Trackline #4: Ebbing and Beyond

CJ3s KI-Fähigkeiten übertreffen meine Erwartungen. Dass er die gestrige Tonspur irgendwie fortführen würde, war klar. Aber wie kann er auf mein Hirn zugreifen? Ich hatte ihm nicht erzählt, dass ich gestern abend im Kino war, dennoch entschied er, konsequent, den Lauf in den Südstaaten und im Mittleren Westen rund um den Mississippi fortzusetzen. Rund um Ebbing, Missouri, das rein filmtechnisch ja in den Blue Ridge Mountains liegt, in den südlichen Appalachen zwischen Tennessee und South Carolina. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die Filmbilder über weite Strecken ein Déja-Vu-Erlebnis waren, Jonesborough/TN revisited.

Zum Film ganz kurz: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, der richtige Film zur richtigen Zeit, für meinen Geschmack. Kleine Leute, hinter den sieben Bergen (sic!), weit ab und doch in ihrer kleinen Welt mit Herausforderungen epischen Ausmaßes konfrontiert. Sie gehen ihre Probleme direkt und mit provinziell erscheinender Schlichtheit an. Das führt zu allerlei Gewalt und Verletzungen. Und zu zahlreichen Momenten der Brechung, wo die sicher geglaubten Überzeugungen ins Wanken geraten und manches sich ins Gegenteil verkehrt. Und das Ende ist uramerikanisch, wie aus einem sehr guten klassischen Western. Ohne tiefe Narben kommt man aus der Sache nicht raus, aber man sattelt das Pferd, packt ein paar Habseligkeiten zusammen und macht sich wieder auf, geläutert… Und gönnt man sich den O-Ton, dann ist es eine mitreisende Reise ins nordamerikanische Heartland.

CJ3 malt mir die Bilder mit seiner Trackline noch einmal aus, einen Lauf lang:

J.J.Cale: Cocaine (Troubadour, 1976) – …If you want to get down,/Get down on the ground, cocaine… Ein für die Gegend und das Milieu ein inzwischen typischer Aspekt, der im Film gefehlt hat: Drogen. Alkohol wurde reichlich konsumiert, doch das ist inzwischen wohl nicht mehr das Hauptproblem. Und es gibt Counties, die immer noch Prohibition verordnen.

Eric Clapton: Five Long Years (From the Cradle, 1994) – Claptons Version eines Blues-Klassikers von Eddie Boyd von 1952. Seine etwas fistelige Stimme passt nicht recht, aber der peinigende Gitarrensound: Have you ever been mistreated? You know just what I’m talking about./I worked five long years for one woman, she had the nerve to put me out. – Im Blues (und nicht nur dort) gibt es ein „HeToo-Genre“. Wo es um Sex geht, geht es meist auch um Ökonomie, in beiden Richtungen. Eine unpassende Feststellung, wo doch der Film von einem grauenhaften Sexualmord an einer jungen Frau handelt? Und dieser eklige Typ seine Phantasien sabbert?

Van Morrison: Choppin‘ Wood (Down the Road, 2002) – Martin McDonagh, der Regisseur des Film ist irischer Abstammung, so wie Van Morrison. Der erzählt hier die Geschichte, von einem der sein Glück in Detroit versucht hat und gescheitert heimkehrt nach Nordirland. Das Glück hat sich verflüchtigt, aber irgendwie macht man weiter, …you still kept on choppin‘ wood… Jason Dixon ist im Film dieser Loser, ein rassistischer Unsympath dazu, der unerwartet zum fast mythischen Krieger avanciert. Morrisons R&B-Song singt dahin wie die Baumsäge, in mäßigem Tempo, hin und her, versetzt das Gerät in rhythmische Schwingung.

Herbert Pixner Projekt: Black Orpheus (bauerntschäss, 2010) – Wechselt CJ3 doch das Thema und die Richtung? Nein, es stellt sich heraus, er nimmt einen kleinen Umweg über den richtigen Süden, Lateinamerika und Südtirol. Pixners Band interpretiert ein Bossa-Nova-Stück von Luiz Bonfa, rhythmischer Harfenklang. Von Brasilien geht es durch die Karibik nach New Orleans. Wichtig für den Läufer: das Metrum bleibt konstant, das Gerät schwingt noch immer.

Steve Riley & The Mamou Playboys: Lyons Point (Grand Isle, 2011) – Eine der besten Cajun-Bands, die immer wieder beweist, wie weit Minimalismus führen kann. 2011 traten sie zuletzt in Originalbesetzung auf, auch mit einem wunderbaren Tiny-Desk-Concert, das von diesem treibenden Song eröffnet wird.

Keb‘ Mo‘: Standin‘ At the Station (Just Like You, 1996) – Zeitgenössischer Deltablues mit den bekannten alten Themen: warum der andere und nicht ich? You wanna marry him/Make a family/That’s why I’m standin‘ at the station/Teardrops in my eyes…

Keb‘ Mo‘: Momma, Where’s My Daddy? (Just Like You, 1996) – Jetzt hat sich CJ3 für einen Moment festgefressen, das beweist, wie eigenständig, prägnant dieser Deltablues-Gitarrensound ist. Hier gräbt Keb‘ Mo‘ dicht an den Wurzeln, nahe bei der musikalischen Hütte von Son House am Mississippi.

Van Morrison: High Summer (Back On Top, 1999) – High summer’s got him lonesome/Even when he makes the rounds… Der versponnene Text erschließt sich mir nicht, dafür ist mein Englisch wohl viel zu schlecht. Aber der Song treibt den Läufer noch einmal kräftig voran und führt unweigerlich zu einer Dosis Endorphin. Well done.

Van Morrison: Keep Mediocrity At Bay (Magic Time, 2005) – You gotta fight every day to keep mediocrity at bay… Die Moral wird gleich noch nachgeliefert, aber das ist doch kein schlechter Vorsatz für die nächste Woche. Jason Dixon konnte das ja schließlich auch beherzigen, dort draußen in Ebbing, Missouri.