Genesis radikal

Manchmal kommt es vor, dass ich an ganz alte Fragen gerate, die doch längst beantwortet sind – oder scheinen. Diesmal war das eine ganz grundsätzliche. Völlig vermessen, sich als kleiner Luchs an so etwas Großes anzupirschen, aber die Neugier siegt: Wie ist das eigentlich mit dem Gründungsmythos unserer abendländischen Kultur, der Mensch sei das Ebenbild Gottes und solle sich die Erde untertan machen (Genesis 1,28) – was ist da dran? Warum kann man unter diesem Motto so viel Unsinn anstellen? Steht das da so?

Also habe ich mir meine Lutherbibel geholt und versucht, ganz unverstellt, ganz frisch und fromm, die einschlägigen Stellen der Genesis erneut zu lesen. Hebräisch kann ich nicht, also bleibt es ein ganz oberflächliches Unterfangen. Aber die Herangehensweise ähnelt der von Martin Luther (ohne mich mit ihm im geringsten messen zu wollen) und letztlich basiert darauf die gesamte protestantische Kirche in all ihren Verästelungen. Gerade fundamentalistische Strömungen wie die Evangelikalen legen allergrößten Wert darauf, die Bibel gleichsam naiv zu lesen und so auch wörtlich zu nehmen. (Das unterscheidet sie nicht von salafistischen Strömungen im Islam oder orthodoxen Juden.) Die Schrift ist so zu lesen, wie sie da steht. Keine Ausdeutungen, keine Interpretationen, heißt es. Theologen braucht es da eigentlich nicht. Nur ich und der Text, ganz fundamentalistisch. Also: Genesis 1-3, Kurzfassung der für die Fragestellung wesentlichen Passagen:

Gott hat die Erde geschaffen und alles was darauf wimmelt. Er ist begeistert von seinem Tun, so sehr, dass er sich noch ein Alter Ego schafft, das für ihn diese Erde, dieses Paradies verwalten soll (dass er mehr Zeit für sich hat?). Dieses Alter Ego nennt er Mensch und er konstruiert es fortpflanzungsfähig, weil er wohl meint, es bräuchte viele davon, um seinen Verwalter-Auftrag ordnungsgemäß auszuführen: sich die Erde untertan zu machen. Über alle Fische im Meer, alle Vögel im Himmel, alles Vieh und sonstige Getier sollen die Menschen bestimmen. (Leider erfährt man nicht, ob Gott die Menschen vorher in irgendeiner Form gecoacht hat. Macht eher den Eindruck als hätte er ihnen den Job mit sehr großem Vertrauensvorschuss einfach übergeben.)

Er klärt diese Menschen dann noch auf, dass er ihnen alle Pflanzen, Samen und Früchte zur Speise gibt, davon sollen sie sich ernähren. Da steht nix von Tiere essen, Alter! Der Mensch ist als Vegetarier gedacht, steht da! – Die Tiere allerdings auch, genauer als Gras- und Krautfresser. Keine Carnivoren, kein Luchs & Co, nirgends. Wo ist da etwas schiefgelaufen?

Gott fand dieses Layout jedenfalls perfekt: „siehe, es war sehr gut“, hat er sich gesagt. Dann legte er den Sabbat ein und seine Schöpfung tummelte sich auf dieser wohlweislich eingerichteten Erde, alles was lebte, mümmelte friedlich vor sich hin: wie im Paradies. Ja, das war das Paradies.

Dann kam die dumme Geschichte mit dem Baum der Erkenntnis (geschlechterspezifische Verwicklungen vertiefe ich jetzt nicht, die sind nicht entscheidend). Die Herren-Menschen, die doch alles managen sollten, ließen sich von einer einzigen frechen Schlange hinters Licht führen – oder ins Licht? Jedenfalls war Gott stinksauer, dass die Menschlein nicht einmal sein einziges Verbot, nicht die Früchte dieses einen Baumes zu essen, einhalten konnten. Und schmiss sie raus aus dem Paradies. Nicht ohne ihnen noch einmal richtig den Kopf zu waschen: die Feldfrüchte werden ihnen künftig nicht mehr einfach in den Mund wachsen, sie müssen ein Leben lang den Buckel krumm machen, sich jedes Krümelchen Essen hart erarbeiten und ihre Kinder unter Schmerzen gebären. Und die Alter-Ego-Würde nimmt er ihnen auch wieder weg, die Quasi-Göttlichkeit: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Wie das sonstige Getier und Gewürm. Gott war echt enttäuscht und schickte sein Ebenbild von dannen.

Also ich verstehe das als Kündigung. Im Job versagt, zum Feldgehilfen degradiert. Wie kann der Mensch jetzt noch glauben, er sei Chef über den Rest der Schöpfung? Was ist das für ein eingebildeter, aufgeblasener Macker? Gott hat ihm doch ganz klar seinen Platz angewiesen, in der Ackerfurche, zwischen „Dornen und Disteln“, wo er „das Kraut auf dem Felde“ essen soll. Da steht immer noch nichts von Schnitzel und Steak. Krone der Schöpfung war vielleicht mal so angedacht, ist aber schief gegangen, hat sich nicht bewährt. Schöpfung untertan machen: das galt nur im Paradies, so lese ich das.

Was die Farmer (und sonstigen Geschäftemacher) in den Bible Belts dieser Welt, zwischen Kansas und Niederbayern wohl zu solch einer radikal fundamentalistischen Bibellektüre sagen? Der Status in der Ackerfurche ist ihnen ja an sich bekannt, tagtäglich mühen sie sich darin ab. Aber den Teil der Botschaft, den Lizenzentzug, hören sie und wir alle nicht so gerne. Der Anfang der Geschichte gefällt besser, Herren-Menschen und Untertan-Machen, gerne auch mit Roundup. Religiöses Rosinenpicken könnte man das nennen. Erst am Grabesrand wird auf „Erde zu Erde“ zurückgegriffen. Reine Willkür und Autosuggestion. Mit ernsthafter Religiosität nicht zu entschuldigen.

Noch ein kleiner Exkurs ins Neue Testament: Viele Jahre später kam dann Jesus und starb den Kreuzestod, als geschundener Mensch unter geschundenen, gekrümmten Menschen. Vor seiner Verhaftung war er nicht Burger essen, sondern nahm etwas Brot und Landwein zu sich, unter Freunden. Vielleicht war auch ein Schälchen Olivenöl dabei, wer weiß? Danach wurde er gefoltert und verstarb qualvoll (oder auch nicht?) Die Bibel sagt jedenfalls, dass er im Sterben durch ein Nadelöhr ging, durch das wir fettleibigen Grillgutfresser alle es niemals schaffen werden. Weshalb das Paradies uns auch weiterhin versperrt bleibt, im Diesseits sowieso und womöglich auch im Jenseits.

Ich muss gestehen: ich habe lange nicht mehr in der Bibel gelesen. Aber dieser fundamentalistische, unverstellte Zugang erfrischt meinen Geist. Endlich bin ich diese Rednecks und selbstzufriedenen Scheinheiligen los, sie haben fertig, argumentativ. Gut, dass Luther mir das übersetzt hat.

Porridge zum Frühstück ist jedenfalls weiterhin gesetzt. Ansonsten denke ich mir: Leute, lest die Bibel, wenigstens die ersten Seiten! Fügt euch endlich ein in den Rest der Schöpfung, nah am Boden, wie der Herr es euch angewiesen hat! Und esst Müsli (ohne Zucker). Und Äpfel. Vielleicht stimmt das den Herren gnädig. Vielleicht.


Bild: Paolo Veronese – Adamo ed Eva dopo la cacciata dal paradiso (Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies), ca. 1580, Wikipedia

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Thermodynamik

Der Thermomix hat mich noch nie interessiert. Allerdings lese ich heute, dass Vorwerk den Wutbürger im Kunden befeuert hat. Quasi über Nacht hat man ein neues Modell dieses Rührpanschschnitzelgargeräts in den Markt geworfen, weshalb sich Spätkäufer des Vormodells nun übervorteilt fühlen. Und womöglich prozessieren wollen. Ohne Prozess geht ja heute gar nichts mehr. – Laangweilig.

Gestutzt habe ich, als ich lesen musste, dass der neue Thermomix TM6 jetzt auch das Sous-vide-Garen beherrscht, also das Dampfgaren im Plastikbeutel. Was für ein Fortschritt! Vor ein paar Jahren bin ich einmal zufällig in den Genuss von Sous-vide-Gegartem gekommen, weil auf einer italienischen Berghütte gerade ein Sternekoch am Herd stand und uns ein Schweinefleisch servierte, wie wir es aromatischer noch nie gegessen hatten. Er experimentierte da gerade mit Aromen aus dem Bergwald und wir waren seine Versuchskaninchen. Es war gar köstlich. Nur habe ich mich schon damals gefragt, was er wohl mit den ganzen Plastiktüten macht, die er da so verkocht.

Das Sous-vide-Garen ist ein schönes Beispiel für netten aber völlig überflüssigen Scheiß. Nice to have, aber verzichtbar. So wie auch Nespresso-Kapseln beispielsweise. Weil man auch auf klassische Art sehr aromatische Schmorbraten hinbekommen kann. Man wird die Geschmacksintensität der Plastikküche nie ganz erreichen – aber wozu? Ist es das wert? Ist das nicht eine wirklich schmerzlos-einfache Gelegenheit, auf dummen Carbonkonsum zu verzichten?

Es ist schon irritierend, wie wir hier Debatten führen über die schlimme Plastikflut und zugleich das Sous-vide-Garen als heißen Scheiß der Küche hochjazzen und nun auch noch massenkompatibel machen. Auf Wikipedia kann man lesen, dass die Kochbeutel aus Mehrschicht-Kunststoff bestehen, damit man die Ausdünstungen der Weichmacher im Griff hat. Also genau die Kunststoffkategorie, die besonders schwer wiederzuverwerten ist. Die sich leicht verbrennt. Mein gut 60 Jahre alter Cromargan-Schmortopf, den mir meine Mutter vor langer Zeit leichtsinnigerweise überlassen hat, setzt beim Garen garantiert keine Weichmacher frei.

Und so wird eine „runde“ Sache daraus: Mit erheblichem Energieaufwand produzieren wir Plastikbeutel, in die wir dann ein Stück Zuchtlachs oder Bioschwein einschweißen, für ein kleines Weilchen erhitzen, kurz verzehren, dann den Beutel wegschmeißen und verbrennen. Was für eine Verschwendung? Nein, verloren geht nichts. Die Wärme bleibt zurück, zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. So basteln wir munter weiter am globalen Kochbeutel, den wir mit uns selbst befüllt haben. Guten Appetit.

N.B.: Sollte es jemals zu einer juristischen Bewertung in Sachen TM6-Verkauf kommen, könnte das Gericht würdigen, dass Vorwerk den Kunden und letztlich dem Planeten einen kleinen Dienst erwiesen hat, in dem es wenigstens einige von ihnen vor den „Segnungen“ des TM6 bewahrt hat. Ob das dann als Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens verkauft wird?

Hähnchen

Wenn jemand Fleisch produziert, dann will er das auch verkaufen, wäre ja sonst widersinnig. Dennoch: Einspruch Herr Wesjohann (Wiesenhof-Hähnchen): Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (SZ Nr. 300/2018, S. 22) sagen Sie zur Begründung, warum Fleisch billig sein müsse:

„Den höheren Preis kann sich einfach nicht jeder leisten. Stellen Sie sich eine Familie mit zwei Kindern vor. Die braucht zwei Hähnchen, damit alle satt werden.“

Falsch. Aus Erfahrung sage ich Ihnen: ein Hähnchen aus Ihrem Sortiment (1200 – 1400 g) reicht für eine Familie mit zwei Kindern, locker! Selbst ein kleineres mit rund 1000 g tut es. Gehen wir von 25-30% Knochenanteil aus, bleiben immer noch 750 bis ca. 1000 g Fleisch + Haut übrig: für jeden eine reichliche Portion. Die DGE empfiehlt, pro Woche nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst zu essen – oder umgerechnet zweimal Hähnchen. Pro Familie zwei Hähnchen in einer Woche, nicht zwei Hähnchen pro Mahlzeit, das wäre gesunde Ernährung. (Gut, vielleicht wenn man zwei pubertierende Söhne hat, die vom Fußballtraining kommen. Dann muss es mehr sein, aber das ist eine Durchgangsphase.) Ansonsten reicht ein Hähnchen. Punkt. Bisschen Gemüse dazu schmoren, Kartoffelsalat, grüner Salat. Perfekt. – Das halbe Hendl sei den Saturnalien des Oktoberfests vorbehalten, das kann man schon mal durchgehen lassen, an Festtagen. Alltag sollte sich doch unterscheiden?

Und sehen Sie: übertragen wir das auf die allermeisten Lebenssituationen, dann halbieren wir ganz schnell den Fleischkonsum. Kann Ihnen natürlich nicht gefallen, wäre aber verantwortungsbewusst, das so zu sehen. Und auch so zu vertreten, explizit. Schade, dass die SZ Ihnen Ihre Verkaufe so einfach durchgehen lässt. Aber die SZ muss ja auch von was leben.

Nudeln in Hamburg

Lynx war unterwegs und ist hier und da eingekehrt. Mediterrane Küche ist in Hamburg sehr beliebt und die gute Sitte, Brot mit Olivenöl und Salz zu reichen, ist aufgefallen. Aber auch, dass Nudeln in Hamburg teigig serviert werden. Im gehobenen Hotelrestaurant, beim Fernsehkoch, im Sternerestaurant. Überall? Weiß ich nicht, aber auffällig war das schon. Mögen die Hamburger das so?