Helpless, reissued.

Die Sonne ist zurück, nach einigen trüben, regnerischen und ziemlich kühlen Tagen. Die waren wichtig und womöglich immer noch zu wenige. Dass die Sonne wieder wärmt ist schön, aber es bleibt die Unsicherheit, ob das nicht zur endlosen Hitze führt… Der Boden unseres Daseins ist schwankend geworden (war er das nicht schon immer?). 

In der Zeitung ein Artikel über die Reise Alexander v. Humboldts nach Südamerika und seine ständigen Begegnungen mit grassierenden Infektionen (Gelbfieber v.a.). Seuchen waren Alltag. Unsicherheit war Alltag. Wir waren uns unserer Sache zu sicher und hatten unsere Fragilität vergessen. „…dass wir eine Menge Dinge nicht wissen, mit deren völliger Kenntnis wir uns lange geschmeichelt haben“ wird Humboldt zitiert.

Heute wollen Tausende auf der Theresienwiese in München demonstrieren, die sich ihrer Sache sicher fühlen und „ihr altes Leben“ zurück haben wollen. Ja, sieht so aus, als verließen wir unser Plateau der Moderne und Aufklärung. Sinken wir zurück in die trüben und stumpfen Zustände, die die menschliche Welt eigentlich meist prägten? Dort wurden regelmäßig die Ursachen und Schuldigen auch immer anderswo gesucht – und gefunden, vorgeblich. Das Leben in scheinbarer „völliger Kenntnis“ ist halt so bequem. Oft gewalttätig, auch.

Spotify ist bequem und kennt mich inzwischen gut, kann meine Gedanken lesen. Also blendet es jetzt automatisiert ein: „Helpless„, der Klassiker von Neil Young, der mich treu begleitet hat. Allerdings in einer aktuellen Version von Molly Tuttle und der Old Crow Medicine Show. Hintergrund des Songs: in Youngs Kindheit gab es in seiner Heimat Kanada eine Polioepidemie, er selbst erkrankte auch daran, mit bleibenden Schäden…


Bildnachweis: https://thestoryofrockandroll.com, verändert

Architektenpoesie (2): Wohn(t)raum in Virginia

Bauherrin ist eine junge, vierköpfige Familie aus Virginia, die sich hier ihren 530 Quadratmeter großen Wohntraum erfüllte. Entstanden ist ein Ensemble aus drei Volumen, die jeweils eine Hauptfunktion aufnehmen und die umliegende Natur einrahmen. Küche und Wohnbereich beispielsweise sind nach Westen, Richtung Sonnenuntergang und Shenandoah-Gebirge ausgerichtet, während die Drehung des Schlaftraktes für grüne Berghänge vor dem Fenster sorgt. […] Platziert ist der Neubau auf einer Hügelkuppe am Waldrand mit Blick auf die Berge, im Osten eines 18 Hektar großen Grundstücks.

Baunetz, 13.05.2020

Der Gini-Koeffizient zur Beschreibung der Ungleichheit der Einkommensverteilung in einer Gesellschaft liegt in Deutschland lt. Bundesregierung bei 0,29 (Stand 2016, nach Abzug von Steuern und Abgaben). In den USA im Bundesdurchschnitt bei 0,39, im Bundesstaat Virginia, einem alten Südstaat, bei 0,48 – exakt der Wert, den Anthropologen als Durschnittswert für historische, vormoderne Agrargesellschaften ermittelt haben. (Der Wert 0 gilt für eine egalitäre Gesellschaft mit gleichmäßiger Einkommensverteilung, beim Wert 1 würde ein Mensch alles verdienen, die maximale Ungleichverteilung.) Das bescheidene 530 m²-Häuschen für vier Personen in Virginia ist eine prima Illustration dieses Messwertes und wie er sich räumlich auswirkt. (Und immer finden sich willige Architekten, die hier ihre feuchten Träume ausleben.)

Ein paar Meilen östlich residierte einst Präsident Jefferson im mondänen Monticello, noch etwas tiefer im Süden, aber noch in Virginia, lag sein „Hideaway“ Poplar Forest, wo er seiner Sklavenhaltertätigkeit nachging. Alle diese (Architektur-)Bezüge leben hier munter fort: „diese Villa strotzt vor historischen Bezügen, zumal sie laut Architekten obendrein von den traditionellen Kolonialhäusern der amerikanischen Südstaaten inspiriert ist.“ So hinterlässt der Trumpismus bereits neue gebaute Spuren der Verwüstung. Das Haus heißt übrigens Three Chimney House, was man auch als Bankrotterklärung auffassen könnte – oder als gebautes Ausrufezeichen der Klimawandelleugner: das fossile Zeitalter ist noch lange nicht zu Ende…


Bildrechte: Baunetz/Joe Fletcher, verändert

Am Spielfeldrand

„Wir lernen, während wir segeln. Deshalb ärgere ich mich so über die vielen Kommentatoren am Spielfeldrand, die ohne viel Einsicht die Wissenschaftler und Politiker kritisieren, die sich bemühen, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Das ist sehr unfair.“

Peter Piot

Präzise auf den Punkt gebracht von Monsieur Piot, einem belgischen Arzt und Wissenschaftler, der Covid-19 selbst durchlitten hat. Dem belgischen Magazin Knack hat er ein Interview gegeben, das in Science und der Welt zusammenfassend wiedergegeben wird. – Das wird unseren „besorgten Bürgern“ herzlich wurscht sein, die sind nun einmal leidenschaftliche Spielfeldrandkommentatoren, und wer jemals Kinder auf dem Fußballplatz hatte, weiß, was das heißt.

Besorgte Bürger zitieren üblicherweise gerne den Volkmund. Aus dem stammt auch der Satz: „Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um.“ Herzliche Grüße an die nächste bräunliche Schmutzel-Demo.


Bildrechte: Bayerischer Rundfunk/picture alliance, ZUMA Press, verändert

Goldrand

In dem heruntergekommenen Häuschen leben zwei ältere Menschen. Wie alt sie sind, ist schwer zu sagen, beide scheinen von den Jahren schwer gezeichnet. Sie ist wohl die eigentliche Bewohnerin, schon lange geht sie an Krücken, kommt kaum mehr voran, erledigt dennoch irgendwie ihre Einkäufe. Sie redet viel mit sich selbst. Umso überraschender ist es, von ihr direkt angesprochen zu werden, sie erweist sich dann als hellwach und informiert. Das Häuschen verwittert vor sich hin, zerfällt allmählich, im Gleichklang mit seinen Bewohnern. Vor einer Weile war ein Entrümpler da, ich dachte schon, sie sei nun ausgezogen. Dann erschien sie in der Haustür und gab Anweisungen. Vermutlich hat sie begonnen, sich von Ballast zu befreien, seitdem ist der Garten um das Haus auch nicht mehr so zugemüllt.

Ihr Mitbewohner sieht eigentlich aus, als würde er gar nicht mit ihr im Haus wohnen, sondern irgendwo zwischen dem Müll im Garten. Ein Clochard, wie man ihn sich vorzustellen gelernt hat. Der Müll ist aber weg, er wohnt nun definitiv mit im Haus. Er ist mindestens so hinfällig wie sie, bewegt sich fast in Zeitlupe, aber ohne Seitenstützen, immerhin. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen und dachte, er sei ebenfalls ausgezogen.

Gestern nun kam ich vorbei, ein sonniger, maiwarmer Nachmittag. Er saß vor dem Haus, quicklebendig, zugleich in stoischer Ruhe, auf einem wackeligen Stuhl, an dessen Vorderbein eine grünliche Weißweinflasche lehnte. Bevor ich ihn sitzen sah, hörte ich ihn sitzen. Er beschallte die Straße mit 80er-Jahre-Hits aus einem original Transistorradio, das hinter ihm auf der Fensterbank stand. Das war alles. Er saß da, aufrecht, ruhig, in einem blauen Arbeitskittel und mit Sonnenbrille im Gesicht. Dunkle Gläser und mit Goldrand. Stevie Wonder sang dazu.

Die Deutschenversteher

Die Nähe wird zum Kosmos und Ballast, gleichermaßen. Ein paar zig Meter die Straße hinunter werkelt seit Monaten eine Truppe von Albanern an einem Haus, verwandelt ein schlicht aufgeräumtes Wohnbehältnis aus der späten Moderne in eine Wundertüte der Baumarkt-Ästhetik. Sie tun dies mit zähem Fleiß und bemerkenswertem Durchhaltewillen. Was das Angebot des Baustoffgewerbes günstig hergibt, wird detailverliebt und perfekt verbaut, zumindest oberflächlich betrachtet. Ganz wichtig dabei: intensiver Einsatz von Kleinmaschinen aller Art, oft aus deutscher Qualitätsproduktion. Das gefällt den Bauherren, so und so. Offenbar hat es sich in der Nachbarschaft herumgesprochen, dass diese albanische Unternehmung für allerlei Kurzweil in Heim und Hof sorgt, denn jetzt wandert die Baustelle die Straße herauf. Gelangweilte Rentner, die Gefahr laufen, dem Dauergeldsegen zu erliegen, lassen sich ihre Vorgärten und Terrassen erneuern und nebenbei auch noch alles drumherum gründlich reinigen – kärchern, wie der Fachfranzose sagt. Ist der eine Vorgarten fertig, wandern sie gleich in den Nachbargarten weiter. Das kann dauern…

Bewundern kann man die Albaner dafür, wie sie intuitiv verstanden haben, womit sie die Leute hier beglücken können. Offenbar gibt es für viele keinen größeren Genuss an einem sonnigen Nachmittag als das Dauerkreischen der Steinsäge oder pumpend-röchelnde Zischen des Hochdruckreinigers. Soll man einfach froh darum sein, dass noch so nachdrücklich, unverdrossen gearbeitet wird? Für die ins Home Office Verbannten in den Nachbarhäusern ergibt sich womöglich eine etwas andere Bewertung.

Die SZ vermeldet heute den Tod des als „Unkraut-Apostel“ titulierten österreichischen Künstlers Lois Weinberger und zitiert ihn so:

Mit dem Machen an sich habe ich immer ein Problem gehabt. Es steht ja ohnehin schon so viel Gemachtes herum. Für mich ist es viel interessanter, etwas Gesehenes zu reflektieren, zu beobachten, wie es sich weiterentwickelt.“

Lois Weinberger (SZ Nr. 23/2020, S. 12)

Mit dem einem Unkraut-Apostel braucht man den Nachbarn nicht zu kommen, aber diese Albaner…

Ablenkungsmanöver

Bekanntlich verdanken wir einen sehr wesentlichen Teil des Corona-Schlamassels in Europa dem besoffen-brünftigen Après-Ski-Zirkus in Ischgl/Tirol. Eine Sammelklage ist anhängig und der touristische Schaden womöglich enorm – wobei ich mich einer ausnahmsweise intoleranten Häme nicht enthalten kann, denn Ischgl ist der Inbegriff der Ignoranz (nicht nur in Sachen Covid-19).

Etwas verstörend aber gleichzeitig entlarvend ist der Wettstreit der deutschsprachigen Regenbogenpresse, wer denn die Seuche nach Ischgl gebracht hat, also sozusagen haftbar gemacht werden kann. Heute abend lese ich in der Welt, Patient 0 sei eine Schweizerin, die klammheimlich infiziert, quasi undercover, aktiv war. Diese Nachricht ist aber angeblich veraltet, weil die Österreicher einen Datumsfehler gemacht hätten. Darauf hacken vor allem die Schweizer Medien herum, allen voran die (leider inzwischen) neurechte NZZ (und es freut mich tierisch, die NZZ als Regenbogenpresse zu diffamieren). Also bleibt es doch bei der bisherigen Version, dass ein deutscher Barkeeper („Piefke“) die hauptsächliche Virenschleuder war? Gegen das Anti-Piefke-Alpenkartell kommt auch die Axel Springer AG nicht an.

Bleibt immer noch die Frage: Warum wurde der Betrieb von Bars und Skibetrieb nach Bekanntwerden von Infektionen nicht eingestellt? Wer will hier wem Sand in die Augen streuen?

2020.088 | Recovery?

Vor Jahren gelang dem Feuilleton der Süddeutschen schon einmal solch ein visueller Geniestreich, heute wieder (SZ Nr. 74/2020, S. 15/16). Auf der Vorderseite geht es um Bill Gates, den Guru und Geldgeber der Epidemieerforschung und -bekämpfung. Auf der Rückseite wird unter dem Titel „Der Derwisch von Absurdistan das neue Album „Recovery“ des Chicagoer Glamrockers Bobby Conn besprochen, den ich nicht kenne und dessen Musik mich wahrscheinlich nicht die Bohne interessiert. Doch dank der glücklichen Hand des SZ-Layouts entsteht auf semitransparentem Zeitungspapier ein Bildkommentar, der alle die langen Artikel und Endlosdiskussionen zur gegenwärtigen Lage auf den Punkt bringt: Wir sind am Boden, erledigt, alle Bremslichter leuchten. Wir hoffen auf Erholung und womöglich bald auf einen Erlöser. Dem Thinktank um Gates ist immerhin zuzutrauen, dass er mehr zustande bringt als der Denkpanzer von Trump.

In der Spalte daneben (nicht mehr abgebildet) bespricht Willi Winkler Bob Dylans aktuelle und überraschende Wortmeldung, Murder Most Foul. Mancher Kritiker spricht schon von Epilog. Recovery ist bei Dylan nicht in Sicht, nur noch tödlich getroffene, verdämmernde Erinnerung. Er berichtet vom Ende einer Epoche, das mit dem Attentat auf John F. Kennedy eingeläutet wird, ein Abgesang. Play „Moonlight Sonata“ in F-sharp / And „A Key to the Highway“ for the king on the harp…

K(l)assenmedizin

Drei Erfahrungen aus dem Minenfeld der Covid-19-Tests.

Immer wieder kann man in diesen Tagen lesen, dass die Corona-Testerei nicht so funktioniert, wie sie sollte. Es werden Leute nicht getestet, bei denen es eigentlich geboten scheint. Andere erfahren eine Art Vorzugsbehandlung, weil sie offenbar zur „zahlenden“ Kundschaft aus dem Kreis der Privatpatienten zählen. Drei Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld, von Menschen, die mir alle nahestehen.

Fall 1: Die Studentin kommt zurück von der Skiwoche in Tirol und besucht ihren Freund. Sie fühlt sich angekränkelt, Husten, Halskratzen, kriegt dann leichtes Fieber. Einen Tag nach ihrer Rückkehr wird Tirol vom RKI zum Risikogebiet erklärt. Die beiden begeben sich in Selbstquarantäne und telefonieren mit Ärzten und Gesundheitsamt wegen eines Tests. Überall werden sie abgewimmelt, einhellige Meinung: ihr seid Studenten, bleibt zwei Wochen daheim. Immer wieder empfindet sie Druck auf der Lunge, immer wieder starten sie einen Versuch, immer Fehlanzeige. Das geht seit zwei Wochen, man kann nur hoffen, dass es bald vorbei ist.

Fall 2: Der Mann über fünfzig erkrankt mit typischen Grippesymptomen: Kopfweh, Gliederschmerzen, Erschöpfung, auch trockenem Husten, bald leichtes Fieber. Hausarzt: bleiben Sie daheim, trinken Sie Tee. Spricht ja im Grunde nichts dagegen. Doch der Mann arbeitet in der Nachtschwärmer-Großstadt-Gastronomie, in allervorderster Front, klare Risikogruppe. Dann steigt das Fieber sprunghaft, der Patient wird unruhig, erkundigt sich nach der Möglichkeit, ein Antibiotikum zu bekommen. Hausarzt: das sei nicht angezeigt. Ruhe bewahren. Der Zustand des Patienten verschlimmert sich weiter, hohes Fieber, er deliriert, ist kaum noch ansprechbar. Die Freundin telefoniert mit dem Notdienst. Geben Sie Ibuprofen. Die kann er nicht mehr schlucken. Sie ruft den Notarzt, der kommt nach über einer Stunde und wird leicht blass. Kaum noch Lungenfunktion, er denkt schon, sein Gerät sei kaputt. Sofort auf die Intensivstation. Da liegt er jetzt, Covid-19-positiv, mit schwerer Lungenentzündung und Nierenversagen, kriegt Antibiotika, Dialyse, ist ins künstliche Koma versetzt, ringt um sein Leben. – Die Hausarztpraxis hat inzwischen geschlossen: Corona-Verdacht.

Falls 3: Das Paar um die 60, Privatpatienten. Sie kriegen leichtes Fieber. Es besteht kein Kontakt zu Risikopersonen und man war in keinem Risikogebiet. Aber es gibt einen sehr guten Kontakt zum Hausarzt, denn dort lässt man sich für teuer Geld in der Fastenzeit den Bauch massieren. Wird schon helfen. Umgehend werden Corona-Tests vorgenommen. Es geht ihnen schon wieder besser, Testergebnis noch unbekannt.

Kammer 4 frei Haus oder ErSchrecken ohne Ende

Anfang Januar verbrachten wir einen halben Tag in den Kammerspielen, von mittags um eins bis abends halb elf. „Dionysos Stadt„, das Antiken-Projekt in vier Teilen als Theater-Überwältigung. Von Prometheus über den Trojanischen Krieg zur Orestie, im Nachgang die Erinnerung an das Endspiel der Fußball-WM 2006 und an Zidanes verzweifelten Kopfstoß gegen Materazzi. Prometheus hat den Menschen das Wissen und die Technologie geschenkt, damit sie ihr Schicksal selber in die Hand nehmen können – vermeintlich. Selbst wenn sie zu Meistern ihres Fachs werden, technische Perfektion erreichen, können sie dennoch dem Schicksal nicht entrinnen – und nicht mit den wahren Göttern gleichziehen. Das verbindet uns, über alle Zeiten hinweg, über alle Orte, so wie auch die Sonne, die jeden Tag aufgeht und über uns leuchtet. Das Schlussbild. Dazwischen viel Bühnenspaß, ein paar harte Brocken aus der Ilias, heiter-spontane (Agamemnons Rückkehr) und eindringliche Momente (Kassandras Traum). Großes Theater alles in allem. Selten in den letzten Jahren hat das Schauspielhaus so gebrummt und gelacht, noch bis hinaus in die nächtliche Maximilianstraße.

In einem launigen Prolog bereitete Nils Kahnwald uns auf die Entbehrungen und Qualen eines solch langen Theatertages vor. Irgendwann wisse man nicht mehr, wie man sitzen solle. Man verrenke sich, rempele die Nachbarn an und schon sei man im Gespräch, nach geschätzt sechs Stunden. So kam es dann auch. Wir fühlten uns ziemlich gefordert, doch bevor wir erschöpfen, werden wir zum Ouzo-Gelage auf die Bühne gebeten. Ein Wechselbad der Gefühle. Enjoy your eternal suffering: damals habe ich den Flyer mit einem Schmunzeln eingesteckt, diese leicht zynische, dionysisch-grinsende Ironie. Dass dieser Satz als Menetekel in unserer Hand aufflammen würde, als ganz konkrete Prophetie für das, was uns womöglich schon bald bevorsteht, war nicht vorstellbar. Und dieses Menetekel ist zweigesichtig, janusköpfig: es fällt auf das Theater zurück.

Wie alle Theater haben auch die geliebten Kammerspiele geschlossen, wer weiß für wie lange? Nun senden sie frei Haus, Theater on Demand, jeden Tag eine andere Aufführung aus der virtuellen „Kammer 4“. Da kann man womöglich Dionysos Stadt auf dem Sofa genießen, daheim eingesperrt und ganz ohne Qualen. Ein Albtraum. Seit heute nacht haben wir nun die erwartbare Ausgangssperre. Und die Kammerspiele legen sofort nach, künftig gibt es dort auch Live-Aufführungen. Am 24.03 geht es los mit „Yung Faust“ von Leonie Böhm. „Die Schauspieler*innen Annette Paulmann, Benjamin Radjaipour und Julia Riedler sowie der Musiker Johannes Rieder spielen das Stück gemeinsam, aber räumlich getrennt, aus ihrem jeweiligen Zuhause und versuchen so mit der Unmöglichkeit, sich zu begegnen, umzugehen.

Spatzen

Unter unserem Dach siedelte schon immer eine kleine Spatzenkolonie, in irgendwelchen Winkeln und Nischen. Vor zwei, drei Jahren waren sie von jetzt auf nachher praktisch verschwunden. Es wurde ruhig ums Haus, kein Gezeter, kein Geplärre mehr, kein herumwirbelnder oder herabrieselnder Staub und Dreck. Vermutlich hat ein Virus sie alle dahingerafft, wie es auch einen Winter lang mit den Amseln ging. Auch die waren komplett verstummt. Die Stille der Welt ohne Vögel.

Jetzt sind die Spatzen wieder da, eine kleine Horde, wilde Gesellen. Heute vormittag haben sie sich unter dem Gartentisch um irgendetwas gezofft, das zu klein war, als dass ich es hätte erkennen können. Vermutlich was zu fressen – oder Spatzen-Clopapier? Zugleich saß der Big Boss wieder an seinem Stammplatz auf der Kante der Dachrinne und machte Ansagen. Es ist der gleiche wie vor Jahren aber wohl nicht derselbe. Im Verhalten ändert sich da in Generationen nix. Dieses Exemplar hat, wenn ich es durchs Fernglas beobachte, einen merkwürdig ondulierten rötlichen Federschopf auf dem Kopf, als trüge er ein Toupet. Wenn er seine Botschaften hinausplärrt, plustert er sich so breit, wie es irgend geht. Arg differenziert sind seine Botschaften nie, meist ist es das bekannte eindimensionale „Tschilp! Tschilp!“, so laut wie möglich. Ins amerikanische Englisch wird das übersetzt mit „We are great! We are great!“. Was möglicherweise auf eine Verwechslung zurückgeht, der Spatz ist in Amerika keine autochthone Tierart, nur eingebürgert, ein Migrant. Man muss aber auch auf die Zwischentöne hören, die vernuschelt er gerne, sie enthalten aber meist mehr Information. Heute verkündete er, glaube ich, einen Einreisestopp für auswärtige Spatzen. Am liebsten hätte er aber eine weiträumige Flugverbotszone um sein Nest. Er weiß warum.

Denn bald schon kommt das Räumkommando. Das Spatzentheater währt so knapp zwei Monate, da dominieren die alles. Dann, über Nacht, zunächst unmerklich, wird alles anders. Bewusst wird es mir erst, wenn ich dann eines sonnigen Maimorgens diesen schrillen Schrei in der Luft vernehme, davor war eine sehr milde Nacht. Die Armada aus dem Süden ist eingetroffen und übernimmt handstreichartig das Regime. Die Mauersegler stutzen im Nu die Spatzen auf Spatzengröße zurecht, schmeißen sie aus ihren Nestern und kehren damit zurück an ihre Brutstätten des Vorjahrs. Manchmal gelingt es den Spatzen, ihre Jungen vorher flügge zu bekommen, dann vollzieht sich der Schichtwechsel recht geschmeidig. Manchmal ist es ein Trauerspiel für die Spatzen. Aber es ist dann Sommer, die Mauersegler jagen durch den Himmel über der Stadt, noch viel wildere und lauter kreischende Horden als diese kleinen anarchischen Spatzengangs. Formationsflug, formvollendet und in rasender Geschwindigkeit, avancierteste Flugtechnik. Apokalyptische Reiter der Lüfte? Die Spatzen ducken sich weg, verkriechen sich in die Hecke, dort hört man sie schwatzen. Sie schlagen sich durch.

Das Schauspiel der Mauersegler geht so bis Mitte August, dann sind sie so schnell und leise verschwunden, wie sie gekommen sind. Eines Morgens ist Ruhe. Das geht ein paar Tage, dann trauen sich die Spatzen wieder aus der Hecke und im Frühherbst sitzt der Big Boss wieder auf dem Rand der Dachrinne, frisch geföhnt. Und tut so, als wäre nix gewesen. Und unten am Boden zoffen sie wieder. Oder spielen sie nur? Und werden sie den Winter überstehen?

Hermann Lenz hat dazu ein treffend-knappes Gedicht geschrieben, von den Spatzen und ihrer geschäftigen Weltvergessenheit.

Der Juni ist da mit Rosen und Spatzen
Auf der Dachrinne und im Gebüsch,
Als hätten sie, nur weil ihr Tisch gedeckt ist,
Den vergessen, der hinter den Blättern steht.

Hermann Lenz

Kurze Reise in die kleine Republik glücklicher Menschen

Roadtrip März 1990 in Thüringen, eine Woche vor der ersten und letzten freien Volkskammerwahl in der DDR, zwischen Vorfrühling und Endzeit, vor 30 Jahren.

Zwei Fast-Noch-Studenten, ein roter Golf-I-Diesel, ein nur vager Plan zur Reiseroute. Wie immer war klar: wir wollten ins Hinterland und auf die Nebenstraßen. Denn nicht nur die DDR-Bürger waren aufgekratzt im Spätherbst und Winter 1989/90. Stundenlang hatte ich mir im Fernsehen die Sitzungen des Runden Tischs in Ostberlin angesehen, fasziniert: da passierte etwas und es wurde darum gerungen, dass es zivilisiert geschah. Mitte März ergab sich eine Gelegenheit, für ein verlängertes Wochenende sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, wir reisten in die mitteldeutsche Provinz – wer wusste schon, wie lange es sie in dieser Form noch geben würde? (Dabei fotografierten wir leider viel zu wenig und teils mit einfachen Kameras. Die digitalisierten Dias entwickeln dennoch einen ganz eigenen Reiz einer schon fern erscheinenden Zeit.)

Ein klarer Spiegel dient dazu, die eigene Gestalt zu erkennen; die Vergangenheit dient dazu, die Gegenwart zu erkennen. 
(Chinesisches Sprichwort)

Irgendwo in Oberfranken überquerten wir die Grenze hinein in den Thüringer Wald. Der einst gefürchtete DDR-Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf unsere Papiere, gab sich Mühe, freundlich zu lächeln und schon waren wir „drüben“. Vorausgehende DDR-Erfahrung hatten wir so gut wie keine, aber wir waren jung und hatten ein verlässliches und sparsames Gefährt dabei. Der Vorfrühling ist durchaus eine schwierige Reisezeit. Es ist kühl bis kalt, die Vegetation noch in Winterruhe, die Landschaft graubrauntrüb. Waldige Mittelgebirge mit Nadelwäldern neigen zur Düsternis, so auch die ersten Eindrücke auf der Fahrt durch den Thüringer Wald auf kurviger Strecke. Wenige Häuser oder Siedlungen unterwegs, und wenn, dann von grauschwarzen Schieferschindeln verhüllt, was die Schwermut der Gegend noch unterstrichen hat. Keine Veranlassung, irgendwo anzuhalten.

Ausfachung von Fachwerk als Bricolage

So machten wir den ersten Halt in Ilmenau, als sich der Wald gelichtet hatte. Ein Café am Straßenrand in einem bürgerlichen Haus der Vorkriegszeit sah einladend aus. Es war gut besucht, wir suchten uns einen der wenigen freien Tische und zwängten uns irgendwie dazwischen. Fehler: wir hätten uns einen Platz anweisen lassen sollen. Die Bestellung wurde etwas missmutig entgegengenommen, weil wir sie aber verbal äußern mussten, gab es nun für niemanden einen Zweifel mehr: das waren Fremde. Aus dem Westen. Wir nahmen unseren Kaffee ein und versuchten, uns mit der styroporartigen Sahnetorte anzufreunden, ständig beäugt, verstohlen oder unverhohlen. Ein Gespräch ergab sich nicht. Als wir den Raum verließen, meinte man ein deutliches Aufatmen zu vernehmen.

Wir fuhren weiter nach Rudolstadt, dann das Saaletal aufwärts, in der durchaus richtigen Annahme, dass das eine Ausflugsgegend ist, da würde sich schon auch eine Übernachtungsmöglichkeit finden. In Saalfeld hatte man im Hotel keinen Platz für uns, auf dem Weiterweg entlang der Talsperren senkte sich die Nacht herein. Die Straßen waren nun wirklich schmal, keinerlei bei Dunkelheit erkennbare Begrenzung oder Markierung, unser schmaler Lichtkegel verlor sich in düsterem Wald und tiefschwarzer Nacht: ungewohnt. Noch ein oder zwei andere Herbergen lagen am Weg, kein Platz, keine Lust, keine Ahnung. Als Notnagel hatten wir die Adresse eines Pfarrhauses im Raum Schleiz dabei, also schlugen wir diese Richtung ein, in der Hoffnung, vielleicht doch noch eine andere Bleibe zu finden.

Doch irgendwann standen wir im Kirchhof, klingelten vorsichtig. Und verbrachten dann zwei Abende im Kreis der Pfarrersfamilie, wärmstens aufgenommen. Es gab so viel zu erzählen. Erinnerlich ist mir, dass die Stasi und ihr Unwesen ein Leitthema war. Auch die Unsicherheit, ob da noch Stasi-Leute im Busch seien oder ob man jetzt aus dem Gröbsten raus sei. Und es ging ums Reisen: die Welt entdecken, in Amerika studieren, leuchtende Augen, große Erwartungen.

Vor dem Uniturm in Jena, 10.03.1990

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Jena, spazierten ein wenig in der Stadt herum. Vor der Volksbuchhandlung am JenTower, der damals wohl noch Uniturm hieß, hielt die FDP eine Wahlkampfveranstaltung ab. Die damalige Bundesministerin Adam-Schwaetzer sprach vor einem winzigen Häuflein auf dem zugigen Platz, fast niemand interessierte sich, wir auch nicht. In Weimar machten wir nur kurz Halt, die Stadt war bereits von Touristen eingenommen, beige Rentnergruppen überall, das war nicht unser Ding. Ich hatte zuvor Wieland und Kleist gelesen und wollte Oßmannstedt besuchen, Wielands Landgut, das er für ein paar Jahre bewohnte und erfolglos bewirtschaftete.

"...eine kleine Republik von guten und glücklichen Menschen wie noch keine gewesen ist..."

1797 schrieb Christoph Martin Wieland an seinen Verleger Göschen in Leipzig: „Das Gut ist ein ächtes Horazisches Sabinum; vortreffliche Aussichten, reine Luft, große Mannigfaltigkeit des Terrains, viel Grün, viel Bäume, kurz alles, was eine für mich reizende Situazion ausmacht…“ Mit dem seinerzeitigen Literatur-Papst Klopstock wetteiferte er darum, wer von beiden wohl die süßesten Trauben ziehen möge. Dies sei eine „kleine Republik von guten und glücklichen Menschen […] wie noch keine gewesen ist“, schrieb Wieland an seinen Schwiegersohn in Zürich im ersten Überschwang. Von diesem bukolischen Ambiente finden wir fast nichts mehr vor. Wenn ich mich recht erinnere, war Oßmannstedt im Prinzip eine große LPG mit allerlei Scheunen und Ställen. Wielands Landgut lag unbeachtet neben der Straße, im Dämmerschlaf, verschlossen, fast vergessen.

Wielands Landgut Oßmannstedt, März 1990

Im Winter 1802/3 besuchte ihn dort Heinrich von Kleist, verbrachte Weihnachten und den Jahreswechsel mit der Familie Wieland, war aufgewühlt und voller Erwartungen. Wieland war ihm und seinem Schreiben wohlgesonnen, bestärkte ihn ausdrücklich bei seinen dramatischen Projekten. Aber auch Wielands jüngste Tochter Luise fand ziemlichen Gefallen an Kleist, was dann im Hause Wieland doch nicht so erwünscht war: „Ich habe mehr Liebe gefunden, als recht ist, und muß über kurz oder lang wieder fort; mein seltsames Schicksal! – Wenigstens bis zum Frühjahr möchte ich hier bleiben…“, schrieb Kleist im Januar 1803 an seine Schwester Ulrike. Aber wohl schon Ende Februar, Anfang März musste er Oßmannstedt verlassen, ging zunächst nach Weimar und dann nach Leipzig. Kurze Zeit darauf verkaufte Wieland sein Gut, die Schulden wurden zu hoch, die kleine Republik war am Ende. Aber auf seinen Wunsch hin liegt er im dortigen Gutspark begraben.

Zurück ins Pfarrhaus nahmen wir wieder die Landstraßen und notierten die Bundesfahnen, die über den halb zerfallenen Gehöften wehten… Die kleine Republik war sichtlich am Ende.

Auf Anraten unserer Gastgeber, die wollten, dass wir auch etwas Schönes sehen, sind wir am Sonntag dann das Saaletal hinunter gefahren, zu den Dornburger Schlössern und nach Naumburg, das war nett. Beim Abschied im Kirchhof machten sie sich noch lustig über unseren laut nagelnden Diesel, der höre sich ja an wie ein Trecker und gar nicht wie ein schickes Westauto…

Der Naumburger Dom war touristisch noch kaum tangiert und wir hatten ihn für uns. Im Halbdunkel des Westchores besuchten wir die berühmten Stifterfiguren, die beiden herrschaftlichen Paare, die sich dort seit Jahrhunderten gegenüber stehen: die Machtbewussten und die irgendwie mehr mit dem Leben verbandelten. Ekkehard und Uta mit undurchdringlichen, unnahbaren stolzen Gesichtern, das perfekte Herrscherpaar, von dominanter Präsenz und fast kalter, teilnahmsloser Distanz. Hermann und Reglindis, ein merkwürdig heterogenes Paar. Er melancholisch, zurückgenommen, wie zurücktretend, seitwärts, aus dem Bild. Sie überrascht mit ihrem zugewandten, aufgeweckten, neugierigen, kessen, vielleicht auch naiven Lächeln – die Meinungen gehen da auseinander. Sie rafft ihr Gewand und scheint zum Aufbruch entschlossen. Tatsächlich stammte sie aus Polen und ist noch sehr jung (womöglich im Kindbett) verstorben und Hermann, der ältere Bruder von Ekkehard, hat sich später ins Kloster zurückgezogen. – Hätten wir damals ahnen können, wieviel Prophetie in dieser Aufstellung sich verbarg? – Als wir den Dom wieder verließen, entdeckten wir in einer nahegelegenen Gasse eine Crêperie: ein geschäftstüchtiger Bäcker hatte eine kleine Theke als Straßenverkauf in die Außenwand seiner Backstube integriert und servierte frische Crêpes. Das wiederum entsprach genau unseren Erwartungen, die jedoch zu diesem Zeitpunkt nur an dieser einzigen Stelle erfüllt wurden.

Dornburger Schlösser, Saaletal, März 1990

Eine Woche später wählte die DDR die Volkskammer. Klarer Sieger war die sog. „Allianz für Deutschland“ [!], bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU, der CSU-nahen DSU und dem Demokratischen Aufbruch (DA) des Stasi-Spitzels Schnur. (Heute schlagen wir uns mit einer AfD herum, die von alten Stasi-Leuten und neuen russischen Agenten durchsetzt ist?) Damit war die Sache gelaufen und die Zeit der DDR abgelaufen. Diese Wahl mit einer Wahlbeteiligung von 93,4 % habe gegolten „als Plebiszit für Artikel 23 Grundgesetz (Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes)“ (Kowalczuk). Wir für uns dachten und sagten: etwas vorschnell. Aber das interessierte niemand. So fuhren wir wieder heim in unser Gelobtes Land, den Kopf voller Fragen und Zweifel, aber auch tief berührt.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker bei der Stasiunterlagenbehörde, plädiert dafür, dass wir uns endlich eine neue, gesamtdeutsche Verfassung geben, inkl. überarbeiteter Symbole für diesen Staat, weg vom Raubtier Adler vielleicht, eine neue Hymne jedenfalls. Sollte man darüber nachdenken. Dann müssen alle an den Tisch, die mitreden wollen oder meinen, etwas beizutragen zu haben. Und die Entscheidung zur Annahme könnte womöglich ein Plebiszit sein? Ein quasi ideales und aussagekräftiges Votum zur Annahme läge wohl so zwischen 67 und 80 %, bei ähnlich hoher Wahlbeteiligung. Damit könnte man Weichen stellen und vielleicht manchen Auswuchs austrocknen. Was aber, wenn dieser zweite „Runde Tisch“ mit einem ähnlich klaren, aber eigentlich von den Initiatoren unerwünschten Ergebnis endet, wie der erste? Denn die Sieger der Volkskammerwahl waren eigentlich die, die gar nicht oder nur widerwillig am Runden Tisch teilnahmen und nebenher ihr eigenes Süppchen kochten oder alten Seilschaften frönten.

Nachtrag 18.03.2020: Der Freitag macht sich wieder einmal verdient, in dem er auch in Zeiten der Corona-Krise die langen Linien im Auge behält. In der aktuellen Ausgabe veröffentlicht er, anlässlich des heutigen Jubiläums der Volkskammerwahl, einen Text von Christa Luft, die unter der Modrow-Regierung 1989/90 Wirtschaftsministerin der DDR war. Sie fasst die Situation in diesen Tagen bündig und stimmig zusammen. Aus ihrer Perspektive verständlicherweise mit bitterem Unterton. Deshalb sollte auch nicht verschwiegen werden, dass sie selbst Teil des Systems war, das den Zusammenbruch der DDR heraufbeschworen hat und ihre Einsichten zu spät kamen. Dass dem (womöglich einsichtigen) Strauchelnden vom eigenen Volk ein Bein gestellt wurde und er auch von den Umstehenden nicht aufgefangen wurde, das ist die Tragik dieser Geschichte. Es war einfach zu spät.

„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“ —

Gespräch der sehr engagierten Schülerzeitung Sidekick des Adam-Kraft-Gymnasiums in Schwabach mit Markus Plenk, Landtagsabgeordneter ehemals der AfD, jetzt parteilos. Lesenswert.

In einem Flur nahe des Plenarsaales des Bayerischen Landtages haben wir Markus Plenk getroffen. Der heute parteilose ehemalige Fraktionsvorsitzende der AfD sprach mit uns über seine Tätigkeit als Landwirt, seinen Entschluss in die AfD einzutreten, seine Gründe für den Austritt, den Umwelt- und Artenschutz und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Dieses ganze Interview erscheint hier jetzt […]

„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“ —

Rat vom Waldgänger

Indem man versucht, sich schlechthin gefährlicher zu machen als der Gefürchtete, führt man die Lösung nicht herbei. Das ist das klassische Verhältnis zwischen Roten und Weißen, zwischen Roten und Roten und morgen vielleicht zwischen Weißen und Farbigen.

(Ernst Jünger)

Ernst Jünger (1895 – 1998) gehört definitiv zu den Stichwortgebern der Neuen Rechten. Würde er noch leben, ließe er aber vermutlich kein gutes Haar an Kubitschek und seinen Kameraden, die ihn als Mentor vereinnahmen wollen. Sie zelebrieren Jüngers soldatischen Einzelkämpferethos auf ganz oberflächlicher Ebene, ohne sich um Jüngers tiefere Einsichten zu scheren. Und diesen Satz von Jünger werden sie ganz bestimmt nicht teilen, denn ihr Geschäft ist ja eben genau das Herbeiführen der Konfrontation, dieses „klassischen Verhältnisses“. Im weiteren Text plädiert Jünger dann für Dialog als Mittel, um den Gordischen Knoten zu durchschlagen. Dialog ist ein Fremdwort für Faschisten.

Das Zitat stammt aus Jüngers Essay „Der Waldgang“ von 1951. Der passt durchaus ins Lynx-Universum, auch wenn es sehr viel Reibungsfläche gibt. Jünger spricht dort von Saumpfaden und so. Die hat Lynx längst im Blick.

Das Armleuchter-Modell

Eine einleuchtendere Alternative zum Hufeisen-Modell?

Mit dem allmählichen Erwachen aus dem Erkältungsdämmerschlaf rumpelt es wieder im Kopf herum. Dabei ist ein Begriff aufgestiegen aus dem Dunkel meiner Assoziationen, der sich inzwischen festgebissen hat. Etliche Politiker bemühen sich ja gerade, die politische Verfasstheit unserer Gesellschaft mit dem sog. Hufeisen-Modell zu illustrieren: die meisten Wähler und politischen Parteien sammeln sich in der Mitte, mit zwei Extremen links und rechts, ähnlich der Sitzordnung im Parlament. Sehr umstritten. Blickt man zweidimensional auf das Hufeisen sind die Extremisten oben: wieso gerade oben? Und unten hängt der Wohlstandsbauch herum? Schwachsinn.

Mein Gegenvorschlag: das Armleuchter-Modell. Um der Antisemitismus-Keule aus dem Weg zu gehen, ich würde die altehrwürdige siebenarmige Menora verunglimpfen, habe ich zur Illustration ein Modell des Designers Tom Dixon gewählt, das in jeder Hinsicht vom kultischen Leuchter der Juden abweicht, die uralte Tradition des vielarmigen Leuchters modern umsetzt und auch viel treffender ein wunderbares Bild für die politische Struktur einer pluralistischen Gesellschaft liefert. Das Bild des Armleuchters ist doch viel „einleuchtender“, auch etwas dynamischer und ausdruckstärker. Und natürlich doppeldeutig, wie es dem Politikbetrieb geziemt:

Bild 1, so wie die politische Rechte resp. die Faschisten ihn sehen: der Armleuchters ist so beschaffen, dass sich ein „linker Mainstream“ abbildet. Aus der Mitte heraus steigt er nach oben, nicht ohne Hindernisse. Kurze Absätze zwischen den Etagen mögen historische Abschnitte des Wegs abbilden, den die Mitte genommen hat. Und dann sind da diese weit nach rechts ausladenden Arme, tief unten ansetzend, mit ewig langem Anlauf, bis sie sich eine Kerze aufstecken können. Da werden die Rechten höhnisch anmerken: da seht ihr’s , ihr braucht uns, sonst würdet ihr das Gleichgewicht verlieren, umkippen, alles in Brand setzen, abbrennen.

Da kommt Bild 2 ins Spiel, der Armleuchter der pluralistischen Gesellschaft: die Arme des Leuchters sind beweglich. Die oberen Arme lassen sich weiter in die Mitte drehen. Die unteren Arme können nach links oder rechts weit ausladen. Das stellt auch wieder eine Balance her: die Extreme halten sich gewissermaßen in Schach. Man könnte sie aber auch einfach weglassen und der Leuchter bliebe immer noch stehen. Schöner Gedanke.

Derzeit wird der Armleuchter so bespielt, dass linke Idioten das Auto von AfD-Chrupalla abfackeln während rechte Idioten immer noch kein Verhältnis zum Hanau-Anschlag gefunden haben und darauf lauern, dass endlich neue Syrer ins Land kommen, auf denen man dann herumhacken kann.

Das Schöne am Armleuchter-Modell ist auch, dass man es schmücken und dekorieren kann, mit den schönsten Stilblüten der Protagonisten, den wirrsten Ideen und ärgsten Entgleisungen von politischen „Armleuchtern“ aller Art. Bleibt zu hoffen, dass es an den kurzen Armen im mittleren Bereich nicht so viel zu hängen gibt. Und die Last bei den Extremen so groß wird, dass sie sich biegen mögen oder brechen? More to come.


Bildnachweis: Opumo.com, Tom Dixon Spin Candelabra

Gaia.Inc. at Work

Warum der Coronavirus die richtige Antwort auf das Anthropozän ist, wir deshalb aber trotzdem nichts daraus lernen werden.

Mir ist etwas fiebrig zumute, vielleicht bin ich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte (war ich das je?) Jedenfalls begreife ich die Hysterie rund um Covid-19 nicht recht – oder tendiere dazu, sie in einem anderen „Licht“ zu sehen. Man muss kein Anhänger der Gaia-Theorie sein oder eine finstere Anti-Trump-Verschwörung am Werke sehen: der Rückgriff auf die ganz banale Evolutionstheorie ist doch ein völlig hinreichendes Erkärungsmodell, für das, was sich gerade ereignet.

Haben wir nicht erst kürzlich das Anthropozän ausgerufen? Manche habe das wohl als kritischen Weckruf verstanden. Andere dachten sich: wird doch endlich Zeit, der Natur zu zeigen, wer der Herr ist. Wir machen die Welt, ein Organismus namens Homo sapiens. Mit dem Klima haben wir schon mal angefangen, auch geologische Spuren gibt es schon zuhauf. In der Biologie sind wir schon lange tätig und sortieren fein säuberlich. Was stört muss weg. Je weniger Arten, desto besser unser Überblick über das alles, die Fülle bleibt verwirrend genug. Unser Agieren hat jedenfalls zweifellos dazu geführt, dass wir die absolut dominante Spezies sind, ein Erfolgsmodell, das Neider und Profiteure anzieht, natürlicherweise.

Denn da kommt die Evolution ins Spiel. Die hat unseren Weg zur Spitze schon immer begleitet mit allen möglichen Querulanten, die uns stoppen wollten. Nahezu alle haben wir ausgemerzt oder zumindest gezähmt. Die, die uns immer noch zusetzen können, hausen wenigstens weit weg von Trumpistan und seinen Vasallenstaaten. – Wir haben die Evolutionstheorie zwar entwickelt, aber bislang nur teilweise verstanden? Mir erscheint es logisch, dass da irgendwo in den Tiefen der Wälder heimliche Virenlabore existieren, die permanent biologische Waffen gegen die Gattung Homo entwickeln. Die allermeisten davon erweisen sich als nutzlos oder einfach harmlos. Doch gelegentlich landen die Entwickler von, nennen wir sie „Gaia.Inc.“, einen ordentlichen Treffer, sie haben auch lange genug daran herumgetüftelt. Ihr neuer Coronavirus „Covid-19“ ist wirklich raffiniert konstruiert: wie es scheint, reproduziert er sich im Rachenraum von Homo in Windeseile und wird von dort weiterverbreitet, noch bevor der befallene Organismus Symptome zeigt. Und die Zahl schwerer bis letaler Infektionsverläufe ist auch nicht so hoch, dass der Virus sich in kurzer Zeit seine Lebensgrundlage selber raubt. Das macht ihn wahrhaft überlegen.

Dass so etwas irgendwann passieren würde, ist uns aus der Evolutionstheorie schon klar, denn Natur entwickelt sich nun mal. Wir wollen aber nicht sehen, dass Natur sich gerne einmal dahin entwickelt, wo es etwas zu holen gibt, wo fette Nahrungsgründe und optimale Reproduktionsraten winken. So viele Menschen: ein Schlaraffenland für Parasiten und Viren.

Leider werden wir wieder die falschen Schlüsse daraus ziehen und als Konsequenz aus der möglichen Pandemie die Natur noch übersichtlicher zurechtstutzen, im naiven Glauben, damit die geheimen Labore ausmerzen zu können. Zum Geo-Engineering im globalen Maßstab wird sich das Bio-Engineering gesellen, die Grundlagen dafür sind ja längst gelegt. Wir sind aber nicht Herr im Haus. Gaia.Inc. hat alle Schlüssel in der Hand. Sollten es uns gelingen, diesen Laden dicht zu machen, haben wir selber fertig, im gleichen Augenblick. Das Anthropozän ist keine erfreuliche Perspektive. Aber vernünftige Co-Living-Ansätze sind nicht erkennbar, erst recht nicht in hysterischen Zeiten.

Soll ich mich jetzt mit meinem Virus anfreunden? Ich lasse ihm und mir Zeit. Ich stärke mich, rede meinem Immunsystem gut zu und füttere es (gerne auch mal mit Dreck). Irgendwann zieht der Virus weiter und hat sich, hoffentlich, als Naturfreund benommen: take only pictures, leave only footprints.