Tischwahlkabine

Man muss kein Parteigänger der CDU sein, um festzustellen: dieser Hamburger Parteitag war eine Sternstunde unserer Demokratie. Und die Bilder davon kann man nicht genug in die Welt verbreiten. Allein die Idee mit der Tischwahlkabine: herzliche Grüße nach China. Und ich bekenne mich schuldig: das offensive zur Schau tragen von schwarz-rot-gold war mir immer suspekt bis unangenehm. Allein über den Verstand konnte ich mir allmählich erschließen, dass das für unser Land nicht die schlechteste Trikolore ist, wir hatten schlechtere. Aber das Delegierten-Halsband der CDUler: so kann man durchaus unsere Nationalfarben tragen. Nicht Fahnen schwingen, sondern konstruktiv arbeiten. Zur Sache. Auch Merkels Abschied war groß, im Stil wie in der preußisch-gepflegten Selbstironie. Wo findet man das noch auf der Welt, aktuell?


Bildquelle: RT Deutsch (sic!)

Authentizitätssimulant?

Friedrich Merz ist auferstanden – am 501. Reformationstag (der alte Katholik)! Die alte Bundesrepublik des rheinischen Kapitalismus lebt und die Ossis finden es toll. Endlich kommt das, was sie immer schon wollten: Kohle. Ohne den sonstigen Firlefanz einer modernen Gesellschaft (so die Illusion). Kann es sein, dass die Vergangenheit wiederkehrt? Kann es sein, dass Vergangenheit sich läutert und gegenwärtig wird, ohne abgeschmackt, ohne illusorisch zu sein? Die AfD packt jedenfalls schon mal die sieben Sachen, wird sich schon ein Inselchen finden, das noch nicht unter Wasser steht.
Schon komisch: nach all den ‚Zumutungen‘ der Merkel-Jahre (Merkel mit ‚e‘), fühlt es sich einfach nur gut an, dass Merz (mit ‚e‘) daherkommt und sagt: alles halb so schlimm. Da geht’s lang, wir sind wir (übersetzt: mia san mia), packen wir’s an (wir schaffen das?) und los geht’s…

Merkel war an einer Stelle wirklich unklug: sie hätte sich Merz als Medienberater und Redenschreiber warmhalten sollen… Nur in ihrer PK zum Abschied vom CDU-Vorsitz war sie rhetorisch so klar, dass sie damit Merz, wäre es eine Bewerbungsrede gewesen, ernsthaft Paroli hätte bieten können. Tempi passati.


Nachtrag 03.11.18: Jagoda Marinić spricht im Hinblick auf die Merz-Kandidatur von „rekonstruierter Vergangenheit“ und zieht den interessanten Vergleich zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses oder, ganz aktuell, weil kürzlich erst ‚eröffnet‘, zur Frankfurter Altstadt. Und schreibt dazu:

„Die ständige Flucht in die Rekonstruktion wird zum Symptom der Furcht vor der Zukunft.“

Als habe sich die Gesellschaft nicht inzwischen stark verändert, als gäbe es nicht jüngere Generationen, die eine Vielfalt aufweisen, die in diesen Rekonstruktionen nicht vorgesehen ist: die Ignoranz und die offensichtliche Praxis, junge Menschen und Minderheiten auszuschließen, sei „erschreckend“. Es fehle ein „erneuernder Gesellschaftsentwurf“, der mehr sei als eine „Großbaustelle der Rekonstruktion“. (J. Marinić: Erneuern. Süddt. Zeitung Nr. 253/2018, S. 6). Da hilft nur: Mehr Licht wagen!