Good Move

Facebook kann gute Schlagzeilen vertragen. Meint man, weil es doch so in Verruf geraten ist. Der Aktienkurs zeigt aber, dass der „Turnaround“ längst erfolgt ist. Technologisch haben sie dort nun (fast) alles beieinander, um in die nächste Runde zu gehen (an der eigenen Kryptowährung basteln sie wohl noch), also räumen sie alten Ballast ab. Das bringt, zusätzlich zum ohnehin brummenden Geschäft – gute Schlagzeilen.

Dennoch: der gestern ausgesprochene umfassende Bann gegen einige „namhafte“ rechtsextreme Pöbler, Einheizer und Volksverhetzer ist erfreulich. Und überfällig. Hoffen wir, dass FB auch hierzulande noch fündig wird, das sollte nicht allzu schwer sein.

Die Betroffenen heulen jetzt erwartungsgemäß ihre alte Leier, dass das Zensur sei und gegen „free speech“, das Recht auf freie Meinungsäußerung, gerichtet. Und genauso notorisch lässt sich darauf antworten: nein, ist es nicht. Schon in der Vergangenheit konnte kein Verlag gezwungen werden, Dinge zu veröffentlichen, die ihm nicht gefielen. Und auch heute noch ist es jedem/r unbenommen, die eigene Plattform zu gründen, Fans zu finden und vor allem: Geldgeber. Das macht Mühe. Deshalb kam man in der rechten Szene vor einiger Zeit auf die Idee, zu russischen Social-Media-Plattformen zu wechseln. Super Idee. Ist was daraus geworden? Natürlich nicht, sitzen ja nur die immer gleichen Leute am Stammtisch.

Selbst harmlose Hobbyblogger (willkürlich herausgegriffenes Beispiel) berichten in naiver Offenheit, dass Facebook vor allem anziehend ist wegen seiner Reichweite. Reichweite ist das Stichwort, nichts anderes. Reichweite auch noch für die absurdesten Gedanken, die schlimmsten Verleumdungen. Reichweite für umsonst (vermeintlich). Das war aber nur der Köder. Inzwischen kostet echte Reichweite, auch bei WordPress. Ein legitimes Mittel, den Strom einzudämmen. Und ein Schritt in die weitere Professionalisierung der Datenerhebung und -verwertung.

FB braucht die Agitatoren nicht mehr, die es als Brandbeschleuniger nutzten und damit zugleich massenhaft Leute auf die Plattform holten. Die freiwillig nützlichen Idoten haben ausgedient, der „Narrensaum“ wird abgeschnitten (mit dem Begriff des Narrensaums hat die FPÖ ausnahmsweise einmal ins Schwarze getroffen). Die, die meinen, Relevantes zu sagen zu haben, zahlen dafür. Die, die nicht zahlen wollen, werden zurückgeschickt in private Chats und geschlossene Gruppen, wo sie unter sich bleiben – und FB will dort sogar künftig verschlüsseln und schützen usw. Denn umfassenden Zugang zu den Nutzerdaten und Überblick über das Nutzerverhalten hat FB inzwischen ohnehin. Was da geredet wird, interessiert nur noch nachrangig. Wichtig ist die Auswertung der Interaktionen an sich, daraus lassen sich viel weiter reichende und vermarktbare Schlüsse ziehen. Alles, was dieses Geschäft stört, muss weg. Im aktuellen Fall ist dies wirklich kein Verlust, eher ein Dienst an der Gesellschaft, das will ich FB unumwunden zugestehen. Beim Rest muss jeder selber wissen, wie er es damit hält. Wie sagte gestern ein Ökonomieprofessor: „In dem Augenblick, in dem Geld dafür fließt, dass man die großen Onlinedienste nutzt und somit mit Daten füttert, werden meine Studenten den ganzen Tag nichts anderes mehr tun als Onlinedienste zu nutzen und Daten zu erzeugen.“ Doch solche gekauften Daten seien wertlos, deshalb werden wir weiterhin umsonst liefern müssen. Und hoffen, dass der Gegenwert, also der Nutzen der Dienste und Netzwerke, stimmt. So betrachtet ist FB gestern für mich ein gutes Stück wertvoller geworden (auch wenn ich es nicht nutze…)

Bei FB wird Gold geschürft, echtes Gold. Die Narzissten, die sich allein berauschen am Katzengold aus Likes und Followern und Shitstorms, stören dieses Geschäft. Werden sie es je kapieren?

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