Helpless, reissued.

Die Sonne ist zurück, nach einigen trüben, regnerischen und ziemlich kühlen Tagen. Die waren wichtig und womöglich immer noch zu wenige. Dass die Sonne wieder wärmt ist schön, aber es bleibt die Unsicherheit, ob das nicht zur endlosen Hitze führt… Der Boden unseres Daseins ist schwankend geworden (war er das nicht schon immer?). 

In der Zeitung ein Artikel über die Reise Alexander v. Humboldts nach Südamerika und seine ständigen Begegnungen mit grassierenden Infektionen (Gelbfieber v.a.). Seuchen waren Alltag. Unsicherheit war Alltag. Wir waren uns unserer Sache zu sicher und hatten unsere Fragilität vergessen. „…dass wir eine Menge Dinge nicht wissen, mit deren völliger Kenntnis wir uns lange geschmeichelt haben“ wird Humboldt zitiert.

Heute wollen Tausende auf der Theresienwiese in München demonstrieren, die sich ihrer Sache sicher fühlen und „ihr altes Leben“ zurück haben wollen. Ja, sieht so aus, als verließen wir unser Plateau der Moderne und Aufklärung. Sinken wir zurück in die trüben und stumpfen Zustände, die die menschliche Welt eigentlich meist prägten? Dort wurden regelmäßig die Ursachen und Schuldigen auch immer anderswo gesucht – und gefunden, vorgeblich. Das Leben in scheinbarer „völliger Kenntnis“ ist halt so bequem. Oft gewalttätig, auch.

Spotify ist bequem und kennt mich inzwischen gut, kann meine Gedanken lesen. Also blendet es jetzt automatisiert ein: „Helpless„, der Klassiker von Neil Young, der mich treu begleitet hat. Allerdings in einer aktuellen Version von Molly Tuttle und der Old Crow Medicine Show. Hintergrund des Songs: in Youngs Kindheit gab es in seiner Heimat Kanada eine Polioepidemie, er selbst erkrankte auch daran, mit bleibenden Schäden…


Bildnachweis: https://thestoryofrockandroll.com, verändert

Ablenkungsmanöver

Bekanntlich verdanken wir einen sehr wesentlichen Teil des Corona-Schlamassels in Europa dem besoffen-brünftigen Après-Ski-Zirkus in Ischgl/Tirol. Eine Sammelklage ist anhängig und der touristische Schaden womöglich enorm – wobei ich mich einer ausnahmsweise intoleranten Häme nicht enthalten kann, denn Ischgl ist der Inbegriff der Ignoranz (nicht nur in Sachen Covid-19).

Etwas verstörend aber gleichzeitig entlarvend ist der Wettstreit der deutschsprachigen Regenbogenpresse, wer denn die Seuche nach Ischgl gebracht hat, also sozusagen haftbar gemacht werden kann. Heute abend lese ich in der Welt, Patient 0 sei eine Schweizerin, die klammheimlich infiziert, quasi undercover, aktiv war. Diese Nachricht ist aber angeblich veraltet, weil die Österreicher einen Datumsfehler gemacht hätten. Darauf hacken vor allem die Schweizer Medien herum, allen voran die (leider inzwischen) neurechte NZZ (und es freut mich tierisch, die NZZ als Regenbogenpresse zu diffamieren). Also bleibt es doch bei der bisherigen Version, dass ein deutscher Barkeeper („Piefke“) die hauptsächliche Virenschleuder war? Gegen das Anti-Piefke-Alpenkartell kommt auch die Axel Springer AG nicht an.

Bleibt immer noch die Frage: Warum wurde der Betrieb von Bars und Skibetrieb nach Bekanntwerden von Infektionen nicht eingestellt? Wer will hier wem Sand in die Augen streuen?

2020.091 | Runnin‘ outta time

Es hat sich neulich noch, trotz aller Unsicherheiten, so vergleichsweise leicht erzählt von den Widrigkeiten vor oder in einer Covid-19-Infektion. Nun kommen die Dinge massiv ins Rutschen und es sind da nur noch Schockstarre und Stoßgebete. Mein Fall 2 ist mein kleiner Bruder und wenn die Stoßgebete, unser aller Gedanken und das letzte Aufgebot der Apparatemedizin nicht mehr helfen, dann ist ihm seine Zeit ausgegangen. – Ich musste mir meine Verzweiflung herauslaufen und Keb’ Mo’ hat es mich wissen lassen: Ain’t gettin‘ no younger/And I’m runnin‘ outta time… – womöglich „vor der Zeit“?

Gewissheiten gibt es keine mehr. Die Studenten von Fall 1 wurde zuguterletzt in einem Drive-In doch noch getestet, das Ergebnis haben sie bis heute nicht erfahren, was bedeuten könnte: negativ. Und das Paar aus Fall 3? Gut, dass die Ärztin hier übervorsichtig (oder bevorzugend) war, sie sind tatsächlich positiv getestet, haben einige Tage sehr gelitten und sind nun hoffentlich aus dem Ärgsten heraus. Und mein kleiner Bruder? Er war zu gutmütig, wollte sich nicht in den Vordergrund spielen. Die Ärzte haben ihn nicht ernst genommen – bis es womöglich zu spät war. Ein größeres Fass will ich jetzt nicht aufmachen, denn das stört nur die Stoßgebete. Jede Anrufung zählt und wird gewertet. Er hat es verdient.

K(l)assenmedizin

Drei Erfahrungen aus dem Minenfeld der Covid-19-Tests.

Immer wieder kann man in diesen Tagen lesen, dass die Corona-Testerei nicht so funktioniert, wie sie sollte. Es werden Leute nicht getestet, bei denen es eigentlich geboten scheint. Andere erfahren eine Art Vorzugsbehandlung, weil sie offenbar zur „zahlenden“ Kundschaft aus dem Kreis der Privatpatienten zählen. Drei Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld, von Menschen, die mir alle nahestehen.

Fall 1: Die Studentin kommt zurück von der Skiwoche in Tirol und besucht ihren Freund. Sie fühlt sich angekränkelt, Husten, Halskratzen, kriegt dann leichtes Fieber. Einen Tag nach ihrer Rückkehr wird Tirol vom RKI zum Risikogebiet erklärt. Die beiden begeben sich in Selbstquarantäne und telefonieren mit Ärzten und Gesundheitsamt wegen eines Tests. Überall werden sie abgewimmelt, einhellige Meinung: ihr seid Studenten, bleibt zwei Wochen daheim. Immer wieder empfindet sie Druck auf der Lunge, immer wieder starten sie einen Versuch, immer Fehlanzeige. Das geht seit zwei Wochen, man kann nur hoffen, dass es bald vorbei ist.

Fall 2: Der Mann über fünfzig erkrankt mit typischen Grippesymptomen: Kopfweh, Gliederschmerzen, Erschöpfung, auch trockenem Husten, bald leichtes Fieber. Hausarzt: bleiben Sie daheim, trinken Sie Tee. Spricht ja im Grunde nichts dagegen. Doch der Mann arbeitet in der Nachtschwärmer-Großstadt-Gastronomie, in allervorderster Front, klare Risikogruppe. Dann steigt das Fieber sprunghaft, der Patient wird unruhig, erkundigt sich nach der Möglichkeit, ein Antibiotikum zu bekommen. Hausarzt: das sei nicht angezeigt. Ruhe bewahren. Der Zustand des Patienten verschlimmert sich weiter, hohes Fieber, er deliriert, ist kaum noch ansprechbar. Die Freundin telefoniert mit dem Notdienst. Geben Sie Ibuprofen. Die kann er nicht mehr schlucken. Sie ruft den Notarzt, der kommt nach über einer Stunde und wird leicht blass. Kaum noch Lungenfunktion, er denkt schon, sein Gerät sei kaputt. Sofort auf die Intensivstation. Da liegt er jetzt, Covid-19-positiv, mit schwerer Lungenentzündung und Nierenversagen, kriegt Antibiotika, Dialyse, ist ins künstliche Koma versetzt, ringt um sein Leben. – Die Hausarztpraxis hat inzwischen geschlossen: Corona-Verdacht.

Falls 3: Das Paar um die 60, Privatpatienten. Sie kriegen leichtes Fieber. Es besteht kein Kontakt zu Risikopersonen und man war in keinem Risikogebiet. Aber es gibt einen sehr guten Kontakt zum Hausarzt, denn dort lässt man sich für teuer Geld in der Fastenzeit den Bauch massieren. Wird schon helfen. Umgehend werden Corona-Tests vorgenommen. Es geht ihnen schon wieder besser, Testergebnis noch unbekannt.

Warmes Bier

Mit Hausmitteln ist das ja so eine Sache. Aber warmes Bier bei Erkältungen ist ein Lifehack, der durchaus Beachtung verdient. Der Freitag hat mich daran erinnert. Dass ältere Klosterschwestern mit einem angewärmten Bier ihren Einzug ins Land der Träume ebnen, war mir bekannt, selber ausprobiert hatte ich es aber noch nie. Also warum nicht jetzt, geplagt von einer schmerzhaften Rachenentzündung und ewigem Hustenreiz? Es sind die ätherischen Öle und Bitterstoffe aus dem Hopfen, die schlaffördernd aber auch antibakteriell wirken, es soll aber nicht wärmer als 40° sein, damit die ätherischen Inhaltsstoffe nicht verdampfen. Der Alkoholgehalt ist freilich grundsätzlich kontraproduktiv, also vielleicht nicht gerade Starkbier verwenden.

Meine Erfahrung: es macht schläfrig. Besonders hilfreich fand ich, dass es mehr als jedes andere bisherige Mittel für Schleimbildung im Rachenraum gesorgt hat, es hat regelrecht „nachgeschäumt“ und damit den Rachen dauerhaft feucht gehalten. Ob sich das reproduzieren lässt? Für mich jedenfalls nicht die schlechteste Art, Augustiner Hell einzunehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich von Jakob Augstein und seinen Leuten noch etwas lernen könnte.