Lange Linien

Die „Süddeutsche“ versammelt heute ein paar Artikel, in denen die „langen Linien“ der Geschichte durchscheinen, im Moment der aufsteigenden Hitze dieses Sommertages etwas Wärmeregulierung für den Verstand. Im deutschen Sprachgebrauch üblich ist eigentlich „große Linien“, doch damit verbinde ich eine feldherrlich-preußische Attitüde, die mir nicht behagt. Viel näher ist mir der Gedanke der „longue durée“, der „langen Dauer“, den der französische Historiker Fernand Braudel formte und ins Zentrum seiner Studien stellte. Ein strukturalistischer Ansatz, der den Kontext natürlicher, geographischer, klimatischer Gegebenheiten für das menschliche Handeln deutlich betont und die übliche Geschichtserzählung überwindet, die allzu oft von Heroen handelt.

Der deutsch-französische Krieg 1870/71 jährt sich zum 150. Mal, entsprechend findet er wieder für ein paar Tage Erwähnung in den Medien. Im deutschen kollektiven Bewusstsein dürfte allenfalls die Reichs-Neugründung in Versailles 1871 eine gewisse Verankerung haben. In Frankreich trifft man allerorten auf die schwerfälligen Kriegerdenkmäler, doch auch dort hat sich die Erinnerung zu diesem für Frankreich traumatischen Erlebnis längst ausgedünnt. Welche Zerstörung in der Fläche dieser Krieg über Frankreich brachte, ist mir erst jüngst bewusst geworden, als das Bayerische Fernsehen Einblicke in die Fotografiesammlung von König Ludwig II. ermöglichte. Akribisch sammelte er Bilder von zerstörten Häusern, Straßenzügen und Städten, er der Kriegsgegner, als wolle er sich immer wieder klar machen oder Buße tun, wofür er sich von Bismarck hatte kaufen lassen. (Dass er Herrenchiemsee als Kopie von Versailles ausgerechnet wenige Jahre nach dem Krieg erbauen ließ, setzt einen besonderen Akzent). Gustav Seibt bespricht neu erschienene Literatur zum „70er Krieg“, wie er bei den Altvorderen umgangssprachlich hieß. Er zitiert einen Tagebucheintrag des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm vom 31.12.1870: „Man hält uns für jeder Schlechtigkeit fähig (…). Bismarck hat uns groß und mächtig gemacht, aber er raubte uns unsere Freunde, die Sympathien der Welt und – unser gutes Gewissen.“ Der spätere Kurzzeitkaiser Friedrich III. war selbst als Kommandeur an entscheidenden Schlachten beteiligt, dennoch sensibel wie wenige Andere seiner Klasse für die heraufziehenden Umbrüche in der Gesellschaft. Bismarck war kühler Stratege und mit seiner damals sehr fortschrittlichen Reform des Wahlrechts hoffte er, die konservative Landbevölkerung hinter sich zu bringen – ein Gedanke, der bis heute fröhliche Urstände feiert, angefangen von der Klientelpflege der CSU im Hinterland bis zum vermeintlich unerschöpflichen Wählerreservoir, das Trump für sich sieht in den Ackerwüsten des Mittleren Westens. Bei Bismarck ging das Kalkül nicht auf, die „Sozialdemokratisierung“ der modernen Gesellschaft ließ sich nicht aufhalten.

In Frankreich wird mit Clément Beaune ein junger überzeugter Europäer nach längerem Anlauf „Europastaatssekretär“. Die SZ verteilt Vorschusslorbeeren und rechnet ihm hoch an, dass er das „alte Übel französischer EU-Politik – die Herablassung besonders kleinen Mitgliedsstaaten gegenüber – glaubhaft abzustreifen versucht.“ (Dass Herablassung auf französischer Seite als ein wesentlicher Auslöser des Krieges von 1870 gilt, darüber sind sich Historiker einig.) Ein arroganter Habitus gehe im völlig ab und er beschäftige sich akribisch mit der Innenpolitik jedes einzelnen, noch so kleinen europäischen Landes. Das könne auch daran liegen, dass er als Kind auf Sommerreisen mit den Eltern die Welt östlich des „Eisernen Vorhangs“ nach 1990 intensiv bereist hat. Reisen kann bilden (muss aber nicht, wie wir inzwischen wissen). Nehmen wir das als eine gute Nachricht und Weichenstellung für die viele Arbeit, die uns in Europa bevorsteht.

Soll das europäische Projekt von Dauer sein, wird die Lösung der Energiefrage eine zentrale Aufgabe sein. Der Streit mit den USA um die Ostseepipelines scheint weiter zu eskalieren, ausgerechnet zu einer Technologie, die ohnehin nur Aspekte der „moyen durée“ lösen kann. Auf lange Sicht kann unter den gegebenen Machtverhältnissen nur eine weitgehende Eigenversorgung mit Energie Europas Bestand sichern. Michael Bauchmüller beleuchtet diesen Aspekt des „European Green Deal“: die schrittweise Dekarbonisierung als „gelebte Sicherheits- und Friedenspolitik“. Immer deutlicher wird, dass Wasserstoff die bedeutsamste Energiequelle werden wird. Eine Entwicklung, die jede Menge Energie freisetzen und damit auch brandgefährlich werden kann. Eine „Wasserstoffgesellschaft“ ist dringend angewiesen auf stabile, sichere Verhältnisse im Inneren wie nach außen. Außenpolitik, Gesellschaftspolitik, Energie- und Wirtschaftspolitik, nicht zuletzt Umweltpolitik sind bei einer wasserstoff-getriebenen Gesellschaft weit enger zusammenzudenken, als in den bisherigen Gesellschaften einfacher Energieträger (die Atomenergie ausgenommen, aber gerade sie hat ja die Schwierigkeiten dieser erforderlichen engen Verzahnung aufgezeigt). Max Hägler berichtet jedenfalls, dass BMW sich jetzt daran macht, seine gesamten Lieferketten auf Umweltverträglichkeit und CO2-Reduzierung abzuklopfen und auszurichten. In den Tag hineinwirtschaften war gestern, strikte Planung und Kontrolle bis in jede Verästelung ist morgen. Was das für eine freiheitliche, pluralistische Gesellschaft bedeutet, ist noch eine Weile zu verhandeln.

Der türkische Präsident Erdogan kann mit solchen „langen Linien“ einer Gesellschaft, die sich ihrer Vergangenheit stellt und versucht, konstruktive Lehren für die Zukunft zu finden, nichts anfangen. Er kapert die Hagia Sophia in Istanbul ein zweites Mal für den Islam. Dabei knüpft er nahtlos an die erste Übernahme 1453 an und lässt den Freitagsprediger mit Säbel in der Hand auftreten. Dieser vertritt unverhohlen die islamistische Lehre, nach der die Zivilisation erst mit Mohammed und die zivilisierte Welt erst mit der Eroberung durch den Islam begonnen habe. Solch primitiver Geschichtsklitterung sollten wir uns weiter hartnäckig verweigern. Wir sollten aber auch eine aufgeklärte Haltung dazu finden, dass der israelische Staat versucht, die Leidensgeschichte von Angehörigen der jüdischen Religion als Totschlagargument für Kritik an seinem Apartheidregime zu missbrauchen. Deutsche Akademiker haben einen offenen Brief an die Kanzlerin geschickt, „in dem sie gegen die Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik protestieren“. Wie können wir religiöse muslimische Regime ablehnen und ein (zunehmend) religiöses jüdisches Regime unkritisiert lassen? Dünnes Eis, ich weiß. Aber Maulkörbe waren noch nie gut und immer dafür da, unliebsame Konkurrenz kategorisch zu verdammen. Man muss sich dann nicht mehr mit den Niederungen der Argumentation befassen.

Lange Linien, überall, von Moses bis … – hier will ich keine Namen mehr nennen, weil die Zeit der Heroen vorbei sein sollte und wir gemeinsam an einer gedeihlichen Fortschreibung der Geschichte werkeln könnten.


Literatur

Süddeutsche Zeitung Nr. 172/2020:
Leo Klimm. Profil: Clément Beaune, S.4
Thomas Avenarius. Im Geist des Eroberers, S. 9
Redaktion. Kritik und Antisemitismus, S. 9
Gustav Seibt. Das ist eine blöde Geschichte, S. 11
Michael Bauchmüller. Mehr Souveränität: Energie für Europa, S. 15
Max Hägler. Weniger Schrott, weniger Kohlendioxid, S. 15

Bildnachweis: Bayerischer Rundfunk

Aufmunterung

„Denn wenn das Glück es so fügt: daß ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muß) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemäß der Idee des Völkerrecht zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.“

(Immanuel Kant. Zum ewigen Frieden. 1795)

Ganz kann ich es doch nicht lassen, mit Rechten zu reden. Einen Blumentopf kann man da nicht gewinnen, aber hin und wieder gelingt es in diesen „Gesprächen“ doch freizulegen, wessen Geistes Kind sie sind. Oder genauer: wessen Geistes Kind sie nicht sind. Wer kommt bei ihnen nicht vor, um wen machen sie einen Bogen bei ihren meist wortreichen Begründungen für einen neuen Faschismus? Kant gehört jedenfalls definitiv nicht zu ihren Heroen. Verständlich: hat er doch dem Faschismus alle Argumente entzogen, bevor der überhaupt in die Welt kam.

Ich muss gestehen, von seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ hatte ich schon gehört, wahrscheinlich zuletzt im Schulunterricht? Dass aber das Leitmotiv für die EU aus seiner Feder stammt, war mir so nicht mehr bewusst. Was für eine schöne Aufmunterung für den heutigen Tag! Und glasklare Orientierung, um was es auch künftig gehen muss.

Gedankensplitter #1

Lynx hätte manchmal gerne die übersichtliche Welt seiner Kindheit zurück, die übersichtliche Welt seines Vaters. Aber nicht die unübersichtliche Welt seiner Großväter: im Vergleich zu deren Welt sind die Herausforderungen und Zumutungen doch noch recht überschaubar. Einfacher wird es voraussichtlich nicht mehr, aber Lynx versucht zu lernen, mit zunehmender Komplexität zu leben, tagtäglich, verschwommene Bilder der in den Sümpfen verschollenen Großväter im Hinterkopf.