2020.096 | Fritillaria meleagris

Mein Garten misst 40 m², davon sind vielleicht 25 m² begehbar. Er hat x Ecken und Winkel und beheimatet zahllose Pflanzenarten. Jetzt habe ich Frühjahrsputz und dabei locker 10.000 Schritte gemacht. Netter Spaziergang in die Botanik, auch wenn mancher da aktuell vielleicht eher an Rundlauf im Gefängnishof denkt.

In einem Winkel traf ich die Schachbrettblume wieder, zu meiner Überraschung. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie die letzten beiden Jahre geblüht hätte und hatte sie fast vergessen. Jetzt stand sie da und blühte prächtiger denn je. Ob das an dem etwas verregneten Spätwinter liegt? In einem verbeulten, undichten Blecheimer habe ich ihr ein Kleinstbiotop eingerichtet, einen Mikrosumpf, der weitgehend sich selbst überlassen bleibt. Dort fristet sie ihr Exotendasein. Mein Exemplar stammt aus einem Blumengeschenk vor Jahren. Aber eigentlich ist sie eine selten gewordene Wildpflanze aus unseren Sümpfen und Mooren, von denen es ja auch immer weniger gibt. Sie ist giftig und deshalb sogar im Viehfutter unerwünscht. Hat also mit Zivilisation rein gar nichts am Hut und ist ein echter Wildfang. Insofern ist sie bei mir ganz gut aufgehoben. Und netterweise dankt sie es mir, dass ich sie in Ruhe lasse.

Spatzen

Unter unserem Dach siedelte schon immer eine kleine Spatzenkolonie, in irgendwelchen Winkeln und Nischen. Vor zwei, drei Jahren waren sie von jetzt auf nachher praktisch verschwunden. Es wurde ruhig ums Haus, kein Gezeter, kein Geplärre mehr, kein herumwirbelnder oder herabrieselnder Staub und Dreck. Vermutlich hat ein Virus sie alle dahingerafft, wie es auch einen Winter lang mit den Amseln ging. Auch die waren komplett verstummt. Die Stille der Welt ohne Vögel.

Jetzt sind die Spatzen wieder da, eine kleine Horde, wilde Gesellen. Heute vormittag haben sie sich unter dem Gartentisch um irgendetwas gezofft, das zu klein war, als dass ich es hätte erkennen können. Vermutlich was zu fressen – oder Spatzen-Clopapier? Zugleich saß der Big Boss wieder an seinem Stammplatz auf der Kante der Dachrinne und machte Ansagen. Es ist der gleiche wie vor Jahren aber wohl nicht derselbe. Im Verhalten ändert sich da in Generationen nix. Dieses Exemplar hat, wenn ich es durchs Fernglas beobachte, einen merkwürdig ondulierten rötlichen Federschopf auf dem Kopf, als trüge er ein Toupet. Wenn er seine Botschaften hinausplärrt, plustert er sich so breit, wie es irgend geht. Arg differenziert sind seine Botschaften nie, meist ist es das bekannte eindimensionale „Tschilp! Tschilp!“, so laut wie möglich. Ins amerikanische Englisch wird das übersetzt mit „We are great! We are great!“. Was möglicherweise auf eine Verwechslung zurückgeht, der Spatz ist in Amerika keine autochthone Tierart, nur eingebürgert, ein Migrant. Man muss aber auch auf die Zwischentöne hören, die vernuschelt er gerne, sie enthalten aber meist mehr Information. Heute verkündete er, glaube ich, einen Einreisestopp für auswärtige Spatzen. Am liebsten hätte er aber eine weiträumige Flugverbotszone um sein Nest. Er weiß warum.

Denn bald schon kommt das Räumkommando. Das Spatzentheater währt so knapp zwei Monate, da dominieren die alles. Dann, über Nacht, zunächst unmerklich, wird alles anders. Bewusst wird es mir erst, wenn ich dann eines sonnigen Maimorgens diesen schrillen Schrei in der Luft vernehme, davor war eine sehr milde Nacht. Die Armada aus dem Süden ist eingetroffen und übernimmt handstreichartig das Regime. Die Mauersegler stutzen im Nu die Spatzen auf Spatzengröße zurecht, schmeißen sie aus ihren Nestern und kehren damit zurück an ihre Brutstätten des Vorjahrs. Manchmal gelingt es den Spatzen, ihre Jungen vorher flügge zu bekommen, dann vollzieht sich der Schichtwechsel recht geschmeidig. Manchmal ist es ein Trauerspiel für die Spatzen. Aber es ist dann Sommer, die Mauersegler jagen durch den Himmel über der Stadt, noch viel wildere und lauter kreischende Horden als diese kleinen anarchischen Spatzengangs. Formationsflug, formvollendet und in rasender Geschwindigkeit, avancierteste Flugtechnik. Apokalyptische Reiter der Lüfte? Die Spatzen ducken sich weg, verkriechen sich in die Hecke, dort hört man sie schwatzen. Sie schlagen sich durch.

Das Schauspiel der Mauersegler geht so bis Mitte August, dann sind sie so schnell und leise verschwunden, wie sie gekommen sind. Eines Morgens ist Ruhe. Das geht ein paar Tage, dann trauen sich die Spatzen wieder aus der Hecke und im Frühherbst sitzt der Big Boss wieder auf dem Rand der Dachrinne, frisch geföhnt. Und tut so, als wäre nix gewesen. Und unten am Boden zoffen sie wieder. Oder spielen sie nur? Und werden sie den Winter überstehen?

Hermann Lenz hat dazu ein treffend-knappes Gedicht geschrieben, von den Spatzen und ihrer geschäftigen Weltvergessenheit.

Der Juni ist da mit Rosen und Spatzen
Auf der Dachrinne und im Gebüsch,
Als hätten sie, nur weil ihr Tisch gedeckt ist,
Den vergessen, der hinter den Blättern steht.

Hermann Lenz

Kleine Meditation über das Kärchern

Macht kärchern dement oder ist es eine Form der Meditation? Ein Nachbar einige Häuser weiter kärchert seit Tagen seine geschätzt 12 m2 Terrasse und 20 m2 Garagenvorplatz, lässt es lautstark durch die Siedlung dröhnen. Bislang ertragen es alle mit Engelsgeduld – so lange er keinen anderen Unfug anstellt.

Er steht da und bewegt sich in minimaler Geschwindigkeit weiter, eine Schnecke ist ein Rennpferd dagegen. Schaut vor sich auf den Boden – ob er etwas sieht oder nur gedankenversunken vor sich hinstarrt? Der Strahl aus seiner Lanze trifft unbarmherzig noch die kleinsten Poren auf dem Pflaster und in den Fugen. In regelmäßigen Abständen betätigt er das Ventil, stoppt kurz die Pumpe, dröhnt dann wieder los. Wie ein Taktgeber. Wie bei einer Perle am Rosenkranz. So ist das vielleicht, wenn man im Maschinenzeitalter sozialisiert wurde: man kann die Stille nicht ertragen, nicht einmal beim Nachdenken, Beten, Meditieren. Oder bei der Gartenarbeit, die doch auch vielen als Entspannung gilt. Immer muss eine Maschine dabei sein und das Bewusstsein zudröhnen. Dabei könnte er es so schön haben in seinem Gärtchen mit genug Platz für Blumen, Insekten, Vögel, städtisches Wildlife eben. Nein, er kärchert das lieber weg, bevor es ihm über den Kopf wächst. Das ist wahrscheinlich seine tiefsitzende Angst: die Wildnis übernimmt (und Kärcher muss ja auch von was leben).

Vielleicht ist er aber auch ein Pionier der Wildnis? Mit dem Gekärchere verhindert er zuverlässig, dass sich irgendwelche stabilen Verhältnisse auf seinen Pflasterflächen und in den Fugen einstellen. Dass dort eine gewisse Ruhe einkehrt und ein Ökosystem sich festsetzt. Nein, er fährt dazwischen, deus ex machina, und setzt die Verhältnisse auf Null zurück. Vertreibt die Alteingesessenen und schafft Platz für Neues: Lebensraum für Pionieralgen oder woanders vertriebene Insekten, die hier vielleicht eine Zuflucht finden können, weil sonst niemand da ist. Ein Heim für Flüchtlinge! (Das ist vermutlich das letzte, was er will, aber das kommt dabei heraus.) – Auf was für Gedanken man kommt, wenn man beim Kärchern zuhören muss. – Jetzt ist wohl die Pumpe verstopft, es ist Ruhe eingekehrt. Vorübergehend. Am wahrscheinlichsten ist, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, das lässt sich auch nicht mehr wegkärchern. Alles fließt (nicht immer).

Der (ewige) Gärtner

Heute nacht hat der Wind ein wenig ums Häuschen gepfiffen, jetzt flockt es draußen wieder herum, schmuddelwintermäßig. Aber eigentlich nimmt das Frühjahr schon spürbar Anlauf und ich muss mir allmählich Gedanken machen, was ich dieses Jahr mit meinem Minigemüsebeet anstelle. Aber erst muss ich den Apfelbaum noch schneiden, dazu hätte ich es gerne ein bisschen sonnig bitteschön. Also zurück zur Zeitung.

Dort lese ich, dass ein verdienter Mittelalterhistoriker, Johannes Fried, sich auf seine alten Tagen ein paar Überlegungen und Spekulationen erlaubt, wie das „wirklich“ gewesen sein könnte, damals auf Golgatha, medizinisch betrachtet. Kann es nicht sein, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten (Johannes 19, 33-34), der zum Abfluss von angestautem Blut und Wasser führte, gewirkt hat wie eine Pleurapunktion, wie man sie heutzutage ausführt? Und dass Jesus lediglich tief ohnmächtig, quasi narkotisiert war, als man ihn ins Grab legte, infolge der Verabreichung von Essig (ebd. 29-30)? Und dass er, nach dem Erwachen aus der Narkose, von weißgewandeten Männern (den Engeln) fortgebracht wurde? Als er wieder hergestellt war, könnte er den Rest seines Lebens gut versteckt verbracht haben, „wahrscheinlich als Gärtner“, so die Mutmaßung. Warum gerade als Gärtner? Dazu müsste ich das Buch wohl lesen. Mal sehen. (1)

Vielleicht liebte Jesus Rosen? Und zog sie für seine angeblich große Liebe Maria Magdalena? Vielleicht lebten sie noch lange fort in stiller Eintracht, Philemon und Baucis von Jerusalem?

There are all kinds of roses
But none are as handsome
As the ones that your own hands have grown
They bring as much hope
Leave as much satisfaction
As anything I’ve ever known

Vergangene Nacht wurden in den USA die Grammys verliehen und, hi folks: die Punch Brothers holten sich die verdiente Auszeichnung in der Kategorie „Best Folk Album“ mit ihrem letztjährigen Album „All ashore“, das man nicht genug preisen kann. Tags zuvor unkten sie noch, sie flögen lediglich hin, um zu bezeugen, dass Joan Baez den Titel davon tragen würde. Doch die Jury war erfreulich zukunftsorientiert, die Zeiten sind danach. Die obigen Zeilen sind dem (schwächeren) Song „The Gardener“ des prämierten Albums entnommen, der letzte Vers allerdings lautet:

May green grow the grass underneath our children’s feet

Ein wiederkehrendes Motiv in der aktuellen Musik der PB, fast schon ein Beschwören der amerikanischen Ideale vom Gemeinsinn und Zusammenhalt, gepaart mit lakonischer Zeitdiagnose: „Just look at this Mess“ heißt ein anderer Song. Jedenfalls: herzlichen Glückwunsch von einem „Big Time Friend“!

Womit wir bei der Kategorie „erwachsener Mensch des Tages“ wären: Timothy Springer ist ein US-Biochemiker aus Boston, der wissenschaftlich Wesentliches geleistet hat, aber auch einen gesunden Sinn für’s Investieren besitzt und es damit zu erklecklichem Wohlstand gebracht hat. Auf die Frage, ob er sich von seinem vielen Geld vielleicht nicht eine schicke Villa am Meer oder in den kalifornischen Hügeln leisten möchte, antwortet er nur: „Kein Bedarf“. Denn: „Wenn wir den Sommer über weggehen, wer kümmert sich dann um die Gemüseernte?“ (2)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Rudolf Neumaier: Atmen kann man auch mit einem Lungenflügel. SZ Nr. 35/2019, S. 9; Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. C.H.Beck, München 2019
(2) Claus Hulverscheidt: Der Millionen-Professor. SZ Nr. 35/2019, S. 17

Buchsbaumzünsler: Wespen helfen

Jetzt wüten sie auch bei mir, die gefürchteten Buchsbaum-Schädlinge. An einer Stelle, wo ich dachte, dass die Biodiversität in meinem wilden Garten nicht so ausgeprägt sei, habe ich mich heute früh entschlossen, die Wirkungsweise von Spritzmittel auszuprobieren. Unter’m Spritzen fiel mir schon auf, das recht viele Wespen um mich herum waren und ebenfalls gezielt den Buchs anflogen, mit dem ich gerade beschäftigt war. Bis ich dann entdeckte, wie eine Wespe eine Raupe in der Mitte durchschnitt und sich am saftigen Inhalt labte: frische Shrimps für Wespen sozusagen und eine derzeit reichlich vorhandene Eiweißquelle.

Wenn sich das herumspricht in der Wespen-Community, dann haben die Zünsler jedenfalls einen wirksamen Gegner mehr. Ich bilde mir auch ein, einzelne Schlupfwespen gesehen zu haben, die wären ebenfalls sehr wirkungsvoll. Jetzt hoffe ich nur, dass mein Spritzmittel den Wespen nicht schadet. An anderer Stelle werde ich jedenfalls versuchen, die Kooperation mit den Wespen ohne Gift und mit Handarbeit zu intensivieren.