Populisten, „nicht über die Köpfe des Volkes hinweg entscheiden“, man „habe auch keine Angst vor dem Volk“: das kann man getrost abwarten. Wie lange wird in Italien diese eingebildete Verbrüderung mit dem Volk, die immer nur darin besteht, ‘nen Euro zu geben und die Arbeit liegen zu lassen, noch überleben?

Gauland stopft sein Pfeifchen, läuft gegen Ende des länglichen Vortrags zur Hochform auf: „Der Populismus ist die letzte Verteidigungslinie unserer Art zu leben“ und der „Migrant ist das revolutionäre Subjekt der Globalisten“. Undsoweiterundsofort…

Es mag ein Angriff auf die geliebte Folklore aus Kindertagen sein: aber ist Gauland nicht ein Majestix (oder Obelix wegen der Hundekrawatte?), der, assistiert vom umtriebigen Asterix Kubitschek einfallsreich das „Römische Reich“ bekämpft? Das „Rittergut“ in Schnellroda als das letzte freie gallische resp. sächsische Dorf, die Stellung gehalten von einem Ober-Schwaben? Funktioniert als Folklore immer noch, schöne Anekdoten. Hat aber mit Politik und historischen Entwicklungen und Wahrheiten nichts zu tun, man weiß ja, wie die Geschichte ausgegangen ist. Meinetwegen dürfen sie im Hof vom Rittergut auch noch lange Wildschweine grillen, davon gibt es wahrlich genug. Komisch aber, dass es die Franzosen immer noch gibt. Obwohl sie sich ihr Land nie „zurückgeholt“ haben. Man sollte doch lieber darüber nachdenken, wie das funktioniert hat. Hmmm.

Bildrechte: Martín Steinhagen für ZEIT ONLINE , verändert

Martin Sichert (AfD) drückt sich

Täuschen, tarnen, irreführen, wegducken – bevorzugte Praktiken der ach so aufrechten AfD. Ein aktuelles Beispiel liefert der Landesvorsitzende der AfD Bayern, Martin Sichert.

Schüler des Gräfelfinger Kurt-Huber-Gynmasiums (KHG) erarbeiten gerade in einem P-Seminar in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) eine Radiosendung zum Thema „Weiße Rose“. Die Thematik hat Tradition am KHG, war doch der namengebende Kurt Huber selbst bekennendes Mitglied der Weißen Rose und wohnte zuletzt in Gräfelfing, bis er vom NS-Regime hingerichtet wurde. In Projekten und Veranstaltungen hält das KHG das Gedenken an Huber fortlaufend wach und versucht bei den Schülern den kritischen Blick auf die Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart zu schärfen. In diesem Zusammenhang setzt sich das aktuelle P-Seminar auch mit der Frage nach einem Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD auseinander, der sich beispielsweise ausdrückt im Wahlplakat ‚Sophie Scholl würde AfD wählen’, das die AfD in Nürnberg 2017 publiziert hatte. Zur Fragestellung eines möglichen politischen Missbrauchs wurden verschiedene Politiker, Intellektuelle und der Sohn von Kurt Huber vom P-Seminar befragt. Weil die AfD direkt angesprochen war, hat man, in Absprache mit dem BR, entschieden, auch die AfD mit diesem Vorwurf zu konfrontieren. Zur Aufklärung dieser Frage wurde Martin Sichert zu einem Gespräch in die Schule eingeladen.

Ergebnis: Martin Sicher postet nun in den sozialen Medien, z.B. auf Facebook, er habe einen „spannenden Termin“ bei Schülern des KHG gehabt. Sie hätten mit ihm über die Weiße Rose sprechen wollen, „Menschen aus dem Bürgertum“, „die in einer Zeit, in der fast alle Mitläufer des Systems waren, Ereignisse kritisch hinterfragt haben und den Mut hatten, ihre Kritik auch öffentlich zu äußern.“ Insofern seien sie für ihn ein persönliches Vorbild. (Facebook Eintrag von Sichert am 25.01.2019)

Hört sich doch nett und harmlos an, oder nicht? Allerdings vergisst Sichert in seiner ausführlichen Beschreibung der Weißen Rose einen Hinweis darauf, um welche Zeit es sich gehandelt hat. Nationalsozialismus ist bei der AfD offenbar ein Tabu-Wort oder Sichert kann es einfach nicht aussprechen, zu eklig. Ein Vogelschiss-Wort: weg damit. Wichtiger sind ihm Worte wie „Mitläufer des Systems“ (das sind wir) und Mut zu öffentlicher Kritik (den hat nach seiner Lesart nur die AfD).

Und was erfährt man gar nicht? Die Antwort auf die Frage der Schüler: Gibt es einen Missbrauch der Erinnerung an die Weiße Rose durch die AfD? –  Kein Wort dazu. Oder doch? Ist nicht die Art, wie er über den Termin berichtet, ein weiterer Beleg dafür, wie die AfD (und die anderen Faschisten) alles für ihre Zwecke instrumentalisieren, jeden Finger den man ihnen reicht, jedes Stöckchen, das sie erhaschen können? Auch das Gedenken an die Weiße Rose. Insofern hat Sichert mit seinen zurechtgestutzten „Fake News“ indirekt und unbewusst doch die Antwort gegeben und den Beleg erbracht. Es ist nun an den Schülern, das fein säuberlich zu exegieren. Viel Erfolg dabei!

Weil Sicherts Tritt ins Fettnäpfchen nicht so leicht zu erkennen ist, hat das KHG dennoch eine sofortige Richtigstellung zu dem Termin veröffentlicht, wo es fettgedruckt heißt: Die Darstellung von Herrn Sichert auf Facebook und Twitter ist in diesem Zusammenhang irreführend, da es sich nicht um eine Diskussion zum Thema Weiße Rose handelte, sondern in erster Linie um seine Stellungnahme zum Vorwurf des Missbrauchs der Erinnerung an die Weiße Rose im Rahmen eines Interviews!

Tja, Sichert, Butter bei die Fische: wie haltet ihr es denn nun mit dem Gedenken an Nationalsozialismus, Judenvernichtung und Widerstand, heute, am Holocaust-Gedenktag? Hat sich mit Frau Knobloch schon etwas Neues ergeben, außer dass ihr immer noch mehr Schmutz versucht über sie auszukippen? (Kein Facebook-Eintrag heute von Sichert)

Lynx, der alte Indianer sagt: ihr sprecht mit gespaltener Zunge.

Bildrechte: Wikipedia, verändert

AfD in Bayern zieht blank

Im Bayerischen Landtag fand heute eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt, bei der, neben anderen Holocaust-Überlebenden und Naziopfern, auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eine Rede hielt. In der griff sie die AfD direkt und scharf an:

„Heute und hier ist eine Partei vertreten, die diese Werte [der freiheitlichen Demokratie, Anm. Lynx] verächtlich macht, die die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlost und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu unterhält […] Diese sogenannte Alternative für Deutschland gründet ihre Politik auf Hass und Ausgrenzung und steht – nicht nur für mich – nicht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung.“

Darauf verließen die meisten AfD-Abgeordneten das Plenum, nur vier blieben zurück und muteten sich zu, was  Knobloch, selbst eine Überlebende des Naziterrors, ihnen zu sagen hatte. Respekt vor diesen vieren – doch der Rest? Die Vogelschiss-Partei hat, einmal mehr, die Maske fallen lassen. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – oder doch?

Etliche der rechten Agitatoren und erklärten AfD-Sympathisanten, die vornehmlich von ihrem Islam-Hass getrieben sind, machen ja immer einen auf Verbrüderung mit Israel und den Juden, geben sich gar als Juden-Beschützer aus. Der Blogger und Aktivist David Berger tut sich da immer besonders hervor und ist entsprechend aufgeschreckt. In einer prompten Reaktion wirft der ewige Ministrant Berger, der Zeitzeugin Knobloch „schamlosen Missbrauch“ der Gedenkveranstaltung vor und wiederholt die auf seinem Blog verbreitete Unterstellung, Knobloch würde „immer wieder durch beleidigende, Nationalsozialismus und Holocaust bagatellisierende Aussagen“ auffallen.

Welche Veranlassung sollte sie haben, ihr persönliches Leid, das ihrer Familie und ihres Volkes zu bagatellisieren?

Wie kommt so ein windiger Prediger wie Berger dazu, so etwas zu unterstellen?

Er tut ja gerade so, als würde Knobloch justitiabel agieren – möchten Berger und seine Gesinnungsgenossen jetzt offizielle Vertreter der jüdischen Gemeinde vor Gericht zerren, um den Juden ihre Sicht auf ihre eigene Geschichte zu verbieten? Oder will er einfach nur behaupten, die Faschisten wüssten besser, wie man Holocaust zu interpretieren hat? Nämlich als Vogelschiss in der langen deutschen Geschichte? Oder kann mir einer erklären, wie sonst ein Schuh draus wird?

Quelle: Süddeutsche Zeitung 23.01.19 – Dort auch ein Video der einschlägigen Passage.

Kornblumenlese

Vor einem Jahr hat Lynx beanstandet, dass Poggenburg bei den blauen Kobolden der AfD nicht recht greifbar ist und ihn als Schleimer bezeichnet. Das hat der damals nicht auf sich sitzen lassen, zwei Monate später gab er dann den eingebildeten Türkenbezwinger, damit war es vorbei mit der Parteikarriere. Seitdem hat er offenbar gebrütet, wie er seiner Heldenbestimmung neuen Rückenwind verleihen könnte. Und war ausgerechnet beim Kornblumenpflücken. So einfach scheint das noch zu sein: nimm die Rezepte, die schon vor 120 Jahren falsch waren (und letztlich in zwei Kriegskatastrophen geführt haben), versammle ältere Männer um dich und ab mit der Marie? Das „intransigente Justamentnicht“ soll beim „Asyl deutscher Patrioten“ (AdP) jetzt zur Parteidoktrin erhoben werden. Die Kornblume ist das Emblem, „soziale, nationale, solidarische Heimatpartei“ die Selbstzuschreibung. Deutlicher kann man sich mit der NPD nicht gemein machen, beim Verfassungsschutz wird er sich damit keine Freunde machen. Auch zum wölfischen Wesen als Markenkern hat er sich bei seinem Auftritt im „Heidekrug“ bekannt: er und seine Kameraden werden sich den Erfolg, der ihnen zusteht, holen, sagte er da. Ganz das Raubtier. Und seit wann steht einem Erfolg einfach so zu – ist Erfolg eine Art bedingungsloses Grundeinkommen bei Faschisten?

Da muss sich Höcke bald entscheiden: „heute lautet die Frage Schaf oder Wolf. Und ich, liebe Freunde, meine hier, wir entscheiden uns in dieser Frage: Wolf.“, sagte er beim Kyffhäusertreffen 2018 in schlechtester Goebbels-Manier. Wie lange der Wolf es in der AfD noch aushält, wo man doch jetzt eher dazu neigt, zu den Schafen zu gehören, weil das verlässlicheres Futter sprich Diäten und sonstige staatliche Zuwendungen, z.B. für Parteistiftungen, abwirft? Aber Schafsein und Faschistsein, das schließt sich doch einfach aus, oder nicht? Erfreulich aber, dass Höcke jetzt zwischen allen Stühlen sitzt, weil Poggenburg schneller war…

Eine große Genugtuung für Lynx aber ist, dass Faschisten alle keine Ahnung von Ökologie haben. Die Kornblume als Ackerunkraut ist ja ganz hübsch. Und dem Laien, der in der freien Feldflur lustwandelt, kann sie anzeigen, wo Biolandwirte wirtschaften, wo auf Herbizideinsatz verzichtet wird. Wunderbar farbige Einsprengsel, erst recht zusammen mit rotem Klatschmohn – hach. Doch was wäre, wenn wir eine Kornblumen-Monokultur hätten? Ich fürchte, dann würden wir alle verhungern, denn von deren Samen wird man einfach nicht satt. Also betrachten wir Korn-und Mohnblumen weiterhin als Merkmale von funktionierender Biodiversität. Auch Männer jenseits der 50 brauchen ihr Biotop, genauso wie Instagram-Influencer*innen von zarten 17 Jahren. Je differenzierter ein Ökosystem ist, je größer seine Biodiversität, desto besser ist es gegen Schicksalsschläge oder sonstige Unbilden gewappnet. Monokulturen, egal welcher Couleur, sind auf Dauer sehr anfällig. Ach ja, und Wölfe verhungern, wenn es keine Schafe mehr gibt. Auch das so eine Sache: es muss immer mehr Schafe als Wölfe geben, damit die Ökologie der Wölfe funktioniert. Einfach mal drüber nachdenken die Herren!

(Oder impliziert das, dass es in der Demokratie nie eine Wolfsherrschaft geben kann? Und weil es, aus Faschistensicht die Wolfsherrschaft doch unbedingt braucht, muss folglich… – q.e.d.)

Zündler

Neulich meinte ich ja, die Rechten würden ihr Denken und ihre Absichten verschleiern, bewusst unklar reden, damit man ihrer nicht habhaft werden kann. Stimmt so nicht ganz. Manchmal muss man sich mühsam durch den Schwulst ihrer Schreibe arbeiten, bis man dann an die Stellen vordringt, wo es aus ihnen herausbricht. Beispielhaft, weil höchst aktuell: Götz Kubitscheks Rückblick auf 2018, ein Blogbeitrag in der Sezession vom 01.01.2019 (Hervorhebungen Lynx):

[…]viele Gespräche mit AfD-Politkern, mit den Protagonisten von örtlichen und überregionalen Protestbewegungen, mit bewährten und möglichen Autoren, mit Wissenschaftlern, die sich um die neue AfD-Stiftung zu sammeln beginnen, mit Verleger-Kollegen, mit Blog-Betreibern, mit Intellektuellen aus den anderen Lagern[…] Unsere Leitfragen sind in solchen Gesprächen stets dieselben: Ist der Ernstfall (also der Verteidigungsfall der eigenen Kultur) in Deutschland ausgeschlossen? Wenn nicht: Wann, wenn nicht jetzt, wäre eine resolute und konsequente Reaktion angemessen? Und zuletzt: Wie kann es gelingen, die für einen „Aufstand für das Eigene“ notwendige Energie zu wecken und zu bündeln? […]
Darf ich die Gespräche zusammenfassen? Wir suchten nach einer Antwort, fanden aber keine. Die Begriffsfindungspräzision, die Erklärungsschärfe, das Auffindungsnetz – unser Milieu (im weitesten Sinne) hat alles, kann alles, weiß alles, um Kampagnen gegen die Schwätzer, Lügner, Lückner und Deppen der Gegenseite zu fahren; aber hat es einen Entwurf von effektivem, entschlossenem, aufräumendem Regierungshandeln, eine Vorstellung vom Härtegrad des Durchgriffs?

Nahezu zeitgleich mit der Freischaltung von Kubitscheks Beitrag hat in Bottrop und Essen ein Mercedesfahrer versucht, Ausländer totzufahren. Nach dem, was bisher von der Polizei zu hören ist, seine Interpretation einer resoluten und konsequenten Reaktion. Ob die Polizei im Zuge der Ermittlungen seine Browser-Chronik durchforstet? Die Beiträge der Sezession sind regelmäßig durchsetzt mit solchen Aufforderungen zur Selbstermächtigung. Dort sitzen die Zündler (unter anderem). Auch in Amberg ist das jetzt zu beobachten, nachdem dort vor  Silvester junge männliche und sehr besoffene Asylbewerber unkontrolliert um sich geschlagen haben, was zu einigen Verletzten geführt hat. Angeblich patrouillieren dort jetzt „Bürgerwehren“. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man behauptet, ihre Rechtfertigung sei der Verteidigungsfall der eigenen Kultur.

Nicht nur, dass Kubitschek hier klar und deutlich redet, nein, er belegt auch die These, dass es ihm und Seinesgleichen darum geht, das Primat des Rechts durch das Primat der Politik zu ersetzen – mithin: gegen die Verfassung zu agieren, die verfassungsmäßig geschützten Freiheitsrechte jedes einzelnen Bürgers auszuhebeln und durch ein aufräumendes Regierungshandeln zu ersetzen. Oder in einem Aufstand das Gewaltmonopol des Staates zu attackieren. Freilich werden sie jetzt einwenden, es ginge nur um einen „Aufstand“ an der Wahlurne, dort werde man sich die rechtliche Legitimation abholen. Ändert aber nichts: so lange die AfD und die Neue Rechte die Schutzrechte der Verfassung nicht akzeptieren und sie durch das Recht des Stärkeren oder der politischen Mehrheit zu ersetzen suchen, mithin das Primat der Politik über das Recht durchsetzen wollen, so lange wenden sie sich gegen das Grundgesetz. Hier darf man, als unbescholtener Bürger und Verfassungspatriot, eine resolute Reaktion des Staates erwarten.

Einstreu im Unterholz #1

Lynx hat sich ins Winterlager zurückgezogen. Die Einstreu von heute handelt vom Staatsdefizit (ein Mythos?), schier endlosen Nullzinserwartungen, stabilen Paarbeziehungen in Zeiten existenzieller Krisen, Narzissten bei der AfD und den Versprechungen des Nordens und ob er sie hält. Wie geht das alles zusammen? Weiß Lynx nicht. Aber es ist da, ist Gedanke, Erfahrung, Erlebtes und hat sich abgelagert auf Papier und digital. Ob es wärmt, isoliert gegen den kalten Zug in diesen Tagen und Nächten? Oder eher Feuchtigkeit zieht, so dass die ganze Wärme abfließt und es zu faulen anfängt? „Einstreu im Unterholz #1“ weiterlesen

Buschfunk 0.0

Wir wissen, weil wir nicht wissen. So in etwa hat sich Frauke Petry geäußert in einer Gesprächsrunde, zu der die Süddeutsche Zeitung in Dresden eingeladen hatte. Geladen waren prominente und engagierte Alt- und Neudresdner verschiedener politischer Couleur und es sollte darum gehen, warum die „Brüche der Gesellschaft“ gerade in Dresden so offen zutage treten.

Lynx liest so was beim Frühstück, seit Jahrzehnten. Neulich wurde ihm von einem Kontrahenten aus dem Dunstkreis von Kubitschles Sezession vorgeworfen, er argumentiere „frei von der Leber weg“. Nun, die Leber gilt als Hauptwohnsitz der Gesundheit von Körper und Geist, seit Urzeiten. Nicht umsonst hat Zeus dem Frevler Prometheus zur Strafe den Adler geschickt, der ihm tagtäglich die Leber heraushackte. In der Leber sitzt der wahrhaft gesunde Menschenverstand, das ist den Göttern, den echten und selbsternannten ein Dorn im Auge, also raus damit. Ist die Leber perdu, wird es mit dem Rest auch nix mehr. Also auf Lebergesundheit achten, was solchermaßen aus dem Bauch kommt, kann nicht ganz verkehrt sein. Doch was hat das mit Dresden zu tun?

Wie gesagt, Lynx liest und verdaut das Gelesene, kaut es mal gut durch, schluckt anderes schnell hinunter und hofft, es gehe ohne Bauchgrimmen ab und würde die Leber nicht vergiften. Im Dresden-Gespräch nun tauchte ein Bissen auf, der von irgendwie ledriger Beschaffenheit war und auf dem etwas herumzukauen ist. Frau Petry hat ihn serviert und er geht so:

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Authentizitätssimulant?

Friedrich Merz ist auferstanden – am 501. Reformationstag (der alte Katholik)! Die alte Bundesrepublik des rheinischen Kapitalismus lebt und die Ossis finden es toll. Endlich kommt das, was sie immer schon wollten: Kohle. Ohne den sonstigen Firlefanz einer modernen Gesellschaft (so die Illusion). Kann es sein, dass die Vergangenheit wiederkehrt? Kann es sein, dass Vergangenheit sich läutert und gegenwärtig wird, ohne abgeschmackt, ohne illusorisch zu sein? Die AfD packt jedenfalls schon mal die sieben Sachen, wird sich schon ein Inselchen finden, das noch nicht unter Wasser steht.
Schon komisch: nach all den ‚Zumutungen‘ der Merkel-Jahre (Merkel mit ‚e‘), fühlt es sich einfach nur gut an, dass Merz (mit ‚e‘) daherkommt und sagt: alles halb so schlimm. Da geht’s lang, wir sind wir (übersetzt: mia san mia), packen wir’s an (wir schaffen das?) und los geht’s…

Merkel war an einer Stelle wirklich unklug: sie hätte sich Merz als Medienberater und Redenschreiber warmhalten sollen… Nur in ihrer PK zum Abschied vom CDU-Vorsitz war sie rhetorisch so klar, dass sie damit Merz, wäre es eine Bewerbungsrede gewesen, ernsthaft Paroli hätte bieten können. Tempi passati.


Nachtrag 03.11.18: Jagoda Marinić spricht im Hinblick auf die Merz-Kandidatur von „rekonstruierter Vergangenheit“ und zieht den interessanten Vergleich zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses oder, ganz aktuell, weil kürzlich erst ‚eröffnet‘, zur Frankfurter Altstadt. Und schreibt dazu:

„Die ständige Flucht in die Rekonstruktion wird zum Symptom der Furcht vor der Zukunft.“

Als habe sich die Gesellschaft nicht inzwischen stark verändert, als gäbe es nicht jüngere Generationen, die eine Vielfalt aufweisen, die in diesen Rekonstruktionen nicht vorgesehen ist: die Ignoranz und die offensichtliche Praxis, junge Menschen und Minderheiten auszuschließen, sei „erschreckend“. Es fehle ein „erneuernder Gesellschaftsentwurf“, der mehr sei als eine „Großbaustelle der Rekonstruktion“. (J. Marinić: Erneuern. Süddt. Zeitung Nr. 253/2018, S. 6). Da hilft nur: Mehr Licht wagen!

Licht und Tunnelblick

Gibt es Licht am Ende des Tunnels? Einige meinen, eine Funzel zu sehen, weil Angela Merkel womöglich abtritt. Lynx sieht Licht, weil 80 + x % der Wähler sich als lupenreine Demokraten erweisen, zumindest in Hessen. So das Ergebnis der letzten Umfrage vor der Wahl. 80 % für klassisch demokratische Parteien, 20 % für linke und rechte Extremisten. Gesteht man Linke und AfD zu, dass vielleicht die Hälfte ihrer Anhänger ebenfalls als gute Demokraten durchgehen, dann sieht es noch rosiger aus. Morgenröte?

Es ist doch ganz einfach und man kann es am derzeitigen Lauf der Grünen ablesen: die Leute wollen Licht sehen und nicht den Tunnel. Die AfD ist für den Tunnelblick zuständig und wird auch nie etwas anderes anbieten können. Die Grünen stehen für das Licht, wenigstens für’s Erste. Also, raus Leute, ans Licht und an die frische Luft!