Architektenpoesie (2): Wohn(t)raum in Virginia

Bauherrin ist eine junge, vierköpfige Familie aus Virginia, die sich hier ihren 530 Quadratmeter großen Wohntraum erfüllte. Entstanden ist ein Ensemble aus drei Volumen, die jeweils eine Hauptfunktion aufnehmen und die umliegende Natur einrahmen. Küche und Wohnbereich beispielsweise sind nach Westen, Richtung Sonnenuntergang und Shenandoah-Gebirge ausgerichtet, während die Drehung des Schlaftraktes für grüne Berghänge vor dem Fenster sorgt. […] Platziert ist der Neubau auf einer Hügelkuppe am Waldrand mit Blick auf die Berge, im Osten eines 18 Hektar großen Grundstücks.

Baunetz, 13.05.2020

Der Gini-Koeffizient zur Beschreibung der Ungleichheit der Einkommensverteilung in einer Gesellschaft liegt in Deutschland lt. Bundesregierung bei 0,29 (Stand 2016, nach Abzug von Steuern und Abgaben). In den USA im Bundesdurchschnitt bei 0,39, im Bundesstaat Virginia, einem alten Südstaat, bei 0,48 – exakt der Wert, den Anthropologen als Durschnittswert für historische, vormoderne Agrargesellschaften ermittelt haben. (Der Wert 0 gilt für eine egalitäre Gesellschaft mit gleichmäßiger Einkommensverteilung, beim Wert 1 würde ein Mensch alles verdienen, die maximale Ungleichverteilung.) Das bescheidene 530 m²-Häuschen für vier Personen in Virginia ist eine prima Illustration dieses Messwertes und wie er sich räumlich auswirkt. (Und immer finden sich willige Architekten, die hier ihre feuchten Träume ausleben.)

Ein paar Meilen östlich residierte einst Präsident Jefferson im mondänen Monticello, noch etwas tiefer im Süden, aber noch in Virginia, lag sein „Hideaway“ Poplar Forest, wo er seiner Sklavenhaltertätigkeit nachging. Alle diese (Architektur-)Bezüge leben hier munter fort: „diese Villa strotzt vor historischen Bezügen, zumal sie laut Architekten obendrein von den traditionellen Kolonialhäusern der amerikanischen Südstaaten inspiriert ist.“ So hinterlässt der Trumpismus bereits neue gebaute Spuren der Verwüstung. Das Haus heißt übrigens Three Chimney House, was man auch als Bankrotterklärung auffassen könnte – oder als gebautes Ausrufezeichen der Klimawandelleugner: das fossile Zeitalter ist noch lange nicht zu Ende…


Bildrechte: Baunetz/Joe Fletcher, verändert

2020.043 | Architektur-Wolpertinger

Nachtrag 26.03.2020: In der heutigen Ausgabe der SZ (Nr. 72/2020, R3) wird das grüne Gebäude, das man da im Hintergrund sieht, besprochen. Es handele sich dabei um mutige und selbstbewusste Architektur. Die Architekten sagen, sie wollten anecken, „es anders machen“. Wichtig war ihnen besonders der „große Abschluss“ mit dem hohen oberen Geschoß und den großen Bogenfenstern. – Da fängt die Verlogenheit an: das ist nur Show. Hinter der großzügig auftrumpfenden Kathedralen-Geste verbergen sich zwei Geschoße, denn sonst hätte das den Investor Profit gekostet. Es handelt sich einfach um banale Investoren-Architektur.

Noch krasser ist allerdings der offenbar beschränkte Blickwinkel der Architekten: sie denken nur bis Oberkante Dachtraufe, dort endet für sie die Fassade. Was ihnen die mitplanenden Gebäudetechniker aufs Dach setzen, hat sie offenbar nicht interessiert oder es gab keinerlei Koordination in dieser Frage. Architekten mit eingeschränktem Berufsverständnis.

Das Ergebnis: ein Architektur-Wolpertinger mit einer OP-Kittel-grünen, überambitionierten Fassade, der von Installationen der Gebäudetechnik wie befallen erscheint, eklig-warzige Wucherungen. Darum dürfen offizielle Fotos dieses „Werks“ auch nur aus einem bestimmten Blickwinkel aufgenommen werden, sonst wird der ganze Fake offenbar. Ein wirklich würdeloser Tiefpunkt aktueller Münchner Architektur. Dies „anecken“ zu nennen, ist der Versuch, ein Versagen in einen Erfolg umzudeuten.

Fledermausgaube (2)

Eben denke ich noch, da hast du dir mit der Fledermausgaube wieder ein ganz schön peripheres Thema ausgesucht, da flattert die Fledermaus-Gesandte aus der Hauptstadt herein, winzig klein und hektisch: Eilnachricht! Der Bau des „Freiheits- und Einheitsdenkmals“ vor dem Humboldtforum, dem alt-neuen Stadtschloss von Berlin, sei in Gefahr! Die „Einheitswippe“ kippt – schon bevor sie steht. Schuld daran haben: die Fledermäuse! Rund 60 Wasserfledermäuse à 15 g und 25 Zwergfledermäuse à 5 g, macht zusammen gut zwei Pfund Lebendgewicht Fledermauspopulation, sind angetreten, ein Projekt von einem geschätzten Gesamtgewicht von 150 Tonnen umzuschmeißen. Herkulische Kräfte! Oder einfach nur Naturschutz-Wahnsinn?

Das neue Denkmal soll dort errichtet werden, wo die DDR das monumentale alte Kaiser-Wilhelm-Denkmal schon 1950 abreißen ließ, an der Schlossfreiheit am Spreekanal. Erhalten geblieben ist die Gründung mit umfangreichen Gewölben, dort leben seit Menschengedenken die Fledermäuse, ein ideales Brut- und Überwinterungsbiotop. Jetzt sollen diese Gewölbe so „ertüchtigt“ werden, dass die Fledermäuse dort ausziehen müssen und eine Rückkehr nicht mehr vorgesehen ist. Bemerkenswert daran, für meine Fragestellung: angeblich kennen Bauherr (Bund) und Architekten die Problematik mit den Fledermäusen seit Jahren, spätestens seit 2002. Und haben sie bislang einfach ignoriert. Was interessieren schon diese winzigen Viecher? Jedes davon passt mühelos in eine Streichholzschachtel und lässt sich dann gefahrlos entsorgen. Die Planer waren bis dato nicht willens, sich mit dieser geradezu exemplarischen stadtökologischen Frage auseinanderzusetzen. Pure Ignoranz.

Doch warum soll man solche Tiere schützen, von denen wir eigentlich im täglichen Leben nie auch nur irgendwas mitkriegen? Wofür soll das gut sein? Von Fledermäusen ist immerhin allgemein bekannt, dass sie über ein sensationelles Navigations- und Ortungssystem verfügen, bei dem Ultraschallsignale eine große Rolle spielen. Verbaut in einem sozusagen stecknadelkopfgroßen Zentralrechner von unglaublicher Leistungsfähigkeit. Neu war mir hingegen ein anderes Detail, das ich nun der Berichterstattung entnommen habe: Wasserfledermäuse können ihren Nachwuchs, wenn es sein muss, evakuieren, in dem sich die Kinder an den Zitzen der Mutter festsaugen und dann mit ihr entschweben. Ich will jetzt gar nicht wissen, ob das wehtut oder ziept (vermutlich). Mir fallen dazu nur martialische und missglückte Hubschrauberevakuierungen aus Kriegsgebieten ein.

Allein der Gedanke, dass da am Nachthimmel womöglich ganze Familien umherflattern, von denen wir keine Ahnung haben, während wir Sesselpupser irgendwelche strunzdummen und eben anhnungslosen Bürokratenentscheidungen treffen, macht mich missmutig. Wir basteln an Quantencomputern und haben das, was die Evolution von sich aus hervorgebracht hat, erst ansatzweise erforscht und verstanden. Doch vorher vernichten wir es in reiner Verblendung. (Und das Deutsche Archtiktenblatt beschäftigt sich lieber mit der Ästhetik historischen Handwerks, als sich die ganz normalen Fragestellungen der Gegenwart vorzunehmen.)

Deshalb nochmal die Frage: Naturschutz-Wahnsinn oder herkulische Kräfte?
Der Nabu Berlin hat jedenfalls Klage eingereicht und wird vermutlich wieder etlichen Funktionärs- und Volkszorn auf sich ziehen.

Kurz vor Redaktionsschluss die nächste Nachricht, diesmal vom Baunetz. Hat man mich dort belauscht? Heute erscheint die neue Ausgabe der Baunetzwoche, Thema: Mehr Wildnis in der Stadt. Unter anderem gibt es ein Gespräch zum „Animal Aided Design“. Ein weiterer Begriff der auftaucht: „Nature-Inclusive Design“. Die Labels sind also schon gefunden, ganz wichtig. Es gibt aber auch einen Prinzip-Vorschlag für fassadenintegrierte Fledermauskästen. To be continued.


Quellen und Bildnachweise:
Neue Heimat gesucht. Süddeutsche Zeitung Nr. 246/2019, S. 16
Bild Wasserfledermaus: BUND/Dietmar Nill, verändert
Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal (historische Karte und Aufnahme): Wikipedia

Fledermausgaube

Jetzt habe ich mich selbst wieder als völligen Banausen ertappt. Habe im Zentralorgan der deutschen Architektenschaft geblättert und bin am Technikhinweis hängen geblieben: „Wie Fledermausgauben konstruiert werden“. Hoppala, hat es sich jetzt rumgesprochen, dass wir dringend unsere Gebäudehüllen ertüchtigen müssen, um Ersatzlebensräume für höhlenbrütende Vogelarten und Fledermäuse zu schaffen? Und dann sogar unter Mitwirkung von Architekten, d.h. nicht einfach hingepappt oder auf’s Dach gestellt, sondern idealerweise integriert in die Fassadenkonstruktion (selbstverständlich bei Einhaltung aller ENEV-Bestimmungen, schließlich sind da High-Tech-Konstrukteure am Werk)?

Doch weit gefehlt! Es geht um die alte Bautradition der Fledermausgaube, eine aufwändige weil geschwungene und sehr elegante Gaubenform, die insbesondere an der Ostseeküste beheimatet ist und auch schweren Reetdächern zu einiger Eleganz verhilft. Zu Zeiten des Jugendstils vor rund 120 Jahren war sie allgemein sehr beliebt wegen ihrer organischen Form. Na gut, eine solche Handwerkstradition zu bewahren ist aller Ehren wert und natürlich ein Anliegen der Baukultur, der die Architekten ja verpflichtet sind.

Immer noch nicht richtig verpflichtet sind sie ökologischen Gedanken. Eine umfassende Verschränkung unserer Bauwerke mit natürlichen Prozessen (die über Alterung und Verfall hinausgehen), das wäre doch mal was. Eine Aktivierung sozusagen. Für die Kühl- und Heiztechnik gibt es ja länger schon die sog. Bauteilaktivierung, die Nutzung der Gebäudemasse als Zwischenspeicher für Wärmeenergie. Warum nicht eine Bauteilaktivierung für ökologische Nischen? Fledermausgauben z. B., als Gauben für Fledermäuse, integriert, schön und heimelig gestaltet, nicht angepappt. Keep on!


Bildnachweise:
Fledermausgaube: Steffen Paul/Tischlerei Mädche, DAB-Online
Fledermaus-Fassadenflachkasten: Naturschutzbedarf Strobel
(Bilder verändert)

Architekten-Poesie (1)

Zum Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses in Berlin-Köpenick meldet das Baunetz:

Um die Naturverbundenheit und den ökologischen Anspruch auch nach Außen deutlich zu machen, wurden die Blätter der alten Eichen vom Grundstück in den Beton der Fassade eingestreut. Nach dem Trocknen hinterließen ihre Abdrücke ein pflanzliches Ornament. Als grüne Blätter in grauem Beton.

Was die Außen(raum)gestaltung angeht, ist der Beitrag von einer merkwürdig hybriden Mischung aus Renderings und Fotos begleitet, der gewisse Zweifel im tatsächlich rücksichtsvollen Umgang mit den Bäumen aufkommen lässt. Auf einem Bild sind jedenfalls sehr stumpfe Schnitte an dicken Ästen zu erkennen. Aber das sind natürlich Petitessen. Die naturverbundene Verdreckelung des Fassadenbetons mit abgestorbenen Blättern (die sicher nicht mehr grün waren oder sind) ist einfach der Hit, oder etwa nicht?