Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

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Der (ewige) Gärtner

Heute nacht hat der Wind ein wenig ums Häuschen gepfiffen, jetzt flockt es draußen wieder herum, schmuddelwintermäßig. Aber eigentlich nimmt das Frühjahr schon spürbar Anlauf und ich muss mir allmählich Gedanken machen, was ich dieses Jahr mit meinem Minigemüsebeet anstelle. Aber erst muss ich den Apfelbaum noch schneiden, dazu hätte ich es gerne ein bisschen sonnig bitteschön. Also zurück zur Zeitung.

Dort lese ich, dass ein verdienter Mittelalterhistoriker, Johannes Fried, sich auf seine alten Tagen ein paar Überlegungen und Spekulationen erlaubt, wie das „wirklich“ gewesen sein könnte, damals auf Golgatha, medizinisch betrachtet. Kann es nicht sein, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten (Johannes 19, 33-34), der zum Abfluss von angestautem Blut und Wasser führte, gewirkt hat wie eine Pleurapunktion, wie man sie heutzutage ausführt? Und dass Jesus lediglich tief ohnmächtig, quasi narkotisiert war, als man ihn ins Grab legte, infolge der Verabreichung von Essig (ebd. 29-30)? Und dass er, nach dem Erwachen aus der Narkose, von weißgewandeten Männern (den Engeln) fortgebracht wurde? Als er wieder hergestellt war, könnte er den Rest seines Lebens gut versteckt verbracht haben, „wahrscheinlich als Gärtner“, so die Mutmaßung. Warum gerade als Gärtner? Dazu müsste ich das Buch wohl lesen. Mal sehen. (1)

Vielleicht liebte Jesus Rosen? Und zog sie für seine angeblich große Liebe Maria Magdalena? Vielleicht lebten sie noch lange fort in stiller Eintracht, Philemon und Baucis von Jerusalem?

There are all kinds of roses
But none are as handsome
As the ones that your own hands have grown
They bring as much hope
Leave as much satisfaction
As anything I’ve ever known

Vergangene Nacht wurden in den USA die Grammys verliehen und, hi folks: die Punch Brothers holten sich die verdiente Auszeichnung in der Kategorie „Best Folk Album“ mit ihrem letztjährigen Album „All ashore“, das man nicht genug preisen kann. Tags zuvor unkten sie noch, sie flögen lediglich hin, um zu bezeugen, dass Joan Baez den Titel davon tragen würde. Doch die Jury war erfreulich zukunftsorientiert, die Zeiten sind danach. Die obigen Zeilen sind dem (schwächeren) Song „The Gardener“ des prämierten Albums entnommen, der letzte Vers allerdings lautet:

May green grow the grass underneath our children’s feet

Ein wiederkehrendes Motiv in der aktuellen Musik der PB, fast schon ein Beschwören der amerikanischen Ideale vom Gemeinsinn und Zusammenhalt, gepaart mit lakonischer Zeitdiagnose: „Just look at this Mess“ heißt ein anderer Song. Jedenfalls: herzlichen Glückwunsch von einem „Big Time Friend“!

Womit wir bei der Kategorie „erwachsener Mensch des Tages“ wären: Timothy Springer ist ein US-Biochemiker aus Boston, der wissenschaftlich Wesentliches geleistet hat, aber auch einen gesunden Sinn für’s Investieren besitzt und es damit zu erklecklichem Wohlstand gebracht hat. Auf die Frage, ob er sich von seinem vielen Geld vielleicht nicht eine schicke Villa am Meer oder in den kalifornischen Hügeln leisten möchte, antwortet er nur: „Kein Bedarf“. Denn: „Wenn wir den Sommer über weggehen, wer kümmert sich dann um die Gemüseernte?“ (2)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Rudolf Neumaier: Atmen kann man auch mit einem Lungenflügel. SZ Nr. 35/2019, S. 9; Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. C.H.Beck, München 2019
(2) Claus Hulverscheidt: Der Millionen-Professor. SZ Nr. 35/2019, S. 17

Bierdeckel-Kompass

Seit man keinen Kompass mehr braucht, um sein Ziel auch in unübersichtlichem Gelände zu erreichen, scheint manchen Menschen das Orientierungsvermögen abhanden zu kommen. Den Kompass konnte man nur sinnvoll nutzen, wenn man seine Anzeige mit der realen Welt um einen herum in Beziehung setzte, ja, manchmal musste man peilen. Braucht es nicht mehr: man starrt auf das Smartphone-Display, lässt sich vom GPS leiten und stolpert blind und ahnungslos vor sich hin. Das Drumherum nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Und wenn man seine Apps und Dienste „richtig“ eingestellt hat, dann kriegt man eh nur noch das angezeigt, was einen „interessiert“, Anderes spielt eigentlich keine Rolle mehr, wahr ist, was auf dem Display steht. Doch die Welt bleibt ein unübersichtlicher Wald und ein guter Kompass hilft immer noch.

Auf einem Bücherflohmarkt ist mir beim Herumstreunen ein kleiner Schatz in die Hände gefallen, eine Sammlung von Aufsätzen als Nachbereitung eines Kongresses, der im Dezember 1986 in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Internationale Design Zentrum Berlin (IDZ) und es ging um „Design der Zukunft“. Intellektuelle aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Denkrichtungen trugen den Stand ihres Wissens zusammen und tauschten sich aus, unter Leitung des kundigen Fährtensucher Lucius Burckhardt (den wir immer noch schmerzlich vermissen). Natürlich ging es um die Doppelsinnigkeit des Themas, mit einer gewissen Unwucht aber vorrangig um die Fragestellung, wer unsere Zukunft macht, welche Spieler auf dem Spielfeld sind und welchen Impulsen oder Zielvorstellungen sie folgen.

Michael Thompson, ein britischer Mathematiker, Anthropologe und Querdenker, der sich mit Kommunikationsprozessen von Entscheidungsträgern beschäftigt, hat den Spielball aufgegriffen und einen instruktiven Kompass entworfen, der tatsächlich auf einen Bierdeckel passt, und einem hilft, sich gesellschaftlich zu verorten und die eigenen Interessen besser kennenzulernen und zu verfolgen. Ganz nebenbei ist es ein großer Spaß, allerlei andere Dinge, die um einen herum passieren, einzuordnen oder sie zumindest mittels dieses Kompasses einer kleinen Überprüfung zu unterziehen.

„Bierdeckel-Kompass“ weiterlesen

Gedankensplitter #1

Lynx hätte manchmal gerne die übersichtliche Welt seiner Kindheit zurück, die übersichtliche Welt seines Vaters. Aber nicht die unübersichtliche Welt seiner Großväter: im Vergleich zu deren Welt sind die Herausforderungen und Zumutungen doch noch recht überschaubar. Einfacher wird es voraussichtlich nicht mehr, aber Lynx versucht zu lernen, mit zunehmender Komplexität zu leben, tagtäglich, verschwommene Bilder der in den Sümpfen verschollenen Großväter im Hinterkopf.

Mantra #4

Meiner Ansicht nach sind jene Leben am schönsten, die sich ins allgemeine Menschenmaß fügen, auf wohlgeordnete Weise, ohne Sonderwünsche, ohne Wundersucht. (Michel de Montaigne)

Was für ein Langweiler? – Montaigne ist seit Jahrhunderten das probate Gegengift gegen die Hybris der Welt. Denn Hybris ist nichts Neues, bei weitem nicht. Und Wichtigtuer, aufgeblasene Egomanen auch nicht, gab es zu seiner Zeit mehr als genug. Montaigne ist Graswurzel, gehört zum Wurzelgeflecht. Die Bäume eines Waldes kommunizieren über die Wurzeln miteinander, unsichtbar, subcutan sozusagen. Auch wenn es oben stürmt. Verrichten ihre Arbeit, ziehen Kraft, stärken sich.

Klingt doch arg nach Wort zum Sonntag. Kultivierte Langeweile. – Ja und? Man ist ganz schön damit beschäftigt, eine kultiviert langweilige Lebenshaltung zu entwickeln und zu erhalten. Nicht zu verwechseln mit „gelangweilt“ übrigens. Das ist das Larvenstadium der Wundersucht.

Luftleerer Raum

Aufgewacht mit der Frage, was man den Menschen anbieten kann, dass sie freiwillig auf die Irrationalität, die sich so gefährlich ausbreitet, verzichten. Was ist das bessere Angebot, was ist verlockender? Man kann ja niemanden zwingen, vernünftig zu sein. Im Einzelfall mag das persönlich tragisch sein, aber wurscht. Wenn ganze Nationen sich der Unvernunft ausliefern, ist tragisch kein Ausdruck mehr.

Dann gelesen, dass Habeck in diesen Tagen unterwegs ist, um sich ein Lagebild zu verschaffen. Auf der Suche, nach der verbindenden, viele aufmunternden Idee. Kluger Einfall: unterm Hermannsdenkmal über Demokratie diskutieren. Hinweis der geladenen Historiker: über Verstand habe man in Deutschland [und nicht nur da] vieles hinbekommen seit dem letzten Krieg. Die „Selbstverständlichkeit der Demokratie“ habe jedoch emotional einen „luftleeren Raum“ entstehen lassen, anstatt Leidenschaft für sie zu wecken.

Was ist also die zündende Idee, die den Gemeinsinn und die Begeisterung für die Demokratie entfacht und die Leute aus der Daddel-Agonie erwachen lässt?

Habeck und die Seinen haben wenigstens erkannt, wo man ansetzen muss und dass es dafür inzwischen mehr braucht, als ein paar salbungsvolle Worte. Bleibt zu hoffen, dass sich viele anschließen, gerade auch aus der eigenen Grünen Partei heraus. Und auch die SPD (ceterum censeo) sollte endlich kapieren, dass es im Leben nicht nur um Rentnerbeglückung geht.

Mantra #3

Grußwort an den AfD-Bundesparteitag in Augsburg:

„Ich glaube, es ist eine traurige Wahrheit, dass wir unserem Affenzustand noch recht nahe sind. Und dass die Zivilisation nur eine sehr dünne Decke ist, die sehr schnell abblättert.“ (Fritz Bauer)

Fritz Bauer (1903 – 1968) war Generalstaatsanwalt in Hessen. Er gab dem Mossad den entscheidenden Hinweis auf Adolf Eichmann, der sich nach Südamerika verkrochen hatte, und war in seinen Funktionen und an vielerlei Stellen, entgegen vieler Widerstände aus dem System, einer der entschiedensten Aufklärer über den Nationalsozialismus in der jungen Bundesrepublik. Er hat, als Zeitzeuge der 1920er Jahre, zum Beispiel klar gemacht, dass es schon in den Frühzeiten des aufkommenden Nationalsozialismus (in München) eine Menge Leute gab, die mit dem Begriff „Humanität“ nichts anfangen konnten/wollten und „Humanität“ immer gleich mit „Humanitätsduselei“ gleichsetzten. Woran erinnert uns das?

Dazu anschauen: https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/fritz-bauer-a-280207.html

Unterbelichtung?

Die Verstörung, die Houellebecqs „Unterwerfung“ auslöste ist bekannt, die Verfilmung von und mit Edgar Selge hat diese Verstörung gestern abend schaurig schön in unsere gemütlichen Wohnzimmer einsickern lassen. Richtig verstörend wurde es aber erst hinterher, als sich auf eine geradezu zynische Weise offenbarte, dass unsere Gesellschaft anscheinend wirklich bereits so erschlafft ist, wie H. das unterstellt. Wenigstens ihre medialen Vertreter*innen sind das.

Der Spiegel meint ja, der Grund dafür, dass Maischbergers Talkrunde nach dem Film so gründlich schief ging, läge am Überdruss an solchen Formaten und der Lustlosigkeit, mit der sie mittlerweile vorbereitet und präsentiert werden. Wenn dem so ist, dann besitzen sie jedenfalls genau das einschläfernde Potential, dessen sich die Feinde unserer Lebensform bedienen (werden). Jedenfalls war es tatsächlich schockierend mitanzusehen, wie da einer sitzen kann und nahezu unwidersprochen die Axt anlegt an eine laizistisch verfasste Gesellschaft.

Dem sehr chauvinistisch agierenden Herr Yildiz von der AKP-nahen BIG-Partei, die in deutsche Kommunalparlamente strebt, fuhr leider niemand in die Parade. Frau Kelek war (einmal mehr) überfordert, ihren Standpunkt klarzumachen. Herr Fleischhauer (Spiegel) nahm alles irgendwie ironisch und auf die leichte Schulter, Erschlaffung pur. Frau Klöckner war zwar streitlustig und bekenntnisfreudig, aber so hitzig im Gefecht, dass sie es versäumt hat, den richtigen Stich zu setzen. Und Frau Gaus (taz) war immerhin wach und die einzige, die nachvollziehbar und konsistent argumentierte, wenn auch vielleicht noch immer zu gutgläubig (was sie selber konzidierte). Fast hätte man sich Söder gewünscht, allerdings nicht im Wahlkampfmodus.

Was war der Punkt? Alle Diskutant*innen ließen es Herrn Yildiz durchgehen, dass er permanent das Grundgesetz missbrauchen durfte, in dem er auf der garantierten Religionsfreiheit herumritt, die für ihn offenbar das Schlüssel-Grundrecht darstellt und für ihn zu legitimieren scheint, dass wir uns in eine Gesellschaft entwickeln können/sollen, die maßgeblich von religiösen Werten und Riten geprägt sein soll. Da wurde dann viel mit Gleichberechtigung dagegegen argumentiert, aber niemand hat ihm gesagt:
Bevor in Art. 4 von der Religionsfreiheit die Rede ist, wird in Art. 3 die Gleichberechtigung der Geschlechter festgestellt und in Art. 2 das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Von Art. 1 gar nicht zu reden.

Ich bin kein Verfassungsrechtler, aber meines Wissens ist die Reihenfolge der GG-Artikel bedeutsam. In der Frage einer Güterabwägung ergibt sich daraus ein kaskadierendes Wertesystem. Für den Fall Yildiz heißt das konkret: es gibt nichts zu diskutieren, inwieweit Gleichberechtigung in der Ausübung der Religion als Religionsfreiheit auszuformen sei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: die freie Religionsausübung hat sich den höherrangigen Werten, also der freien Perönlichkeitsentfaltung und der Gleichberechtigung unterzuordnen. Und zwar immer und immer auf der persönlichen Ebene, für jede einzelne Person dieser Gesellschaft, nicht für Familien, Clans oder sonstige Gruppen, sondern für jede Frau, jeden Mann, jedes Kind einzeln.
Und so lange Muslimverbände oder eine BIG nicht glaubhaft vertreten, dass sie diese verfassungsgemäße Haltung teilen, ist ihnen zu misstrauen.

Warum lässt man es ihnen durchgehen, dass sie nicht-gleichwertige Verfassungsgrundsätze als gleichwertig gegeneinander ausspielen? Das sind doch genau die Leimruten, die Houellbecq meint.
Warum haben wir keine Politiker oder Intellektuellen, die eine solche Unterscheidung glasklar und unmissverständlich vortragen? Und klarstellen, dass dieser Staat an dieser Front keine (falsche) Toleranz kennt (So hoffe ich wenigstens).

Stellvertreterschimpfer – Lesch und Vossenkuhl erklären die Welt

Da sitzen sie auf dem grünen Sofa, Gläschen Rotwein in der Hand und „diskutieren große Fragen unserer Zeit“. Die Literarische Gesellschaft Gräfelfing hatte geladen und den beiden bewährten Herren die Frage ausgegeben: Was ist zu tun?

Ein bewährtes Format des Bayerischen Fernsehens kommt auf die Bühne: der medial sehr präsente und beredte Astrophysiker Harald Lesch und der sonor plaudernde Philosoph Wilhelm Vossenkuhl zelebrieren ihren gedankenschweren Meinungsaustausch (oder meinungsschweren Gedankenaustausch?) und lassen das Publikum live teilhaben. Eine Ehre? Ein anregendes Vergnügen? Eine intellektuelle Lust, weil es nur so spritzt und blitzt von Esprit?

Als roter Faden des Gesprächs dient die Frage nach der Politikverdrossenheit bzw. warum „die Leute“ das Vertrauen in die Politik verloren haben. Die Ereignisse in Berlin mit dem Abbruch der Jamaika-Sondierung geben aktuellen Anlass und wunderbaren Aufhänger – für eine Stammtischrunde. Wie man es von dort kennt, trägt jeder bei, was ihm gerade dazu einfällt und was ihn warum in diesem Zusammenhang stört: Unüberschaubare Komplexität moderner Gesellschaften, Landgrabbing der Chinesen in Afrika, Krieg ums Wasser im Nahen Osten, Agrarfabriken und Trinkwasserbelastung in Deutschland, die Schuhschachteln der Discounter am Ortsrand und die Abwanderung aus Oberhessen, fehlende Bescheidenheit und die Gier der Shareholder (was sich aus dem Mund von Leuten mit üppigen Staatspensionen immer besonders überzeugend anhört) – und überhaupt: die durchgeknallten Amerikaner.

Und dann: Migration. Da tut sich Vossenkuhl prononciert hervor: man wolle ja nicht einer unappetitlichen Partei das Wort reden. Aber das ganze Thema sei ein arges Tohuwabohu, begonnen bei den Formulierungen der Verfassung über die aktuelle rechtliche Zuständigkeit bis zu den Kosten. 22 Mrd . € würden die Migranten uns jährlich kosten, nicht einmal ein Viertel davon würden wir für Strukturhilfe in den Herkunftsländern aufwenden. – Den Finger in eine offene Wunde gelegt, mehr aber auch nicht: der Philosoph bietet nicht einmal einen Ansatz, wie man sich gedanklich der Problematik annähern könnte.

Lesch lobt dafür ausdrücklich die bayerische Ministerialbürokratie (ob das dem Publikum im Speckgürtel geschuldet ist?) und ihre effiziente und hochqualifizierte Arbeit, die sie eigentlich auch ohne Politiker gut ausführen kann. Und beklagt ein paar Takte später, dass Steuerparadiese nicht von der Finanzverwaltung aufgedeckt und dichtgemacht werden, sondern dass es dafür die private Presse braucht. War da ein Widerspruch?

Komplexität und zunehmende Verdrossenheit: Lesch nähert sich einer vertiefteren Betrachtung des Themas immer wieder an, belässt es dann aber doch meist beim Schimpfen. Er wolle ja nicht sagen, früher sei alles besser gewesen, aber…: die Gesellschaft war einfacher organisiert, die Abläufe kleinräumiger strukturiert, die alte Geschichte vom Tante-Emma-Laden, die Leute seien mit weniger Geld ausgekommen und hätten auch gut gelebt, ach ja… Ja, und?

Hätte man nicht erwarten können, dass die beiden Koryphäen uns ein wenig Einblick geben in die Wirkungsweise des Neoliberalismus? Wie er Komplexität künstlich erzeugt, um damit Geschäftsmodelle zu generieren? Wie Juristen und Lobbyisten jede Gesetzeslücke entweder ausnutzen zur Profitmaximierung oder jede Lücke besetzen, rechtlich ausgestalten, jeden nur oberflächlich geklärten oder gestalteten Sachverhalt vertiefen und breit regeln, nur um daraus neue Geschäfte abzuleiten? Dass diese Juristen und Lobbyisten inzwischen einen Großteil unserer Gesetze schreiben und der Bundestag sie nur noch abnickt? Und dass damit alles immer komplizierter und zugleich undemokratischer wird? Am Beispiel des von Lesch ausdrücklich (zu recht) gelobten öffentlichen Rundfunks und des dort immer noch bestehenden Privatisierungsdrucks (will auch die AfD) hätte er das exemplarisch gut ausführen können.

Aber auch dass unser ganzer Individualismus, der Anspruch von allen und jedem, als etwas Besonderes, Eigenes wahrgenommen zu werden, Komplexität erzeugt. Unser gesellschaftlicher Anspruch der Teilhabe von allen an allem. Keiner bleibt zurück – auch dieser Anspruch schafft neue Tätigkeitsfelder, Geschäftsmodelle und – Komplexität. Wir profitieren alle davon und wir leiden alle darunter. Wir verdienen irgendwie alle daran, vergessen aber darüber den Gemeinsinn. Gerade der Begriff des „Gemeinsinns“ schwang zwischen den Zeilen oft mit, fiel aber expressis verbis kein einziges Mal – vielleicht auch ein Symptom?

Hätte man nicht solche Gedanken etwas ausführen und mit all dem breiten Wissen, das die beiden mit Sicherheit haben, unterfüttern können, um den geneigten Zuhörern etwas Wegzehrung mitzugeben?
Wären wir nicht ein Stück weitergekommen, wenn nicht nur Defizite und Probleme aufgezählt worden wären, sondern wenn man sie auch als Widersprüche (und teils auch Lebenslügen) kenntlich gemacht hätte? Dialektik der Aufklärung klang einmal kurz an: die Aufklärung trage den Keim der Gegenaufklärung (wie wir sie gegenwärtig in Teilen der Gesellschaft erleben) bereits in sich. Wir bräuchten eine „neue Aufklärung“ (Vossenkuhl).

Das örtliche Gymnasium hatte eine Delegation von 40 Schülern und etliche Lehrer in die Veranstaltung entsandt. Am Ende stand vielen eine gewisse Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Und man kann nur hoffen, dass die Lehrer eine Nachbereitung mit den Schülern durchführen: Nein, Leute! Nicht alle Professoren und Philosophen sind alte S…., äh ältere Herren, die auf grünen Loriot-Sofas Rotwein trinken und über die Traurigkeit der Welt lamentieren. Habt (trotzdem) Mut zu Bildung und Wissenschaft, denn nur dort liegt der Keim zur Lösung der großen Fragen unserer Zeit. Wir brauchen dringend Nachwuchs! Und meinetwegen auch eine neue Aufklärung. Aufklärung ist nie genug.

Bildrechte: Bayerischer Rundfunk, br.de, verändert von lynx

Hemd und Hose

Christian Lindner und seiner FDP ist das Slim-fit-Hemd näher als die langstreckentaugliche, unschicke Wanderhose. Oder wie soll man den Ausstieg der FDP aus den Jamaika-Sondierungen verstehen? Wieder einmal FDP pur: Aufmerksamkeit, Randale, quietschbunte Knallbonbons. Diesen Prinzipien bleibt die FDP seit Möllemann stets treu. Staatstragend war gestern.

Auch weiß man nicht so recht, ob die FDP nun den Büttel der AfD macht? Oder ob sie sich für den Piranha hält, der die AfD demnächst abfieselt? Ober ob es nicht eher umgekehrt kommen wird? Jedenfalls wird der Krawall Rechtsaußen zunehmen. Vielleicht hat das aber auch sein Gutes, weil sie sich so gegenseitig in Schach halten.

Eine Minderheitsregierung wird jetzt wieder ins Spiel gebracht. Charmanter Gedanke, häufig bewährt – in Ländern, die keine Rolle spielen, global betrachtet. Ist das eine ernstzunehmende Option für Deutschland, das als globaler Akteur mehr und mehr in die Pflicht genommen wird bzw. gezwungen ist, als solcher aufzutreten? Gerade bei dieser Thematik zeigt sich die Kurzsichtigkeit, Kurzatmigkeit der FDP. Speeddating. Und das war’s? Was für eine Freude für all die Autokraten, die uns ans Leder wollen und denen ein marginalisiertes, mit sich und seinen kleinen Parteieneitelkeiten beschäftigtes Deutschland und Europa, gerade recht kommt.

​Mehr Solidarität wagen (2)

Lynx und sein Bauchgefühl sind also nicht ganz allein, wie schön. Von seinem Küchentisch aus Ausschau haltend, sind drei Wanderer vorbeigekommen und haben sich unterhalten. Nachzulesen heute in der Süddeutschen Zeitung. Alex Rühle spricht mit David Begrich aus Magdeburg und dem Soziologen Thomas Wagner. Hier der für Lynx zentrale Ausschnitt:

Rühle: Welche gesellschaftlichen Erzählungen dominieren derzeit?

Begrich: Es gibt momentan überhaupt nur zwei Deutungsvorlagen, die liberal-neoliberale von der Selbstoptimierungsideologie und die neoliberal-rechtsautoritäre vom gemeinsamen Volk unter schützender Führung. Was fehlt, ist die dritte Erzählung: die sozialdemokratische, die eine Antwort gäbe, wie man die Gesellschaft zusammenhält über Begriffe wie Solidarität.

Wagner: In dem Punkt gebe ich Ihnen rundum recht. Große Teile der SPD haben sich dem neoliberalen Dogma verschrieben, Teile der Linken schielen nach Regierungsverantwortung. Beide Parteien haben ihr Stammpublikum aus den Augen verloren. Man muss dringend diese linke, soziale Erzählung wieder stark machen.

Rühle: Woher die Dringlichkeit?

Wagner: Kubitschek und seine Leute strotzen so vor Selbstbewussten, weil sie hoffen, diese sozialdemokratische Erzählung mitübernehmen zu können…

Im Anschluss darauf verweist Wagner auf den rechten Sozialwissenschaftler Benedikt Kaiser, der in Kubitscheks Verlag veröffentlicht. Der sagt, dass die Linke ihre Erzählung [von der Solidarität] ohnehin aufgäbe und es bestehe die  „historische Chance, sie zu übernehmen“.

So weit wollen wir es doch nicht kommen lassen, oder?
Also liebe Genossen, raus aus Federn und ran den Speck. Lynx wird es euch so lange nachrufen, bis ihr es in eurer Schwerhörigkeit endlich hört. (Oder bis er in die Reichweite eurer tauben Ohren vorgedrungen ist).

Quelle: Waffen des Lichts, SZ Nr. 249, 28./29.10.2017, S. 17

Mehr dazu: Mehr Solidarität wagen! – Kleine Anregung zur Reformierung der SPD

Mehr Solidarität wagen! – Kleine Anregung zur Reformierung der SPD

Martin Schulz hat die grundlegende Erneuerung der SPD ausgerufen. Wird ja auch Zeit. Er sollte dabei kürzlich getroffene personelle Weichenstellungen ebenfalls nochmals kritisch prüfen. Viel wesentlicher ist aber, dass die Partei ihre Wählerschaft drastisch verjüngen muss. Jörg Schönenborn (ARD) hat am Wahlabend in Niedersachsen sehr eindrücklich vorgeführt, wo das derzeitige Wählerpotential liegt: bei den Alten, die sich über Wahlplakate im Stil der 50er Jahre freuen. Wie soll das in die Zukunft führen?

Die SPD hat hier ein Problem: sie wird zunehmend als die Partei wahrgenommen, die den heute Alten die Renten sichert. Dass das die Spielräume für die aktuell Erwerbstätigen und noch viel mehr für die Nachwachsenden stark mindert, wird billigend in Kauf genommen, weil die Wählergruppe der Alten immer noch so stattlich groß ist. Steht das einer Konzeptpartei gut an?

Sollte die SPD nicht hergehen und eines ihrer Grundthemen neu beleben: Solidarität? Gemeinsinn?

Sollte die SPD sich nicht dranmachen, den Alten zu verdeutlichen, dass es für alle besser ist, die Jungen mehr zu fördern und dafür auf die eine oder andere Rentenerhöhung zu verzichten, die eine oder andere Kreuzfahrt? Denn unter’m Strich haben alle mehr davon, wenn unser Land weniger auf Kreuzfahrten unterwegs ist und stattdessen mehr gescheite, gut ausgebildete Leute heranwachsen. Dann bleibt auch immer für die Alten genug übrig. Ansonsten wird es irgendwann dünn. Oder will die SPD sich mit den jetzigen Alten in den nächsten Jahren verabschieden?

„Sich ehrlich machen“ ist ein dämlicher Begriff, aber für die SPD beschreibt das die Situation ganz gut: sie muss es schaffen, die Alten davon zu überzeugen, dass Solidarität auch dann wichtig ist, wenn man selber auf einmal zu denen gehört, die etwas abgeben müssen. Nur so kann sie die Jungen für sich gewinnen. Und nicht nur die. Auch die, die sie nach rechts verloren hat, und das sind viele und werden immer mehr.

Der Agenda 2010 müsste das Projekt 2030 folgen: Mehr Solidarität wagen!