Fledermausgaube (2)

Eben denke ich noch, da hast du dir mit der Fledermausgaube wieder ein ganz schön peripheres Thema ausgesucht, da flattert die Fledermaus-Gesandte aus der Hauptstadt herein, winzig klein und hektisch: Eilnachricht! Der Bau des „Freiheits- und Einheitsdenkmals“ vor dem Humboldtforum, dem alt-neuen Stadtschloss von Berlin, sei in Gefahr! Die „Einheitswippe“ kippt – schon bevor sie steht. Schuld daran haben: die Fledermäuse! Rund 60 Wasserfledermäuse à 15 g und 25 Zwergfledermäuse à 5 g, macht zusammen gut zwei Pfund Lebendgewicht Fledermauspopulation, sind angetreten, ein Projekt von einem geschätzten Gesamtgewicht von 150 Tonnen umzuschmeißen. Herkulische Kräfte! Oder einfach nur Naturschutz-Wahnsinn?

Das neue Denkmal soll dort errichtet werden, wo die DDR das monumentale alte Kaiser-Wilhelm-Denkmal schon 1950 abreißen ließ, an der Schlossfreiheit am Spreekanal. Erhalten geblieben ist die Gründung mit umfangreichen Gewölben, dort leben seit Menschengedenken die Fledermäuse, ein ideales Brut- und Überwinterungsbiotop. Jetzt sollen diese Gewölbe so „ertüchtigt“ werden, dass die Fledermäuse dort ausziehen müssen und eine Rückkehr nicht mehr vorgesehen ist. Bemerkenswert daran, für meine Fragestellung: angeblich kennen Bauherr (Bund) und Architekten die Problematik mit den Fledermäusen seit Jahren, spätestens seit 2002. Und haben sie bislang einfach ignoriert. Was interessieren schon diese winzigen Viecher? Jedes davon passt mühelos in eine Streichholzschachtel und lässt sich dann gefahrlos entsorgen. Die Planer waren bis dato nicht willens, sich mit dieser geradezu exemplarischen stadtökologischen Frage auseinanderzusetzen. Pure Ignoranz.

Doch warum soll man solche Tiere schützen, von denen wir eigentlich im täglichen Leben nie auch nur irgendwas mitkriegen? Wofür soll das gut sein? Von Fledermäusen ist immerhin allgemein bekannt, dass sie über ein sensationelles Navigations- und Ortungssystem verfügen, bei dem Ultraschallsignale eine große Rolle spielen. Verbaut in einem sozusagen stecknadelkopfgroßen Zentralrechner von unglaublicher Leistungsfähigkeit. Neu war mir hingegen ein anderes Detail, das ich nun der Berichterstattung entnommen habe: Wasserfledermäuse können ihren Nachwuchs, wenn es sein muss, evakuieren, in dem sich die Kinder an den Zitzen der Mutter festsaugen und dann mit ihr entschweben. Ich will jetzt gar nicht wissen, ob das wehtut oder ziept (vermutlich). Mir fallen dazu nur martialische und missglückte Hubschrauberevakuierungen aus Kriegsgebieten ein.

Allein der Gedanke, dass da am Nachthimmel womöglich ganze Familien umherflattern, von denen wir keine Ahnung haben, während wir Sesselpupser irgendwelche strunzdummen und eben anhnungslosen Bürokratenentscheidungen treffen, macht mich missmutig. Wir basteln an Quantencomputern und haben das, was die Evolution von sich aus hervorgebracht hat, erst ansatzweise erforscht und verstanden. Doch vorher vernichten wir es in reiner Verblendung. (Und das Deutsche Archtiktenblatt beschäftigt sich lieber mit der Ästhetik historischen Handwerks, als sich die ganz normalen Fragestellungen der Gegenwart vorzunehmen.)

Deshalb nochmal die Frage: Naturschutz-Wahnsinn oder herkulische Kräfte?
Der Nabu Berlin hat jedenfalls Klage eingereicht und wird vermutlich wieder etlichen Funktionärs- und Volkszorn auf sich ziehen.

Kurz vor Redaktionsschluss die nächste Nachricht, diesmal vom Baunetz. Hat man mich dort belauscht? Heute erscheint die neue Ausgabe der Baunetzwoche, Thema: Mehr Wildnis in der Stadt. Unter anderem gibt es ein Gespräch zum „Animal Aided Design“. Ein weiterer Begriff der auftaucht: „Nature-Inclusive Design“. Die Labels sind also schon gefunden, ganz wichtig. Es gibt aber auch einen Prinzip-Vorschlag für fassadenintegrierte Fledermauskästen. To be continued.


Quellen und Bildnachweise:
Neue Heimat gesucht. Süddeutsche Zeitung Nr. 246/2019, S. 16
Bild Wasserfledermaus: BUND/Dietmar Nill, verändert
Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal (historische Karte und Aufnahme): Wikipedia

2018.024 | Avenidas

Das Bild ist heute nebenbei aufgenommen und sollte, wie üblich, unkommentiert bleiben. Nach der Lektüre dieses Artikels allerdings ist es nun allen studentischen berliner Kunstbanaus.innen und dem liebedienerischen Akademischen Senat gewidmet. Sollen sie rauslesen, was sie wollen.

Nachtrag 30.01.18: Wie vermutet, ist Bilderstürmerei in Zeiten des niemals vergessenden Webs Schwachsinn. Telepolis berichtet gestern, dass das Gomringer Gedicht „Avenidas“ sich zum stabilen Mem entwickelt und auf dem Weg ist, eines der bekanntesten Gedichte in „deutscher“ Sprache zu werden: materielle Entfernung führt zu virtueller Entfaltung (Telepolis). Pyrrhus-Sieg könnte man das auch nennen.