Im Studiolo

Ich sitze am langgestreckten Tisch vor dem breiten und hohen Fenster. Balkon davor, also die Möglichkeit hinauszutreten ins Freie und doch für mich in der Wohnung zu bleiben. Das Zimmer ist klein, der Balkon aber so breit wie das Zimmer. Ich habe von dort Aussicht auf eine weite, offene Landschaft. Schwung eines Hügels, gestaffelte Hecken und Haine in der Ebene. Leuchtband der S-Bahn bei Nacht. Manchmal glänzen weiße Alpengipfel, weit abgerückt. Es ist ein Dachzimmer mit hoher Decke im First. Die Dachschräge bringt Bewegung in den Raum, eine optimistische, weil von links nach rechts ansteigend, wenn ich am Tisch sitzend aus dem Fenster schaue.

Hier verbringe ich meine Tage und dort vor mir weitet sich der Horizont.
Geländebewegung, Hügelschwung dahinter, halb in der Senke ein einzelner breiter Baum vor dem aufsteigenden Wald in der Gegenbewegung zum flachen Wiesenrücken, der den Beginn der ebenen Weite markiert – die Gedanken schweifen. Und des nachts krieche ich unter die herunterlaufende Schräge, in die entlegene, niedrige Ecke, gleich neben dem Tisch. Aus einem Spalt im First stürzen sich die Fledermäuse in die Nacht…

Notiz aus einer Zeit der selbstgewählten Zurückgezogenheit und Selbstbeschränkung, weit draußen und doch immer seltsam mittendrin, sehr lange her. Habe ich heute zufällig wiedergefunden. Das tat gut. – Das einzigartige Studiolo des Grafen Federico da Montefeltro in Urbino hat ungefähr die gleiche Größe wie mein damaliges Zimmer, 12 m². Aber ohne Fenster mit Aussicht (nur als Oberlicht), ohne Balkon, ganz in sich gekehrt, ganz der Konzentration gewidmet, der Ausblick nur als Illusion. Das Universum auf kleinstem Raum. Kein Dauerzustand, aber eine Übung.

Bürgerstadt 2.1

Machtpolitische Erwägungen haben vor rund 1000 Jahren dazu geführt, dass Bamberg als Bistum eingerichtet wurde, in der Folge zahlreiche Kirchen und Klöster gegründet und umfangreiche kirchliche Pfründe und Privilegien zugesprochen wurden. Erst später entwickelte sich die bürgerliche Stadt der Handwerker und Kaufleute. Diese weltliche Gemeinschaft musste von Anfang an und mit der Zeit immer mehr um ihre Rechte ringen und bekam von der Kirche meist nur das Notwendigste zugestanden. Dass die Bürgerstadt sich überhaupt entwickeln konnte, war sicher auch der ökonomischen Tätigkeit der Klöster zu verdanken, im frühen Mittelalter waren sie wesentliche Impulsgeber bei der Entwicklung neuer Technologien und auch von  Bewirtschaftungsmethoden in Landwirtschaft und Gartenbau.

In Bamberg hielten die kirchlichen Grundeigentümer stur an ihren (vom König übertragenen) Privilegien fest und weigerten sich fortwährend, sich an den Kosten für das öffentliche Gemeinwesen und die Herstellung und den Betrieb der öffentlichen Infrastruktur zu beteiligen. Der Streit gipfelte 1435 im sog. „Muntäterkrieg“, bei dem sich die kirchliche Seite mit Wahrung ihrer Privilegien durchsetzte (1). Die Bürgerschaft zog ihre Konsequenzen und reagierte auf dreierlei Weise: Weiterlesen „Bürgerstadt 2.1“

Wilderness Road

Historische Siedlung "Martin's Station" an der Wilderness Road bei Cumberland Gap
Historische Siedlung „Martin’s Station“ an der Wilderness Road bei Cumberland Gap/Virginia, (c) Lynxblox 8/2007

Der letzte Mohikaner von J.F. Cooper ist in einer neuen und erstmals vollständigen deutschen Übersetzung erschienen, 187 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1826. Über 650 Seiten. Was wird es da alles zu entdecken geben. Werden doch, so kurios es erscheint, die eigenen Wurzeln berührt. Der Eintritt in die Welt des Lesens war zugleich der Ausblick auf weite, unerforschte Landschaften. Ein hartgesottener und zugleich sensibler Kundschafter an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis war der treue Begleiter. Nathaniel Bumpoo sein Name, nur für schlichtere Gemüter war er einfach der „Lederstrumpf“.

Früh regte sich das Interesse, wer dahinter stecken könnte und ob es einen konkreten historischen Bezug gab. Als häufigstes Vorbild für die Romanfigur Coopers wird Daniel Boone genannt, zu dem es vielerlei Bezüge gibt, doch auch andere Figuren der Fronteer-Zeit sind eingeflossen. Daniel Boone, der Erschließer Kentuckys. der „Trailblazer“, der die „Wilderness Road“ schlug, den Pfad durch die Appalachen, durch die Kerbe der Berge bei Cumberland Gap. Die Lücke, die Öffnung für den Weg der Siedler nach Westen bis hin zum Missouri, Ende des 18. Jahrhunderts.

Kentucky wurde als ein Garten Eden wahrgenommen, eine landschaftsparkartige Gegend, hügelig, nicht zu dichter Wald im teils verkarsteten Gelände, äußerst wildreich. Thomas Steinfeld schreibt in seiner Buchbesprechung, dass die amerikanische Landschaft als „das gelobte Land, eine ganz und gar ursprüngliche, paradiesische Gegend, in der sich wahrhaft freie, an der Natur gebildete und daher weise Menschen bewegen.“(1) Und dass genau dieser überhöhte, mit sozusagen vermessenden Abstand genommene Blick auf die Landschaft ihre Inbesitznahme, Kultivierung, ja auch Zerstörung einleitet. Der Kundschafter Bumpoo/Boone lebt ein (idealisiertes) freies Leben an der Grenze zur Wildnis, zum Offenen, und leitet damit zugleich ihr Ende als Zone der Freiheit ein, in dem er den Weg ebnet für die Siedler, die Holzfäller, die Goldgräber, die Geschäftemacher, die ganzen Dumpfbacken, die sich nehmen, was sie nur kriegen können. (Wie verhält sich das heute mit unseren „Pionieren“ im Alpinismus beispielsweise?)

Bereist man heute die Wilderness Road, dann wird einem die im Rückblick rein funktionale Rolle der Kundschafter schnell klar: es ist immer noch eine eher abseitige, dünn besiedelte Gegend im „Dreiländereck“ von Virginia, Kentucky und Tennessee. Mittelgebirgslandschaft, weitab von den Metropolen diesseits und jenseits von Cumberland Gap. Die Leute sind durchgezogen, an der Wende zum 19. Jh. zu Zigtausenden. Haben den Mittleren Westen und dann den Westen erschlossen. Haben Omaha und Las Vegas gegründet.
Hier ist Appalachia, das Land von Bluegrass, Siedlerromantik und Daniel Boone, wo Amerika, wenn es das Bedürfnis hat, sich mental stärkt, bevor es wieder zum Tagesgeschäft übergeht – oder seinem verlorenen Traum nachtrauert.

Quelle:(1) Thomas Steinfeld. Die Vertreibung aus dem amerikanischen Paradies. SZ Nr. 58 v. 9./10.3.2013, S. 19

Mit Marc Aurel am Whirlpool

Kunstlederwhirlpool
Kunstlederwhirlpool: „dank seiner fortschrittlichen Technik Entspannung und Spaß auf Knopfdruck“, (c) Lynxblox 03/2013

In Berlin müssen sie schon wieder frieren, aber hier ist so ein voll kitschiger Vorfrühlingstag, es ist sonnig und mild, der warme Südwind weht. Der Tag, um den Nachmittag im Straßencafé zuzubringen, nur noch mit den Augen flanierend. Oder eine erste Fahrradrunde zum See zu drehen. In der noch winterfeuchten Wiese liegen und lesen.

Vor einer Weile habe ich mir so einen E-Book-Reader gekauft, ein schlichtes Teil ganz ohne Schnickschnack, Touchscreen und Wlan. Nur zum Lesen. Dafür passt, wenn man will, eine ganz Bibliothek der Weltliteratur drauf, auf ein Gerät mit der Fläche von eineinhalb Reclambändchen „Peer Gynt“ beispielsweise und auch nicht dicker. Und vor ein paar Tagen gab’s noch ein Solarladegerät dazu, halb so groß wie eine Zigarettenschachtel. Damit lässt sich der Reader beladen und der Hosentaschencomputer, mit dem man auch telefonieren kann. Jetzt kann ich also tagelang, wochenlang am See liegen und lesen, wie wär’s mit Marc Aurel, oder durch die Berge wandern und mich nicht mehr verlaufen. Schade nur dass das Solargerät noch keine Photosynthese betreiben und rasch ein paar Tomaten oder Trauben wachsen lassen kann, für den kleinen Hunger zwischendurch.

Lege beiseite, was dich zerstreut, die Bücher und alles, was hier zu nichts führt; des Fleischlichen achte gering wie einer, der bald sterben muß! (1)

Mein Chef schickt mich heute boshafterweise auf die Haus- und Gartenmesse. In stickigen Messehallen gibt es viel älteres Publikum, das sich mäßig für Solardächer und Pelletheizungen interessiert, dafür umso mehr für die Schaumetzgerküche mit angeschlossenem Wurstladen, wo es ganz echte Wurst zu kaufen gibt wie nirgendwo sonst. Außerdem gibt es Infrarotsaunakabinen, Aluminiumgartengitterzäune, Natursteinmülltonnenhäuser, Balkongeländergrills und viele weitere echt brauchbare Sachen. Ganz am Ende der Verwertungskette steht der Komposter aus Recyclingkunststoff. Weiterlesen „Mit Marc Aurel am Whirlpool“