​Nummernrevue des Ausdruckstanzes

Der Tanzkünstler Trajal Harrell aus New York wird gerade gehypt, deshalb muss er auch in den Münchner Kammerspielen inszenieren. „Juliet & Romeo“ heißt das Stück, das im Wesentlichen vom Tod der Protagonisten und vom Totengesang von Julias Amme handelt. Gutmeinende Kritiker sehen in der Darbietung einen intensiven und anrührenden Totentanz. Das Publikum um uns herum scheint, trotz offensichtlich gutem Willen, nach rund 30 Minuten unergriffen wegzudösen. Hier und da hört man ein leises Schnauben des Überdrusses.

Einzig die Soundbasteleien, manchmal schmerzhaft schrill, manchmal meditativ minimalistisch, manchmal fadotraurig, halten noch wach. Bildaffine Menschen, die in den Kammerspielen meist auf ihre Kosten kamen, gehen weitgehend leer aus.

Was wird geboten? Meist stereotyp getanzte Installationen, von denen sich jede über Minuten hinzieht, in den immer gleichen Wiederholungen. Das könnte einen Sog entwickeln – tut es aber nicht, weil man eigentlich schon bald weiß, was kommt: in stetem Wechsel die vom „Voguing“ inspirierten Laufstegnummern oder eurythmischer Solotanz. Und ein bisschen was mit Kleidern und Tüchern. Einfach so aneinander gereiht, ohne fühlbare Struktur oder Rhythmus. Oder jedenfalls nicht mehr als im Programmschema eines Popsenders. Gute Ideen bleiben im Ansatz stecken, es passiert nie etwas Überraschendes.

Man wird auch das Gefühl nicht los, dass es nicht um das Stück, die Geschichte an sich geht. Harrell kapert das universelle tragische Schicksal, um es, so kommt es mir vor, auf seine eigene, möglicherweise tragische, Erfahrung zu reduzieren. Ich werde nicht berührt, weil ich spüre, dass nicht wir alle gemeint sind mit dieser Erfahrung von Trauer, Schmerz, Verlust. Sondern dass Harrell nur um sich selber und die Verarbeitung seiner inneren Wunden kreist. Er hat das dringende Bedürfnis, gesehen zu werden. Bis dahin, dass er sich an der Tür quasi von jedem Besucher persönlich verabschiedet.

Tut mir leid: der Abend war schmerzhaft öde, eine ungute Mischung aus abgestandener Performance und (Zu-)Dringlichkeit. Kein verheißungsvoller Einstieg in die dritte Saison mit Lilienthal.