Zuflucht bei den Buchen

Die Buchenwälder leuchten wieder, das rührt uns, begeistert, macht auch wehmütig: mehr Romantik geht fast nicht. Ach, Deutschland kann so schön sein mit seinen über die Hügel und Berge wogenden Wäldern, mehrheitlich von Buchen bevölkert, zumindest in einigen wichtigen Regionen. Ob diese herbstlich romantische Stimmung die CSU dazu bewogen hat, auf ihrem Parteitag in München am vergangenen Wochenende 4.000 junge Buchensetzlinge an das Parteivolk zu verschenken? Das verleitet mich zu einer kleinen Reflexion über die Buche.

Eine Partei und erst recht die CSU tut natürlich (sic!) nichts ohne Plan und Hintergedanken, schon gar nicht Bäume verschenken. Das soll schon ein symbolischer Akt sein, mit einem kleinen Info-Anhänger. Vorne drauf gepappt ist die Botschaft: wir handeln beim Klimaschutz und bei der Nachhaltigkeit. Bäume pflanzen jetzt! Nicht nur popelige, annuelle Sonnenblumen, nein Buchen sollen es sein, stolze mächtige Buchen. Sagt nicht schon das Sprichwort: „Buchen sollst du suchen“, wenn Gewitter drohen?

Das verweist auf das, was hinten drauf steht: die Buche ist eine sog. „Klimax-Baumart“, d.h. sie bildet das Endstadium, genauer das Optimalstadium einer Waldbildung in Mitteleuropa (bevor der Wald altersbedingt wieder abstirbt und ein neuer Zyklus beginnt). Die ökologische Strategie, mit der die Buche (Fagus sylvatica) dies erreicht, ist: Dominanz. Hat sich eine junge Buche erst einmal durchgesetzt und ist sie nicht allein, schiebt sie sich mit den Artgenossen langsam nach oben und bildet allmählich ein geschlossenes Laubdach, von dem fast nur noch die Buche profitiert. Ihr hoch oben, in einer relativ dünnen Schichtung angesiedeltes Laub fängt nahezu das ganze Sonnenlicht ab und nutzt es für die eigene Photosynthese. Wenig Licht fällt noch hindurch und ermöglicht nur wenigen Spezialisten, die sehr schattenverträglich sein müssen, ein karges Auskommen am Waldboden. Diesen Wald kennen wir als „Hallenwald“ oder als „Buchenkathedrale“ – da will die CSU mit „Sonnenkönig“ Söder (wieder) hin.

Im Frühjahr, vor dem Laubaustrieb, grünt es intensiv am Waldboden im Buchenwald, dann ist da genügend Licht und die Spezialisten nutzen dies für eine rasche, nur kurz währende Blüte, um dann für rund zehn Monate wieder im Schatten auszuharren, bis ein neuer Frühling einsetzt. Und so sagt sich jetzt die CSU: genug geblüht ihr Blümchen da unten, jetzt treiben wir wieder aus, wir sind die Herren des Waldes: Die CSU weiß, wie Natur und Naturschutz funktionieren!

Nein, weiß sie nicht. Weil sie sich mit der Buche nur sehr oberflächlich beschäftigt hat. Wieder einmal nur auf den schnellen Symboleffekt geschielt hat, anstatt zu verstehen, wie es sich wirklich mit den Buchen verhält. Aber vielleicht will sie auch nicht verstehen, weil sie eigentlich ganz andere Ziele verfolgt, immer noch und wie auch nicht? Deshalb gibt es hier noch einen kleinen Beipackzettel mit guten Ratschlägen von Dr. Lynx für die armen Parteimitglieder, die sich jetzt mit der Buche daheim abplagen müssen.

1. Die Buche ist ein großer Baum. Ein sehr großer Baum. Ich würde sagen, 1.000 m2 Garten müssen mindestens sein, damit eine Buche sich ordentlich entwickeln kann. Da darf natürlich sonst nicht mehr viel sein. Also, wenn Ihr Garten schon bepflanzt sein sollte: zumindest alles andere was baumförmig ist, muss raus, wenn aus der CSU-Buche etwas werden soll und Sie nicht ganz im Wald sitzen wollen. Ist das nachhaltig? Und wer hat schon einen 1.000 m2 Garten? Ach so, die CSU-Basis in Trudering schon und die in Niederbayern womöglich auch. Aber Normalos wie unsereins? Wir müssen mit eurer Buche zu Baumfrevlern werden, weil wir penibel darauf achten müssen, dass sie nicht den Stammumfang von 80 cm erreicht, um dann unter die Baumschutzverordnung zu fallen. Vorher müssen wir sie umschneiden, also so in 25 Jahren vielleicht (aber das entspricht vermutlich dem maximal denkbaren Zeithorizont einer Partei). Ansonsten wird sie unseren und noch 10 weitere Gärten verlässlich beschatten. Den Ärger will keiner. Umschneiden, kleinsägen und verheizen, im Schweden-Ofen. So habt ihr euch das gedacht, CSU, das ist also eure Aufforstung: Kaminfeuer geht vor Klimaschutz. Oder aber: 1.000m2-Gärten für alle? Zumindest in Trudering und ähnlichen Münchner Quartieren, die sich „Gartenstadt“ nennen, ist das die Devise. Also für alle, die schon besitzen. Die anderen? Ja mei.

Die bessere Alternative 1: ein Apfelbaum. Dessen Größe ist allgemein hausgartenverträglich, er fällt niemals unter die Baumschutzverordnung, er blüht schön und man kann Sinnvolles und Gesundes ernten (Bucheckern taugen bekanntlich nur für die Schweinemast). Und er ist gut für die Bienen!!! – Aber wahrscheinlich war euch das Apfelbäumchen zu protestantisch, welche CSU will schon mit Martin Luther in Verbindung gebracht werden?

Die bessere Alternative 2: Hainbuche (Carpinus betulus). Wird zwar freiwachsend auch eher zu groß für den Kleingarten, ist aber bewährt in der Niederwaldbewirtschaftung, wo sie traditionell für die Brennholzgewinnung kultiviert wurde. Also, wenn schon Schweden-Ofen sein muss und Abholzen weil zu groß werdend, dann Hainbuche. Die steckt alle Hiebe ein, treibt verlässlich wieder aus und nach ein paar Jahren hat man wieder einen ordentlichen Hausbaum. Bei kluger Holzentnahme kann man auch heizen ohne zu fällen. Aber solch überlegt nachhaltiges Wirtschaften ist der CSU vermutlich zu kompliziert und kleinkariert.

2. Die Buche hat ein Klimaproblem. Es zeichnet sich ab, dass die Buche in ihrem angestammten Terrain in Mitteleuropa Stress bekommt. Es wird zu warm und zu trocken, tendenziell. Die Buche mag es mäßig temperiert und gleichmäßig feucht, ein echter Durchschnittstyp. Es könnte sein, dass die Buche ihr Areal in Folge des Klimawandels ausdehnt, nach Norden vor allem, aber hierzulande scheint es eher schwierig zu werden. Deshalb ist ein Buchengeschenk problematisch: damit kann man, klimaökologisch betrachtet, fast nur verlieren. Keine gute Botschaft, liebe CSU, nicht sehr nachhaltig gedacht.

Die bessere Alternative: Mehlbeere (Sorbus aria). Sie ist hausgartenkompatibel und hat gute Aussichten, ein Klimawandel-Profiteur zu werden, mehr Wärme und Trockenheit steckt sie weg, sie ist zäh. Außerdem hübsch anzuschauen, Bienenweide und Vogelnährgehölz – mehr öko geht fast nicht. Aber Mehlbeere, der Name ist abtörnend, klingt nach Mehltau und Schimmelbefall. Da wäre das Verschenken von Elsbeere (Sorbus torminalis) noch mutiger gewesen! Derzeit ist sie noch eine Randexistenz, aber mutmaßlich wird sie ein Hauptgewinner im Klimawandel sein. Und sie hätte sogar einen Slogan mitgeliefert: CSU – what els(e)?

Die SZ berichtet, dass beim Parteitag so wenig Parteivolk da war, dass die Leute zwei bis drei Setzlinge mitnehmen mussten. Sind das lauter Großgrundbesitzer? Oder (Wald-)Bauern, die doch noch vorwiegend in Festmetern und Brennholzeinheiten denken? Oder tut sich die Parteibasis zusammen und pflanzt aus den 4.000 Setzlingen einen ordentlichen Park oder Wald, auf einem Gelände, das der Parteistiftung gehört? Fächenbedarf für 4.000 Buchen bei gärtnerischer Verwendung ca. 25 ha, 500 x 500 m – das wird sich doch wohl finden?
Wenn die CSU sich zu so viel solidarischer Baumkultur durchringen kann, dann gelobe ich, künftig dorthin zu pilgern, einmal jährlich, anstatt nach Altötting, wo ich noch nie war. Denn ich liebe Buchen.

Alles falsch!

Josef Schmid aus München möchte in den Landtag. Dem „Schmid-Seppi“, wie ihn Freund und Gegner gerne rufen, wird es in München zu eng, er fühlt sich zu Höherem berufen. Dabei hat er als Stadtrat und Zweiter Bürgermeister der Stadt nicht wirklich viel gerissen, aber auf Landesebene ist das vielleicht nicht so bekannt. Im Landtag muss man auch nicht viel reißen, verdient aber besser und der Dunstkreis riecht wichtiger.

Im Münchner Westen hat die CSU jetzt plakatiert und was ein rechter Münchner ist, der fasst sich unverzüglich ans Hirn: wie kann man so dusslig sein? Ganz offensichtlich hat nicht nur der Schmid-Seppi, sondern auch die Partei vollends ihren politischen Instinkt verloren. Eiert irgendwo herum und schafft es nicht einmal mehr, treffend zu formulieren.

Bayern München in weißer Schrift auf blauem Grund. Geht’s noch? Habt’s es ihr noch alle Tassen im Schrank? Der FCB ist immer noch rot-weiß! Und die 60er sind zurecht empört, wenn die Bayern jetzt auch noch unter ihren Vereinsfarben segeln. In Giesing darf die Stadt ja nicht einmal rot gestrichene Bänke aufstellen, ohne dass sie umgehend demoliert werden, und dann plakatiert die CSU weiß-blau Bayern München. Da ist wirklich jedes Verständnis für die Befindlichkeiten der Bürger abhanden gekommen. Und als FCB würde ich mir überlegen, ob ich nicht Klage einreiche wegen Rufschädigung und Verletzung der Markenrechte.

Und dann dieses Blau. Außer diesem Schriftzug ist das ganze Plakat eigentlich nur blau. Eine einzige blaue Soße. Himmelblau. Der Himmel der Bayern? Nein, himmelblau ist die Farbe der AfD. RGB 0,129,225. So tief gesunken ist diese CSU, dass sie jetzt schon AfD-Plakate simuliert.

Der Schmid-Seppi: im Münchner Westen, wo die Stadt allmählich verflacht und irgendwann nur noch Aubing heißt, wird man ihm das wahrscheinlich alles nachsehen, Hauptsache die Musi spuit. Oh mei.

Schade nur, dass die einzig verbliebene ernstzunehmende Konkurrenz offenbar auch nicht in der Lage ist, die Gunst der Stunde umfassend zu nutzen. Lebte Sepp Daxenberger noch (der Herr hab’ ihn selig), dann gäbe es hier womöglich Kretschmann 2.0. Es ist ein Jammer.

Ein herzliches „Grüß Gott“ nach Österreich

Die meisten Kommentatoren meinen, die CSU habe sich im machtpolitischen Duell mit der CDU und der Kanzlerin durchgesetzt (denn um die inhaltliche Frage geht es eigentlich so gut wie gar nicht). Lynx sagt: Spiel Merkel. Wie das? Mehrere Indizien.

1. Seehofer bleibt. Damit hat sie Söders Plan durchkreuzt, Seehofer als CSU-Märtyrer zu opfern und so „elegant“ aus dem Weg zu räumen, um ihn dann schnellstmöglich umfassend zu beerben. Dobrindt hat das gerade noch rechtzeitig erkannt, drum wurde er so furchtbar aufgeregt, als Seehofer den Rücktritt ins Spiel brachte. Doch warum sollte Merkel sich für Söders Pläne interessieren?

2. Merkel bleibt. Söder denkt, der schnellstmögliche und ressourcensparendste Weg, die AfD in Bayern zurückzustutzen, sei es, Merkel zu stürzen. Sacharbeit in der Migrationsfrage ist unendlich schwierig, zeitraubend, es dauert, bis man Erfolge nachweisen kann, bis dahin ist die Landtagswahl vorbei. Merkel weg, das wäre ein ganz schneller Erfolg, das Aufatmen in gewissen Kreisen der Bevölkerung dachte er sich als Honigtau für die CSU einzusammeln. Jetzt muss Söder wohl oder übel arbeiten, was er hoffentlich auch tun wird.

3. Der CSU wurde eine Beschäftigungstherapie verordnet. Denn sie ist es, die nun zuständig ist, all das, was da als „Formelkompromiss“ vereinbart wurde, umzusetzen, auszuhandeln. Als Bundesinnenminister, als Landesregierung an der Grenze zu Österreich. Das wird (k)ein Spaß für die Herrschaften. Mit Dampfgeplaudere kommen sie nun jedenfalls nicht mehr weiter.

4. Kurz gestutzt. Der Protagonist der anderen Dampfplauderer. Ihm fallen die großen Sprüche auf die Füße und er kann jetzt, auch noch mit dem Gewicht des EU-Ratsvorsitzes, zeigen, wie europäische Verständigung geht, oder nicht?

Raffiniert eingefädelt: die Bayern müssen sich jetzt mit den Österreichern einigen. Vornherum sind das ja die besten Spezln. Aber hintenrum ist Hauen und Stechen. Merkel hat jetzt hoffentlich wieder Zeit für die wichtigen Dinge Ihres Amtes.

Halbstarke

Hat es das jemals schon gegeben, dass eine Provinzpartei einen ganzen Kontinent nötigen will (Europa, sic!), nur weil sie ihren internen Machtkampf um die Nachfolge in der Führung nicht lösen kann oder will?

Eine symbolisch aufgeladene, aber inhaltlich relativ bedeutungslose Detailfrage aus der Migrationsthematik wird zum Popanz aufgebaut, als Ablenkungsmanöver, damit die parteiinterne Messerstecherei als staatstragender Akt kaschiert wird.

Jedenfalls hat die CSU so das Patentrezept gefunden, wie man der AfD die Wähler scharenweise zutreibt, zumindest die nichterwachsenen: die neue Gang in der Hood erscheint da viel cooler. Erwachsene Wähler werden sich für die Freien Wähler entscheiden (auf dem Land) oder die Grünen und die FDP (in der Stadt), je nach Vorliebe. Die SPD? Warum sollte man die noch wählen?

Klar ist: die CSU führt den messerscharfen Beweis, dass sich ihre Zeit als Regierungspartei überlebt hat, zumindest als alleinregierende. Und eine Koalition, welche auch immer, unter Söder kann man sich nicht vorstellen. Tja, liebe CSU: alles wird neu. Erkenne es endlich! Die meisten deiner Wähler sind längst weiter. Und: werde endlich erwachsen.

Haderlumpen, schiache Perchten

Anderes fällt mir nicht mehr ein. Hatten wir das nicht schon einmal, dass der Dumpfsinn der Provinz die Weltläufigkeit bei uns vertreibt? Nicht nur einmal hatten wir das. Zuletzt war es 1982. Ich kann mich noch erinnern, wie Frau Hamm-Brücher, den Tränen nahe, von einem damals unerträglichen Heiner Geißler regelrecht weggebissen wurde (immerhin hat es ihm später leid getan). Immer wenn wir dabei sind, den Kopf aus dem Sand zu recken, kommen die Dumpfbacken daher und drücken uns wieder runter. Und keiner hält sie auf oder bietet wenigstens die Stirn. Die SPD sowieso nicht mehr, die hat sich den Tarnumhang umgehängt, will nicht mehr gesehen werden. Die Linke? Ach Gottchen. Die Grünen? Sind offenbar zu blöd, Kapital aus der Malaise zu schlagen. Wo wir in Bayern doch so dringend darauf hoffen, dass endlich jemand diesen Augiasstall gründlich ausmistet. Host mi?