Orto comune

Ein sizilianisches Landstädtchen im Hinterland, im Westen der Insel. Touristisch nahezu unerschlossen, im Windschatten bekannter Routen, ganz eingebettet in die frühlingsgrüne bergige Landschaft. Wir streifen durch die malerischen Gassen der Altstadt, vor ein paar Jahren aufwändig saniert, viel EU-Geld ist geflossen. Bleiben hier stehen, fotografieren dort, lesen, auffallend neugierige Reisende, einzelne Infotafeln zur Stadtgeschichte, aufgehängt für die Touristen, die es nicht gibt in einem Städtchen, das keiner kennt.

Aber von wegen weltabgeschieden: auch hier gibt es jetzt „urban gardening“, eine kleine Installation aus alten Europaletten, zu einem Kräuterhochbeet zusammengezimmert und hübsch lasiert, zeugt davon. Küchenkräuter zum Mitnehmen. Es steht an einer kleinen Aufweitung der Gasse, dahinter dehnt sich die Landschaft in endlosen Hügelwellen.

Die Gasse zieht sich den Hügel hinunter, macht unten eine Biegung, an der Ecke steht das Rathaus. Heraus tritt ein Polizist in vollem Ornat: langer Mantel, Schulterklappen, Kragenspiegel, diese hochaufragende, bedeutsam wirkende Dienstmütze. Geht schnurstracks auf uns zu, spricht uns freundlich an, in unserer Muttersprache, fließend. Ein leicht älterer Herr mit sonor wohlklingender Stimme, erkundigt sich nach Woher, Wohin, Wozu. Wir halten dagegen, fragen zurück, woher die guten Deutschkenntnisse kommen? Lange Jahre in der Gastronomie, in Deutschland, zuletzt lange in der Schweiz. Chefportier in einem Luxushotel im Berner Oberland. Wir loben die gelungene Altstadtsanierung, das freut ihn und er erzählt noch einiges dazu, seine eigene wichtige Rolle dabei gewissenhaft unterstreichend. Dann lässt er uns ziehen.

Wir brauchen ein paar Schritte Abstand, um uns zu fragen, wie es kommt, dass ein ehemaliger Portier jetzt Polizeichef in seiner Heimatgemeinde ist, auf seine alten Tage?

Die Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich heute früh gelesen habe, dass sich angeblich die Schlinge zuzieht (wieder einmal) um Matteo Messina Denaro, „l’Invisibile“, den Superboss aus Castelvetrano, seit 25 Jahren von der Bildfläche verschwunden. Er soll der Pate sein, der die gesamte Wirtschaft der Provinz Trapani kontrolliert (nur hier?), in nahezu allen relevanten Wirtschaftszweigen. Wichtig ist ihm inzwischen Windkraft, er ist ein moderner Mensch. Und vielleicht der reichste Italiener. Es gibt Vermutungen, dass er gar nicht weit ist, sich in seiner Heimat versteckt hält. Irgendwo dort im teils rauhen, teils lieblichen Bergland im Westen der Insel.

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