Trennungsschmerz

nach Personalentscheidungen ist nichts, was man der CDU nachsagen könnte. Umso ausgeprägter ist der Trennungsschmerz, wenn es um ein überkommenes Weltbild der Nachkriegszeit geht. So groß, dass weite Teile der Partei sich weigern, in der Gegenwart anzukommen. Fast mutet es nun an, als habe das Intermezzo AKK nie stattgefunden und mein Beitrag von vor über einem Jahr zum Thema Friedrich Merz ist sozusagen immer noch taufrisch. Weiterlesen „Trennungsschmerz“

Dünne Wände

Dort , wo die Vierzehnte Straße die Third Avenue kreuzt, erkennt man sehr deutlich, worin sich diese Straße von der unterscheidet, die zu den französischen Restaurants in Midtown führt. […] die Unterschiede entlang der Third Avenue sind linear angesiedelt, sie betreffen das Nacheinander der verschiedenen Abschnitte dieser Straße; hier hingegen überlagern sich die Unterschiede an einem Ort. Zwar holen sich die alten Russen kaum Rat bei den spanischen Rechtsanwälten in den schmuddeligen Obergeschoßen der Gebäude an der Vierzehnten Straße, aber auf den gleichen staubigen Korridoren haben auch ihre eigenen Anwälte und Ärzte ihre Praxen. Die Spanier und die Russen, die sich hier mischen, sind nur durch dünne Trennwände voneinander geschieden. Hier entfaltet die Wahrnehmung des Gleichzeitigen ihre volle Kraft […] Diese Straße ist durch Überlagerungen geprägt. Diese Überlagerung von Unterschieden schafft das eigentliche humane Zentrum der Vierzehnten Straße…“ (Sennett 2009)

Seit bereits ewig erscheinenden Zeiten wohnen wir in einem Billigbau von 1960, aus einer Zeit, in der schnell viel Wohnraum erstellt wurde: für Facharbeiter in festen Anstellungen, für kleine Angestellte, für Flüchtlinge… Die Wände sind dünn, alltägliche Lebensäußerungen der Nachbarn gehören zur täglichen Geräuschkulisse. Es ist wie Dauerwohnen auf dem Campingplatz – Dauercamping. Es gab Zeiten, da war das aufreibend. Seit vielen Jahren hat es sich aber erfreulicherweise eingependelt, weil sich das Camping-Bewusstsein allgemein verbreitet hat. Grundgutmütigkeit und Rücksichtnahme, ein wenig Laissez-faire und ein wenig Selbstbeschränkung prägen das gut nachbarschaftliche Zusammenleben in der „Wahrnehmung der Gleichzeitigkeit“. Wenn der pubertierende Sohn drei Häuser weiter im Keller Schlagzeug übt, haben wir alle etwas davon, wie auch vom sonntagnachmittäglichen Kammermusikensemble ähnlich weit entfernt, ganz zu schweigen von den weinerlichen Popstar-Allüren des jungen Fußballgotts nebenan. Gewisse favelamäßige Tendenzen ein paar Häuser weiter sind immer wieder Grund zur Sorge, aber bislang hat sich auch das immer wieder ausgependelt. Die nächste Herausforderung wartet in Form eines wohl rumänischen Roma-Clans. Die Roma haben allerdings unterschätzt, dass sie die Bruchbude mitsamt dem Russen gekauft haben, der sich nun auch schon seit längerem unterm Dach eingenistet hat…

Richard Sennett, der US-amerikanische Soziologe und Großstadtergründer hat sich über lange Zeit Manhattan zu Fuß erschlossen. In seinem Buch „Civitas – die Großstadt und die Kultur des Unterschieds“ von 1990 hat er seine Eindrücke und Überlegungen zusammengefasst und versucht, ein Fundament zu finden, wie wir in einer immer heterogeneren Welt friedlich zusammenleben können. Den alltagsgeprägten, weitgehend ungeplanten Mikrokosmos der Vierzehnten Straße nimmt er dabei als eine Art Versuchslabor wahr. Wir leben ebenfalls in einem ähnlichen Versuchslabor, zwar nicht in Manhattan aber auf vermutlich weitgehend gleichem Kostenniveau (was damals, als wir herzogen, so nicht absehbar war). Seine entscheidende Wahrnehmung ist die der dünnen Wände: sie sind womöglich die Voraussetzung dafür, dass Zusammenleben gelingen, dass ein „humanes Zentrum“ entstehen kann. Die weitgehend schallisolierten Betonburgen der Gegenwart oder die in die Landschaft geschissenen Einzelhäuser auf Abstand dagegen befördern nur das, was sie bereits baulich vorwegnehmen: die Vereinzelung. Und damit den Verlust von Gemeinsinn.


Literatur: Sennett, Richard. 2009. Civitas. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag.
Bildnachweis: 14th Street Manhattan/NYC, GoogleMaps, verändert

Listlessness

In kleinen Häppchen arbeite ich mich durch die Grapes of Wrath von John Steinbeck, immer mehr begeistert vom Originaltext, der melodiös und rhythmisch ist wie die Musik dieser Landschaft, wie ein guter Song der Punch Brothers. In Kapitel 8 wird Noah Joad eingeführt, der erstgeborene Sohn (sic!), „tall and strange, walking always with a wondering look on his face, calm and puzzled. He had never been angry in his life. He looked in wonder at angry people, wonder and uneasiness, as normal people look at the insane.“ Noah ist „anders“, ruhig, abwesend, abseitig – mit einem Wort: strange. Oder, wieder so ein Begriff, an dem ich hängen bleibe: listlessness zeichnet ihn aus, wohl am besten übersetzt mit Antriebslosigkeit, vielleicht auch mit Gleichmut im Umgang mit Menschen und Dingen, mit denen er es zu tun bekam. „He was a stranger to all the world, but he was not lonely.“ – Noah wird wohl noch eine besondere Rolle spielen im weiteren Verlauf, ich bin gespannt.

Listlessness: Antriebslosigkeit, Willenlosigkeit womöglich, Trägheit, Laschheit, Unlust, Schwunglosigkeit, Schlappheit – lauter Übersetzungsvorschläge, die ich finde. Bei der Wortfügung list-less übersetze ich für mich selber intuitiv: planlos, ohne Agenda, ohne Liste. Nicht der angeratene vorweihnachtliche Gemütszustand im Hinblick auf bevorstehende Familienfeierlichkeiten. Doch seit ich gelesen habe, dass die materielle Ausprägung des Weihnachtsfestes, wie wir es heute und mutmaßlich spätestens seit dem Ende des letzten Krieges, feiern, im wesentlichen auf Charles Dickens zurückgeht, hat meine Griesgrämigkeit diesem Fest gegenüber nicht abgenommen. Charles Dickens! A Christmas Carol! Ja, ich weiß, Dickens hat seine Meriten bei der Sozialen Frage, aber seine altenglische Art ist nicht mein Ding. Und dann hat er uns auch noch diesen ganzen Weihnachtshorror eingebrockt, diese Rennerei, Drückerei, Schieberei. Bei Manchen: Glühwein bis zur listlessness (auch diese Bedeutung gibt es).

In der Wochenend-SZ lese ich, dass aktuell Body Positivity ganz oben auf der Liste steht. Jeder Mensch ist schön, er/sie muss seinen/ihren schön-hässlichen Körper nur posten, möglichst unverhüllt und aufgebrezelt, dann ist auch die celebrity unausweichlich, denn darauf kommt es doch an? Die unwillkürliche Assoziation, die sich hierzu einstellt, ist die Erinnerung an einige entspannte Sommerferien in französischen Naturistencamps. Da gab es beispielsweise das Waschhaus mitten in der Wiese, ein zur Landschaft offener Raum, Blick auf die waldigen Bergen, ein paar Duschen nebeneinander. Und die beinamputierte ältere Dame, die ihre Prothese abschnallte, in die Ecke stellte und dann mit uns unter der Dusche stand. Das ist Body Positivity. Allerdings aus dem letzten Jahrtausend. Seit der Pornographisierung unserer Welt in den letzten rund 25 Jahren gibt es solche Unschuld kaum noch. Damals trug man auch noch relativ weite Klamotten. Heute sind die sehr positiv geformten Körper häufig in sehr enge Wurstpellen gehüllt, so dass man von Allem nichts sieht. Oder umgekehrt?

Listlessness. Irgendwie kein schlechter Vorsatz zur Beruhigung des Gemüts. Doch bevor ich zu salbungsvoll werde, lasse ich den Preacher Jim Casey sprechen, in dessen Begleitung Tom Joad seine vertriebenen Eltern wiedergefunden hat. Schöner, musikalischer und weihnachtlicher lässt sich die „Frohe Botschaft“ nicht ausdrücken:
I got thinkin’ how we was holy when we was one thing, an’ mankin’ was holy when it was one thing. An’ it on’y got unholy when one mis’able little fella got the bit in his teeth an’ run off his own way, kickin’ an’ draggin’ an ’fightin’. Fella like that bust the holiness. But when they’re all workin’ together, not one fella for another fella, but one fella kind of harnessed to the whole shebang—that’s right, that’s holy. An’ then I got thinkin’ I don’t even know what I mean by holy. […] I’m glad of the holiness of breakfast. I’m glad there’s love here. That’s all.


Steinbeck, John. 1982. The Grapes of Wrath. Penguin Books.

Schnellroda droht (und heult rum)

Welche Reaktion auf den Mordanschlag in Halle durfte man von der Klitsche in Schnellroda, die sich „Sezession“ nennt und die Meinungsführerschaft bei der Neuen Rechten beansprucht (und ein Spielbein in Halle hat), erwarten? Dass sich Kubitscheks „Denker“-Stammtisch äußern musste, war klar. Aber so – plump (doch wie auch anders)?

Kubitschek selbst hält sich wieder vornehm zurück (seine liebste Attitüde) und schickt seine Nummer zwei vor. Martin Lichtmesz wird von der Gemeinde als Vor“denker“ verehrt, welches Manna hält er für die nach Ausflucht und Rechtfertigung hungernden Seelen bereit? Eine Predigt (und eine Selbstoffenbarung) in 5 Stichpunkten und einer Rechtfertigung, mit der er sich (unbedacht?) mit dem Täter identifiziert:

1. Der Einzelkämpfer: wir sind so allein allein.
2. Das Opfer: keiner hat uns lieb.
3. Die Verschwörung: die anderen missbrauchen uns, weil sie uns ausgrenzen wollen.
4. Die Opfer: sind wir, weil wir ausgegrenzt werden (nicht die, die uns zum Opfer fallen.)
5. Die Drohung: wenn ihr uns nicht liebhabt, geben wir keine Ruhe.
Rechtfertigung: ihr seid schuld.

Der Reihe nach, ein wenig unter die Lupe genommen (ermüdend, weil die Argumentation der Rechten dem ewiggleichen Schema folgt):

1. Der Einzelkämpfer: L. ordnet den Attentäter einer Einzelkämpfer-Tradition der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung zu. Leute, die sich berauschen an der Inszenierung als Real-World-Ego-Shooter. Das sei eine Subkultur der „einsamen Wölfe“ mit eigenen Regeln und eigener Dynamik.

2. Das Opfer: Der Killer ist ein „frustradikalisierter Incel„, dem es letztlich wurscht ist, wer oder was ihm vor die Flinte läuft, der nur wild um sich ballert, denn: „Offenbar war B. auch ein Scheidungskind, das bei seiner Mutter lebte.“ Will heißen?

[Man kann das bis hierher von Lichtmesz Ausgebreitete nehmen als eine Aufzählung von Indizien und Überlegungen, wie sie auch an anderer Stelle in den Medien vorgenommen wird. Das ist fast schon Konsens. Und im speziellen Fall soll das natürlich entlastend wirken: da seht ihr’s, der wirre Einzeltäter aus desolaten Verhältnissen, von schlechten Ratgebern und Influencern umgeben, deshalb wirr im Kopf, nach Anerkennung und Auszeichnung gierend. Oder auch: die Personenbeschreibung für eine Idealbesetzung als Instrument und Frontkämpfer? Wir brauchen dich! Bei uns findest du Erwähnung und Würdigung! – Denn: Lichtmesz scheut sich nicht, O-Töne aus dem Video des Killers wiederzugeben und damit seine Plattform zu vergößern. Seht her: bei uns kriegt jeder Wirrkopf seine Werbefläche.
Diesen Move braucht Lichtmesz für seinen dritten Punkt, denn nun wird es frech, womöglich gefährlich:]

3. Die Verschwörung: Sein erster Gedanke zum Anschlag von Halle sei gewesen, dass es sich um eine „False-Flag“-Aktion des „Deep State“ gehandelt habe, denn die wäre eigentlich überfällig so kurz vor den Landtagswahlen in Thüringen. „Um den im Juli hemmungslos aufgebauschten „Mordfall Lübcke“ [sei es ] ziemlich still geworden. Es war wieder neues Heizmaterial nötig.“ – An dieser Stelle tritt die Arbeitsweise von Schnellroda glasklar zutage: Es wird schon eingeräumt, dass es ein wohl rechtsextremistisch motivierter Anschlag war, aber es sei halt nicht ausgeschlossen, dass es „Anstoßer“ gab (sic: vom „Deep State“ meint er, nicht aus Schnellroda). Der Hauptaspekt sei, dass der Alarmierungszustand der Gesellschaft, was die Gefahr von rechts angeht, aufrecht erhalten werde, damit sei der Attentäter ein „nützlicher Idiot“ der „herrschenden Klasse„.
Kurz gesagt: Der Anschlag ist eigentlich eine Propagandaaktion zur „Materialisierung“ des „Nazi-Gespensts„. So erklärt er das seiner Gemeinde. Und lässt damit das von ihm persönlich verbreitete Gerücht, das Ganze könne eben doch ein „Fake“ gewesen sein, ungerührt im Raum stehen. Alle Trigger sind wohlplatziert gesetzt. So geht Zündeln.

4. Die Opfer: Denn jetzt geht es um das Einschwören der Gemeinde auf das was ansteht. Das „etablierte Narrativ“ von der bösen Rechten, die „Gleichsetzungsdelirien“ von Killer, Kubitschek, Höcke, AfD würden wie üblich bemüht „wie das Amen im Gebet„. Dagegen sei kein Kraut gewachsen: wir armen unschuldigen Opfer.

5. Die Drohung: das Establishment sei es jetzt zufrieden, dass nun der klare Nachweis erbracht worden sei, dass der tödliche Antisemitismus von rechts komme. Man könne nun getrost weiter „vertuschen“ und „verharmlosen„, dass er „vorwiegend mit der ohne Zweifel wachsenden Präsenz gewisser importierter Bevölkerungsgruppen zu tun hat.“ Selbst die offiziellen Vertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland würden das so sehen wollen, sagt L. Muss er so sagen, denn es geht ja um Selbstverteidigung – und eine Drohung: es sei eine „Illusion“, dass mit der Identifizierung von tödlichem Antisemitismus im rechten Lager etwas „wieder ins Lot gekommen“ sei, das würde „nicht lange halten„. Denn die Radikalisierung und Spaltung der Gesellschaft sei erst am Anfang. Das möchten sie natürlich so sehen in Schnellroda, denn alles andere würde diese Klitsche ja erübrigen.

Die Rechtfertigung: Schuld an der Spaltung der Gesellschaft sind die Anderen, vornehmlich jedenfalls, sie wird „exakt von denselben Leuten am vehementesten vorangetrieben, die glauben, in Halle eine Keule gegen die Gesamtrechte gefunden zu haben„, sagt L. Wie sagte der Vater des Killers von Halle? „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld“. Schaut Lichtmesz in den Spiegel? Formuliert er hier die Rechtfertigung für den nächsten Einzelkämpfer? Die Anderen sind schuld, so bequem und verächtlich zugleich macht es sich die Rechte. Nur nie nicht Verantwortung übernehmen müssen. Nur nicht selbstkritisch hinterfragen, welche Fundamente man durch solches Reden und Schreiben errichtet. Reinwaschung, Identifikation, Kommunion. Wie lange lassen wir sie damit noch durchkommen?

Gegen dieses Narrativ der Rechten und gegen diese Drohung der „Sezession“ hilft: Zusammenhalt, Solidarität, Inklusion, Gemeinsinn. Nicht auseinandertreiben lassen von hinterlistigen Demagogen. Aber auch festhalten an der Diktion: ein Faschist ist ein Faschist ist ein Faschist. Und Rechtsstaat, an dieser Stelle gerne etwas kleinlicher als bislang üblich.

[Faschisten fragen gerne listig nach, wie denn „Faschismus“ definiert sei? In der Tat, eine Definition im Fluss. Mit gewissen Grundkonstanten über die Zeit: Verachtung von Demokratie und Rechtsstaat zugunsten des Primats einer „völkischen Gemeinschaft“ und ihrem politischen Willen, der im Zweifelsfall über dem Rechtsstaatsprinzip steht: Gruppenideologie vor individuellem Grundrecht, Politik vor Recht, nicht Recht vor Politik.]

Doch wie kann man Faschisten und Nazis liebhaben? Dazu habe ich keine Idee. Mit denen kann man auch nicht mehr reden. Und: sie grenzen sich selber aus, wollen ausgegrenzt sein. Das ist ihr Lebenselixier. Halten wir uns den Zoo in Schnellroda, aber keinen Millimeter darüber hinaus!
Auf die kleinen Kinder achtgeben, nur das hilft wirklich. – Da fällt mir doch glatt noch die alte Hippie-Hymne ein, selten erschien sie mir so zutreffend:

Teach your children well,
Their father’s hell did slowly go by…

Lebenslüge? Oder fehlendes Vorstellungsvermögen?

Lynx fragt sich, wie geht das zusammen: Einerseits die Endlichkeit von Ressourcen und die Grenzen der Belastbarkeit der Ökosysteme auf diesem Planeten (endlich) anzuerkennen. Andererseits mit lockerer Geldpolitik weiterzumachen, gar noch eine stärkere Lockerung zu fordern, mit dem Ziel, die Wirtschaft und ihr Wachstum zu befeuern, gerne auch wieder verstärkt auf Pump (wie aktuell wieder vom IWF vorgeschlagen).

Ist das Weitsicht oder Verblendung? Ist das kluge, weil auf Ausgleich und Wohlstand für alle bedachte Politik oder die althergebrachte kurzsichtige Sorglosigkeit der abhängig Beschäftigten, deren Gehalt immer kommt und deren Urlaub immer bereit steht, was auch sonst?

Haben Grenzen des Wachstums und Befeuern von Wachstum nichts miteinander zu tun? Es gibt ja Ökonomen, die das so sehen. Doch die waren vermutlich noch nie an den Grenzen unterwegs, sind über den Londoner Finanzdistrikt nicht wesentlich hinausgekommen. Und sind, in aller Regel, abhängig beschäftigt.

Wenn der Mutterkonzern nicht mehr rundläuft und die Gehälter in Gefahr geraten, dann muss Geld her, Kredite, Subventionen, irgendwas, um das Geschäft, wenigstens künstlich, aufzupumpen, am Leben zu erhalten. Ansonsten geht Mutter Konzern bankrott – und dann? Das mögen sich Ökonomen nicht ausmalen. Oder doch: sie malen sich das ständig aus, darum bleibt ihr Denken auch darauf fixiert, nur darauf.

Das Mutterschiff Erde als Konzern betrachtet: Was wären das für Kredite und Subventionen, die wir hier in Anspruch nehmen könnten?



Hallo Ökonomen, ich kann nichts hören?

(Murmelte da jemand leise „schrumpfen“? Das kann nicht sein, Hörfehler.)

(Don’t) Paint it!

Es ist mal wieder Freitag und die Freitagsbewegung der Jugend wächst und wird dringlicher. Mein Nachbar hat seinen Buchs, dem der Zünsler den Garaus gemacht hat, mit grüner Farbe angesprüht und ist auf seiner Harley davongebraust, sehr laut knatternd, wie sich das gehört. Diese Deko hält eine ganze Weile, die Fernwirkung ist verblüffend und beruhigt das Gemüt. Photosynthese findet natürlich keine statt. – So ist unsere Generation.

Ich hoffe und wünsche, dass die Jugend es besser macht. Und am Sonntag wählen geht, massenweise: haut den Zukunftsverweigerern ihre kratzigen Stimmchen um die Ohren. Geht zu Fuß ins Wahllokal, trinkt nachher zusammen einen Tee. Lasst das Grillfeuer aus und gönnt euch ein kleines Netflix-Fasten, denn ihr wisst ja: Streamen ist Energiekonsum von unglaublichem Ausmaß. Pflanzt lieber einen Apfelbaum. Dafür ist es allerdings schon etwas spät, vielleicht solltet ihr dafür doch bis Herbst warten. Der Herbst wird kommen, für uns alle, wie auch immer. Für manche von uns ist er schon Dauerzustand. Einstweilen tun es auch Tomaten am Balkon, den Sommer über. Lasst es wachsen und blühen, an allen Ecken und Enden, widmet euch der Photosynthese und haltet ein wenig die Luft an.

Pimp your Pavement“ war ein Motto des Guerilla-Gardenings (was ist daraus geworden?). Aufhübschen allein wird es nicht mehr tun, ob mit Sprühfarbe oder echten Pflanzen. Ihr müsst etwas tiefer in die Substanz gehen. Und leider auch viel mehr verzichten, wenn die Bilanz ins Lot kommen soll. Also: guten Mut und lasst euch nicht unterkriegen!

Stop. Bis hierher hat es noch nicht wehgetan. Eben lese ich, dass für den 20. September der große internationale Klimastreiktag geplant ist. Da sind dann alle aus dem Sommerurlaub zurück, auch die Bayern. Die Aktivisten fordern dazu auf, man solle sich mit Aktionen beteiligen, die auf die Klimakrise aufmerksam machen. Mein Projektvorschlag: bei den Demos die Leute befragen, wie viele Flugmeilen sie im zurückliegenden Urlaub absolviert haben. Ob sie mit dem Billigflieger geflogen sind, ob sie einen Ökozuschlag bezahlt haben, all so Zeug. So viel statistisch relevantes Material in einer so kurzen Zeit kann man sonst kaum generieren. Zigtausende Auskünfte erhält man da auf einen Schlag. Und auch noch aus genau dem Milieu, das die weitere Entwicklung auf diesem Planeten ganz wesentlich mitbestimmen wird. Aber ob das jemanden interessiert?


Bildquelle: Green Lawn Paint for quick touch up of brown dead dormant grass or brown pet pee spots

Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

Der (ewige) Gärtner

Heute nacht hat der Wind ein wenig ums Häuschen gepfiffen, jetzt flockt es draußen wieder herum, schmuddelwintermäßig. Aber eigentlich nimmt das Frühjahr schon spürbar Anlauf und ich muss mir allmählich Gedanken machen, was ich dieses Jahr mit meinem Minigemüsebeet anstelle. Aber erst muss ich den Apfelbaum noch schneiden, dazu hätte ich es gerne ein bisschen sonnig bitteschön. Also zurück zur Zeitung.

Dort lese ich, dass ein verdienter Mittelalterhistoriker, Johannes Fried, sich auf seine alten Tagen ein paar Überlegungen und Spekulationen erlaubt, wie das „wirklich“ gewesen sein könnte, damals auf Golgatha, medizinisch betrachtet. Kann es nicht sein, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten (Johannes 19, 33-34), der zum Abfluss von angestautem Blut und Wasser führte, gewirkt hat wie eine Pleurapunktion, wie man sie heutzutage ausführt? Und dass Jesus lediglich tief ohnmächtig, quasi narkotisiert war, als man ihn ins Grab legte, infolge der Verabreichung von Essig (ebd. 29-30)? Und dass er, nach dem Erwachen aus der Narkose, von weißgewandeten Männern (den Engeln) fortgebracht wurde? Als er wieder hergestellt war, könnte er den Rest seines Lebens gut versteckt verbracht haben, „wahrscheinlich als Gärtner“, so die Mutmaßung. Warum gerade als Gärtner? Dazu müsste ich das Buch wohl lesen. Mal sehen. (1)

Vielleicht liebte Jesus Rosen? Und zog sie für seine angeblich große Liebe Maria Magdalena? Vielleicht lebten sie noch lange fort in stiller Eintracht, Philemon und Baucis von Jerusalem?

There are all kinds of roses
But none are as handsome
As the ones that your own hands have grown
They bring as much hope
Leave as much satisfaction
As anything I’ve ever known

Vergangene Nacht wurden in den USA die Grammys verliehen und, hi folks: die Punch Brothers holten sich die verdiente Auszeichnung in der Kategorie „Best Folk Album“ mit ihrem letztjährigen Album „All ashore“, das man nicht genug preisen kann. Tags zuvor unkten sie noch, sie flögen lediglich hin, um zu bezeugen, dass Joan Baez den Titel davon tragen würde. Doch die Jury war erfreulich zukunftsorientiert, die Zeiten sind danach. Die obigen Zeilen sind dem (schwächeren) Song „The Gardener“ des prämierten Albums entnommen, der letzte Vers allerdings lautet:

May green grow the grass underneath our children’s feet

Ein wiederkehrendes Motiv in der aktuellen Musik der PB, fast schon ein Beschwören der amerikanischen Ideale vom Gemeinsinn und Zusammenhalt, gepaart mit lakonischer Zeitdiagnose: „Just look at this Mess“ heißt ein anderer Song. Jedenfalls: herzlichen Glückwunsch von einem „Big Time Friend“!

Womit wir bei der Kategorie „erwachsener Mensch des Tages“ wären: Timothy Springer ist ein US-Biochemiker aus Boston, der wissenschaftlich Wesentliches geleistet hat, aber auch einen gesunden Sinn für’s Investieren besitzt und es damit zu erklecklichem Wohlstand gebracht hat. Auf die Frage, ob er sich von seinem vielen Geld vielleicht nicht eine schicke Villa am Meer oder in den kalifornischen Hügeln leisten möchte, antwortet er nur: „Kein Bedarf“. Denn: „Wenn wir den Sommer über weggehen, wer kümmert sich dann um die Gemüseernte?“ (2)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Rudolf Neumaier: Atmen kann man auch mit einem Lungenflügel. SZ Nr. 35/2019, S. 9; Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. C.H.Beck, München 2019
(2) Claus Hulverscheidt: Der Millionen-Professor. SZ Nr. 35/2019, S. 17

Bierdeckel-Kompass

Seit man keinen Kompass mehr braucht, um sein Ziel auch in unübersichtlichem Gelände zu erreichen, scheint manchen Menschen das Orientierungsvermögen abhanden zu kommen. Den Kompass konnte man nur sinnvoll nutzen, wenn man seine Anzeige mit der realen Welt um einen herum in Beziehung setzte, ja, manchmal musste man peilen. Braucht es nicht mehr: man starrt auf das Smartphone-Display, lässt sich vom GPS leiten und stolpert blind und ahnungslos vor sich hin. Das Drumherum nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Und wenn man seine Apps und Dienste „richtig“ eingestellt hat, dann kriegt man eh nur noch das angezeigt, was einen „interessiert“, Anderes spielt eigentlich keine Rolle mehr, wahr ist, was auf dem Display steht. Doch die Welt bleibt ein unübersichtlicher Wald und ein guter Kompass hilft immer noch.

Auf einem Bücherflohmarkt ist mir beim Herumstreunen ein kleiner Schatz in die Hände gefallen, eine Sammlung von Aufsätzen als Nachbereitung eines Kongresses, der im Dezember 1986 in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Internationale Design Zentrum Berlin (IDZ) und es ging um „Design der Zukunft“. Intellektuelle aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Denkrichtungen trugen den Stand ihres Wissens zusammen und tauschten sich aus, unter Leitung des kundigen Fährtensucher Lucius Burckhardt (den wir immer noch schmerzlich vermissen). Natürlich ging es um die Doppelsinnigkeit des Themas, mit einer gewissen Unwucht aber vorrangig um die Fragestellung, wer unsere Zukunft macht, welche Spieler auf dem Spielfeld sind und welchen Impulsen oder Zielvorstellungen sie folgen.

Michael Thompson, ein britischer Mathematiker, Anthropologe und Querdenker, der sich mit Kommunikationsprozessen von Entscheidungsträgern beschäftigt, hat den Spielball aufgegriffen und einen instruktiven Kompass entworfen, der tatsächlich auf einen Bierdeckel passt, und einem hilft, sich gesellschaftlich zu verorten und die eigenen Interessen besser kennenzulernen und zu verfolgen. Ganz nebenbei ist es ein großer Spaß, allerlei andere Dinge, die um einen herum passieren, einzuordnen oder sie zumindest mittels dieses Kompasses einer kleinen Überprüfung zu unterziehen.

Weiterlesen „Bierdeckel-Kompass“

Gedankensplitter #1

Lynx hätte manchmal gerne die übersichtliche Welt seiner Kindheit zurück, die übersichtliche Welt seines Vaters. Aber nicht die unübersichtliche Welt seiner Großväter: im Vergleich zu deren Welt sind die Herausforderungen und Zumutungen doch noch recht überschaubar. Einfacher wird es voraussichtlich nicht mehr, aber Lynx versucht zu lernen, mit zunehmender Komplexität zu leben, tagtäglich, verschwommene Bilder der in den Sümpfen verschollenen Großväter im Hinterkopf.

Mantra #4

Meiner Ansicht nach sind jene Leben am schönsten, die sich ins allgemeine Menschenmaß fügen, auf wohlgeordnete Weise, ohne Sonderwünsche, ohne Wundersucht. (Michel de Montaigne)

Was für ein Langweiler? – Montaigne ist seit Jahrhunderten das probate Gegengift gegen die Hybris der Welt. Denn Hybris ist nichts Neues, bei weitem nicht. Und Wichtigtuer, aufgeblasene Egomanen auch nicht, gab es zu seiner Zeit mehr als genug. Montaigne ist Graswurzel, gehört zum Wurzelgeflecht. Die Bäume eines Waldes kommunizieren über die Wurzeln miteinander, unsichtbar, subcutan sozusagen. Auch wenn es oben stürmt. Verrichten ihre Arbeit, ziehen Kraft, stärken sich.

Klingt doch arg nach Wort zum Sonntag. Kultivierte Langeweile. – Ja und? Man ist ganz schön damit beschäftigt, eine kultiviert langweilige Lebenshaltung zu entwickeln und zu erhalten. Nicht zu verwechseln mit „gelangweilt“ übrigens. Das ist das Larvenstadium der Wundersucht.

Luftleerer Raum

Aufgewacht mit der Frage, was man den Menschen anbieten kann, dass sie freiwillig auf die Irrationalität, die sich so gefährlich ausbreitet, verzichten. Was ist das bessere Angebot, was ist verlockender? Man kann ja niemanden zwingen, vernünftig zu sein. Im Einzelfall mag das persönlich tragisch sein, aber wurscht. Wenn ganze Nationen sich der Unvernunft ausliefern, ist tragisch kein Ausdruck mehr.

Dann gelesen, dass Habeck in diesen Tagen unterwegs ist, um sich ein Lagebild zu verschaffen. Auf der Suche, nach der verbindenden, viele aufmunternden Idee. Kluger Einfall: unterm Hermannsdenkmal über Demokratie diskutieren. Hinweis der geladenen Historiker: über Verstand habe man in Deutschland [und nicht nur da] vieles hinbekommen seit dem letzten Krieg. Die „Selbstverständlichkeit der Demokratie“ habe jedoch emotional einen „luftleeren Raum“ entstehen lassen, anstatt Leidenschaft für sie zu wecken.

Was ist also die zündende Idee, die den Gemeinsinn und die Begeisterung für die Demokratie entfacht und die Leute aus der Daddel-Agonie erwachen lässt?

Habeck und die Seinen haben wenigstens erkannt, wo man ansetzen muss und dass es dafür inzwischen mehr braucht, als ein paar salbungsvolle Worte. Bleibt zu hoffen, dass sich viele anschließen, gerade auch aus der eigenen Grünen Partei heraus. Und auch die SPD (ceterum censeo) sollte endlich kapieren, dass es im Leben nicht nur um Rentnerbeglückung geht.