Stockduster

Hin und wieder versuche ich, bei der Betrachtung von Dingen einen Schritt zur Seite zu treten. Die Perspektive zu verändern. Oder auch, mir den Spiegel vorzuhalten (Erschrecken!).

Aktuell beispielsweise in der Debatte um Herrn Tönnies und sein Afrikabild. Nichts von seinen Äußerungen muss wiederholt werden. Ich frage mich allerdings, warum sich kein cooler Afrikaner findet, der kontert, dass es im weißen Europa offenbar nie mehr richtig dunkel wird, denn sonst hätte dieses weiße Europa doch kein Demographieproblem? – Vielleicht würde dann der Einstieg in die Debatte gelingen, um was es eigentlich geht?

Senhor Bolsonaro aus Brasilien hält sich für cool und ist gerne behilflich bei einem solchen „Move“: Er gibt der (gelegentlich naiven) Frau Schulze Bescheid, Deutschland solle die nun zurückbehaltenen Fördergelder für brasilianische Regenwaldprojekte doch besser für die Wiederaufforstung Deutschlands verwenden, das sei sinnvoller. Dummerweise hat er recht, ein Stück weit. – Mich beschleicht stets ein komisches Gefühl, wenn wir den Regenwaldnationen vorschreiben wollen, dass sie gefälligst ihr Territorium weitgehend im Naturzustand belassen sollen – damit es bei uns weiterhin gemütlich bleibt. Pech für euch im Süden, dass wir schneller waren mit der Abholzung, jetzt ist das Budget leider aufgebraucht! Auch eine Form von Rassismus.

Das Dumme ist nur: während in gemäßigten Breiten die Abholzung auf einfache Weise stabile und produktive Ersatzökosysteme ermöglicht, sieht es in den Tropen ganz anders aus. Wenn man nicht aufpasst, geht der Regenwald ganz schnell in eine zwar stabile aber unproduktive Wüste über. Nachteil Brasilien. Dennoch gibt es in der voreuropäischen Geschichte Amerikas Anschauungsmaterial, wie einerseits Rücksichtslosigkeit gegenüber den natürlichen Grundlagen ins Verderben führte und ganze Kulturen auslöschte. Andererseits gab es schon einmal Technologien, den Regenwald produktiv nutzbar zu machen. Das verlangt aber technologische Intelligenz und Geduld. Warum investiert Brasilien nicht in seine Zukunft und macht uns vor, wie man sein Potential produktiv entwickelt, so dass es nicht binnen einer oder zwei Generationen ins Meer gespült wird? Dann könnte Bolsonaro ganz zu recht mit dem Finger auf uns und unsere heraufziehenden Nitratwüsten zeigen. Derzeit benimmt er sich aber doch eher wie all die anderen Idioten, die eifrig daran herumwerkeln, dass es in absehbarer Zeit für uns alle eher düsterer wird.

Weil wir gerade bei anderen Idioten und Nachrichten aus dieser Woche sind: das erratische Agieren von Mr. Trump sorgt jetzt offenbar dafür, dass die Weltwirtschaft sich tatsächlich merklich abkühlt, insbesondere China und Deutschland leiden, war zu lesen. Was heißt das? – Schritt beiseite: ist Trump verkappter Ökologe? Kann es nicht sein, dass gerade er (während Fräulein Thunberg über den Atlantik schaukelt) dem Weltklima eine längst nötige Erholungspause gönnt? In seiner Diktion würde das heißen, dass er den größten Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen leistet, den die Welt je gesehen hat! – Schritt zurück: nein, so weit wird er es nicht kommen lassen. Denn er ist dabei, die Pensionen seiner Stammwähler zu pulverisieren. Das werden sie ihm nicht durchgehen lassen. Er will wiedergewählt werden, also muss er den Ofen ganz schnell wieder einheizen. Ob das dann besser ist? Verwirrende Zeiten. Vielleicht wird es doch wieder dunkel, womöglich stockduster. Und dann?

Werbeanzeigen

Maddy, Maggie, Angie

2014 erschien Richard Powers’ Roman Orfeo und wenn Angela Merkel damals Muße hatte für Urlaubslektüre, dann könnte das etwas für sie gewesen sein, wer weiß. Die Geschichte des älteren Komponisten und Musikdozenten Peter Els, der aus wissenschaftlicher Neugier versucht, in seinem Privatlabor Musik und Genetik zu verschmelzen und deshalb ins Visier der Homeland Security gerät. Sein Leben wird schlagartig zum Ausnahmezustand und die Erzählung davon spielt auf verschiedenen Zeitebenen der persönlichen Erinnerung und Gegenwart, von Zeit- und Musikgeschichte – und von Orten der amerikanischen Provinz, wie stets bei Powers.

Eine Episode ist mir heute untergekommen: Els hält einen Vortrag über Messiaens Quatour pour la fin du temps – im Schattigen Hain, einem Altenheim, bei Menschen, die bald tot sein würden. Hier holen ihn Erinnerungen an den Winter 1967 ein: Aufbruchstimmung, irritierende Begegnung mit der Musik von John Cage, beglückende Begegnung mit Madolyn Corr. Mit ihr ist er auf dem Weg zu einer Cage-Performance, sie irren durch die Nacht auf der Suche nach dem Veranstaltungsort, einer Markthalle für Schlachtvieh, Peter auf dem Beifahrersitz eines alten geliehenen Kleinbusses:

Els nimmt die Hände vom Gesicht: „Ich glaube, das war ein Stoppschild“, stöhnt er.
„Wir schaffen das!“ In dem schlitternden Kleinbus schaut ihn Maddy von der Seite an und kneift ihm aufmunternd in den Oberarm. „Wir schaffen das!“
Erst vor wenigen Wochen ist dieses selbstsichere, wagemutige, aufgeklärte Mädchen aus dem Norden des Landes mitten in Els’ Leben gelandet, und mit einem einzigen abrupten Schnitt war der Schwarzweißfilm neonbunt geworden. […] Sie kann ein ganzes Jahr seiner Ängste davonzaubern, mit einem einzigen amüsierten Schmollmund. Sie sorgt dafür, dass er aus sich herausgeht, Anteil an der Welt um ihn her nimmt, der großen Schnitzeljagd. Sie ist so sicher auf ihrer Bahn, das reicht für zwei.“ (1)

Tja, denkbar, dass diese Passage Frau Merkel damals ein wenig aufgewühlt und sie sich wieder an Angela, das Mädchen, erinnert hat. Und warum sie das alles auf sich genommen hat. Der Rest ist Geschichte. Aber wie sangen schon Keimzeit, die auch als DDR-Band begonnen haben, in Maggie:

So einfach stehn die Dinge
Nun auch wieder nicht
Denn wer weiß schon genau
Wann so ein Krug zerbricht…

Dass wir aus uns herausgehen: das ging gerade mal einen Sommer lang. Merkel hat die vielen alternden Menschen in den beigen Blousons unterschätzt, das Nörgeln der Alten im schattigen Hain der Nation. Nicht wenige wünschen Angela die Homeland Security an den Hals. Manche von ihnen bedauern, dass es die gute alte Stasi nicht mehr gibt, oder ihren Vorläufer, die Herren mit den schweren Ledermänteln. Ihre Welt ist beige und verblassend, aber das hatte Nina Hagen ja schon sehr früh prognostiziert:

Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel‘
alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr…


(1) Powers, Richard. Orfeo, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2. Auflage, 2014. S. 171-173

Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang

Merkwürdige Nachrichten aus einem Wochentag.

Gelber Sack: im Wirtschaftsteil lese ich, dass über 95 % der PET-Flaschen der Henkel-Produkte (und anderer Marken) aus recycelten Einweg-Getränkeflaschen bestehen. So gut wie keine Verwendung findet Recyclat aus dem System des Gelben Sacks, für das hierzulande seit rund 30 Jahren fein säuberlich getrennt und gesammelt wird. Das läge nicht in der notwendigen Quantität und Qualität vor, sagt Henkel. Stattdessen wird das „reinere“ PCR-Plastik lieber aus dem europäischen Ausland importiert und das Plastik aus dem Gelben Sack zu mehr als der Hälfte verbrannt, sagt das Umweltbundesamt. Kurz gesagt: dieses System macht so offenbar keinerlei Sinn. Die Industrie holt sich ihre Rohstoffe, wo sie will, die Konsumenten erliegen einer Kreislauf-Illusion. Sollte man doch grundlegend ändern, oder nicht? (SZ Nr. 156/2019, S. 15)

Blauer Sack: Leider denke ich inzwischen bei fast jedem Thema: was sagt eigentlich die AfD dazu? Interessiert die sich für echten Müll, Recycling, Kreislaufwirtschaft?

„Gelber Sack, Blauer Sack, Fontane im Abgang“ weiterlesen

2019.157 | D-Day

Wahrscheinlich war er einer der ersten deutschen Soldaten, die ihr Leben lassen mussten am Tag der großen Invasion. Am Tag der Befreiung. Er war stationiert auf der Halbinsel Cotentin, im Hinterland von „Utah-Beach“. Dort fielen schon in der Nacht, vor der Landung der Schiffe, die amerikanischen Fallschirmjäger vom Himmel, still und leise. Er war als Melder unterwegs, vermutlich alleine, irgendwo zwischen den Hecken der verwinkelten Bocage. Wochen zuvor hatte man ihn für die SS mustern wollen, weil er ein so stattlich gewachsener junger Mann war. Er ist durch’s Clofenster getürmt, vor einer direkten harten Bestrafung konnte ihn der Vater eines Freundes bewahren, der in der Partei war. So musste er „nur“ an die Front, ganz schnell, ganz unvorbereitet. Er wurde 18 Jahre alt. Immerhin haben seine sterblichen Überreste ein Grab gefunden auf einem Soldatenfriedhof in der Bocage. Das ist heute ein ungemein friedlicher und großzügiger Ort, völlig entrückt. Gelegentlich besuche ich sein Grab, obwohl ich ihm im Leben nie begegnet bin. Nur ein paar zufällig zugeteilte Gene verbinden uns. Ich lege dann einen kleinen Strauß wilder weißer Margeriten vor den Grabstein. Sie blühen immer um diese Zeit im Saum der schmalen Landstraße unweit des Friedhofs, wo ich sie gepflückt habe. Er soll ein Mensch voller Möglichkeiten gewesen sein. Vor genau 75 Jahren ist er gestorben, 6.6.44.

The Monty Python Sundowner

Monty Python galten einmal als Inbegriff absurden britischen Humors. Jetzt weiß man nicht mehr recht, ob sie sich dort nicht in den Fallstricken der eigenen absurden Geschichte(n) verheddert haben. Der alte John Cleese leistet sich jedenfalls „first class“-Realsatire und sorgt damit in England und bei den Rechten für Furore.

Schon vor ein paar Jahren stellte er fest, dass London offenbar keine „englische Stadt“ mehr sei. Nach der Europawahl erinnerte er auf seinem Twitter-Account an seinen Befund und führt als Beleg ins Feld, dass die Stadt ja auch mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt habe. Cleese ist Brexiteer einerseits, (angeblich) Liberaldemokrat andererseits. Geht eigentlich nicht zusammen. Jedenfalls ist ihm das seit einiger Zeit alles nicht mehr englisch genug daheim, weshalb er sich in die Karibik verfügt hat, auf ein beschauliches Eiland namens Nevis, wo die Welt noch übersichtlich ist (Einwohner: 11.500) und das Leben angenehm, „a relaxed and humorous life style, a deep love of cricket, and a complete lack of knife crime“, bei bestem Wetter versteht sich. Nevis war eine britische Kolonie und ist erst seit 1983 ein (leidlich) unabhängiger Zwergstaat.

Ein wenig arrogant, isn’t it? Der weiße Brite hat das natürliche Recht, es sich überall auf der Welt nett und bequem zu machen. Er hat ja die Kohle. Seine Ahnen haben die schönsten Weltregionen seinerzeit erobert, besetzt, ausgebeutet. Nein, „kultiviert“ nennt er das, der Brite. Drum darf er dort auch ein Herrenleben führen. Wem es nicht passt, ihm seinen Drink zu servieren, kann ja nach London auswandern.

Interessant ist dazu die Einschätzung des Kommentators von der rechten Sezession: Nevis sei ein Ort, „der vermutlich der Anywhere-lichkeit gänzlich unverdächtig ist.“ – Hä? – Hier tropft er heraus zwischen den Zeilen, der weiße Suprematismus, ganz unbedacht offenbar. Für einen britischen oder deutschen Nationalisten ist Somewhere Anywhere, denn ihm gehört ja die Welt. Was für eine Verwirrung. A Sundowner for Mr. Cleese, please!

Ferne Gestade sind Ruhestatt für unsere Träume, und ferne Länder existieren nicht für sich, sondern für uns,“ notiert Teju Cole (1). Cole ist mein Arzt, wenn es darum geht, am Puls der Zeit zu fühlen. Cleese? Puls: unruhig. Drink: noch einen.

(1) Cole, Teju. Brasilianische Erde, in: Vertraute Dinge, fremde Dinge. Essays, 2016.

(Don’t) Paint it!

Es ist mal wieder Freitag und die Freitagsbewegung der Jugend wächst und wird dringlicher. Mein Nachbar hat seinen Buchs, dem der Zünsler den Garaus gemacht hat, mit grüner Farbe angesprüht und ist auf seiner Harley davongebraust, sehr laut knatternd, wie sich das gehört. Diese Deko hält eine ganze Weile, die Fernwirkung ist verblüffend und beruhigt das Gemüt. Photosynthese findet natürlich keine statt. – So ist unsere Generation.

Ich hoffe und wünsche, dass die Jugend es besser macht. Und am Sonntag wählen geht, massenweise: haut den Zukunftsverweigerern ihre kratzigen Stimmchen um die Ohren. Geht zu Fuß ins Wahllokal, trinkt nachher zusammen einen Tee. Lasst das Grillfeuer aus und gönnt euch ein kleines Netflix-Fasten, denn ihr wisst ja: Streamen ist Energiekonsum von unglaublichem Ausmaß. Pflanzt lieber einen Apfelbaum. Dafür ist es allerdings schon etwas spät, vielleicht solltet ihr dafür doch bis Herbst warten. Der Herbst wird kommen, für uns alle, wie auch immer. Für manche von uns ist er schon Dauerzustand. Einstweilen tun es auch Tomaten am Balkon, den Sommer über. Lasst es wachsen und blühen, an allen Ecken und Enden, widmet euch der Photosynthese und haltet ein wenig die Luft an.

Pimp your Pavement“ war ein Motto des Guerilla-Gardenings (was ist daraus geworden?). Aufhübschen allein wird es nicht mehr tun, ob mit Sprühfarbe oder echten Pflanzen. Ihr müsst etwas tiefer in die Substanz gehen. Und leider auch viel mehr verzichten, wenn die Bilanz ins Lot kommen soll. Also: guten Mut und lasst euch nicht unterkriegen!

Stop. Bis hierher hat es noch nicht wehgetan. Eben lese ich, dass für den 20. September der große internationale Klimastreiktag geplant ist. Da sind dann alle aus dem Sommerurlaub zurück, auch die Bayern. Die Aktivisten fordern dazu auf, man solle sich mit Aktionen beteiligen, die auf die Klimakrise aufmerksam machen. Mein Projektvorschlag: bei den Demos die Leute befragen, wie viele Flugmeilen sie im zurückliegenden Urlaub absolviert haben. Ob sie mit dem Billigflieger geflogen sind, ob sie einen Ökozuschlag bezahlt haben, all so Zeug. So viel statistisch relevantes Material in einer so kurzen Zeit kann man sonst kaum generieren. Zigtausende Auskünfte erhält man da auf einen Schlag. Und auch noch aus genau dem Milieu, das die weitere Entwicklung auf diesem Planeten ganz wesentlich mitbestimmen wird. Aber ob das jemanden interessiert?


Bildquelle: Green Lawn Paint for quick touch up of brown dead dormant grass or brown pet pee spots

Ins Blaue getroffen

Schockstarre in den rechten Blogs. Eine Schutzmacht ist implodiert. Das „Strachnin“-Gift wirkt. Dabei hatte man doch ganz andere Drehbücher im Kopf, gerade vor der Europa-Wahl, und keine Sekunde daran gedacht, dass die Protagonisten der gerne gehegten Verschwörungs-Plots die eigenen Leute sein könnten.

Ist es nicht kurios? Genau gestern erschien bei Vera Lengsfeld die Besprechung eines Thrillers: „Das Attentat“: Die Privatmaschine eines russischen Oligarchen und seiner Frau, einer Politikerin, sowie einer halben Milliarde Euro in bar stürzt in den Schweizer Bergen ab (leider nicht auf Ibiza). Bei den Ermittlungen stößt man auf eine Verbindung zwischen Moskau, Brüssel und dem Ausbruch einer rätselhaften hochansteckenden Infektion in der Ukraine, der viele Menschen zum Opfer fallen. Aber niemand in den Machtzentralen ist an einer Aufklärung interessiert…

Die Autorin ist eine Kollegin von Lengsfeld in der rechten Szene und veröffentlicht unter dem Pseudonym Frank Jordan seit einer Weile Geschichten, in denen es wohl um die ganz großen Verschwörungen geht. Den Inhalt ihres neuen Buchs umreißt sie, während der Entstehungsphase, so: „Stichworte: EU, Schweiz, Ukraine, Russland, Geld, Bargeld, inszenierte Krisen und immer wieder Menschen – ihre Leidenschaften, Wünsche, Seilschaften, Ränkespiele und Sehnsüchte. Selbstschutz, der Wille zur Macht und zum Machterhalt.“ Den Fall Strache hat sie durchaus treffend antizipiert. Die Reihenfolge der Attribute ist wohl nicht zufällig gewählt, denn ganz schlimm: die EU. Die Schweizer Autorin muss es ja wissen.

Lengsfeld schreibt dazu: „Hinter der wohlanständigen Fassade von Politik und Finanzwesen tun sich Abgründe auf, die derart realistisch geschildert werden, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob vielleicht etwas dran sein könnte, ob hinter dem, was der durchschnittliche Zeitungsleser als Politik präsentiert bekommt, vielleicht ganz andere Interessen im Spiel sind, von denen er nicht einmal ahnt.“
Und sie zitiert einen Kollegen, Robert Nef: „Dieser Thriller ist anders. Er spielt sich im Netzwerk von zentralen Regierungen ab, deren Interesse an der Machterhaltung gegenüber der allgemeinen Gefahrenprävention Vorrang hat. Politik fordert von den Reichen und von den Armen Geld mit dem Vorwand, beide voreinander zu schützen. Aber Tatsache ist: Letztlich schützen Politiker nur ihre eigenen Interessen.“

Heute mittag stellt sich Strache in Wien vor die Presse und sagt, es habe ein „gezieltes politisches Attentat“ auf ihn stattgefunden, faselt von „dirty campaigning“, „Schmutzkübelkampagne“, „Wahlkampfbeeinflussung durch ausländische Geheimdienste“ usw.

Entschuldigen S‘ bittschön: wer saß in der Villa auf Ibiza und hat sich bewirten lassen? Wer war so geldgeil, machtlüstern, dass er das eigene, gelegentliche Unwohlsein vergaß, und sich hinreißen ließ, das eigene Volk zu verraten? Die Presse verscherbeln, Staatsaufträge verticken, die Wasserversorgung gewinnträchtig privatisieren? Die Süddeutsche sagt das ganz richtig: er hätte jederzeit aufstehen können und gehen. Ein Mann von Charakter hätte das getan, schon nach einem kleinen Weilchen. Strache blieb sitzen. Und will jetzt auch noch austeilen?

Selten jedenfalls hat die rechte Szene mit ihren Verschwörungstheorien so ins Schwarze getroffen. Eigentlich ins Blaue, denn sie hatten keine Ahnung, dass die Verschwörer aus den eigenen Reihen kommen, im eigenen Haus sitzen. Porca miseria! In Wien liegt heute abend jedenfalls Revolution in der Luft. Aber von ganz anderer Art, als die rechten Einheizer das gerne hätten. Weggehuscht sind sie, mäuschenstill, gelähmt?

Die Autorin Frank Jordan zitiert zu ihrem Roman Alexander Solschenizyn: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Ein ORF-Kommentator meinte heute zur Causa Strache: „Was in einem Menschen nicht drin ist, das kann auch nicht raus.“

Ein Landjunker reist

Gibt es das noch, dass einer aus der Provinz in die Hauptstadt fährt und Bauklötze staunt? Gibt es das noch (oder wieder), dass einer herabschaut auf das Städtische in einer Haltung, die eine merkwürdige Mischung ist aus Snobismus und (unverschuldeter?) Dämlichkeit? Lynx wundert sich und liest, dass Landjunker Kubitschle sein sächsisches Gütlein verlassen hat und, nebst Gattin, nach Berlin gereist ist. Konnte er sich nicht entgehen lassen, diese krude Konferenz der sog. „freien Medien“, die die AfD im Lüders-Haus des Bundestages veranstaltet hat – oder doch auch nicht. Denn die AfD wusste bis zum Schluss nicht, ob sie das jetzt wollen soll oder nicht. Darum gab es auch einen inoffiziellen Teil, wo es richtig schmuddlig wurde. Aber da war Kubitschle schon wieder auf dem Heimweg, dieser Nachschlag war unter seiner Würde, immerhin. Die Rückfahrt in der Bahn nutzte er zur Reflektion, oder sagen wir besser: Einordnung. Der Text ist tatsächlich aufschlussreich. Es geht da eigentlich weniger um die kuriose Veranstaltung, mit der er letztlich nicht warm wurde, sondern mehr um: Architektur. Und was er sich dazu so denkt.

Er informiert uns, dass das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Sicherheitsschleusen hat und riesige kreisrunde Fenster mit Blick auf das Regierungsviertel: dazu fällt ihm „Blase“ ein. Diese gebaute „Blase“ hat außerdem viele Meter hohe Räume aus „dickem Glas“ und „nacktem Beton“ – und dies alles sei „gar nicht volksnah oder demokratisch.“ – Warum denn nicht? Weil es aus Beton ist und nicht zierlich gemauert? Weil es keine zugigen Butzenscheiben hat? Ist Beton ein neuer, unbekannter Werkstoff für ihn? Und was ist verkehrt an „nacktem Beton“ – verwechselt er groben Bunkerbeton mit 1a-Sichtbeton? Hat er eine leise Ahnung davon, welche Kunst es ist, Sichtbeton in vorzüglicher Qualität herzustellen, sichtbar bleibende Oberflächen zu schaffen, die nicht unter egalisierendem Putz versteckt werden müssten? Ingenieurskunst – kennste? Oder leben wir noch in den Zeiten des Maurerhandwerks vor 1850? (Doch selbst das Pantheon ist ja schon betoniert…) Eine Antwort bleibt K. uns schuldig. Es fehlt ihm die „Demut“ und es sieht zu wenig selbst gebaut aus: sprich, es fehlt ihm die Heimwerkeranmutung (wie sie ja in Schnellroda authentisch anzutreffen ist). Ein wahres Parlamentsgebäude sieht nach Praktiker aus (gibt’s nicht mehr…) – denkt er sich das? War es nicht schon immer so, dass eine Gesellschaft in ihrer Architektur gezeigt hat, dass sie aktuelle Technologien beherrscht, somit auf der Höhe der Zeit ist? Auf welcher Zeit-Höhe bewegt sich Kubitschek? Sollen wir uns rückwärts entwickeln, nur weil er keine Ahnung von Bautechnologie hat? Ängstigen ihn große Fenster, weil sie einen weiten Horizont eröffnen? Sollen wir lieber Fenster mit Scheuklappen bauen?

K. schreibt dann noch einiges Inhaltliche zur Veranstaltung, aber irgendwie zog das eher nebulös an ihm vorbei und hat ihn (und die „Bewegung“) nicht viel weiter gebracht, weil er dauernd durch die kreisrunden Fenster schauen musste. Schießscharten hätten seiner Konzentration besser geholfen? Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass Schnellroda „samt Schrebergärten“ locker reinpassen würde ins Lüders-Haus. Dazu denkt Lynx sich:
a) Grobe Täuschung: mit Google-Maps überschlägig abgemessen hat das Lüders-Haus eine Grundfläche von ca. 250 x 100 m, Schnellroda mindestens von 600 x 600 m. Also selbst mit stapeln wird es da schwierig. Klingt halt so volksnah.
b) Hybris: wie kommt so ein selbsternannter Landjunker auf die Idee, dass er und noch ein paar Hanseln auf mehr Fläche residieren sollten als ein Parlamentsgebäude eines 80-Millionen-Volkes braucht, wo deutlich mehr Leute arbeiten als in Schnellroda je wohnen werden?

Könnte es sein, dass da einer „unheimlich“ volkstümlich tut und dabei so was von abgehoben ist, dass er schon das Gefühl für Maßstäbe verliert? Dass er nur vorgaukelt, sich mit der volkstümlichen Kleinmaßstäblichkeit von Katen abzugeben und mit ehrlichem gemauerten Handwerk (von dem er offensichtlich nichts versteht). Könnte es sein, dass das nur Attitüde ist, Bauernfängerei? (Komisch oder nicht: in Schnellroda gibt es eine Pension, die heißt „Zum Schäfchen“?)

Antiurbane Ressentiments sind in Deutschland seit langer Zeit, fast schon immer, ein Selbstläufer. Lange Zeit haben CDU/CSU dieses Feld beackert, bis sie erkennen mussten, dass sie auf diesem Weg allmählich in die Minderheit geraten. Also fischen an diesem ruralen Rand jetzt andere. Und träumen von gemauerten und adrett verputzten Palästen aus dem Baumarkt, die ihnen imaginierte Untertanen von reinstem germanischen Blut zusammenschustern würden (diese Maurer gibt’s auch nicht mehr). K.s Fahrt in die ewig sächsische Nacht.

Good Move

Facebook kann gute Schlagzeilen vertragen. Meint man, weil es doch so in Verruf geraten ist. Der Aktienkurs zeigt aber, dass der „Turnaround“ längst erfolgt ist. Technologisch haben sie dort nun (fast) alles beieinander, um in die nächste Runde zu gehen (an der eigenen Kryptowährung basteln sie wohl noch), also räumen sie alten Ballast ab. Das bringt, zusätzlich zum ohnehin brummenden Geschäft – gute Schlagzeilen.

Dennoch: der gestern ausgesprochene umfassende Bann gegen einige „namhafte“ rechtsextreme Pöbler, Einheizer und Volksverhetzer ist erfreulich. Und überfällig. Hoffen wir, dass FB auch hierzulande noch fündig wird, das sollte nicht allzu schwer sein.

Die Betroffenen heulen jetzt erwartungsgemäß ihre alte Leier, dass das Zensur sei und gegen „free speech“, das Recht auf freie Meinungsäußerung, gerichtet. Und genauso notorisch lässt sich darauf antworten: nein, ist es nicht. Schon in der Vergangenheit konnte kein Verlag gezwungen werden, Dinge zu veröffentlichen, die ihm nicht gefielen. Und auch heute noch ist es jedem/r unbenommen, die eigene Plattform zu gründen, Fans zu finden und vor allem: Geldgeber. Das macht Mühe. Deshalb kam man in der rechten Szene vor einiger Zeit auf die Idee, zu russischen Social-Media-Plattformen zu wechseln. Super Idee. Ist was daraus geworden? Natürlich nicht, sitzen ja nur die immer gleichen Leute am Stammtisch.

Selbst harmlose Hobbyblogger (willkürlich herausgegriffenes Beispiel) berichten in naiver Offenheit, dass Facebook vor allem anziehend ist wegen seiner Reichweite. Reichweite ist das Stichwort, nichts anderes. Reichweite auch noch für die absurdesten Gedanken, die schlimmsten Verleumdungen. Reichweite für umsonst (vermeintlich). Das war aber nur der Köder. Inzwischen kostet echte Reichweite, auch bei WordPress. Ein legitimes Mittel, den Strom einzudämmen. Und ein Schritt in die weitere Professionalisierung der Datenerhebung und -verwertung.

FB braucht die Agitatoren nicht mehr, die es als Brandbeschleuniger nutzten und damit zugleich massenhaft Leute auf die Plattform holten. Die freiwillig nützlichen Idoten haben ausgedient, der „Narrensaum“ wird abgeschnitten (mit dem Begriff des Narrensaums hat die FPÖ ausnahmsweise einmal ins Schwarze getroffen). Die, die meinen, Relevantes zu sagen zu haben, zahlen dafür. Die, die nicht zahlen wollen, werden zurückgeschickt in private Chats und geschlossene Gruppen, wo sie unter sich bleiben – und FB will dort sogar künftig verschlüsseln und schützen usw. Denn umfassenden Zugang zu den Nutzerdaten und Überblick über das Nutzerverhalten hat FB inzwischen ohnehin. Was da geredet wird, interessiert nur noch nachrangig. Wichtig ist die Auswertung der Interaktionen an sich, daraus lassen sich viel weiter reichende und vermarktbare Schlüsse ziehen. Alles, was dieses Geschäft stört, muss weg. Im aktuellen Fall ist dies wirklich kein Verlust, eher ein Dienst an der Gesellschaft, das will ich FB unumwunden zugestehen. Beim Rest muss jeder selber wissen, wie er es damit hält. Wie sagte gestern ein Ökonomieprofessor: „In dem Augenblick, in dem Geld dafür fließt, dass man die großen Onlinedienste nutzt und somit mit Daten füttert, werden meine Studenten den ganzen Tag nichts anderes mehr tun als Onlinedienste zu nutzen und Daten zu erzeugen.“ Doch solche gekauften Daten seien wertlos, deshalb werden wir weiterhin umsonst liefern müssen. Und hoffen, dass der Gegenwert, also der Nutzen der Dienste und Netzwerke, stimmt. So betrachtet ist FB gestern für mich ein gutes Stück wertvoller geworden (auch wenn ich es nicht nutze…)

Bei FB wird Gold geschürft, echtes Gold. Die Narzissten, die sich allein berauschen am Katzengold aus Likes und Followern und Shitstorms, stören dieses Geschäft. Werden sie es je kapieren?

Wald. Lichtung. Hain. Quelle

Die Welt ist ein Wald: nachdem ich an der Süddeutschen in letzter Zeit hin und wieder herumgekrittelt habe, widmet sie heute dem Motto dieses Blogs einen Artikel. Nette Geste. Christoph Quarch beleuchtet das Verhältnis von Wald und Lichtung im Fortschreiten der Gesellschaften. Angefangen, natürlich, bei wilden Waldmenschen, Giganten, über die Gründung Roms als Rodungsinsel, über die Aufklärung als große Lichtung, die Waldverehrung der Romantiker und den heutigen Dschungel. (Blitz aus dem Virtuellen, SZ Nr. 81/2019, S. 10)

Überraschenderweise erklärt er nicht das Netz, die digitale Welt zum undurchdringlichen Wald, in dem man leicht verloren gehen kann, sondern zur Lichtung, die sich „schleichend in den alten Raum der Stadt gebrannt [hat], eine Lichtung, deren Licht so grell ist, dass sich niemand ihr entziehen kann.“ Was folgt daraus? „Der urbane Raum der analogen Stadt wird bald den Wald beerben“. Quarch beschwört den Großstadtdschungel als Sehnsuchtsort für neue „wilde“ Männer und Frauen und sieht die große Verwilderung des Stadtraums heraufziehen, weil Gestaltung, Zuwendung, Sichkümmern nur noch den digitalen Formaten gelten könnte. – Bedenklich. Aber er dreht noch weiter, weil er meint, diese neue digitale Lichtung sei so groß und grell beleuchtet, dass es keinen Schatten mehr gäbe, also eher eine Wüste als eine Lichtung, diese neue Welt, wo „zu viel Licht tödlich“ ist. (So betrachtet könnte es also sein, dass es manchen Leuten in den unendlichen Weiten und unter der grellen Sonne des Web schon die Großhirnrinde weggebrannt hat, bei dem Stuss, den sie oft absetzen.)

Letztlich ist der Wald der Ursprung von allem. Nur weil es Wald gibt, kann es Lichtung geben. Der Wald ist der Wurzelraum, die Quelle, die „Brutstätte„, das sich ständig erneuernde Füllhorn, das die Natur ausschüttet, wenn man sie lässt. So ist der Wald in den Mythen der Menschheit häufig der „Ort der Transformation, Initiation und Verwandlung“ der Helden. Der ackerbauende und viehzüchtende Mensch drängte ihn immer weiter zurück, schaffte sich erschöpfenden Produktionsraum, den er dann künstlich düngen muss. Bis nur noch eine große Agrarsteppe zurückblieb, auch eine Art von Wüste, wie Leute wissen, die etwas von Biodiversität verstehen.

In der großen Agrarsteppe der USA, zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains, in großen Teilen natürliches Grasland, das unter den Pflug genommen wurde, erkennt man die Farmen schon von weit her. Auch an den Getreidesilos, aber vor allem an den Bäumen. Kleine Waldinseln. Inverse Lichtungen sozusagen. Sie dienen hier oft zunächst dem Windschutz, weil die Great Plains von unaufhörlichen Winden geplagt sind, auch wenn kein Tornado droht. Und für deren Schutz vor Wind und Sonne in der Ackerwüste der einsame Wanderer sehr dankbar ist, wie Wolfgang Büscher in „Hartland“ berichtet – wenn die Hofhunde ihn ruhen lassen. Dort, wo Menschen sich verorten, bedürfen sie offenbar des Waldes, seinem kühlenden Schatten, seinen Geheimnissen der Quellnymphen, dem Gesang seiner Vögel. Wobei diese Art von Wald eher ein Hain und der Hain der Topos schlechthin ist für den „locus amoenus“ einer arkadischen Weltsicht. Der Hain steht zwischen Wald und Lichtung, ist geprägt von beiden Sphären, ist nicht zu groß, ein wenig licht, überschaubar. Man könnte auch sagen: nett. Bieder. Die goldene Mitte. Gegenstand unzähliger Bilder der frühen Neuzeit, als der Mensch begann, das Licht der Welt für sich zu entdecken und das „himmlische Licht“ in den altgewordenen gotischen Kathedralen zurückließ. Der Hain gewinnt aktuell wieder an Bedeutung: Agroforst, Waldackerbau sozusagen ist das neueste Ding in der (ökologischen) Landwirtschaft. Ackern unter Bäumen, Landwirtschaft in Etagen, nicht zu viel Sonne und die Feuchte beieinander halten. Die Umstände verlangen danach.

Lynx streift herum, mal hier, mal dort. Sein Lieblingsort wird nicht verraten. Einmal war er allein unterwegs am Westabhang der Appalachen, in den Wäldern von Kentucky, bei Wildcat Mountain. Er hatte Witterung aufgenommen und folgte der Fährte von Daniel Boone, dem „Trailblazer“, der Ende des 18. Jh., also zu Zeiten der Aufklärung, den Siedlern den Weg durch das östliche Küstengebirge in die unendlich fruchtbaren, paradiesisch beschaffenen Weiten des Mittleren Westens gewiesen hatte. Dieser Weg, die Wilderness Road durch die Cumberland Gap führte durch das Stammesgebiet der Shawnee. Deren bedeutendster Anführer war Tecumseh, ein weitsichtiger Politiker, dem es gelungen war, zeitweise eine große Koalition der Stämme in „Appalachia“ zu schmieden, um sich der Siedlerflut zu erwehren. Das Ergebnis ist bekannt, Tecumseh aber in Erinnerung geblieben und zur mythischen Figur geworden. Lynx folgte einem schmalen Waldpfad in eine Senke hinunter, ein kleines hölzernes Schild hatte zu einer „Indian Spring“ gewiesen, einer Quelle, die offenbar die Shawnee gekannt hatten. Es war sehr still, kein Mensch weit und breit. Aus einem Felsen rann ein sehr dünnes Wässerchen, kleine Pfützen am Grund. Er streckte die Hand aus, um vom Wasser zu kosten, benetzte seine Lippen. Da erhob sich ein Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Seitdem…

Genesis radikal

Manchmal kommt es vor, dass ich an ganz alte Fragen gerate, die doch längst beantwortet sind – oder scheinen. Diesmal war das eine ganz grundsätzliche. Völlig vermessen, sich als kleiner Luchs an so etwas Großes anzupirschen, aber die Neugier siegt: Wie ist das eigentlich mit dem Gründungsmythos unserer abendländischen Kultur, der Mensch sei das Ebenbild Gottes und solle sich die Erde untertan machen (Genesis 1,28) – was ist da dran? Warum kann man unter diesem Motto so viel Unsinn anstellen? Steht das da so?

Also habe ich mir meine Lutherbibel geholt und versucht, ganz unverstellt, ganz frisch und fromm, die einschlägigen Stellen der Genesis erneut zu lesen. Hebräisch kann ich nicht, also bleibt es ein ganz oberflächliches Unterfangen. Aber die Herangehensweise ähnelt der von Martin Luther (ohne mich mit ihm im geringsten messen zu wollen) und letztlich basiert darauf die gesamte protestantische Kirche in all ihren Verästelungen. Gerade fundamentalistische Strömungen wie die Evangelikalen legen allergrößten Wert darauf, die Bibel gleichsam naiv zu lesen und so auch wörtlich zu nehmen. (Das unterscheidet sie nicht von salafistischen Strömungen im Islam oder orthodoxen Juden.) Die Schrift ist so zu lesen, wie sie da steht. Keine Ausdeutungen, keine Interpretationen, heißt es. Theologen braucht es da eigentlich nicht. Nur ich und der Text, ganz fundamentalistisch. Also: Genesis 1-3, Kurzfassung der für die Fragestellung wesentlichen Passagen:

Gott hat die Erde geschaffen und alles was darauf wimmelt. Er ist begeistert von seinem Tun, so sehr, dass er sich noch ein Alter Ego schafft, das für ihn diese Erde, dieses Paradies verwalten soll (dass er mehr Zeit für sich hat?). Dieses Alter Ego nennt er Mensch und er konstruiert es fortpflanzungsfähig, weil er wohl meint, es bräuchte viele davon, um seinen Verwalter-Auftrag ordnungsgemäß auszuführen: sich die Erde untertan zu machen. Über alle Fische im Meer, alle Vögel im Himmel, alles Vieh und sonstige Getier sollen die Menschen bestimmen. (Leider erfährt man nicht, ob Gott die Menschen vorher in irgendeiner Form gecoacht hat. Macht eher den Eindruck als hätte er ihnen den Job mit sehr großem Vertrauensvorschuss einfach übergeben.)

Er klärt diese Menschen dann noch auf, dass er ihnen alle Pflanzen, Samen und Früchte zur Speise gibt, davon sollen sie sich ernähren. Da steht nix von Tiere essen, Alter! Der Mensch ist als Vegetarier gedacht, steht da! – Die Tiere allerdings auch, genauer als Gras- und Krautfresser. Keine Carnivoren, kein Luchs & Co, nirgends. Wo ist da etwas schiefgelaufen?

Gott fand dieses Layout jedenfalls perfekt: „siehe, es war sehr gut“, hat er sich gesagt. Dann legte er den Sabbat ein und seine Schöpfung tummelte sich auf dieser wohlweislich eingerichteten Erde, alles was lebte, mümmelte friedlich vor sich hin: wie im Paradies. Ja, das war das Paradies.

Dann kam die dumme Geschichte mit dem Baum der Erkenntnis (geschlechterspezifische Verwicklungen vertiefe ich jetzt nicht, die sind nicht entscheidend). Die Herren-Menschen, die doch alles managen sollten, ließen sich von einer einzigen frechen Schlange hinters Licht führen – oder ins Licht? Jedenfalls war Gott stinksauer, dass die Menschlein nicht einmal sein einziges Verbot, nicht die Früchte dieses einen Baumes zu essen, einhalten konnten. Und schmiss sie raus aus dem Paradies. Nicht ohne ihnen noch einmal richtig den Kopf zu waschen: die Feldfrüchte werden ihnen künftig nicht mehr einfach in den Mund wachsen, sie müssen ein Leben lang den Buckel krumm machen, sich jedes Krümelchen Essen hart erarbeiten und ihre Kinder unter Schmerzen gebären. Und die Alter-Ego-Würde nimmt er ihnen auch wieder weg, die Quasi-Göttlichkeit: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Wie das sonstige Getier und Gewürm. Gott war echt enttäuscht und schickte sein Ebenbild von dannen.

Also ich verstehe das als Kündigung. Im Job versagt, zum Feldgehilfen degradiert. Wie kann der Mensch jetzt noch glauben, er sei Chef über den Rest der Schöpfung? Was ist das für ein eingebildeter, aufgeblasener Macker? Gott hat ihm doch ganz klar seinen Platz angewiesen, in der Ackerfurche, zwischen „Dornen und Disteln“, wo er „das Kraut auf dem Felde“ essen soll. Da steht immer noch nichts von Schnitzel und Steak. Krone der Schöpfung war vielleicht mal so angedacht, ist aber schief gegangen, hat sich nicht bewährt. Schöpfung untertan machen: das galt nur im Paradies, so lese ich das.

Was die Farmer (und sonstigen Geschäftemacher) in den Bible Belts dieser Welt, zwischen Kansas und Niederbayern wohl zu solch einer radikal fundamentalistischen Bibellektüre sagen? Der Status in der Ackerfurche ist ihnen ja an sich bekannt, tagtäglich mühen sie sich darin ab. Aber den Teil der Botschaft, den Lizenzentzug, hören sie und wir alle nicht so gerne. Der Anfang der Geschichte gefällt besser, Herren-Menschen und Untertan-Machen, gerne auch mit Roundup. Religiöses Rosinenpicken könnte man das nennen. Erst am Grabesrand wird auf „Erde zu Erde“ zurückgegriffen. Reine Willkür und Autosuggestion. Mit ernsthafter Religiosität nicht zu entschuldigen.

Noch ein kleiner Exkurs ins Neue Testament: Viele Jahre später kam dann Jesus und starb den Kreuzestod, als geschundener Mensch unter geschundenen, gekrümmten Menschen. Vor seiner Verhaftung war er nicht Burger essen, sondern nahm etwas Brot und Landwein zu sich, unter Freunden. Vielleicht war auch ein Schälchen Olivenöl dabei, wer weiß? Danach wurde er gefoltert und verstarb qualvoll (oder auch nicht?) Die Bibel sagt jedenfalls, dass er im Sterben durch ein Nadelöhr ging, durch das wir fettleibigen Grillgutfresser alle es niemals schaffen werden. Weshalb das Paradies uns auch weiterhin versperrt bleibt, im Diesseits sowieso und womöglich auch im Jenseits.

Ich muss gestehen: ich habe lange nicht mehr in der Bibel gelesen. Aber dieser fundamentalistische, unverstellte Zugang erfrischt meinen Geist. Endlich bin ich diese Rednecks und selbstzufriedenen Scheinheiligen los, sie haben fertig, argumentativ. Gut, dass Luther mir das übersetzt hat.

Porridge zum Frühstück ist jedenfalls weiterhin gesetzt. Ansonsten denke ich mir: Leute, lest die Bibel, wenigstens die ersten Seiten! Fügt euch endlich ein in den Rest der Schöpfung, nah am Boden, wie der Herr es euch angewiesen hat! Und esst Müsli (ohne Zucker). Und Äpfel. Vielleicht stimmt das den Herren gnädig. Vielleicht.


Bild: Paolo Veronese – Adamo ed Eva dopo la cacciata dal paradiso (Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies), ca. 1580, Wikipedia

Ast und Baum

Draußen zeigen sich die ersten Pflaumenblüten. Tatsächlich ein Frühlingsmorgen, noch hinter Glas. Ich sitze bei der Zeitung und auf einmal muss ich an eine kleine einsame Kiefer in Oregon denken, Hitze und Dürre trotzend. In meinem Kopf passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Neulich gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag, wahrscheinlich wieder mal losgetreten von der AfD, ich weiß nicht mehr, um was es konkret gehen sollte, aber natürlich ging es nur um Migration, wie immer, wenn die AfD meint, etwas zu sagen zu haben, egal zu was, wovon sie nichts versteht. Bewusst mitbekommen habe ich nur den kurzen Auftritt von Karamba Diaby (SPD), der seinen Kollegen zu erklären versuchte, wie sich das anfühlt, wenn man ertrinkt. Wenn sich die Lungen mit Wasser füllen… – Da mussten vielleicht sogar die blauen Kobolde schlucken, ganz kurz nur vermutlich? Es war auf einmal auffallend still im Plenum.

Die Süddeutsche widmet MdB Diaby heute ein Kurzportrait in einem Feature über schwarze Deutsche (Heimatkunde, SZ Nr. 76/2019, S. 11). Da kann man erfahren, dass Diaby in den 1980er Jahren als Student aus Senegal in die DDR kam und über die Schwermetall- und Nährstoffgehalte in den Böden von Kleingartenanlagen promoviert hat. Und seitdem ein begeisterter Kleingärtner geblieben ist, zumindest mental. Ein urwüchsiger Spießer sozusagen, wenn man geläufige Zuschreibungen bemüht. Seit auf einem rechten Blog ein Foto von ihm herumgereicht wurde, das ihn im Grand Boubou zeigt, trägt er den nur noch zuhause, als „Vorsichtsmaßnahme“.

Boubou, Brexit, Christchurch, Sellner, Ungarn, was mir so durch den Kopf ging die letzten Tage, fließt auf einmal zu einem Bild zusammen: die Nationalisten und anderen Rechten, sie sägen munter am Ast, auf dem sie sitzen. Sägen ihn auch mal ab. Fallen dann runter. Zetern, suchen Schuldige. Steigen zurück auf den Baum, wollen sich wieder ein Plätzchen suchen, was unweigerlich zu Konflikten führt, weil alle Äste schon besetzt sind. Müssen also Andere runterschmeißen, wenn sie oben sitzen wollen (und das wollen sie natürlich, am besten ganz ganz oben!). So geht das rechte Weltbild. Sie können nur in Ästen denken und wissen nichts vom Baum, der die Äste trägt. Und der nur in seiner Gesamtheit funktioniert.

Jetzt werden die Rechten entgegnen: falsch, wir verstehen sehr wohl, wie der Baum funktioniert. Das Wichtigste am Baum ist, dass jeder auf seinem Ast bleibt, dass die Balance stimmt, dass er nirgends zu schwer wird, dass er keine Schlagseite kriegt, die Äste wegen Überlastung abbrechen. So geht das Weltbild der Identitären. – Was zeigt, dass sie eben doch nur in Ästen denken, und keine Vorstellung vom Baum haben, seiner Funktionsweise, seinem Aufbau. Dem Stamm, den gemeinsamen Wurzeln, den Leitungsbahnen, aus denen alle Äste ihre Versorgung beziehen.

In den wüstenartigen Lavafeldern von Oregon gibt es Kiefern, deren Spezialität ein spiralförmiger Wuchs des Stammes ist: in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung, wo es vielleicht nur an einer einzigen, winzigen Stelle eine kleine Wasserader gibt, versucht der Baum Fuß zu fassen. Er kann fast nur in diese eine Richtung wurzeln, versucht aber dennoch, aufrecht zu wachsen und die oberirdischen Pflanzenteile statisch im Gleichgewicht zu halten. Dafür braucht er Äste ringsum, die er bei regelmäßigem Wachstum mit nur einseitiger Bewurzelung nicht gleichmäßig versorgen könnte. Also wächst sein Stamm spiralförmig nach oben, damit die Leitungsbahnen an jedem Ast mal vorbeikommen. So funktioniert Baum. So funktioniert Ökologie. Und Solidarität. Jetzt bin ich draußen. Ein schönes Wochenende.

Boubou

Wie steht es um den Handel zwischen dem Erzgebirge und dem Senegal? Brauchen die in Westafrika jetzt auch schon Christbaumschmuck und Räuchermännchen? Und will man in Sachsen allen Ernstes afrikanische Erdnüsse knabbern? Die Süddeutsche wartet mit einer überraschenden Geschichte auf.

In letzter Zeit war ich zuweilen nicht mehr recht zufrieden mit meiner alten SZ. Etwas zeitgeistig, etwas aufgeregt manchmal, auch oberflächlich. Habe mich dann auf eine andere alte Liebe besonnen und mir tatsächlich ein Online-Abo der New York Times geholt, was sehr erschwinglich ist. Und den Horizont enorm erweitert. Da kann man dann lesen, dass eine Redakteurin auf die verwegene Idee kommt, von New York nach Los Angeles mit dem Zug zu fahren, anstatt schnell mal den Flieger zu nehmen, was nur ein Zehntel der Zugreise kosten würde. Drei Tage ist sie unterwegs, mit toller Schlafkabine und betörenden Ausblicken in Amerikas Hinterhöfe. Sie beginnt ganz langsam zu verstehen, dass da sehr viel Land liegt, bewohnt sogar, zwischen Ost- und Westküste. Die Heimat der „Somewheres“ könnte man sagen. I like that stuff.

Auch das Erzgebirge ist noch bewohnt und es beherbergt sogar ökonomische „Hidden Champions“. Nicht nur für Weihnachtsdeko oder auch Uhren. Es ist viel spektakulärer: westafrikanische Muslime, die etwas auf sich halten, kleiden sich in Damast aus Aue. Ein hochwertiger Grand Boubou, wie sich das traditionelle Gewand nennt, muss aus farbigem und glänzendem Stoff der Curt Bauer GmbH aus Aue genäht sein. Die Chinesen liefern nur die Billigstoffe für Alltagskleider. Wenn man in die Moschee geht muss es ein Boubou aus sächsischem Stoff sein – ist das nicht schön? Seit Jahrzehnten bestehen die Geschäftsbeziehungen nach Westafrika, das Handelsvolumen ist mit jährlich 4 bis 5 Mio € überschaubar, doch immerhin beschäftigt Bauer 130 Leute in einer Region, wo es wirklich auf jeden Arbeitsplatz ankommt – und das Geschäft mit Afrika wächst. Die AfD führt in Aue und Umgebung inzwischen politisch das Wort und hat offenbar noch nicht mitbekommen, welche wichtige Kundschaft die Region unter den afrikanischen Muslimen hat. Einen ernsthaften Konkurrenten auf dem afrikanischen Markt für hochwertigen Damast hat die Fa. Bauer – und der kommt aus Österreich. Noch so eine schöne Pointe.

Die Wirklichkeit erweist sich wieder einmal als deutlich komplexer, als man in manch ostdeutschem Gau oder manch treudeutschem Gemüt so leichthin vermutet. Man kann den Leuten bei Curt Bauer nur weiterhin viel Erfolg, gute Geschäfte und Kontakte nach Afrika wünschen. Und der SZ danken für diese schöne Geschichte. (Der Text von Rike Uhlenkamp beruht auf einer Reportage von ihr aus dem Jahr 2017, erschienen bei Zeitenspiegel, dort als Download verfügbar.)

Thermodynamik

Der Thermomix hat mich noch nie interessiert. Allerdings lese ich heute, dass Vorwerk den Wutbürger im Kunden befeuert hat. Quasi über Nacht hat man ein neues Modell dieses Rührpanschschnitzelgargeräts in den Markt geworfen, weshalb sich Spätkäufer des Vormodells nun übervorteilt fühlen. Und womöglich prozessieren wollen. Ohne Prozess geht ja heute gar nichts mehr. – Laangweilig.

Gestutzt habe ich, als ich lesen musste, dass der neue Thermomix TM6 jetzt auch das Sous-vide-Garen beherrscht, also das Dampfgaren im Plastikbeutel. Was für ein Fortschritt! Vor ein paar Jahren bin ich einmal zufällig in den Genuss von Sous-vide-Gegartem gekommen, weil auf einer italienischen Berghütte gerade ein Sternekoch am Herd stand und uns ein Schweinefleisch servierte, wie wir es aromatischer noch nie gegessen hatten. Er experimentierte da gerade mit Aromen aus dem Bergwald und wir waren seine Versuchskaninchen. Es war gar köstlich. Nur habe ich mich schon damals gefragt, was er wohl mit den ganzen Plastiktüten macht, die er da so verkocht.

Das Sous-vide-Garen ist ein schönes Beispiel für netten aber völlig überflüssigen Scheiß. Nice to have, aber verzichtbar. So wie auch Nespresso-Kapseln beispielsweise. Weil man auch auf klassische Art sehr aromatische Schmorbraten hinbekommen kann. Man wird die Geschmacksintensität der Plastikküche nie ganz erreichen – aber wozu? Ist es das wert? Ist das nicht eine wirklich schmerzlos-einfache Gelegenheit, auf dummen Carbonkonsum zu verzichten?

Es ist schon irritierend, wie wir hier Debatten führen über die schlimme Plastikflut und zugleich das Sous-vide-Garen als heißen Scheiß der Küche hochjazzen und nun auch noch massenkompatibel machen. Auf Wikipedia kann man lesen, dass die Kochbeutel aus Mehrschicht-Kunststoff bestehen, damit man die Ausdünstungen der Weichmacher im Griff hat. Also genau die Kunststoffkategorie, die besonders schwer wiederzuverwerten ist. Die sich leicht verbrennt. Mein gut 60 Jahre alter Cromargan-Schmortopf, den mir meine Mutter vor langer Zeit leichtsinnigerweise überlassen hat, setzt beim Garen garantiert keine Weichmacher frei.

Und so wird eine „runde“ Sache daraus: Mit erheblichem Energieaufwand produzieren wir Plastikbeutel, in die wir dann ein Stück Zuchtlachs oder Bioschwein einschweißen, für ein kleines Weilchen erhitzen, kurz verzehren, dann den Beutel wegschmeißen und verbrennen. Was für eine Verschwendung? Nein, verloren geht nichts. Die Wärme bleibt zurück, zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. So basteln wir munter weiter am globalen Kochbeutel, den wir mit uns selbst befüllt haben. Guten Appetit.

N.B.: Sollte es jemals zu einer juristischen Bewertung in Sachen TM6-Verkauf kommen, könnte das Gericht würdigen, dass Vorwerk den Kunden und letztlich dem Planeten einen kleinen Dienst erwiesen hat, in dem es wenigstens einige von ihnen vor den „Segnungen“ des TM6 bewahrt hat. Ob das dann als Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens verkauft wird?

Dschungeldampf und Gipfellinie

Wen sehen wir hier? Peter Handke, verkleidet, beim Pilzesuchen? Götz Kubitschek beim Training im Vorharz? Che Guevara als  Dschungelkämpfer? (Lynx, der in eine Fotofalle geraten ist?) Das Bild ist über 50 Jahre alt, damals hat Handke noch überwiegend geschrieben und GK noch nicht mal in die Windeln gemacht. Aber der Che ist mir eingefallen, als ich dieser Tage auf GKs Sezession gelesen habe, wir er sich mit Martin Sellner darüber unterhält, dass sie ihren Partisanenkampf neu ausrichten müssen. Lohnt sich zu lesen. Wie man überhaupt mit Rechten gar nicht reden soll – es reicht, sie zu lesen, mehr will man gar nicht wissen. Beim Lesen besagten Beitrags sind allerdings merkwürdige Erinnerungen und Assoziationen in mir aufgestiegen: da war doch was. Und ich war überrascht, was ich dazu beim alten Guerillero Che Guevara gefunden habe. Dazu später mehr.

GKs Gedankenaustausch mit Sellner nennt sich „Briefwechsel“ und liefert interessante Einblicke in das, was die beiden Autoren „Denken“ nennen. Es soll um eine Positionsbestimmung der „Identitären Bewegung“ (IB) gehen, zu deren Köpfen sich die beiden zählen (wenn sie sie nicht gar erfunden haben?) und ob die Zeiten nun besser oder schlechter werden. Man versichert sich gegenseitig, wie friedliebend und voll und ganz verfassungstreu man sei und auf immer und ewig bleiben werde, an etwas anderes sei gar nie nicht jemals gedacht. Dies alles wird vorgetragen in einem zuweilen kämpferisch-militaristischen Ton, der irgendwie gar nicht zu dieser eigentlich guten Botschaft passen will. Freischärler-Jargon. Insbesondere Sellner tut sich da sehr hervor, Kubitschek wählt subtilere Formulierungen. Aber immer geht es darum, so zu tun, als lebe man in einer Ausnahmesituation, unter einer existenziellen Bedrohung durch ein übermächtiges System. Man fühlt sich vom „System“ zu unrecht verfolgt und nutzt fröhlich und ungestraft alle Kanäle der freien Meinungsäußerung dieses Systems. Alles ernst oder nur infantiles „Indianerspielen“? Aktuelle Spielsituation:

Derzeit befinde man sich „auf allen Ebenen im Verteidigungsmodus“, weil ein „Vernichtungsschlag“ stattgefunden habe (Sellner): „Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie und das Managen einer Partei im Spannungsfeld zwischen Realismus und Fundamentalismus ist ein täglicher, zäher Stellungskampf, den man niemals final gewinnen kann. Viele glauben, wenn ein Akteur verschwände, verschwände auch der Kampf. Ich glaube das ist falsch…

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der metapolitische Weg auf der Gipfellinie – solchen Stuss verzapft dieser Sellner. Will Nietzsche imitieren und klingt dann doch nur nach Ernst Jünger. Dampfplauderei, die Eindruck machen soll aber doch nur gequirlte Wortscheiße ist. Vielleicht sollte Peter Handke sich das mal vornehmen, der ist auch Österreicher und kann sich vielleicht besser hineinversetzen, was in so einem Kopf vorgeht. Aber der geht eben inzwischen lieber Pilze sammeln, das ist gescheit. Mehr hat Handke damit auch gar nicht zu schaffen, er ist nur wegen dieser blöden Österreicher-Assoziation hier herein geraten – tut mir leid Herr Handke und viel Erfolg beim Sammeln (wenn dann wieder Saison ist). Zurück zum „Stellungskampf“ von Sellner (woran muss ich da noch denken?)

Sellner: Nun sollen wir also die neuen Nazis sein? Wenn ja, dann bitte: Noch nie zuvor klaffte die „Nazidiffamierung“ durch das System und die Realität einer Bewegung so sehr auseinander.“ – Oliver Welke würde sagen: Äh, nein. Hier klafft nichts auseinander, hört euch einfach nur mal selber zu.

Sellner: „Xenophobie, Hetze, NS-Nostalgie und Gewalt sucht man in beiden Gruppierungen [AfD und IB] vergeblich.“ – Nochmal: äh, nein, nicht vergeblich! Muss ich die vielen Vogelschiss-Beispiele aufführen?

Sellner: „Die Existenzvernichtung ist Erfolgsbedingung unserer Gegner, somit wird das (meta)politische Überleben bereits Jahr für Jahr zu einem kleinen Sieg.

So viel Schmonz scheint selbst Kubitschek überzogen, aber er kennt die Qualitäten der mitteldeutschen Gaue am Harz: „Es kommt in den kommenden Monaten alles darauf an, dem äußeren Gegner geschlossen und selbstbewußt entgegenzutreten und seine Waffe, den Verfassungsschutz, als das aussehen zu lassen, was er ist, wenn er auf Granit trifft: ein stumpfes Schwert.“ 

Andererseits wittert Kubitschek Verrat an der IB durch die AfD, die sich, um sich selbst reinzuwaschen, von der IB distanzieren könnte: die IB als Opfer, damit die AfD ins Establishment aufrücken kann. Was für ein süffisanter Gedanke! Die Zersetzung wirkt (und ohne Opfer-Attitüde geht es bei den Rechten nicht).  Um das zu verhindern, rät GK dazu, sich wieder mehr von der AfD zu distanzieren und sich auf die eigenen Kräfte als „Teil der rechten metapolitischen Landschaft begreifen“, die sich um den Verfassungsschutz „als einer Waffe des Gegners nicht schert – für mich klingt das nach Partisanentaktik, nach rechter Guerilla. Ob sie jetzt Poggenburgs sog. „Patrioten“ unterwandern wollen?

Wegen dieses ganzen Partisanengetues muss ich bei den Verlautbarungen der faschistischen „Vordenker“ immer wieder an Che Guevara denken, diesen revolutionären Posterboy der 68-er Zeit (und ernstzunehmenden Arzt und Revolutionär in Kuba). Wie das? In seinem „Bolivianischen Tagebuch“ schildert er minutiös, wie er mit ein paar kubanischen Freiwilligen und einheimischen Kleinbauern im bolivianischen Hinterland einen Guerillakrieg aufziehen wollte. Die Unternehmung ist letztlich kläglich gescheitert und hat ihn und seine Mitstreiter das Leben gekostet. Wenn man in jugendlichen Sturm- und-Drang-Jahren eine Anleitung dafür haben möchte, wie man sein Leben erfolgreich verpfuschen kann, dann ist das „Tagebuch“ eine sehr taugliche Handreichung.

Es mag vollkommen an den Haaren herbeigezogen sein, irgendwelche ernsthaften Parallelen ziehen zu wollen zwischen den Schilderungen eines „Befreiungskriegers“ aus Südamerika und dem Freischärler-Habitus der IB und der Leute der Sezession um Kubitschek in Schnellroda, aber ich kriege diese Assoziationen, die letztlich eher ironischer Natur sind (vor ernstem Hintergrund), nicht aus dem Kopf und will ihnen ein wenig nachgehen. Der eine ist in einen echten Krieg gezogen ist, die anderen wollen eigentlich nur von Politik reden, erachten diese aber offenbar ebenfalls eine Art Krieg oder zumindest als Kriegsspiel. In beiden Fällen führt das in meinen Augen zu einer gestörten Wahrnehmung der Realität, weil sie nur durch die zu Sehschlitzen verengten Augen des Kämpers wahrgenommen wird, der teils bewusst, teils unbewusst der Fokussierung wegen die sonstigen „Regungen“ um sich herum ausblendet und so nicht mehr das gesamte Bild zu erkennen vermag. Obwohl ich Guevaras Buch gelesen habe, als ich noch recht lebensunerfahren war, erinnere ich mich, wie ich oft den Kopf geschüttelt habe über so viel Verblendung aus missionarischem Eifer.

Guevara hat seine meist täglichen Einträge am Monatsende um eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Ereignisse ergänzt, so kann der Ablauf des „Kampfes“ im Zeitraffer nachverfolgt werden. Die Unternehmung beginnt am 7. November 1966: „Heute beginnt eine neue Etappe. In der Nacht kamen wir auf dem Gut an. Die Reise verlief einigermaßen glatt. Nachdem wir, gebührend verkleidet, über Cochabamba eingereist waren, stellten Pachungo und ich die Kontakte her…“ – Ähnlich liest sich das wohl im Tagebuch von Kubitschek, nach dem er sein „Rittergut“ in Schnellroda bezogen hatte. Die November-Zusammenfassung lautet dann auch: „Alles ist ziemlich gut verlaufen: meine Ankunft ohne Schwierigkeiten […] Die entscheidenden Mitarbeiter von Ricardo schließen sich der Erhebung allen Widerständen zum Trotz an. Die Aussichten sind gut in dieser abgelegenen Region, wo alles darauf hindeutet, dass wir praktisch so lange bleiben können, wie wir es für richtig halten…“ – Zwischen Naumburg und Kyffhäuser, nahe der Saale, mittelalterliches deutsches Grenzland: ein wunderbar stiller und so geschichtsträchtiger Unterschlupf für eine 1%-Bewegung.

Die Vorbereitungen für den Kampf gedeihen, so heißt es Ende Dezember: Die Gruppe der Kubaner hat sich erfolgreich vervollständigt, die Moral der Leute ist gut, es gibt nur kleine Probleme. Mit den Bolivianern geht es gut, wenn es auch nur wenige sind….“ – Zum Mitraten: wodurch muss man Kubaner und Bolivianer ersetzen, um die Parallele zu entschlüsseln? Hier ein Vorschlag.

Ende Januar 1967 tun sich dann erste Differenzen und Schwierigkeiten auf: „Wie ich erwartete, war Monjes [ein kommunistischer Parteifunktionär] Haltung im ersten Moment ausweichend und dann verräterisch. Schon schmiedet die Partei Waffen gegen uns. Ich weiß nicht, wohin das führen wird, doch das wird uns nicht bremsen, und vielleicht wird es sich langfristig sogar günstig auswirken (fast bin ich dessen sicher). Die ernsthaftesten und kampfbereitesten Leute werden auf unserer Seite stehen, auch wenn sie mehr oder minder schwere Gewissenskrisen durchmachen müssen. […] Von allem Geplanten ging die Einreihung der bolivianischen Kämpfer am langsamsten vonstatten.“ – Ich weiß nicht, ist das jetzt Guevara oder schrieb das Kubitschek in seinem „Briefwechsel“ ? Erfasst mich da nicht ein leichter Schwindel?

Wir werden Zeugen werden eines Herumirrens im tiefsten Dschungel. Keine Gipfellinie auch nur zu erahnen im Nebel.

Warten wir auf die Februar-Zusammenfassung, wann immer es so weit sein wird. Doch so viel kann man getrost spoilern: am Ende ging die Sache schief, weil die Bolivianer nicht recht wussten, wozu diese importierte Revolution letztlich gut sein sollte und keinen Bock drauf hatten, sich deswegen blutige Nasen oder mehr zu holen.


Literatur: Guevara, Ernesto Che. Bolivianisches Tagebuch, München: Trikont-Verlag, 1980. Auch das Bild wurde diesem Band entnommen und geringfügig editiert.