2019.157 | D-Day

Wahrscheinlich war er einer der ersten deutschen Soldaten, die ihr Leben lassen mussten am Tag der großen Invasion. Am Tag der Befreiung. Er war stationiert auf der Halbinsel Cotentin, im Hinterland von „Utah-Beach“. Dort fielen schon in der Nacht, vor der Landung der Schiffe, die amerikanischen Fallschirmjäger vom Himmel, still und leise. Er war als Melder unterwegs, vermutlich alleine, irgendwo zwischen den Hecken der verwinkelten Bocage. Wochen zuvor hatte man ihn für die SS mustern wollen, weil er ein so stattlich gewachsener junger Mann war. Er ist durch’s Clofenster getürmt, vor einer direkten harten Bestrafung konnte ihn der Vater eines Freundes bewahren, der in der Partei war. So musste er „nur“ an die Front, ganz schnell, ganz unvorbereitet. Er wurde 18 Jahre alt. Immerhin haben seine sterblichen Überreste ein Grab gefunden auf einem Soldatenfriedhof in der Bocage. Das ist heute ein ungemein friedlicher und großzügiger Ort, völlig entrückt. Gelegentlich besuche ich sein Grab, obwohl ich ihm im Leben nie begegnet bin. Nur ein paar zufällig zugeteilte Gene verbinden uns. Ich lege dann einen kleinen Strauß wilder weißer Margeriten vor den Grabstein. Sie blühen immer um diese Zeit im Saum der schmalen Landstraße unweit des Friedhofs, wo ich sie gepflückt habe. Er soll ein Mensch voller Möglichkeiten gewesen sein. Vor genau 75 Jahren ist er gestorben, 6.6.44.

Hähnchen

Wenn jemand Fleisch produziert, dann will er das auch verkaufen, wäre ja sonst widersinnig. Dennoch: Einspruch Herr Wesjohann (Wiesenhof-Hähnchen): Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (SZ Nr. 300/2018, S. 22) sagen Sie zur Begründung, warum Fleisch billig sein müsse:

„Den höheren Preis kann sich einfach nicht jeder leisten. Stellen Sie sich eine Familie mit zwei Kindern vor. Die braucht zwei Hähnchen, damit alle satt werden.“

Falsch. Aus Erfahrung sage ich Ihnen: ein Hähnchen aus Ihrem Sortiment (1200 – 1400 g) reicht für eine Familie mit zwei Kindern, locker! Selbst ein kleineres mit rund 1000 g tut es. Gehen wir von 25-30% Knochenanteil aus, bleiben immer noch 750 bis ca. 1000 g Fleisch + Haut übrig: für jeden eine reichliche Portion. Die DGE empfiehlt, pro Woche nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst zu essen – oder umgerechnet zweimal Hähnchen. Pro Familie zwei Hähnchen in einer Woche, nicht zwei Hähnchen pro Mahlzeit, das wäre gesunde Ernährung. (Gut, vielleicht wenn man zwei pubertierende Söhne hat, die vom Fußballtraining kommen. Dann muss es mehr sein, aber das ist eine Durchgangsphase.) Ansonsten reicht ein Hähnchen. Punkt. Bisschen Gemüse dazu schmoren, Kartoffelsalat, grüner Salat. Perfekt. – Das halbe Hendl sei den Saturnalien des Oktoberfests vorbehalten, das kann man schon mal durchgehen lassen, an Festtagen. Alltag sollte sich doch unterscheiden?

Und sehen Sie: übertragen wir das auf die allermeisten Lebenssituationen, dann halbieren wir ganz schnell den Fleischkonsum. Kann Ihnen natürlich nicht gefallen, wäre aber verantwortungsbewusst, das so zu sehen. Und auch so zu vertreten, explizit. Schade, dass die SZ Ihnen Ihre Verkaufe so einfach durchgehen lässt. Aber die SZ muss ja auch von was leben.

Nachweihnacht

Kein Rührstück in vier Tageszeiten aus der Endzeit des Jahres 2018.
Die Betroffenen:

  • Die Großeltern: Großmutter Edeltraud, Großvater Herbert, Pflegerin Milena. Herbert und Edeltraud stammen aus der Weimarer Republik, sind großgeworden im Dritten Reich, hineingewachsen in das, was danach kam und ganz gut damit zurecht gekommen. Druckauflagen von Schulatlanten nach 1945 sind ihnen nicht so geläufig. Wohnen noch im eigenen Haus. Milena stammt aus der Region Osteuropas, die sich jetzt gerne Mitteleuropa nennt. Staaten, wo die Leute instinktiv das richtige tun, aus Lebenswillen, und die Politik instinktiv das falsche, aus empfunden gekränkter Eitelkeit. Milena ist wenig älter als Sabine, die Tochter von Herbert und Edeltraud.
  • Die Eltern: Mutter Sabine, Vater Frank, als erste Generation geboren in der noch existenten Bundesrepublik, Babyboomer par excellence. Hängen auch an ihrer Kindheit, trotz RAF eine offene Zeit. Sind schwerpunktmäßig aber mit den Niederungen des Alltags beschäftigt. Wollen es allen recht machen, den Kindern, den Großeltern, den Kunden, den Arbeitgebern, den Freunden und Bekannten…
  • Die Kinder: Tochter Laura und Sohn Felix, Wendezeitkinder, flügge und altersgerecht schwankend zwischen Zukunftsangst und Aufbruchstimmung. Wohnen nicht mehr zuhause, sind über Weihnachten zu Besuch bei den Eltern, teils aus Anstand, teils aus Verbundenheit, teils, weil es immer noch schön ist.

„Nachweihnacht“ weiterlesen