Stellvertreterschimpfer – Lesch und Vossenkuhl erklären die Welt

Da sitzen sie auf dem grünen Sofa, Gläschen Rotwein in der Hand und „diskutieren große Fragen unserer Zeit“. Die Literarische Gesellschaft Gräfelfing hatte geladen und den beiden bewährten Herren die Frage ausgegeben: Was ist zu tun?

Ein bewährtes Format des Bayerischen Fernsehens kommt auf die Bühne: der medial sehr präsente und beredte Astrophysiker Harald Lesch und der sonor plaudernde Philosoph Wilhelm Vossenkuhl zelebrieren ihren gedankenschweren Meinungsaustausch (oder meinungsschweren Gedankenaustausch?) und lassen das Publikum live teilhaben. Eine Ehre? Ein anregendes Vergnügen? Eine intellektuelle Lust, weil es nur so spritzt und blitzt von Esprit?

Als roter Faden des Gesprächs dient die Frage nach der Politikverdrossenheit bzw. warum „die Leute“ das Vertrauen in die Politik verloren haben. Die Ereignisse in Berlin mit dem Abbruch der Jamaika-Sondierung geben aktuellen Anlass und wunderbaren Aufhänger – für eine Stammtischrunde. Wie man es von dort kennt, trägt jeder bei, was ihm gerade dazu einfällt und was ihn warum in diesem Zusammenhang stört: Unüberschaubare Komplexität moderner Gesellschaften, Landgrabbing der Chinesen in Afrika, Krieg ums Wasser im Nahen Osten, Agrarfabriken und Trinkwasserbelastung in Deutschland, die Schuhschachteln der Discounter am Ortsrand und die Abwanderung aus Oberhessen, fehlende Bescheidenheit und die Gier der Shareholder (was sich aus dem Mund von Leuten mit üppigen Staatspensionen immer besonders überzeugend anhört) – und überhaupt: die durchgeknallten Amerikaner.

Und dann: Migration. Da tut sich Vossenkuhl prononciert hervor: man wolle ja nicht einer unappetitlichen Partei das Wort reden. Aber das ganze Thema sei ein arges Tohuwabohu, begonnen bei den Formulierungen der Verfassung über die aktuelle rechtliche Zuständigkeit bis zu den Kosten. 22 Mrd . € würden die Migranten uns jährlich kosten, nicht einmal ein Viertel davon würden wir für Strukturhilfe in den Herkunftsländern aufwenden. – Den Finger in eine offene Wunde gelegt, mehr aber auch nicht: der Philosoph bietet nicht einmal einen Ansatz, wie man sich gedanklich der Problematik annähern könnte.

Lesch lobt dafür ausdrücklich die bayerische Ministerialbürokratie (ob das dem Publikum im Speckgürtel geschuldet ist?) und ihre effiziente und hochqualifizierte Arbeit, die sie eigentlich auch ohne Politiker gut ausführen kann. Und beklagt ein paar Takte später, dass Steuerparadiese nicht von der Finanzverwaltung aufgedeckt und dichtgemacht werden, sondern dass es dafür die private Presse braucht. War da ein Widerspruch?

Komplexität und zunehmende Verdrossenheit: Lesch nähert sich einer vertiefteren Betrachtung des Themas immer wieder an, belässt es dann aber doch meist beim Schimpfen. Er wolle ja nicht sagen, früher sei alles besser gewesen, aber…: die Gesellschaft war einfacher organisiert, die Abläufe kleinräumiger strukturiert, die alte Geschichte vom Tante-Emma-Laden, die Leute seien mit weniger Geld ausgekommen und hätten auch gut gelebt, ach ja… Ja, und?

Hätte man nicht erwarten können, dass die beiden Koryphäen uns ein wenig Einblick geben in die Wirkungsweise des Neoliberalismus? Wie er Komplexität künstlich erzeugt, um damit Geschäftsmodelle zu generieren? Wie Juristen und Lobbyisten jede Gesetzeslücke entweder ausnutzen zur Profitmaximierung oder jede Lücke besetzen, rechtlich ausgestalten, jeden nur oberflächlich geklärten oder gestalteten Sachverhalt vertiefen und breit regeln, nur um daraus neue Geschäfte abzuleiten? Dass diese Juristen und Lobbyisten inzwischen einen Großteil unserer Gesetze schreiben und der Bundestag sie nur noch abnickt? Und dass damit alles immer komplizierter und zugleich undemokratischer wird? Am Beispiel des von Lesch ausdrücklich (zu recht) gelobten öffentlichen Rundfunks und des dort immer noch bestehenden Privatisierungsdrucks (will auch die AfD) hätte er das exemplarisch gut ausführen können.

Aber auch dass unser ganzer Individualismus, der Anspruch von allen und jedem, als etwas Besonderes, Eigenes wahrgenommen zu werden, Komplexität erzeugt. Unser gesellschaftlicher Anspruch der Teilhabe von allen an allem. Keiner bleibt zurück – auch dieser Anspruch schafft neue Tätigkeitsfelder, Geschäftsmodelle und – Komplexität. Wir profitieren alle davon und wir leiden alle darunter. Wir verdienen irgendwie alle daran, vergessen aber darüber den Gemeinsinn. Gerade der Begriff des „Gemeinsinns“ schwang zwischen den Zeilen oft mit, fiel aber expressis verbis kein einziges Mal – vielleicht auch ein Symptom?

Hätte man nicht solche Gedanken etwas ausführen und mit all dem breiten Wissen, das die beiden mit Sicherheit haben, unterfüttern können, um den geneigten Zuhörern etwas Wegzehrung mitzugeben?
Wären wir nicht ein Stück weitergekommen, wenn nicht nur Defizite und Probleme aufgezählt worden wären, sondern wenn man sie auch als Widersprüche (und teils auch Lebenslügen) kenntlich gemacht hätte? Dialektik der Aufklärung klang einmal kurz an: die Aufklärung trage den Keim der Gegenaufklärung (wie wir sie gegenwärtig in Teilen der Gesellschaft erleben) bereits in sich. Wir bräuchten eine „neue Aufklärung“ (Vossenkuhl).

Das örtliche Gymnasium hatte eine Delegation von 40 Schülern und etliche Lehrer in die Veranstaltung entsandt. Am Ende stand vielen eine gewisse Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Und man kann nur hoffen, dass die Lehrer eine Nachbereitung mit den Schülern durchführen: Nein, Leute! Nicht alle Professoren und Philosophen sind alte S…., äh ältere Herren, die auf grünen Loriot-Sofas Rotwein trinken und über die Traurigkeit der Welt lamentieren. Habt (trotzdem) Mut zu Bildung und Wissenschaft, denn nur dort liegt der Keim zur Lösung der großen Fragen unserer Zeit. Wir brauchen dringend Nachwuchs! Und meinetwegen auch eine neue Aufklärung. Aufklärung ist nie genug.

Bildrechte: Bayerischer Rundfunk, br.de, verändert von lynx

Hemd und Hose

Christian Lindner und seiner FDP ist das Slim-fit-Hemd näher als die langstreckentaugliche, unschicke Wanderhose. Oder wie soll man den Ausstieg der FDP aus den Jamaika-Sondierungen verstehen? Wieder einmal FDP pur: Aufmerksamkeit, Randale, quietschbunte Knallbonbons. Diesen Prinzipien bleibt die FDP seit Möllemann stets treu. Staatstragend war gestern.

Auch weiß man nicht so recht, ob die FDP nun den Büttel der AfD macht? Oder ob sie sich für den Piranha hält, der die AfD demnächst abfieselt? Ober ob es nicht eher umgekehrt kommen wird? Jedenfalls wird der Krawall Rechtsaußen zunehmen. Vielleicht hat das aber auch sein Gutes, weil sie sich so gegenseitig in Schach halten.

Eine Minderheitsregierung wird jetzt wieder ins Spiel gebracht. Charmanter Gedanke, häufig bewährt – in Ländern, die keine Rolle spielen, global betrachtet. Ist das eine ernstzunehmende Option für Deutschland, das als globaler Akteur mehr und mehr in die Pflicht genommen wird bzw. gezwungen ist, als solcher aufzutreten? Gerade bei dieser Thematik zeigt sich die Kurzsichtigkeit, Kurzatmigkeit der FDP. Speeddating. Und das war’s? Was für eine Freude für all die Autokraten, die uns ans Leder wollen und denen ein marginalisiertes, mit sich und seinen kleinen Parteieneitelkeiten beschäftigtes Deutschland und Europa, gerade recht kommt.

​Mehr Solidarität wagen (2)

Lynx und sein Bauchgefühl sind also nicht ganz allein, wie schön. Von seinem Küchentisch aus Ausschau haltend, sind drei Wanderer vorbeigekommen und haben sich unterhalten. Nachzulesen heute in der Süddeutschen Zeitung. Alex Rühle spricht mit David Begrich aus Magdeburg und dem Soziologen Thomas Wagner. Hier der für Lynx zentrale Ausschnitt:

Rühle: Welche gesellschaftlichen Erzählungen dominieren derzeit?

Begrich: Es gibt momentan überhaupt nur zwei Deutungsvorlagen, die liberal-neoliberale von der Selbstoptimierungsideologie und die neoliberal-rechtsautoritäre vom gemeinsamen Volk unter schützender Führung. Was fehlt, ist die dritte Erzählung: die sozialdemokratische, die eine Antwort gäbe, wie man die Gesellschaft zusammenhält über Begriffe wie Solidarität.

Wagner: In dem Punkt gebe ich Ihnen rundum recht. Große Teile der SPD haben sich dem neoliberalen Dogma verschrieben, Teile der Linken schielen nach Regierungsverantwortung. Beide Parteien haben ihr Stammpublikum aus den Augen verloren. Man muss dringend diese linke, soziale Erzählung wieder stark machen.

Rühle: Woher die Dringlichkeit?

Wagner: Kubitschek und seine Leute strotzen so vor Selbstbewussten, weil sie hoffen, diese sozialdemokratische Erzählung mitübernehmen zu können…

Im Anschluss darauf verweist Wagner auf den rechten Sozialwissenschaftler Benedikt Kaiser, der in Kubitscheks Verlag veröffentlicht. Der sagt, dass die Linke ihre Erzählung [von der Solidarität] ohnehin aufgäbe und es bestehe die  „historische Chance, sie zu übernehmen“.

So weit wollen wir es doch nicht kommen lassen, oder?
Also liebe Genossen, raus aus Federn und ran den Speck. Lynx wird es euch so lange nachrufen, bis ihr es in eurer Schwerhörigkeit endlich hört. (Oder bis er in die Reichweite eurer tauben Ohren vorgedrungen ist).

Quelle: Waffen des Lichts, SZ Nr. 249, 28./29.10.2017, S. 17

Mehr dazu: Mehr Solidarität wagen! – Kleine Anregung zur Reformierung der SPD

Mehr Solidarität wagen! – Kleine Anregung zur Reformierung der SPD

Martin Schulz hat die grundlegende Erneuerung der SPD ausgerufen. Wird ja auch Zeit. Er sollte dabei kürzlich getroffene personelle Weichenstellungen ebenfalls nochmals kritisch prüfen. Viel wesentlicher ist aber, dass die Partei ihre Wählerschaft drastisch verjüngen muss. Jörg Schönenborn (ARD) hat am Wahlabend in Niedersachsen sehr eindrücklich vorgeführt, wo das derzeitige Wählerpotential liegt: bei den Alten, die sich über Wahlplakate im Stil der 50er Jahre freuen. Wie soll das in die Zukunft führen?

Die SPD hat hier ein Problem: sie wird zunehmend als die Partei wahrgenommen, die den heute Alten die Renten sichert. Dass das die Spielräume für die aktuell Erwerbstätigen und noch viel mehr für die Nachwachsenden stark mindert, wird billigend in Kauf genommen, weil die Wählergruppe der Alten immer noch so stattlich groß ist. Steht das einer Konzeptpartei gut an?

Sollte die SPD nicht hergehen und eines ihrer Grundthemen neu beleben: Solidarität? Gemeinsinn?

Sollte die SPD sich nicht dranmachen, den Alten zu verdeutlichen, dass es für alle besser ist, die Jungen mehr zu fördern und dafür auf die eine oder andere Rentenerhöhung zu verzichten, die eine oder andere Kreuzfahrt? Denn unter’m Strich haben alle mehr davon, wenn unser Land weniger auf Kreuzfahrten unterwegs ist und stattdessen mehr gescheite, gut ausgebildete Leute heranwachsen. Dann bleibt auch immer für die Alten genug übrig. Ansonsten wird es irgendwann dünn. Oder will die SPD sich mit den jetzigen Alten in den nächsten Jahren verabschieden?

„Sich ehrlich machen“ ist ein dämlicher Begriff, aber für die SPD beschreibt das die Situation ganz gut: sie muss es schaffen, die Alten davon zu überzeugen, dass Solidarität auch dann wichtig ist, wenn man selber auf einmal zu denen gehört, die etwas abgeben müssen. Nur so kann sie die Jungen für sich gewinnen. Und nicht nur die. Auch die, die sie nach rechts verloren hat, und das sind viele und werden immer mehr.

Der Agenda 2010 müsste das Projekt 2030 folgen: Mehr Solidarität wagen!

Das Kuckucksei und der Landjunker

Allmählich zeigt die AfD ihr wahres Gesicht und das sollten sich die Leute, die sie bislang für die Partei des kleinen Mannes gehalten haben, für die Stimme der „Abgehängten“ womöglich, doch ganz genau anschauen.

Beim Parteitag am Wochenende hat man als Spitzenteam für die Bundestagswahl 2017 einen alternden preußischen Möchtegern-Landjunker (Gauland) und eine Unternehmensberaterin vom Bodensee (Weidel) gekürt, jemand der international Firmen in der Globalisierung berät und in der Komfortzone lebt. Herzlichen Glückwunsch!

Ist Weidel nun ein Kuckucksei oder das wahre, jüngere Gesicht der AfD, die politische Tochter Gaulands sozusagen? „Das Kuckucksei und der Landjunker“ weiterlesen

Bürgerstadt 2.1

Machtpolitische Erwägungen haben vor rund 1000 Jahren dazu geführt, dass Bamberg als Bistum eingerichtet wurde, in der Folge zahlreiche Kirchen und Klöster gegründet und umfangreiche kirchliche Pfründe und Privilegien zugesprochen wurden. Erst später entwickelte sich die bürgerliche Stadt der Handwerker und Kaufleute. Diese weltliche Gemeinschaft musste von Anfang an und mit der Zeit immer mehr um ihre Rechte ringen und bekam von der Kirche meist nur das Notwendigste zugestanden. Dass die Bürgerstadt sich überhaupt entwickeln konnte, war sicher auch der ökonomischen Tätigkeit der Klöster zu verdanken, im frühen Mittelalter waren sie wesentliche Impulsgeber bei der Entwicklung neuer Technologien und auch von  Bewirtschaftungsmethoden in Landwirtschaft und Gartenbau.

In Bamberg hielten die kirchlichen Grundeigentümer stur an ihren (vom König übertragenen) Privilegien fest und weigerten sich fortwährend, sich an den Kosten für das öffentliche Gemeinwesen und die Herstellung und den Betrieb der öffentlichen Infrastruktur zu beteiligen. Der Streit gipfelte 1435 im sog. „Muntäterkrieg“, bei dem sich die kirchliche Seite mit Wahrung ihrer Privilegien durchsetzte (1). Die Bürgerschaft zog ihre Konsequenzen und reagierte auf dreierlei Weise: „Bürgerstadt 2.1“ weiterlesen