Odl

Schnee ist in Regen übergegangen, Frost ist weg, noch mehr Regen soll kommen: im Westen der Großstadt riecht es, als sei man in die Güllegrube gefallen. Dabei gibt es nahezu kein Dauergrünland in den näheren westlichen Außenbezirken. Fast nur abgeerntete Äcker. Und eine gültige Sperrfrist, also ein Ausbringungsverbot für Gülle. Was sagt das über den Zustand unserer doch so nachhaltigen bäuerlichen Landwirtschaft? Doch eigentlich nur, dass die Ställe zu voll sind und dringend Druck abgelassen werden muss? Und mit meiner bescheidenen pflanzenbaulichen Vorbildung erlaube ich mir die Prognose, dass diese Gülle bzw. das enthaltene Nitrat nahezu vollständig ins Grundwasser entsorgt wird.


Bildrechte: Fahrzeugbilder.de, verändert: Lynx

Pierre Bonnards Landschaften

„Während meiner Morgenspaziergänge vergnüge ich mich damit, die verschiedenen Landschaftsgattungen zu definieren, Landschaft als ,Raum‘, intime Landschaft, dekorative Landschaft usw. Doch im Sehen erblicke ich jeden Tag andere Dinge, der Himmel, die Gegenstände, alles ist in ständigem Wandel, doch eben das hält lebendig.“

Aus einem Brief Bonnards an Henri Matisse im Februar/März 1940. Kriegsbedingt war Bonnard weitgehend auf den engeren Umkreis seines Hauses in Südfrankreich beschränkt. Die widrigen Umstände nutzte er zur Vertiefung seines künstlerischen Verständnisses der Natur bei täglichen Wanderungen in der näheren Umgebung.


Ausstellung nicht versäumen: Matisse – Bonnard: „Es lebe die Malerei!“ im Frankfurter Städelmuseum, noch bis 14.01.2018

Breitenstein

Ein Lieblingsort, hart am Abgrund, aber mit sehr weitem Blick: der Breitenstein am Nordrand der Schwäbischen Alb. Im Dörfchen Ochsenwang nahebei war Eduard Mörike eine Zeit lang Pfarrverweser und hat hier einige seiner schönsten Gedichte geschrieben. Auch er hatte hier oben einen seiner Lieblingsplätze oder besuchte die benachbarte Burg Teck, der er eines seiner bekanntesten Gedichte gewidmet hat (Auf der Teck, 1830). Dort heißt es refrainartig:

Laß denn, o Herz, der Qual
Froh dich entbinden
Wirf sie ins tiefste Tal
Gib sie den Winden!

1830 war auch keine rundherum bequeme Zeit und auch er musste sich mitunter gehörig Luft verschaffen, heraus aus Bedrücktheit, Miefigkeit, Enge der Verhältnisse. Und die Weite in den Blick nehmen. Heute war dort oben schon etwas vom nahenden Winterende zu spüren, mildere Luft vom Atlantik her. Das blaue Band lässt der Frühling noch nicht flattern, aber bald, man ahnt es schon.

Wilderness Road

Historische Siedlung "Martin's Station" an der Wilderness Road bei Cumberland Gap
Historische Siedlung „Martin’s Station“ an der Wilderness Road bei Cumberland Gap/Virginia, (c) Lynxblox 8/2007

Der letzte Mohikaner von J.F. Cooper ist in einer neuen und erstmals vollständigen deutschen Übersetzung erschienen, 187 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1826. Über 650 Seiten. Was wird es da alles zu entdecken geben. Werden doch, so kurios es erscheint, die eigenen Wurzeln berührt. Der Eintritt in die Welt des Lesens war zugleich der Ausblick auf weite, unerforschte Landschaften. Ein hartgesottener und zugleich sensibler Kundschafter an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis war der treue Begleiter. Nathaniel Bumpoo sein Name, nur für schlichtere Gemüter war er einfach der „Lederstrumpf“.

Früh regte sich das Interesse, wer dahinter stecken könnte und ob es einen konkreten historischen Bezug gab. Als häufigstes Vorbild für die Romanfigur Coopers wird Daniel Boone genannt, zu dem es vielerlei Bezüge gibt, doch auch andere Figuren der Fronteer-Zeit sind eingeflossen. Daniel Boone, der Erschließer Kentuckys. der „Trailblazer“, der die „Wilderness Road“ schlug, den Pfad durch die Appalachen, durch die Kerbe der Berge bei Cumberland Gap. Die Lücke, die Öffnung für den Weg der Siedler nach Westen bis hin zum Missouri, Ende des 18. Jahrhunderts.

Kentucky wurde als ein Garten Eden wahrgenommen, eine landschaftsparkartige Gegend, hügelig, nicht zu dichter Wald im teils verkarsteten Gelände, äußerst wildreich. Thomas Steinfeld schreibt in seiner Buchbesprechung, dass die amerikanische Landschaft als „das gelobte Land, eine ganz und gar ursprüngliche, paradiesische Gegend, in der sich wahrhaft freie, an der Natur gebildete und daher weise Menschen bewegen.“(1) Und dass genau dieser überhöhte, mit sozusagen vermessenden Abstand genommene Blick auf die Landschaft ihre Inbesitznahme, Kultivierung, ja auch Zerstörung einleitet. Der Kundschafter Bumpoo/Boone lebt ein (idealisiertes) freies Leben an der Grenze zur Wildnis, zum Offenen, und leitet damit zugleich ihr Ende als Zone der Freiheit ein, in dem er den Weg ebnet für die Siedler, die Holzfäller, die Goldgräber, die Geschäftemacher, die ganzen Dumpfbacken, die sich nehmen, was sie nur kriegen können. (Wie verhält sich das heute mit unseren „Pionieren“ im Alpinismus beispielsweise?)

Bereist man heute die Wilderness Road, dann wird einem die im Rückblick rein funktionale Rolle der Kundschafter schnell klar: es ist immer noch eine eher abseitige, dünn besiedelte Gegend im „Dreiländereck“ von Virginia, Kentucky und Tennessee. Mittelgebirgslandschaft, weitab von den Metropolen diesseits und jenseits von Cumberland Gap. Die Leute sind durchgezogen, an der Wende zum 19. Jh. zu Zigtausenden. Haben den Mittleren Westen und dann den Westen erschlossen. Haben Omaha und Las Vegas gegründet.
Hier ist Appalachia, das Land von Bluegrass, Siedlerromantik und Daniel Boone, wo Amerika, wenn es das Bedürfnis hat, sich mental stärkt, bevor es wieder zum Tagesgeschäft übergeht – oder seinem verlorenen Traum nachtrauert.

Quelle:(1) Thomas Steinfeld. Die Vertreibung aus dem amerikanischen Paradies. SZ Nr. 58 v. 9./10.3.2013, S. 19