Notiz aus dem Siebenjährigen Krieg

Die Unfähigkeit seiner Heerführer in der Fremde und der verhängnisvolle Mangel an Energie in den Räten im Lande selbst hatten Großbritannien aus der stolzen Höhe herabgeholt, in die es durch die Talente und den Unternehmungsgeist seiner früheren Krieger und Staatsmänner gehoben worden war. Von seinen Feinden nicht mehr gefürchtet, verloren seine Diener bald jene Zuversicht, die aus der Selbstachtung erwächst.

1826 erschien dieser Text, vor knapp 200 Jahren. 70 Jahre nach den geschilderten Ereignissen des Jahres 1757 im Kolonialkrieg, den England und Frankreich als „Nebenkriegsschauplatz“ des Siebenjährigen Krieges in den nordamerikanischen Territorien führten. Hat das irgendetwas zu tun mit den Ereignissen im Großbritannien der Gegenwart? Bullshit – hat schließlich ein Amerikaner geschrieben, ein Yankee aus den abtrünnigen Kolonien obendrein. 

Übrigens setzen sich in der Geschichte die Briten am Ende doch irgendwie durch, gegen die Franzosen und ihre heimtückischen Verbündeten.

Fenimore Cooper, James. Der letzte Mohikaner – Ein Bericht aus dem Jahre 1757, München: Carl Hanser, 2013 – die erste vollständige und ernstzunehmende deutsche Übersetzung von Karen Lauer. Eine Fundgrube. Zitat aus dem 1. Kapitel.

Bildnachweis: Lake George, New York (der Ort des Geschehens), Georgian Lakeside Resort, verändert

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Genesis radikal

Manchmal kommt es vor, dass ich an ganz alte Fragen gerate, die doch längst beantwortet sind – oder scheinen. Diesmal war das eine ganz grundsätzliche. Völlig vermessen, sich als kleiner Luchs an so etwas Großes anzupirschen, aber die Neugier siegt: Wie ist das eigentlich mit dem Gründungsmythos unserer abendländischen Kultur, der Mensch sei das Ebenbild Gottes und solle sich die Erde untertan machen (Genesis 1,28) – was ist da dran? Warum kann man unter diesem Motto so viel Unsinn anstellen? Steht das da so?

Also habe ich mir meine Lutherbibel geholt und versucht, ganz unverstellt, ganz frisch und fromm, die einschlägigen Stellen der Genesis erneut zu lesen. Hebräisch kann ich nicht, also bleibt es ein ganz oberflächliches Unterfangen. Aber die Herangehensweise ähnelt der von Martin Luther (ohne mich mit ihm im geringsten messen zu wollen) und letztlich basiert darauf die gesamte protestantische Kirche in all ihren Verästelungen. Gerade fundamentalistische Strömungen wie die Evangelikalen legen allergrößten Wert darauf, die Bibel gleichsam naiv zu lesen und so auch wörtlich zu nehmen. (Das unterscheidet sie nicht von salafistischen Strömungen im Islam oder orthodoxen Juden.) Die Schrift ist so zu lesen, wie sie da steht. Keine Ausdeutungen, keine Interpretationen, heißt es. Theologen braucht es da eigentlich nicht. Nur ich und der Text, ganz fundamentalistisch. Also: Genesis 1-3, Kurzfassung der für die Fragestellung wesentlichen Passagen:

Gott hat die Erde geschaffen und alles was darauf wimmelt. Er ist begeistert von seinem Tun, so sehr, dass er sich noch ein Alter Ego schafft, das für ihn diese Erde, dieses Paradies verwalten soll (dass er mehr Zeit für sich hat?). Dieses Alter Ego nennt er Mensch und er konstruiert es fortpflanzungsfähig, weil er wohl meint, es bräuchte viele davon, um seinen Verwalter-Auftrag ordnungsgemäß auszuführen: sich die Erde untertan zu machen. Über alle Fische im Meer, alle Vögel im Himmel, alles Vieh und sonstige Getier sollen die Menschen bestimmen. (Leider erfährt man nicht, ob Gott die Menschen vorher in irgendeiner Form gecoacht hat. Macht eher den Eindruck als hätte er ihnen den Job mit sehr großem Vertrauensvorschuss einfach übergeben.)

Er klärt diese Menschen dann noch auf, dass er ihnen alle Pflanzen, Samen und Früchte zur Speise gibt, davon sollen sie sich ernähren. Da steht nix von Tiere essen, Alter! Der Mensch ist als Vegetarier gedacht, steht da! – Die Tiere allerdings auch, genauer als Gras- und Krautfresser. Keine Carnivoren, kein Luchs & Co, nirgends. Wo ist da etwas schiefgelaufen?

Gott fand dieses Layout jedenfalls perfekt: „siehe, es war sehr gut“, hat er sich gesagt. Dann legte er den Sabbat ein und seine Schöpfung tummelte sich auf dieser wohlweislich eingerichteten Erde, alles was lebte, mümmelte friedlich vor sich hin: wie im Paradies. Ja, das war das Paradies.

Dann kam die dumme Geschichte mit dem Baum der Erkenntnis (geschlechterspezifische Verwicklungen vertiefe ich jetzt nicht, die sind nicht entscheidend). Die Herren-Menschen, die doch alles managen sollten, ließen sich von einer einzigen frechen Schlange hinters Licht führen – oder ins Licht? Jedenfalls war Gott stinksauer, dass die Menschlein nicht einmal sein einziges Verbot, nicht die Früchte dieses einen Baumes zu essen, einhalten konnten. Und schmiss sie raus aus dem Paradies. Nicht ohne ihnen noch einmal richtig den Kopf zu waschen: die Feldfrüchte werden ihnen künftig nicht mehr einfach in den Mund wachsen, sie müssen ein Leben lang den Buckel krumm machen, sich jedes Krümelchen Essen hart erarbeiten und ihre Kinder unter Schmerzen gebären. Und die Alter-Ego-Würde nimmt er ihnen auch wieder weg, die Quasi-Göttlichkeit: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Wie das sonstige Getier und Gewürm. Gott war echt enttäuscht und schickte sein Ebenbild von dannen.

Also ich verstehe das als Kündigung. Im Job versagt, zum Feldgehilfen degradiert. Wie kann der Mensch jetzt noch glauben, er sei Chef über den Rest der Schöpfung? Was ist das für ein eingebildeter, aufgeblasener Macker? Gott hat ihm doch ganz klar seinen Platz angewiesen, in der Ackerfurche, zwischen „Dornen und Disteln“, wo er „das Kraut auf dem Felde“ essen soll. Da steht immer noch nichts von Schnitzel und Steak. Krone der Schöpfung war vielleicht mal so angedacht, ist aber schief gegangen, hat sich nicht bewährt. Schöpfung untertan machen: das galt nur im Paradies, so lese ich das.

Was die Farmer (und sonstigen Geschäftemacher) in den Bible Belts dieser Welt, zwischen Kansas und Niederbayern wohl zu solch einer radikal fundamentalistischen Bibellektüre sagen? Der Status in der Ackerfurche ist ihnen ja an sich bekannt, tagtäglich mühen sie sich darin ab. Aber den Teil der Botschaft, den Lizenzentzug, hören sie und wir alle nicht so gerne. Der Anfang der Geschichte gefällt besser, Herren-Menschen und Untertan-Machen, gerne auch mit Roundup. Religiöses Rosinenpicken könnte man das nennen. Erst am Grabesrand wird auf „Erde zu Erde“ zurückgegriffen. Reine Willkür und Autosuggestion. Mit ernsthafter Religiosität nicht zu entschuldigen.

Noch ein kleiner Exkurs ins Neue Testament: Viele Jahre später kam dann Jesus und starb den Kreuzestod, als geschundener Mensch unter geschundenen, gekrümmten Menschen. Vor seiner Verhaftung war er nicht Burger essen, sondern nahm etwas Brot und Landwein zu sich, unter Freunden. Vielleicht war auch ein Schälchen Olivenöl dabei, wer weiß? Danach wurde er gefoltert und verstarb qualvoll (oder auch nicht?) Die Bibel sagt jedenfalls, dass er im Sterben durch ein Nadelöhr ging, durch das wir fettleibigen Grillgutfresser alle es niemals schaffen werden. Weshalb das Paradies uns auch weiterhin versperrt bleibt, im Diesseits sowieso und womöglich auch im Jenseits.

Ich muss gestehen: ich habe lange nicht mehr in der Bibel gelesen. Aber dieser fundamentalistische, unverstellte Zugang erfrischt meinen Geist. Endlich bin ich diese Rednecks und selbstzufriedenen Scheinheiligen los, sie haben fertig, argumentativ. Gut, dass Luther mir das übersetzt hat.

Porridge zum Frühstück ist jedenfalls weiterhin gesetzt. Ansonsten denke ich mir: Leute, lest die Bibel, wenigstens die ersten Seiten! Fügt euch endlich ein in den Rest der Schöpfung, nah am Boden, wie der Herr es euch angewiesen hat! Und esst Müsli (ohne Zucker). Und Äpfel. Vielleicht stimmt das den Herren gnädig. Vielleicht.


Bild: Paolo Veronese – Adamo ed Eva dopo la cacciata dal paradiso (Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies), ca. 1580, Wikipedia

Mantra #4

Meiner Ansicht nach sind jene Leben am schönsten, die sich ins allgemeine Menschenmaß fügen, auf wohlgeordnete Weise, ohne Sonderwünsche, ohne Wundersucht. (Michel de Montaigne)

Was für ein Langweiler? – Montaigne ist seit Jahrhunderten das probate Gegengift gegen die Hybris der Welt. Denn Hybris ist nichts Neues, bei weitem nicht. Und Wichtigtuer, aufgeblasene Egomanen auch nicht, gab es zu seiner Zeit mehr als genug. Montaigne ist Graswurzel, gehört zum Wurzelgeflecht. Die Bäume eines Waldes kommunizieren über die Wurzeln miteinander, unsichtbar, subcutan sozusagen. Auch wenn es oben stürmt. Verrichten ihre Arbeit, ziehen Kraft, stärken sich.

Klingt doch arg nach Wort zum Sonntag. Kultivierte Langeweile. – Ja und? Man ist ganz schön damit beschäftigt, eine kultiviert langweilige Lebenshaltung zu entwickeln und zu erhalten. Nicht zu verwechseln mit „gelangweilt“ übrigens. Das ist das Larvenstadium der Wundersucht.

Scharnigg nölt

Lynx liest seit Kindesbeinen Zeitung und kein Tag vergeht, wo er nicht eine in die Finger kriegen muss. Über die Jahre gab es da viel zu entdecken und ist auch so manche Ernüchterung eingetreten. Besonders traurig ist es, wenn er den Eindruck bekommt, dass das, was er da so wunderbar geschrieben liest, nur eine Attitüde ist. Wenn etwas dringlich und authentisch tut, aber doch nur billiges Futter für eine allzu leicht abzuspeisende Leserschaft ist.

Heute früh zieht auf Zeit-Online der Artikel von Max Scharnigg vor seinen Augen vorbei: Weiß und wunderbar, eine Hymne auf das Winterleben im tiefverschneiten Oberbayern (als es das noch gab), heimelige Geschichten vom Schlitteln und Skifahren zwischen dem Fünfseenland (wo man es sich leisten können muss zu leben) und den Münchner Hausbergen. So voller Schmelz und Klischees, dass es auch in der Apothekenrundschau stehen könnte.

Heute abend hat die Süddeutsche Zeitung online einen Artikel ihres Redakteurs Max Scharnigg veröffentlicht, eine Polemik, wie sie es nennt: Mia san mia? Nein, blöd san mia. Eine Schimpftirade auf das provinzielle München, auf dieses bekanntermaßen größte Dorf und ein Vergleich voll schmachtender Sehnsucht mit anderen, wirklich tollen Städten wie Berlin oder Rom – ??? Auch hier liest man eigentlich nichts Neues und es werden nur die alten Vorurteile bedient. Wem ist damit gedient, außer der beruflichen Auslastung von Herrn Scharnigg?

Und Lynx wird das Gefühl nicht los, dass die eine Geschichte viel mehr mit der anderen zu tun hat, als dem guten Herrn Scharnigg bewusst ist. Jedenfalls nölt er rum, dass die Münchner sich in jeder freien Minute aufmachen in Richtung Alpen und darunter die Urbanität der Stadt ganz wesentlich leidet. Und dann schnappt er sich den Schlitten und fährt raus, dahin, wo die Welt noch so schön in Ordnung ist. Wo die geodelten Wiesen unter einer gnädigen Schneedecke kurze Winterruhe halten. Lynx war gestern im Park spazieren. Da sind die Kinder leidenschaftlich Schlitten gefahren, grad schön war’s. 

Ach Max – kann es sein, dass du ein Teil des Problems bist? Geh‘ mal raus und schau dich um.

Longobardi

So unermesslich ungleich zeigt sich uns das nämliche Volk auf dem nämlichen Landstriche, wenn wir es in verschiedenen Zeiträumen anschauen. (Friedrich Schiller, 1789)

Thomas Steinfeld zitiert aus Schillers Ausführungen zur „Universalgeschichte“ anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung über die Langobarden in Pavia. Einwanderer des frühen Mittelalters in Oberitalien, die ursprünglich von der unteren Elbe kamen. – Kann man der Argumentation der „Identitären“ eleganter die Luft ablassen?

Für längere Diskussionen mit Rechten (ist so etwas überhaupt denkbar?) haben Per Leo, Max Steinbeis und Daniel Pascal Zorn den Leitfaden „Mit Rechten reden“ geschrieben (Klett-Cotta, Stuttgart 2017) und Axel Rühle hat dazu ein Gespräch mit den Autoren geführt. Neben den Handreichungen für’s kluge Arumentieren geht es ihnen auch darum, „den Zuschauern dieses permanente Kreisgehüpfe vorzuführen“, das rechte Wortführer vollführen. Schön beobachtet.

(SZ Nr. 236, 13.1.2017)

Breitenstein

Ein Lieblingsort, hart am Abgrund, aber mit sehr weitem Blick: der Breitenstein am Nordrand der Schwäbischen Alb. Im Dörfchen Ochsenwang nahebei war Eduard Mörike eine Zeit lang Pfarrverweser und hat hier einige seiner schönsten Gedichte geschrieben. Auch er hatte hier oben einen seiner Lieblingsplätze oder besuchte die benachbarte Burg Teck, der er eines seiner bekanntesten Gedichte gewidmet hat (Auf der Teck, 1830). Dort heißt es refrainartig:

Laß denn, o Herz, der Qual
Froh dich entbinden
Wirf sie ins tiefste Tal
Gib sie den Winden!

1830 war auch keine rundherum bequeme Zeit und auch er musste sich mitunter gehörig Luft verschaffen, heraus aus Bedrücktheit, Miefigkeit, Enge der Verhältnisse. Und die Weite in den Blick nehmen. Heute war dort oben schon etwas vom nahenden Winterende zu spüren, mildere Luft vom Atlantik her. Das blaue Band lässt der Frühling noch nicht flattern, aber bald, man ahnt es schon.

Wilderness Road

Historische Siedlung "Martin's Station" an der Wilderness Road bei Cumberland Gap
Historische Siedlung „Martin’s Station“ an der Wilderness Road bei Cumberland Gap/Virginia, (c) Lynxblox 8/2007

Der letzte Mohikaner von J.F. Cooper ist in einer neuen und erstmals vollständigen deutschen Übersetzung erschienen, 187 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1826. Über 650 Seiten. Was wird es da alles zu entdecken geben. Werden doch, so kurios es erscheint, die eigenen Wurzeln berührt. Der Eintritt in die Welt des Lesens war zugleich der Ausblick auf weite, unerforschte Landschaften. Ein hartgesottener und zugleich sensibler Kundschafter an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis war der treue Begleiter. Nathaniel Bumpoo sein Name, nur für schlichtere Gemüter war er einfach der „Lederstrumpf“.

Früh regte sich das Interesse, wer dahinter stecken könnte und ob es einen konkreten historischen Bezug gab. Als häufigstes Vorbild für die Romanfigur Coopers wird Daniel Boone genannt, zu dem es vielerlei Bezüge gibt, doch auch andere Figuren der Fronteer-Zeit sind eingeflossen. Daniel Boone, der Erschließer Kentuckys. der „Trailblazer“, der die „Wilderness Road“ schlug, den Pfad durch die Appalachen, durch die Kerbe der Berge bei Cumberland Gap. Die Lücke, die Öffnung für den Weg der Siedler nach Westen bis hin zum Missouri, Ende des 18. Jahrhunderts.

Kentucky wurde als ein Garten Eden wahrgenommen, eine landschaftsparkartige Gegend, hügelig, nicht zu dichter Wald im teils verkarsteten Gelände, äußerst wildreich. Thomas Steinfeld schreibt in seiner Buchbesprechung, dass die amerikanische Landschaft als „das gelobte Land, eine ganz und gar ursprüngliche, paradiesische Gegend, in der sich wahrhaft freie, an der Natur gebildete und daher weise Menschen bewegen.“(1) Und dass genau dieser überhöhte, mit sozusagen vermessenden Abstand genommene Blick auf die Landschaft ihre Inbesitznahme, Kultivierung, ja auch Zerstörung einleitet. Der Kundschafter Bumpoo/Boone lebt ein (idealisiertes) freies Leben an der Grenze zur Wildnis, zum Offenen, und leitet damit zugleich ihr Ende als Zone der Freiheit ein, in dem er den Weg ebnet für die Siedler, die Holzfäller, die Goldgräber, die Geschäftemacher, die ganzen Dumpfbacken, die sich nehmen, was sie nur kriegen können. (Wie verhält sich das heute mit unseren „Pionieren“ im Alpinismus beispielsweise?)

Bereist man heute die Wilderness Road, dann wird einem die im Rückblick rein funktionale Rolle der Kundschafter schnell klar: es ist immer noch eine eher abseitige, dünn besiedelte Gegend im „Dreiländereck“ von Virginia, Kentucky und Tennessee. Mittelgebirgslandschaft, weitab von den Metropolen diesseits und jenseits von Cumberland Gap. Die Leute sind durchgezogen, an der Wende zum 19. Jh. zu Zigtausenden. Haben den Mittleren Westen und dann den Westen erschlossen. Haben Omaha und Las Vegas gegründet.
Hier ist Appalachia, das Land von Bluegrass, Siedlerromantik und Daniel Boone, wo Amerika, wenn es das Bedürfnis hat, sich mental stärkt, bevor es wieder zum Tagesgeschäft übergeht – oder seinem verlorenen Traum nachtrauert.

Quelle:(1) Thomas Steinfeld. Die Vertreibung aus dem amerikanischen Paradies. SZ Nr. 58 v. 9./10.3.2013, S. 19

Mit Marc Aurel am Whirlpool

Kunstlederwhirlpool
Kunstlederwhirlpool: „dank seiner fortschrittlichen Technik Entspannung und Spaß auf Knopfdruck“, (c) Lynxblox 03/2013

In Berlin müssen sie schon wieder frieren, aber hier ist so ein voll kitschiger Vorfrühlingstag, es ist sonnig und mild, der warme Südwind weht. Der Tag, um den Nachmittag im Straßencafé zuzubringen, nur noch mit den Augen flanierend. Oder eine erste Fahrradrunde zum See zu drehen. In der noch winterfeuchten Wiese liegen und lesen.

Vor einer Weile habe ich mir so einen E-Book-Reader gekauft, ein schlichtes Teil ganz ohne Schnickschnack, Touchscreen und Wlan. Nur zum Lesen. Dafür passt, wenn man will, eine ganz Bibliothek der Weltliteratur drauf, auf ein Gerät mit der Fläche von eineinhalb Reclambändchen „Peer Gynt“ beispielsweise und auch nicht dicker. Und vor ein paar Tagen gab’s noch ein Solarladegerät dazu, halb so groß wie eine Zigarettenschachtel. Damit lässt sich der Reader beladen und der Hosentaschencomputer, mit dem man auch telefonieren kann. Jetzt kann ich also tagelang, wochenlang am See liegen und lesen, wie wär’s mit Marc Aurel, oder durch die Berge wandern und mich nicht mehr verlaufen. Schade nur dass das Solargerät noch keine Photosynthese betreiben und rasch ein paar Tomaten oder Trauben wachsen lassen kann, für den kleinen Hunger zwischendurch.

Lege beiseite, was dich zerstreut, die Bücher und alles, was hier zu nichts führt; des Fleischlichen achte gering wie einer, der bald sterben muß! (1)

Mein Chef schickt mich heute boshafterweise auf die Haus- und Gartenmesse. In stickigen Messehallen gibt es viel älteres Publikum, das sich mäßig für Solardächer und Pelletheizungen interessiert, dafür umso mehr für die Schaumetzgerküche mit angeschlossenem Wurstladen, wo es ganz echte Wurst zu kaufen gibt wie nirgendwo sonst. Außerdem gibt es Infrarotsaunakabinen, Aluminiumgartengitterzäune, Natursteinmülltonnenhäuser, Balkongeländergrills und viele weitere echt brauchbare Sachen. Ganz am Ende der Verwertungskette steht der Komposter aus Recyclingkunststoff. „Mit Marc Aurel am Whirlpool“ weiterlesen